Was ist eigentlich Patriotismus?

Kommt von „patria“, Heimat. Sie ist mir schon in meiner frühesten Jugend begegnet als Werbespruch:

Bleib deiner Heimat treu, trink Rotenhan Bräu!

Patriotismus habe ich später in dreifacher Ausführung kennen lernen dürfen, den der Schweizer, den der Spanier und den der Deutschen.

Im CH-Land ist das ganz einfach: Alles in der Schweiz ist gut, richtig und schön, und wenn jemand eine Sauerei aufdeckt, dann ist er entweder ein Nestbeschmutzer oder ein „Uuslander“.

Spanischer Patriotismus geht anders: Alle sind sich einig, dass man nirgendwo besser lebt als im Land Spanien. Alle sind sich einig, dass der Staat Spanien ein Saustall ist, aber keiner ist bereit, etwas dafür zu tun, dass sich daran etwas ändert.

Mit Deutschland ist das – wie so meist – schwieriger. Als ich noch ein Kind war, gab es noch Reste von Patriotismus à la erste Strophe Deutschlandlied. Dem stand entgegen, dass meine Generation so gut wie kein Gefühl zu unserer Heimat hatte. Wir fanden, mit dem Begriff Patriotismus sei im 20. Jahrhundert schon genügend Schindluder getrieben worden, als dass man derlei haben müsse.

Es war ja auch schwierig! Seit 1914 waren die Deutschen immer die Bösen gewesen und zu allem Übel gab es auch noch zwei Deutschlands. Wir waren natürlich davon überzeugt, dass unser Deutschland das bessere sei. Als wir aber begannen nachzudenken, wurde uns klar, dass unsere Altersgenossen in der DDR im Zweifel annahmen, ihr Deutschland sei das bessere.

Irgendwie war das eine komplizierte Gemengelage und da war es die einfachste Lösung, auf den Patriotismus zu pfeifen. Und siehe da, es ging auch so. Es ist möglich, in einem Land zu leben, ohne auf dieses Land stolz zu sein.

Ist aber mit „Stolz auf mein Land“ Patriotismus hinreichend erklärt? Sicher nicht, denn als wir in den 60er Jahren begannen, unser Fühler über den Rhein, den Ärmelkanal oder die Alpen auszustrecken, bekamen wir zu ersten Mal zu spüren, dass es Menschen gibt, die der Ansicht sind, als Deutscher habe man keinen Grund, auf sein Land auch noch stolz zu sein.

Mit dem Erwachsenwerden bemerkten wir dann, dass Patriotismus uns weiter fremd blieb, aber wir stellten fest, dass wir Patrioten geworden waren. Wir waren dem Land dankbar, in dem wir unter geordneten Verhältnissen groß geworden sind, studieren konnten und sicher waren, einen Arbeitsplatz zu finden. Wenn wir Verwandte in der DDR besuchten, wenn wir mit dem Auto nach Polen oder Ungarn fuhren, dann stellten wir immer wieder fest, wie schön es ist, frei zu sein und als ich in Nordafrika war, wurde mir der Wert der Abwesenheit von Armut erstmals real bewusst.

Heute ist es wichtiger als je zuvor, darauf zu achten, dass Patriotismus nicht in Nationalismus umschlägt. Letzterer ist eine Ausschlussideologie und geht in der Regel mit Gebrüll einher. Ein Patriot ist eher still. Er muss nicht andauernd seine Identität hinausposaunen. Er steht zu dem Land, in dem er lebt, wobei es nicht notwendig ist, dass er auch dessen Staatsangehörigkeit besitzt.

Ein Patriot bricht allerdings dann sein Schweigen, wenn er bemerkt, dass das friedliche Zusammenleben in seinem Land gefährdet ist.

Mitterand hat einmal seinen Wahlkampf unter das Motto „La force tranquille“ gestellt. Ich glaube, er meinte mit der ruhigen Kraft eines Landes und seiner Bewohner den Patriotismus, den es braucht, um für sein Land einzustehen und dessen Werte zu verteidigen.

 

 

Was ist eigentlich Bildung?

Neulich habe ich einige Zeit auf einem der Berliner Trödelmärkte verbracht und mich über mich selbst amüsiert, weil ich die Symbole auf dem zu Massen angebotenen Porzellan mühelos erkannte, über die in Gläser eingeschliffenen Wappen regierender Häuser referieren konnte, aber keine Ahnung hatte, wozu das viele technische Gerät nütze sei, geschweige denn, wie man es zu bedienen hat.

Ich bin das typische Produkt einer bildungsbürgerlichen Gesellschaft, in der es wichtig war, dass die jungen Leute eine breit gefächerte Allgemeinbildung hätten, denn das für den Broterwerb notwenige Spezialwissen, käme ja sowieso später obendrauf. Um es verkürzt darzustellen, unseren Eltern war es wichtiger, dass wir Konversation machen und uns anständig benehmen konnten, als dass Wert darauf gelegt wurde, an dem enormen Fortschritt von Wissenschaft und Technik, den es ja auch schon vor 50 Jahren gab, teilzuhaben.

Heute besprechen wir Alten, dass es eine Schande sei, dass junge Spanier schon nicht mehr wissen, wer Franco war, dass Rapper vollkommen geschichtsvergessen menschenverachtende Sätze über Auschwitz in ihren Texten unterbringen, aber keiner mehr weiß, wann denn die Keilerei bei Issus sattgefunden hat.

Und wenn gefragt wird, wer denn zu Jesu Geburt Landpfleger in Syrien war, kommt beileibe nicht „Cyrenius war’s“ als Echo zurück. Kurz, das quasi enzyklopädische Wissen, das wir alle beim bestandenen Abitur mehr oder weniger intus haben, kann bei heutigen Schülern nicht mehr abgefragt werden.

Nun frage ich mich natürlich, wozu meine Bildung gut war. Unzweifelhaft hat es mir stets Vergnügen bereitet, Kultur zu konsumieren und zu verstehen. Sicherlich hat es meine Lebensfreude und -qualität verbessert,  und es war mir stets wichtig, zumindest was die europäische Geschichte angeht, diese zu verstehen und sie anderen erklären zu können.

Aber hat es was gebracht?
Bildung wird vermittelt, damit das angereicherte Wissen nutzbringend wieder in den gesellschaftlichen Kreislauf eingebracht wird. Da habe ich vollständig versagt. Etwas übertrieben behauptet mein Bruder (er lebt in Bremen, mehr ist dazu nicht zu sagen) wir seien alle Sumpfblüten des Spätkapitalismus. So ganz unrecht hat er nicht, denn zu Beginn der Bonner Republik war der Zugang zu Bildung noch strikt an Einkommen und Status gekoppelt. Zum Erstaunen der bildungsbeflissenen Eltern entwickelten sich deren Sprösslinge nach links und daran krankt die SPD bis heute, denn gebildete Bürgersöhne und -töchter mit SPD Parteibuch, das war eigentlich nicht im Sinne des Erfinders.

Unterdessen hat sich das grundlegend geändert. Wenn heute von Bildung gesprochen wird, dann sind damit Fertigkeiten, vulgo „tools“ gemeint, die den jungen Menschen dazu befähigen, wenigstens einen Teil dessen, was jährlich an „neuem Wissen“ hinzukommt zu verstehen und zu bewältigen. Das Wissen der Menschheit ist unterdessen so immens angewachsen, dass das noch vor einigen Jahrzehnten gängige Konzept von Bildung einfach nicht mehr greift.

Ich finde das gut. Ich kam mir sowieso schon seit Jahren mit meiner tollen Allgemeinbildung lächerlich vor. Ich bin ja nichtmal im Stande, meinen PC wieder in Ordnung zu bringen, wenn ich aus Versehen auf‘s „falsche Knopferl druckt hab“.

Ich finde es gut, dass Zugang zur heute gefragten Bildung über Grips läuft. Ich finde es gut, wenn heute Expertise vor Benimm geht und Fleiß mehr wert ist als Herkunft.

Aber nehmt’s mir nicht übel, ich werde mich nicht mehr ändern und ich werde mich nach wie vor freuen, wenn ich Höchster Porzellan auf dem Trödelmarkt erkenne, oder wenn ich weiß, weshalb an der Festung im brandenburgischen Senftenberg das sächsische Wappen prangt.

Wahrscheinlich hat mein Bruder mit der Sumpfblüte doch Recht.

 

 

Was ist eigentlich Anstand?

Gregor von Rezzori wird es mir aus dem Himmel heraus verzeihen, wenn ich ohne seine Erlaubnis diese Karikatur abfotografiert habe. Niemand hat es besser auf den Punkt gebracht, was man früher als „anständig“ bezeichnet hat.

Sehr viel Grips war nicht gefordert, wohl aber Entsagung und beinharter Patriotismus, der, wenn er zu Nationalismus mutierte, durchaus geduldet, ja manchmal erwartet wurde.

Anstand bedeutete, das Sein vor das Bewusstsein zu stellen, dem Gegebenen zu dienen und dieses bitte nicht zu hinterfragen.

Der in der wilhelminischen Ära geprägte Begriff, hat durch die Aberwitzigkeiten des Kaiserreichs getragen, durch die Gräuel des 1. Weltkrieges, hat geholfen, die Zeit der Weimarer Republik „mit Anstand“ zu überbrücken und hat es nicht verhindert, aktiv oder passiv, die Nazis zu unterstützen.

Kann man „passiv unterstützen“? Ja, etwa, indem man in die Partei eintritt, obwohl man die Nazis für Verbrecher hält, aber als PG war das Leben halt leichter.

Mit dem Aufschrei „nie wieder“ nach 1945 hat auch der Begriff des Anstandes eine Änderung erfahren, wobei man zugeben muss, dass dies sehr langsam ging. Ich, 1951 geboren, erinnere mich noch, dass die, die sich von 1933 bis 1945 wirklich anständig benommen haben, durchaus kritisch gesehen wurden, weil der Widerstand gegen Hitler eben bedeutet hatte, den Fahneneid zu brechen. Stichwort: „Dem Gegebenen dienen.“

Die Veränderungen unserer Gesellschaft haben glücklicherweise den Begriff Anstand nicht verdrängt, wohl aber haben sie ihn in seiner Bedeutung gewandelt. Er ist demokratischer geworden. Als Anstand wird heute verstanden, wenn man sich für die Belange anderer verantwortlich zeigt, wenn man das Wohl des Ganzen im Auge hat. Anstand ist aber auch, wenn man gegen den Strom der Zeitläufte das Essentielle unserer Gesellschaft hochhält, nämlich die Grundrechte. Dazu ist es notwendig, die eigenen Wertvorstellungen zu relativieren, denn andere möchten anders sein als ich und anders leben als ich, und das habe ich zu respektieren.

Anstand ist heute in erheblichem Maß Toleranz. Wer Rassist ist, wer hetzt, wer Lügen in die Welt setzt, wer zu Lasten der Allgemeinheit seinen Vorteil sucht, wer andere Lebenskonzepte schlecht macht, so jemand kann nicht anständig sein.

Ich bin weit davon entfernt, all dem zu genügen, was ich hier aufschreibe. Anstand ist ein Ziel, an dem man sich wahrscheinlich zeitlebens abarbeiten muss.

Anstand stellt mich täglich vor neue Herausforderungen als Ehemann, als Vater, als Nachbar, als Freund, als Europäer.

Seit 2015 ist unser Anstand neuen Herausforderungen ausgesetzt. Bei den Flüchtlingen haben wir es nämlich mit Menschen zu tun. Ich will in keiner Weise behaupten, dass da alles optimal gelaufen ist und dass alle zu uns gekommenen Flüchtlinge sich anständig benommen haben.

Anstand aber ist nicht reziprok. Der Anstand verlangt es von uns, auch dann anständig zu sein, wenn andere es nicht sind.

Übrigens: Es war der EKD Vorsitzende Bedford Strohm, der auf den Punkt gebracht hat, was der Anstand heute von uns verlangt:

„Menschen lässt man nicht ertrinken. Punkt.“

 

 

 

45 verhöhnt die USA

Dass der 45. Präsident keine Lust hat, sich im Impeachment von den Kongressabgeordneten verhören zu lassen, kann man verstehen, wenn man ihn versteht.

Ein normaler nicht krimineller Mensch arbeitet mit den Behörden zusammen, die feststellen sollen, ob Gesetzesverstöße vorliegen. Voraussetzung ist allerdings, dass derjenige, der Subjekt des Verfahrens ist, ein reines Gewissen hat.

Das hat der Präsident nicht, denn auch er ist nicht kindisch genug, nicht verstanden zu haben, dass ihm der Bruch des Amtseides, der Verrat nationaler Interessen und so manch anderes nachgewiesen worden ist. Das spielt allerdings keine Rolle, denn im Senat wird das Amtsenthebungsverfahren keine Mehrheit bekommen.

Es geht also ums Image. Er muss vor seinen Anhängern das Gesicht wahren, denn nur wenn ihm nicht von Angesicht zu Angesicht bewiesen wird, dass er Gesetze gebrochen ist, ist er weiterhin imstande, vor seinen Wählern zu erzählen, er sei Opfer einer Hexenjagd.

Es ist ja schon erstaunlich, mitzuerleben, dass einer der wichtigsten Politiker dieser Welt ungestraft lügt und dass die Wahrheit, heute Fakten genannt, absolut zweitrangig geworden ist.

Nun aber hat in der Impeachment Vorladung an den Präsidenten die Schieflage dessen, was vor drei Jahren noch wahr und richtig war, eine neue Dimension erreicht:

Als Begründung, weshalb er der Vorladung des Kongresses nicht Folge leisten werde, lässt der Präsident verlauten, es sei nicht garantiert, dass er dort ein faires Verfahren erhalten werde.

Dutzende Romane und Filme aus der Geschichte der Vereinigten Staaten werden wieder wach, in denen gegen alle Widerstände und gegen alle Wahrscheinlichkeit unerschrockene Bürger des freien Landes USA dafür sorgen, dass ein Angeklagter ein faires Verfahren erhält.

Es ist geradezu eine Quintessenz der „raison d‘ être“ der Vereinigten Staaten, dass jeder Bürger darauf vertrauen kann, vom Gesetz, von den staatlichen Organen ordnungsgemäß behandelt zu werden. Was ein Rechtsstaat ist, haben wir Europäer doch erst von den Amerikanern lernen müssen!

Und jetzt sagt der oberste Repräsentant der USA, dass dieser Staat ein zweifelhaftes Gebilde ist, dem nicht einmal mehr zuzutrauen ist, ein faires Verfahren gegen wen auch immer zu garantieren, geschweige denn gegen ihn selbst.

Die Gesetze und Traditionen im Kongress, denen das Impeachment Verfahren folgt, haben sich nicht verändert. Weshalb also sollte bei unveränderter Gesetzeslage ein faires Verfahren nicht mehr garantiert sein?

Da gibt es nur eine Antwort: Nicht der Kongress hat sich verändert, wohl aber das Weiße Haus hat sich verändert. Es ist zu einer Mafia Zentrale verkommen, die nach den Vorgaben des „Capo“ funktioniert. Dessen Gesetz gilt und alles, was dem zuwiderläuft, ist der Feind.

Es ist so gut wie sicher, dass der Lügner und Gesetzesbrecher erneut zum Präsidenten der USA gewählt werden wird. Das sagt viel aus über die Verfasstheit der Menschen in „God’s own Country“.

Der Schaden, der in acht Jahren Präsidentschaft dieses Mannes angerichtet sein wird, ist unermesslich. Der Schaden wird nicht nur wirtschaftlich sein. Er wird in erster Linie ein moralischer Schaden sein.

An welche Werte soll denn bitteschön der Normalbürger noch glauben, wenn der Präsident der Demokratie „par excellence“ verbreiten lässt, er halte sein eigenes Land und dessen Institutionen für einen Scheißhaufen?

 

 

USA: Sie werden aufeinander schießen.

Während der jüngst vergangenen Tage habe ich mit großem Interesse die Anhörungen der Zeugen im Impeachment Verfahren des US Kongresses verfolgt und mit großem Vergnügen (ich gebe es zu) das gesehen, was die late night shows dazu zu sagen hatten.

Das traurige Fazit war, dass diese große Bestätigung einer funktionierenden Demokratie absolut für die Katz war. Man hatte den Eindruck, dass die Abgeordneten zwar sprechen können, dass sie aber nicht hören können. Zumindest können diese Leute nur selektiv hören, denn sie blenden all das aus, was ihnen nicht in den Kram passt, und zwar in beiden Lagern.

Das Erschreckendste aber war, festzustellen, dass genau dieses Phänomen außerhalb des Capitols in absolut gleicher Weise gehandhabt wurde. Der eine TV Sender berichtete von einem Präsidenten, der mehrfach gegen die Verfassung und das Strafgesetzbuch verstoßen hat und der andere berichtet mit der absolut identischen Glaubwürdigkeit von einem Präsidenten, der alles richtig gemacht hatte.

Kurz, keiner auf der politischen oder journalistischen Bühne war und ist um Ausgewogenheit oder gar Objektivität bemüht. Es wurde lediglich aus dem Schaufenster heraus geplaudert, um die jeweilig eigene Klientel zu bedienen.

Ich war wirklich entsetzt, bis ich neulich im Flugzeug Zeit hatte, nachzudenken. Dabei bin ich darauf gekommen, dass auch ich immer weniger Lust dazu habe, die Meinung Andersdenkender anzuhören. Zwar lese ich täglich die Süddeutsche Zeitung und verfolge die Nachrichten in den öffentlich-rechtlichen Sendern und – sehr zu empfehlen- der österreichischen Nachrichtensendung ZIP 2 – aber das, was mir bei facebook ungefragt in den PC kommt, da selektioniere ich schon. Da gibt es smarte Mitfünfziger, die in Jeans und offenem Hemde ihre ultrakonservative Weltanschauung verbreiten, da gibt es Damen, die offenbar ohne viel nachgedacht zu haben, eher Fragwürdige Sentenzen Dritter teilen und dann gibt es einen Österreicher, der stets grinsend populistischen Schmäh in die Kamera quatscht.

Ich ertappe mich dabei, diese Beiträge nicht anzuhören, wegzudrücken und doof zu finden, ohne den Inhalt wirklich zu kennen. Das ist genau das Verhalten, das ich gerade hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung in den USA kritisiert habe.

Wenn eine Gesellschaft so polarisiert ist, dass die eine Seite nicht mehr weiß, was die andere denkt, weil der Gesprächsfaden abgerissen ist, dann entsteht zunächst Häme, dann Geringschätzung und schließlich Hass.

Wie will man in einer Demokratie diskutieren, in einem Parlament reden, wenn die Bereitschaft verloren gegangen ist, anzunehmen, dass der Andere womöglich doch ein Fünkchen Recht hat oder sogar mehr?

Wohin führt es, wenn der Wille und damit die Möglichkeit zu einem Kompromiss zu kommen a priori ausgeblendet wird?

Vor vielen Jahrzehnten hat die Erzieherin einige meiner Onkels, die damals noch Kinder waren, gefragt, aus welchen Ursachen sie sich denn stritten? Antwort: „Wir streiten nich mit Uhrsachen, wir streiten mit de Fäuste“.

Genau so wird es in den USA kommen, wenn die Spaltung der Nation alles durchdringt, von den Eliten bis zum letzten „Naturtrottel“. Man wird aufeinander losgehen. Es wird zum Bürgerkrieg kommen. Aber diesmal nicht mit zwei Armeen, die auf einander prallen.

In einem Land, in dem alle bis an die Zähne bewaffnet sind, werden Einzelne ihre vermeintlichen Feinde vor dem Supermarkt, in der Schule oder bei Sportversammlungen erschießen. Ist ja alles schon vorgekommen, nur wird das zu einem flächendeckenden Ereignis werden, wenn eine Gesellschaft zulässt, dass die Meinung anderer nicht nur nichts gilt, sondern zum Indikator dafür wird, dass so einer ein Feind ist.

Es steckt schon Methode dahinter, wenn der Präsident die Presse als Feinde des Volkes brandmarkt.

Quatschköppe. Woran erkennt man sie?

Langsam fühlt man sich umzingelt von Mitmenschen, die eruptiv das sagen, was ihnen so gerade durch den Kopf geht.

Selbst der mächtigste Mann auf dieser Erde rühmt sich damit, seine Politik sei intuitiv. Was eigentlich das Eingeständnis der eigenen intellektuellen Insolvenz ist, wird heute als volksnah angesehen, eben ein richtiger Kerl, der aus der Hüfte schießt. Erst abdrücken, dann fragen.

Und ebenso wird als volksnah angesehen, wenn man seine Gegner lächerlich macht, statt mit Argumenten zu kommen. Wenn der Vorsitzende des Impeachment Ausschusses „shifty Schiff“ genannt wird, dann ist sonnenklar, dass der, der sich das ausgedacht hat, verbal blindwütig agiert, weil ihm die Argumente fehlen.

Ein anderer Fall ist ein gewisser Peter Weber, der mit einer Plattform „Hallo Meinung“ an die Öffentlichkeit geht. Seine Adepten posten dort das, was eine meiner Lehrerinnen „Allerweltsgeschwätzle“ nannte. Gestern machte ich mir die Mühe, einen Post, der offenbar bei Regen auf Ibiza aufgenommen wurde, anzusehen: Der Autor redete über Minuten davon, dass er ein Freund des Rechtsstaates sei, der allerdings von Gefahren umgeben sei, weil man seine Meinung nicht mehr sagen dürfte.

Was tut er denn gerade?

Bei diesem Herrn bedurfte es keiner verbalen Entgleisungen, um seine Quatschköpfigkeit unter Beweis zu stellen, beim Chef vom Ganzen aber schon: Peter Weber hat neulich in einem Kommentar zum CDU Parteitag mehrfach davon gesprochen, dass das alles nur noch lächerlich sei, er meinte wohl die CDU und stellte als Beweis vor, der Parteitag habe nur aus applaudierenden Zinnsoldaten bestanden.

Abgesehen davon, dass das Bild unglücklich gewählt ist, denn zumindest meine Zinnsoldaten konnten damals nur rumstehen, nicht aber Beifall klatschen, war das wieder mal ein Versuch, Menschen zu verunglimpfen. Wer von „applaudierenden Zinnsoldaten“ spricht aberkennt diesen Mitmenschen deren Würde, deren Intelligenz und deren Recht auf Partizipation und entlarvt sich als Quatschkopp.

Ein weiteres Beispiel für dieses Verhalten liefert der Österreicher Gerald Grosz, der stehts grinsend, leicht Verständliches so rüberbringt, dass es noch ein Bisserl leichter verständlicher wird. Kurz er zieht alles auf Stammtischniveau herunter, das aber, wie er meint, mit Humor: Seine Gegner bekommen Beinamen, wie zum Beispiel „Oberhaupt der Zopferldiktatur“ deren Fans „infantile Schulschwänzer“ sind.

Ich gebe ja zu, auch ich opfere manchmal für einen guten Spruch die intellektuelle Stringenz, dennoch wage ich es, den „ersten Stein“ zu werfen:

Seid wachsam und wehrt euch gegen Quatschköppe!

Beschiss verjährt nicht!

Wenn es draußen unwirtlich und grau wird, haben wir drinnen gespielt. Meistens waren es Kartenspiele, mit denen und unseren Klassenkameraden wir ganze Nachmittage in der Runden Eckstube verbrachten.

Sehr beliebt war das Quartett-Spiel. Das zu spielen war etwas unfair, denn es handelte sich um das sogenannte Familienquartett, bei dem eine Tante jeweils vier Fotos eines Onkels, einer Großmutter oder eines Vetters in vier Sequenzen zu einem Quartett zusammengestellt hatte. Die Idee war, dass wir unsere Verwandten kennen lernen sollten. So wurde halt das halbe Dorf aufgeklärt, wer Onkel Otto war. Unfair war es deshalb, weil wir uns unter „Tante Hesi fährt Ski“ oder „Tante Marline schält Kartoffeln“ etwas vorstellen konnten. Unsere Freunde zunächst nicht. Wenn es eine Karte „Gottfried liegt im Schnee“ gegeben hätte, wäre auch das schwierig gewesen, denn unsere Freunde hätten zunächst ausgerufen: „Ach Goodla, der Baron is hiegabollerd.“

Später spielten wir unendliche Runden von Rommee und Kanaster. Ich bin sicher, dass all diese Spiele uns alle Konzentration, Kombination und Gedächtnis beigebracht haben, ohne dass wir das bemerkt hätten. Wir Kinder spielten drinnen mit großem Spaß, draußen regnete es und manchmal gab‘s sogar „Blädsla“. Der Star unter den Spielen war „Rasender Roland“. Dabei bekam jeder Spieler ein vollständiges Set Karten, also 52 Stück, die er schnell vor sich aufblättern musste. Kam eine zwei, durfte er diese Karte hinlegen und die andern mussten, die Farbe bekennend, ihre aufsteigenden Karten drauflegen. Gewonnen hatte, wer zuerst keine Karten mehr in der Hand hatte.

Das führte unweigerlich zu Geschrei und Auseinandersetzungen, besonders dann, wenn jemand wieder versucht hatte oben die richtige Karte hinzulegen, versteckt darunter aber noch einige weitere Karten loswerden wollte.

Rufe wie „Beschiss“, „Meine Caro Dame lag fei zuerst“, „Ich spiel nicht mehr mit“ und „So kann jeder Depp gewinnen“ waren an der Tagesordnung. Es gehörte zum Spiel, sich möglichst witzige und womöglich beleidigende Attribute für den Gegner auszudenken. Das führte durchaus zu Knuffen und ausgewachsenen Keilereien, die, so ordnete unsere Mutter an, auf dem Gang auszutragen waren.

Diese Auseinandersetzungen wirkten lange nach, manchmal waren wir wegen ungeklärter Betrugsvorwürfe tagelang miteinander „Bock“. Der damalige Sprachgebrauch bedeutete, dass wir keineswegs „Bock aufeinander“ hatten, ganz im Gegenteil, wir sprachen nicht mehr miteinander und behandelten uns gegenseitig wie Luft.

Manchmal dauerte die Säuernis aber auch Jahrzehnte: Man schrieb das Jahr 1987 und meine Patentante bereitete ihren 60. Geburtstag vor, der mit allem Pomp und Gepräge begangen werden sollte. Ihre Neffen und Nichten halfen bei der Vorbereitung des Festes und irgendwann legte ich ihr eine Gästeliste vor, die ich nach Gesichtspunkten des Grades der Verwandtschaft zusammengestellt hatte. Die Tante blätterte die Seiten durch und gab ihre Kommentare ab: „Lebt der überhaupt noch?“ „Naja, die blöde Henne muss halt auch eingeladen werden“ und so weiter. Sie stimmte allen Vorschlägen mal freudig, mal verhalten zu, doch dann stockte ihr Finger auf der Zeile, die einem ihrer Vettern zugedacht war: „Der wird nicht eingeladen!“ Wir redeten ihr gut zu, denn wir befürchteten ein größeres Familienzerwürfnis. Die Tante aber blieb hart und so verlagerte sich unser Interesse immer mehr auf die Frage, was der Grund für die Abneigung sei. Sie wollte mit der Sprache nicht herausrücken. Als wir damit drohten, den Vetter hinter ihrem Rücken doch einzuladen, wenn sie nicht mit der Sprache herausrückte, nuschelte sie schließlich: Naja, der hat in unserer Kindheit immer beim Rasenden Roland beschissen.“

Was ist „a Mentsch?“

Gestern Abend gab es in der Talkshow von Maybritt Illner im ZDF ein klassisches Missverständnis. Es ging um Hass und Drohungen in den sozialen Medien.

In seinem ersten Beitrag sagte der wunderbare Pianist Igor Lewit, er spräche jemandem, der Hass Falschmeldungen und Verleumdungen verbreite, die Ehre ab, „a Mentsch“ zu sein.

Sofort ging der neben ihm sitzende Bild-Redakteur auf die Akazien und warf ihm vor, das Grundgesetz zu missachten, denn die Menschenwürde gelte für alle Menschen, man könne sie nicht jemandem absprechen, womit er Recht hatte.

Das Problem aber war, dass der Bild-Mitarbeiter kein Jiddisch verstand, denn Lewit hat nicht von einem Menschen gesprochen, was er meinte war “a Mentsch“. Darunter versteht man im Jiddischen jemanden, er mit Empathie, Höflichkeit und Anstand durchs Leben geht. „A Mentsch“ zu sein, ist tatsächlich eine Ehre, eine selbsterworbene Ehre, die dazu führt, dass die Mitmenschen ihn oder sie verehren.

Wie jede Ehre, kann man auch die verwirken, „a Mentsch“ zu sein. Das passiert dann, wenn man sich menschenunwürdig benimmt, andere verleumdet oder bedroht.

Genau das wollte Igor Lewirt ausdrücken. Die Ehre, „a Mentsch“ zu sein, kann man jemandem absprechen, das unterscheidet den Mentschen vom Menschen, dessen Würde unantastbar ist.

Vorweihnachtszeit

Als Kind habe ich die vorweihnachtliche Zeit gehasst. Mein ganzes Sehnen und Trachten war auf den Heiligen Abend eingestellt und der kam und kam nicht. Stattdessen musste man auswendig lernen. Zuerst „a Versla“ für den Nikolaus und dann ganze Sentenzen aus der Weihnachtsgeschichte, weil Mutter einen zum Krippenspiel als zweiten Hirten eingeteilt hatte:

„Und die Hirdden kehrden wiedä um, briesen und lobbden Godd für alles, was sie gehörd und gesehen haddn.“

Statt Schlitten zu fahren, auswendig lernen! Da half kein Protest, da half gar nichts, zumal alle Freunde als Hirten, Verkündigungsengel oder Könige unter derselben Knute ihrer jeweiligen Mütter standen.

Als ich nach Oberbayern ins Internat kam, lernte ich, dass die Adventszeit die „stade“, die ruhige Zeit sei. Tatsächlich habe ich die vorweihnachtliche Zeit nie wieder so ruhig, so erwartungsfroh und musikalisch erlebt wie im Landheim Schondorf. Wir lernten bis dahin vollkommen unbekannte Weihnachtslieder: In dulce jubilo oho, auf Latein und sogar einen Jodler (Tjo tjo iri…) Auswendig lernen musste ich nichts, habe aber im Chor, als Körper der Musik miterleben dürfen, wie es ist, wenn man Teile des Weihnachtsoratoriums selbst singt

Der Nikolaus und sein Krampus kamen in den Speisesaal. Das war nicht beängstigend. Es war lustig. Lehrer und Schüler wurden verbal und meist auf hohem Niveau an den Ohren gezogen oder einfach verhohnepiepelt. Als Schülerpräses bekam ich einmal einen Preis für meine – pars pro toto – Verdienste um den Sport. Dabei war der Blesi, der Sportlehrer, schon froh, wenn ich nicht vom Reck fiel.

In den ersten Jahren sollten wir Geschenke für unsere Eltern basteln. Da mir die Ideen fehlten, riet mir „Freuln Trost“, eine Maus aus Balsaholz zu schnitzen. Als sie fertig war, hatte sie einen langen Schwanz aus Leder und niedliche Öhrchen aus dem gleichen Material. Ich packte das süße Ding in eine kleine Schachtel und stellte sie meiner Mutter auf den Gabentisch. Vergessen hatte ich, dass sie Panik vor Mäusen hatte. Ein gellender Aufschrei störte den Frieden des Weihnachtszimmers und Vater vermahnte mich, bei meinen Geschenken künftig etwas mehr nachzudenken.

Im kommenden Jahr habe ich ihr einen roten Topflappen gehäkelt, den ich Jahre später vollkommen unbenutzt in einer Schublade wiederfand.

Am Abend vor der Fahrt in die Ferien stieg immer die große Weihnachtsfeier in der Turnhalle. Nachdem der Chor gesungen hatte, hielt der Boss eine Rede, bei der keiner zuhörte, zumal alle wussten, dass sie eh in den kommenden Grünen Heften abgedruckt werden würde. Statt aufzupassen, schauten wir gebannt auf Plätzchen, Erdnüsse und Mandarinen auf den Tischen vor uns. Aber bis er Boss endlich fertig war, blieben das alles verbotene Früchte. Später wurde sogar Kaffee serviert. Wenn man ehrlich sein will, war es ein entfernt nach Kaffee schmeckendes milchiges Gesöff. Coffein muss es aber enthalten haben, denn ich erinnere mich, dass ich in der letzten Nacht vor der Heimfahrt nie schlafen konnte.

Ich habe mich an all das erinnert, weil meine geliebte Frau Brigitte heute beim Käffchen stöhnte, bald ginge ja die Plätzchenbackerei wieder los, und für die Enkeltochter müsse ja auch noch ein Adventskalender mit Inhalt gebastelt werden. Ich hatte früher immer denselben Adventskalender. Am 5. Dezember war ein roter Apfel im Türchen und am 6. ein Nikolaus – natürlich. So viel zum Inhalt.

Aber auch für mich haben die Vorbereitungen heute begonnen: Ich habe Einladungen verschickt, denn am 6. Dezember kommt bei uns der Nikolaus ins Haus.

Um Spekulationen vorzubeugen: Es bin nicht ich, der ihn gibt.

 

Das Hartz IV Urteil des BVerfG

Seit dem 5. November 2019 fühlen sich viele in Deutschland lebende Menschen vom Bundesverfassungsgericht verhohnepipelt. Die Richter in roten Roben haben nämlich für Recht erkannt, dass die Jobcenter Empfängern von Hartz IV Leistungen die unter keinen Umständen um mehr als 33% kürzen dürfen.

Das ist eines von diesen Urteilen, die an Stammtischen und bei der Brotzeitpause in den Betrieben heiß diskutiert und meist abgelehnt werden. Das Urteil zielt ja auch auf die Grundpfeiler dessen, was den Deutschen ausmacht:

„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Manchmal hat man den Eindruck, dass dieser Vers von Goethe in den Köpfen der Deutschen Artikel 1 des Grundgesetzes ist. Es ist ja auch womöglich so, dass der deutsche Staat, anders als viele seiner Nachbarn, sich in erster Linie durch die Leistung seiner Bürger selbst definiert.

Das ist die gefühlte Verfassungswirklichkeit, die sich aus dem „gesunden Menschenverstand“ nährt.

Nun wissen wir ja aus schmerzlicher Erfahrung, dass der kollektive gesunde Menschenverstand allzu leicht in das allgemeine Volksempfinden abrutschen kann. Ist Ersterer schon nicht objektiv, um wie viel weniger ist es Letzteres.

Das Bundesverfassungsgericht hat uns allen wieder einmal ins Gedächtnis gerufen, dass wir in einem sozialen Rechtsstaat leben. Wir leben eben nicht in einem Gebilde, in dem der Staat mit seiner Verfassung den Kräftigen stärkt, sondern in einer Solidargemeinschaft von Demokraten, in der es nicht zulässig ist, dass der Staat an sich gerechtfertigte Sozialleistungen vom Wohlverhalten der Bürger abhängig machen kann.

„Jaa, wenn die Faulenzer halt dauernd zumutbare Arbeiten ablehnen!“

Ein probates und zunächst verständliches Argument. Nun leben wir ja alle in zunehmendem Maße abhängig von dem, was die Verwaltung und befielt. Was die Verwaltung anordnet kann sofort durchgesetzt werden. Unser Widerspruch aber muss durch die Gerichte gehen. Allein schon dieser missliche aber rechtlich unbezweifelbare Zustand macht es so erfreulich, wenn die Verwaltung dann doch ab und zu mal von den Richtern eins auf die Finger bekommt. Wenn dem nicht so wäre, würde die Verwaltung noch übermütiger.

Doch zurück zum Hartz IV Urteil: Das Gericht hat erklärt, dass es die Menschenwürde aus dem Artikel 1 unseres Grundgesetzes nicht zulässt, dass die Exekutive Menschen in die Mittellosigkeit stößt, wenn die Legislative gerade, um die zu verhindern, Sozialleistungen vorsieht. Die Verwaltung ist nicht der Moralapostel, den es in einem demokratisch verfassten Staat gar nicht geben darf.

Eine Demokratie ist kein Wunschkonzert. Diese Staatsform sieht Rechte und Pflichten für alle vor.

Wenn allerdings ein Bürger bedürftig wird, dann muss die Solidargemeinschaft der Demokraten es aushalten, ihn mit dem Lebens-Minimum auszustatten. Dass es unter den Empfängern von staatlichen Leistungen Betrüger gibt, wissen wir alle. Ebenso wie wir wissen, dass es unter den Erfolgreichen solche gibt, die den Staat auf andere Weise betrügen.

Ich denke, dass der Schaden des Staates durch Steuerbetrug höher ist als der durch Sozialbetrug. Beides ist zu verurteilen.

Interessant ist allerdings, dass Steuerbetrug niemanden auf die Barrikaden bringt. Das Hartz IV Urteil aber wird oft so kommentiert:

„Niemand muss sich wundern, wenn solche Urteile zu mehr Stimmen für die AfD führen.“

Wer sowas sagt oder denkt, der ist ein Bauchgefühl-Demokrat, denn er ist es nur solange, wie ihm die Rechte der Verfassung in den Kram passen.