Der Zipfel

Unsere Großmutter, die noch in den Erinnerungen und den Wertvorstellungen des Kaiserreiches lebte, erzählte uns oft und mit Verve vom Caprivi Zipfel. Das ist ein Stück Land, das in einer Art Ringtausch zum deutschen Kolonialreich kam: Deutschland bekommt Helgoland, dafür geht Sansibar an England, Deutschland verzichtet auf Witu, liegt im heutigen Kenia, und bekommt den Caprivi Zipfel, der das heutige Botswana von Angola trennt. Großmutters Interesse lag auch daran, dass ihre Schwägerin die Tochter eines der deutschen Gouverneure dort drunten war. Das heutige Luhonono wurde damals als Schuckmannsburg gegründete. Wenn Großmutter vor dem Abendgebet davon erzählte, wehte die Weltgeschichte durch unser Kinderzimmer.

Unsere unzähligen Tanten waren an Kaisers Zeiten nicht so schrecklich interessiert, wohl aber am Zipfel. So wurde das genannt, was wir heute üblicherweise als männliches Geschlechtsteil bezeichnen. Allerdings – das Z-Wort wurde möglichst vermieden. Irgendwie fand man stets eine Umschreibung, die einerseits die Sittlichkeit nicht gefährdete andererseits aber keinen Zweifel am Gegentand ihrer Sorge lies.

Und sie machten sich Sorgen, schließlich ging es ja, ohne dass dies je ausgesprochen wurde, um den Fortbestand der Familie. Die Vorstellung, die Familie könne aussterben, war ein schreckliches Menetekel. Auszusterben war schlichtweg ungehöriges Verhalten. Nur einen Scheckbetrüger in der Verwandtschaft zu haben, war ähnlich negativ besetzt.

Ab und an, zugegebenermaßen sehr selten, musste das Z-Wort denn doch ausgesprochen werden. Das passierte einmal, als ein Vetter einen niedlichen kleinen Dackel geschenkt bekommen hatte. Er wollte ihn abends mit ins Bett nehmen. Nun gibt es unzählige Gründe, die es angeraten sein lassen, Dackel nicht in für Menschen gedachten Betten schlafen zu lassen. Der Tantenrat kam auf den für ihn naheliegendsten Grund:

„Der Hund beißt ihm sicher noch den Zipfel ab.“

Damit war das Thema ein für alle Mal entschieden, Widerspruch zwecklos.

Als wir alle schon fast erwachsen waren, fand es eine besonders fromme und, wie wir annahmen, besonders prüde Tante für richtig, uns vor den Gefahren der Pornografie zu warnen. Sie schwafelte etwas von Unsäglichkeiten, Gefahren für den Charakter durch fragwürdiges Tun, und – offenbar noch schlimmer – durch fragwürdige Lektüre. Wir wussten natürlich genau, was sie meinte, worauf sie hinauswollte und wovor sie uns bewahren wollte. Wir aber spielten die Unschuld, was sie einerseits erfreute, andererseits in Verlegenheit brachte, denn wir taten so, als verstünden wir das Wort „Pornographie“ nicht und baten um Erklärung.

Die Tante rührte lange in ihrem Tee, bat um ein weiteres Stück Zwetschgenkuchen, ihr Blick suchte Halt in der Krone der Blutbuche im Park. Wir warteten. Sie hatte wohl gehofft, irgendjemand werde das Thema wechseln. Wir aber warteten, ließen ihr Zeit und genossen es, ihr zuzusehen, wie sie gedanklich versuchte, sich aus der Bredouille zu winden. Es war dann wie ein Dammbruch, als sie sich schließlich doch dazu durchrang, ihren Neffen die Sache zu erklären:

„Pornografie ist, wenn ein Mann mit einer Frau, mit der er nicht verheiratet ist, ins Hotel geht und sich danach den Zipfel an der Gardine abwischt.“