Grüß Gott, ich bin der Pfarrer von Gerach!

Gerach ist ein Dorf in Franken, das man nicht kennen lernt, wenn man nicht unbedingt will. Es liegt an keiner Durchgangsstraße und die BA38, eine dem Landkreis gehörende Straße, führt auch am Ort vorbei.

Gerach, genannt Gäich, hatte früher immer einen schlechten Ruf, ob zu Recht oder Unrecht, weiß ich nicht. Man munkelte, die abgelegene Lage hätte Dieben, Wilderern, Hausierern und anderem fahrenden Volk Schutz geboten. Es gab nur wenige eingesessene Bauern und nach dem Krieg haufenweise Flüchtlinge. Zum Teil waren es von den Kommunisten vertriebene „Volksdeutsche“ aus den Ländern des Balkan. Die hatten natürlich andere Gebräuche und das machte sie verdächtig, ganz besonders in Rentweinsdorf und Salmsdorf, den beiden evangelischen Nachbarorten. In Gerach war man katholisch.

Die Neu-Geracher mussten natürlich sehen, wo sie nach dem 2. Weltkrieg blieben und sie gingen zum Teil extravaganten Berufen nach: Da war zunächst der Hosn-Balds. Der fuhr mit dem Fahrrad durch die Gegend und kaufte der Bevölkerung die Pelze der geschlachteten Stallhasen ab. Auf dem Heimweg kam er abends durch Rentweinsdorf. Auf dem Gepäckträger und der Lenkstange stapelten sich die Pelze dutzendweise und stanken ganz Gotts erbärmlich. Der Hosn-Balds verkaufte das Zeug an Betriebe, deren Produkte später im Versandhandel als besonders wärmende Unterwäsche wieder die Dörfer erreichten.

Zu uns kam regelmäßig eine Frau mit schwarzen Locken und grünen Augen, von der unser Vater behauptete, vor 300 Jahren wäre sie als Hexe verbrannt worden. Im Sommer verkaufte sie Heidelbeeren, Schwatzebeer auf fränkisch. Abends bekamen wir die Köstlichkeit in einem Schüsselchen mit Milch und etwas Zucker. Das Geheimnis, wo sie denn so viele Heidelbeeren herhatte, hütete sie eifersüchtig, ebenso wie man nicht herausbekam, wo sie im Herbst die Pfifferlinge gefunden hatte. Ich fürchte die Frau wegen ihres Aussehens und sehnte doch ständig ihr Kommen herbei, denn sowohl Schwatzbeern als auch Pfiffer waren Delikatessen, die wir ohne sie nie auf den Tisch bekommen hätten.

Gerach hatte für uns eine weitergehende überaus wichtige Funktion, denn wenn irgendwas passiert war, und es wieder mal keiner gewesen sein wollte, dann sagte unser Vater: „Das war der Pfarrer von Gerach.“

Wir kannten den geistlichen Herrn nicht, er war ja katholisch. In den 50er Jahren war die Konfessionsteilung noch so strikt, dass man im Landkreis Ebern zwei Molkereien betrieb. Katholische Milch kann man ja mit evangelischer Milch nicht mischen.

Nun gut, der Pfarrer von Gerach geisterte als Joker durch unser Bewusstsein. Er war für zerbrochene Schiefertafeln verantwortlich, wenn ein Ball ins Fenster flog, war er es auch und wenn etwas verloren gegangen war, hatte er selbstredend seine Hände im Spiel. Kurz, eine mystische, nie gesehene Figur aber von Grund auf böse und fragwürdig. Der Pfarrer von Gerach bündelte in seiner Person alle wohlgehüteten und gepflegten Vorurteile gegen die Geracher.

Eines Tages klingelte auf dem Schreibtisch meines Vaters das Telefon und als er abhob, hörte er vom anderen Ende der Leitung eine Grabesstimme, die sagte: „Grüß Gott, ich bin der Pfarrer von Gerach“. Weiter kam er nicht, denn unter wieherndem Gelächter warf mein Vater den Hörer auf die Gabel.

Beim Mittagessen erzählte er die Episode und es war unsere Mutter, die ihm klarmachte, dass er am Nachmittag hinfahren müsse, um sich beim Pfarrer von Gerach zu entschuldigen.

Ich fuhr mit, und in der Tat hatte der Pfarrer von Gerach eine Grabesstimme. Er war trotz des Affronts sehr freundlich mit meinem Vater. Wie sich herausstellte, wusste der Pfarrer von Gerach nicht, dass er nicht nur der Ortsgeistliche war, sondern eben auch der „Pfarrer von Gerach.“

Ich erinnere mich, dass er sehr gelacht hat und er und mein Vater als Freunde schieden.

 

 

Des Bissle Arc de Triomphe…

Der Oberst von Perfall war drahtig und klein. Er kommandierte das berühmte 17er Reiterregiment in Bamberg. Dass ihm Onkel Wolfgang Thüngen als Adjutant beigestellt worden war, ist ein Beweis dafür, dass man auch in der Heeresleitung Sinn für Humor hatte, denn der Gute war über 2 Meter groß und wog zweieinhalb Zentner aufgebrochen. Wenn die beiden auf dem Exerzierplatz erschienen, war es schwierig die Disziplin der Truppe zu wahren, denn sie gaben einfach gemeinsam eine Witzblattfigur ab. Dem Obersten hat das nicht geschadet, er stieg zum General auf, Onkel Wolfgang aber zog sich auf sein Schlösschen in der Rhön zurück. Kenner der Materie behaupteten, es wirkte wie aufgebläht, wenn er anwesend war.

Er hätte dort mit seiner Frau ein ruhiges Leben geführt, wenn nicht seine Schwestern ein Wohnrecht auf dem Heilsberg gehabt hätten. Die drei Schwestern waren allesamt erstaunliche Damen, und Onkel Wolfgang dankte seinem Schöpfer allmorgendlich auf den Knien dafür, dass zwei davon verheiratet waren und nur selten von ihrem Wohnrecht Gebrauch machten. Eine aber, o weh, blieb unverheiratet und ging ihrem Bruder durch ihre Frömmigkeit und ständige Anwesenheit ganz gehörig auf den Keks.

Andauernd empfing sie irgendwelche hochgestellte Geistlichen, unter dem Oberkirchenrat tat sie es nicht. Und dann wurde Onkel Wolfgang mitsamt seiner Leibesfülle die engen Treppen zum Keller hinuntergeschickt, um Wein heraufzuholen.

Seinem Ärger machte er regelmäßig dadurch Luft, dass er die Propheten schmähte und zwar dann besonders innig, wenn er wusste, dass der geistliche Herr bereits im Haus war.

„Der Dunnerkeils Jesaja, und erschd der Jeremia-Fregger, Sau-Baruch, blöder, und den Scheiß Hessekiel, den kannst mid’n Daniel in aan Sack schdeggd, draufkhiem, es drifft immä den Richdichn!“

Seine Stimme grollte aus den Kellergewölben empor und der fromme Mann im Salon versuchte die peinliche Situation dadurch zu überspielen, dass er seine frommen Salbadereien schrie.

Onkel Wolfgang war also durchaus wählerisch wenn es darum ging, wen er mochte und wer ihm auf die Nerven ging. Als ihn die Nachricht erreichte, dass ein naher aber äußerst ungeliebter Verwandter in den Armen seiner Frau nach Erhalt der kirchlichen Tröstungen verstorben sei, meinte er nur:

„Jetzt tut uns der Kerl auch noch den Tort an und nimmt ein gottseliges Ende!“

In seinen jungen Jahren, noch unverheiratet, hatte Onkel Wolfgang eine Reise nach Paris unternommen.

Paris: Kultur, Esprit, Flair, Kunst, jaja, das gab es auch, aber Paris hatte eben auch ein G‘schmäckle, wenn ein junger Mann da alleine hinfuhr.

Als er wieder nach Hause in die Rhön zurückkam, war die Gesamtfamilie gespannt wie ein Flitzebogen. Man erwartete eine genaue Reisebeschreibung und erhoffte sich dabei Hinweise auf das Vermutete, jedoch Unaussprechliche.

„Na, wie war’s denn?“ „Jetzt erzähl halt!“ „Wirst ja nicht die ganze Zeit im Louvre rumgelaufen sein, oder?“ Bei diesem Sturm der Fragen blieb Wolfgang ganz ruhig und schließlich sagte er nur dies:

„Des Bissle Arc de Triompf, und sonst is’s wie draus Grombühl!“

Für Nichtfranken: Grombühl war damals der Teil Würzburgs, den man euphemistisch als Problemviertel bezeichnen würde.

 

Das reicht!

Gedanken an Jaroslav Opela

Im vergangenen Juni ist der deutsch-tschechische Dirigent Jaroslav Opela gestorben. 1966 kam er nach München um bei Rafael Kubelik zu lernen. Als die Sowiets den Prager Frühling niederwalzten, blieb er.

Ich hatte das Glück Jaroslav in den 70er Jahren kennen zu lernen. Ich war ja damals für mehrere Jahre der Fahrer des Shuttle Busses, mit dem die Teilnehmer des Musikwettbewerbes der ARD durch München gekutscht wurden. Dadurch war ich unvermittelt von vielen Berufsmusikern umgeben. Für mich eine neue Welt.

Auf dem rechten Rang im Herkules Saal genau über dem Orchester sitzend konnte ich beobachten, wie er dirigierte. Ein Konzert ist mir unvergesslich: Jaroslav dirigierte „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss. Viele der Zuhörer wussten, dass kurz zuvor sein Vater gestorben war. Gebannt schaute ich hinunter und hörte die für mich damals noch fremde Musik. Der Dirigent leitete das Orchester, als sei er selbst nicht anwesend, so sehr in sich gekehrt stand er auf dem Pult. Die Spannung in ihm und dem Publikum ließ erst nach, als zunächst noch zögerlich der lange Applaus begann.

Nach der Pause wurde die Háry János Suite von Zoltán Kodály gegeben. Der dazu notwendige Zimbal Spieler trat in Nationaltracht auf. Jaroslav hatte ihn für einen Abend von der Zigeunerkapelle im ungarischen Restaurant Piroska im Haus der Kunst ausgeliehen. Es war ein Riesenerfolg, der im Piroska gefeiert wurde. Jaroslav war der Held des Abends. „Éljen Jaroslav“ riefen die Zigeunermusiker nach jedem Stück. Der Abend endete in einem verheerenden Besäufnis auf Kosten des Hauses – unvergesslich!

Alle, die damals im Gebäude des Bayerischen Rundfunks in der Hopfenstraße arbeiteten, trafen sich im Mövenpick, wenn das Kantinenessen bereits zu den Ohren wieder herauskam.

Einmal saß ich dort umringt von ausgezeichneten Musikern. Sie diskutierten über Karajan und seine letzte Einspielung von was auch immer. Ich verstehe nicht viel von Musik, und damals verstand ich noch weniger. Irgendwann wollte ich bei all dieser Fachsimpelei auch mal was sagen und meinte, für mich sei in erster Linie wichtig, dass die Musik mir gefalle.

Gerade begann ich zu merken, wie peinlich dieser Zwischenruf war, da entschied Jaroslav ex catedra: „Das reicht!“

Er schob noch nach, dass jeder Musiker froh sein könne, wenn er ein Publikum habe, dem seine Musik gefalle. „Du brauchst nicht zu wissen, wieso es gefällt, du musst nur spüren, dass es gefällt, das reicht!“

Damit hat mir Jaroslav den Schlüssel zur Musik gegeben, denn vorher hatte ich das Gefühl, als Dilettant nicht alles zu verstehen. Ich fühlte mich in den ehrwürdigen Hallen der Musik fehl am Platze.

Seither liebe ich die Musik ohne Minderwertigkeitsgefühl. Dass das Zuhören, das Genießen, und das Versinken in meinem Leben so wichtig geworden ist, verdanke ich Jaroslav und seinen beiden Worten: „Das reicht!“

Konfirmation

Die Konfirmation war früher in erster Linie ein Fest, zu dem er junge Christ von Leuten, die er nur wenig kannte, Geschenke bekam. All das andere, das Geistliche, ging in diesem Regen von Gaben unter, obwohl das Meiste, was sich auf dem Gabentisch türmte, Mist war.

Ich bekam natürlich das absolute Muss für diese Gelegenheit, die betenden Hände von Albrecht Dürer, aber gleich mehrmals, bitteschön. Zweimal in Bronzeguss, einmal als Druck und einmal aus Porzellan. Hinzu kamen Sammeltassen, Steingutplatten, Humpen und gerahmte Bildchen mit fromm gemeinten Sprüchen: „Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Darunter, erraten, die betenden Hände in Golddruck.

Was macht man mit dem ganzen Quatsch? Glücklicherweise hatten wir Luftgewehre und so diente all das als Zielscheibe. Für die härteren Sachen luden wir unsere Vettern aus Thüngen ein, die hatten Kleinkaliber, das reichte dann auch für die Hände in Bronze.

Wegschmeißen ging natürlich überhaupt nicht, denn es bestand die Gefahr, dass der Schenker dessen gewahr würde.

Meine Mutter hatte eine wunderbare Methode gefunden, Steingutplatten, die am Außenrand mit bunten Punkten verziert waren, die dann zur Mitte hin zusammenliefen, möglichst vor Zeugen fallen zu lassen, um dann über den Verlust des schönen Stücks lauthals zu klagen.

Damals waren Hochfrisuren der letzte Schrei. Man mutmaßte, dass die gewagtesten Kreationen dadurch entstanden, dass ein bis zwei altbackene Semmeln als innere Stütze halfen. Bei der Generalprobe am Samstag verbat sich der Pfarrer zum wiederholten Male jede Art von Hochfrisuren: „Meine Aufgabe ist es, euch zu segnen, nicht sie Semmeln.“

Das Babeddla ist dann doch mit Hochfrisur gekommen. Ein paar Jahre später gebar sie ein uneheliches Kind. „A Wunner!!“ Mehr Kommentar dazu gab es nicht.

Ich musste angesichts der Fülle von Geschenken Listen führen, damit klar war, wer was vorbeigebracht hatte. Es war natürlich Pflicht, sich bei all denen, die etwas geschenkt hatten, persönlich zu bedanken. Für mich war das kein Problem, denn ich kannte in Rentweinsdorf jede Ecke und wusste genau, wer wo wohnte.

Wenige Jahre zuvor, als meine Schwester konfirmiert worden war, bat sie mich, sie bei dem „Bedankemichs-Rundgang“ zu begleiten, wahrscheinlich war mangelnde Ortskenntnis eher nicht der Grund ihrer Bitte. Sie war damals mitten in der Pubertät, genierte sich, fühlte sich in ihrer Haut nicht wohl und überhaupt.

Wir liefen also durchs Dorf und bekamen fast überall von der Konfirmation übrig gebliebene Kniekrapfen geschenkt. Die mussten natürlich vor Ort gegessen werden, alles andere wäre unhöflich gewesen. Meine Schwester, die wir sowieso schon immer wegen ihres Fohlenspecks hänselten, litt Höllenqualen, während ich, damals noch ein spirreliger Bub, die Kniekrapfen mit Genuss verschlang.

Wir näherten uns nach mehreren Stunden der Kappelleite, wo das Original des Dorfes, die Schmidt’s Kaline wohnte. Wir haben erst kürzlich von ihr gehört.

Sie hörte sich das Dankesgestammel meiner Schwester an, dann musterte sie sie von oben bis unten und fällte ihr Urteil das den Rest jedes Selbstvertrauens in der frisch Konfirmierten zerstörte:

„Du bis ka Rodnhon, du bist a Dhüngen“ Die Rodnhon, des warn schönna Leud!“

Verfassungsrecht für Flüchtlinge VII

Im Wedding gibt es das Café Al Salam. Es wurde von Syrern gegründet, die zum Teil schon mehr als zehn Jahre in Deutschland leben und dient als unverbindlicher und billiger Treffpunkt für alle diejenigen, die erst kürzlich nach Berlin gekommen und naturgemäß orientierungslos sind.

Dorthin wurde ich eingeladen, den Vortrag über die von er deutschen Verfassung garantierten Grundrechte zu halten. Es kamen mehrere Juristen, Agronomen, ein Arzt, ein Offizier, ein Informatiker und ein Analphabet. Alle sprachen ausnahmslos ein wenig deutsch, der Informatiker beherrschte es fast fließend. Er berichtete, er habe eine Freundin aus Baden-Württemberg und nun lerne er nicht nur schwäbisch, sondern alle deutschen Dialekte. Als ich ihn auf fränkisch ansprach, antwortete er auf fränkisch. Ich bin fast vom Stuhl gefallen.

Natürlich ging es, wie immer, um den Eindruck, als Moslem nicht gleichberechtigt behandelt zu werden:

„Warum baut der deutsche Staat für uns keine Moscheen? Für die Christen baut er Kirchen:“

Ich hatte ja mal bei Professor von Camphausen Kirchenrecht belegt, dennoch fiel es mir schwer, die Trennung von Staat und Kirche im Zusammenhang mit der Kirchensteuer rüberzubringen. Immerhin fruchtete der Gedanke, dass es besser sei, die Gläubigen finanzierten sich selbst, als dass der türkische Staat die Imame schickt und der König von Saudi-Arabien die Moscheen bezahlt.

Stereotypen sind auch die wiederkehrenden Erklärungen, dass der Islam alles eigentlich ganz anders meint wie zum Beispiel die Rechte der Frau, die Verschleierung, die Gewalt etc. Das ist dann der Moment, darzulegen, wie wichtig eine autonome Finanzierung ist, denn es wird nie gelingen, en Islam zu reformieren, wenn er zur Zementierung gegebener Machtstrukturen benutzt wird. Das verstand insbesondere der Offizier, der von seinem Vater in die Armee gepresst worden war und dann desertierte, weil er nicht auf seine eigenen Leute schießen wollte.

Es kommen auch manchmal skurrile Fragen, zum Beispiel, ob der Vater dem 19jährigen Sohn das Rauchen verbieten dürfe.

Das Kopftuch ist immer ein Thema. Diesmal fiel mir dazu ein, es wäre in unserer Zivilisation halt schwer, Kleidung als Teil des Glaubens zu erkennen, denn Glaube sei etwas für die Seele und die habe keine Kleider.

Ich weiß nicht, ob das verstanden wurde, so wie ich bezweifle, dass ein Moslem in Deutschland versteht, weshalb die Kirchenglocken läuten dürfen, der Muezzin aber nur innerhalb der Moschee zum Gebet rufen darf. Das ist objektiv eine Ungleichbehandlung, aber es ist eben zweifelhaft, ob den Moslems damit gedient ist, durch den Ruf des Muezzins noch mehr Angst, Misstrauen bis zu Hass gegen den Islam zu provozieren.

Für mich ist diese Vortragsreihe immer auch ein Zusammenstoß mit der kruden Realität, denn was ich da erzähle, sind Idealvorstellungen des menschlichen Zusammenlebens. Korruption, Missgunst, Hass, Kriminalität und behördliches Fehlverhalten kommen im Grundgesetz nicht vor, im Leben der Flüchtlinge aber alltäglich.

Auf dem letzten Blatt des Power-Point Vortrages steht mein Name und dass mir das copyright gehört. Gestern fragte mich einer der Anwesenden, was denn das „von“ da verloren habe. Ich versuchte, es in schlichten Worten zu erklären und plötzlich brach wirkliches Interesse hervor. Der Frager wollte die Rangordnung der Aristokratie wissen, holte einen Zettel raus und listete von oben nach unten auf: Kaiser, König, Herzog, Fürst, Graf, Baron.

Absurder kann der Mensch sich nicht vorkommen als ich gestern. Am Ende wurde ich auch noch gebeten, zu erklären, was das Zeug da oben über den Wappen zu bedeuten habe. Neun Zacken, sieben Zacken, so richtig führt dieses Wissen auch nicht zur Integration.

 

 

 

Der Wasser Adel

Adam Schmidt fuhr einen blauen Hanomag Laster, auf dessen Bordwänden in altdeutscher Schrift zu lesen war: Rotenhan Bräu, Rentweinsdorf.

Er fuhr sehr langsam, nahm jede alte Frau mit, die vom Bahnhof heimschlurfte, fragte jeden Wandersmann, ob er mitfahren wolle. Jeder kannte ihn, er kannte jeden und war wohl der bestinformierte Mann des ehemaligen Landkreises Ebern.

Er hieß der „Wasser Ådel“, weil alle Adams in Franken Ådel genannt werden, ein fast dänisches Å. Warum Wasser? Für den Franken ist alles, was nicht Bier oder Wein ist, Wasser. Und weil der Wasser Ådel eben auch Limo von Haus zu Haus verkaufte, war er eben der Wasser Ådel.

Seine Frau Karolina, die Schmidt’s Kalina, war wie er selbst ein Original. Sie kehrte den Planplatz zwischen Kirche und Schloss und was ihr Mann aus dem Landkreis mit heimbrachte, vervollständigte sie durch ihr profundes Wissen über das Hin und Her im Dorf.

Sie hatten zwei Söhne. Der ältere hatte, solange ich mich erinnern kann, eine beeindruckende Wampe. Er liebte das Bier und den roten Eingelegten, da bleibt die Wampe nicht aus. „Wenn mer ner hindn aa nuch aaner rauswachsed“ kommentierte er seine Leibesfülle.

In jungen und wohl noch ansehnlicheren Jahren heiratete er eine Katholikin. Das war schon seltsam genug, denn darüber hinaus war sie auch noch die Tochter von Flüchtlingen. Sie sprach kein fränkisch und das ganze Dorf fragte sich bang, wie die beiden sich wohl unterhielten, die non verbale Kommunikation war damals noch nicht erfunden worden.

Die alten und die jungen Schmidts wohnten sehr beengt in einem kleinen Haus im Oberdorf, und da die Kalina a Guschn wie a Schwerd hatte, und der Ådel auch nicht auf’s Maul gefallen war, trugen sie ihre durchaus verbale Kommunikation lautstark aus. Mitten im Streit hielt die Kalina inne, deutete auf die Wand zum Nachbarzimmer und meinte: „Ned so laud, die es doch ned gawohnd“. Worauf der Ådel antwortete: „Die werd‘s gawohnd“, und der Streit ging munter weiter.

Der zweite Sohn war sehr groß und heißt daher bis heute im Dorf nur „der Zwaasdöggerd“.

In dem kleinen Haus wohnte auch noch der Kunz’n Jörch, irgendwie verwandt mit den Schmidts. Er konnte die Bibel auswendig und die Psalmen rückwärts. Zum Ausgleich wusch er sich nicht. Als er sich eines Tages den Oberschenkelhals brach und in Ebern ins Krankenhaus eingeliefert wurde, steckten ihn die Nonnen in die Badewanne. Am nächsten Tag war er tot. Immer wenn wir uns nicht waschen wollten, wurde der Kunz’n Jörch bemüht, um uns die Folgen mangelnder Reinlichkeit vor Augen zu führen.

Die Kalina wollte von mir schon al kleinem Buben immer wissen, wen ich denn mal heiraten würde. Meine stete Antwort: „Iich heier amol ned!“ Und sie ebenso stet: „Södda Vöchl ham schon merra gapfüffn.“ Sie sollte Recht behalten.

Eines Tages wurde im Dorf ein Fest gefeiert. Zu fortgeschrittener Stunde sprach der Schmidts Ådel meinen Vater an. Seine Kalina hatte er am Arm: „Herr Baron, ham denn Sie den Abschussblan scho gamachd?“

Mein Vater antwortete, der Abschussplan sei nicht nur fertig, er sei auch schon bei der unteren Jagdbehörde in Ebern abgegeben worden. Darauf der Ådel:

„Schood derfür, sunsd hädd ich Sie nämlich gabähdn, äss Sie mei Alda aa mid draufsetzn.“

Abtreibung

Es gibt wohl auf der ganzen Welt niemanden, der gerne abtreibt.

Die Entscheidungsfindung ist traumatisch und der Eingriff selbst ist erst recht traumatisch.

Dennoch ist der Entschluss, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, eine höchstpersönliche Entscheidung, die in erster Linie die betroffene Frau angeht, und wenn sie in einer Beziehung lebt, auch ihren Mann angeht.

Der säkulare Staat hat sich da nicht einzumischen, er darf aber natürlich beratend zur Seite stehen.

Die Frage der Legitimität der Abtreibung wird heute ausschließlich unter religiösen Gesichtspunkten diskutiert, man verbrämt das unter dem Oberbegriff Ethik.

Allerdings sind weder Ethik noch Religion allgemein verbindlich.

Das aber wird von konservativen Christen jenseits und diesseits des Atlantiks immer lautstärker postuliert. Wie kommen die eigentlich dazu?

Neulich habe ich im Internet den folgenden Satz gefunden:

„Wer findet, dass ein befruchtetes Ei mehr wert ist als ein Flüchtlingskind, der darf nichtmehr behaupten, dass seine Beweggründe religiös begründet sind“.

Dieser Satz wurde populär nur einige Tage, nachdem ein Foto die Runde machte, auf dem sechs Männer um den 45. Präsidenten herumstehen und dieser ein Dekret unterschreibt, wodurch staatliche Beihilfen zu Abtreibung gekürzt werden.

Ich wiederhole: Niemand treibt gerne ab. Aber es gibt Lebenssituationen, die eine Frau mit einem befruchteten Ei im Bauch zu dem Entschluss kommen lassen, die Austragung dieses beginnenden Lebens abzubrechen. Das hat mit Religion nur dann etwas zu tun, wenn man religiös ist.

Wir leben aber nun einmal in einem Land, in dem der Glaube an Gott freiwillig ist. Dessen ungeachtet ist es natürlich gut und sinnvoll, der Frau, die in der beschriebenen schrecklichen Situation der Entscheidungsfindung lebt, beratend zur Seite zu stehen, ja, wo das möglich ist, zu versuchen, den Abbruch zu verhindern.

Es liegt in der Natur der Sache, dass in den Beratungszentren in erster Linie Frauen arbeiten. Es liegt aber in keiner Weise in der Natur der Sache, dass diejenigen, die in der Öffentlichkeit die Abtreibungsdebatte führen, mehrheitlich Männer sind. Ich habe den Eindruck, dass all die US Senatoren, Moralapostel, Pfarrer, Politiker und Gschaftlhuber, die sich zu diesem Thema immer wieder zu Wort melden, zu Hause eine Frau haben, die die Problematik doch etwas differenzierter sieht.

Das Recht, abzutreiben, ist ein essentielles, wenn auch schmerzliches Recht, das eine Demokratie gewähren muss. Wer religiös argumentierend dieses Recht in Frage stellt, befindet sich intellektuell auf der gleichen Stufe wie all die Muslime, die nach Deutschland kommen und finden, sie müssten sich nicht an die hiesigen Gesetze halten, weil ihre religiösen Vorschriften den weltlichen Normen vorgingen.

Daher nochmal: Religion geht nur den etwas an, der ihr anhängt. Aus ihr Weiterungen abzuleiten, die für die Allgemeinheit gelten, ist schiere Übergriffigkeit.

 

 

Justitia hilf!

Angst ist kein guter Ratgeber und Bedrückt sein auch nicht. Ich muss aber zugeben, dass ich mich nicht erinnere, je mit solcher Sorge in die Zukunft gesehen zu haben, wie derzeit.

Was in den USA passiert, ist en vollkommenes Novum. Bisher konnte man durchaus beobachten, dass jeder Regierende, jede Exekutive in einem demokratischen Land mal abtastet, bis wohin sie die Legislative gewähren lässt, wann sie „HALT“ schreit.

Seit dem 20. Januar 2017 gibt es in den USA eine Regierung, die sich einen feuchten Kehricht um die Verfassung schert. Ja, deren Mitarbeiter sogar offen zugeben, Auftrag bekommen zu haben, wie man zum Beispiel das Verfassungsgebot er Nichtdiskriminierung umgeht.

Sieht man davon ab, die Sinnhaftigkeit einer Mauer zu hinterfragen, sieht man davon ab, dass es in erster Linie Männer sind, die sich zu Beschützern und Vormunden des weiblichen Unterleibs aufspielen, sieht man davon ab, dass Millionen von Menschen der Zugang zu öffentlicher medizinischer Versorgung abgeschnitten wurde, sieht man davon ab, dass „America first“ unterdessen einen Zusatz bekommen hat, nämlich „Christians first“, dann ist und bleibt es nach vier vor extrem besorgniserregend, dass sich die Regierung des mächtigsten Staates des demokratischen Westens nicht zu blöde ist, Menschen in offen verfassungswidriger Weise zu diskriminieren.

Und nebenbei, „Schiss hamse auch hoch“ denn Muslims aus Saudi-Arabien und Ägypten sind von der Diskriminierung ausgenommen. Das sind wichtige Staaten. Aber Sudan? Jemen? Syrien? Somalia? Libyen? Irak? Iran? Außer dem letzten Land sind das Staaten die am Boden liegen oder nie irgendwie Bedeutung hatten. Den Stiefel einem Löwen in den Nacken treten, das erfordert Mut – aber eine Hauskatze?

Trotz ihrer Unbedeutendheit haben diese Länder eine Bevölkerung, die, vielleicht sollte man daran erinnern, aus Menschen bestehen. Das sind arme, zum Teil notleidenden Menschen. Diese sind für Hass und Propaganda besonders empfänglich. Wer glaubt denn bitteschön, dass Diskriminierung ein Mittel zur Eindämmung des Radikalismus wäre?

Was mich so fassungslos macht, ist die unsägliche, gehässige Dämlichkeit, die plötzlich Regierungsdoktrin wird.

Gelogen wurde schon immer, besonders in der Politik. Es ist also nichts Neues, was da in den USA passiert. Neu ist, dass dieser Präsident kaum etwas verlautbaren lässt, was entweder glatt gelogen ist oder ab er eine vollkommene Unkenntnis der der Realitäten zeigt.

Derzeit sieht es so aus, als erwachten die verfassungstreuen Amerikaner gerade aus ihrer Schockstarre nach dem Wahlausgang. Niemand bezweifelt, dass der 45. Präsident legitim und legal in sein Amt gewählt wurde. Nur, was er jetzt tut und unternimmt, das ist zum großen Teil weder legitim und legal.

Dass sich die USA immer hinter ihrem Präsidenten scharen, ist gute demokratische Tradition. Nichtsdestotrotz werden es die US-Bürger sein müssen, die dem gewählten Präsidenten Einhalt gebieten, indem sie die Gerichte anrufen.

Jetzt kommt die Stunde der großen Juristen, die so oft in Hollywood Filmen glorifiziert wurden. Der Supreme Court ist gefragt.

 

Unsere Werte

Es ist nun eine Woche her, dass Donald Trump der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Wenig Zeit, fürwahr!

Aber was hat er doch schon alles geleistet! Ein Gigant im Zupacken! Ein Gigant in der Kunst der Lösungsfindung! Wenn wir nur in den anderen Ländern der westlichen Demokratien solche Politiker hätten, dann sähe es bei uns und bei unseren europäischen Freunden anders aus.

Anders, ja, aber besser?

Donald Trump hat in dieser Woche gar nichts geleistet, aber er hat sich viel geleistet. Reden wir nicht vom Mauerbau, reden wir nicht von der teilweisen Abschaffung von Obamacare, reden wir nicht von seinen frauenfeindlichen Macho Eskapaden, sondern denken wir nur an Eines:

Donald Trump findet Folterungen gut und würde nichts dagegen tun, wenn seine Minister das Zufügen von Schmerz oder Panik als Mittel zur Wahrheitsfindung wiedereinführen würden. Das sagte er heute in einem TV Interview.

Was er vom Schutz der Grenzen, von der sozialen Absicherung seiner Mitbürger oder was er vom Schutz ungeborenen Lebens hält, das alles befindet sich im Rahmen der Gestaltungsfreiheit, die ein Präsident haben muss. Man kann da seiner Meinung sein oder nicht, und wenn man es nicht ist, muss man ihn als demokratischen Gegner mit demokratischen Mitteln bekämpfen.

Wenn Trump allerdings die Folter gutheißt dann hat er damit die Grenze überschritten, die von allen westlichen Demokratien in Stein gemeißelt wurde:

Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Erdogan, Assad, Putin, Orban, die arabischen Potentaten und die vielen, vielen Diktatoren auf dieser Welt hören bei jedem Staatsbesuch aus Europa die Mahnung, sie müssten sich aber bitteschön schon ein Bisserl um die Menschenrechte kümmern, weil sonst wär das eben nix mit Kooperation, EU-Beitritt und Entwicklungshilfe.

Die europäishen Politiker sitzen auf einem hohen moralischen Roß. Dank den USA übrigens. Denn es ist unbestreitbar, dass nach dem zweiten Weltkrieg die Demokratie in Europa ohne den Einfluss der USA nicht so nachhaltig hätte Fuß fassen können. Da müssen wir wirklich dankbar sein.

Der Foltersündenrückfall des Präsidenten wird leider in den USA kaum politische Folgen haben, denn alle, die im US Kongress sitzen, wussten von den Fällen des „water boarding“ und haben nichts dagegen getan. Diese Leute werden den ersten und auch den zweiten Stein nicht werfen. Umso mehr sind nun die Bündnispartner in der NATO gefragt, den „Mut vor Fürstenthronen“, den sie vor afrikanischen Despoten herausholen, auch vor dem Egomanen in Washington DC zu zeigen.

Es kann doch nicht sein, dass wir von den Einen etwas verlangen, was wir von Trump nicht einzufordern wagen.

Die Politik des feuchten Hosenbodens hat noch nie zu wirklichen Erfolgen geführt, bei Trump wird das erst recht nichts bringen. So wie es jetzt aussieht, hat sich gegen seine Spinnereien und krassen Verletzungen des demokratischen Konsenses in den USA noch keine Opposition formiert. Umso mehr muss nun Europa mit einer Stimme klarmachen, dass eine atlantische Zusammenarbeit nur auf der Basis dessen möglich ist, was die USA nach 1945 so kraftvoll und nachhaltig nach Europa gebracht haben:

„We the People of the United States, in Order to form a more perfect Union, establish Justice, insure domestic Tranquility, provide for the common defence, promote the general Welfare, and secure the Blessings of Liberty to ourselves and our Posterity, do ordain and establish this Constitution of the United States of America“.

 

Bamberg

Als Kind war Bamberg für mich die Stadt aller Städte, ja eigentlich die einzige Stadt, ich kannte nämlich keine andere. Es war die Nachkriegszeit. Damals war es für mich gar keine „Zeit“ es war halt so. Normal war der Mann vor dem Schuhhaus Zeller am Grünen Markt. Er hatte keine Beine mehr und stand auf seinen Stümpfen in einer Art unten zugenähter Lederhose. Er verkaufte Schnürsenkel und Schuhcreme. Er war genauso groß wie ich.

Dass der Krieg noch nicht lange her war, merkte man auch an der Vorzugsbehandlung, die mein Vater genoss, denn fast alle Bamberger Stadtpolizisten waren Feldwebel in seinem Regiment gewesen. Ich sehe noch, wie sein kleiner VW an erheblich ansehnlicheren Autos vorbei auf den Parkplatz gelotst wurde. Beim Einfahren salutierte der Polizist.

Als meine Mutter einmal reumütig auf der Wache erschien, um einen Strafzettel zu bezahlen, kam sofort ein übergewichtiger Polizist aus dem Hinterzimmer und stauchte den jungen Kollegen am Tresen zusammen: “Die Fraa vo unnern Riddmastä bezohld in Bamberch kanna Strafzeddl.“

Ein Paradies war natürlich das Geschäft von Spielwaren Albrecht in der Austraße. Wir drückten unsere Nasen am Schaufenster platt und bewunderten Steiftiere, Leiterwagen und Modellautos. Gegenüber im Gasthaus zum Specht wurde immer zu Mittag gegessen, weil dort Rotenhan Bräu ausgeschenkt wurde.

Nach dem Mittagessen war ein Besuch bei Onkel Anton an der Reihe. Der wohnt noch heute im Dom droben auf dem Berg. Er war von 1434 bis 1459 Bischof in Bamberg. Sein Epitaph befindet sich am dritten östlichen Pfeiler. Dort hat sich der Arme immer so schrecklich gelangweilt und war froh, wenn wir Kinder ihn am Fuß kitzelten.

Später kamen wir am Schlengerla vorbei. Dort lag einmal ein Mann auf der Straße, umringt von keifenden Weibern: „A Zamgsuffnä, a Sünd un a Schand, wie mer so viel saufn ka, der wenn hamkummd, wenn des meiner wär!“ So ging das einige Zeit hin und her. Mein Vater stand daneben und in eine Keifpause hinein sagte er: „Wenn man euch Weibern so zuhört, bleibt einen ja nur noch der Suff.“ Wir fanden Zuflucht beim Juwelier Triebel an der unteren Brücke, sonst wären wir alle miteinander gelyncht worden.

Regelmäßig musste auch „der Gürtlerschen“ ein Besuch abgestattet werden. Sie führte einen Antiquitätenhandel, eigentlich aber war es ein besserer Trödelmarkt. Bei zweifelhafter Ware meinte sie immer „De is ned andigg, des is höxdens andünn.“ Sie wollte immer rausbekommen, wer unser Vater war. Einmal fragte sie unsere Mutter. „Na, wer glauben Sie denn, dass er ist?“ fragte sie zurück: „Endwedä a Baron oder a jüdischer Rechdsanwald.“

Oft mussten wir zum Schönleinsplatz, dort befand sich Puppenklinik, wo die malträtierten Gefährten meiner Schwester geheilt wurden. Danach ging’s zum Flurbereinigungsamt gleich daneben. Dort gab es einen Aufzug, man stelle sich das vor!

Während Vater Dinge erledigte, fuhren wir unermüdlich Aufzug und waren bald „amtsbekannt“: „Än Rodnhan sei Bagasch is widä do.“

Wenn wir ganz brav waren, gab es in der Konditorei Riffelmacher an der Oberen Brücke heiße Schokolade mit Schlagsahne. Das Gefühl der kühlen Sahne auf der Oberlippe, und dann die kochend heiße Schokolade, ich träume noch heute davon.

Das Auto parkte damals auf dem Maximiliansplatz, die Tiefgarage wurde erst viel später gebaut. Aber den Häddie, den gab es schon – ein Blick in die große weite Welt. „Bei’n Häddie“ gab es alles, was unsere Phantasie ersehnte und natürlich noch viel mehr. Dorthin gingen wir mit unserer Mutter. Mit dem Vater gingen wir immer zu Waffen Schmidt, bevor wir ins Auto stiegen. Dort wurden Patronen für die Gewehre gekauft und dort bekam ich auch mein erstes Taschenmesser. An der Wand hing ein Zettel: „Von innen beschmutzte Lederhosen können zur Reparatur nicht angenommen werden!“