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Russisch Brot

Mit Erwachsenen ins Kino zu gehen, hatte durchaus seine Tücken. Meinem Vater gelang es, uns auch jeden Western zu vermiesen, indem er immer wieder sagte, länger als 20 Minuten hielte so einen wilden Galopp kein Gaul aus.

John Wayne auf einem hechelnden Klepper? Da war doch der Duft von Freiheit und Abenteuer so was von raus!

Ein andermal sah ich im Hain Kino in Bamberg mit meiner Mutter Zeffirellis Romeo und Julia Verfilmung. Ich war tief bewegt und von der Schönheit der Sprache beeindruckt. Mutter aber machte sich Sorgen, weil in der Schlussszene Julia wirklich nicht sehr viel anhatte. Ich war damals knappe 20 Jahre alt und wurde von einer Stimme aus dem Grübeln über das Liebespaar aus Verona geweckt: „Jetzt musst du aber wirklich nicht über das nächstbeste Mädchen herfallen.“

Später lernte ich, dass es die Mütter sind, die ihre Söhne zu „Machos“ erziehen.

Mit einer Tante sah ich in Würzburg den allseits beweinten Film „Love Story“. Weder der fiese Vater von Ryan O’Neill noch der tragische Tod der anbetungswürdigen Ali Mac Graw beeindruckten sie. Mitten in die Liebesszene der beiden Protagonisten hinein ließ sie nur für alle hörbar ihre Worte tropfen: „Der hätte vorher auch mal seine Bude aufräumen können.“

In solchen Momenten ist man dankbar, dass es im Kino dunkel ist.

Mein Vater war der festen Überzeugung, dass man sich ohne eine Tüte „Russisch Brot“ aus dem Hause Bahlsen keinen Film absehen könne.

Er war damals schon alt und krachtaub, als er in der Zeitung las, im Luli in Bamberg liefe ein ganz besonders guter Film: „Club der toten Dichter“.

Ein Lehrer begeistert da seine Schüler für Poesie, Literatur und Theater, was einer der Väter für Firlefanz hält und seinen Sohn, der beim Club der toten Dichter mitmacht, in den Freitod treibt.

Ein mitreißender, faszinierender Film, bei dem man zuhören muss und zum Ende hin, als die Katastrophe erkennbar wird, still wird und das blanke Entsetzen Platz greift.

Nun ist es nach meinem Kenntnisstand so, dass die Firma Bahlsen „Russisch Brot“ nicht für den Kintopp konzipiert hat. Wenn man das Gebäck aus der Tüte holt, kraschpelt es laut, darüber hinaus kann man „Russisch Brot“ einfach nicht leise essen.

Das störte schon genug, dann aber wollte Vater wissen, warum der Kerl auf dem Tisch steht. Schwerhörige können bekanntlich nicht leise reden

„Der deklamiert“, flüsterte ich. „Was hast du gesagt? Ich verstehe kein Wort.“ Von vorne machte es pschhhh!

Vater verstand immer weniger und kompensierte dies durch häufigeren Griff in die Bahlsen-Tüte.

Derweil wurde die Handlung immer dramatischer, erste Teenager mussten schluchzend hinausgeführt werden.

Vater fragte unbeirrt weiter, futterte unberirrt weiter aus der nicht leer werdenden Tüte.

Als der Film zu Ende war, das Licht im Saal anging, trafen uns dutzende tränenverhangene Blicke. Ich trieb zur Eile an, weil ich fürchtete, die Tränen der Betroffenheit könnten sich zu Tränen der Wut wandeln.

Auf der Heimfahrt erklärten wir den Film und Vater sagte, das sei jetzt wirklich mal ein guter Film gewesen.

Das Dorf als autarke Einheit

Wenn früher jemand „die Greng“ hatte, dann lief er in die nächste Stadt zum Doggder.

Wenn es etwas Schwerwiegenderes war, dann handelte es sich um die „Freggn“, dann kam der Doggder nein Haus nei, es sei denn, die Sache war aussichtslos.

Von meinem Heimatort Rentweinsdorf war die nächste Stadt, Ebern, vier Kilometer entfernt. Dorthin lief man und auf dem Heimweg machte man einen kleinen Abstecher in die Abbodegn, so man en Röhrla mit Dableedn bekam. Weil die Lauferei langweilig war, kam so Mancher auf die Idee, die Dableedn nach und nach aufzuessen. Zu Hause angekommen, war er dann genesen.

Für anderes musste man das Dorf nicht verlassen. Es gab zwei Bäcker, zwei Metzger, vier Tante-Emma-Läden, zwei Brauereien, zwei Schmiede, drei Wirtschaften und einen Schreiner. Es gab auch zwei Haarschneider. Wir gingen zum Kaims Walter. Dort traf sich die Fußball Prominenz des Ortes. Auf dem Rasiertisch befand sich eine Schachtel, auf der stand „Hygiene und Sicherheit“.

Andere Buben gingen zum Barbier im Unterdorf. Die erkannte man daran, dass sie eine frühe Version von Volahieku hatten: Vorne blieb ein Liebreiz stehen alles andere wurde auf Millimeterlänge abrasiert. Das hielt dann etwa drei Monate.

Der Barbier (wer erinnert sich noch an seinen Namen?) machte auch Hausbesuche. Den gebrauchten Rasierschaum nahm er nachher mit und schmiss ihn bei denen, die er nicht mochte, in den Hausflur.

Der Barbier rasierte auch meinen Großvater. Er kam dazu regelmäßig ins Haus. Wir hatten etwas Angst vor ihm, weil wirklich aussah, als sei er aus der Welt gefallen.  Auch am 11. Mai 1959 rasierte er unseren Großvater. Als er mit der rechten Seite fertig war, merkte er, dass der alte Herr unter seiner Klinge verstorben war und ging nach Hause. Gutes Zureden half, er kam dann noch einmal und beendete sein Werk. Für uns Kinder kam der Trauerfall äußerst ungelegen, denn es war gerade Kirchweih. Wir durften die Losbuden und die Karussells zwar sehen, aber wir durften die Dorfstraße nicht überqueren, um am Trubel teil zu haben.

Zu einem der Bäcker wurden am Freitag die „Blootz“ hinausgetragen, riesige runde Hefekuchen, die dort in den Ofen geschoben wurden. Die Frauen trugen auf jeder Hüfte einen davon und hielten sie außen mit den Händen fest. Wir machten uns einen Spaß daraus, hinterher zu laufen und riefen: „Geh zu, batsch amol nei die Händ.“

Am Dienstag und Freitag kam der Pfarrer in die Schule und erteilte Religionsunterricht. Am Dienstag schimpfte er, dass wieder mehr Leute zum Fußballplatz als in seine Kirche gegangen wären, und am Freitag drohte er mit Höllenstrafen für diejenigen, die wieder den Kirchgang versäumen würden.

Vor den Höllenqualen hatten wir keine Angst, denn wir mussten jeden Sonntag in die Kirche, wo wir uns quälend langweilten. Später gab es Kindergottesdienst, den unsere Mutter leitete: Das hatte den Nachteil, dass wir aufpassen und uns benehmen mussten.

Richtig toll war es, wenn Kartoffeln für die Schweinemast gedämpft wurden, dann gab es für uns Kinder Aardöpfl mit Dibbdibb, Pellkartoffeln mit Salz.

Und wenn Kerwa war, und grad mal kein Verwandter gestorben war, war das auch schön.

Frömmigkeit einstellen!

Im Kloster Schöntal gibt es ein Hochrelief von Papst Alexander III. Als Kind habe ich die wunderschöne Kirche in Begleitung meiner Mutter besichtigt. Sie drohte dem steinernen Kirchenmann mit der Faust.

Er sei eine Sau, so ihre Begründung. Es stellte sich dann heraus, dass sie sich geirrt hatte, sie meinte Alexander VI, den Borgia Papst. Der sei nämlich wirklich eine Sau gewesen. Er habe sogar Kinder gezeugt, man stelle sich das vor!

Wenn sie gewusst hätte, was sie diesem Papst verdankt, hätte sie sich womöglich etwas zurückgehalten.

Jede Familie hat einen Genealogen. Bei uns nimmt diese Stelle mein Vetter Friedrich ein.

Er hat einen Kilian von Thüngen aufgetan, der 1508 als Domprobst in Eichstätt gestorben ist.

Zuvor hatte er es in Würzburg zum Dekan des adeligen Säkularkanonikerstifts Sankt Burkhart gebracht.

Es gäbe über ihn nichts Wesentliches zu berichten, hätte er sich nicht auf seine alten Tage nach Rom begeben, wo Alexander VI auf der Sedia Gestartoria saß und unerschrocken Macht- und Familienpolitik betrieb.

Unser Kilian suchte in der ewigen Stadt die Nähe zum Papst, dessen Sohn Cesare und besonders zur Tochter Lucrezia. Wohlmeinende sagen ihm ein Techtelmechtel mit der Papsttochter nach. Boshafte Zeitgenossen, zu denen ich mich zähle, streiten dies vehement ab. Kilian hatte – wie alle Thüngens – eine Vollglatze und blitzte deshalb bei der schönen Lucrezia ab.

Lassen wir dies dahingestellt sein, wichtiger war, dass er offenbar mit dem Papst heftig und erfolgreich herumgemauschelt hat.

Aus Dankbarkeit für seine Dienste, und weil ihn der arme Mann wegen der lucrezischen Niederlage dauerte, fragte er bei der Verabschiedung, ob der Herr denn einen Wunsch habe. Spontan bat der kahle Kilian um Haarwuchs. Das konnte der Papst zwar versprechen, aber nicht garantieren. Da viel unserem k.K. der Ablass ein. Vergebung der Sünden. Ja, das wünsche er sich. Der Papst war erleichtert, denn einen Ablassbrief auszustellen, war schon damals eher billig. Drum setzte Alexander VI noch einen drauf und erteilte einen Ablassbrief für Kilian und alle Nachkommen der Familie Thüngen.

Diese Nachricht erreicht mich sowie meine Vettern und Cousinen im hohen Alter! Jetzt haben wir ein ganzes Leben lang fromm und insbesondere tugendhaft gelebt, nur um zu erfahren, dass das alles für die Katz gewesen ist. Wir hätten auf Deibel komm raus sündigen können, alles wäre am Indulgenzbrief abgeprallt.

Nun gilt es, mit sofortiger Wirkung die Frömmigkeit einzustellen und zu versuchen, in den wenigen Jahren, die uns noch verbleiben, all das nachzuholen, was wir aus Angst vor dem Höllenfeuer verabsäumt haben.

Mir fallen da ungezählte Möglichkeiten ein. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, dass ich für fast alles zu alt bin.

Der Badeofen platzt (April April)

Das Badezimmer unseres Großvaters in Thüngen hatte zwei Türen, eine zur Küche, die andere zu seinem Schlafzimmer. Das führte dazu, dass zumindest akustisch seine Badefeste in aller Öffentlichkeit stattfanden. Wir hörten immer gebannt zu, wie er plantschte, prustete und sich mit Wasser überschüttete, denn unweigerlich kam irgendwann eine Schimpfkanonade. Groga, so nannten wir unseren Großvater, badete lange und da wurde das heiße Wasser langsam lauwarm und wenn er neues Badewasser zulaufen lassen wollte, dann war das eben auch lauwarm. Der holzbefeuerte Badeofen gab einfach nicht mehr her. Es handelte sich um ein älteres Modell, aus Friedenszeiten, sagte man damals noch. Auf einem kleinen Feuerloch stand ein etwa 60 cm dicker und vielleicht 1,80 m hoher Tank. Das Badewasser darin heiß zu machen, bedurfte genauer Vorplanung, zumal dann, wenn Groga im Winter auf die Jagd ging und verfroren nach Hause kam. Dann erwartete er, dass das Badewasser bereits heiß war. Die Misere war halt nur, dass es nie ausreichte.

Ein Fachmann wurde herbeigezogen, der dazu riet, in den Wassertank von oben eine Art Tauchsieder einzuführen, der unabhängig vom Holzfeuer für Nachschub an aufgeheiztem Wasser sorgen würde.

Der Erfolg war mäßig, und zu den Schimpfkanonaden kamen nun auch noch Verwünschungen des unfähigen Klempners hinzu. Wir haben gelauscht und es genossen!

Der Fortschritt lässt sich bekanntlich nicht aufhalten und er kam in den 60er Jahren nach Thüngen in Form der Ölheizung. Alle Öfen wurden umgerüstet und statt des behaglichen Knistern in den Zimmern liefen nun die Ölöfen voll, rußten, und wenn es ganz kalt wurde funktionierten sie nicht mehr.

Auch der Badezimmerofen wurde auf Öl umgerüstet. Dazu wurde der Tank ganz vorsichtig hochgehoben, der Holzofen herausgezogen und ganz vorsichtig durch einen Ölbrenner ersetzt. Es musste nun stets darauf geachtet werden, dass um Himmels Willen beim Aufheizen dem Tauchsieder oben nichts passierte.

Nun stand in Grogas Badestube ein Ausbund von Modernität, Effizienz und Fortschrittlichkeit: Ein Badeofen, der mit Öl und Strom beheizt werden konnte und zwar gleichzeitig. Bis vor wenigen Jahren hatte es elektrische Badeöfen so gut wie nicht gegeben und mit Öl beheizte schon mal gar nicht.

Zu unserem größten Bedauern hörten nun die Schimpfereien auf, Groga hatte genügend heißes Wasser, aber, ebenso wie der Rest der Familie, misstraute er dem Artefakt. Eine fromme Tante bemühte sogar die Bibel und warnte mit erhobenem Zeigefinger davor, neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Bevor der Ofen angestellt wurde, mahnte Groga stets, man müsse darauf achten, dass der Ofen nicht platze. Allen war klar, dass dieses Unglück früher oder später werde eintreten müssen.

Und dann nahte der erste April. Mein Vetter Schorsch und ich grübelten schon Tage vorher, wie wir wen aus der Großfamilie in den April schicken könnten.

„Dem Groga sagen wir, dass der Badeofen geplatzt ist“, schlug Schorsch vor. Ich hielt das für eine blöde Idee, weil er nie und nimmer darauf reinfallen würde.

Es nahte das Frühstück am 1. April. Wie immer gab es zu Kügelchen gerollte Butter zu den köstlichen Thüngener Wecken und wie immer las der Groga die Main Post. „Das ist eigentlich sehr ungehörig“ sagte meine Mutter, „aber seit er Witwer ist, kann ihm das keiner mehr verbieten“.

Schorsch hatte sich unauffällig davongemacht. Plötzlich riss er die Tür auf und brüllte in die morgendliche Idylle. “Der Badeofen ist geplatzt!“. Groga schmiss die Zeitung hin und schimpfte wie in alten Tagen, Dunnerkeil, er habe es ja schon immer gewusst, der Heizungsmann sei ein verantwortungsloser Depp. Er stürmte ins Badezimmer, wo der Ofen in alter energetischer Fragwürdigkeit zwar, aber unversehrt stand.

Groga sann auf Rache und freute sich riesig als wir uns umdrehten, nachdem er behauptet hatte, er habe im Rückspiegel einen Elefanten gesehen.

Im Jahr darauf schlug Schorsch den geplatzten Badeofen erneut als Aprilscherz vor. Und siehe da, es funktionierte wieder!

Verrat in der Metzgerei

Meine Mutter fand, ohne dass ich das je richtig verstanden hätte, ich sei zu dick. Wenn ich bei ihr zu Besuch war, achtete sie streng darauf, dass ich nur ein Brötchen zum Frühstück aß.

Ich nahm das mit der mir eigenen Frustrationstoleranz hin, wusste ich doch, dass Rettung in der nahen ehemaligen Kreisstadt Ebern bei der Hand war. Ich nahm das Auto und fuhr hin.

Dort besuchte ich zunächst in der Filiale der Sparkasse Ostunterfranken meine Schulkameradin. Sie verwaltete schon lang nicht mehr mein Geld, dennoch bekam ich jährlich den Sparkassenkalender. Dann schaute ich gegenüber bei Uhren Riess ins Schaufenster. Dort hatte mein Großvater am 28.9.1905 seine Silberne Taschenuhr der Firma A. Lange & Söhne gekauft. Für sage und schreibe 258 Mark. Damals hieß der Laden noch Karl Zeiß. Ich habe die Uhr von ihm geerbt.

Solange er noch den Milchladen betrieb, trank ich bei Herrn Wiltschka einen Becher Buttermilch. Sein Sohn war lange Jahre Richter in Haßfurt und schrieb mitunter literaturverdächtige Urteile.

Den kleinen Rundgang über den Eberner Markt machte ich nur, um die Vorfreude auf den Höhepunkt des Spaziergangs zu verlängern: Ich besuchte die Metzgerei Zürl, wo man mich als exotischen Kunden bereits kannte:

So, der Herr Baron aus Spanien is wieder amol do. –  Ja, und ich nämm wieder des Gleiche wie des letzte Mol. – A Läberkäsbrödla mit a weng merra Läberkäs drauf, hald wie immer.

Ich war „wie immer“ gerührt, denn wenn ich da dreimal im Jahr vorbeischaute, war es viel.

Oft traf ich auf dem Markt Tante Freda aus Eyrichshof. Mit der Zeit wurde ich Weltmeister in der Kunst, in der linken Hand ein Leberkäsbrötchen zu halten, um mit der Rechten ihre Hand zum Handkuss zu heben, ohne dabei lächerlich auszusehen.

Während ich das köstliche Leberkäsbrötchen in der Sonne verspeiste, dachte ich daran, dass ich dem Zürl`s Hans, dem Besitzer der Metzgerei, eigentlich Abbitte tun müsste. Heute ist das Schwimmbad in Ebern eine tolle Sache. Als wir noch klein waren, bestand das Bad aus einem Betonbecken, in das oben die Baunach hineingeleitet wurde, und unten wieder raus. Es war eine undurchsichtige Brühe. Die Jugend Eberns und die umliegender Dörfer traf sich dort dennoch. Wir zogen oft den Zürl’s Hans auf, weil er als richtiger Metzgerssohn damals schon das hatte, was ich erst später entwickelte: eine Wampe. Wir nannten ihn Wambo, was ihn ärgerte. Das freute uns. Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich daran denke. Alle auf einen, und sei es „nur“ verbal, das geht überhaupt nicht.

Irgendwie wurde meine Missetat aber gerächt, denn wenn später am Vormittag meine Mutter beim Zürl etwas fürs Mittagessen einkaufte, sagte die Verkäuferin:

„Der Sohn aus Spanien hat sei Läberkäsbrödla fei schon abg’holt.

Dann bekam ich mittags nur Salat.

Ein Pfundsweib.

Es war nicht lange nach dem Krieg. Vom Vater hatte man keine Nachricht und nahm an, dass er in Russland geblieben war.

Die Mutter kümmerte sich um die Landwirtschaft, sieben Tagwerk Wiesen am Bach und drei Äcker, die abwechselnd mit Gerste, Kartoffeln und Weizen bebaut wurden, alles zusammen vielleicht fünfundzwanzig Tagwerk.

Bärbel, die Tochter musste sich schon früh um die Gastwirtschaft kümmern. An Werktagen gab es eine Brotzeit zum Bier an Sonntagen kochte sie immer Kalbsnierenbraten mit Wirsing und Klöß.

Bärbel war gschaffig und nicht aufs Maul gefallen, beides unerlässliche Voraussetzungen, zumal für eine Frau, will man erfolgreich eine Dorfwirtschaft führen.

Das Bier hatte sie vom Rotenhan, und deshalb war es für unsren Großvater eine Pflicht, ab und zu im Nachbarort, der allerdings zur Kirchgemeinde Rentweinsdorf gehörte, vorbeizuschauen. Dort machte er eine kleine Zeche und hörte sich Bärbels Klagen über die Unverschämtheiten der Bierkutscher oder gar über die schwankende Qualität der Göcherles Brüh an. Unser Großvater hatte bei den Fürstenwalder Ulanen gedient und nach dem ersten Weltkrieg Forst studiert. Vom Bier verstand er gar nichts, wohl aber vom weiblichen Geschlecht.

Immer wieder betonte er, die Bärbel sei ein Pfundsweib, damals nannte man das noch so, sie habe nur einen einzigen Gewährsfehler:

„Sie kann’s ohne Mann ums Verrecken im Bett nicht aushalten.“

Das sprach sich in der Gegend herum und das schadete weder Bärbels Beliebtheit noch dem Bierausschank von Rotenhan Bräu in ihrer Wirtschaft.

Es kam, wie es kommen musste: Bärbel stellte fest, in gesegneten Umständen zu sein. Sie vertraute sich unserer Mutter an. Damals wurden in der Kirche nach der Taufe weder die „Bangerdn“ noch deren Mütter gesegnet. Vor dieser Schmach bangte es Bärbel. Unsere Mutter versprach ihr, sich für sie beim Pfarrer einzusetzen und war diskret genug, nicht nach dem Kindsvater zu fragen.
Der Ortspfarrer entrüstete sich pflichtgemäß, als er von dem zu erwartenden unehelichen Kind erfuhr und weigerte er sich, nach der Taufe Mutter und Kind den kirchlichen Segen zu erteilen. Das Argument unserer Mutter, gerade ein uneheliches Kind und dessen Mutter bedürften Gottes reichen Segens, stieß auf taube Ohren. Erst als sie damit drohte, künftige eigene Kinder nicht mehr von diesem Pfarrer taufen zu lassen, brachte dies Hochwürden zur Vernunft. Er versprach die Segnungshandlung durchzuführen.

Dann kam der Tag der Niederkunft und unsere Mutter machte einen Besuch im Kreiskrankenhaus. Dort saß am Bett der jungen Mutter ein kohlpechrabenshwarzer GI in Uniform und unterhielt sich mit Bärbel in gebrochenem Deutsch. Ein Blick ins Körbchen genügte, um den Soldaten als Kindsvater auszumachen.

Der verabschiedete sich bald mit den Worten: „Börbel, ig wunsche Ihnen all the best.“

Unsere Mutter stutzte und fragte Bärbel, weshalb sie sich mit dem Vater ihres Kindes nicht duze. Die verblüffende Antwort:

„Naa, so indiem senn mir fei nuch ned.“

Waldkrimi

Der „Freischütz“ ist besonders in den Alpenländern von einer gewissen Aura umgeben. Mut, Draufgängertum, Jungfernaugen leuchten, nur dem Torero auf der iberischen Halbinsel vergleichbar.

Heute haftet ihm etwas Miserables an, besonders nachdem bekannt wurde, dass der Polizistenmord bei Kusel begangen wurde, um Wilderei zu verdecken.

Als viele Menschen in den Nachkriegsjahren noch wirklich arm waren, gab es überall dort, in den bewaldeten Gegenden des Landes, auch Wilddiebe. Blutflecken im Laub brachten den Jagdberechtigten regelmäßig in Rage. Da Bussarde und Habichte ebenso verhasst waren wie Wilderer, keimte in mir bald der Verdacht hoch, es könne sich bei dieser Rage um eine Nebenform des Jagdneides handeln.

Dem Förster in Rentweinsorf, der Beggn Mardin, behagten diese Kerle natürlich auch nicht, aber er kommentierte deren Tun mit einer unnachahmlichen fränkischen Seelenruhe:

„Ich werd denna Fregger auf unnera Reh rum helf schieß.“

Das war nicht nur eine sprachliche Perle, das war auch eine durchaus ernst gemeinte Drohung. Sie war halt nur in Watte verpackt.

Die Wilderei war unserem Vater wahrscheinlich herzlich egal. Er betrachtete Rehe in erster Linie als Forstschädlinge und befürwortete deren Dezimierung uneingeschränkt. Er wies uns nur immer wieder auf die Gefahr der Wilderei für Dritte hin, weil halt so einer draufschießt „wo’s wackelt“.

Etwas ganz anderes, viel Schlimmeres, war der Forstfrevel. Dahinter versteckte sich das unerlaubte Abholzen zur Brennholzbeschaffung. Der Forstfrevler verstand aber sein Handwerk nur unzureichend. „Die können nicht einmal die Axt anständig gebrauchen“, schimpfte Vater, wenn im Wald zerfledderte Stümpfe meist dünner Bäume aus dem Boden ragten. Posthum wurden sie natürlich als Zukunftsbäume hochstilisiert.

Eine besondere Sparte des Waldfrevels war der ach so beliebte Weihnachtsbaumlklau. Es gab Familienväter, die behaupteten, der echte Christfestfriede könne sich nur unter einer geklauten Tanne entwickeln. Forstleute gingen deshalb in der Adventszeit mit gespitzten Ohren durch ihren Wald. Wenn irgendwo das Schlagen einer Axt herübertönte, dann versuchte man den Dieb zu stellen, was meistens nicht gelang, zumal Weihnachtsbäume Nächtens gestohlen werden.

Einer meiner Onkel hatte Glück. Er überraschte ein städtisch gewandetes Ehepaar beim Klau. Er behauptete später, es sei mindesten ein Zahnarzt gewesen, sie im Pelzmantel er à la Sherlock Holmes. Er wies sich als Eigentümer des Waldes aus und erklärte sich bereit, den Diebstahl nicht anzuzeigen, allerdings unter einer Bedingung: Er werde sich jetzt auf seinen Jagdstock setzen, um ihnen zuzuhören, wie sie „O Tannenbaum“ sängen. Die Herrschaften zierten sich zunächst. Der Onkel wies erneut auf die Polizei hin. Nun begannen der Gesang, der Waldbesitzer bestand auf drei Versen. Danach bedeutete er ihnen, nun könnten sie der Weihnachtsbaum mitnehmen.

Als die beiden den Baum in ihren weiß lackierten Mercedes Coupé laden wollten, wurden sie daran gehindert, schließlich gehöre der Baum immer noch ihm, sagte der Herr der Forsten, packte den Baum in sein Auto und stellte ihn in sein Wohnzimmer.

Acht Schwestern.

Mein Großvater in Thüngen war mit acht älteren Schwestern gesegnet, die ihm in der Masse aber auch als Einzelpersonen ganz haarig auf die Nerven gingen.

Er hatte es aber auch schwer, weil sie ihn im hohen Alter noch so behandelten, als sei er der kleine Bub, der er 70 Jahre vorher gewesen war.

Es war schier unmöglich, ihnen irgendetwas recht zu machen, was womöglich auch daran lag, dass Großvater sich für Landwirtschaft und Jagd interessierte und sonst für wenig anderes.

Wenn man sich die Berufe der Ehemänner ansieht, wird deutlich, wie weit die Lebensabläufe der Geschwister auseinanderdrifteten. Der eine war Kunstprofessor, der andere Prälat, der nächste Hotmarschall am Coburger Hof, dann kam eine Schwester, die zunächst einen Offizier und dann einen Prinzen heiratete, Tante Hatschwig hieß eigentlich Hedwig, da sie aber einen schlecht verheilten Beinbruch mit sich rumschleppte, hatschte sie. Immerhin war ihr Mann Landwirt. Tante Ruth war Diakonisse, deren jüngere Schwester war mit dem Direktor des CVJM verheiratet und die Jüngste brachte noch einen Pfarrer in die Familie.

Großvater schien irgendwie religiös überfüttert und lehnte das dauernde Gerede über Frömmigkeiten von Grund aus ab. Als einmal bei Mokka nach dem Mittagessen über Simonie gesprochen wurde, für mit der Materie nicht so Vertraute, das ist der Kauf kirchlicher Ämter und Pfründen, verbat er sich, beim Käffchen über solche Sauereien zu reden.

Vor Weihnachten fragte er reihum, was sich die Schwestern denn wünschten. Einen Mantel, sagte eine von ihnen.

Später beschwerte sie sich, dass er braun wäre, da doch ihr Schwiegersohn gerade im Sterben liege.

Der Höhepunkt war immer dann erreicht, wenn das Telefon klingelte, und eine der Schwestern mit brechender Stimme hauchte: „Wennste mich noch emal sehn willst, mach schnell.“

Sofort setzte sich der liebende Bruder ins Auto und fuhr zum jeweiligen Wohnort der Sterbenden, wo er sie mit rosa Bäckchen auf dem Sofa vorfand. Es gab irgend etwas zu besprechen, was der Schwester wichtig war, von dem sie aber wusste, dass es dem Bruder im besten Sinne wurscht war. Ohne die Berufung auf ihr nahes Ende, das wussten sie alle, würde er niemals gekommen sein.

Als unsere Großmutter früh und plötzlich verstarb, kamen alle Schwestern nach Thüngen und betrauerten die Schwägerin ehrlich.

Nach der Trauerfeier versammelte die Frau Prälat ihre Schwestern um sich. Sie hatte das Sagen, weil, wie man sagte, ihr Zeigefinger länger war als ihr Mittelfinger, was dem, was sie wagte deutlich mehr Gewicht verlieh.

Sie sah ihren Schwestern streng in die Augen und erließ dann folgenden Befehl:

„Jetzt wird fei nicht gleich weitergestorben! Und wenn, Anna, der Reihe nach.“

Das tat die dann auch,

Von Peter, einer Mehlkiste und Schlagsahne

Aller Anfang einer Ehe ist schwer, besonders dann, wenn man das Jahr 1948 schreibt.

Für meine Eltern wurde im Rentweinsdorfer Schloss ein Eckchen gefunden. Immerhin: Wohnküche, Schlafzimmer, Klo mit Waschbecken und Abstellkammer. Im Haus wohnten darüber hinaus Mutters Schwiegervater und dessen Schwägerin, die sich mit nur wenig kaschierter Abneigung gegenüberstanden. Dann gab es noch ein paar geflüchtete Tanten, aber das Gros des Hauses war belegt mit sogenannten „displaced people“. Niemand konnte englisch, deshalb hießen diese Bewohner pauschal Wolhynien-Deutsche. Das waren Menschen, die durch die Wirrungen des Krieges sich irgendwo wiederfanden, wo sie nicht bleiben wollten, aber auch solche, die trotz allem Wollen nicht nach Hause konnten, weil sie dort als Hochverräter verfolgt worden wären, schließlich hatten sie ja „freiwillig“ Zwangsarbeit für die Nazis geleistet. Die sanitären Verhältnisse waren unbeschreiblich. Nachtöpfe wurden aus dem Fenster entleert, besonders gern dann, wenn Mutter versuchte, auf den Rabatten Rosen zu pflanzen.

Unsere Eltern führten zunächst eine Ehe zu Dritt mit Peter. Er war schrecklich eifersüchtig auf die neue Gefährtin seines Herrn. Der hatte im Krieg einen Bauchschuss abbekommen. Peter, er hatte schwarzes weiches Fell, legte sich des nachts auf oder an Wunde, was sich wohltuend ausgewirkt haben soll. Damit war nun Schluss. Seinen Unwillen über den Rauswurf zeigte Peter damit, dass er unter das Plumeau aber auf die Seite unserer Mutter kackte. So etwas ist weder lustig noch ehefördernd, zumal in einem beheizbaren Schlafzimmer im Winter.

Es fehlte an allem. Mutter besaß viele Talente, das der schmackhaften Zubereitung von Mahlzeiten gehörte nicht dazu. Kochtöpfe hatte sie keine, sie musste in leeren Konservendosen kochen. Eines Tages kam unser Vater glückstrahlend nach Hause, schwer ächzend unter einer großen Last: Er hatte irgendwo einen Sack Mehl ergattert.

Das führte dazu, dass Mutter die Speisekammer nicht mehr betreten konnte, denn der Sack, auf dem Fußboden stehend, lockte tatsächlich oder in der Phantasie der Hausfrau Mäuse an, vor denen sie panische Angst hatte.

Das erste gemeinsame Weihnachten kam näher. Ihr wurde etwas Wunderbares zum Fest versprochen. Eines Abends sah sie die Silhouette ihres Mannes und die eines seiner Neffen über den Schlosshof huschen. Was sie trugen, war in der Dunkelheit nur als Sarg zu erkennen. Am Heiligen Abend wurde das Ding mit einer roten Schleife versehen hereingetragen. Es war eine extra angefertigte Mehlkiste, die das Mäuseproblem bannen sollte. Das gelang tatsächlich, dennoch war Mutter enttäuscht und vergoss bitterliche Zähren. Ein wunderbares Weihnachtsgeschenk assoziiert man ja auch nicht ohne Weiteres mit einer Mehlkiste.

Irgendwann, es war Herbst geworden, meldete sich ein amerikanischer Offizier zum Tee an. Es ging wohl um Manöverschäden, die die US Armee im Rentweinsdorfer Wald hinterlassen hatte. Vorsichtshalber wurde die Köchin des Schwiegervaters mit der Herstellung eines Zwetschgenbloods beauftragt und im Kuhstall wurde mehr oder weniger unter der Hand Rahm besorgt.

Die jungen Eheleute freuten sich auf einen Nachmittagstee „wie früher“ und erwarteten, wie Vater sich ausdrückte den Ami mit triefenden Feftzen auf der Altane. Man hat dort einen wunderbaren Blick über den Park bis zur Baunach, hinter der eine Dampflock endlose Loren voller Basalt von Voccawind nach Breitengüßbach schleppte. Ein friedvolles Bild, das der Offizier, kaum hatte er sich hingesetzt, dadurch störte, dass er das Kuchenmesser nahm und damit die kunstvoll auf dem Zwetschgenkuchen drapierte Schlagsahne auf seinen Teller lud. Die konsternierten Blicke seiner Gastgeber kommentierte er mit den geflügelten Worten: „I like the cream!“

Wer nic ht heiratet…

Meine Mutter schwärmte immer davon, der schönste Jahrmarkt auf der Welt sei Kiliani in Würzburg, das Fest zu Ehren des Heiligen Kilian, der uns Unterfranken mores gelehrt hat. Kilian war ein irischer Mönch, der am Main tätig war und dafür sorgte, dass das damals heidnische winzern zu dem göttlichen Tun wurde, das es bis heute geblieben ist. Drum feiern ihn die Würzburger mit einem zweiwöchigen Rummel im Juli.

Mutter berichtete von Kettenkarussells, Schieß- und Wurfbuden, Zuckerwatte und einem Losverkäufer. Der hatte einen einprägsamen Spruch drauf, mit dem er die Leute zum Kauf eines Loses animierte:

„Wer wagt gewinnt

Wer nicht heiratet kriegt kein Ehestandsdarlehn.“

Also, mir leuchtete das sehr ein und mir war klar, dass das Erste nach vollzogener Hochzeitsnacht dereinst die Beantragung eines Ehestandsdarlehens sein würde.

Es kam dann etwas anders, denn als wir heirateten, hatten wir bereits eine Tochter und lebten auf Ibiza. In Spanien gab es damals weder Anreize fürs Heiraten noch fürs Kinderkriegen, materielle Anreize, wohlverstanden. Man vertraute, auf was? Man vertraute.

Bei unserem ersten Besuch in Deutschland als Ehepaar ging ich sofort zur Filiale der Sparkasse Ostunterfranken in Ebern, legte das Familienbuch vor und beantragte ein Ehestandsdarlehn, das mir auch anstandslos in Höhe von 5.000 DM gewährt wurde. Laufzeit fünf Jahre, Zinssatz lächerlich. Nun erst fühlte ich mich wirklich verheiratet, ich hatte gewagt, gewonnen und ein Ehestandsdarlehen bekommen!

Wie gewagt das ganze Unternehmen war, stellte sich heraus, als die jährliche Rate von 1.000 Mark plus Zinsen fällig wurde.

Damals war es leicht, vom Ausland Geld nach Spanien zu schicken, umgekehrt war es fast ein Ding der Unmöglichkeit. Hinzu kam, dass der spanische Finanzminister eigentlich nur einmal um Jahr tätig werden musste, das war vor Beginn der Saison. Dann wurde die Pesete immer um 20% abgewertet, damit die Touristen auch ja nicht ausblieben.

Ich verdiente damals wenig, dafür aber in Peseten. 1.000 Mark locker zu machen, war schon schwer genug, nur es war halt jährlich 1.000 Mark plus 20%. Schrecklich! Hinzu kamen Finanzmanöver an der Schwelle zur Strafbarkeit, um den Zaster überhaupt nach Ebern bringen zu können.

Als ich mir nach fünf Jahren den Schaden besah, hatte ich ohne Zinsen etwa den Gegenwert von 8.000 Mark in Peseten abbezahlt.

Ich war noch nie zu Kiliani in Würzburg. Wenn ich dort bin, geh ich aber ins Neumünster und mache am Kilianssarg dem Heiligen Vorhaltungen. Er zeigt sich davon unberührt. Als irischer Mönch hält er wahrscheinlich von Lutherböcken „wieder wenicher.“ Neulich raunte er mir zu, ich solle doch mal auf die alte Mainbrücke gehen. Dort stehe er und erhebe seinen Finger warnend. Dann war er wieder stumm. Ich weiß bis heute nicht, ob er vor der Ehe warnt oder vor dem Darlehn.

Der Kredit war noch nicht abbezahlt, da bekamen wir einen Sohn. Bei den ausgiebigen Debatten bezüglich der Namensgebung schlug ich Kilian vor. Großen Erfolg hatte ich damit nicht.