Affairen und Karrieren im 18. Jahrhundert!

Sophia von Habsberg wurde 1757 in Nienburg an der Weser geboren. Ihr Vater war Grundbesitzer und hannoverscher Land- und Schatzrat.

Mit fünfzehn Jahren heiratete sie den achtundzwanzigjährigen braunschweigischen Beamten Ernst Ludwig von Lenthe und hatte mit diesem eine Tochter, Antoinette, die später meinen Ur-Ur-Urgroßvater Siegmund von Rotenhan heiratete. Der schöne Name Antoinette wurde in der Familie nicht weitergegeben wohl aus der begründeten Besorgnis heraus, er würde in Franken „Andoiledde“ ausgesprochen.

Lenthe war eng befreundet mit Karl August von Hardenberg, der in kurfürstlich hannoverschen Diensten stand. Da der Kurfürst von Hannover gleichzeitig der König von Großbritannien war, hielt sich Hardenberg öfters in Staatsgeschäften in London auf, wohin er seine neun Jahre jüngere Ehefrau Christiane von Hardenberg Reventlow mitnahm. Die begann ziemlich bald und ziemlich offen eine Affaire mit dem britischen Kronprinzen, der später als George IV den britischen Thron besteigen sollte.

Bevor die Liaison allgemein ruchbar wurde, griff Hardenberg seine Frau und zog mit ihr nach Wolfenbüttel, wo auch Freund Lenthe unterdessen Dienst tat. Dort langweilte Christiane sich gottserbärmlich. Sie vertrieb sich die Zeit mit weiteren Affäiren, was Hardenberg dazu bewog, Freund Lenthe die Frau auszuspannen. Beide Ehen wurden geschieden. Christiane starb 1793 mit nur 34 Jahren. Hardenberg heiratete 1788 seine wegen ihm geschiedene Lenthesche Errungenschaft.

Damit war der später so große Hardenberg im kleinen Wolfenbüttel gesellschaftlich unten durch. Er ging in ansbachische Dienste. Seine neue Frau nahm die eigene und die Tochter Lucie aus Hardenbergs erster Ehe mit nach Ansbach. Im nahen Unternzenn verkehrte Siegmund Rotenhan oft im Hause seiner Großeltern Seckendorff und es ist anzunehmen, dass er dort in Mittelfranken Antoinette kennenlernte. Sie heirateten 1794.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter muss Antoinette eine äußerst biedere Dame gewesen sein, der es zu verdanken ist, dass wir Rotenhans nicht alle vor Degeneration mit dem Kopf unter dem Arm auf die Welt gekommen sind. Schon 1806 verstarb sie.

Sophia Habsberg-Lenthe-Hardenberg langweilte sich in Ansbach so wie ihre Vorgängerin dies schon in Wolfenbüttel tat. Sie brannte mit einem sizilianischen Musiker durch. Es wird überliefert, sie habe sich von der Stief- und der eigenen Tochter wie folgt verabschiedet:

„Mesdemoiselles, brossez les dents, comportez bien et essayiez de plaire. Quant à moi, je m’en vais“. Putzt euch die Zähne, benehmt euch gut und versucht zu gefallen. Was mich betrifft, so gehe ich jetzt. Die Geschichte ist schön, aber nicht wahr, denn damals waren beide jungen Damen bereits verheiratet und wohl kaum in Ansbach anwesend.

Die Ehe endete 1801 mit Scheidung. Hardenberg wurde von Ansbach zum Hohenzollern-Vetter nach Berlin weitergereicht, wo er Karriere machte: Er wurde Staatskanzler, führte Preußen durch die Wirren der napoleonischen Zeit, tanzte auf dem Wiener Kongress sehr erfolgreich und brachte es zum Fürsten

Seine Tochter Lucie heiratete einen Grafen Pappenheim. Die Ehe hielt nicht lange und später heiratete sie den Grafen Pückler. Ja, genau den, der den Garten in Muskau anlegen ließ und dem sie, als ihre Mitgift verbraucht war, vorschlug, die Ehe aufzulösen, damit er sich in England neu und insbesondere reich verheiraten könne. Vor der Scheidung wurde das Ehepaar noch in den Fürstenstand erhoben.

Und unsere Sophia? Sie war ihrem Musiker nach Sizilien gefolgt. Mein Großvater behauptete, es habe sich um einen Trómpeter mit Betonung auf dem O gehandelt.

Es hätte mich interessiert zu erfahren, wie die lutherisch niedersächsische Dame das katholisch sizilianische Leben in Palermo ertragen, genossen oder verabscheut hat?

Man weiß über ihr sizilianisches Leben nicht viel. Einmal wird erzählt, sie sei 1835 verarmt in Palermo verstorben. Dann heißt es wieder, sie sei im Dom von Palermo begraben worden. Soo arm kann sie dann auch wieder nicht gewesen sein.

Ernst Ludwig von Lenthe hat es im Leben nicht zum Fürsten gebracht, wohl aber hat ihm 1806 der Komponist August Kollmann sein opus 6 gewidmet: „The shipwreck“

Ob darin ein Solo für Trómpeter vorkam?

 

Der Fluch der bösen Tat

The Mayo Football Curse

In Irland wird „Galic Fotball“ gespielt, eine Mischung aus Fußball und Rugby. Natürlich gibt es den „All Ireland Cup“.

Den gewann die Mannschaft aus dem nordwestlichen County Mayo zum letzten Mal im Jahr 1951, und das kam so:

Nach dem Finale fuhr das siegreiche Team auf einem Lastwagen in die Heimat zurück, und als man die kleine Stadt Foxford kreuzte passierte das Schreckliche:

Auf der Hauptstraße hatte sich ein Zug gebildet, der einen verstorbenen Bewohner des Städtchens zum Friedhof hinaus begleiten sollte.

Der gute Anstand gebietet es, dass wer sich dem Leichenzug schon nicht anschließt, wenigstens stehen bleibt und dem Verblichenen seine Reverenz zeigt.

Nicht so die siegreichen Sportler, sie saßen auf der Pritsche des Lastwagens und feierten ausgiebig ihren Sieg, ohne den Leichenzug auch nur eines Blickes zu würdigen.

Das erboste den Ortspfarrer derart, dass er einen Fluch über die Mannschaft aussprach, dass sie nämlich solange den Cup nichtmehr gewinnen sollte, bis der letzte Spieler des Siegesteams von 1951 gestorben sei.

Tatsächlich wurde seither der „All Ireland Cup“ nicht mehr ins County Mayo getragen.

Man hat die damaligen Spieler interviewt, die natürlich alles abstritten: Da wäre gar kein Leichenzug gewesen, wenn man ihn gesehen hätte, hätte man dem Toten natürlich die Reverenz erboten, alle Spieler seien ja schließlich gute Katholiken.

Der Schuss ging allerdings nach hinten los:  Ganz Irland glaubte ihnen, dass sie nichts gesehen hätten, denn sie hatten auf der LKW Pritsche nicht nur gefeiert, sondern insbesondere haltlos gesoffen…

In diesem Jahr war das Mayo Team wieder im Endspiel – und verlor das Finale zum neunten Mal!

Es gibt noch zwei Überlebende der mit dem Fluch belegten Mannschaft: Dr. Padraig Carney lebt vorsichtshalber in den USA, aber der todesmutige Paddy Prendergast lebt nach wie vor in Mayo und behauptet, wenn da ein Leichenzug gewesen wäre, hätten sie ihn gar nicht sehen können, weil sie nicht über die Bordwand der LKW Pritsche hätten schauen können. Klar nicht, meint ganz Irland und macht die internationale Bewegung für saufen mit dem Daumen und dem kleinen Finger.

Die Bewohner von Mayo sind die Geschichte langsam leid, sie wollen den Cup endlich haben, und versichern wenig glaubwürdig, Pedraig und Paddy müssten nicht um ihr Leben bangen. Die Fans sind allerdings bereits jetzt so gierig auf den Cup, dass sie sogar ihre Schafe in den Farben des Mayo Teams rumlaufen lassen. Die Mannschaft aber weint.

Wenn der letzte der beiden Überlebenden stirbt, da bin ich sicher, wird man in Mayo County feiern, nachdem man, es sind ja alles gute Katholiken, dem Verstorbenen die Reverenz erwiesen hat.

Hans, königliche Hoheit

 

Als mein Vater gestorben war, flog ich öfters von Palma nach Deutschland, um meine Mutter zu besuchen. Einmal schlug sie vor, wir sollten am Abend vor meinem Heimflug nach Würzburg fahren, in der „Stadt Mainz“ zu Abend essen, und dort auch übernachten. Mein Patensohn studierte damals in Würzburg, den lud ich dazu. Er schaute auch noch zum Frühstück vorbei und irgendwie merkte ich, dass meine Mutter nervös wurde. Sie brachte mich zum Bahnhof, ja sie begleitete mich sogar auf den Bahnsteig, was vollkommen unüblich war, denn sie hasste Abschiede.

Als der einfahrende Zug schon angekündigt war, gestand sie mir mit roten Bäckchen, sie habe einen Verehrer. Nun bin ich ja ein Mensch, den sein schlechter Charakter auszeichnet, und so fragte ich meine Mutter nicht, wer es denn sei, vielmehr umarmte ich sie und sagte, dass ich mich sehr für sie freuen würde. Der Zug  war eingefahren ich stieg ein, zog das Fenster herunter, das konnte man damals noch, und winkte meiner Mutter zu.

Diese rief, ja schrie nun in das Getöse von Lautersprecherdurchsagen und zuklappenden Zug Türen:

„Aber es ist doch der Großherzog von Mecklenburg!“

Die beiden trafen sich oft in Hemmelmark an der Ostsee, wo er wohnte und machten auch gemeinsame Reisen. Meine Mutter blühte auf und wirkte manchmal wie ein 15jähriges Mädchen. Wir freuten uns alle für sie, nur meinem ältesten Bruder war die Sache ein Dorn im Auge.

Als wir Geschwister uns einmal trafen, meinte er, der „Affär“ müsse entweder ein Ende gesetzt, oder aber sie müsse einer Ehe zugeführt werden.

Ich nahm das Thema sofort auf und argumentierte, er sei ja der Erbe unseres Vaters und wir anderen Geschwister seien die Erben unserer Mutter. Der Großherzog habe ja bekanntlich keinen männlichen Nachkommen, wenn es also zur Adoption käme, dann sei ich als ältester männlicher Erbe unserer Mutter dran.

Die Frage einer Eheschließung wurde nie wieder angesprochen. Ich nehme an, dass die Vorstellung, mich mit „königliche Hoheit“ ansprechen zu müssen, meinem Bruder den Schlaf geraubt hat.

Ich habe die Geschichte meiner Mutter kurz vor ihrem Tod während eines der seltener werdenden „lichten Momente“ erzählt. Sie hat so gelacht, dass ich befürchtete, sie werde ersticken. Sie hat den Lachanfall nur wenige Wochen überlebt.

 

 

Blumen im Po

In Berlin läuft gerade eine etwas abstruse Hieronymus Bosch Ausstellung in einem abgelegenen Haus mit Einschüssen aus dem Krieg. Das ist schon sinister genug, die Multi Media Show allerdings im abgedunkelten Raum mit furchteinflößender Musikuntermalung gäbe dem geprüften Besucher den Rest, fände man dort nicht immer wieder Ausschnitte aus dem „Garten der Lüste“ einem den bekanntesten Gemälde von Don Hieronymus. Darauf findet man in der unteren Mitte einen gebückten Herrn, dem eine Blume aus dem Po wächst.
Wenn man in Spanien von jemandem sagt „este tiene en el culo flores“, dann meint man damit, dass er Glück habe, ja, sein ganzes Leben lang vom Glück verfolgt werde.
Jeder kennt eine oder einen, der immer unverschämtes Glück hatte, der fröhlich pfeifend den Gefahren des Lebens ausweicht und mit schlafwandlerischer Sicherheit immer dann „hier!“ schreit, wenn mal wieder ein Stückchen Glück ausgeteilt wird.
Ich empfinde mein Leben als eine solche Kette von glücklichen Aneinanderfügungen, und nun wird dem geneigten Leser auch klar werden, weshalb ich oben von einem „gebückten Herrn“ schrieb.
Es lohnt sich einen positiven Blick nach hinten zu werfen. Der eine hat mehr Glück gehabt, der andere weniger, aber wenn wir ehrlich sind, waren die guten Stunden in der Mehrzahl.
Neulich traf ich per Zufall einen Freund wieder, mit dem ich im Jahr 1971 Kreta bereist hatte. Er frug, ob mich das Leben denn gut behandelt habe? Ich konnte nur ja sagen und dieses „ja“ hat mir bewusst gemacht, wie sehr ich glücklich war und deshalb allen Grund habe, auch jetzt glücklich zu sein.
Natürlich gab es auch dunkle Tage, besonders dann, wenn mich Leute betrogen haben, aber da war ich meistens selbst schuld und hätte mir als Anwalt eigentlich das Lehrgeld zurückgeben lassen müssen.
Glück ist etwas Unerfassbares. Das heißt aber nicht, dass man nichts dafür tun könne. Zum Beispiel führt das Lachen geradewegs zum Glück. Oder, bitte melden, wer kennt einen glücklichen Miesepeter?

¡Vaya vergüenza!

„Las rotondas son una cosa que no va con el caracter español.” Me lo dijo mi gran amigo Pablo Bonet y la prueba lo pudimos ver ayer en el Parlamento.

En España los politicos prefieren, que dos camiones se destrozan en una accidente frontal en vez de desviarse un poco y evitar así daños mayores.

Si de las elecciones sale un parlamento con cuatro grandes partidos, en cada país normal (con la salvedad de Béligica) los parlamentarios saben, que tienen que formar un gobierno de calición. En España ni lo ven ni lo saben.

Si en el PP tienen un presidente que no ha aprovechado la comoda mayoría durante la última legislatura, que va ligado con los casos de corupción, tienen que cambiar el lider. En cada partido normal será esto el primer reflexo de los jovenes . Pero sigue imperando la Ley Alfonso: “Quien se mueve, no sale en la foto.”

Miedo va aparejado con la falta de responsabilidad. Lo que pasa en España primero es una vergüenza y luego la manifestación de la insalvable, inmensa e insana falta de responsabilidad de los que se dedican a la política.

BREXIT Idioten

Ein Schauer der Ehrfurcht wehte durchs Klassenzimmer, wenn unsere Lehrer vom Vorbild des Parlamentarismus sprachen, der uns in Westminster vorgelebt wurde. Das britische Parlament! Die Redegewalt ihrer Mitglieder, die vorzügliche britische Politik, die immer dafür sorgte, dass die Gewichte auf dem Kontinent mehr oder weniger ausgeglichen waren. Gleichzeitig hatte man ein Weltreich aufgebaut, das das römische Imperium und das Reich Karls IV, in dem die Sonne nie unterging, in den Schatten stellte. Mich hatte die Lehre vom Vorbild Großbritannien so sehr geprägt, dass ich die britischen Krimis als reine Fiktion ansah und als Anwalt auf Mallorca wirklich erschreckt war, als ich merkte, dass UK Gangster in keiner Weise anders sind als alle anderen Gangster auch. Das Vorbild hatte natürlich auch sein Gegengewicht, das waren in den Augen unserer Lehrer in erster Linie die Anrainerstaaten des Mittelmeers, wo von Lissabon über Madrid bis Athen Militärs regierten und in Italien Regierungen immer nur ein paar Monate hielten.

Spätere Vor- und echte Urteile sagten uns, dass spanische Politiker korrupt sind, ihre italienischen Kollegen schmieden andauernd Ränke und die griechischen Staatenlenker bringen nichts auf die Reihe.

Dass wir nun lernen, dass die idiotischsten, die unverantwortlichsten Politiker Europas auf den britischen Inseln wohnen, ist ein echter Schock. Keiner der führenden Brexit Anhänger war wirklich für den Austritt, und dieser Nigel Farage machte sich auch sehr schnell vom Acker, als er merkte, was er da angestellt hatte.

Wissentlich haben Boris Johnson und Konsorten das Wahlvolk belogen und so einen Wahlausgang herbeigeführt, den sie nicht wollten. Es ging Cameron und Johnson doch nur darum, wer den anderen über den Tisch ziehen kann.

Das ist schon verantwortungslos, ja ruchlos genug.
Nun stellt sich aber heraus, dass die Brexit Befürworter alle miteinander nicht einen Hauch von Ahnung davon haben, wie der Brexit denn vonstattengehen soll, und was danach passieren wird. Sie haben einfach keinen Plan gemacht, sie haben nicht einen Moment lang überlegt.

Dass so etwas an Dilettantismus im vorbildlichen Vereinigten Königreich geschehen könnte, hätten sich unsere Lehrer nicht träumen lassen und, ich ehrlich gesagt, auch nicht.
Wenn die britische Politik das Volk derart ausnützt, ja vorführt, dann degradiert sie den mündigen Bürger zum Stimmvieh.

Die Wiege Europas – ein Gefängnis

Gestern trafen sich Merkel, Hollande und Renzi auf der italienischen Insel Ventotene. Dort haben Pertini, Spinelli und andere das Manifest „Für ein freies und vereintes Europa“ verfasst. Sie waren dort als Gefangene Mussolinis festgesetzt. Das Gefängnis befindet sich nicht auf Ventotene, sondern auf einem Felsklotz etwas östlich davon, auf der Insel Santo Stefano.

Das Gefängnis wurde 1795 erbaut, Architekt war Francesco Carpi. Es war das erste Gefängnis, das mit einem Konzept gebaut wurde: Es sieht aus wie ein oben gedeckeltes U. Der „Deckel“ diente als Verwaltungsgebäude, die Zellen befanden sich im U selbst. Nun könnte man denken, ein Gefängnis mit Meerblick habe zumindest, was den Meerblick angeht, sein Gutes und Schönes. Hier aber kommt das Konzept ins Spiel: Der britische Philosoph Jeremy Bentham hatte die Idee entwickelt, Gefängnisse aber auch Fabriken so zu errichten, dass sie von einem zentralen Überwachungsturm im Idealfall von einem einzigen Menschen überwacht werden konnten. Der Blick nach draußen war verwehrt, indem die Fenster so weit oben angebracht waren, dass zwar Licht hineinkam, der Häftling aber nicht hinaussehen konnte. Die Idee hat bis in unsere Tage den Bau von Gefängnissen beeinflusst, man denke nur an die strahlenförmigen Haftanstalten „Modelo“ in Madrid und die JVA Moabit: wo die Zellentrakte in der Mitte zusammenkommen, das ist der Ein-Mann-Überwachungsturm.

Im Falle von Santo Stefano beinhaltete das Konzept auch, dass angenommen wurde, der Gefangene, der keinen sehnsüchtigen Blick auf´s Meer werfen kann, sondern nur den zentralen Überwachungsturm anstarrt, gehe eher in sich, da er ja nicht abgelenkt werde. Das war wohl ein Denkfehler.
Erstaunlich, ja erschütternd ist, dass die Italiener dieses Gefängnis erst 1965 aufgegeben haben.

Die Gefängniswärter wohnten mit ihren Familien auf der Insel Ventotene, sozusagen dem Vorhof zur Hölle.
In der Hölle selbst machten sich die antifaschistischen Widerständler Gedanken über die Zeit nach Mussolini, was angesichts der Trostlosigkeit ihrer Lage beachtenswert ist.

Zwölfjähriger Bomber – Wut gegen Religionen

Zunächst ist es eher unwichtig, ob es tatsächlich ein zwölf-bis vierzehnjähriger Bub war, der sich und eine riesige kurdische Hochzeitsgemeinde in die Luft gesprengt hat.
Dass wir die Darstellung für wahrscheinlich

alten, zeigt, wie sehr sich unsere Gehirne daran gewöhnt haben, das Schlimmste, das Perverseste für möglich zu halten.

Wenn hier wirklich ein zwölfjähriger Bub gehandelt hat, dann ist der Plan auf jeden Fall nicht auf seinem Mist gewachsen und er wurde ebenso missbraucht, wie all die anderen Selbstmordtäter, die nur vermeintlich, da volljährig, aus eigenem Willen handelten.
In mir wächst eine unbändige Wut gegen die Religionen, ja gegen alle Religionen. Mal ist es die, mal die andere, aber alle tendieren sie dazu, uns zu missbrauchen. Der Zwölfjährige bezahlte den Missbrauch mit dem Leben, Messdiener kommen mit einem lebenslangen Trauma davon. Ich kenne keine Religion, die im Lauf der Geschichte ihre Gläubigen nicht missbraucht hätte.
Da scheint ein „systemischer“ Fehler allen Religionen innezuwohnen.

Es ist ja so, dass niemand per se eine Religion braucht. Ihre Mitarbeiter, nennt man sie Priester, Imame, Rabbis, Gurus oder Popen, produzieren nichts, vielmehr kosten sie einen immensen Haufen Geld, den die Gesellschaft geduldig zahlt. Sogar das durchaus segensreiche diakonische Wirken der Kirchen wird zu mehr als 90 % aus Steuergeldern finanziert.

Wieso wollen wir dennoch, dass es Religionen gibt? Zunächst herrscht da die Angst. Die Ungewissheit, was nach dem Tod geschieht, geht ja paarweise einher mit der ebenso großen Ungewissheit, ob es Gott gibt. Da ist eine Rückversicherung Nervenbalsam, und wenn man nicht mehr weiter weiß, weil Frau, Kind oder Freund krank oder in Not sind, dann erinnert man sich halt doch wieder ans Beten.

Seit Monaten geht mir die Frage meines Sohnes nicht aus dem Kopf, der wissen wollte, wieso ich an Gott glaubte, wenn ich doch meinen Kindern immer gesagt hatte, man müsse sein Denken auf die „ratio“ bauen. Wie also könne ich an Gott glauben, wenn mir mein Verstand sagt, dass es ihn nicht gibt.
Ich habe lange keine Antwort gefunden, es sei denn die wachsende Wut, von der ich oben schrieb.

Man darf aber davon ausgehen, dass die Tatsache, dass die Mehrheit der Menschen irgendeiner Religion anhängt, zumindest der Befriedigung eines Bedürfnisses geschuldet ist. Das Bedürfnis nach Gott ist aber kein Grund, anzunehmen, dass es Gott auch wirklich gibt.

Skeptiker sagen, das Bedürfnis nach Gott sei von denen, die von der Religion leben, seit Jahrtausenden geschickt lanciert worden, indem Angst vor dem sicheren Ungewissen, dem Tod, durch Angst vor dem nicht sicheren Ungewissen, nämlich Gott, kompensiert wurde.
Da spricht Einiges dafür, zumal dann, wenn man die salbadernden, die verbietenden, die selbstgerechten und die eifernden Gottesdiener im Auge hat.

Es gibt aber auch die Idee, dass das Bedürfnis nach Religion angstfrei ist. Wenn ich eine Messe von Bruckner höre, wenn ich die Basilika von Vierzahnheiligen besuche, oder wenn mir die Johannes Passion die Tränen in die Augen treibt, dann habe ich nicht den leisesten Zweifel an der Existenz Gottes.

Ich komme deshalb immer mehr zu dem Ergebnis, dass es keine allgemein gültige Religion oder Kirche gibt. Aber es gibt einen einzigen Gott, der in den verschiedenen Regionen dieser Welt einen anderen Namen hat, und der auf unterschiedlichste Weise verehrt wird.

Dieser Gott ist nicht wirklich existent. Seine Existenz ist individuell. Je mehr jeder Mensch das Bedürfnis hat, dass es Gott gibt, desto mehr ist er für diesen Menschen real.
Seit ich das weiß treibt mich die Frage meines Sohnes nicht mehr um.

Berliner Os(t)asen

Neulich war ich mit meiner Tochter in Weißensee. Wir suchten einen spanischen Schreiner, der am Telefon zugesagt hatte, für sie ein Möbel aus Paletten Holz zu bauen, damit aber um Verrecken nicht fertig wurde (mañana).

Wir landeten in einer imponierenden Industrielandschaft mit der Handschrift guter Architektur aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Berlin ist voll davon, nicht umsonst war die Stadt bis zum zweiten Weltkrieg die größte Industriestadt Europas. Im Westen ist gibt davon die Siemensstadt beredtes Zeugnis, im Osten sind es mittelgroße Fabriken umgeben von den Häusern, in denen die Arbeiter wohnten.

Unseren Tischler suchten wir in einem riesigen Klinkerbau, allein die Gänge waren fünf Meter breit. Vom Tischler keine Spur. Plötzlich tat sich eine Stahltür auf und ein bärtiger etwas linkischer junger Mann erschien auf der Bildfläche.

„Soy Paco“. Wir begrüßten uns und dann führte er uns in die Eingeweide des Kolosses, wo er seine Werkstatt hat. Durch finstere Gänge, mit geheimnisvollen Stahltüren arbeiteten wir uns vorwärts.
„Lo ha construido Hitler“, murmelte Paco fast entschuldigend. ¿Con sus propios manos?.

Paco grinste und dann waren wir auch schon an seiner Werkstatt angekommen. Tatsächlich stand dort ein Möbel aus Paletten Holz. Meine Tochter war beglückt, der Schreiner froh und seine Mutter, die im Hintergrund ein anderes Möbel lasierte, murmelte etwas von „buen chico“.

Als unsere Kinder noch klein waren, gab es im spanischen TV die Sendung „Fraggle Rock“. Im Vorspann wuselten immer fleißige Männeken herum, die in Höhlen arbeiteten. So muss man sich die Atmosphäre vorstellen.

Durch gewundene Gänge führte uns Paco „auf einem anderen Weg in unser Heimatland zurück“. Gleißendes Licht und ohrenbetäubender Krach empfing uns. Auf dem Hof stand ein Mercedes mit allen Türen sperrangelweit offen. Heraus dröhnte Discomusik Typ „volle Dröhnung“
Sofort erschien ein tätowierter Mann mit einer Piccolo Flasche Rotkäppchen in der Hand und lallte freundlich fragend, ob uns die Musik störe.

„Die Muckke stört mir überhaupt nich“ sagte meine Tochter und schon hatte der Tätowierte sie ins Herz und bald auch in die Arme geschlossen. Er fragte sie, ob ich mit ihm ein Bier trinken dürfe. Mit zugekniffenem Auge versicherte er mit, man müsse immer die Ehefrauen fragen. „Das ist mein Vater!“ Es war ihr sichtlich peinlich.
Der Kerl brabblete daraufhin „Unverständlichet aber Freundlichet“. Ein Afghane kam vorbei, hörte kurz rein und sagte dann: „Mein Deutsch ist besser“.

Es gelang uns, zu vermeiden mit auf die „Spaßmeile“ mitgenommen zu werden. Dort war in einem umzäunten Areal doch tatsächlich eine Oase aus freilaufenden Schafen, Strandkörben, Eisschränken, Grillplätzen und Sonnenschirmen um einen Pool entstanden – ein Idyll.

Beim Wegfahren kamen wir an einer anderen Klinker-Fabrik vorbei. Dort sollen nun Wohnungen entstehen, so wie in der Zigarettenfabrik, in der wir leben. Sehr beeindruckend fanden wir die riesige Glaskuppel über dem Treppenhaus.
Ich kann nur dazu raten, solche Ausflüge Berlins Neben-Welten zu machen.

Münchner Grant vs. Berliner Schnauze

Lange habe ich in München gelebt, vor einer Ewigkeit, in den 70er Jahren. Der „Grant“ der dortigen Bevölkerung hat mich damals begleitet, womöglich verfolgt.  Eben halt so wie jeder, der dort an der Isar wohnte oder wohnt, sich mit diesem Phänomen auseinander setzen muss. Der Münchner Grant hat etwas von „noli me tangere“: Komm mir nicht zu nahe.  DerErden Last drückt mich schon genug, als dass jetzt noch von mir erwartet werden könnte, freundlich zu sein. Der Grant ist ein künstlich aufgebauter und sorgsam gepflegter Paravent, hinter dem man seine „königlich bayerische Rua“ pflegt.

Aber was ist die Berliner Schnauze, mit der man hier angeraunzt wird? Sie dient auch der Abwehr gegen den, der droht, zu nahe zu kommen. Allerdings kommt das nicht defensiv daher wie der Grant. Der Berliner raunzt den Unbekannten durchaus aktiv an, er wirkt belehrend. „Wie kannst du es wagen, mich für meschugge zu halten?“  Niemand hat das angenommen, aber der Eindruck kommt zurück, als sei das eigene Auftreten, die eigene Existenz eine permanente Offensive gegen das Selbst(wert)gefühl des homo berlinensis. Es scheint, als ob diese Spezies Mensch ständig mit der Zurückweisung konkreter oder abstrakter An- oder Eingriffe beschäftigt sei.  Quasi als „coda“ wird abschliessend drangehängt: „Selbst meschugge!“