Archiv der Kategorie: Europa

Das geht uns alles gar nichts an.

Ich habe die ganze Zeit gedacht, ich müsste mich über das, was Putin tut, aufregen, ich müsste mich in Solidarität mit den anderen wiegen, ich müsste ihn verurteilen und alles ganz schrecklich finden.

Aber: Im Traum widerfuhr mir Erleuchtung.

Das, was wir im Westen machen, ist Einmischung in die inneren Angelegenheiten Russlands. Was die da machen, geht uns überhaupt nichts an, deshalb sagen ja die vereinigten Linksrechten*innen die Wahrheit, wenn sie meinen, wir ruinierten ohne Grund unsere Wirtschaft und wir setzten die Bevölkerung willkürlich dem Frostbeulismus aus. Sanktionen, Diplomatie, Waffenlieferungen, Menschenrechte, alles Tinneff.

Denn was der liebe Putin da macht, ist doch nur, seine russischen Landsleute vor dem Terrorismus benachbarter Nazis zu schützen. Er holt seine Landsleute wieder heim ins Reich, an den weiten Busen von Mütterchen Russland. Und seht nur: er fragt sie zuvor sogar, ob sie das wollen.

Das Bisserl Teilmobilmachung (der Name sagts ja schon) was ist das in einem so großen Land wie Russland? Hat ein wenig Drill jungen Männern nicht schon immer gut getan? Stichwort Schule der Nation. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, pardon, die militärische Spezialoperation ist die Mutter aller Dinge. Und, das sollte man auch nicht vergessen: Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Weshalb regen wir uns also auf? Nur weil das alles näher liegt als das Schicksal der Uiguren? Schon Göte, der Dichterfürst, Sie wissen schon, hat gesagt, dass wir uns da raushalten sollen:

„Wenn hinten weit an Dnjepr’s Lauf

„Die Völker aufeinanderschlagen

„Man sitzt im Sofus, trinkt sein Bierchen aus

„Man wartet, dass die Fußball-Jungs den Gegner plagen

„Und später schlüpft man froh zu Mutti-Maus.

Ein Gespenst geht durch Europa: Die Russophobie.

Wenn der gute Putin das alles so haben will, dann sagt man als gute Franke nur: „Lassd na doch sei Frääd!“

Drrrring, drrrring, drrrring. Der Scheißwecker ruft.

Und schwupp, ist man wieder in der kruden Realität.

Wenn das Hirn aufwacht, wird eben alles schwieriger.

Geht Ihnen das auch so?

Männerverachtend

Die Presse berichtet von einer Frau, die in Polizeigefängnis einer Stadt im Iran zu Tode kam. Es wird vermutet, dass sie derart misshandelt wurde, dass sie schließlich ihren Verletzungen erlag.

Was war passiert? Die 22jährige Frau hat, so wird berichtet, das vorgeschriebene Kopftuch zu lässig gebunden. Mann konnte ihr Haar sehen. Das wurde von der Sitten- und Religionspolizei als unsittlich empfunden. Man verhaftete sie, der Rest, siehe oben.

Das Schicksal dieser jungen Frau hat weltweit, ja sogar im Iran selbst, zu Protesten geführt. Das ist richtig so und muss bei ähnlichen Fällen, die kommen werden, wieder so sei.

Angesichts des Schicksals dieser Frau lohnt es, einmal darüber nachzudenken, was hinter all dem steckt.

Es ist ja noch nicht allzu lange her, da wurden in viktorianischer Zeit, die Beine der Pianofortes mit schwarzem Samt verdeckt, damit die Zuhörer nicht auf unsittliche Gedanken kämen. Lachen Sie nicht, so war es.

Nicht derjenige, der unsittliche Gedanken bekommt ist der Sittenstrolch, sondern ein Gegenstand der Beine hat, oder in heutiger Zeit, eine Frau das Haar zeigt.

Es gibt ja sogar Religionswächter im Nahen Osten, die verlangen, dass Männer Bart tragen müssen, da ein glattes Kinn bei ihren Geschlechtsgenossen unsittliche Gedanken auslösen kann, geschweige denn eine Frau, die nicht verhüllt in die Öffentlichkeit geht.

Offenbar ist es so, dass man in Kreisen nahöstlicher Religionshüter der Meinung ist, der Mann sei eine wilde, triebhafte Bestie, die in ihrem kruden Fortpflanzungsdrang nicht in der Lage ist, einen rasierten Mann von einer Frau zu unterscheiden. Er muss vor sich selbst geschützt werden, deshalb darf das andere Geschlecht ihn auf keinen Fall reizen.

Was ist denn das für ein Bild von uns Männern?

Natürlich ist es gut, wenn Frauen gegen Misshandlung, Unterdrückung und Schleierpflicht auf die Straße gehen, um zu protestieren.

Aber sollten nicht auch wir Männer protestieren?

Wir sind keine Sexual-Zombies, vor denen keine Frau sicher sein kann. Es ist männerfeindlich, was da im Nahen Osten gepredigt wird.

Manchmal habe ich den Eindruck, die Religionshüter am Golf haben Angst vor den Beatles:

Why don’t we do it in the road…

Und nachher?

Ob die letzten Tage wirklich die Wende im Ukraine Krieg eingeläutet haben, wage ich zu bezweifeln.

Sicher ist aber, dass dieser Krieg irgendwann zu Ende gehen wird.

Wenn Russland verliert, wird auch Putin und seine Clique aus dem Kreml verschwinden.

Wenn der Krieg aber siegreich oder unentschieden für Russland ausgeht, dann stellt sich die Frage, wie die Welt mit Verbrechern umgeht.

Es ist schlichtweg undenkbar, zum business as usual zurückzukehren, wenn die Waffen schweigen und Putin noch immer an seinem langen Tisch sitzt.

Wenn der Rest der Welt wieder normale Beziehungen zu Russland pflegen will, dann muss es Ziel alles Strebens sein, einen Regimewechsel in Moskau herbeizuführen. Wenn es gelänge die Kriegsverbrecher von Moskau vor den internationalen Gerichtshof im Haag bringen, dann wäre der Krieg wirklich gewonnen.

Im Westen muss es immer glasklar sein, dass der Gegner nicht das russische Volk ist, sondern dessen Regierung.

Deutschland ist das beste Beispiel dafür, wie die Welt mit einer von Verbrechern willig fehlgeleiteten Bevölkerung umgehen muss und kann. Natürlich soll man den Russen vorwerfen, dass sie blind der Propaganda des Kremls nachlaufen. Ebenso war es vor 1945 mit den Deutschen. Es ist offenbar so, dass man kollektiven Heldenmut nur von angegriffenen Völkern erwarten kann, nie von der Bevölkerung aggressiver Länder.

Deshalb ist es jetzt so wichtig, die Ukraine zu unterstützen. Ein Unentschieden oder gar ein Sieg Putins muss unter allen Umständen verhindert werden.

Es steht ja nicht nur die Freiheit der Ukraine auf dem Spiel. Es geht darum, dem Völkerrecht wieder Respekt zu schaffen. Es war schon sträflich genug, wie man dem Mann in Moskau es einfach so hat durchgehen lassen, als er sich die Krim unter den Nagel riss.

Völkerrecht, Unantastbarkeit bestehender Grenzen, Respektierung der Menschenrechte und ungehinderter Austausch von Gedanken, Menschen und Waren, das muss Ziel aller Nachkriegspolitik sein.

Wir werden Russland und all die anderen üblichen Verdächtigen nicht zu lupenrein demokratischen Staaten umformen können. Seien wir froh, wenn es gelingt, unsere Werte selbst zu bewahren, sie zu exportieren ist nur in den seltensten Fällen gelungen.

Ungarn

Es muss 1972 gewesen sein, als mein Bruder und ich beschlossen, nach Ungarn zu fahren. Der einzige Grund war der, dass wir dort noch nicht gewesen waren. Ich hatte damals gerade für 750 DM den verbeulten Forst VW meinem Vater abgekauft und knallgelb umgespritzt. Dies und das Nummernschild EBN-L 821 sorgten dafür, dass man auffiel, erst recht im Ostblock.

Wir fuhren nach Budapest und besuchten die Stadt ausgiebigst. Hinter dem Heldenplatz stießen wir auf ein Gebäude, das aus allen Stilrichtungen zusammengebastelt schien. Davor stand ein Wiener Paar. „An wos erinnert mich dös jetzt?“ fragte er sich, um dann sich selbst zu antworten: „Kloar, ans Böfeder.“

Auf dem Heldenplatz übte das sowjetische Heer einen Aufmarsch zum ungarischen Nationalfeiertag. Damals durften ungarische Soldaten die Hauptstadt nicht betreten. Ungarische Zuschauer ballten die Faust in der Hosentasche.

Nachdem die Fischer Bastei, die Matthiaskirche besichtigt waren und der Zigeuner Kapelle im Restaurant zugehört war, beschlossen wir, nun die Puszta sehen zu wollen.

Wir folgten dem Wegweiser nach Miskolc und nahmen am Stadtrand von Budapest zwei Tramper mit. Sie hießen Pali und Tibi und konnten deutsch, allerdings nur dies:

„Punkt, Punkt, Bäistriech, Striech, färtig ist das Mondegesiecht. Und auch noch zwäi Baine dran, fertig ist der Hampelman.“

Woher sie das konnten, blieb unklar, wir redeten mit den Händen und Füßen, mein Bruder auch noch auf Russisch. Er hatte das als Zusatzfach genommen, und bisher immer behauptet, er könne nur „Der Kosmonaut steht im Zimmer“ sagen. Tatsächlich aber konnte er mehr russische Worte als Pali und Tibi zusammen. Sie luden uns zu ihren Eltern nach Miskolc ein. Kaum hielten wir vor dem Haus am Stadtrand, kam auch schon die Polizei. Ein so auffälliges Auto in einem Wohngebet, das war eben verdächtig.

Der Vater von Pali und Tibi konnte recht gut Deutsch, daher das mit dem Bäistrich. Die Mutter kochte fabelhaft und mästete uns. Als sie meinen Bruder fragte, ob es ihm geschmeckt hätte, wehrte der mit vielem „nem, nem, nem“ ab. Er hatte gedacht, sie böte ihm noch mehr zu essen an.

Dann fuhren wir nach Tokai. Dort wohnte Tibis Freundin. Wieder wohnten wir wie selbstverständlich bei deren Eltern. Abends trafen wir uns mit allerhand Freunden in einem Weinkeller, wo zu fortgeschrittener Stunde eine junge Dame aufstand, um Gedichte von Petöfi Sándor zu rezitieren. Alle weinten, nur wir nicht. Ich glaube, das hat man uns etwas übelgenommen. Dort lernten wir etwas Ungarisch. Ich kann noch heute „Az alkoholizmus egy betegség“ sagen, Alkoholismus ist eine Krankheit. Mein Bruder konnte natürlich mehr, der raunte der vortragenden jungen Dame „Szeretlek“ ins Ohr. Sie errötete hold, denn er hatte ihr seine Liebe gestanden.

Bevor es aber zu Schlimmerem kam, sagten Pali und Tibi, sie müssten jetzt wieder zurück an die Uni und die läge in Pécs, im Süden des Landes. Wir haben sie dort hingefahren und durften als Belohnung im Studentenheim übernachten. Dort wohnten viele aus Nord Vietnam. Tran van Mon konnte etwas Französisch, so wurde die Konversation einfacher. Es wurde uns gesagt, wir sollten uns unauffällig benehmen, denn Fremde dürften hier nicht wohnen, es werde kontrolliert. Fast wären wir aufgeflogen, ein Aufpasser erwischte meinen Bruder. Der rettete die Situation, indem er ihn mit allen ihm zur Verfügung stehenden russischen Grobheiten überschüttete. Das hat geholfen, unter Entschuldigungen zog er sich zurück.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Österreich zurück und wurden von der Grenzpolizei gefragt, ob wir verdächtige Militärübungen gesehen hätten. Verdächtig, das konnten wir nicht beurteilen, aber einige Panzer haben wir überholt. Der Polizist machte sich Notizen und wir waren überzeugt, den dritten Weltkrieg verhindert zu haben.

Phönix aus der Asche

Wenn du durchfällst, darfst du im Sommer nicht zum Austausch nach England.

Natürlich flog ich mit Pauken und Trompeten durch. Da sagte mein Vater. „Zur Strafe musst du jetzt nach England, weil du auch wegen Englisch nicht versetzt worden bist.“ Man schrieb das Jahr 1966.

Diese Reise steht mir auch noch nach so vielen Jahren sehr deutlich vor Augen, denn es schien ein Ausflug in ein anderes Jahrhundert zu sein. Es gab da zwar auch Autos, aber die waren uralt, an Häusern und Fabriken schien seit Jahrzehnten nichts mehr gemacht worden zu sein und dann gewinnen diese Kerle auch noch die Fußball-WM.

Die allgemeine Rückständigkeit im Vergleich zu meiner Heimat stach ins Auge. Schließlich fragte ich unseren Gastgeber, woran das denn läge und der antwortete etwas kryptisch: „If you are in war, it is convenient to fight on Amerca`s side, but later you are better off as the defeated.“

Ich habe nicht gleich verstanden, was er damit sagen wollte. Es war nichts anderes als das Phönix aus der Asche Axiom: Wenn alles darnieder liegt, ist ein Neuanfang leichter als ein Neustart mit repariertem Alten.

Nach dem Krieg war in Deutschland fast alles zerstört. Die damalige Bundesrepublik hat aus dem Marshall Plan enorm profitiert, England hat mit dem weitergemacht, was nicht zerstört worden war.

So wenig man irgendeinem Land eine solche Situation wünschen kann und will, weder als Sieger noch als Besiegter, so sehr erinnert mich das alles an die derzeitige Situation in der Ukraine:

Mit unsäglicher Brutalität und Phantasielosigkeit zerstört Russland seinen „Bruderstaat“. Ganze Industrieregionen liegen in Trümmern, halbe Städte ebenso. Gleichzeitig blutet der Unhold, der Aggressor langsam wirtschaftlich aus. Wenn es – hoffentlich bald – zu einem Waffenstillstand kommen wird, werden sich insbesondere die bisher nichtsahnenden Russen die Augen reiben, weil ihnen das Geld und die internationale Unterstützung fehlen werden, das Land weiterzuentwickeln.

Nach Elmau aber wissen wir, dass die G7 Staaten „whatever it takes“ unternehmen werden, damit die Ukraine den Krieg nicht verliert und danach wieder auf die Füße kommt. Letzteres wird natürlich auf dem Stand der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung geschehen. Das wird dann etwa mit der Situation vergleichbar sein, die ich 1966 erlebt habe.

Bei allem Entsetzen über das, was in der Ukraine passiert, stimmt mich diese Aussicht zuversichtlich.

Vielleicht sollten wir zum Ausgleich die Russen die Fußball WM gewinnen lassen.

Der Westen ist der Böse

Je länger dieser Krieg dauert desto mehr wird die These laut, an allem schuld sei der Westen. Man habe Russland in die Enge getrieben, man habe Russland provoziert und vergessen, dass ein Volk auch einen Stolz habe.

Da ist natürlich was dran. Ich habe es als einen der größten Fehler erachtet, als Obama davon sprach, Russland sei nurmehr eine Regionalmacht. Nein, es war kein Fehler, es war eine Dummheit. Der Satz hat den USA nichts gebracht außer dem Trotz und dem Hass der Russen.

Dennoch ist es eine an Dümmlichkeit grenzende Wichtigtuerei, zu behaupten, der Westen sei verantwortlich für den Krieg.

Für einen Krieg ist immer der verantwortlich, der ihn beginnt, derjenige, der die Politik beiseitelegt und zur Waffe greift.

Der Aggressor ist Russland. Es sind russische Soldaten, die Zielschießen auf radelnde Opas spielen, es sind russische Raketen, die ganze Landstriche verwüsten und es ist Russlands Verantwortung, wenn in Ländern der Dritten Welt Hunger ausbrechen wird, weil ukrainisches Mehl und ukrainisches Sonnenblumenöl nichtmehr zu den Konsumenten kommen.

Wir dürfen nie vergessen: Der Aggressor ist Russland oder genauer Putin und seine Spießgesellen.

Die Blödsinnigkeit der Behauptung, der Westen habe den Krieg zu verantworten, wird dann deutlich, wenn man den alten Machospruch bemüht, wonach das Opfer selbst schuld an der Vergewaltigung sei, der kurze Rock habe den Täter provoziert.

Denken? Erlaubt!

Die EU ist als Werteunion gegründet worden. Nur haben das nicht alle ihrer Mitglieder verstanden. Die Briten haben zwar die Demokratie wiedererfunden. Aber, abgesehen von Churchill, war es ihnen ziemlich egal, ob anderswo demokratische Werte hochgehalten wurden, solange man dort Handel treiben konnte. Die Franzosen, Erfinder der Französischen Revolution, haben deren Werte in der DNA. Mal sehen, ob das nach den kommenden Präsidentenwahlen immer noch so ist. Deutsche, Österreicher, Italiener, Spanier und Portugiesen mussten nach schrecklichen Kriegen und ewigen Diktaturen lernen, dass was dran ist, an den demokratischen Werten. Kann man da von den Bewohnern der Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes verlangen, dass sie von jetzt auf dreißig Jahre, gelernt haben, dass es in der EU nicht nur um Geld und Handel, sondern auch um Demokratie geht? Offenbar nicht, Orban hat es gezeigt.

Allerdings müssen wir nicht bis London, Warschau oder Budapest gehen, um zu erkennen, dass ein guter Deal noch immer wichtiger ist, als die Lupenreinheit unsres Vertragspartners

Die deutsche Politik vor dem 24. Februar und ganz besonders danach gibt Anlass zur Beschämung.

Doch zurück zu den Werten. Brüssel kann die Einhaltung der Werte durchsetzen, indem der Geldhahn zugedreht wird – mit überschaubarem Erfolg. Wenn kein Geld mehr fliest, dann blockieren wir die EU einfach mit dem Erfordernis der Einstimmigkeit.

Also Geldhahn wieder auf! Fraglich ist nur, ob die übrigen Europäer zusehen müssen, wie die Fördergelder der EU in korrupten Kanälen verschwinden. Also Geldhahn wieder zu…

Immer wieder wird erzählt, in Rumänien habe sich das Bruttosozialprodukt seit Einführung der Demokratie verdreifacht. Wenn man Fördermittel aus Brüssel für Demokratie hält, dann stimmt das sicherlich. Das deutsche Wirtschaftswunder hat doch auch nicht an der fdGO gelegen.

Irgendwas läuft schief.

Es muss erlaubt sein, über die Zukunft der EU nachzudenken. Offenbar gibt es zwei Alternativen:
-Wir specken wertemäßig ab und verwandeln die EU in eine Freihandelszone mit Fördergeldern, Erasmus, Gurkenbiegungswinkel und Niederlassungsfreiheit, oder

Wir treten aus der EU aus mit dem Ziel, dass die Länder, die Wert auf Werte legen, eine EWU, eine Europäische Werte Union bilden.

Voraussetzung dafür wäre eine supranationale EWU-Verfassung mit durchsetzungsfähigem Verfassungsgerichtshof.

Und sonst? EU wie bisher, halt nur ohne Mitglieder, die lediglich mit dem Geldbeutel EU-Mitglieder sein wollen.

Die Reitpeitsche

Meine Mutter hatte die gute Angewohnheit, uns bei Verboten gleich auch über die Konsequenzen deren Nichtbeachtung aufzuklären. „Dann kriegste eine Schelle“ war unterste Stufe, die zu „dann sag ich’s deinem Vater“ aufsteigen konnte, aber das allerschlimmste war „dann kriegstes mit der Reitpeitsche“.

Da bei uns niemand ritt, wusste ich nicht, was eine Reitpeitsche ist und wie so was aussah, zumal die dritte Eskalationsstufe nie zur Anwendung kam.

Eines Tages fragte ich, ob ich die Reitpeitsche einmal sehen könnte, und Mutter zeigte mir eine elastische mit braunem Leder überzogene Gerte. Oben drauf saß ein silberner kugelförmiger Knauf.

„Die gehört fei dir“, sagte sie wie nebenbei. Und tatsächlich, es war mein Name ins glänzende Metall eingraviert: „Hans“.

„Ach komm, die hat doch dem Onkel Hans gehört“, wehrte ich ab. Ich wollte nicht Besitzer eines Marterinstrumentes sein.

„Doch, die hat dir deine Großmutter zur Taufe geschenkt.“ Schon damals fand ich, dass man nur schwer ein blödsinnigeres Taufgeschenk machen könne. Darüber hinaus war ich empört. Wie konnte Mutter mit etwas aus einem Waffenarsenal drohen, das gar nicht das Ihre war. Gut, wenn es darum gegangen wäre, meine Geschwister zu verhauen, hätte ich das Ding schon ausgeliehen, aber ich wollte gefragt werden.

In einem unbewachten Moment nahm ich die Reitpeitsche an mich und versteckte sie im Kleiderschrank hinter den Pullovern.

Dort fand ich sie, als ich meine Siebensachen zusammenpackte, um nach Ibiza umzusiedeln und nahm sie mit. Das Leder war mit den Jahren brüchig geworden du als ich einmal zu viel Geld hatte, beauftragte ich den Eigentümer des Reiterbedarfsladens, eine neue Gerte daran zu machen. Nach ein paar Tagen bekam ich meinen silbernen Knauf wieder, an dem ein kurzer, geflochtener schwarzer Wurmfortsatz befestigt war. Es war teurer und scheußlicher als gedacht, aber so viel Geld, um eine noch mal neue Peitsche in Auftrag zu geben, hatte ich auch wieder nicht.

Nun hing die Reitpeitsche an der Wand. Was tun? In San Rafael gab es damals einen Katalanen, der ein kleines Gestüt betrieb und Reitunterricht erteilte. Der setzte mich auf ein Pferd und sagte, die Reitpeitsche käme erst zum Einsatz, wenn ich richtig reiten könne. Er lobte meine reiterische Begabung von der ersten Stunde an und ich wähnte mich schon in der Nachfolge meines Großvaters, für den es nur drei wichtige Dinge im Leben gab: Der rotenhansche Forst, das zweite Ulanen Regiment in Fürstenwalde und Pferde. Ich mache gute Fortschritte, ich hätte das Reiten im Blut, sagte der Katalane. Ich war aufs Höchste gebauchpinselt. Dann meinte er, ich wäre jetzt schon so gut, dass er mich in die Obhut seiner Tochter, einer preisgekrönten Amazone, geben könne. Sie war bildhübsch. Als sie rasch bemerkte, dass ich mehr an ihr als an ihrer reiterischen Pädagogik interessiert war, begann sie mich zu trietzen, mäkelte an meiner bis anhin tadelsfreien Haltung herum und sagte, die Innenseiten meiner Knie müssten bluten, so sehr müsse ich sie ans Pferd pressen. Ich merkte, dass das zu nichts führen würde, gab meine Hoffnungen, die Amazone erobern zu können auf und ließ die Reitpeitsche weiter ein ungenutztes Dasein führen.

Sie zog dann mit nach Palma de Mallorca und von dort mit nach Berlin. Ab und zu habe ich den silbernen Knauf geputzt.

Neulich ist sie hinter einen Einbauschrank gerutscht. Versuche, sie von dort wieder hervorzuholen scheiterten bis jetzt.

Ein Schweißfuß kommt selten allein.

Diese empirisch unterlegte Weisheit war nie so wahr wie derzeit: Erst die Pandemie, die der Welt Kosten in ungeahnter Höhe aufgelastet hat, und nun der Krieg, pardon, die militärische Spezialaktion, in der Ukraine, die der Welt mit einem Schlag klarmacht, wie wichtig dieses bisher unbeachtete Land für die Weltwirtschaft ist. Wer wusste schon, dass dort Sonnenblumen, Weizen und Äpfel in so großem Maße angebaut werden, dass der Ausfall der Ernte ein Problem für die Welternährung wird? Dass 50 % des Neongases aus Mariupol kommt?

Dass Russland uns mit Energie versorgt, wussten wir und erinnern uns an Adenauer, der gesagt hat, die Soffjets seien zwar durchaus fragwürdig, aber sie seien zuverlässige Handelspartner. Und darüber hinaus hatte sich die Bundeskanzlerin furchtlos gezeigt, sogar vor Putins Kötern. Sowas imponiert dem.

Der annektierte munter die Krim und, seien wir ehrlich, Donezk und Lugansk, bombardierte für Assad dessen Städte und killte die halbe Bevölkerung von Grosny. Das tat seiner Reputation nur wenig Abbruch. Man redete mit ihm und drückte seine Hand.

Jetzt ist es anders: Es sind nicht Moslems, die unter seinem Bombenhagel sterben, und soo wichtig waren Tschetschenien und Syrien für den reicht gedeckten Mittagstisch in Europa auch wieder nicht.

Jetzt aber stört er, er stört so richtig. Er gefährdet unseren Popanz, das Wirtschaftswachstum.

Wenn unsere Wirtschaft nicht wächst, bricht das System zusammen, unter anderem deshalb, weil wir dann unsere immensen Schulden nichtmehr bedienen können. Das zeigt, wie weit wir uns von den Prinzipien der schwäbischen Hausfrau entfernt haben:

Ein Eisschrank wird erst dann gekauft, wenn wir das Geld dafür haben. Weil unser System aber auf pump gebaut ist, ist es so fragil, so angreifbar. Die kleinste Störung kann alles durcheinanderwirbeln.

Das Problem ist, dass in den vergangenen Jahrzehnten alles vom Selbstversorger auf den Zugang zum Geld umgewandelt wurde. Vor 50 Jahren hätte der zugedrehte Gashahn niemanden mit Furcht erfüllt. Man hatte einen Bullerofen, der mit heimischen Briketts oder Brennholz aus dem Wald beheizt wurde. Wer kennt noch das Wort „Holzlese“? Mein Vater stand im Saal des Dorfgasthofes und versteigerte für billiges Geld „Lose“. Das waren klar abgesteckte Gebiete im Wald, wo der Loskäufer alles herumliegende Holz sammeln konnte. Vergessen! Wer hat schon noch einen Bullerofen? Unsere Heizungen werden mit irgendwas gefüttert, und das bekommt nur, wer ein gutes Einkommen hat.

Ich weiß, das ist alles umweltpolitisch ein Problem. Dennoch. Krisis heißt auf Griechisch auch Chance. Das wissen auch die Politiker. Dennoch leisten es sich die in Berlin einen feuchten Hosenboden herzuzeigen, statt die Einfuhr von Putin-Gas und Putin-Öl zu stoppen.

Es muss diesem Herrn klargemacht werden, dass er es nun endlich geschafft hat, weltweit ein Paria zu sein. Oder denkt irgendjemand, dass die Bevölkerung es tolerieren würde, wenn ihre gewählten Repräsentanten ihm irgendwann, aus welchen opportunistischen Grünen auch immer, noch einmal die Hand reichen?

Putin kann den Krieg gewinnen oder verlieren. Solange er im Kreml herrscht, bleibt Russland isoliert (so hoffe ich jedenfalls).

Von der Lüge

Es ist das Verdienst der Bundesaußenministerin, ein neues Wort in den diplomatischen Diskurs eingeführt zu haben.

Sie sprach davon, dass ihr Kollege Lawrow sie belogen habe, ebenso wie dessen Chef gelogen habe.

Es ist gut, wenn Lüge Lüge genannt wird, wenn ich auch zugeben muss, dass es amüsanter ist, vom subjektiven Umgang mit der Wahrheit zu sprechen.

Ich habe gestern mal aufgepasst und mich selbst bei mehreren Lügen erwischt. Es waren halt die kleinen Ausreden, die wir alle täglich gebrauchen. Da hatte ich versprochen, die Küche aufzuräumen und mich damit entschuldigt, ich hätte einen Gedankenblitz zu Papier bringen müssen, als ich dabei erwischt wurde, die Aufräumerei nur ungenügend beendet zu haben.

Gehen wir die Lüge mal theoretisch an: Es ist der Versuch, einen Vorteil für sich herauszuholen, indem man dem anderen eine Unwahrheit auftischt.

Interessant daran ist, dass geglaubt wird, die Unwahrheit helfe besser weiter als die Wahrheit. Offenbar ist unser wahres Sein so mies, dass wir es besser nicht herzeigen.

Dabei weiß der Volksmund seit Jahrtausenden, dass Lügen immer ans Licht kommen, schon einmal deshalb, weil sie kurze Beine haben.

Es ist ja auch so, dass Lügen ganz eigentlich eine Beleidigung des Belogenen sind. Wer nicht ganz deppert ist, merkt doch sofort, wenn er belogen wird.

Oder haben Macron und Scholz, als sie an diesem absurden Tisch saßen, nicht gemerkt, dass Putin kein einziges wahres Wort gesagt hat?

„Der lügt beim Beten,“ vermutete mein Großvater von jemandem, dem man nicht über den Weg trauen durfte und wir Kinder nannten so einen „Lüchnsocher“ und fühlten uns gut, wenn wir ihm noch ein „Wer einmal lüchd, den glaubd man nichd, und wenn er auch die Wahrheid schbrichd“ hinterherrufen konnten.

Nun sollten wir nicht wirklich den Versuch unternehmen, festzustellen, ob, in welcher Intensität und mit welcher Annäherung an die Wahrheit Putin und andere Politiker beten. Immerhin macht es sich gut, den Eindruck zu erwecken, man täte das. Es darf uns daher auch nicht verwundern, wenn Trump unseligen Angedenkens, immer gleich mit zwei Bibeln in der Hand aus der Kirche kam.

Übrigens hat mich gestern meine Frau bei der Küchenaufräumlüge sofort erwischt, denn sie wollte den zu Papier gebrachten Gedankenblitz sehen. Es war obiger Satz, wonach lügen ans Licht kommen, weil sie kurze Beine haben.

„So ein Quatsch! Das ist doch ein in sich verquerer Satz! Besser du hättest die Küche fertig aufgeräumt.“

Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, sie hätte damit nicht Recht.