Der Stoß gegen die Sporenräder

Mein Großvater diente, wie das damals hieß, bei den Fürstenwalder Ulanen. Immer wieder berichtete er von seinen Erlebnissen, auch von seinen zwei Vermahnungen.

Sein Vater hatte nicht das Geld, um das teure Offiziersleben zu finanzieren, aber da er Pferde züchtete, überließ er dem Sohn immer wieder einen Jährling, den dieser zu Heereszwecken abrichtete. In der Allgemeinen Herreszeitung inserierte er sodann, um das Pferd zu verkaufen. Einmal ritt ihn der Teufel. Sein Verkaufsangebot lautete wie folgt: „Verkaufe vollständig ausgebildetes Pferd, besonders geeignet für Infanterieoffiziere. Leitet kleinere Felddienstübungen selbstständig.“

Ein Sturm der Entrüstung brach los, zumal bei Infanteristen bekannt war, wie verächtlich man bei der Kavallerie über sie dachte. Die Wut und die Beschwerden gingen bis ins Kriegsministerium in Berlin und von dort ging die Ordre nach Fürstenwalde, man solle den Übeltäter streng bestrafen. Es kam wohl nicht zu einer ernsthaften Bestrafung, denn der Standortkommandant, selbst von der reitenden Truppe, hatte sich königlich amüsiert.

Ein anderes Mal, so erzählte er seinen Enkeln, entging er nur haarscharf einem Duell.

Ein Offizierskamerad, nennen wir ihn Oberleutnant von B., stand im Geruch dem Kommandeur schön zu tun. Eines Morgens kam mein Großvater ins Offizierscasino und machte ein leidendes Gesicht. Was denn los sei, wurde er gefragt. Er antwortet, er habe entsetzlich schlecht geschlafen, ein quälender Albtraum sei schuld gewesen . Er tat so, als wolle er nicht weiter davon erzählen, was die Neugierde der Anwesenden nur weiter anstachelte. Schließlich berichtete er, er habe geträumt, dem Kommandeur in den Hintern gekrochen zu sein. Er quälte sich immer tiefer hinein, als er plötzlich einen stechenden Schmerz am Kopf verspürte. Er tastete nach oben, gegen was war er gestoßen? Gegen die Sporenräder des Oberleutnants von B.

Das wurde diesem natürlich hinterbracht der wutschnaubend darauf bestand, seine Ehre durch ein Duell auf Pistolen wieder herzustellen. Es bedurfte der Überredungskunst des gesamten Casinos, den einen von seiner Forderung abzubringen und den anderen dazu zu bewegen, sich zu entschuldigen.

Die dritte Episode betraf den Großvater zwar nicht selber, führte aber in höhere Sphären, nämlich zum Kaiser persönlich. Dieser besuchte die Fürstenwalder Ulanen anlässlich eines Manövers und als man abends im Offizierscasino beisammensaß, wandte W zwo sich an einen der Offiziere, von dem ihm gemeldet worden war, er höre auf den Spitznamen „der schöne Willy“: Saren Se ma, Herr von Jagow, warum nennt man Se eijentlich den schönen Willy?“

Er antworte wie aus der Pistole geschossen: „Zur Unterscheidung von Seiner Majestät.“

Der Monarch soll nur wenig amüsiert reagiert haben und der schöne Willy bekam für einige Tage Ausgangsverbot

Wasser meiden!

Zu meinem Glück gibt es eine Wanduhr im Hallenbad, das ich durch matrimonielle Zwänge, die darzulegen, zu weit führen würde, wöchentlich besuche. Wenn ich es recht bedenke, ist das gar kein Glück, denn die Zeiger gehen ums Verrecken nicht voran. Ich strecke das Bein, versuche den Ellenbogen aufs Knie zu drücken, ohne Wasser in die Nase zu bekommen, ich befolge die Anweisungen der Trainerin,dabei meide ich die linke hintere Ecke, denn dort lagern allerlei Kunststoffutensilien, die mit der Zeit zu stinken begonnen haben.Ich meide aber auch die rechte vordere Ecke, denn dort prustet eine streng blickende Dame, die mir Angst einjagt, wenn ich mir vorstelle, ich hätte sie 1985 in Pankow getroffen. Eigentlich sollte ich auch die übrigen Ecken und die Mitte des Beckens meiden, aber damit wären wir wieder bei den matrimoniellen Zwängen.

Neulich hat mir die Trainerin zugerufen, ich solle, wie alle anderen auch, ein fröhliches Gesicht bei den Übungen machen. Als ich antwortete, die anderen seien ja auch freiwillig da, kam das nicht soo gut an.

Ich schielte auf die Uhr, und stellte fest, dass noch nicht einmal die Hälfte der 45 Minuten rum war. Also jetzt unter Wasser dribbeln und die Arme im Rhythmus schwenken. Welcher Rhythmus?

Dann mussten wir auf einem Bein stehen und das Bein seitlich ausfahren, wobei wir einatmen sollten, wenn das Bein aufstieg und ausatmen, wenn es wieder zu Boden ging, oder umgekehrt.

Danach waren es immer noch 20 Minuten. Die Trainerin begann zu schwitzen und ich versuchte, nicht daran zu denken, dass meine Mitgymnasten womöglich im Wasser schwitzen.

Die letzten 15 Minuten trainierten wir Herz und Kreislauf. Das ging so, dass wir das Bein streckten, versuchten den Ellenbogen aufs Knie zu drücken, unter Wasser dribbelten und auf einem Bein standen. Ich fragte mich gerade, was wir eigentlich zuvor trainiert hatten, als die Trainerin die erlösenden Worte fand: „Leider ist unsere Zeit um!“

Das Glücksgefühl, es geschafft zu haben, war nur von kurzer Dauer, denn da wurde ich daran erinnert, gleich den Termin für den nächsten Montag festzumachen. Wir landeten auf der Warteliste, immerhin ein Schimmer der Hoffnung.

Und dann kam Hilfe von unerwarteter Seite: Seit Jahren habe ich Probleme mit der Haut an den Händen. Neulich riet mir die Kassiererin bei REWE, ich solle allen medizinischen Rat in den Wind schießen und gegenüber bei Rossmann Paste mit Salz aus dem Toten Meer kaufen. Es half nichts. Dann war ich vierzehn Tage lang auf Mallorca und verbrachte täglich 40 Minuten im Meer. Half auch nicht wirklich.

Nun hatte ich heute einen Termin bei meiner Hautärztin. Es ging in erster Linie darum, festzustellen, ob das Meerwasser geholfen hätte.

Ich gehe gern zu dieser Hautärztin, weil sie einen ähnlichen Humor hat wie ich. Deshalb war ich mir nicht ganz sicher, ob sie mich veralbern wollte. Sie schlug nämlich vor, den Kontakt zu Süßwasser auf ein Minimum zu beschränken.

Ich hakte nach, und sie wurde deutlicher: Kein Abwasch, Blumen gießen, bitte nicht, und besonders kein Bad im Wandlitz-, Ober, Templin- oder Liepnitzsee.

Ich geh da sowieso nicht gern rein, und dann erinnerte ich mich, dass das Hallenbad ja auch eine Art See ist. Diesen solle ich ganz besonders meiden, denn jetzt hätten die Benutzer immer irgendwelche Chemikalien auf der Haut und das sei gar nicht gut für die Meinige.

Camus meinte, man müsse sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen, was ich immer schwer nachzuvollziehen fand.

Mich kann ich mir allerdings seit heute als glücklichen Menschen vorstellen.

Zur Beruhigung von Freunden, Familie und anderen bemühe ich zum Schluss noch eine weitere Geistesgröße des vergangenen Jahrhunderts: Helmut Qualtinger, der beteuert hat, eine Waschmuschl habe er schon. Ich auch.

Der Putzteufel

Ich werde keine Namen nennen. Solches zu tun, würde mein Wohlbefinden, mein ruhiges Leben, ja, meine Sicherheit gefährden.

Aber es gibt ihn, den Putzteufel. Er ist wie alle Teufel unsicht- aber merkbar. Er überfällt Menschen ohn Ansehn der Person, wiewohl, das will ich schon zugeben, meist sind es solche weiblichen Geschlechts.

Ich kannte eine Dame, die beileibe keine Langschläferin war. Um sieben Uhr stand sie auf, trank ein Glas Apfelsaft für die ungetrübte Verdauung und hörte sich im Radio die neuesten Meldungen an.

Es gab aber Tage, da stand sie schon um sechs Uhr in der Früh auf. Das war immer dann, wenn sie die ihr von den Kindern oktroyierte Putzhilfe erwartete. Sie putzte vor, denn, so argumentierte sie, einen solchen Saustall könne man einer Putzfrau nicht zumuten. Von Saustall konnte keine Rede sein, sie war stets auf`s Penibelste darauf bedacht, ihren Haushalt picobello zu halten. Ihre Kinder berichteten hinter vorgehaltener Hand, das Vorputzen sei ein stiller Protest gegen ihre Brut, um diesen unterdessen erwachsen gewordenen Blagen zu beweisen, dass sie gar keine Putzhilfe brauche.

Das Beispiel zeigt, dass der Putzteufel nicht delegierbar ist. Wer von ihm befallen wird, kann sich einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand auf dieser weiten Welt die eigenen Vorstellungen von Sauberkeit und insbesondere die Wege dorthin so in die Tat umsetzen kann, wie die Befallene selbst.

Allerdings, und das sage ich nur, weil ich über Dritte davon erfahren habe, gibt es eine Ausnahme:

Es soll Damen geben, die von ihrem Ehemann verlangen, ihre Vorstellungen von Sauberkeit und den Weg dorthin in die Tat umzusetzen, obwohl sie davon überzeugt sind, dass er das nicht schafft, nicht schaffen kann.

Ich bin davon nicht betroffen, aber es soll Arbeitskreise geben, bei denen unter Anleitung einer Diplom Psychologin, Männern beigebracht wird, das ständige Gefühl des Versagens zu sublimieren. Ziel ist es nicht das Unmögliche zu erreichen, der Leser ahnt, was ich meine… Nein Ziel ist es, unter den genannten Umständen, das Leben dieser erbärmlichen homunculi erträglich gestalten. Am Ende kommen sie von selbst auf die Idee, für die Ehefrau regelmäßig einen Blumenstrauß nach Hause zu bringen. Nicht umsonst werden die Diplom Psychologinnen vom Bundesverband „Pro Flora“ bezahlt.

Ich kann nur wieder betonen und wiederholen (um Missverständnissen vorzubeugen), dass ich von dem, was ich hier niederschreibe nicht betroffen bin. Ich sehe mich daher als objektiven Beobachter.

Wie ich feststellen durfte, hat der Putzvorgang etwas Sakrales. In der Messe wird den Gläubigen „misterium fidei“ zugerufen. Ähnlich ist es mit dem Putzen: Das Geheimnis der Sauberkeit. Es ist, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Frage nach der Notwendigkeit, nicht zu verstehen. Es bleibt ein Geheimnis, an das man glauben muss.

Wenn man es so weit gebracht hat, dann erkennt man die Anmut des Putzens. Wischen, kehren, Staub wedeln, Chemikalien versprühen ist in erfrischender Weise sinnfrei, es folgt seinen eigenen Gesetzlichkeiten, die allerdings an einem Ort verwahrt werden, von dem Richard Wagner getondichtet hätte, er sei unnahbar unsren Schritten, wobei er mit „uns“ die Männer gemeint hätte.

Schondorf, mehr braucht man nicht!

Böse Zunge behaupten immer wieder, das Netzwerk ehemaliger Schüler aus elitär verschrienen Internaten hielten das ganze Leben lang.

Ich will hier ein Geheimnis verraten: diese bösen Zungen haben Recht.

Mir ist das bisher zwei Mal passiert und das kam so:

Meine Nichte Johannetta, die auch in Schondorf war, hatte eine Freundin, Marie Therese, die sie einmal übers Wochenende mit nach Hause nach Abensberg nahm.

Deren Vater, Altlandheimer, fragte Johannetta nach ihren Onkels aus und danach bekam ich einen Anruf von Anton Schmid. Ich erinnerte mich seiner als Beleuchtungswart auf der Bühne. Ich war Frosch und musste bei der Aufführung von Carls Orffs „Comoedia de Christi Resurrectione“ als Engel „Silete, silete, silentium habete“ singen. All das ausgeleuchtet von der Expertise des Beleuchtungswartes Anton, vor dem ich allein schon deshalb einen Heidenrespekt hatte, weil er in der zehnten Klasse war und ich in sechsten. Dass er mich in der Kanzlei in Palma anrief, war sozusagen ein später Ritterschlag. Er sei Vorsitzender eines international tätigen Anwaltsnetzwerkes und ob ich da nicht mitmachen wolle. Na klar, sagte ich und wurde zur Mitgliederversammlung nach Stuttgart eingeladen, wo man mich und unsere Kanzlei ohne Weiteres aufnahm. Später stellte ich fest, dass eigentlich ein ziemlich kompliziertes Aufnahmeverfahren üblich war, wobei es in erster Linie auf die Prüfung der Kompetenz ankam.

Das war bei mir nicht nötig, klar, denn ich ja Schondorfer.

Ich habe die Mitgliedschaft bei DIRO sehr genossen, die Versammlungen fanden in den wichtigsten Städten Europas statt, wohin ich steuerbegünstigt reiste. Darüber hinaus bekam ich ein Nebenmandat in der Flow Tex Pleite, das mir die Verwaltung einer Riesenvilla auf Ibiza während sieben Jahren bescherte.

Ich fand, damit wären eigentlich alle Ohrfeigen vom Froschwart, Schocks wegen unverdient eingefangener 6er sowie Liebeskümmernisse abgegolten.

Dann aber hängte ich die Anwaltstoga an den Nagel und begann prompt, mich zu langweilen. Noch dazu begann die Pandemie und ich dachte, jetzt sei es an der Zeit, ein Buch zu schreiben. Irgendwie wurde das zähflüssig und ich fragte nach einer Literaturagentur, die mir helfen könnte. Bescheiden, ja unterwürfig, schrieb ich an die Agentur Kolf und bat um Unterstützung. Die e-mail war noch nicht richtig raus, da bekam ich eine Antwort: „Hans, stell Dich doch nicht so an, ich war doch mit Deiner Schwester in Schondorf auf der Bude.“ Das genügte! Das genügte sogar, obwohl Lianne ziemlich bald von der Schule geflogen war. Das Übliche: Sie war beim Rauchen oder Knutschen erwischt worden, beides war in der Augen der Bäh, der Frau vom Boss, gleichwertig toxisch.

Ob ich schreiben kann, wurde überhaupt nicht geprüft, ich war ja Schondorfer. Als ich nach einigen Monaten das Manuskript abgab, meinte Lianne: „Wir haben nicht gedacht, dass Du so gut schreiben kannst.“ Ein durchaus zweischneidiges Kompliment.

Unterdessen ist aus dem einen Buch eine Trilogie geworden. Der erste Band wird im Februar erscheinen. Vielleicht mach ich eine Lesung im Vortragssaal. Mal sehn.

Russisch Brot

Mit Erwachsenen ins Kino zu gehen, hatte durchaus seine Tücken. Meinem Vater gelang es, uns auch jeden Western zu vermiesen, indem er immer wieder sagte, länger als 20 Minuten hielte so einen wilden Galopp kein Gaul aus.

John Wayne auf einem hechelnden Klepper? Da war doch der Duft von Freiheit und Abenteuer so was von raus!

Ein andermal sah ich im Hain Kino in Bamberg mit meiner Mutter Zeffirellis Romeo und Julia Verfilmung. Ich war tief bewegt und von der Schönheit der Sprache beeindruckt. Mutter aber machte sich Sorgen, weil in der Schlussszene Julia wirklich nicht sehr viel anhatte. Ich war damals knappe 20 Jahre alt und wurde von einer Stimme aus dem Grübeln über das Liebespaar aus Verona geweckt: „Jetzt musst du aber wirklich nicht über das nächstbeste Mädchen herfallen.“

Später lernte ich, dass es die Mütter sind, die ihre Söhne zu „Machos“ erziehen.

Mit einer Tante sah ich in Würzburg den allseits beweinten Film „Love Story“. Weder der fiese Vater von Ryan O’Neill noch der tragische Tod der anbetungswürdigen Ali Mac Graw beeindruckten sie. Mitten in die Liebesszene der beiden Protagonisten hinein ließ sie nur für alle hörbar ihre Worte tropfen: „Der hätte vorher auch mal seine Bude aufräumen können.“

In solchen Momenten ist man dankbar, dass es im Kino dunkel ist.

Mein Vater war der festen Überzeugung, dass man sich ohne eine Tüte „Russisch Brot“ aus dem Hause Bahlsen keinen Film absehen könne.

Er war damals schon alt und krachtaub, als er in der Zeitung las, im Luli in Bamberg liefe ein ganz besonders guter Film: „Club der toten Dichter“.

Ein Lehrer begeistert da seine Schüler für Poesie, Literatur und Theater, was einer der Väter für Firlefanz hält und seinen Sohn, der beim Club der toten Dichter mitmacht, in den Freitod treibt.

Ein mitreißender, faszinierender Film, bei dem man zuhören muss und zum Ende hin, als die Katastrophe erkennbar wird, still wird und das blanke Entsetzen Platz greift.

Nun ist es nach meinem Kenntnisstand so, dass die Firma Bahlsen „Russisch Brot“ nicht für den Kintopp konzipiert hat. Wenn man das Gebäck aus der Tüte holt, kraschpelt es laut, darüber hinaus kann man „Russisch Brot“ einfach nicht leise essen.

Das störte schon genug, dann aber wollte Vater wissen, warum der Kerl auf dem Tisch steht. Schwerhörige können bekanntlich nicht leise reden

„Der deklamiert“, flüsterte ich. „Was hast du gesagt? Ich verstehe kein Wort.“ Von vorne machte es pschhhh!

Vater verstand immer weniger und kompensierte dies durch häufigeren Griff in die Bahlsen-Tüte.

Derweil wurde die Handlung immer dramatischer, erste Teenager mussten schluchzend hinausgeführt werden.

Vater fragte unbeirrt weiter, futterte unberirrt weiter aus der nicht leer werdenden Tüte.

Als der Film zu Ende war, das Licht im Saal anging, trafen uns dutzende tränenverhangene Blicke. Ich trieb zur Eile an, weil ich fürchtete, die Tränen der Betroffenheit könnten sich zu Tränen der Wut wandeln.

Auf der Heimfahrt erklärten wir den Film und Vater sagte, das sei jetzt wirklich mal ein guter Film gewesen.

Das Recht auf die eigene Menstruation.

Wer erinnert sich noch? Es war die Zeit, in der es begann, dass man eigentlich über alles reden konnte. Nur Eines war tabu: Frauen führten eine geheimnisvolle Tabelle, in die sie ihren männlichen Freunden, Kommilitonen, Kollegen und Bekannten keinen Einblick gewährten. Es wurde nicht darüber gesprochen, aber es wurde fleißig darauf herumgekritzelt.

Es handelte sich um den Perioden Kalender. Ihn zu führen war Voraussetzung dafür, um nach der Knaus-Ogino Methode verhüten zu können. Wenn ich mich recht erinnere, war das die einzige Form der Empfängnisverhütung, die Pillen Paule in seiner Enzyklika „Humanae vitae“ gerade noch durchgehen ließ. Knaus-Ogino war bekannt für seine legendäre Unzuverlässigkeit.

Ich erinnere mich an eine Karikatur, die heute natürlich längst als politisch unkorrekt geächtet wäre, dort sah man eine Sau, an deren unzähligen Zitzen je ein Ferkel saugte. In der Sprechblase stand: „Ich habe verhütet, mit Knaus-Ogino.“

Heute führt niemand mehr ein Menstruations-Tagebuch, das übernimmt längst schon eine kluge App. Dass damit einhergeht, dass persönliche Daten aus dem Umfeld der Nachkastl-Schublade in die weite Welt verabschiedet werden, nahm man hin, einfach deshalb, weil Frauen mit Recht davon ausgehen konnten, dass die Buchhaltung über den eigenen Monatszyklus nicht nur niemand etwas angingen, sondern auch niemanden interessierten.

Seit letzter Woche ist das nun anders: Das oberste Gericht der USA hat das Recht auf Abtreibung abgeschafft. Seither löschen hunderttausende von US-Bürgerinnen ihre Perioden Kalender Apps.

Denn plötzlich könnten diese Apps zu Beweismitteln werden, die Frauen, aber nicht nur die, ins Gefängnis bringen.

Wie das? Man reibt sich verwundert die Augen. Die Sache ist ebenso einfach wie perfide.

Diese Apps halten den Zeitpunkt gehabter Perioden fest. Sie halten aber auch den Zeitpunkt ausbleibender Perioden fest. Und von dann ist die Sache ganz einfach: Eine ausbleibende Periode führt zu einer Geburt. Bleibt die aus, geht der Staatsanwalt von einer gehabten Abtreibung aus. Die Beweislast, dass dem nicht so war, liegt bei der Frau. Und da alles miteinander vernetzt ist, kann man feststellen, ob die Frau ein Taxi bestellt hat, das sie zur Praxis eines Gynäkologen gebracht hat, ob eine Apotheke einschlägige Mittel verkauft hat, wer am betreffenden Tag in der Arztpraxis Dienst hatte und Vieles mehr.

Das Urteil des Supreme Court nimmt somit alle Frauen in Geiselhaft, alle Frauen, bei denen eine Periode ausgeblieben ist, sind per se erstmal verdächtig eine Straftat begangen zu haben. Es sei denn, sie kann beweisen, dass dem nicht so ist. Wie kann man das?

Es ist nicht nur das Abtreibungsverbot selbst, das einen massiven Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Frau darstellt, nein, mit einem Handstreich werden alle Frauen im gebärfähigen Alter kriminalisiert.

Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie erinnert mich das ans Mittelalter. Damals gelang es auch schon, Frauen zu kriminalisieren. Der Vorwurf lautete, Sex mit dem Teufel gehabt zu haben. Das war absurd, führte aber dennoch schnurstracks auf den Scheiterhaufen.

Es fällt mir schwer, zu glauben, die von Männern beherrschte Welt, suche noch heutigentags nach instrumentalisierten Methoden der Unterdrückung der Frau. Das Urteil der Richterinnen und Richter aus Washington hat mich eines Besseren belehrt.

Allerdings, und das finde ich besonders erschreckend: Wir müssen nicht über den Atlantik schauen. Unser Nachbarland im Osten – Polen – praktiziert die beschriebene Kriminalisierung der Frau schon seit Langem.

Phönix aus der Asche

Wenn du durchfällst, darfst du im Sommer nicht zum Austausch nach England.

Natürlich flog ich mit Pauken und Trompeten durch. Da sagte mein Vater. „Zur Strafe musst du jetzt nach England, weil du auch wegen Englisch nicht versetzt worden bist.“ Man schrieb das Jahr 1966.

Diese Reise steht mir auch noch nach so vielen Jahren sehr deutlich vor Augen, denn es schien ein Ausflug in ein anderes Jahrhundert zu sein. Es gab da zwar auch Autos, aber die waren uralt, an Häusern und Fabriken schien seit Jahrzehnten nichts mehr gemacht worden zu sein und dann gewinnen diese Kerle auch noch die Fußball-WM.

Die allgemeine Rückständigkeit im Vergleich zu meiner Heimat stach ins Auge. Schließlich fragte ich unseren Gastgeber, woran das denn läge und der antwortete etwas kryptisch: „If you are in war, it is convenient to fight on Amerca`s side, but later you are better off as the defeated.“

Ich habe nicht gleich verstanden, was er damit sagen wollte. Es war nichts anderes als das Phönix aus der Asche Axiom: Wenn alles darnieder liegt, ist ein Neuanfang leichter als ein Neustart mit repariertem Alten.

Nach dem Krieg war in Deutschland fast alles zerstört. Die damalige Bundesrepublik hat aus dem Marshall Plan enorm profitiert, England hat mit dem weitergemacht, was nicht zerstört worden war.

So wenig man irgendeinem Land eine solche Situation wünschen kann und will, weder als Sieger noch als Besiegter, so sehr erinnert mich das alles an die derzeitige Situation in der Ukraine:

Mit unsäglicher Brutalität und Phantasielosigkeit zerstört Russland seinen „Bruderstaat“. Ganze Industrieregionen liegen in Trümmern, halbe Städte ebenso. Gleichzeitig blutet der Unhold, der Aggressor langsam wirtschaftlich aus. Wenn es – hoffentlich bald – zu einem Waffenstillstand kommen wird, werden sich insbesondere die bisher nichtsahnenden Russen die Augen reiben, weil ihnen das Geld und die internationale Unterstützung fehlen werden, das Land weiterzuentwickeln.

Nach Elmau aber wissen wir, dass die G7 Staaten „whatever it takes“ unternehmen werden, damit die Ukraine den Krieg nicht verliert und danach wieder auf die Füße kommt. Letzteres wird natürlich auf dem Stand der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung geschehen. Das wird dann etwa mit der Situation vergleichbar sein, die ich 1966 erlebt habe.

Bei allem Entsetzen über das, was in der Ukraine passiert, stimmt mich diese Aussicht zuversichtlich.

Vielleicht sollten wir zum Ausgleich die Russen die Fußball WM gewinnen lassen.

Bitte nicht triumphieren.

Neulich las ich, jedes Kind sei das genuine Werk Gottes. Das ist sachlich falsch, weil Leben durch die Vereinigung von weiblichem Ei mit männlichem Samen entsteht. Andererseits ist diese Feststellung religiös übergriffig, denn sie bedeutet ja, dass auch ein indisches Kind das Werk unseres christlichen Gottes ist, es sei denn man will den Gottesbegriff relativieren, indem alle Gottheiten ein und dasselbe sind, nur anders heißen.

Alle Menschen leben in einer irgendwie gearteten staatlichen Gemeinschaft. Wenn man das Glück hat, in einer Demokratie zu leben, dann ist diese nicht dazu berufen, religiöse Inhalte zu transportieren. Vielmehr muss sie Regeln aufstellen, mit der Menschen der unterschiedlichsten Überzeugungen zusammenleben können.

Wer das auch so sieht, der wird einsehen müssen, dass gestern ein schwarzer Tag für Demokraten war: Das oberste US-Gericht hat das fast 50 Jahre alte liberale Abtreibungsrecht im Land kassiert.

Konservative Christen freuen sich darüber. Das sei ihnen gegönnt.

Kein mit Empathie gesegneter Mensch findet, dass eine Abtreibung ein erstrebenswertes Ziel sei. Eine schwangere Frau zur Abtreibung zu zwingen, ist ein abscheuliches Verbrechen. Wenn der Staat allerdings eine schwangere Frau daran hindert, sich für einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden, dann wird er seiner Pflicht zur allgemeinen Fürsorge nicht gerecht.

Der demokratische Rechtsstaat muss für seine Bürger Instrumentarien bereithalten, die es ihm ermöglichen, sein Recht auf Selbstbestimmung zu verwirklichen.

Halt, wird da so mancher rufen, das Recht auf Selbstbestimmung hört beim Fötus auf. Das ist aber nur dann richtig, wenn man aus religiöser Überzeugung heraus argumentiert. Wenn Solches zur Maxime der Auslegung der Grundrechte würde, ließe man solche Menschen außen vor, die nicht religiös sind. Darf man das?

Ja, denn das ungeborene Leben muss geschützt werden, das geht allem anderen vor. Okay, dann leben wir aber nicht mehr in einer Demokratie, sondern in einem Gottesstaat.

Ein demokratischer Rechtsstaat ist per definitionem areligiös. Er muss Wege und Gesetze finden, die es Menschen aller Überzeugungen ermöglichen, friedlich und selbstbestimmt unter seinem Dach zusammenzuleben.

Die Menschenrechte definieren sich ohne Gottesbezug. Der demokratische Rechtsstaat muss deshalb Möglichkeiten der Lebensgestaltung gewährleisten, die eventuell den religiösen Überzeugungen einiger seiner Bürger zuwiderlaufen können. Krasses Beispiel: Man kann Bluttransfusionen nicht verbieten, nur weil Zeugen Jehovas das für Sünde halten.

Ich kann verstehen, wenn viele Christen den gestrigen Richterspruch mit Freude und Genugtuung aufgenommen haben.

Es wäre allerdings gut, deshalb nicht zu triumphieren, denn unser Gemeinwesen, in dem Christen ja auch leben, hat gestern erheblichen Schaden genommen.

Der Supreme Court hat sich als Popanz des amerikanischen Populismus geoutet, denn am Tag bevor er Abtreibung verbot, hat er entschieden, dass das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit ein Grundrecht sei.

Fazit: Auf Lebende darf man schießen, ein ungeborenes Leben aber nicht abtreiben. In den USA ist es gefährlicher geboren als ungeboren zu sein.

Das Dorf als autarke Einheit

Wenn früher jemand „die Greng“ hatte, dann lief er in die nächste Stadt zum Doggder.

Wenn es etwas Schwerwiegenderes war, dann handelte es sich um die „Freggn“, dann kam der Doggder nein Haus nei, es sei denn, die Sache war aussichtslos.

Von meinem Heimatort Rentweinsdorf war die nächste Stadt, Ebern, vier Kilometer entfernt. Dorthin lief man und auf dem Heimweg machte man einen kleinen Abstecher in die Abbodegn, so man en Röhrla mit Dableedn bekam. Weil die Lauferei langweilig war, kam so Mancher auf die Idee, die Dableedn nach und nach aufzuessen. Zu Hause angekommen, war er dann genesen.

Für anderes musste man das Dorf nicht verlassen. Es gab zwei Bäcker, zwei Metzger, vier Tante-Emma-Läden, zwei Brauereien, zwei Schmiede, drei Wirtschaften und einen Schreiner. Es gab auch zwei Haarschneider. Wir gingen zum Kaims Walter. Dort traf sich die Fußball Prominenz des Ortes. Auf dem Rasiertisch befand sich eine Schachtel, auf der stand „Hygiene und Sicherheit“.

Andere Buben gingen zum Barbier im Unterdorf. Die erkannte man daran, dass sie eine frühe Version von Volahieku hatten: Vorne blieb ein Liebreiz stehen alles andere wurde auf Millimeterlänge abrasiert. Das hielt dann etwa drei Monate.

Der Barbier (wer erinnert sich noch an seinen Namen?) machte auch Hausbesuche. Den gebrauchten Rasierschaum nahm er nachher mit und schmiss ihn bei denen, die er nicht mochte, in den Hausflur.

Der Barbier rasierte auch meinen Großvater. Er kam dazu regelmäßig ins Haus. Wir hatten etwas Angst vor ihm, weil wirklich aussah, als sei er aus der Welt gefallen.  Auch am 11. Mai 1959 rasierte er unseren Großvater. Als er mit der rechten Seite fertig war, merkte er, dass der alte Herr unter seiner Klinge verstorben war und ging nach Hause. Gutes Zureden half, er kam dann noch einmal und beendete sein Werk. Für uns Kinder kam der Trauerfall äußerst ungelegen, denn es war gerade Kirchweih. Wir durften die Losbuden und die Karussells zwar sehen, aber wir durften die Dorfstraße nicht überqueren, um am Trubel teil zu haben.

Zu einem der Bäcker wurden am Freitag die „Blootz“ hinausgetragen, riesige runde Hefekuchen, die dort in den Ofen geschoben wurden. Die Frauen trugen auf jeder Hüfte einen davon und hielten sie außen mit den Händen fest. Wir machten uns einen Spaß daraus, hinterher zu laufen und riefen: „Geh zu, batsch amol nei die Händ.“

Am Dienstag und Freitag kam der Pfarrer in die Schule und erteilte Religionsunterricht. Am Dienstag schimpfte er, dass wieder mehr Leute zum Fußballplatz als in seine Kirche gegangen wären, und am Freitag drohte er mit Höllenstrafen für diejenigen, die wieder den Kirchgang versäumen würden.

Vor den Höllenqualen hatten wir keine Angst, denn wir mussten jeden Sonntag in die Kirche, wo wir uns quälend langweilten. Später gab es Kindergottesdienst, den unsere Mutter leitete: Das hatte den Nachteil, dass wir aufpassen und uns benehmen mussten.

Richtig toll war es, wenn Kartoffeln für die Schweinemast gedämpft wurden, dann gab es für uns Kinder Aardöpfl mit Dibbdibb, Pellkartoffeln mit Salz.

Und wenn Kerwa war, und grad mal kein Verwandter gestorben war, war das auch schön.