Der Badeofen ist geplatzt!

Das Badezimmer unseres Großvaters in Thüngen hatte zwei Türen, eine zur Küche, die andere zu seinem Schlafzimmer. Das führte dazu, dass zumindest akustisch seine Badefeste in aller Öffentlichkeit stattfanden. Wir hörten immer gebannt zu, wie er plantschte, prustete und sich mit Wasser überschüttete, denn unweigerlich kam irgendwann eine Schimpfkanonade. Groga, so nannten wir unseren Großvater, badete lange und da wurde das heiße Wasser langsam lauwarm und wenn er neues Badewasser zulaufen lassen wollte, dann war das eben auch lauwarm. Der holzbefeuerte Badeofen gab einfach nicht mehr her. Es handelte sich um ein älteres Modell, aus Friedenszeiten, sagte man damals noch. Auf einem kleinen Feuerloch stand ein etwa 60 cm dicker und vielleicht 1,80 m hoher Tank. Das Badewasser darin heiß zu machen, bedurfte genauer Vorplanung, zumal dann, wenn Groga im Winter auf die Jagd ging und verfroren nach Hause kam. Dann erwartete er, dass das Badewasser bereits heiß war. Die Misere war halt nur, dass es nie ausreichte.

Ein Fachmann wurde herbeigezogen, der dazu riet, in den Wassertank von oben eine Art Tauchsieder einzuführen, der unabhängig vom Holzfeuer für Nachschub an aufgeheiztem Wasser sorgen würde.

Der Erfolg war mäßig, und zu den Schimpfkanonaden kamen nun auch noch Verwünschungen des unfähigen Klempners hinzu. Wir haben gelauscht und es genossen!

Der Fortschritt lässt sich bekanntlich nicht aufhalten und er kam in den 60er Jahren nach Thüngen in Form der Ölheizung. Alle Öfen wurden umgerüstet und statt des behaglichen Knistern in den Zimmern liefen nun die Ölöfen voll, rußten, und wenn es ganz kalt wurde funktionierten sie nicht mehr.

Auch der Badezimmerofen wurde auf Öl umgerüstet. Dazu wurde der Tank ganz vorsichtig hochgehoben, der Holzofen herausgezogen und ganz vorsichtig durch einen Ölbrenner ersetzt. Es musste dabei stets darauf geachtet werden, dass um Himmels Willen bei der Prozedur dem Tauchsieder oben nichts passierte.

Nun stand in Grogas Badestube ein Ausbund von Modernität, Effizienz und Fortschrittlichkeit: Ein Badeofen, der mit Öl und Strom beheizt werden konnte und zwar gleichzeitig. Bis vor wenigen Jahren hatte es elektrische Badeöfen so gut wie nicht gegeben und mit Öl beheizte schon mal gar nicht.

Zu unserem größten Bedauern hörten nun die Schimpfereien auf, Groga hatte genügend heißes Wasser, aber, ebenso wie der Rest der Familie, misstraute er dem Artefakt. Eine fromme Tante bemühte sogar die Bibel und warnte mit erhobenem Zeigefinger davor, neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Bevor der Ofen angestellt wurde, mahnte Groga stets, man müsse darauf achten, dass der Ofen nicht platze. Allen war klar, dass dieses Unglück früher oder später werde eintreten müssen.

Und dann nahte der erste April. Mein Vetter Schorsch und ich grübelten schon Tage vorher, wie wir wen aus der Großfamilie in den April schicken könnten.

„Dem Groga sagen wir, dass der Badeofen geplatzt ist“, schlug Schorsch vor. Ich hielt das für eine blöde Idee, weil er nie und nimmer darauf reinfallen würde.

Es nahte das Frühstück am 1. April. Wie immer gab es zu Kügelchen gerollte Butter zu den köstlichen thüngener Wecken und wie immer las der Groga die Main Post. „Das ist eigentlich sehr ungehörig“ sagte meine Mutter, „aber seit er Witwer ist kann ihm das keiner mehr verbieten“.

Schorsch hatte sich unauffällig davongemacht. Plötzlich riss er die Tür auf und brüllte in die morgendliche Idylle. “Der Badeofen ist geplatzt!“. Groga schmiss die Zeitung hin und schimpfte wie in alten Tagen, Dunnerkeil, er habe es ja schon immer gewusst, der Heizungsmann sei ein verantwortungsloser Depp. Er stürmte ins Badezimmer, wo der Ofen in alter energetischer Fragwürdigkeit zwar, aber unversehrt stand.

Groga sann auf Rache und freute sich riesig als wir uns umdrehten, nachdem er behauptet hatte, er habe im Rückspiegel einen Elefanten gesehen.

Im Jahr darauf schlug Schorsch den geplatzten Badeofen erneut als Aprilscherz vor. Und siehe da, es funktionierte wieder!

Die Dorett, der Bobbelootz und das Fuchzicherla.

Mein Großvater hatte eine Köchin, die Helga und eine Sekretärin, das Freuln Kühl. Und er hatte die Dorett. Deren Status war ungeklärt. Ihre Bedeutung aber übertraf die der beiden anderen um Längen. Unaufgefordert bekamen wir von ihr ein Stück Würfelzucker, wenn wir sie in der Küche im Mittelstock des Nordflügels besuchten. Das war in den Fünfziger Jahren ein Segen, den „Schleckereien“ gab es einfach nicht.

Die Dorett war unverheiratet. Das war unüblich und verführte zu Spekulationen. Hinzu kam, dass die Dorett im Sommer nackt in der Baunach schwamm, an der Linder Brücke etwa 100 Meter bachaufwärts. Damit wir sie dabei nicht beobachteten, erzählte sie uns, der Bobbelootz bewache ihr Nacktbaden. Nun ist ja allgemein bekannt, dass der Bobbelootz ein kinderzerfleischendes Ungeheuer ist, und so mieden wir den Ort.

Ihr wurde auch nachgesagt, sie sei mannstoll. Das wurde an der folgenden Episode festgemacht: In Rentweinsdorf begann ein junger, unverheirateter Kaplan seinen Dienst. Der machte seine seelsorgerlichen Besuche in Salmsdorf, Treinfeld, Lind und Losbergsgereuth zu Fuß. Dorett, stolze Besitzerin eines Fahrrades, folgte ihm und umkreiste die schwarz gewandete Gestalt des Gottesmannes. Der, eigentlich ganz in seine fromme Lektüre vertieft, bemerkte die damals noch fesche Dorett und fühlte sich in seiner Sittlichkeit bedroht.

Wie erwehrt sich ein Geistlicher der Fährnisse des weltlichen Lebens? Auf Lateinisch natürlich, denn es ist ja nicht die Dorett, die Böses will, sondern der sie umtreibende Leibhaftige.

Und so schleuderte er ihm ein „apage satanas“ entgegen. Sei`s dass der Teufel an dem Tag kein Latein verstand, jedenfalls ließ die Dorett nicht von ihrem Opfer ab und so musste sich der arme Mann bei meinem Großvater beschweren.

Die Dorett wurde vermahnt.

Mein Großvater war krachtaub, aber er wusste ganz genau, wann die Dorett an seiner Tür lauschte. Er bat dann seinen Gesprächspartner, weiterzureden und schlich auf erstaunlich leisen Sohlen zur Tür, riss sie auf und fing die Dorett in seinen Armen auf. Die strich ihre Schürze glatt und ging in die Küche zurück, als sei nichts geschehen.

Die Dorett litt schrecklich darunter, dass ihr Dienstherr über Monate „auf den Tod“ lag und nicht sterben konnte. Eines Morgens im Winter wurde sie bei meinen Eltern vorstellig und sagte: „Die jungen Herrschafdn meinen‘s sicher gud, aber bei die Bauern wär scho längst amal a Fensdä offen gabliem.“

Nach dem Tod des Großvaters bekam die Dorett unten auf dem Hof eine kleine Wohnung. Dort besuchte ich sie oft und gerne, denn statt eines Stückchens Zucker steckte sie mir nun „a Fuchzicherla“ zu und sie brachte mir bei, wie man Pfannkuchen macht, mit Umdrehen in der Luft!

Die Dorett hat die Kindheit von uns fünf Geschwistern begleitet und auch ein Bisschen überwacht. Das war das Schöne an der damaligen Zeit: Das Dorf war unser großer Abenteuerspielplatz, niemand passte auf uns auf und dennoch wären Viele zur Stelle gewesen, wenn doch einmal etwas passiert wäre, an vorderster Stelle sicher die Dorett.

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Vormund, schwerer Anfang

Wer Vormund ist, sollte seine Mündel kennen, aber eben tunlichst auch das Umfeld, in dem sie leben. Deshalb habe ich per Whats App eine Familienkonferenz einberufen. Zwei Onkel, die Tante und die Buben wussten, dass ich am Montag um 10 Uhr bei ihnen aufkreuzen würde. Nun bin ich ja aus Spanien gewohnt, dass Ankündigungen Schall und Rauch sind. Dennoch amüsierte es mich, dass mein heutiges Auftauchen basses Erstaunen erregte. Der eine Onkel war gar nicht erst erschienen, der zweite war nicht aus dem Bett zu prügeln.

Zunächst aber musste ich mich mit dem „manager“ des Hostals streiten. Seit Anfang des Monats prüfen die Behörden, wer für die Kostenübernahme zuständig ist. Nun fürchtet der „manager“ um die Miete für seine 7,84 qm und macht ausgerechnet Druck auf die Tante. Sie ist Analphabetin und entsprechend hilflos. Ich habe mit allerlei gedroht, als Anwalt hat man sowas ja im Repertoire und der „manager“ versprach, nun brav zu sein.

Ja, tatsächlich, die beiden Buben leben mit Tante und Onkel auf 7,84 qm, 1,96qm pro Nase. Ich habe heute beim Bezirksamt Antrag auf Zuteilung einer anständigen Wohnung gestellt. Es ist nämlich so, dass der ebenfalls analphabetische Onkel nachts mit dem Handy im Internet surft. Dann ist er tagsüber müde und muss schlafen. Er verlangt dann Ruhe auf 7,84 qm. Zunächst war ich alarmiert, als ich von den nächtlichen Internet-Reisen erfuhr. Radikalisiert sich da einer? Oder stimmt das gar nicht und statt zu surfen vertickt er Verbotenes am Kotti?

Dass der Onkel Analphabet ist, hat mich dann erstaunlicherweise beruhigt, denn sowohl Terrorist als auch Verticker am Kotti verlangt ein Minimum an Schulbildung. Ich hoffe, dass ich mich da nicht täusche.

Ich hoffe, dass die Wohnungsfrage bald geklärt ist. Erst dann kann ich mich bemühen, dass die Buben in einen Sportverein kommen. Einer will Fußball spielen, der andere will schwimmen.  Und auch erst dann kann ich die Tante bei einem Alphabetisierungskurs anmelden. Sie hat erkannt, dass das notwendig ist, aber sie ist halt schrecklich hilflos.

Die Familie stammt eigentlich aus Palästina. Erst flohen sie von dort nach dem Libanon, dann während des Bürgerkrieges ausgerechnet nach Syrien. Der Vater ist vermisst, die Mutter wohnt mit zwei kleinen Mädchen in einer syrischen Hafenstadt.

Die Buben sagten mir heute, sie wollten nun in Deutschland bleiben. Kann ich verstehen. Das heißt aber auch, dass ich nun darauf achten muss, dass sie in der Schule wirklich fleißig sind. Sie sollen ja aus ihrem Leben etwas machen können. Es ist wichtig, dass die Buben verstehen, dass Deutschland nicht Sozialhilfe auf das Konto bedeutet, sondern Chance durch Anstrengung.

Aber was nützt es, wenn Sozialhilfe auf das Konto fließt, die Zugangskarte aber nicht funktioniert. Die Tante war vollkommen überfordert damit. Ich hab das dann geregelt, nach dem schönen Berliner Motto: „Na det mach’n wa ooch noch!“ Ich denke, es wird nicht bei der Vormundschaft über die beiden Buben bleiben…

Heldinnen

Hollywood hat entdeckt, dass es nun auch Bedarf nach weiblichen Helden gibt. Also stattet man sie mit einem tiefen Dekolleté und einer Knarre aus, lässt sie über die Leinwand springen und, holla die Waldfee, schon hat man eine Heldin. Kleine Mädchen finden sie wegen der Knarre gut und kleine Jungen wegen des Busens. Die Presse schreibt erstaunt, dass jetzt auch Heldin geht und im Übrigen klingelt die Kasse.

Sind das Heldinnen? Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Helden alle Fiktion sind. 007, Tarzan, Spiderman, allenfalls Fußballer sind können noch Helden aus Fleisch und Blut sein.

Das ist ziemlich phantasielos und stupide. Die wirklichen Helden sind die des täglichen Lebens.

Neulich war hier ein Freud unseres Sohnes, der erzählte, sein Vater habe die Mutter mit sechs Kindern verlassen. Das jüngste war damals zwei Jahre alt. Die Familie lebte in Irland. Viel Sozialleistung bot damals der Staat nicht. Die Mutter hat auf engstem Raum ihre Kinder behaust, ernährt, gekleidet und erzogen. Als die ersten erwachsen geworden waren und weggingen, bemerkte sie, dass sie genauso viel kochte wie zuvor. Aufgegessen wurde alles. Erst da bemerkte sie, dass sie ihre Kinder aus Not am Rande der Unterernährung großgezogen hatte.

Aus allen ist etwas geworden, Lehrer, Handwerker, Anwalt. Die sechs Kinder leben in Irland, England und Australien. Jeder ruft mindestens einmal in der Woche die alte Dame zu Hause an. Sie ist eine der Heldinnen unserer Tage. Außer der Liebe ihrer Kinder hat sie keine Auszeichnung bekommen. Sowas bekommt man als Politiker, Unternehmer, Gewerkschaftsboss und zwar eher weniger wegen der Verdienste als wegen Zeitablaufs auf dem Posten.

Jeder von uns kann Geschichten erzählen von Frauen, die gegen Wind und Wetter, besoffene Ehemänner und das Jugendamt ihre Kinder bis auf’s Messer verteidigt haben, die sie hart, entbehrungsreich und liebevoll erzogen haben.

Ich erinnere mich noch an die vielen Kriegswitwen in meiner Jugend, die oft als Flüchtlinge angefeindet in den Dörfern wohnten. Die Frauen standen unter ständiger lüsterner Beobachtung und die Kinder bekamen einen Tritt, wenn man sie im Herbst im Apfelbaum erwischte.

Alleinerziehende Mütter wurden als solche nicht wahrgenommen. Vielmehr waren sie moralisch fragwürdige Wesen, die sich ein Kind haben aufhängen lassen.

Alle Last, alle vermeintliche Schuld, alle Häme wurde immer auf der Frau abgeladen.

Ich habe neulich den Film „Die göttliche Ordnung“ gesehen. Er handelt davon, wie im Jahr 1972 auch in der Schweiz Frauen das Stimmrecht bekamen. Im Kino fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass die Frauen in meiner Jugend in Franken zwar wählen durften, aber ansonsten war ihr Leben haargenau so männerbestimmt, wie das im Film beschrieben wurde.

Es hat sich viel geändert seither. Das ist gut so. Und dennoch muss man nur mit offenen Augen durch die Straßen Berlins gehen, um zu sehen, dass es nach wie vor die Frauen sind, die sich um das Wichtigste kümmern: Um die Kinder.

Wenn man so durch die Hauptstadt schlendert, kommt man an ungezählten Denkmälern vorbei. Eines für eine Frau habe ich noch nicht gesehen. Eines für die heldenhaften Frauen erst Recht nicht.

Folklore oder gälische Verwünschungen?

Wenn man von Inverness aus nach Norden fährt und dann links, kommt man notgedrungen nach Ullapool. Es gibt nur diese eine Straße. Der kleine Ort liegt am Loch Broom. Über dem Ort liegt eine gespannte Erwartung, die wohl daher rührt, dass alle wissen, dass ganz sicher gar nichts passieren wird. Es gibt eine Fähre nach Stornoway auf den Äußeren Hebriden und wenn die ablegt, dann umfängt den Betrachter das Gefühl, am Ende der Welt alleingelassen worden zu sein.

Brigitte und ich logierten im Caledonian Hotel dem ersten aber auch dem einzigen Platz am Ort. Es war im Frühsommer und bitter kalt. In Ullapool regnet es an 207 Tagen im Jahr. Als es einmal nicht regnete, aßen wir auf der Kühlerhaube des Mietwagens fish ’n‘ chips. Nicht vorher und nicht nachher haben wir bessere gegessen.

Plötzlich kam ein Rumoren auf den Ort zu. Ganz von Ferne näherte sich auf der Straße, die nach Inverness führt, ein riesiger Kühllastwagen. „Pescados Muñoz, San Sebastián“ stand darauf. Wir trauten unseren Augen nicht. Im Hafen rangierte der Laster umständlich neben einen der dort vertäuten Fischkutter und schon begann die Umladerei riesiger Kisten. Ich war absolut sicher, Augenzeuge einer Drogenschmuggelei größeren Ausmaßes geworden zu sein. Trotz aller Bitten meiner treusorgenden Ehefrau, mich da rauszuhalten, wollte ich die Sache genauer wissen. Es stellte sich heraus, dass die Fischer kein spanisch und der Trucker kein Englisch sprachen. Ich dolmetschte und versuchte dabei, einen Blick in die Kisten zu werfen. Einer der Fischer bemerkte das und ich glaubte schon, mein Stündlein habe geschlagen. Doch der Mann forderte mich auf, genauer hinzuschauen. Offenbar war er stolz auf seinen Fang. Und tatsächlich: In den Kisten befanden sich nur viele Fische und viel Eis. Der Trucker sagte mir, noch am Abend werde er irgendwo auf die Fähre gehen und zwei Tage später werde er in Bilbao ausschiffen. Dann sei die Ware immer noch frischer als das, was von den Fangbooten im Atlantik käme.

Abends bot das Caledonian Hotel einen schottischen Folklore Abend an. Es ging mit Haggis los. Das ist eine Schafsblase gefüllt mit Innereinen – gewöhnungsbedürftig. Sogar die Schotten mögen diese regionale Spezialität nicht. Man sagt, sie machten damit Weitwurfübungen. Danach wurde jeder gefragt, wo er herkäme: Exeter, Nottingham, Manchester und dann kamen wir dran: Spain. Keiner glaubte uns. Anschließend traten einige Mädchen auf, die unter musikalischer Anleitung eines zu haarigem Wildwuchs neigenden Mannes tanzten und sangen. Mir wurde immer mulmiger zu Mute. Der Eindruck drängte sich auf, ein von den Bergen herabgestiegener Druide und sein Gefolge sprächen über uns Verwünschungen aus und wir hielten es für gälische Folklore.

Nach unruhiger Nacht buchten wir am nächsten Morgen eine Rundreise zu den Inneren Hebriden. Vorbei an Fischzuchtbecken tuckerten wir geführt von einem unablässig brabbelnden Kapitän an den vielen Inseln vorbei. Es war wieder einer von diesen 207 Tagen. An der Insel Tanera Mòr mussten wir aussteigen. Der Regen kam nun waagerecht, man war sofort durchnässt und eilte daher zum einzigen Island Pub. Die Insel darf ihre eigenen Briefmarken herausgeben, die aber nur dann gelten, wenn sie auf der Insel abgestempelt werden. Der Trick funktionierte, denn alle kauften zur Briefmarke auch noch eine Ansichtskarte.

Der Ausflug war als „seal watching tour“ verkauft worden. Der Kapitän behauptete, die braunen Punkte am Strand einer entfernt liegenden Insel seien Seelöwen. Wir waren froh, dass er uns glaubte, dass wir es ihm glaubten. Unterdessen war die See so rau geworden, dass eine Annäherung an die Seelöwen eine Herausforderung an unsere Magenstärke gewesen wäre.

In Ullapool im Licht der untergehenden Sonne wieder fish `n‘ chips“ auf der Kühlerhaube unseres Mietautos.

Ceterum censeo Britanniam permanere

Je mehr ich an den Brexit denke, desto unwohler wird mir, desto betrübter bin ich und desto mehr muss ich daran denken, wieviel ich dem Vereinigten Königreich zu verdanken habe.

Da waren natürlich als erstes die Beatles, zuvor hatte ich nur die Schlagerparade des Bayerischen Rundfunks gehört. Ich verstand kein Wort aber dennoch öffneten uns John, Ringo, Paul und George das Herz und den Kopf, wohin wusste keiner von uns, aber es war spürbar.

Später flog ich mit meinem älteren Bruder nach London um in Guildford bei der Familie Gaultry unser Englisch aufzubessern. Der Vater arbeitete beim Geheimdienst, das war aufregend. Wir wurden ins Theater geführt, Shakespeare natürlich. Im Kino gab es in der Pause Eis der Marke „Dairy Maid“ und beim Chinesen fragte der Kellner ob wie „lice“ (Läuse) zum Bami Goreng haben wollten. Der Hausherr brachte uns vor dem Aufstehen Tee ans Bett und nachmittags gab es immer den obligatorischen afternoon tea mit köstlichem Gebäck. Wir erlebten vor dem Fernsehgerät der Familie das „third goal, no goal“ Drama. (1966)

London war für uns Dörfler aus Unterfranken überwältigend. Alle Versuche die Guards vor White Hall aus der Fassung zu bringen misslangen kläglich. Später wurde ich kurzzeitig verhaftet, weil ich auf dem Mittelstreifen der Mall den Horse Guards nachgelaufen war.

Als unsere Kinder in Schottland im Internat waren, haben wir immer an den Elterntag eine Woche Highlands drangehängt. Nirgends gibt es schönere Strände als dort, zum Baden ist es zu kalt. Die Schotten gehen dennoch ins Wasser. Nirgends gibt es schönere Einsamkeiten und die Erfahrung, wie sehr zwanzig Hirsche auf einem Haufen stinken, muss man nicht unbedingt machen. Beide Kinder geben zu, dass die Zeit in Gordonstoun zu ihrer Menschwerdung entscheidend beigetragen hat. Da kann man als Eltern doch nur dankbar sein!

Später hatte ich beruflich viel in Nottingham bei den Kollegen von Geldards zu tun und lernte die konzentrierte Lockerheit kennen, mit der britische Anwälte ans Werk gehen. Später studierte unser Sohn David dort und als wir ihn besuchten, machten wir zu seinem Verdruss „sight seeing“. Unvergessen, wie der Turm der Kathedrale von Ely aus dem Dunst der flachen Landschaft wächst. In der noch mittelalterlich gebliebenen Stadt stellten wir fest, dass am Abend in der Kathedrale das Requiem von Brahms gegeben werde. Englische und deutsche Musiker führten es auf. David meinte, das sei etwa so, wie wenn Madrid gegen Barcelona spielt, das dürften wir uns nicht entgehen lassen. Er hat dann im Hotel ferngesehen und Brigitte und ich hatten ein Musikerlebnis, an das wir noch in der Todesstunde denken werden. Ich habe „Aussöhnung“ nie zuvor erlebt, dort, in der einzigartigen Kathedrale von Ely, war sie spürbar. Kultur, Musik und die Verheißung „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth“ machten spürbar, dass wir alle zusammengehören und zusammen gehören wollen auf unserem Teil der Erde, den uns Gott als Wohnung gegeben hat.

Und immer wieder London. Unzählige Theaterbesuche, die Museen, Portobello Road. Einmal überraschte uns sogar ein Bombenalarm in einem kleinen italienischen Restaurant. Als ich mit Angelo gerade handelseinig geworden war, dass er für die Zeit des Alarms den Wein billiger ausschenkt, kam ein Bobby herein und sagte, wir könnten jetzt wieder auf die Straße gehen.

Die Brexit Verhandlungen werden – wie jede Scheidung – schmerzhafte Wunden schlagen. Man könnte das ja begreifen, wenn die Scheidung notwendig wäre und wenn die Zukunft für alle leuchtend erscheinen würde. Aber unterdessen haben fast alle erkannt, dass der Brexit so unnötig ist wie ein Kropf, dass er allen nur schadet und womöglich das zerstört, was die Zuhörer in der Kathedrale von Ely gespürt haben.

 

Wer soll die Arbeit machen?

Gestern erzählte mir ein irischer Freund, in der Nähe von Belfast gäbe es einen riesigen fleischverarbeitenden Betrieb, in dem nur Polen arbeiteten.

„Und wer macht die Arbeit dort nach dem Brexit?“

Zu meiner Verblüffung bekam ich die Antwort, dort gäbe es genügend Arbeitslose, die die Jobs gerne übernehmen würden.

Ich habe da meine Zweifel. Wenn man über Jahre arbeitslos gewesen ist, macht das nicht nur psychisch mürbe, man baut auch in der Regel körperlich ab. Nicht jeder Langzeitarbeitslose kann so ohne Weiteres in einer Großschlächterei eingesetzt werden, das ist ein Knochenjob.

Während der Finanzkrise waren in Deutschland Gewerkschaften, Arbeitgeber und Politik gut beraten, die Kurzarbeit einzuführen. Das schlimmste, was in unserer hochspezialisierten Zeit passieren kann, ist wenn qualifizierte Arbeitnehmer entlassen werden müssen. Sie bleiben dann nicht auf dem Stand der Technik, geschweige denn, bilden sie sich weiter.

Das ist einer der Gründe, weshalb ich annehme, dass das mit der Wiederindustrialisierung des „rust belt“ in den USA nicht so leicht klappen wird. „Bring the jobs home!“ reicht wohl nicht aus. Es müssen zu Hause auch Arbeitskräfte vorzufinden sein, die die gleiche Qualität Arbeit abliefern können, wie das der Standard der Firma verlangt.

BMW kann ein Lied davon singen: Es hat Jahre gebraucht, ehe die in den USA hergestellten PKWs so gut waren, dass sie in Europa verkauft werden konnten, ohne vorher zerlegt und wieder zusammengeschraubt werden zu müssen.

Im „rust belt“ leben Menschen, die seit Jahrzehnten keine Arbeit mehr haben, die zunehmend verbittern und frustriert wurden. Was deren Väter und Großväter an technischem know how hatten, ging verloren und, was schlimmer ist, es wird heute nicht mehr gebraucht. Das vergangene Wissen wurde aber auch nicht durch Neues ersetzt.

Neulich habe ich Daniel Barenboim zugehört, als er sagte, die schlimmste Zeiterscheinung sie der Mangel an Erziehung. Er meinte damit den Zweiklang „Bildung des Herzens und des Verstandes“.

Wenn wir in den westlichen Industriestaaten so wenig in Erziehung investieren, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass Arbeitslosigkeit fast immer auch ein Ausstieg aus der „Experise“ ist.

Cucumber Gang

Ich bin nicht der Vorsitzende des Dobrindt Fan Clubs, muss dem Bundesminister aber eines zugestehen: Als er in Zeiten der schwarz-gelben Koalition das Wort „Gurkentruppe“ in den politischen Sprachschatz einführte, hat er weit über den zeitgeschichtlichen Moment hinausgehend jedem „zoon politicon“, jedem, der sich für das, was sich vor seiner Haustür abspielt, etwas an die Hand gegeben, dass die Argumentationsbreite der Allgemeinheit um ein Vielfaches vergrößert hat: „Gurkentruppe“. Das ist griffig, schön pejorativ ohne beleidigend zu sein und stellt die Glieder dieser Truppe auf einen eindeutigen Platz in der Weltgeschichte. Dobrindt hatte es sicher nicht gewollt, ja nicht einmal erhofft, dass im Jahr 2017 seine Wortschöpfung eine unerwartete Brisanz und Aktualität bekommt.

Alle haben es bereits geahnt, ich sprechen von der Gurkentruppe, die derzeit das Weiße Haus bevölkert. Es ist nicht notwendig all das zu wiederholen, was dort seit Januar in Washington DC passiert oder, wenn man genauer hinschaut, eben nicht passiert.

Wir erleben die Selbstmontage einer Weltmacht live mit, und die Furcht macht sich breit, ach was, die pure Panik ergreift Politiker, Strategen und Zeitungsleser bei dem Gedanken, es könne wirklich mal was Schlimmes passieren und dann wären es die „cucumber men“, die diese Krise bewältigen müssten. Ein Albtraum.

Was gerade in den USA passiert, erinnert schmerzhaft an das, was vor 1914 in Berlin geschah, als Wilhelm II die Welt in eine allumfassende Katastrophe schlittern lies, weil sein Geltungsbedürfnis seine intellektuellen Fähigkeiten bei Weitem überstieg.

Unbestreitbar, die militärische Macht liegt nach wie vor in Händen der USA und Ihres Präsidenten. Aber wer kann beim voraussehbaren Ausscheiden der USA aus dem Kreis der ernstzunehmenden „global players“ die politische Führung übernehmen?

In Europa wünscht man sich eine Doppelführung: Merkel und Macron. Mir scheint das liegt in erster Linie daran, weil die politische Lage in London, Rom, Madrid, Warschau etc so desaströs ist, dass anderswo der Einäugige zum König gekürt wird.

Dann gibt es noch ein paar wenige versprengte Demokraten in Israel, Indien, Kanada, Japan und Australien, die aber alle weltpolitisch keine Rolle spielen.

Putin wird natürlich der Nutznießer der amerikanischen Schwäche sein, aber er wird niemals eine in der freien Welt anerkannte Führungspersönlichkeit werden, ebenso wenig wir die übrigen Potentaten dieser Welt.

Angesichts dieses beängstigenden Vakuums baut sich eine neue Schreckensvision auf: Der berühmte „starke Mann“. Manche wähnen ihn in der Industrie, irgendein steinreicher Self Made Man, dem des Tohuwabohu einfach zu blöde wird und der die Deutungshoheit dieser Welt nicht nur für sich reklamiert, sondern sie auch ergreift.

Das wäre ein weiterer Albtraum, weil diese Person ohne Legitimierung, ohne Auftrag und ohne Kontrolle es fertigbringen könnte, die enttäuschten Massen hinter sich zu bringen und dann mit Geld, gekauften Medien und dem „gesunden Volksempfinden“ im Rücken all denen Recht geben könnte, die schon heute behaupten, Demokratie sei eine Schimäre, sei Augenwischerei.

 

Antiislamismus

Wenn Wasser nicht mehr weiter kommt oder darf, sucht es sich einen neuen Weg.

Angesichts des bedingungslosen und begründungslosen Antiislamismus in den sozialen Netzen, frage ich mich, ob dieses derzeit noch tolerierte gesellschaftliche Verhalten nicht einfach eine Ersatzhandlung für etwas ist, was man nicht mehr soll oder darf.

Ich spreche vom Antisemitismus.

Wer sich schnell im gesellschaftlichen Aus wiederfinden will, der outet sich als Antisemit. Wir müssen ja nicht so tun, als ob es diese nicht mehr gäbe, es gibt sie zu Hauf und in wachsendem Maß. Aber wenige nur geben sich als Antisemiten zu erkennen.

Sich allerdings als Antiislamist zu erkennen zu geben, wird je nachdem, in welchen Kreisen man sich bewegt, mit Applaus bedacht.

Ehen zwischen Muslimen und Christen schrecklich zu finden, blöde Witze von Bratwurst essenden und Bier trinkenden Moslems zu machen, das geht durch. Wenn man die vorgetragenen Meinungen hinterfragt, kommt bares Nichtwissen über den Islam zutage. Oft auch werden Suren des Koran zitiert, von denen alle Welt weiß, dass sie kämpferisch sind, von der muslimischen Theologie aber unterdessen ebenso eingeordnet wurden, wie das alttestamentarische „Zahn um Zahn“. Schließlich gibt es Antiislamisten, die sagen, sie hätten lange in arabischen Staaten gelebt und wüssten deshalb aus eigener Anschauung, wie böse der Islam ist.

Ich habe lange genug im evangelisch-pietistischen Unterfranken gelebt, um zu wissen, wie eine Religion zu einer menschenfeindlichen Einschüchterungsmaschine umfunktioniert werden kann. Dennoch käme ich nie auf die Idee, das Christentum als böse zu brandmarken.

Es gibt keine böse Religion, es sind wir Menschen, die sie zu bösen Zwecken missbrauchen.

Antiislamismus und Antisemitismus haben gemein, dass man sich an der fremden und unverstandenen Religion hochranken kann. Es ist ja noch nicht allzu lange her, da war es eine Katastrophe, wenn es zu einer evangelisch-katholischen Mischehe kam. Also, um wie viel „schlimmer“ ist es, jemanden in die Familie zu bekommen, dem erstmal erklärt werden muss, was es mit dem Pfingstwunder auf sich hat, der unter dem Weihnachtsbaum nicht mitsingen kann und unvermittelt einen Monat lang tagsüber weder isst noch trinkt.

Fast alle Anti-Haltungen richten sich gegen das Fremde. Vor dem Fremden hat man Angst. Deshalb wird es abgelehnt.

Viele Menschen brauchen einen Angstgegner. Es fällt mir schwer, zu verstehen, wie man Angst vor einer fremden Kultur oder einer fremden Religion haben kann. Geschieht das aus einem Gefühl der eigenen Schwäche heraus?

Was haben wir denn vom Fremden zu befürchten? Das Fremde bereichert kulturell und wirtschaftlich. Den Islam oder welche Religion auch immer zu verunglimpfen bringt gar nichts.

Und hier kommt mein „ceterum censeo“: Hetzen führt zu nichts. Wir müssen die Zugezogenen auf die bei uns geltenden Werte leiten: Gleichberechtigung, Menschenwürde, Schutz von Minderheiten, Respekt vor dem Anderen.

Aber mal ganz unter uns: Haben die jüdischen Mitbürger, die vor dem Holocaust Deutschland lebten, diese Werte nicht auch ganz selbstverständlich gelebt? Waren sie nicht integriert? Wie konnte es dann sein, dass aus dem deutschen Volk von Bildungsbürgern ein Volk wurde, das es tolerierte, dass in seinem Namen gemordet wurde?

Ich sehe Parallelen und mache mir große Sorgen um die geistige Verfassung meiner deutschen Nachbarn.

Wallfahrer ziehen durch das Land mit wehenden Standarten

Franken ist ein konfessioneller Flickenteppich. Vor 1806 bestimmte der Landesherr die Religion seiner Untertanen. Die Übermacht der Bischöfe in Bamberg, Würzburg und Eichstätt führte dazu, dass die kleineren Territorien, in denen Grafen oder Barone das Sagen hatten, evangelisch wurden.

Man war entweder dezidiert katholisch oder dezidiert evangelisch. Als in Thüngen, die kleinere katholische Kirchengemeinde einen eigenen Friedhof haben wollte, baute man darauf auch gleich eine Leichenhalle. „Da bassn fei drei Särch gleichzeidich nei“, gab eine der Bäuerinnen an. Darauf deren evangelische Nachbarin: „Na bassd ner schö auf, äss ihr des Ding immer gscheid voll habd, nacher semmer euch Kuddnbrunser bal los!“

Es herrschte kein Konfessionskrieg, aber man kannte und verstand sich gegenseitig nur wenig. Vielmehr foppte man sich, wo es nur ging. Wenn in der Fastenzeit im katholischen Ebern die Kirchenglocken schwiegen, dann läuteten die in Rentweinsdorf länger und lauter.

Und es konnte noch so heiß sein, wenn die Wallfahrer durch ein evangelisches Dorf zogen, dann hauchte der Heilige Geist „der Mussig“ neue Kraft ein und sie spielten was das Zeug hielt.

Mein Vater wuchs auf der Burg Lichtenstein auf und berichtete, dass es eine Stelle am Waldesrand gibt, von wo auch die „Waler“ zum ersten Mal Kloster Banz und die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen erblicken können. Dort wurde immer eine Dankesmesse gehalten. Er und seine Freunde versteckten sich im Gebüsch und beschossen mit Zwillen die Pilger aber in erster Linie die Blasinstrumente, weil da so schön „ping“ machte, wenn man traf.

Diese ganze Wallfahrerei war uns „Lutherböcken“ natürlich vollkommen fremd. Das hielt unseren Vater aber nicht davon ab, uns ausgiebig und immer wieder nach Vierzehnheiligen mitzunehmen. Jedem, der nach Rentweinsdorf zu Besuch kam, wurden mittels einer Kunstfahrt die Schönheiten Frankens gezeigt und da durfte der „Ballsaal Gottes“, den Balthasar Neumann, auf die linke Mainseite gestellt hatte, nicht fehlen. Die Sammlung der Votivgaben fanden wir als Kinder natürlich viel reizvoller als das atemberaubende Konzept der Wölbungen mit ihren schief gelegten Rippen, oder dem bis zur Grausamkeit realistischen Gnadenaltar. Jeder der vierzehn Heiligen hält „sein“ Folterinstrument in Händen. Vor dem Abbild des Heiligen Dionys ließ Vater uns immer im Halbkreis antreten. Er deutete auf den Mann, der seinen Kopf unter dem Arm trug, und wiederholte jedes Mal: „So werden eure Kinder einmal aussehen, wenn ihr Verwandte heiratet.“

Mich faszinierten die Devotionalienhändler, schon allein deshalb weil ich mich fragte, welchen heiligenden Zweck es denn haben soll, etwas zu kaufen, was im Zweifelsfall von einer Maschine hergestellt worden war. „Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“, stand auf einer Kerze. War das ein Bibelspruch? Also, in meiner Kinderbibel kam er nicht vor!

Immer besuchte ich eine besonders dicke Standlfrau und machte dort so lange rum, bis sie vorschlug. „No Bürschla, kaffst hald a Schnabsgläsla fern Vaddi.“ Ich amüsierte mich und gleichzeitig brandete in mir der „furor lutheranus“ hoch: Wie kann man Schnapsgläser neben betenden Händen oder Marienabbildungen verkaufen? Wir hatten den evangelischen Puritanismus eben mit der Muttermilch eingesaugt.

Letztlich aber blieb unser Wissen von der anderen Konfession auf dem Niveau dieses Kinderverses:

So bedn die Kadolischn (aneinanderlegte Hände)

So bedn die Efangelischn (gefaltete Hände)

So bedn die Oxn (aneinandergelegte Fäuste)

Und so gehd das Boxn (der Nebenmann bekam Prügel)