Moishe Pischeles

Es stehen drei Juden im polnischen Stedl zusammen. Da kommt gravitätisch streitend ein vornehmer Herr im schweren Zobelmantel vorbei.

„Das ist Maurice de la Fontaine, ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann“, sagt Schmul.

„Naja“ entgegnet Herschel, „er hat sich heraufgearbeitet, als wir gemeinsam die Banklehre machten, hieß er noch Moriz Wasserstrahl.“

„Nu“, meint Aaron, „ich hab‘ ihn noch gekannt als Moishe Pischeles“.

Wie fast alle jiddischen Witze hat auch dieser eine Vorgeschichte: Als die polnischen Juden durch die andauernden Teilungen des Landes mal preußisch, mal russisch, mal österreichisch wurden, reichte der Vatername, etwa Moses Abrahamsohn, nicht mehr aus, „richtige“ Nachnamen mussten her. Die jeweiligen Beamten aber machten sich einen Spaß daraus, den jüdischen Neubürgern blöde, spaßige oder erniedrigende Nachnamen zu geben.

Nur zu gut ist zu verstehen, dass viele Juden, sobald sie es sich durch sozialen Aufstieg leisten konnten, diese Namen loswerden wollten. So war es im vorvergangenen Jahrhundert üblich geworden, den Nachnamen zu ändern, zu „dignifizieren“, wofür der obige Witz ein wunderbares Beispiel ist.

Der reiche Schatz an jiddischen Witzen ist in jüdischen Familien stets präsent, und so ist und war es üblich, Menschen durch ein Witzzitat als Person darzustellen, auch dann wenn die äußeren Umstände wirklich nicht danach waren. Als in einem KZ einer der Gefangenen ein Orchester aufbauen wollte, hieß er selbstverständlich sofort Moishe Kalisch. Und das kam so.

Samuel Seligmann, er wohnt im polnischen Stedl, besucht seine zu Geld gekommene Verwandtschaft, die sich in Breslau assimiliert hat, das heißt, man hat jüdische Gepflogenheiten durch solche der christlichen Umgebung ersetzt. So veranstaltet man im Haus der Verwandten eine Soiree, ein Quartett spielt Mozart. Samuel steht verloren in einer Ecke, da erbarmt sich seiner eine der eingeladenen Damen und fragt ihn: „Sind sie musikalisch?“ „Nein, ich bin nicht der Moishe Kalisch, ich bin der Samuel Seligmann.“

Und noch eine wunderbare Geschichte: Max Liebermann hat die Familie des Bankiers Soundso portraitiert. Als das Bild fertig ist, ergeht Einladung und „tout Berlin“ erscheint in der Villa des Herrn Generaldirektors. Man steht vor dem Gemälde, auf dem der Hausherr samt Frau, Kindern und dem Schoßhund der Hausfrau dargestellt sind. Vor Ehrfurcht erschauernd steht die Menge der Gäste schweigend vor dem Meisterwerk. Da tropfen in die Stille die kargen Worte: „Der Tate ist gesind, der Hund ist gesind…“ Schallendes Gelächter, das Bild wurde nie wieder öffentlich gezeigt.

Dahinter verbirgt sich der folgende Witz:

Abe Mendelsohn fährt nach Frankfurt, er muss zum Arzt. Der sagt ihm, er benötige eine Urinprobe. Er möge in die Apotheke gehen, dort werde man das Weitere veranlassen. In der Apotheke gibt man dem Mann ein Fläschchen, in das er bitteschön hineinpinkeln möge. Im Übrigen koste das zwanzig Mark. Abe findet das teuer und bittet sich Bedenkzeit aus. Einige Tage später kommt er zurück und übergibt dem Apotheker zusammen mit einem Zwanzigmarkschein das bis oben gefüllte Fläschchen. Er werde auf das Ergebnis warten. Am Abend kommt er wieder und erfährt vom Apotheker zu seiner Freude, alles sei in Ordnung. Abe stürzt darauf zum Telegrafenamt und kabelt nach Hause: „Die Mame ist gesind, der Tate ist gesind, der Joschele ist gesind, der Hund ist gesind.“
Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele Mitmenschen in Deutschland gar nicht wissen, welchen reichen Schatz an Kultur, an Esprit und an Weisheit wir durch den Holocaust zerstört haben.

 

Denn wo die Begriffe fehlen…

…stellt schnell ein neues Wort zur rechten Zeit sich ein.

Ja, was wären wir ohne unseren guten alten Goethe?

Bisher wurde dieses Zitat benutzt, wenn Mord auf einmal „Endlösung“ hieß, wenn Massenentlassungen plötzlich „Freistellungen“ waren oder wenn die Propagierung des Schießbefehls an deutschen Grenzen „ausrutschen auf der Computermaus“ genannt wurde.

Ein bisher gebräuchliches Wort wurde durch ein neues ersetzt, das den ursprünglichen Sinn vernebelte, ihm aber nichts von dem nahm, was es wirklich ausdrücken wollte. Jetzt sind wir einen Schritt weitergekommen, und, jeder hat es gemerkt, es handelt sich um einen Fort-Schritt.

Eine Rose ist eine Rose, eine Rose ist eine Rose. Das galt bis 2016. Dann kamen 2017 und Theresa May, die, mutig geworden durch überseeische Ereignisse, klarmachte, dass „Brexit heißt Brexit“ nicht etwa „Brexit heißt Brexit“ bedeutet, sondern „Ihr könnt uns alle mal.“ Damit blieb sie noch im Geltungsbereich des Goethe-Zitats.

Nun aber hat gestern Kellyane Convay, eine Beraterin des 45. Präsidenten die Deutungshoheit über Goethe an sich gerissen und gesagt: „Ab jetzt ist das wie folgt zu verstehen: Denn wo die Bilder nicht behagen stellt schnell ein alternativer Fakt sich ein.“

Ich finde das faszinierend: Der in meiner Groß-Familie so gepflegte subjektive Umgang mit der Wahrheit wird zur staatstragenden Doktrin zum Axiom einer „new brave era“

Wenn wir uns gerade daran gewöhnt haben, dass wir aus dem Zeitalter des Faktischen entwachsen sind und uns die Zeit der postfaktischen Wahrnehmung dieser Welt, dieser Zeit und ihrer Läufte zueigen gemacht haben, dann öffnet die Dame aus Washington DC ein großes Tor, und wir befinden uns – schwupp – in der in der atemberaubenden Welt der alternativen Fakten.

Das wird ein Leben! Steuerschulden? Liebes Finanzamt, ich verfüge da über alternative Fakten. Liebling, das war nicht die nette Nachbarin mit mir im Bett, alternativfaktisch, war das garniemand, und mein Personalausweis sagt nur zufällig, ich hieße Hans, eigentlich heiße und bin ich Napoleon. Für Letzteres kam man früher in die Klapsmühle, heute kann man mit so einer Wahrnehmung der Tatsachen einen US Präsidenten beraten.

Der ist übrigens ein Genie: Obwohl er ein Mann ist kann er zwei Sachen gleichzeitig: Eine plumpe, beleidigende Antrittsrede halten und bis 1.500.000 zählen. Wow!

Aber zurück zu den Fakten, beziehungsweise zu deren Alternative. Wir haben es hier mit einem Oxymoron zu tun (Meine Schulzeit war zu teuer, als dass ich mir das hier verkneifen könnte)

So, jetzt ist es gesagt, und wir können zum Normaldeutsch zurückfinden: Alterative Fakten, das ist ein schwarzer Schimmel. Das geht nicht. Das weiß auch Doña Kellyane. Was sie mit „alternative facts“ faktisch meint, also jetzt mal primärfaktisch, dann sind das „Anschauungsweisen“. Nur postuliert sie halt, dass die Anschauungsweise des 45. Präsidenten so zu behandeln sei, als wäre sie tatsachenschaffend.

Trost und Hilfe bieten wie so oft die Weisheit und der Pragmatismus der Franken:

„Ich glaab, äs zwa Pfund Rindfläsch a guda Subbn gibd“

That‘s fact, Mr. President!

 

Mid die Schrödn auf’n Hos’nbod’n

Die Jagd spielt in Franken eine riesige Rolle. Im Winter sind ganze Dörfer wie ausgestorben, weil die einen als Schützen, die andren als Treiber mit „naus die Jachd“ gehen. Zurück bleiben Vorschulkinder, stillende Mütter und Bettlägerige. Wer nicht zum Treiben oder zum Schießen gebraucht wird, dem fällt die wichtige Aufgabe zu, Bratwörschd, Lindensuppe und Bier für die Mittagspause vorzubereiten.

Für eine anständige Jagd muss es bitter kalt sein, dann kommt das Wild nicht so leicht aus der Dickung und entsprechend langsamer kommt es dem Schützen vor die Flinte oder Büchse.

„Büchse? Damit schießt man doch Rehe?“

„Ja.“

„Aber Drückjagden sind doch verboten!“

„Ja und?“

„Unn ausser diesen“, sechd der Bedä, „wenn a Sau kummt, mußt a Büchsn dabei ham.“

Die Kälte dient in erster Linie als Begründung für den doch erheblichen Schnapskonsum vor, während und nach jedem Trieb.

Während die Schützen auf der einen Seite des Waldes zu Fuß Stellung bezogen, wurden die Treiber auf Wagen, die ein Traktor zog und auf denen Strohballen als Sitzbänke dienten, auf die andere Seite gezogen. Es war schneidend kalt, zwangsläufig gingen Schnapsflaschen und Thermokannen umher. Mit auf dem Wagen saß auch Frantek, ein aus dem Krieg übrig gebliebener polnischer Zwangsarbeiter. Einer der Mittreiber fragte den Unverheirateten:

„Frandegg, wie mecht mer a gscheids Kind?“

Frantek verdrehte die Augen, blieb jedoch die Antwort schuldig, die sofort nachgeliefert wurde:
„Nüchdern und mid viel Liebe, mechd mer des! Unn, Frandegg, wie mecht ma a dumms Kind?“ Wieder keine Antwort und darauf:

„Freech a mol dein Vaddä!“ Grohlendes Gelächter.

Frantek hatte einen hellblauen Opel Kadett mit dem fuhr er jeden Samstag ins Puff nach Würzburg. Insgeheim wurde er von den Männern des Dorfes beneidet, weil er diese Ausflüge ohne jegliche Heimlichtuerei unternahm. „Brauch ich Auto für irgendwas, oder?“

Besonders am Nachmittag ging es bei den Jagden zunehmend lockerer zu: Schnaps, Bratwürschd, Bier und „nuch a Schnäbsla“ machten träge und man nahm es nicht mehr so genau mit den Vorschriften, besonders bei den Hasenjagden, wo man mit feinem Schrot die Beute erlegte.

Und es begab sich, dass ein Schütze dem Schorsch versehentlich eine Ladung Schrot auf dem Hosenboden dessen Lederhose entlud. Das war nicht gefährlich, geschmerzt hat es aber doch.

Und so brach der Schorsch das Treiben ab, drehte um und stürzte Rache suchend auf den Mordsschützen zu. Der blieb ganz ruhig stehen und schaute dem Wütenden in die Augen.

Als dessen heißer Atem schon zu spüren war, hob der Schütze die Hand und sagte:

„Schorschla, du wennst kann Spaß verstehsd, bleist daham!“

Das NPD Urteil und die Theorie der „cuatro gatos“.

Großes Entsetzen wegen des Urteils zum NPD Verbot. Die wichtigsten Kommentatoren des Landes schütteln den Kopf. Der informierte Bürger ist entsetzt, sieht gar das Andenken der Opfer des Nationalsozialismus befleckt.

Das Verfassungsgericht hat die Sauerei nicht verboten! Für Viele reduziert sich das Urteil auf diesen sehr verständlichen Satz. Ja, diese Nazis dürfen mit ihrer Sauerei fortfahren.

Aber halten wir die Empörung doch bitte getrennt von dem, was das Verfassungsgericht geurteilt hat.

Es stand zur Entscheidung ob das Grundrecht auf Meinungsfreiheit (Artikel 5 GG) höher steht, als das Recht des Staates, sich vor verfassungsfeindlichen Parteien zu schützen (Art 21 GG).

Ob und wie eine Partei verboten werden kann, regelt das Parteiengesetz. Aus der Systematik wird schon klar, dass das Recht der Meinungsfreiheit, wie gesagt ein Grundrecht, höher steht als das, was das Parteiengesetz regelt.

Die Demokratie muss also schon ganz schön in Gefahr sein, damit eine Partei verboten werden kann.

Die NPD ist das, was man in Spanien „cuatro gatos“, vier Katzen nennt. Also eine durchaus überschaubare Anzahl von Menschen. Diese verfechten verfassungsfeindliche Ziele, okay. Aber sie alle zusammen sind derzeit keine Gefahr für Demokratie und Rechtsstaat.

Wie wichtig ist doch das Wort „derzeit“!

Wenn ich einer von der AfD wäre, würde mich das Urteil ganz erheblich erschrecken: Die Afd ist nicht bedeutungslos, und dass in ihr Verfassungsfeinde arbeiten, ist gerade nach dem Auftritt des AfD Mannes Höcke in Dresden am 17. Januar mehr als offenbar.

Für mich ganz ganz deutlich hat das Verfassungsgericht hier einen Hinweis gegeben:

„Solange verfassungsfeindliches Tun von „cuatro gatos“ betrieben wird, ist das zwar nicht toll, rechtfertigt aber unser Eingreifen nicht. In einer Zeit heranwachsender neuer rechter Kräfte kündigen wir aber jetzt schon an, dass für den Fall dass Verfassungsfeindlichkeit und Bedeutung zusammenkommen, wir sehr wohl einem Antrag auf Verfassungsverbot nachkommen werden“.

Das ist ein beruhigender, ein wunderbarer Eingriff in die Tagespolitik. Seien wir froh, dass wir in einem Land mit einem solch starken Verfassungsgericht, in einem Land mit so gefestigter Demokratie, einem Rechtsstaat leben, der die Ruhe bewahrt.

Vive le Verfassungsgericht!

Schirm und Mund halten

Die männlichen Glieder der Familie Rotenhan haben sich militärisch fast nie hervorgetan. Schön brav zu Hause blieben sie im Dreißigjährigen Krieg, wurden aber in dessen Folge, sehr zu meinem Ärger, evangelisch. Das war politisch opportun, sonst aber nichts.

Auch in den napoleonischen Kriegen tat sich niemand militärisch hervor, man trauerte der verlorenen Reichsunmittelbarkeit und dem verlorenen „Souveränitätl“ nach. Offenbar war das Beschäftigung genug.

Die Bedeutungslosigkeit der Familie Rotenhan ist geradezu legendär. Mein Vater redete sich die Sache schön, als er behauptete, nur bedeutungslose Familien schafften es, 800 Jahre alt zu werden. Damit hatte er insofern Recht, als im Lauf der Geschichte, niemand je auf die Idee gekommen ist, auf die Rotenhans neidisch zu sein und ihnen am Zeug flicken zu wollen.

Doch dann kam das 19. Jahrhundert!

Die großen Konflikte waren ausgeräumt, Europa in eine neue Form gegossen. Wie wir heute mit unserer Nachkriegsregelung dachten die Menschen, der Wiener Kongress habe zwar nicht alles gut geregelt, dafür aber dauerhaft.

Dauerhaftigkeit ist der Feind der Evolution, und nach dem 20. Januar werden wir Gelegenheit haben, dies hautnah miterleben zu dürfen.

Aber bleiben wir im vermeintlich friedlichen 19. Jahrhundert. Da war nach Napoleon zunächst so wenig los, dass sich sogar Rotenhans aus der Dickung wagten. Man wurde Politiker, Staatsbeamter und auch eben Soldat. Plötzlich wimmelte es nur so von Hauptmännern, Oberstleutnants, ja Obristen. Bei festen und Familientreffen sah man Orden, und Lametta, denn einige der Töchter hatten sogar Generäle geheiratet. Man war stolz auf die bedeutenden Schwiegersöhne. Es bohrte aber ein Stachel im Fleische der Familie: Wo blieb der General Rotenhan?

In der Not frisst der Teufel Fliegen, und als Onkel Ludwig am Ende doch noch General wurde, zwar nur der Infanterie und zu allem Elend auch noch im bayerischen Heer, atmete man auf und sah sich endlich aufgenommen in den Kreis der Familien, die das Geschick der Welt auf dem Felde der Ehre formen.

Der Bundeskanzler Erhard hat einmal zum Entsetzen der Presse gesagt „Wir sind wieder wer!“. Damals sagten Rotenhans: „Wir sind wer!“

Die Beförderung zum Generalmayor geschah im Jahre 1905. Schon ein Jahr später reichte Onkel Ludwig seinen Abschied ein. Offenbar hatte es sich bei der Generalswerdung um den sogenannten „goldenen Händedruck“ gehandelt.

Einer der Schwiegersöhne, Wilhelm Freiherr von Egloffstein, war preußischer General, auch nur der Infanterie, dennoch er galt etwas in der Familie. Bis zu dem Tag, als man in Rentweinsdorf eine „Sommerpartie“ vorhatte. Mehrere Leiterwagen mit je zwei Pferden fuhren auf den Schlosshof und Tante Else, die Generalin, organisierte die Verladung von Proviant und Personen. Geschrei und Durcheinander wurden von der durchsetzigen Dame im Zaum gehalten, als etwas Außergewöhnliches geschah: Jemand wagte es, sich einzumischen. Onkel Wilhelm, der Gemahl und General schlug vor, die Kisten mit dem Kirschsaft in den gedeckten Wagen zu laden, wegen der Sonne und so.

Da drehte sich Tante Else zu ihm um, drückte ihm etwas Längliches in die Hand und verwies ihn mit knappen Worten auf den ihm gebührenden Platz:

Du hältst den Schirm und den Mund!

Verlieren wir den Mittelstand?

In der vergangenen Woche habe ich in Palma de Mallorca gearbeitet und dabei wieder einmal festgestellt, dass es unterdessen kein Lokal, keine Autowerkstatt, keine Tankstelle und keine Immobilienagentur mehr gibt, wo nicht mindestens ein Argentinier arbeitet. Das sind meist studierte Leute, die, als sie nach Spanien kamen, wussten, dass sie unter ihrem Niveau arbeiten würden. Zu Hause gab es weder einen Arbeitsplatz noch eine Zukunft. Durch jahrzehntelange Misswirtschaft und Korruption ist dort die Mittelschicht komplett verloren gegangen.

Wenn ich in Deutschland ständig lese, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht und sich ganz besonders auf der Seite der Geringverdiener proportional weiter öffnet, dann besteht langfristig die Gefahr, dass auch in Deutschland und Mitteleuropa die Mittelschicht flöten geht.

Bisher war die Mittelschicht die Mehrzahl der Bevölkerung, die am meisten für das Brutto Sozial Innen Produkt aufbrachte, und die auch am meisten konsumierte. Kurz, das sind die fleißigen Leute, von denen Politiker so gerne sprechen, das ist der Teil der Bevölkerung, der am meisten dafür tut, dass die Wirtschaft floriert.

Das sind die so oft belachten Spießer mit gehäkeltem Klorollenschoner und Wackelhund im Rückfenster. Das sind die vielen Menschen, die sich noch die Hände schmutzig machen, mit denen sie dann die Bild Zeitung halten. Das sind die vielen Frauen und Männer, denen wir früh am Morgen in den öffentlichen Verkehrsmitteln begegnen.

Das sind Mitbürger, denen solche Menschen wie ich, der ich in einem sehr auskömmlichen akademischen Beruf arbeite, dankbar sein müssen. Dass hier in Mitteleuropa alles so wie am Schnürchen klappt, das ist der Mittelschichte zu verdanken. Das sind diejenigen, die nicht nur für sozialen Frieden sorgen, sondern diesen auch halten. Das ist die Basis unserer Gesellschaft. Das ist übrigens auch die Masse der Wähler, die über Jahrzehnte hinweg dafür gesorgt hat, dass Radikale in den bundesdeutschen Parlamenten fast nie etwas verloren hatten.

Dass die AfD nun gerade in diesem Teich fischt, zeigt, wie der Mittelstand merkt, wie sehr er gefährdet ist.

Wenn eine Regierung dies sieht, dies immer wieder aus Gutachten erfährt, und nicht dagegen tut, dann kann, dann muss man mit Fug und Recht von Misswirtschaft sprechen.

In den beiden vergangenen Jahren war das Gezänk über Flüchtlinge stets wichtiger, Putin nahm viel Platz auf der Agenda ein, nun folgt Trump ihm nach.

Da geht das Klein-Klein um den Mittelstand – ich bitte Sie – leicht verloren.

Misswirtschaft eben.

Haben Behinderte ein Geschlecht?

Die Abgeordnete der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, hat zunächst etwas Selbstverständliches festgestellt: Auch Behinderte haben ein Geschlecht.

Dies bedingt, dass Menschen mit Geschlecht, geschlechtliche Bedürfnisse haben, und da scheint die Politikerin in ein Wespennest gestochen zu haben, als sie nämlich nach ihrer vollkommen zutreffenden Feststellung fragte, wie man diese Bedürfnisse am besten befriedigen könne.

Hunger, Durst, Zuneigung und eben auch Sex sind Grundbedürfnisse des Menschen. Hunger und Durst müssen befriedigt werden, andere Bedürfnisse können je nach dem Willen des Individuums befriedigt werden. Betonung liegt auf „nach dem Willen des Individuums“. Nicht andere entscheiden, jeder Mensch entscheidet autonom darüber, wie er seine Bedürfnisse befriedigen will oder nicht, das gebietet Artikel 1 des Grundgesetzes. Danach ist die Würde des Menschen unantastbar. Es kann, es darf daher nicht sein, dass Menschen, deren Lebensbedingungen das Bedürfnis nach Befriedigung des Sexualtriebes erschweren, geschlechtslos leben müssen.

Vor sehr vielen Jahren habe ich einen Film gesehen, in dem ein junger Mann im Lazarett liegt. Das Augenlicht hatte er verloren, der Unterkiefer war ebenso weggeschossen wie Arme und ein Bein. Er wurde künstlich ernährt und liegen gelassen, weil er sowieso bald sterben würde und sein Leben nicht wert war, gelebt zu werden. So sagte der behandelnde Arzt. Und dann kam eine Krankenschwester, die nachts, wenn alle anderen weg waren, diesen geschundenen Körper liebkoste und den jungen Mann geschlechtlich befriedigte. Er würde dadurch nicht länger leben, aber plötzlich hatte sein Leben wieder einen Inhalt. Es war pure Barmherzigkeit der Krankenschwester. Sie wurde natürlich von einer Kollegin denunziert und mit Schimpf und Schande entlassen. Dem jungen sterbenden Soldaten aber hatte man das Einzige geraubt, das ihn noch mit dem Leben auf dieser Erde verband.

Mir gehen die Bilder dieses sehr dezent gedrehten Filmes seit Jahrzehnten nicht aus dem Kopf und sie haben mich gelehrt, dass Zuneigung, Liebe und Sex nicht Privilegien sind, die nur Gesunden zustehen. Nein, es sind Rechte des Menschen, die gleichberechtigt sind mit all den anderen, die er hat.

Frau Scharfenberg regt nun an, der niederländischen Regelung folgend, behinderten Menschen, die dessen ungeachtet selbstverständlich auch sexuelle Begierden haben, von der Krankenkasse bezahlte Prostituierte vorbeizuschicken.

Ein Aufschrei geht durch das Land!

Warum eigentlich? Eine Prostituierte ist doch nicht automatisch eine grell geschminkte, kurzbehoste, langbestiefelte und ordinäre Person. Und wen soll man denn sonst hinschicken? Soll man das Pflegepersonal speziell ausbilden? Soll man es der Familie überlassen? Das ist doch lebensfremder Quatsch!

Es ist gut, dass das Geschlechtliche nicht auf den Marktplatz getragen wird. Alles Intime soll intim bleiben. Das heißt aber nicht, dass die gesellschaftlich akzeptierten Regeln des Umgangs mit dem Geschlechtlichen dazu führen, dass via dieser Regeln entschieden wird, wer Sex haben darf und wer davon ausgeschlossen ist.

 

 

Weinkenner

Mein Großvater in Thüngen war ein bedeutender und engagierter Landwirt, aber vom Wald verstand er nichts. Zwei seiner Schwiegersöhne waren ausgewiesene Forstleute, aber entweder traute er ihnen nicht oder wollte sich vor ihnen keine Blöße geben, jedenfalls ließ er sich von ihnen nicht beraten. Das übernahm für ein wahrscheinlich beachtliches Honorar der befreundete Philipp Stauffenberg. Der kam einmal im Jahr und langweilte meinen Großvater über den Tag hin, denn für ihn war Wald ausschließlich deshalb interessant, weil dort das Wild lebte, dem er als leidenschaftlicher Jäger auflauerte.

Festmeter, Überhälter, Sturmschäden, Borkenkäfer, Holzpreise und Wachstum hatten die beiden hinter sich gebracht, als es dann abends ein „gutes Abendessen“ gab. Keine Brotzeit, sondern ein richtiges Diner. Es wurde bei solchen Gelegenheiten im Schloss in Thüngen enorm aufgetischt, ich erinnere mich an Exoten wie Wachteleier im Salat! Die miese Laune, die mein Großvater den ganzen Tag vor sich hergeschoben hatte, hellte sich auf, denn endlich, endlich konnte er mit Philipp über die Jagd sprechen.

Seltsamer Weise gab es in Thüngen damals nie Frankenwein. Es musste immer ein von der DLG ausgezeichneter Tropfen sein, der Großvater hatte den Posten des Vize-Präsidenten inne. Das Weingut Reichsrat von Buhl in Deidesheim war damals dran, und mein Vetter Schorsch und ich, die wir als Halbstarke beim Diner anwesend sein durften, überlegten uns, wie wir uns eine der Flaschen unter den Nagel reißen könnten.

Die beiden Herren diskutierten gerade, wo man auf der Jagd in Tambach stehen müsse, um am meisten Enten schießen zu können, als Schorsch einen genialen Einfall hatte: In eine kurze Gesprächspause, eher einem Atemholen der beiden Herren, sagte er halblaut aber doch hörbar: „Hans, der Wein hat was.“

Natürlich war der Wein vorher geprüft worden, ob er nach Korken schmeckte, möpselte oder sonst was tat und er war vom Großvater gutgeheißen worden. Nun aber brach Panik aus. „Der Wein hat was“, das ist das Todesurteil für jeden Weinkenner, weil dadurch offenbar wird, dass es mit seiner Kennerschaft nicht so furchtbar weit her sein kann, er hatte den Fehler ja nicht bemerkt.

„Philipp, hat der Wein was?“ Und Philipp Stauffenberg nahm einen vorsichtigen Schluck, rollte den Wein im Mund von links nach rechts, saugte Luft darüber und sann dem Geschmack eine Weile nach. Dann gab er sein Urteil ab: „Ganz am Schwänzle könnt er was haben.“

Sofort wurde der Wein abserviert, die Gläser ausgetauscht und ein gänzlich anderer Wein aus dem gleichen Weingut wurde serviert. Diesmal prüften Philipp und der Großvater den Wein gemeinsam, der natürlich ebenso in Ordnung war, wie der zuvor. Wir aber hatten unser Ziel erreicht: Die angebrochene Flasche und die beiden in Reserve stehenden, wanderten mit uns in die Bastelbude, wo wir uns ganz gehörig einen angesoffen haben.

Der Brummschädel am anderen Morgen konnte das Gefühl des Triumphes nicht überdecken.

Böllern – ist ja nur ein Mal im Jahr

In Deutschland leben in erster Linie vortreffliche Menschen. Billigtextilien werden gemieden, Ihr wisst schon, wegen der Kindernäherinnen in Bangladesch. Nach dem Flug in den Urlaub wird fleissig geradelt und Tram gefahren, weil das mit dem „CO2 carbon footprint“ muss ja irgendwie in Ordnung gebracht werden. Fleisch? Igitt, das ist ja Tierquälerei. Ab und zu ein Hühnerbrüstchen, aber mehr wirklich nicht. Man sollte die Kinder erst gar nicht an Fleisch gewöhnen. Alle fühlen sich als vegane Menschen. Nur  ist das halt so wie mit dem Sozialismus: an der Umsetzung hapert es. Auto fahren ist des Teufels, die meisten Rostlauben stehen nur rum, aber manchmal, wenn die Eltern zu Besuch kommen, fährt man mit ihnen eben doch nach Potsdam und zu IKEA raus muss man halt auch ab und zu. Man lebt, konsumiert, isst, reist, arbeitet, genießt und redet bewusst: Rücksicht, Nachhaltigkeit, Verantwortung, Vorbild, Überzeugungsarbeit, Ehrlichkeit und soziales Engagement, das sich die verschiedenen Banner, die der Normal-Deutsche vor sich herträgt.

„Wir Konsumenten können eben doch etwas erreichen, im Supermarkt gibt es jetzt sogar Hühnchenflügel, weil wir nicht wollen, dass sie nach Afrika exportiert werden und dort den Bauern den Markt versauen“.

Wenn ich mir die Vortrefflichkeit um mich herum so ansehe, dann habe ich der Verdacht, diese Vorzeigemenschen pupsen nur auf dem Klo und dann mit vorgehaltener Hand.

Mit zunehmendem schlechtem Gewissen fahre ich ein bald sieben Jahre altes Auto mit Dieselantrieb. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, stelle ich mir vor, was ich meinen Mitmenschen feinstaubmäßig da so antue. Dann kann ich wirklich überhaupt nicht mehr schlafen. Wie ein grauer Schleier senkten sich die Kilos und Aber Kilos, die ich in diesen sieben Jahren an Feinstaub produziert habe, auf mein Bett und rauben mir Atem, Schlaf und das halbwegs gute Gewissen.

Dann kommt Silvester und Deutschland fällt in eine Feinstauborgie: Von 18 Uhr am Silvesterabend bis 4 Uhr am Neujahrtag werden in Deutschland 15% des Feinstaubs produziert, der im ganzen Jahr anfällt. Fast alle machen mit, die nicht mitmachen, billigen es.

Das ist doch nicht zu fassen: Da werden Milliarden in den Konsum gepresst, der zum großen Teil am Finanzamt vorbeigeht, weil Schmuggelware gekauft wird. Augen, Gesichter, Hände, Balkoneinrichtungen und Autos werden zerstört. Es wird ein riesiger Saustall auf den Straßen hinterlassen, und keiner tut wirklich etwas dagegen. Auf dem Prenzlauer Berg, wo die Vortrefflichkeit erfunden wurde, waren gestern nicht signifikant weniger Böller zu hören, als sonst wo.

Ich fasse es nicht! Wie allumfassend schizophren kann eine Gesellschaft für wenige Stunden werden?

Meine Familie und ich haben uns vorgenommen, immer an Silvester vortrefflich zu sein. Tröten sind auch lustig und Krach machen sie allemal. Aber Null Feinstaub.

 

Pfarrer – ein Traumberuf

Der Erste der Scholle, der Zweite dem Kaiser, der Dritte der Kirche. Mein Urgroßvater hatte es noch so mit seinen Söhnen gehalten und mein Vater hätte an dem Gedanken auch Gefallen gefunden, wäre sein zweiter Sohn nicht durch Knickebeinigkeit und Scheeläugigkeit gepaart mit Hühnerbrust aufgefallen. Er übersprang geistig den Kaiser und so ward ich für die evangelisch – lutherische Landeskirche in Bayern bestimmt. Die Sache hatte allerdings den Haken, dass ich nicht wollte.

Da fügte es Gott und berief Tante Kaula zu sich. Sie hieß eigentliche Tante Carola, hatte einen Buckel und machte uns Kinder „fürchenich“. Tante Kaulas Erbe war wider alle Erwartung mein Vater und so stellte er zu seiner großen Verwunderung fest, dass er unter anderem in den Besitz einer umfangreichen Steinsammlung gekommen war.

Beim Mittagessen verkündete er nun, ich bekäme von ihm die Steinsammlung, wenn ich Pfarrer würde. Ich wollte mir die Sache vorher genau ansehen und erfuhr, die Steinsammlung lagere im Oberen Saal in einer Holzkiste. Das hätte mich schon stutzig machen müssen, denn wer bewahrt seine Diamanten schon in einer Holzkiste auf? Und siehe da, ich hob der Deckel der ziemlich großen Kiste und darin befand sich eine Sammlung geologisch sicherlich interessanter Brocken, vom Glimmerschiefer über Basalt bis hin zu einigen Kalksteinen mit Einschlüssen von Krähenfüßen oder so was.

Ich war enttäuscht, nein, ich war erbost. Mir was klar, dass Pfarrer zu sein etwas Erhabenes ist, schließlich hat niemand einen direkteren Draht zum lieben Gott als Hochwürden der evangelisch – lutherischen Landeskirche in Bayern. Das Lockmittel Glimmerschiefer war klar unpassend, ja grenzte an Blasphemie. Beim Abendessen schimpfte ich wie ein Rohrspatz und mein Vater sah ein, dass er die Sache überdehnt hatte. Man sprach nicht mehr darüber.

Jahre später, ich war bereits im Gymnasium und bemerkte, dass meine Karriere dort nicht wirklich erfolgreich verlaufen würde, da verkündete mein Vater, wer nie sitzenbliebe, bekäme zum Abitur einen neuen Volkswagen. Ich fiel ins Grübeln, denn dass ich den VW nicht bekommen würde war klar. Da fielen mir Tante Kaulas Steine wieder ein und ich machte meinem Vater den Vorschlag, dass ich auch dann einen Volkswagen bekäme, wenn ich Pfarrer würde. Er schlug ein.

Im Dorf verbreitete sich die Nachricht wie der Blitz: „Der Schloss-Hans wird fei Pfarrer.“ Zunächst wurde ich nun zu jeder Beerdigung von Kanarienvögeln, Wellensittichen und Hamstern eingeladen, um den Beisetzungen einen würdigen Rahmen zu verleihen. Die Erwachsenen im Dorf aber hatten ihren Spott mit mir: „Hans, du wirst amol a Lüchnsoocher vo die Kanzl ro!“ oder:“Denna Pfaffn stenn die Händ zwamol wegwärdsich vo de Ärwed, und so a Faulbälz willst du wern?

Ich war erschüttert, zumal ich davon ausging, dass die Erwachsenen die oben geschilderte Erhabenheit des Berufs des Pfarrers mit mir teilten. Immerhin sah ich all diese Lästerer allsonntäglich in der Kirche. Was wollten sie dort, wenn sie das, was der Herr Pfarrer predigte, für Lügen hielten?

Dann fragte mich die sächsische Köchin meiner Großmutter, was der Unterschied zwischen einem Bäcker und einem Pfarrer sei? Auflösung: Der Bäcker backt „Brädchen“ und der Pfarrer „dud brädchen“.

Darüber konnte ich mich schon nicht mehr ärgern, denn die Pubertät begann mit all ihren akustischen und geruchlichen Beschwernissen für meine Umwelt. Für mich hatte die Pubertät den ganz großen Vorteil, dass mir erstmals in meinem Leben alles vollkommen wurscht war. Als ich aus diesem wunderbaren Zustand erwachte, war ich sitzen geblieben und dennoch weiterhin Klassenschlechtester und die Idee, Pferrer zu werden, hatte sich verflüchtigt.

Den (gebrauchten) VW hab ich mir dann beim Kufi in Ebern am Fließband verdient.