Das geht uns alles gar nichts an.

Ich habe die ganze Zeit gedacht, ich müsste mich über das, was Putin tut, aufregen, ich müsste mich in Solidarität mit den anderen wiegen, ich müsste ihn verurteilen und alles ganz schrecklich finden.

Aber: Im Traum widerfuhr mir Erleuchtung.

Das, was wir im Westen machen, ist Einmischung in die inneren Angelegenheiten Russlands. Was die da machen, geht uns überhaupt nichts an, deshalb sagen ja die vereinigten Linksrechten*innen die Wahrheit, wenn sie meinen, wir ruinierten ohne Grund unsere Wirtschaft und wir setzten die Bevölkerung willkürlich dem Frostbeulismus aus. Sanktionen, Diplomatie, Waffenlieferungen, Menschenrechte, alles Tinneff.

Denn was der liebe Putin da macht, ist doch nur, seine russischen Landsleute vor dem Terrorismus benachbarter Nazis zu schützen. Er holt seine Landsleute wieder heim ins Reich, an den weiten Busen von Mütterchen Russland. Und seht nur: er fragt sie zuvor sogar, ob sie das wollen.

Das Bisserl Teilmobilmachung (der Name sagts ja schon) was ist das in einem so großen Land wie Russland? Hat ein wenig Drill jungen Männern nicht schon immer gut getan? Stichwort Schule der Nation. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, pardon, die militärische Spezialoperation ist die Mutter aller Dinge. Und, das sollte man auch nicht vergessen: Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Weshalb regen wir uns also auf? Nur weil das alles näher liegt als das Schicksal der Uiguren? Schon Göte, der Dichterfürst, Sie wissen schon, hat gesagt, dass wir uns da raushalten sollen:

„Wenn hinten weit an Dnjepr’s Lauf

„Die Völker aufeinanderschlagen

„Man sitzt im Sofus, trinkt sein Bierchen aus

„Man wartet, dass die Fußball-Jungs den Gegner plagen

„Und später schlüpft man froh zu Mutti-Maus.

Ein Gespenst geht durch Europa: Die Russophobie.

Wenn der gute Putin das alles so haben will, dann sagt man als gute Franke nur: „Lassd na doch sei Frääd!“

Drrrring, drrrring, drrrring. Der Scheißwecker ruft.

Und schwupp, ist man wieder in der kruden Realität.

Wenn das Hirn aufwacht, wird eben alles schwieriger.

Geht Ihnen das auch so?

Männerverachtend

Die Presse berichtet von einer Frau, die in Polizeigefängnis einer Stadt im Iran zu Tode kam. Es wird vermutet, dass sie derart misshandelt wurde, dass sie schließlich ihren Verletzungen erlag.

Was war passiert? Die 22jährige Frau hat, so wird berichtet, das vorgeschriebene Kopftuch zu lässig gebunden. Mann konnte ihr Haar sehen. Das wurde von der Sitten- und Religionspolizei als unsittlich empfunden. Man verhaftete sie, der Rest, siehe oben.

Das Schicksal dieser jungen Frau hat weltweit, ja sogar im Iran selbst, zu Protesten geführt. Das ist richtig so und muss bei ähnlichen Fällen, die kommen werden, wieder so sei.

Angesichts des Schicksals dieser Frau lohnt es, einmal darüber nachzudenken, was hinter all dem steckt.

Es ist ja noch nicht allzu lange her, da wurden in viktorianischer Zeit, die Beine der Pianofortes mit schwarzem Samt verdeckt, damit die Zuhörer nicht auf unsittliche Gedanken kämen. Lachen Sie nicht, so war es.

Nicht derjenige, der unsittliche Gedanken bekommt ist der Sittenstrolch, sondern ein Gegenstand der Beine hat, oder in heutiger Zeit, eine Frau das Haar zeigt.

Es gibt ja sogar Religionswächter im Nahen Osten, die verlangen, dass Männer Bart tragen müssen, da ein glattes Kinn bei ihren Geschlechtsgenossen unsittliche Gedanken auslösen kann, geschweige denn eine Frau, die nicht verhüllt in die Öffentlichkeit geht.

Offenbar ist es so, dass man in Kreisen nahöstlicher Religionshüter der Meinung ist, der Mann sei eine wilde, triebhafte Bestie, die in ihrem kruden Fortpflanzungsdrang nicht in der Lage ist, einen rasierten Mann von einer Frau zu unterscheiden. Er muss vor sich selbst geschützt werden, deshalb darf das andere Geschlecht ihn auf keinen Fall reizen.

Was ist denn das für ein Bild von uns Männern?

Natürlich ist es gut, wenn Frauen gegen Misshandlung, Unterdrückung und Schleierpflicht auf die Straße gehen, um zu protestieren.

Aber sollten nicht auch wir Männer protestieren?

Wir sind keine Sexual-Zombies, vor denen keine Frau sicher sein kann. Es ist männerfeindlich, was da im Nahen Osten gepredigt wird.

Manchmal habe ich den Eindruck, die Religionshüter am Golf haben Angst vor den Beatles:

Why don’t we do it in the road…

Und nachher?

Ob die letzten Tage wirklich die Wende im Ukraine Krieg eingeläutet haben, wage ich zu bezweifeln.

Sicher ist aber, dass dieser Krieg irgendwann zu Ende gehen wird.

Wenn Russland verliert, wird auch Putin und seine Clique aus dem Kreml verschwinden.

Wenn der Krieg aber siegreich oder unentschieden für Russland ausgeht, dann stellt sich die Frage, wie die Welt mit Verbrechern umgeht.

Es ist schlichtweg undenkbar, zum business as usual zurückzukehren, wenn die Waffen schweigen und Putin noch immer an seinem langen Tisch sitzt.

Wenn der Rest der Welt wieder normale Beziehungen zu Russland pflegen will, dann muss es Ziel alles Strebens sein, einen Regimewechsel in Moskau herbeizuführen. Wenn es gelänge die Kriegsverbrecher von Moskau vor den internationalen Gerichtshof im Haag bringen, dann wäre der Krieg wirklich gewonnen.

Im Westen muss es immer glasklar sein, dass der Gegner nicht das russische Volk ist, sondern dessen Regierung.

Deutschland ist das beste Beispiel dafür, wie die Welt mit einer von Verbrechern willig fehlgeleiteten Bevölkerung umgehen muss und kann. Natürlich soll man den Russen vorwerfen, dass sie blind der Propaganda des Kremls nachlaufen. Ebenso war es vor 1945 mit den Deutschen. Es ist offenbar so, dass man kollektiven Heldenmut nur von angegriffenen Völkern erwarten kann, nie von der Bevölkerung aggressiver Länder.

Deshalb ist es jetzt so wichtig, die Ukraine zu unterstützen. Ein Unentschieden oder gar ein Sieg Putins muss unter allen Umständen verhindert werden.

Es steht ja nicht nur die Freiheit der Ukraine auf dem Spiel. Es geht darum, dem Völkerrecht wieder Respekt zu schaffen. Es war schon sträflich genug, wie man dem Mann in Moskau es einfach so hat durchgehen lassen, als er sich die Krim unter den Nagel riss.

Völkerrecht, Unantastbarkeit bestehender Grenzen, Respektierung der Menschenrechte und ungehinderter Austausch von Gedanken, Menschen und Waren, das muss Ziel aller Nachkriegspolitik sein.

Wir werden Russland und all die anderen üblichen Verdächtigen nicht zu lupenrein demokratischen Staaten umformen können. Seien wir froh, wenn es gelingt, unsere Werte selbst zu bewahren, sie zu exportieren ist nur in den seltensten Fällen gelungen.

Erkennst du das Buchstabenfeld?

Im kleinen Schanigarten hinter dem Amalienplatz gibt es jetzt Pilsner Urquell vom Fass. Nach einem längeren Spaziergang am vergangenen Samstagabend machten wir einen kleinen Schlenker, um dort dem sportlichen Ereignis die verdiente Krone aufzusetzen. Auf der Terrasse saßen bereits drei Japanerinnen und ein Paar. Sie und er hielten je ein Handy in der Hand und lächelten uns irgendwie gequält an. Zumindest eines der Telefone war auf „Lautsprecher“ gestellt.

Bald stellte sich heraus weshalb. Am Ende der Leitung befand sich eine Dame, die von ihr mit „Mutti“ angesprochen wurde, von ihm mit „gnädige Frau“.

Es wurde deutlich, dass die Dame wünschte einen Film anzusehen, dessen Titel mit „Letzter“ beginnt.

  • Wenn du den sehen willst, musst du in die Mediathek gehen.
  • Wir haben Samstagabend. Glaubst du, die hat noch auf? Und wo finde ich die?
  • Mutti, die Mediathek findest du in deinem PC.
  • Und wo da?
  • Gnädige Frau, sind Sie auf der Startseite des ZDF?
  • Natürlich, das habe ich Gundi doch schon gesagt!
  • Gut so, dann gehen Sie jetzt auf Mediathek.
  • Wie soll ich denn das machen, junger Mann?
  • „Mutti geh mit der Maus hin, also mit dem Pfeil, den du mit der Maus auf deinem Bildschirm bewegen kannst.

Unterdessen war unser Bier gekommen. Wir prosteten uns zu in der Gewissheit, dass dies kein gemütlicher Biergartenbesuch werden würde. Wir beneideten die Japanerinnen, allerdings umsonst. Madames Stimme war schriller geworden, das hörten auch die Töchter Nippons und verdrehten die Augen.

  • Wie soll ich das denn machen?… Mediathek sagtest du?  Ach ja, jetzt hab ich da was.
  • Gnädige Frau, sehen Sie links oben ein Buchstabenfeld?
  • Gundi, was redet der? Was ist ein Buchstabenfeld?
  • Das sieht etwa so aus wie die Tastatur einer Schreibmaschine. Du findest es links oben auf deinem Bildschirm.
  • Meinst du das mit den vielen Buchstaben?
  • Ja.
  • Das ist aber kein Buchstabenfeld. Das sieht aus wie die Tastatur meiner alten Schreibmaschine.

Nun wurde auch Gundis Stimme schriller.

  • Eben, und da gehst du jetzt mit der Maus drauf und drückst auf das L.
  • Warum?
  • Weil der Titel des Filmes, den Sie sehen wollen, mit L beginnt. Und dann gehen Sie bitte auf E.
  • Einfach so?
  • Ja.
  • Mutti und jetzt gehst du auf T, dann auf Z…
  • Nicht so schnell, Gundilein, ich bin eine alte Frau.
  • Hast Du Z?
  • Ja
  • Dann jetzt so weiter, bis du Letzter getippt hast. Dann drückst du die Leertaste

Eine halbe Minute herrschte Stille, dann krächzte der Lautsprecher erneut:

  • Was ist eine Leertaste.
  • Die drückt man, um zwei Worte voneinander zu trennen.
  • Da passiert gar nichts.
  • Hast Du nicht die Leertaste auf dem Buchstabenfeld gefunden.
  • Das hättest du mir sagen müssen, ich habe die Leertaste auf meinem Computer gedrückt. Wo sagtest du, ist die Leertaste?

Gundilein ließ sich verzweifelt in den Gartenstuhl sinken.

  • Gnädige Frau, wenn Sie das Wort „Letzter“ korrekt eingegeben haben, sollten unter dem Buchstabenfeld alle Filme auftauchen, deren Titel mit diesem Wort anfängt.
  • Da kommt aber nichts.
  • Mutti, hast du „Letzter richtig geschrieben?
  • Erlaube mal! Wofür hältst du mich?
  • Gnädige Frau, bitte buchstabieren Sie einmal für mich, was Sie geschrieben haben.
  • Huch, wie konnte das nur passieren? Da habe ich doch tatsächlich eines der beiden Ts vergessen. Ich glaube das Beste wäre, wenn ich alles lösche und von vorne anfange.

„Bloß nicht“, riefen die beiden, wir, der Wirt und auch die Japanerinnen schienen einzustimmen.

  • Was ist denn das bei euch für ein Krach? Da kann sich ja kein Mensch konzentrieren!

Wir leerten schnell unsere Gläser, zahlten und verschwanden.

Bei die Doro

Auf Ibiza hatte ich einen Freund, Achim. Er kam aus Nürnberg und das hörte man auch.

Oft gingen wir abends zum Essen aus und er bestand immer darauf, dass wir seinen Lieblingswein bestellten. Warum auch nicht. Er rief dann laut dem Kellner hinterher´: „Draenos un Sichlo Saggo.“ „Una Botella?“ fragte der Kellner. „Hombre, no freilich!“

Den Wein gibt es heute noch und er heißt heute noch Siglo Saco. Die Flasche wird in einen Sack eingenäht, das schützte beim Transport auf Eselskarren und hat sich einfach erhalten. Meist blieb es nicht bei einer Flasche. Ich fuhr ihn immer nach Hause zu seiner Inge, deren Hund ihn verlässlich verbellte, weil er den Betrunkenen nicht erkannte. Ich war natürlich nicht weniger voll. Damals galt auf Ibiza die Regel, solange man keinen Unfall baut, gibt es keine Promillegrenze. Das war natürlich in höchstem Maße unverantwortlich. Wir waren allerdings alle durchgehend unverantwortlich. Wir lebten in den Tag hinein und wunderten uns, wenn wir im Winter, wenn die Touristen ausblieben, kein Geld mehr hatten.

Achim hatte Glück, seine Inge war im Immobiliengeschäft. Da lief immer irgendwas.

Eines Tages kam es ganz aufgeregt in die Bar, wo wir morgens immer unseren café con leche zu uns nahmen. Also, das gestern, das sei wirklich ein tolles Erlebnis gewesen. Er sei „bei die Doro“ gewesen.

Vorsichtig fragte ich ihn, ob ihm denn seine Inge nicht genug sei, ob er denn wirklich seinen Status als im Winter ausgehaltener Liebhaber aufs Spiel setzen wolle? Achim sah mich verständnislos an. Erst dann schaltete ich meinen fränkischen Sprachumwandler ein und übersetzte: Er war nicht bei einer womöglich hübschen Dame namens Doro gewesen sondern bei den Stieren, „bei den Toros.“

Damals gab es in der Stadt Ibiza noch eine Stierkampfarena. Später kaufte sie mein Freund Pepe, er mit dem langen Nagel am kleinen Finger, auf, und baute dort ohne jegliche Baugenehmigung einen überdachten Markt hin. Zu seinem größten Erstaunen musste er das Werk nach jahrelangem Tauziehen wieder abreißen. Pepe schimpfte auf die Demokratie und meinte, unter Franco wäre ihm das nicht passiert, womit er wahrscheinlich richtig lag. Das Rund der Arena kann man noch heute vor dem Hotel Royal Plaza sehen.

Nach Ibiza kamen nur unbedeutende Toreros. Einer war ein Deutscher, Rüdiger von der Goltz. Den habe ich mal interviewt. Damals war ich Sprecher beim deutschsprachigen Radio auf Ibiza.

Aber zurück zu Achim. Der wandelte sich in Kürze zum Stierkampfexperten, schwärmte von der männlichen Eleganz der Toreros, der „bravura“ der Stiere und der Leichtfüßigkeit der Banderilleros, „die wo dena Fregger die Fähnla nein Rüggn steggn.“

Er ließ fortan keine der seltenen Corridas aus und träumte davon, einmal in Madrid oder Sevilla einen der Großen zu sehen.

Es wurde nichts daraus. Er verließ die Insel gedemütigt, enttäuscht und verzweifelt in Richtung Nürnberg. Er hatte eine Affaire mit Concha, einer feurigen Andalusierin, die er in der Arena kennen gelernt hatte.

Inge fand das heraus und verstieß ihn. Und so ganz ohne die Unterstützung seiner Gönnerin konnte er nicht leben, er hätte ja ganzjährig arbeiten müssen. Wer will das schon auf Ibiza.

Sorglose Zeiten

Es ist einfach wunderbar!

Nichts kann unseren Wohlstand, unsere Sicherheit und den Pegelstad des Rheins trüben. Alle Welt versteht sich und Masken zu tragen wird echt überschätzt.

Es ist Zeit, dass die Kultur, die Kunst und überhaupt die Wissenshaft wieder mehr Beachtung finden, und sie finden…

Endlich hat man Zeit und Muße, sich darüber Gedanken machen zu können, dass Schlotfegerinnen seit Jahrhunderten sprachlich unter den Teppich gekehrt werden. Nur die Sennerin, die gabs schon immer, hollerdihöh!

Und weil der nach dem Krach neugegründete Pen Club (Berlin) außer dass er gegründet worden ist, eigentlich keine Existenzberechtigung hat, will man jetzt aus eigenen Reihen Schriftstellergrößen finden, die Schillers Skandalwerk „Die Räuber“ umschreiben. Da kommen doch tatsächlich gleich drei (adelige!) Männer (!) vor, die Moor heißen. Offenbar war sich Schiller selbst der innewohnenden Problematik bewusst, deshalb hat er die Mannen in vorauseilendem Gehorsam mit doppeltem „o“ statt mit „h“ geschrieben. Phonetisch lässt es dennoch eine schillersche Unsensibilität erahnen. Und, das aber nur nebenbei, Kanaille ist eine unerlaubte Anbiederung ans Welsche, pfui Spinne!

Wo wir gerade bei den Dichtern sind: Karl May. Dass er aus Radebeul stammt, hätte uns zu denken geben sollen. Glücklicherweise ist man unterdessen auf den Winnetou-Skandal gestoßen. Und wir? Was haben wir gemacht? An Fasching blieb doch nur Winnetou. Nachdem schon fünf davon im Dorf rumsprangen, schlug meine Mutter vor, man könne doch auch als Intschu Tschuna gehen. Das haben wir natürlich abgelehnt, weil der schon im ersten Band stirbt. So weit waren wir schon, das muss man schon mal sagen dürfen.

Auch das mit der kulturellen Aneignung musste und konnte nun endlich in die offizielle Debatte eingebracht werden. Allen ist klar, alle verstehen, ja alle unterstützen es, wenn Menschen, die zu uns kommen, unsere Werte, unsere Lebensformen und unsre Frisuren übernehmen. Man nennt das Integration Das dient auch dazu, sich besser zu verstehen, über die Grenzen der Länder und Kontinente hinweg. Leider wurde dabei vergessen, für jedermann verständlich festzuhalten, dass junge oder alte weiße Männer unter gar keinen Umständen Werte, Lebensformen oder Frisuren anderer Kulturen übernehmen dürfen, es sei denn, sie setzen sich in ein Schlauchboot und rudern da hin um da (wo ist da?) zu bleiben mit dem Ziel, fremde soziale Netze zu unterwandern.

Womöglich steche ich da in ein Wespennest, aber ist es legitim, dass am Fuße der Alpen langmähnige, bärtige Männer und eine tugendhafte, später heiliggesprochene Jungfrau über eine Bühne hüpfen und etwas aufführen, was in keinster Weise im Regierungsbezirk Oberbayern spielt? Was soll das?

Es fehlt da deutlich an der Sensibilisierung der Bevölkerung, wenn sogar schon die Schweizer darauf gekommen sind, dass Rastalocken selbst dann nicht gehen, wenn man eine elektrische Gitarre in der Hand hat.

Man stelle sich nur vor, wir hätten Klimakrise, Krieg, Dürre, drohende Hungerkatastrophe und Energieknappheit und das alles auf einmal.

Es wäre nie und nimmer dazu gekommen, die aufgezeigten Phänomene anzudiskutieren.

Mal nicht gendern.

Der Ministerpräsident des Bundeslandes, wo man alles kann, außer Hochdeutsch, wird ohne Zweifel in die Geschichte eingehen.

Sicherlich auch deshalb, weil er in dieser genderfrohen Zeit einen Begriff in die Diskussion geworfen hat, der sich beim besten Willen nicht gendern lässt, sogar der Versuch, ihn mit Sternchen zu versehen, scheitert kläglich.

In seinen beiden Aggregatszuständen ist der Waschlappen männlich.

Wollen wir uns hier dem textilen Waschlappen zuwenden, zumal anzunehmen ist, dass der Ministerpräsidenten ihn meinte, als er dazu riet, diesen wieder vermehrt zu nutzen.

Ich sehe den Waschlappen kritisch. Das mag auch daran liegen, dass unser Großvater meinte, jeder Junge müsse lernen, seine Toilette mit einem solchen Ding und einer Teetasse Wasser hinzubekommen. Begründung: „Im Felde“ hätte man auch nicht mehr zur Verfügung.

Unsere Mutter sah das anders und steckte uns jeden Abend in die Badewanne, wo wir etwas Palmolive Seife aufschäumen ließen, damit das Wasser trüb werde. Ja, und den Waschlappen machten wir auch noch nass. Ansonsten ribbelten wir den Dreck am Handtuch ab. Großvater, ohne Letzteres zu wissen, zieh seine Schwiegertochter, ihre Söhne zu Schweinen zu erziehen, womit er, wenn man es recht betrachtet, sogar Recht hatte. Später versuchte Mutter, die Folgen dessen mit generösen Gaben von Deo-Spray zu überdecken. In die nächsten Ferien kamen wir wieder müffelnd nach Hause, weil wir im Internat die Spraydosen an diejenigen verhökert hatten, die bereits hinter den Mädchen hersprangen. Die Fahrt vom Bamberger Bahnhof, wo wir abgeholt wurden, nach Hause musste mit offenen Fenstern und unter Verwünschungen seitens unserer Mutter zurückgelegt werden. Wir waren halt unserem Wahlspruch treu geblieben: „Ich wasche mich alle drei Wochen, ob es nötig ist oder nicht.“

Als Kind kam ich doch einige Male mit einem Waschlappen in Berührung, immer dann, wenn ich meine Patentante auf dem Saarhof besuchte. Dort gab es Kühe, Schweine, Unimogs, einen Misthaufen und einen Berg mit „Südn“, das ist die Spreu, die man vom Getreide trennt. Heute macht man damit tolle Sachen, damals, so glaube ich, mischte man sie unter das Futter für die Kälber. Wie dem auch sei, ich kam abends glücklich, stinkend, bis hinter die Ohren schmutzig und voller „Südn“ in den Kleidern ins Haus zurück. Noch vor dem Abendessen wurde vor dem Waschbecken im Schlafzimmer von Tante und Onkel ein Zuber hingestellt. Ich stand kurz darauf drin und wurde mit lauwarmem Wasser und einem Waschlappen, in den zuvor Palmolive Seife gerieben worden war, abgewaschen. Wenn meine Tante an den Beinen rubbelte, fror ich am Oberkörper und wenn sie das Handtuch holte, fror ich überall. Ich hasste es. Allerdings muss ich zugeben, dass dies Procedere dazu führte, dass ich wirklich sauber wurde.

Insgesamt aber, und da gebe ich dem Ministerpräsidenten Widerworte, ist vom Gebrauch des Waschlappens abzuraten. So ein feuchtes Ding in einem sommerlich-schwülen Badezimmer? Man mag gar nicht daran denken, was sich da an Mikroben und anderem Unsäglichen sammeln kann.

Frau Schorn, die in Personalunion im Rentweinsdorfer Schloss kochte und putzte, sah das alles pragmatischer: Wenn wir auf dem Topf gesessen hatten, wischte sie mit dem Putzlappen unseren Po ab. Dann putzte sie damit weiter Waschbecken, Badewanne und Armaturen.

Ich kann nur hoffen, dass der geneigte Leser verstanden hat, welche Gefahr vom Waschlappen ausgeht. Der Kontakt ist zu meiden.

Übrigens auch von dem in seinem menschlichen Aggregatszustand. Aber das ist ein weites Feld.

Ohne Wördder kein Ladein!

Vor einigen Monaten ist mein Lateinlehrer, Günther Leyh, gestorben. Er würde sich wohl sehr wundern, erführe er, dass ausgerechnet ich etwas über ihn schreibe. Ich war wohl sein schlechtester Schüler. Jede Lateinstunde kam mir, schon bevor es losging, wie eine Strafe bevor. Vokabeln zu pauken, sich verzwickte grammatikalische Formeln zu merken, das war nicht Meins.

Ich mochte Latein nicht, war faul und wurschtig. Aber ich mochte meinen Lateinlehrer. Uns verband schon unsere fränkische Muttersprache, mit der er mich, den mit dem Vokabeldefizit, anzuspornen versuchte: „Ohne Wördder kein Ladein!“ Damit hatte er vollkommen recht, dennoch gelang es ihm nicht, mich für die Sprache Ciceros zu begeistern.

Er hat oft Aufsicht geführt, wenn wir Arbeitsstunde hatten. Während ich mich durch allerlei Hausaufgaben quälte, saß er vorne am Pult und las lateinische Texte. Ganz ruhig liefen seine Augen über die Zeilen. Manchmal nahm er den roten Stift, der parallel neben dem Buch lag und strich etwas an. Ich bewunderte ihn und ich beneidete ihn auch etwas. Dennoch, per aspera ad astra, das vermied ich tunlichst. Manchmal ärgerte ich ihn, weil ich unzählige lateinische Zitate draufhatte, von plenus venter über si tacuisses bis zu aurea prima aetas und hic Rhodos. Er brummte dann: „Hans wennst ner Ladein so gut könntst wie dei Sprüch.“

Ich erinnere mich an zwei Gelegenheiten, die meine Bewunderung für ihn ins Unermessliche wachsen ließen:

Herr Leyh hatte Geburtstag, und wir fanden es eine gute Idee, ihm aus unseren Grammatikbüchern einen Steg von der Tür bis zum Pult zu legen. Er kam herein, stutzte kurz und ging dann an den Büchern vorbei zu seinem Platz. Dann hielt er uns einen kleinen Vortrag darüber, dass man das, was man liebt nicht mit Füßen treten dürfe. Beschämt sammelten wir unsere Lehrbücher wieder ein.

Das andere Mal ereignete sich am 21. April 1967. Am Morgen hatte er in den Radionachrichten gehört, dass in Athen die Obristen geputscht hätten. Sie seien dabei, eine Militärdiktatur einzurichten. Er nahm das zum Anlass, uns zu erklären, was es bedeutet, in einer Demokratie leben zu dürfen, dass wir das der griechischen Kultur verdankten und dass es beschämend und zutiefst traurig es sei, wenn ausgerechnet in Griechenland die Demokratie unter der Knute des Militärs untergehe. Er nahm sich für all das die gesamten 45 Minuten der Lateinstunde Zeit. Es war eine Vorlesung in Staatsbürgerkunde, die ich nie vergessen werde. Ich glaube, es war damals am 21. April 1967, dass ich begann zu verstehen, was Demokratie, was Citoyen, was Rechtsstaat ist. Darüber hinaus war es meine schönste Lateinstunde, denn Latein kam nicht vor.

Unvergessen ist auch die Sache mit dem Brand m Waiglhaus, der von der Heimfeuerwehr, der ich angehörte, bravourös gelöscht wurde, Herrn Hackenberg sei Dank.

Kurz vor diesem Ereignis kam ein neuer Musiklehrer nach Schondorf, Herr Dannenbauer. Zuvor hatte Frau Leyh diesen Posten inne. Der Gedanke liegt nahe, dass Herr Leyh dem neuen Mann distanziert gegenüberstand. Ich war damals im Chor und wir studierten ein modernes, durchaus schwieriges Stück ein. In der Morgenfeier am Tag nach dem Brand wurde es vorgetragen. Danach hörte man Herrn Leyh laut schimpfen:

„Des Waichlhaus brennd runder und in die Morchenfeier singa sa gicks und gacks.“

Ich hoffe, dass die himmlischen Chöre seinen Musikgeschmack besser treffen. Verdient hätte er`s.

Ungarn

Es muss 1972 gewesen sein, als mein Bruder und ich beschlossen, nach Ungarn zu fahren. Der einzige Grund war der, dass wir dort noch nicht gewesen waren. Ich hatte damals gerade für 750 DM den verbeulten Forst VW meinem Vater abgekauft und knallgelb umgespritzt. Dies und das Nummernschild EBN-L 821 sorgten dafür, dass man auffiel, erst recht im Ostblock.

Wir fuhren nach Budapest und besuchten die Stadt ausgiebigst. Hinter dem Heldenplatz stießen wir auf ein Gebäude, das aus allen Stilrichtungen zusammengebastelt schien. Davor stand ein Wiener Paar. „An wos erinnert mich dös jetzt?“ fragte er sich, um dann sich selbst zu antworten: „Kloar, ans Böfeder.“

Auf dem Heldenplatz übte das sowjetische Heer einen Aufmarsch zum ungarischen Nationalfeiertag. Damals durften ungarische Soldaten die Hauptstadt nicht betreten. Ungarische Zuschauer ballten die Faust in der Hosentasche.

Nachdem die Fischer Bastei, die Matthiaskirche besichtigt waren und der Zigeuner Kapelle im Restaurant zugehört war, beschlossen wir, nun die Puszta sehen zu wollen.

Wir folgten dem Wegweiser nach Miskolc und nahmen am Stadtrand von Budapest zwei Tramper mit. Sie hießen Pali und Tibi und konnten deutsch, allerdings nur dies:

„Punkt, Punkt, Bäistriech, Striech, färtig ist das Mondegesiecht. Und auch noch zwäi Baine dran, fertig ist der Hampelman.“

Woher sie das konnten, blieb unklar, wir redeten mit den Händen und Füßen, mein Bruder auch noch auf Russisch. Er hatte das als Zusatzfach genommen, und bisher immer behauptet, er könne nur „Der Kosmonaut steht im Zimmer“ sagen. Tatsächlich aber konnte er mehr russische Worte als Pali und Tibi zusammen. Sie luden uns zu ihren Eltern nach Miskolc ein. Kaum hielten wir vor dem Haus am Stadtrand, kam auch schon die Polizei. Ein so auffälliges Auto in einem Wohngebet, das war eben verdächtig.

Der Vater von Pali und Tibi konnte recht gut Deutsch, daher das mit dem Bäistrich. Die Mutter kochte fabelhaft und mästete uns. Als sie meinen Bruder fragte, ob es ihm geschmeckt hätte, wehrte der mit vielem „nem, nem, nem“ ab. Er hatte gedacht, sie böte ihm noch mehr zu essen an.

Dann fuhren wir nach Tokai. Dort wohnte Tibis Freundin. Wieder wohnten wir wie selbstverständlich bei deren Eltern. Abends trafen wir uns mit allerhand Freunden in einem Weinkeller, wo zu fortgeschrittener Stunde eine junge Dame aufstand, um Gedichte von Petöfi Sándor zu rezitieren. Alle weinten, nur wir nicht. Ich glaube, das hat man uns etwas übelgenommen. Dort lernten wir etwas Ungarisch. Ich kann noch heute „Az alkoholizmus egy betegség“ sagen, Alkoholismus ist eine Krankheit. Mein Bruder konnte natürlich mehr, der raunte der vortragenden jungen Dame „Szeretlek“ ins Ohr. Sie errötete hold, denn er hatte ihr seine Liebe gestanden.

Bevor es aber zu Schlimmerem kam, sagten Pali und Tibi, sie müssten jetzt wieder zurück an die Uni und die läge in Pécs, im Süden des Landes. Wir haben sie dort hingefahren und durften als Belohnung im Studentenheim übernachten. Dort wohnten viele aus Nord Vietnam. Tran van Mon konnte etwas Französisch, so wurde die Konversation einfacher. Es wurde uns gesagt, wir sollten uns unauffällig benehmen, denn Fremde dürften hier nicht wohnen, es werde kontrolliert. Fast wären wir aufgeflogen, ein Aufpasser erwischte meinen Bruder. Der rettete die Situation, indem er ihn mit allen ihm zur Verfügung stehenden russischen Grobheiten überschüttete. Das hat geholfen, unter Entschuldigungen zog er sich zurück.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach Österreich zurück und wurden von der Grenzpolizei gefragt, ob wir verdächtige Militärübungen gesehen hätten. Verdächtig, das konnten wir nicht beurteilen, aber einige Panzer haben wir überholt. Der Polizist machte sich Notizen und wir waren überzeugt, den dritten Weltkrieg verhindert zu haben.

Waldbühne

Es ist ein Insiderwitz, ich gebe es zu. Mein Bruder hat der Spitznamen Moishe Kalish weil er Querflöte und mehr spielt. Ich dachte, es sei eine gute Idee, ihn zum Konzert einzuladen. In der Waldbühne sollte Barenboim das West-Eastern Divan Orchestra dirigieren. Wir trafen uns am Gleisdreieck. Seine Laune war gehalten, Werder hatte gegen Stuttgart unentschieden gespielt. Am Westkreuz mussten wir in die S-Bahn Richtung Spandau umsteigen. Da begann das Chaos: Hertha Fans wollten in die Innenstadt, Eintracht-Fans wollten auf den Bahnhof in Spandau, um dort in einen ICE umzusteigen. Der Weltuntergang schien nahe. Sicherheitsleute sperrten die Bahnsteige ab, wir warteten auf einer stickigen Treppe umgeben von übellaunigen Fußballfans. Das Spiel war ebenfalls unentschieden ausgegangen.

Schließlich drängten wir uns in einen Wagon, in dem Hessen grölten und Bier tranken. Moishe Kalish teilte seinen Frust mit einem Frankfurter, dessen Bier gefährlich im Plastikbecher schwappte. Er wunderte sich, dass er einmal mit einem Werder-Fan gemeinsam würde Trübsal blasen und frug ob wir auch nach Spandau wollten. Nein, wir führen zur Waldbühne.

„Wer spielt?“

Ich, der vom Fußball nichts versteht, und seine Anhänger clam-heimlich für Proleten hält, warf „Bayern München gegen Freiburg“ in die Runde. Da war ich auf den Falschen getroffen. Der Hesse lächelte nur milde aber wissend und Moishe rettete die Situation, als er Barenboim und so erklärte.

Vor dem Waldstadion trafen wir auf ein unbeschreibliches Durcheinander: Menschenmassen drängten sich an den Einlässen, wo kontrolliert wurde. Um uns herum knutschen Paare in allen nur denkbaren Gender-Konstellationen und mein Bruder vermutete, er könne bereits das Weiße in den Augen der Kontrolleure sehen. Trippelschrittchen für Trippelschrittchen kamen wir voran und ich versuchte, noch einen draufzusetzen, indem ich meinte, man könne den Knoblauchatem der Kontrolleure bereits riechen. Man sah mich schräg an und jemand sagte, das sei ja wohl etwas rassistisch. In dem Gedränge hörte aber auch jeder alles.

Schließlich waren wir tatsächlich im Waldstadion, es konnte losgehen. Es war drückend heiß, man saß eng und ich dachte an Bayreuth, wo, so sagt man, die Bestuhlung legendär unbequem sei. Wer Solches behauptet, war noch nicht in der Waldbühne. Jetzt begann meine Laune zu sinken und mein Hintern zu schmerzen. Lang Lang spielte den Klavierpart aus „Noches en los Jardines de España“. Als für Orchester und Solist gerade pianissimo dran war, rülpste eine vornehm aussehende Dame vor uns laut – Heiterkeit. Dann gab Lang Lang eine Zugabe: „Danza Ritual del Fuego.“ Das war richtig toll und danach war Pause. Moishe Kalish besorgte uns ein Bier, wofür ich ihm bis ans Ende meiner Tage dankbar sein werde. Als das Orchester wieder begann, fielen zwei Tropfen Regen und wir hörten „Ibéria“ von Debussy. Ein Name, den man sich wird merken müssen, ein großartiges Stück Musik. Zum Schluss hörten wir noch den Bollero von Ravel, fantastisch, einfach Weltklasse, was die da abgaben. Mein Hintern schmerzte nicht mehr, lag`s am Bier oder lag es daran, dass mir der zweite Teil einfach viel besser gefiel als der Erste? Wie dem auch sei, unbequeme Sitzgelegenheiten sind relativ.