CETA, was nun?

Offenbar ist CETA jetzt in trockenen Tüchern und Europa atmet auf, weil die weltweite Blamage unseres Kontinents halbwegs überschaubar geblieben ist.

Viel hörbarer aber atmen die Kanadier auf. Sie verzweifeln allmählich an den Eigentümlichkeiten des Marktes und des Rechtsystems ihres südlichen Nachbarn. Deshalb suchen die Kanadier dringend alternative Märkte. Da bieten sich die unterentwickelten Handelsbeziehungen zu Europa von sich aus an.

Aber Friede, Freude Eierkuchen?

Beileibe nicht! Gerade wir in Europa müssen nun endlich die Pobacken zusammenkneifen und daran arbeiten wieder handlungsfähig zu werden.

Das müsste damit beginnen, zuerst zu denken und dann zu belfern. Siegmar Gabriel hat mit seinem Ausspruch „unglaublich töricht“ die Misere ins Rollen gebracht. Womöglich hatte er ja damit sogar Recht. Als Junker einige Tage nach dem Brexit Votum sagte, der umstrittene CETA Vertrag werde von der EU ohne Mitwirkung der Mitgliedsstaaten unterzeichnet, griffen sich viele an den Kopf. Wenn beide geschwiegen hätten, wären beide weise gewesen.

Allerdings liegt das Übel der EU nicht in einigen Aussprüchen begründet. Man hat den Eindruck, dass weltweit auf einmal die „Vergessenen“ aufschreien und ihre Möglichkeiten zu irritieren entdecken. Die Wähler der AfD, die Wähler Trumps sind deutlich „Vergessene“, die sich bisher ausgeschlossen fühlten oder sich selbst ausgeschlossen hatten. Für Letztere Annahme spricht, dass die Wahlbeteiligung angestiegen ist, seit man AfD wählen kann.

Nun aber entdecken ganze Regionen ihr Irritationspotential und das kann, bei aller potentiellen Berechtigung und unbestreitbarer Legitimität, kein Handlungskonzept für Europa sein.

Auf Ibiza habe ich einmal für einen Klienten von vier verstrittenen Brüdern ein Stück Land mit Haus gekauft. Das gelang erst, nachdem ich mit Wissen des Käufers jedem der Brüder eine halbe Million Peseten gepfötelt hatte. Jedem einzelnen schärfte ich ein, er dürfe den anderen nichts davon sagen, so wäre er der Einzige, der unterschriebe und mehr bekäme als die andern. Es hat geklappt.

So fragwürdig geht es manchmal auf dem EU-Markt zu.

Jetzt sind die Briten draußen. Sie haben nie verstanden, dass die EU mehr ist, als ein vergrößerter Binnenmarkt. Bevor wir jetzt daran gehen, die EU-Instanzen zu modernisieren, muss es gelingen, die Wirtschaft der europäischen Staaten wieder anzukurbeln. Ich sehe da besorgt auf die PIGS Staaten (Portugal Italien, Griechenland Spanien). Einen arbeitslosen Jugendlichen werden wir nie für Europa begeistern. Aber die Rattenfänger, die sich je nach nationaler Konjunktur am linken oder am rechten Rand bewegen, haben mit diesen „Vergessenen“ leichtes Spiel.

Ich bin da mit Helmut Schmidt, der einmal sagte, er sei für ein Prozent mehr Inflation, wenn damit ein Prozent weniger Arbeitslosigkeit erreicht würde. Er selbst wusste, dass das wissenschaftlich wenig fundiert war, dennoch möchte ich diesen Gedanken dem Sparkurs à la Merkel oft entgegenhalten. Sparen kann nur der, der was zum Sparen hat.

Man kann nur hoffen, dass das, was Europa in den vergangenen Tagen und Wochen erlebt hat, ein Anstoß sein wird, damit zu beginnen, wieder an Europa zu glauben und wieder an Europa zu arbeiten.

 

Die Neue Nationalgalerie in Berlin

THE BACARDI PROJECT

Als wir neulich in der Philharmonie waren, liefen wir an der Neuen Nationalgalerie vorbei. Potsdamer Straße eben. Auf unserer Abiturs Klassenfahrt im Jahr 1970 sah ich dieses Gebäude zum ersten Mal. Unser Klassenlehrer, Wolfgang Lohan, der von allen geliebte und verehrte Öppi, war in erster Ehe mit der Tochter von Ludwig Mies van der Rohe verheiratet gewesen. Wenn wir ihn in seiner Wohnung besuchen durften, lümmelten wir, ohne dies zu ahnen, auf Original Barcelona Stühlen herum.

Als wir nach Berlin kamen, besuchten wir das geniale und vollkommen diaphane Bauwerk, das nur auf acht äußeren Säulen steht. Damals fragte man sich in Berlin schon nicht mehr, ob es halten würde, vielmehr wunderte man sich, dass es trotz dieser nur acht Säulen immer noch stand. Öppi verlor kein Sterbenswörtchen darüber wir nah er dem Bauwerk im Herzen war. Es war sein Sohn Dirk Lohan, der später in Chicago die spektakulärsten Wolkenkratzer baute, der als Enkel von Mies van der Rohe sehr eng bei Planung und Ausführung beteiligt war.

Erst viel später hörte ich von der bemerkenswerten Geschichte des Baus. Im Jahr 1957 bereits hatte Mies das Baukonzept eines Museumsbaus ohne Zwischenwände mit außenstehenden tragenden Säulen geplant. Die Rum-Familie Bacardi wollte in Santiago de Cuba darin ihre Kunstsammlung aufbewahren und ausstellen. Daraus wurde aus Gründen, die wir alle kennen nichts, und so schlummerte „The Bacardi Project“ in der Schublade, bis der Schweinfurter Industrielle Georg Fischer (Kugelfischer) den Architekten bat, das Museum in Schweinfurt zu realisieren, er brauche Platz für seine Bildersammlung.

Um es kurz zu machen: Mies van der Rohe reiste nach Schweinfurt und fuhr auch gleich wieder weg. Wer will ihm das verdenken? Er wusste ganz genau, dass dieser sein Entwurf ein Jahrhundertwurf war, und den wollte er nicht in einer unterfränkischen kleinen Industriestadt verwirklicht sehen. Perlen vor die Kugellager, fällt einem dazu ein.

Die Jahre gingen ins Land und dann meldete sich die Stiftung preußischer Kulturbesitz, man brauche ein neues Museum.

Mies war begeistert, er war ja nun auch kein junger Mann mehr und da sah er in dem Berliner Angebot seine letzte Change, „The Bacardi Project“ doch noch zu verwirklichen.

Unter kräftiger Mithilfe des Enkels Dirk Lohan wurde der Bau 1968 fertiggestellt.

Bei der Einweihung, ein Jahr vor seinem Tod, hüpfte der Architekt glücklich wie ein kleiner Junge durch den riesigen Saal, während alle anderen, vorneweg der eigene Enkel, dem Frieden nicht so wirklich trauten. Es handelt sich immerhin um eine Fläche von 2.683 Quadratmetern, die, wir hörten es, nur von acht außenstehenden Säulen getragen wird.

Dirk Lohan berichtet in seinen Erinnerungen, wie er beim Einweihungsempfang stets darauf geachtet habe, dass er sich nicht unter einem der Stahlträger, sondern dort aufhielt, wo die Kassettendecke nach oben einen Hohlraum freigab. Er rechnete sich dort beim zu erwartenden Einsturz des Gebäudes bessere Überlebenschancen aus.

Es ist denkwürdig, wohin sich Dank richten kann.

Ludwig Mies van der Rohe ist tot

Wolfgang Lohan ist tot

Dirk Lohan kenne ich leider nicht

Allen bin ich dankbar

Spaniens Regierung, vielleicht.

Spaniens neue Regierung ist ein „Peutêterli“

Mit diesem wunderbaren Wort bezeichnen die Schweizer diese Gasfeuerzeuge, die mal funktionieren und mal eben nicht. Man weiss es vorher nicht.

Und so ist die angekündigte neue spanische Minderheitsregierung ein klassisches Peutêterli.

Gestern haben sich die Sozialisten auf ihrem Parteikonvent entschieden, sich bei der Investitur von Ministerpräsident Rajoy der Stimme zu enthalten, um so eine Minderheitsregierung aus „Partido Popular“ und „Ciudadanos“ zu ermöglichen.

Das wird nicht ohne Fissuren in der sozialistischen PSOE abgehen. Die Präsidentin der autonomen Region der Balearen hat schon angekündigt, dem Votum der Partei nicht zu folgen. Sie befürchtet zu Recht, dass „Podemos“ aufhören würde, ihre Minderheitsregierung in Palma zu stützen, würde sie hülfe, Rajoy im Amt zu halten. Welcher Politiker gibt schon gerne den Stuhl her, auf dem er sitzt, nur um zu ermöglichen, dass der politische Erzfeind auf seinem Stuhl bleiben kann?

So geht es nicht wenigen Regional-Baronen der PSOE. Die katalanischen Sozialisten schreien „bei drei Tag“ hebe dich hinweg, Satan. Für einen wackeren katalanischen Sozialisten ist eine Regierung der PP gleich zweimal des Teufels: Zum einen, weil die eben konservativ sind und jeder einen Großvater hat, von dem er weiß, dass er gegen den Großvater eines PP-Politikers im Bürgerkrieg gekämpft hat. Und zum anderen ist alles, was aus Madrid kommt, per se für einen Katalanen bäbä, von wegen überhaupt und so.

Nun muss man wirklich zugeben, dass es Rajoy nicht verdient hat, zum dritten Mal Premier zu werden. Während der vergangenen Legislaturperiode regierte er mit absoluter Mehrheit und hat diese politische Konjunktur in einer Weise nicht ausgenutzt, dass es jedem Student der Politikwissenschaft im ersten Semester schlecht wird. Die deutsche Presse schreibt gebetsmühlenhaft, die Rajoy-Regierung habe es geschafft, dass die Wirtschaft wüchse und die Arbeitslosigkeit sinke.

Das ist die Außenansicht.

In Spanien empfindet man diese durchaus bescheidenen Erfolge als dem Diktat von „la Merkel“ geschuldet.

Es wird schwierig werden. Wenn Rajoy wiedergewählt ist, hört das Murren unter den Sozialisten ja nicht auf.

Letztlich spült der ganze Zinnober kurzfristig der„links-alternativ-populistisch-radikalen“ Partei „Podemos“ das Wasser auf die Mühlräder.

Da mag man sich darüber freuen. Ich freue mich darüber nicht, denn Podemos ist eine neue Partei, in der – wie bei der AfD – viele mitmachen, die woanders nichts wurden. Wenn der politische Alltag beginnt, werden auch dort die innerparteilichen Auseinandersetzungen beginnen.

Es ist abzusehen, dass PSOE sich selbst verhackstückt und Podemos bei seinen Wählern an Attraktivität verliert.

Dann gewinnt PP in vier Jahren wieder die absolute Mehrheit und musste nicht durchs Fegefeuer, um dort die Sünden der Korruption zu büßen.

Das kann auch niemandem gefallen.

Erstaunlich und erfreulich ist, wie der junge König aus dieser Schlammschlacht bisher nicht nur unbefleckt sondern gestärkt herauskam.

¡Viva el Rey!

Der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee

 

Der Besuch des jüdischen Friedhofs in Berlin-Weißensee lohnt wirklich. Es ist nicht nur ein landschaftliches und kulturelles Erlebnis. Die Visite macht auch klar, welche Rolle die Juden in Berlin gespielt haben. Mit der Unfassbarkeit der Shoah hat Deutschland nicht nur ewige Schuld auf sich geladen, es hat auch einen wichtigen Teil seiner kulturellen Vielfalt und einen sehr bedeutenden Teil seiner intellektuellen Elite verloren.

Diese Gedanken begleiten den Besucher fast zwangsläufig, während er die Vielzahl der Stelen artigen Grabsteine bestaunt. Natürlich gibt es bei der Gestaltung Moden. Es geht von filigranen schmiedeeisernen Rahmen die die Namenstafeln aus Marmor halten bis hin zu Protzbauten, die von den Stellungen preußischer Panzerhaubitzen nur schwer zu unterscheiden sind.

Und dann findet man das kleine Gedicht an „Meine Rachel“. Es hat mich sehr gerührt.

URNENFLUG

Herr Reger hatte eigentlich eine ganz gute Rente, aber es reichte hinten und vorne nicht. Das hatte einen frommen Grund, denn Herr Reger verprasste seine Rente in Briefmarken. Er sammelte sie nicht, vielmehr kaufte er sie um sie auf ungezählte Briefumschläge zu kleben, die er in alle Welt verschickte.

Herr Reger war davon überzeugt, dass er es sei, der durch hektographierte Briefe in deutscher Sprache, die diversen Kirchenfürsten der Welt zur Einheit der Christen bewegen würde.

An sich ein löbliches Unterfangen. Frau Reger war dennoch sauer. Sie fand, ihr Haus auf Ibiza, in dem das Ehepaar lebte, benötige einen neuen Anstrich, der Gartenzaun müsse gerichtet werden und außerdem wünschte sie sich seit Jahren, das Weihnachtsfest bei ihrer Tochter mit den beiden Enkeln in Deutschland verbringen zu können. Für all das reichte das Geld nicht, weil, wir erinnern uns…

Die Pfarrer der evangelischen Gemeinde auf den Balearen besuchten Regers immer, wenn einer der beiden nach Ibiza kam. Immer versuchten sie Herrn Reger zur brieflichen Kontinenz und damit zur Entlastung der Haushaltskasse zu bewegen, was dieser mit Entrüstung von sich wies, ja wähnte, die Pfarrer steckten mit den „Schismaten“ unter einer Decke.

Eines Tages stellte man bei Herrn Reger eine schwere Krankheit fest, die auf Ibiza nicht behandelt werden konnte. Er wurde nach Palma gebracht, wo er alsbald verstarb.

Die Sitzungen des Kirchenvorstandes fanden damals, wir sprechen von der ersten Hälfte der 80er Jahre, im Gemeindehaus in der Calle Joan Miró statt. Rechts eine Disco, gegenüber ein Freudenhaus, um es kurz zu machen, es war keine adäquate Lage. Heute ist das Haus verkauft, man macht dort dem F-haus gegenüber Konkurrenz.

Nach einer solchen Sitzung des Kirchenvorstandes wurde ich gebeten, Herrn Reger mit nach Ibiza zu nehmen. Mit diesen Worten wurde mir eine schwere Plastiktüte in die  Hand gedrückt. Darauf stand groß PRYCA, etwas kleiner Precio y Calidad. Das war der Vorgänger von Carrefour. Mein fragender Blick wurde belohnt, immerhin. Ja, das sei die Urne von Herrn Reger, seine Witwe erwarte ihn schon.

Am Flughafen wurde die Urne zwar durchleuchtet aber nicht beanstandet, ich hatte gehofft, man werde sie mir dort abnehmen. So kam ich mit der Urne zu Hause an. Meine Frau war nur mittelmäßig erfreut, Herr Reger wurde in der Holzlege zwischengelagert.

In Palma hatte man mir eine Telefonnummer gegeben, die aber nicht die von Frau Reger war, sondern die von Ca‘n Toni, der nahegelegenen Bar. Ich bat, auszurichten, dass am kommenden Samstag ich plus Urne bei Frau Reger erscheinen würden.

Als ich mich dem Haus näherte, wurde ich eines mehrheitlich weiblichen Empfangskomitees gewahr. Es war vorauszusehen, dass man die PRYCA Tüte als des Anlasses nicht würdig empfinden würde, und so packte ich die Urne aus und trug sie gemessenen Schrittes durch den Garten zu den wartenden Trauernden. Ich drückte das Gefäß der weinenden Frau Reger in die Hand. Nein, nein, das sei nicht Frau Reger. Man verwies mich an eine sehr gefasste, ja frohgemute Dame mittleren Alters, die die Urne nahm und mit ihr im Haus verschwand. Eine der Trauernden bat mich nun auf die Terrasse, wo ein Tisch mit üppig Kaffee und Kuchen sowie Sektgläsern gedeckt war. Frau Reger gesellte sich nach kurzer Zeit ohne Urne auch dazu und begann unter Auslassung des Kaffees gleich mit dem Sekt der Marke Segura Viudas. Sie kommentierte dies beim Einschenken so: „Segura Viudas muss reichen, die Marke Viuda Alegre gibt es nicht, und das Geld für Veuve Cliquot ist bei der Post gelandet.“

In der Muckibude

Ich geh jetzt in die Muckibude! So heißt das natürlich nicht, sondern Bewegungsstudio, denn es ist für alte Menschen gedacht. Fitness würde sie verschrecken. Es wird Rückengymnastik angeboten und es gibt auch einen Raum, in dem Kraftmaschinen stehen.

Mir wurde gesagt 50 mal pro Aparillo. Zunächst habe ich das auch brav befolgt, eins – ha, zwei –ha, drei-ha…

Nun ist es ja so, dass Männer nicht zwei Sachen gleichzeitig machen können, zum Beispiel zählen und zuhören. Deshalb war meine Zählerei ganz falsch, denn das Panoptikum, das sich da abspielt, erheischt wirklich die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zeitzeugen.

Zunächst ist da Edith. Ihr Status ist unklar, aber sie ist immer anwesend. Ich nehme an, sie ist die Putzfrau. Da sie sich zu Hause langweilt, bleibt sie halt. Manchmal bringt sie Schmantkuchen mit, damit die abgearbeiteten Pfunde ja nicht verlorengehen. Wenn der richtige Trainer nicht hinschaut, gibt sie Anweisungen wie „Schultern zurücke, Mann.“ Der Mann befolgt das sofort und verdrängt derweil die Sorgen, die er sich wegen Ediths raumgreifenden Busens gemacht hat. Wenn Edith nicht aufpasst, unterhalten sich Herbert und Fritz. Der eine war Chemiker und der andere Straßenbauingenieur. Beide hadern irgendwie mit den Zeitläuften, was ich wie folgt manifestiert:

Ick war ja inner DDR Chemiker. Nu bin ick zu Hause und schau meiner Friedel über de Schulter wennse kocht. Kochen is ja ooch ´n chemischer Vorgang. Ick sare dir eens, wenn wir inner Chemie so jearbeitet hättn, wie meine Friedel kocht, dann wär die DDR schon viel früher pleite jegang. Ick hab vasucht, ihr richtijet Arbeetn beizubiejen. Oh Jemineh, hab ich Senge bezojen! Nu bin ick hier und tu so, als wenn ick träniere. Zu Hause bin ick nich mehr jern jesehn.

Bei solchen Lebensbeichten vergisst man natürlich ruckartig das Zählen.

Es hat Auftritt eine aufgedonnerte Mitsechzigerin, Pauline. Sie dreht immer nur eine Runde auf dem Standrad und berichtet von ihren Venenproblemen. Keiner will das hören und man ist froh, wenn sie fertig ist und von hinnen rauscht.

Na det is ooch so eene. Mit de Venen hatses, aber saufen tut se wie ´n Kanalgitta. Kiek ma aussm Fensta, schon hockt se drübn inner Eckkneipe.

Edith kommt vorbei und ermahnt Herbert die Knie durchzudrücken: Keene halbn Sachn, mein Freundchn. Bist ja nich zum Quatschn hier!

Da irrt Edith, denn genau deshalb sind alle hier. Fritz wundert sich nicht, dass die Kommunen so verschuldet sind: Dett kommt daher, dat se heutzutage nüscht mehr vom Strassenabu vastehn. Haste jesehn, neulich? Vorne ne Maschine, die macht den alten Belag wech, dann kommt lange, lange nüschte, dann feechtt eena und dann kommt wieder so´n Monstrum und kackt den neuen Asphalt uff de Strasse. Hinterher kommt ooch noch ne Waltze. Mann wat soll dat denn? Wir ham dat damals mit zwee Dutzend Mann jemacht. Und wenn wa zum Fertichstellungstermin nicht allet bei Fuss hattn, hamwa noch paar von den Politschen aus Hohenschönhausen anjefordat. Dat jing allet seinen sozialistischen Gang, und jut war et!

Ja,ja, Fritz schwärmt wieda vonner jutn altn Zeit, aber die Knie beinanderhaltn det kannste nich, wa? Das war jetzt wieder Edith.

Die Gebühr von 53 € wird monatlich abgebucht. Mein Abo beim Theater hab ich abbestellt.

Terror, ein krachendes Fehlurteil

Gestern wurde auf ARD, ORF und SRF das Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach gesendet.

Es ging darum, dass der Pilot eines Jagdbombers ein voll besetztes Zivilflugzeug abgeschossen hat, das ein Terrorist in ein voll besetztes Fußballstadion zu lenken entschlossen war. Hat sich der Bundeswehrpilot damit strafbar gemacht?

In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben mehr als 84% der Zuschauer dafür gestimmt, dass sich der Pilot nicht schuldig gemacht hat, der Rest war der gegenteiligen Meinung.

Ich finde das erschreckend, denn es zeigt, dass die Saat der Populisten aufgeht:

In der Schweiz, in Polen und in Ungarn sehen wir, wie die rechten Parteien seit etlichen Monaten verkünden, die Verfassungsgrundsätze müssten sich nach dem jeweiligen Willen der Mehrheit der Wähler richten. Wir sehen es: In der Schweiz sollte das Bleiberecht von Ausländern ausgehebelt werden, in Ungarn ist es die Pressefreiheit, die Genfer Flüchtlingskonvention und in Polen ist es der Verfassungsgerichtshof.

Überall versucht „die Rechte“ unter Berufung auf den Willen des Volkes Garantien des Rechtsstaates abzubauen. Derlei Denken wird vorbereitet indem die Grundrechte, die von allen westlichen Verfassungen garantiert werden, zur Verhandlungsmasse degradiert werden.

Es ist ein in der Geschichte einmaliger Vorgang, dass alle EU Länder sich auf Verfassungsgrundsätze geeinigt haben, eben auf die Grundrechte, die den Bürger vor der Willkür des Staates oder seiner Institutionen schützen.

So ist es keinem Bundeswehrsoldaten, keinem Schrankenwärter und keinem Politiker erlaubt, über das Leben eines seiner Mitbürger zu entscheiden, auch wenn er noch so überzeugt ist, dass er damit andere Menschenleben rettet.

Artikel 1 Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Nach dem gestrigen Fernsehabend habe ich den Eindruck, dass die Mehrheit nicht weiß, was mit der „Würde des Menschen“ gemeint ist. Es ist auch gemeint, dass der Mensch nicht misshandelt werden darf, es ist auch damit gemeint, dass der Staat dem Bürger ein Leben in Würde garantieren muss. In erster Linie ist die Würde des Menschen aber sein Leben selbst. Nicht umsonst steht in Artikel 2,2 GG „In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“

Die Politik war bisher gut beraten, bisher kein Gesetz verabschiedet zu haben, das das Leben, die Würde des Menschen zur Disposition stellt.

Es gibt Diskussionsbeiträge, die meinen, das sei Feigheit seitens der Politik, sie lasse ihre Bürger, wie den Piloten in Extremsituationen allein.

Davon kann keine Rede sein, denn die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt es zu beachten, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Problem ist, dass es offenbar den Schulen, den Unis, den Medien nicht gelungen ist, diesen Grundsatz so zu vermitteln, dass er auch verstanden wird.

Gerhard Baum, der ehemalige liberale Innenminister, ein „rocher de bronce“ im Meer der relativierenden Verfassungstheorien, hat gestern sehr zu Recht immer wieder darauf hingewiesen, dass Artikel 1 unseres Grundgesetzes Ewigkeitsanspruch hat. Das bedeutet, er kann nur durch einen (rechtswidrigen) Staatsstreich abgeschafft werden.

(Ich verweise auf meinen fb Beitrag vom März 2016 zum Theaterstück „Terror“, den ich heute auf meinem Blog

hansrotenhan.com

erneut veröffentlicht habe.)

Terror, Ferdinand von Schirach

Erstmals veröffentlicht auf meiner facebook Seite im März 2016

Im Februar haben wir uns in München in einem winzigen Theater die dortige Uraufführung des Theaterstückes angesehen, das Ferdinand von Schirach unter dem Titel „Terror“ veröffentlicht hat.

Es geht darum, ob ein Bundeswehroffizier den Abschuss eines voll besetzten Flugzeuges befehlen kann, damit mehrere hundert Menschenleben riskiert, aber tausende rettet, denn ohne den Abschuss wäre das Flugzeug von Terroristenhand in die ebenfalls vollbesetzte Allianz Arena in München gestürzt.

Der Clou daran ist, dass nach Beendigung des Stückes das Publikum per Hammelsprung entscheidet, ob der Offizier verurteilt werden soll oder nicht.

Uns wurde berichtet, in Nürnberg werde das Stück zeitgleich ebenfalls uraufgeführt und man sei gespannt, ob dort anders abgestimmt werde, als in München.

Mit uns schaute sich das Stück an mein Freund und Vetter Schorsch, seines Zeichens Doktor der Soziologie. Eines der wichtigsten Merkmale unserer nun schon fast lebenslangen Freundschaft ist, dass wir immer verschiedener Meinung sind. So auch bei der Abstimmung im Theater.

In München gewann eine Mehrheit, die den Offizier wegen übergeordneten Notstandes freisprach. Die Mehrheit hatte sich gegen die Verfassung entschieden, nicht so in Nürnberg. Ich ärgerte Schorsch damit, dass in München wohl mehr Soziologen und Pädagogen anwesend gewesen seien, während in Nürnberg Juristen die Sache entschieden hätten.

DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR (Artikel 1 Grundgesetz).

Es steht dem Menschen nicht zu, abzuwägen, ob die schiere Menge einer Menschengruppe mehr wert sei als die die zahlenmäßig kleinere Gruppe von Menschen. Wer das entscheidet, würde Gott spielen, und einen bis dahin vollkommen ungefährdeten Menschen in Gefahr bringen, um andere Menschen, die bereits in Gefahr schweben zu retten.

Bei Schirach ist die Sache verzwickter, denn die Leute im Flugzeug, würden so oder so sterben. Die Frage ist nur, ob der Offizier die sowieso Totgeweihten durch Abschuss einem früheren Tod „zuführen“ durfte, um so andere zu retten.

Bei aller Verfassungstreue, ich wüsste heute nicht, wie ich im konkreten Fall handeln würde. Ich nehme an, ich würde mich wissentlich strafbar machen, um die Menschen im Fußballstadion zu retten. Da geht einfach der „Mensch“ mit mir durch und die Ratio, die mich in München „richtig“ hat abstimmen lassen, rückt in den Hintergrund.

Das zeigt, wie dünn mein/unser Verständnis der Menschenwürde ist. Hält es einer wirklichen Probefahrt stand? Lassen wir in unserem Leben Lagunen zu, wo die Menschenrechte nur bei schönem Wetter gelten?

Der Zuzug tausender Ausländer aus Ländern, in denen die Bewahrung der Menschenrechte nur auf dem Papier steht, bringt es mit sich, dass wir diesen Menschen nahebringen müssen, was die Würde des Menschen bedeutet, zumal es eines der beliebtesten Machtdemonstrationen unter Diktatoren ist, eben diese mit Füssen zu treten.

Über die Würde des Menschen zu sprechen bedeutet aber auch, selbst zu wissen, was das bedeutet.

Theoretisch weiß ich es und dennoch spüre ich, dass im täglichen Leben es nicht immer dieses Wissen ist, was mich anleitet. Ich nehme an, das geht den Meisten so.

Das ist bedenklich.

In den kommenden Monaten stehen in Berlin und Mc Pom Wahlen bevor, im kommenden Jahr auch im Bund.

Wäre vielleicht mal ganz interessant, die einzelnen Kandidaten danach abzuklopfen, wie sie es mit der Menschenwürde halten.

Tierfreunde

Heute fand ich auf meinm facbook Account einen Beitrag, in dem eine mir nicht bekannte Dame, Roswitha Erhardt, schrieb, sie würde den Menschen umbringen, der ihrem Haustier etwas antut.

Ich fasse es nicht! Wie kann man nur so grandios doof und gleichzeitig abgrundtief böse sein?

Ich habe ja gar nichts gegen Tierschützer, ich habe auch nichts gegen Tierliebhaber, aber ich kann diejenigen dieser Spezies nicht aushalten, die Tiere vor Menschenleben stellen.

Wenn man als Jurist darauf hinweist, ein Tier sei nach dem BGB eine Sache, dann ist das sicher nicht sehr geschickt, entspricht aber der aktuellen Rechtslage.

Wobei darauf hinzuweisen ist, dass auch der Tierschutz sich auf Wirbeltiere beschränkt, Fliegen, Küchenschaben und Tintenfische dürfen nach Belieben gequält werden. Der Gesetzgeber macht da schon Unterschiede und ist nicht wie beim Menschen so entsetzlich gleichmacherisch:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Das sollte auch dem Tierschützer klar sein, den Mordgelüste überkommen, wenn jemand ein Meerschweinchen nicht artgerecht hält.

Ich finde das Gedöns, das um die Haustiere gemacht wird, erschreckend. Wenn ich sehe, dass es eine Supermarktkette gibt, die nichts anderes anbietet als Haustierbedarf, dann finde ich das abstoßend. Da erreicht die Konsumgesellschaft ihre ethischen Grenzen.

Das Abstoßende sind ja nicht die Tiere und auch nicht die Mitmenschen, die Tiere halten.

Das Abstoßende sind die Tierfreunde, die mit dem moralischen Zeigefinger rumfuchteln und sich und anderen einreden, ihr tierschützerisches Tun stehe moralisch über allem anderen Tun.

Auf den Balearen habe ich es oft und oft erlebt, wie Menschen, die mit der gesamten Nachbarschaft verkracht waren, über 20 Katzen hielten oder derart viele Hunde aus dem Asyl abholten, dass die Leiterin des Hundeheimes beschloss, dem neuen zu Hause der Vierbeiner einen Besuch abzustatten, nur um festzustellen, dass die Hunde in nicht tiergerechten Verhältnissen gehalten werden.

Nicht alle, aber viele Tierschützer kommen mit ihren Menschen nicht klar und flüchten sich in die Tierliebe. Sie mutieren peu à peu zu Menschenfeinden. Die Tierschutzverbände wären gut beraten, einen psychologischen Dienst einzurichten, der solchen Fehlentwicklungen Paroli bietet.

Das Schöne ist immer, dass die pervertierten Tierschützer immer wieder sagen, im Gegensatz zu den Mitmenschen habe sie der Hund, die Katze, der Wellensittich oder der Hamster noch nie betrogen. Wenn die sprechen könnten…

Übrigens, und das als Schlusspunkt: Die Dame Ehrhardt hat auf meine Einlassung, Tierschützer hätten oft ein Problem mit ihren Mitmenschen, geantwortet:

„Solche wie Sie sollte man auf der Stelle aufhängen!“

Faria, faria, ho. A failed song!

Lustig ist das Zigeunerleben, faria, faria, ho

Brauchen dem Kaiser kein Zins zu geben, faria, faria, ho

Lustig ist es im grünen Wald

Wo des Zigeuners Aufenthalt

Faria, faria, faria, faria, faria, faria, ho.

Es gibt wenig auf Gottes Erdboden, was so eklatant gegen die Regeln der “political correctness” verstößt, wie dieses scheinbar harmlose Kinderlied.

Den Protagonisten gibt es schon lange nicht mehr, besonders nicht in der Einzahl. Heute heißt das Sinti und Roma, Mehrzahl bitteschön. Lustig war und ist deren Leben fürwahr nicht, besonders dann wenn es sich in Osteuropa oder Spanien abspielt.

Den Kaiser gibt es auch nicht mehr und keine Steuern zahlen heute ganz andere Leute, wie wir aus den Panama Papers erfahren durften.

Der Aufenthalt im Wald lässt darauf schließen, dass es sich bei den Besungenen um Nichtsesshafte handelt. Als solche bekommen sie zwar von der zuständigen Gemeinde einen Tagessatz, dürfen dann aber nur drei Tage bleiben. Während dieser Zeit mahnt die politisch unkorrekte Oma; “Macht´s Gartentürl zua, de Zigeiner kumman.“ Sollten diese planen, länger als drei Tage an einem Ort zu verweilen, müssen sie sesshaft werden.

Um es mit Abraracourcix zu sagen: “Nos lois sont dures.“

Ist die erste Strophe schon schlimm genug, steigert sich das Lied in der zweiten Strophe  dahin, der ethnischen Gruppe pauschal Wilderei vorzuwerfen. In dem Fall ist das nach § 292 StGB ein besonders schwerer Fall von Wilderei, da gemeinschaftlich begangen. Wird mit bis zu 12 Jahren Freiheitsentzug bestraft.

Besonders perfide sind die Vorwürfe in der vierten Strophe, die hier ohne das „Faria“ wiedergegeben werden soll:

Wenn uns tut der Beutel hexen

Lassen wir unsere Thaler wechseln

Treiben die Zigeunerkunst

Da kommen die Taler wieder all zu uns.

Klarer Fall von § 263 StGB, schwerer Betrug, da gewerbs-, gewohnheits,- und bandenmäßig begangen. Zack, schon wieder bis zu 10 Jahren Freiheitsentzug.

Nun, hartherzige Menschen mögen denken, des Bisserl Diskriminierung gegen Roma und Sinti seien die ja eh gewohnt, da macht das nicht so viel.

Aber halt: Dem Liedl wohnen noch weitere Gefahren inne:

Wer das Lied in einem Amtsgebäude singt, dem kann es passieren, dass die Staatsanwaltschaft wegen falscher Verdächtigung vor einer Behörde ermittelt.

Wenn die Ermittlungsbehörde zu dem Schluss kommt, dass die Roma und Sinti nicht lustig sind, keine Steuern hinterziehen, nicht unberechtigt Tagessätze bei den von ihnen durchzogenen Gemeinden abgreifen, nicht wildern und auch nicht bandenmäßig betrügen, dann ist er dran, der vermeintlich unschuldige Sänger: § 164 StGB dreuht mit 5 Jahren.

Fassen wir zusammen: Es handelt sich um ein gemeingefährliches Lied, das Sänger und Besungene in Konflikt mit der Justiz bringen kann. Der Text ist politisch vollkommen unkorrekt und gehört verboten, zumindest aber aus den Kinderliederfibeln gestrichen.

Ersatzweise könnte man auch daran denken, den deutschen Text zu streichen, und nur das dem Sinti und Romaschen angelehnte  „faria, faria, faria, faria, faria, faria, ho“ zu belassen. In der dritten und vierten Zeile jeder Strophe müsste man allerdings das „ho“ weglassen, aber das wäre hinnehmbar.