Versagen auf allen Ebenen

Alle wissen wie es geht: Das Volk wählt die Abgeordneten, diese wählen den Regierungschef und das Ganze wird von Richtern kontrolliert.

Man nennt das Gewaltenteilung. So funktionieren die demokratischen Staaten der Welt

Warum das dort, wo sich einige dieser Staaten zur EU zusammentun, nicht gelten soll, ist unklar.

Warum es bei der Wahl des Präsidenten der Europäischen Kommission anders sei soll, versteht nur, wer resignierend einsieht, dass sich so die Regierungschefs der EU eine Lizenz zum Kungeln erteilt haben.

Zwar ist es richtig, dass weder Weber noch Timmermans, die beiden Spitzenkandidaten bei den Europawahlen im Parlament eine Mehrheit hatten. Daran schuld ist am wenigsten der Wähler. Verantwortung tragen die im europäischen Parlament vertretenen Parteien. Erst durch ihre Unfähigkeit, ihre Stimmen auf einen der beiden Kandidaten zu konzentrieren, haben sie den Regierungschefs die Möglichkeit gegeben, so zu handeln, wie ich es aus meiner Zeit in der Schülermitverwaltung kenne: Die Kleinen da unten können sich nicht einigen, also übernehmen jetzt wir, die Lehrer.

Der Eindruck, Macron hätte darauf von vornherein hingearbeitet, macht sich breit. Und der Verdacht, er habe das deshalb getan, weil er der Bundeskanzlerin eins auswischen wollte, ist nicht von der Hand zu weisen. Es muss ja auch frustrierend sein, wenn der Präsident der „Grande Nation“ seit Amtsantritt von Frau Merkel vor den Augen der Welt immer dann übersehen wird, wenn er einen Vorschlag zur Reform Europas macht. Es verwundert, dass Paris wegen dieser unerträglichen Arroganz aus Berlin nicht schon viel früher in die Trickkiste gegriffen hat.

Immerhin, im Europäischen Rat machte man den Versuch, das Prinzip „Spitzenkandidat“ zu retten und einigte sich auf den Sozialisten Timmermans. Hony soit qui mal i pense, aber es scheint, als sei es der Bundeskanzlerin leichtgefallen, auf Weber zu verzichten.

Nun also stand Timmermans strahlend auf dem Schild. Was dann geschah, ist schier unfassbar: Polen, Ungarn und Tschechien lehnen diesen Mann ab mit der Begründung, der Schuft habe es gewagt, nachprüfen zu lassen, ob bei ihnen zu Haus alles mit rechten Dingen zugeht. Sekundiert werden sie von der Slowakei, wo kritische Journalisten um ihr Leben bangen müssen und von Italien, wo ein ganzes Land von seinem Innenminister einer „enculination générale“ (excuse my french) ausgesetzt wird.

Wir sind also unterdessen so weit gekommen, dass die Hühnerdiebe den Staatsanwalt verhindern können.

In dieser Situation des „rien ne va plus“ wird nun Ursula von der Leyen aus dem Hut gezaubert.

„Ja, irgendetwas musste doch angesichts der Lage passieren!“

Unter diesem Motto und nur unter diesem Motto kann man die Nominierung der Bundesverteidigungsministerin verstehen.

Das Schlimme ist, dass es unterdessen überhaupt nicht mehr darum geht, ob die Dame für das Amt geeignet ist oder nicht.

Die demokratische Glaubwürdigkeit Europas ist nachhaltig beschädigt worden. Nun liegt es an den Parlamentariern in Strassbourg, von der Leyen nicht zu wählen, damit sie uns Wählern noch in die Augen schauen können.

 

Auf dem Hof

Unsere Kindheit wäre erheblich langweiliger verlaufen, hätte es nicht den Gutshof gegeben. Zunächst gab es dort noch Kühe, Pferde und Schweine.

Ich mied den Kuhstall, weil ich fürchtete, die Viecher würden mir die kurzbehosten Beine mit ihrer riesigen Zunge ablecken. Vater bot mir 50 Pf, wenn ich mich traute, einmal den Futtertrog rauf und wieder runter zu laufen. Das war viel Geld und so überwand ich mich. Keine der Kühe hat geleckt. Meine „Heldentat“ war Thema beim Mittagessen und einer der „Besücher“ sagte, er habe im Kuhstall immer Angst, dass die Tiere ihm mit ihrem dreckigen Schwanz ins Gesicht schlügen. Nun hatte ich keine Angst mehr von vorne, dafür aber von hinten.

Unser Feind war der Schweizer. Der sprach fränkisch. Schweizer hatten immer ein rot-weiß gestreiftes Hemd an, und auf mindestens einer Schulter prangte ein Kuhfladen.

Weil ursprünglich die besten Rindviehpfleger aus dem CH-Land kamen, wurde ihre Herkunft zur Berufsbezeichnung. Unser Schweizer wollte nicht, dass wir im Heuboden spielten. Er meinte, wir trampelten die getrockneten Blüten kaputt und darunter leide die Qualität der Milch. Als Vater ihm sagte, wir dürften sehr wohl auf dem Heuboden spielen, war das für ihn eine herbe Niederlage. Ab sofort hasste er uns. Zunächst „vergaß“ er eine Gabel im Heu, was gefährlich hätte enden können. Unsere Rache war, dass wir auf die Gabel kackten. Das petzte der Schweizer unserem Vater, woraufhin wir das mit der Gabel petzten. Wir ernteten eine Kopfnuss, der Schweizer einen Anschiss.

Mich faszinierte jeden Morgen die Zeremonie des Anlassens der beiden Lanz Bulldogs. Diese schwarzen Monster wurden mit einer Lötlampe vorgeheizt und dann mit Manneskraft angekurbelt. Sobald die ersten schwarzen Wolken aus dem schornsteinartigen Auspuff kamen, war es bald geschafft.

Wenn wir mit all unseren Freunden im Hof spielten, „irrten“ wir ganz gewaltig, das heißt, wir störten diejenigen, die dort arbeiteten. Andererseits waren die auch ganz froh, auf diese Weise ihre Kinder in Sichtweite zu haben, denn überall lauerten mögliche Fährnisse: glühendes Eisen in der Schmiede, Sägen in der Schreinerei, heißes Pech wo die Bierfässer der Göcherles Brüh von innen ausgepicht wurden. Alles sehr verlockend und sehr verboten.

Im Herbst wenn sich der Gutshof in eine große Schlammpfütze verwandelt hatte, dann wurden Kartoffeln für die Schweine gedämpft. Ich glaube, das Ungetüm, das dann aufgestellt wurde, funktionierte nach dem Prinzip des Schnellkochtopfes. Wichtig war nur, dass köstliche Pellkartoffeln dabei entstanden, von denen wir uns bei jeder Ladung aus dem Kocher eine holten, bevor sie die Arbeiterinnen in den Kartoffelsilos feststampften.

Wenn es zum Abendessen Pellkartoffeln mit Quark (Zieberleskäs) gab, maulten wir, aber wenn es Dämpfkartoffeln ohne Quark gab, dann war das ein Fest.

In einer Ecke der Scheune lag die „Südn“ herum, vulgo Spreu, die als Rauhfutter den Schweinen und den Kühen gegeben wurde. Wir brauchten die Südn für etwas anderes: Wenn einer von uns über die Stränge schlug, wurde er hineingeworfen. Das war eine Höchststrafe, denn die schrecklich piksenden Spelzen und Grannen bekam man tagelang nicht aus den Kleidern, und frische Wäsche gab es halt nur am Samstag.

Als mir das einmal widerfuhr, führte das zu Sprachstudien, denn die „Südn“ ist trocken, wenn man aber von einem Regenguss durchnässt wurde, dann war man südnnass.

Sea Watch 3

Carola Rackete hat gegen italienische Gesetze verstoßen, deshalb ist es nur richtig und konsequent, dass sie verhaftet wurde und dass ihr der Prozess gemacht wird. In den sozialen Medien verstieg sich sogar jemand dazu zu behaupten, alles andere sei der Beginn des Unrechtsstaates.

Auch die italienische Verfassung sagt, dass der Staat Garant der Menschenwürde sei.

Das ist selbstverständlich.

Bundespräsident Steinmeier hat vollkommen richtig gesagt, schließlich sei Italien ja nicht irgendein Staat. Nicht nur gehört das Land zu den Gründungsmitgliedern der EU, die sich auch als Wertegemeinschaft versteht, Italien hatte schon eine Hochkultur, die auch das Wort „humanitas“ kannte, als wir nördlich der Alpen noch auf den Bäumen saßen und Eicheln rülpsten.

Auf den ersten Blick hat die Kapitänin Rackete italienisches Recht gebrochen. Wer nur darauf schaut, vergisst, dass die Grundrechte stets und immer über dem gesetzten Recht stehen. Wo der Staat die Würde des Menschen, die Unverletzlichkeit von Leib und Leben nicht mehr garantieren kann oder will, dort herrscht der sogenannte übergesetzliche Notstand.

Wenn 42 Menschen von einem Schiff aus dem Meer gefischt werden, ganz einerlei, ob das Schiff zufällig vorbeikam oder dort in humanitärer Mission kreuzte, dann muss es den nächsten sicheren Hafen anlaufen dürfen. „Sicher“ bedeutet dabei nicht nur geschützt hinter einer hohen Hafenmole, sondern auch, dass im Land, zu dem der Hafen gehört, voraussehbar den Opfern nicht erneut Unrecht getan wird.

Wenn nun ein Land, das ein Rechtsstaat ist, Hilfe und Anlanden verweigert, dann missachtet es seine eigene Verfassung, es ist nichtmehr Garant dessen, was die eigene „magna carta“ vorgibt. Die Menschenwürde wird dann nicht nur bezüglich der Opfer missachtet, sie wird auch bezüglich der Helfer mit Füßen getreten, denn niemandem ist zuzumuten, zur Untätigkeit gezwungen zu werden, wo man helfen könnte.

Wenn tatsächlich, wie von der Kapitänin befürchtet, einige der Flüchtlinge über Bord gesprungen wären und den Tod gefunden hätten, hätte man sich fragen müssen, ob die Kapitänin wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar geworden wäre. Das Recht auf das Leben und das Recht auf Unverletzlichkeit des Leibes ist ein höheres Rechtsgut als die Gefahr, wegen Missachtung der Hafenordnung ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Es ist unbestreitbar, dass es freiwillig gewesen wäre, wenn Menschen ins Meer gesprungen und dort ertrunken wären. Allerdings kann kein vernünftig denkender Demokrat behaupten, der Rechtsstaat habe das Recht, Menschen in die Verzweiflung zu treiben.

Wenn der Innenminister Salvini noch so sehr in menschenverachtender und widerlicher Art und Weise schimpft, sich über Frau Rackete mokiert und damit vergessen machen will, dass da mehr als 40 Menschenleben auf dem Spiel standen, dann sagt das in erster Linie etwas über den Charakter dieses Herrn aus.

Dass es die Menschen, die Italien wohnen, zulassen, dass ihre Regierung eine Politik auf Stammtischniveau betreibt, ist betrüblich aber hoffentlich ein vorübergehender Zustand.

Salvini hat ohne Not in Italien partiell das Recht auf Menschenwürde außer Kraft gesetzt. Für die davon Betroffenen ist das ein übergesetzlicher Notstand. Entgegen geltendem Recht die Einhaltung der Grundrechte zu erzwingen, ist nicht nur legitim, es ist auch Pflicht.

No tengas miedo, mi amor.

Natürlich hatte die zweijährige Valeria Angst. Aber ihr Vater hatte ihr gesagt, er werde sie sicher durch den breiten Fluss tragen, am anderen Ufer erwarte sie alle ein besseres Leben.

Während die Mutter und Ehefrau drüben angekommen ist, sind der Vater und die kleine Valeria ertrunken.

Bei allem Schrecknis kann es beinahe tröstlich erscheinen, dass die beiden nicht getrennt wurden, denn solange der Vater in der Nähe war, konnte das Mädchen seinen Worten trauen: „No tengas miedo, mi amor.“

Wasser ist ein gefährliches Element geworden. Seit Jahren ertrinken Verzweifelte im Mittelmeer und nun müssen wir mit Schrecken erfahren, dass auch der Rio Grande eine menschenfressende Bestie geworden ist.

Weder das Mittelmeer noch der Fluss sind daran schuld. Verantwortung tragen wir Menschen, die wir es zulassen, dass andere Menschen derart verzweifelt sind, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen, nur um der gegenwärtigen Misere zu entkommen.

Und wenn die tapfere Kapitänin Carola Rackete ihre aus dem Meer gefischten Passagiere aus menschlicher Notwendigkeit auf Lampedusa gegen den Willen des italienischen Innenministers an Land setzt, dann droht ihr eine jahrelange Gefängnisstrafe, weil opportunerweise soeben die Gesetze entsprechend verändert wurden.

Und wenn dem 45. Präsidenten das Foto der ertrunkenen Valeria vorgehalten wird, dann fällt dem nichts Besseres ein, als zu schimpfen, daran seien die Demokraten im amerikanischen Kongress schuld.

In Europa können wir auf den EuGH bauen, der mit Sicherheit die italienische inhumane Gesetzgebung kassieren wird, aber auf was kann Amerika bauen?

Eigentlich ist mir zum Kotzen, aber wenn ich an die vielen kleinen Valerias denke, dann ist der Drang zu weinen stärker.

Damit aber ist es nicht getan. Wir müssen aktiv werden. Wir dürfen nicht zuschauen, wie andere Menschen ertrinken.

 

 

Liebe Gesundheitsapostel

Ich gestehe es frei, dass ich nicht zu denen gehöre, die ihr Leben dem Verzehr von Körnern oder der allgegenwärtigen Leibesertüchtigung geweiht haben.

Ich gehöre keiner der vielen Fraktionen an, die ewige Gesundheit, ständiges Wohlsein und bella figura eterna predigen. Ich schreibe diese Zeilen an Euch, liebe Gesundheitsapostel, nicht aus einer Position der Konkurrenz, ich weiß nämlich nichts besser als ihr. Wenn ich einmal ganz, ganz ehrlich sein sollte, dann weiß ich sogar nicht einmal etwas von Gesundheit, Erhaltung der Lebensqualität etc.

Ich bin einfach nur ein Konsument Eurer Ratschläge, die Ihr mir meist ungebeten zukommen lasst. Deshalb vermute ich bei Euch ein gewisses Sendungsbewusstsein, weshalb ich mir erlaube Euch „Apostel“ zu nennen.

Um es vorauszuschicken: Ich weiß, dass jeder von Euch auf seine Methode schwört und sie für alleinseligmachend erachtet.

Allerdings lehrt uns die Vielzahl der angebotenen Methoden, Lebensweisen und Ernährungsprogramme, dass alle richtig aber auch alle falsch sein können.

Meine These ist die, dass die allermeisten Ratschläge tatsächlich richtig sind, aber sind sie auch zielführend?

Da habe ich erhebliche Zweifel.

„Ich wüsste nicht, was aus mir geworden wäre, hätte ich vor 30 Jahren nicht auf alle tierischen „Fette verzichtet.“

Richtig! Das weiss nämlich niemand!  Allerdings verbreitet der obige Satz den Eindruck, der betreffenden Person, würde es heute ganz mies gehen, sie ginge am Stock, hätte Gicht und röche befremdlich, hätte sie damals nicht die Entscheidung weg vom tierischen Fett getroffen.

Beim Empfänger der Nachricht bleibt ein schlechtes Gewissen, denn ja, die Pirellis, der Schmerz im rechten Knie, das Magengeschwür und die nachlassende Beweglichkeit, das wäre sicher nicht so schlimm geworden, hätte man beizeiten die eigene Lebensweise umgestellt.

Ein schlechtes Gewissen zu generieren, ist ja gut und schön, viel schlimmer finde ich die Wirkung der verschiedenen Lehrmeinungen auf die innere Verfasstheit derer, die ihnen nachfolgen.

Wie? Die sind doch alle bumperlxunt!

Ja, körperlich. Aber im Hirn dieser Menschen hat sich der Gedanke festgesetzt, sie lebten ja so gesund, dass sie gar nicht krank werden könnten.

Ich habe es selbst erlebt: Da bekommt jemand eine Krebsdiagnose, ist noch nicht schlimm, muss aber operiert werden.

Dann beginnt eine Lauferei von Arzt zu Arzt, weil der Diagnose nicht stimmen kann, denn wer gesund lebt, kann bekanntlich nicht krank werden, das haben alle Ratgeber auch so rübergebracht.

Wertvolle Zeit geht verloren, schreckliche Zweifel beherrschen die Tage und besonders die Nächte des Kranken.

Es ist eine Qual für den Betroffenen und es ist eine Qual für dessen Umfeld, dies mit ansehen zu müssen.

Was ich damit sagen will?

Liebe Gesundheitsapostel, werdet demütiger, tut nicht so, als ob nur Ihr den Weg des Guten kennt und lasst erkennen, dass die Fährnisse des Lebens auch dem feil sind, der gesund, bewusst, bewegt und cerealophag lebt.

Im Übrigen: Langes Leben ist kein Gut an sich. Ich halte mich da an die amerikanische Erklärung der Unabhängigkeit:

Life, Liberty and pursuit of Happiness.

Abenteuer beim Hartleb.

Mein Vetter Schorsch und ich trafen uns am Bahnhof in Bamberg. Nachdem mein e-bike in der Woche zuvor geklaut worden war, hatte ich mir ein Kurzausgabe mit kleinen Rädern gemietet, meine beiden Satteltaschen wirkten unelegant und klobig.

Als sich die Türen des ICE aus München öffneten, schob Schorsch eine mittlere Lokomotive auf den Bahnsteig: riesige breite Reifen, schwarz-matte Lackierung und auf dem Tender zwei Satteltaschen und zwei Rucksäcke. Ich kam mir deutlich „underequipped“ vor.

Den kulturellen Teil der Reise hakten wir gleich am ersten Tag ab: Bamberg in 22.000 Schritten.

Dann ging es den Baunachgrund hoch, Wasser, Zuspruch und Übernachtung gab es bei Verwandten. Über Pfarrweisach und Totenweisach erreichten wir schließlich Maroldsweisach. Alle drei Orte liegen an der Weisach, nur wer Herr Marold war, weiß keiner.

Ohne dem Ort nahe treten zu wollen, kann behauptet werden, dass die größte, wenn nicht einzige Attraktion des Ortes der Hartleb ist. Das ist eine Wirtschaft mit Brauerei. Letztere beliefert nur die Wirtschaft selbst und hat deshalb keine Abfüllanlage. Wer dem Hartleb sein Bier dennoch zu Hause genießen will, der kauft beim Wirt einen Dreiliterbembel, der am Zapfhahn befüllt wird.

Dem Hartleb seine Mutter stammt aus Losbergsgereuth und hat mit mir in Rentweinsdorf zusammen goldene Konfirmation gefeiert. Das sollte sich später als unser Glück herausstellen.

Schorsch bestellte eine Forelle und bekam ein vorzügliches Schnitzel. Die Dame, die dann seine Forelle aß, sagte, auch diese sei köstlich gewesen. Ich bestellte Wildschweinbraten und bekam Wildschweinbraten, auch vorzüglich. Obwohl alles sehr schnell serviert wurde, gelang es mir zwei Seidla vom Hartleb seinem süffigen Bier zu trinken.

Nach beendetem Mahl, während ich mit der Wirtin Erinnerungen an die Goldene Konfirmation austauschte, stellte Schorsch fest, dass sein Rad vorne einen Platten hatte. Aus dem ersten Rucksack holte er einen Ersatzschlauch und perfektes Werkzeug und aus der linken Satteltasche eine Luftpumpe, die er aber dann doch nicht fand.

Es war äußerst schwierig, den Mantel von Felgen zu lösen, zumal Schorsch den Verdacht hegte, der klobige Reifen könne eine zarte Seele haben. In einem unbewachten Moment trat ich mit dem Absatz auf den blöden Reifen und schon löste er sich vom Felgen. Unterdessen hatte die Wirtin ihrem Sohn das mit der goldenen Konfirmation erzählt, was ihn offenbar milde stimmte. Er erbot sich, uns seinen Kompressor zur Verfügung zu stellen. Nachdem wir den neuen Schlauch auf die Felge und unter den Mantel gepfriemelt hatten, schritten Schorsch und der Hartlebs Wirt in die Werkstatt, und füllten den Reifen mit Luft. Als beide wieder auf die Terrasse kamen, war das Monster wieder platt. Offenbar hatten wir einen nach Innen gerichteten Splitter übersehen.

Nun holte Schorsch aus dem zweiten Rucksack ein Reifenflickset heraus, während ich erneut den Moment nutzte, um mit dem Hacken auf den Reifen zu treten. Unterdessen hatten wir das Interesse der Gäste auf der Terrasse erweckt, von wo aus nun Ratschläge kamen:

„Erschd müssdä aaraua“.

Schorsch hatte Schmirgelpapier dabei. Ich bereitete derweil den Flicken vor. Nun holte Schorsch aus dem Vulkanisierkästchen die Vulkanisierpaste heraus und drückte auf die Tube. Nichts tat sich. Auch hineinstechen half nicht mehr, das Zeug, offenbar noch Qualität aus dem 20. Jahrhundert, war eingetrocknet. Zum Amüsement aller Gäste ging Schorsch nun von Tisch zu Tisch und fragte, ob jemand zufällig Vulkanisierpaste dabeihätte. Am Stammtisch wurde er bei einem älteren Herrn fündig, der uns das begehrte Gut lieh, aber fand, damit habe er ein Recht auf Beratung erworben:

„Ihä müssd den Schlauch drühm nein Brunna haldn, somsd wissdä doch ned, wu des Loch is.“ „Naa,mir ham scho draufgschbedsd.“ Ich wiederholte die Übung und zeigte ihm, wo die Spucke Blasen schlug.

Nach einer guten Stunde schweißtreibender Arbeit war alles getan, der Vulkanisierpastenspender bekam sein Seidla und wir fuhren nach Birkenfeld, dem Ziel unserer Etappe.

Zum Abendessen erschien Schorsch geduscht mit schicker Hose und Sakko. Jetzt wusste ich, wozu er die rechte Satteltasche brauchte. Ich kam zwar auch geduscht, aber statt kurzer nur mit zerknitterter langer Hose.

 

 

Tante Franzis hätte niemals AfD gewählt.

Tante Franzis zu widersprechen war milde ausgedrückt unklug. Sie sprach nur und immer ex catedra, was sie mitnichten von ihren sieben Schwestern unterschied. Allerdings war sie die Jüngste und deshalb nahmen die Geschwister sie bis ins hohe Alter nicht ernst.

Das war der Grund, weshalb sie ihre Weisheiten an ihren Enkeln und Neffen ausließ. Eines Tages, es war kurz nachdem die NASA einen unbemannten Satelliten auf den Mond geschossen hatte, erklärte sie uns:

„Wenn man den Mond mit einer Stecknadel berührt, dann verändert sich bei uns das Wetter.“

Sie meinte das Klima. Wetter oder Klima, das war in Franken ebenso synonym wie Qualm und Dampf.

Wir tippten uns im Geiste an den Kopf und dachten „die Tante Franzis spinnt.“

Unterdessen hat sich herausgestellt, dass sich das Klima tatsächlich verändert und ich überlege, ob wir damals der Tante Unrecht angetan haben.

Mit dem Stecknadelpiekser hat sie sich deutlich als Anhängerin der Theorie geoutet, nach der der Klimawandel menschengemacht ist. Das beruhigt mich ungemein, denn somit ist klar, dass Tante Franzis ganz bestimmt nicht AfD gewählt hätte.

Mir geht das AfD Gerede über den Klimawandel, beziehungsweise um sein Nichtvorhandensein zunehmend auf die Nerven und zwar deshalb, weil das Hauptargument ist, er könne nicht menschengemacht sein.

Damit provozieren die Rechtsradikalen regelmäßig alle, die sich wegen des Klimawandels Sorgen machen und schwupps, schon redet man nichtmehr darüber, ob denn das Klima sich tatsächlich wandele oder nicht, sondern nur noch darüber, wer daran schuld oder nicht schuld sei.

Das ist kindisch, so wie wir auf dem Sandhaufen immer auf den anderen gedeutet haben, wenn wieder mal etwas kaputt gegangen war. (Der war’s!)

Es ist ziemlich egal, wer am Klimawandel schuld ist. Feststeht: Er ist da!

Immerhin hat das gesteigerte Interesse am Klimawandel dazu geführt, dass es Kräfte bindet. Man schimpft zwar weiter auf die Dame Merkel aber nicht mehr wegen der Flüchtlinge, Islamisierung und Volksaustausch.

Die Klärung der Schuldfrage beim Klimawandel führt aber keinen Schritt weiter. Lassen wir also diese Diskussion und konzentrieren wir uns darauf, zu überlegen, was getan werden muss.

Tante Franzis hätte auch hierzu eine ex catedra Meinung gehabt. Aber sie ist schon lange tot.

 

 

Der totgefahrene Hase

Im Juli 1967 überfuhr ein Mann auf dem Weg zur Frühschicht einen Hasen. Da das im Wald zwischen Rentweinsdorf und Salmsdorf passierte, war klar: „Der Hos ghörd den Rodenhon“. Der Fahrer nahm den Hasen mit. Nach der Arbeit, sprich acht Stunden im Auto an der Sonne, brachte er das tote Tier zum Förster Elflein, wie sich’s gehört.

Nachdem der Hase ausgenommen war, wollte der Forstmann das wilde Tier dem Haushalt meiner Eltern zuführen, wurde aber auf dem Schlosshof von unserer Großmutter abgefangen, die den Hasen an sich nahm. Eine ihrer Töchter lebte im Schwelm, irgendwo im Ruhrpott oder so. Klar, dort lebte man recht und schlecht und Hasenbraten gab es auch nie.

Der Hase wurde wie er war, in zwei Ausgaben des Fränkischen Tags gewickelt, in einen Karton gesteckt und am nächsten Tag, einem Freitag, zur Post getragen.

Zugestellt wurde das Tier erst am Montag, da war es schon sechs Tage tot. Das Paket roch und als die Empfängerin es auspackte, kam ein stinkender, von Maden befallener Feldhase zum Vorschein.

Es war ekelhaft. Mit der einen Hand klemmte sie sich die Nase zu mit der anderen warf sie das ganze Paket in die Abfalltonne. Bald schon beschwerten sich die Nachbarn und so musste im eher kleinen Garten ein Begräbnisplatz für den Hasen gefunden werden. Das Verpackungsmaterial wurde verbrannt.

Nachdem all dies vollbracht war, rief unsere Tante ihre Mutter an und verpasste ihr einen Anpfiff, der noch lange Wellen schlagen sollte. Sie habe die ewige Fürsorge bis an die Hutschnur, das sei erniedrigend, wenn man andauernd suggeriert bekäme, es ginge einem schlecht und Mann und Kind nagten am Hungertuche, und dann auch noch mit der Post einen toten Hasen zu schicken! Nein, sie verbäte sich das und wenn das nicht aufhöre, würde sie ihre Enkel niemals wiedersehen, das volle Repertoire halt.

Großmutter war geknickt und gleichzeitig erbost, denn so konnte man mit ihr nicht umspringen. Zu unserem Vater sagte sie, sie habe es doch nur gut gemeint. Der machte die Sache auch nicht besser, indem er ihr antwortete, gut gemeint sei das Gegenteil von gut.

Die alte Dame schmollte und wollte die Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Was macht man in so einer Situation? Man schreibt an den Postminister. Das war damals Werner Dollinger, aus Bad Neustadt. Zwar war er nicht der Abgeordnete des Wahlkreises Bad Kissingen, aber immerhin lebte er in seinen Grenzen.

Sie berichtete ihm von dem Missgeschick, von dem verdorbenen Hasen, von der späten Zustellung erst am dritten Tag und das das alles doch ein Skandal sei. Der Brief gipfelte in der Feststellung, beim Kaiser sei derlei nicht vorgekommen.

Und was machte der Postminister? Nicht etwa beauftragte er seinen Referenten der wohl etwas wirren Absenderin klarzumachen, dass nach dem Postbeförderungsgesetz tote Tiere nicht verschickt werden dürfen.

Nein, damals wussten Postminister noch, was sich gehörte. Er schrieb einen persönlichen Brief und entschuldigte sich namens der Bundespost für den ungeheuerlichen Vorgang.

Großmutter hatte nichts anderes erwartet.