Münchner Grant vs. Berliner Schnauze

Lange habe ich in München gelebt, vor einer Ewigkeit, in den 70er Jahren. Der „Grant“ der dortigen Bevölkerung hat mich damals begleitet, womöglich verfolgt.  Eben halt so wie jeder, der dort an der Isar wohnte oder wohnt, sich mit diesem Phänomen auseinander setzen muss. Der Münchner Grant hat etwas von „noli me tangere“: Komm mir nicht zu nahe.  DerErden Last drückt mich schon genug, als dass jetzt noch von mir erwartet werden könnte, freundlich zu sein. Der Grant ist ein künstlich aufgebauter und sorgsam gepflegter Paravent, hinter dem man seine „königlich bayerische Rua“ pflegt.

Aber was ist die Berliner Schnauze, mit der man hier angeraunzt wird? Sie dient auch der Abwehr gegen den, der droht, zu nahe zu kommen. Allerdings kommt das nicht defensiv daher wie der Grant. Der Berliner raunzt den Unbekannten durchaus aktiv an, er wirkt belehrend. „Wie kannst du es wagen, mich für meschugge zu halten?“  Niemand hat das angenommen, aber der Eindruck kommt zurück, als sei das eigene Auftreten, die eigene Existenz eine permanente Offensive gegen das Selbst(wert)gefühl des homo berlinensis. Es scheint, als ob diese Spezies Mensch ständig mit der Zurückweisung konkreter oder abstrakter An- oder Eingriffe beschäftigt sei.  Quasi als „coda“ wird abschliessend drangehängt: „Selbst meschugge!“

Det ham wa nich

Seit einem knappen Jahr leben wor nun in Berlin. Jeweils die erste Woche im Monat verbringe ich in der Kanzlei in Palma, aber erster Wohnsitz ist jetzt Berlin, genauer Pankow.  Als wir am 14. Oktober 2014 hier ankamen, haben wir zuerst im Café Nord in der Schulstrasse etwas zu Mittag gegessen. Auf der Terrasse sass Henry Hübchen, er war der erste Berliner, den ich nach unserer Ankunft traf. Ich dankte ihm, dass er für uns das Empfangskommitee machte. Er fragte, woher wir denn kämen? Aus Mallorca. „Na det hätt ich nich jemacht!“ Schöne Bescherung!

Ein paar Tage später hatte ich einen Notartermin in der Innenstadt und ging mit Schlips und Kragen zur S-Bahn. Mit mir fuhr einige Stationen lang  eine Kita Gruppe. Einses der Mädchen zeigte mit dem Polkfinger auf mich und kreischte: „Kiek ma, der dicke Mann jeht uff ne Hochzeit!“

Nächstes Erlebnis war beim Metzger. Ich wollte zwei Ossobucos kaufen. „Ham wa nich.“ Ich zeigte nun mit meinem Polkfinger auf das gewünschte Stück Fleisch: „Aber da liegt es doch“. „Na, det is ne Beinscheibe!“ Berliner haben etwas Belehrendes. Sie sind fähig, zu erklären, das sei eine Schrippe, wenn man eine Semmel beim Bäcker kaufen will.

Am meisten aber hat mich erstaunt, dass es hier in Deutschland Sachen und Dienstleistungen „auf Rechnung“ gibt. In Spanien wäre das vollkommen undenkbar. Hier ist es normal.