Archiv der Kategorie: Mallorca

Palau Sólleric

Mein Lehrer und Gönner, Francisco de Semir i Rovira, war Anwalt in Barcelona. Pacos Mutter stammte auf Mallorca und so verbrachte er seine Sommerferien oft in Palma, wo seine Verwandten unter anderem in Palau Sólleric am Paseo des Born wohnten. Es ist der einzige Palast im Barockstil, den es in Palma gibt. Als in den 60er und 70er Jahren dies wunderbare Gebäude zu vergammeln drohte, übernahm die Stadt Palma und machte daraus das, was es jetzt ist: Begegnungsstätte, Ausstellungsraum und Platz für Vorträge.

Als die Renovierung gerade abgeschlossen war, hatten Paco und ich irgendetwas in Palma zu tun und am Nachmittag war noch Zeit, bis unser Flug nach Barcelona beziehungsweise nach Ibiza ging.

„Komm, ich zeig dir den Palast, in dem ich meine Sommerferien verbracht habe“ schlug Paco vor. Ich erinnere mich nicht mehr daran, welche Ausstellung es gerade gab, wohl aber steht mir noch vor Augen, wie Paco in vollster Selbstverständlichkeit und zum Entsetzen der „seguratas“ der Sicherheitsleute, alle Türen zu den der Öffentlichkeit eigentlich nicht zugänglichen Räumlichkeiten öffnete. Man ließ ihn gewähren, nachdem er auf das Verwandtschaftsverhältnis zu den früheren Besitzern hingewiesen hatte und überhaupt so tat, als gehöre ihm der Palast irgendwie noch immer.

„Hier war das Arbeitszimmer meines Großvaters. Die Rovira stammen aus Valencia, er hat bei den Truyols reingeheiratet und alles am Spieltisch verloren.“

Wir stießen die nächste Türe auf und waren im Esszimmer: „Die Mallorquiner können nicht kochen, aber die Bunyols bei Großmutter waren die besten weit und breit.“

Das angrenzende Zimmer war das Boudoir von „tía Antonita“. Paco strich über die Holzeinfassungen am Fenster, in Gedanken schien er ganz weit weg. Dann schmunzelte er und erzählte mich diese erstaunliche Geschichte:

In der Zeit der Inquisition wurden die auf Mallorca lebenden Juden, die „Chuetas“ gezwungen, sich zum christlichen Glauben zu bekehren. Der Antisemitismus aber blieb, man traute ihnen nicht über den Weg, nicht als Neuchristen und auch nicht als Altjuden. Man glaubte, sie hingen ihrem alten Glauben noch an, was ja auch nicht verwunderlich war. Man sperrte sie ins Ghetto der Calle Plateria und der Calle Vidreria oben in der Altstadt.

Noch heute erkennt man im Telefonbuch der Stadt Palma, dass die alten jüdischen Namen sich sehr selten mit anderen vermischten. Da wimmelt es von Anschlüssen auf die Nachnamen Forteza Piña, Miró Valls, Cortès Picó oder Fuster Morata. Ripoll Forteza oder andere „gemischte“ Namenszusammensetzungen, kann man mit der Lupe suchen.

Trotz aller rassistischen Vorbehalte in der mallorquinischen Gesellschaft gegen die „Chutetas“, waren deren Töchter unter den jungen männlichen Mallorquinern sehr begehrt. Paco erklärte mir weshalb. Sie waren nicht so überwacht, wie die Mädchen aus den alten mallorquinischen Familien, de las familias de toda la vida. Darüber hinaus hielten die Chuetas die Liebe für eine Gabe Gottes, und daran konnte man schon damals nichts Verwerfliches entdecken, sagte Paco schmunzelnd.

„In einem Sommer hatte ich una amiga chueta. Man redete darüber nicht, aber alle wussten es. Einmal besuchte ich tía Antonita, hier in diesem Zimmer. Sie war unverheiratet und neugierig. Als sie sicher war, dass wir allein waren, sagte sie im Flüsterton:“ „Paco, du hast doch eine Freundin, eine chueta. Man muss ja nicht alles glauben, was die Leute sagen, aber dich kann ich es ja sicherlich fragen, weil du es gesehen hast. Ist es wahr, dass die chuetas hinten einen Schwanz haben wie der Teufel?“

 

Mildinnigliche Verbrecher

Mildinnigliche Verbrecher

Heute publiziert die Süddeutsche Zeitung einen langen Artikel über die Schwierigkeiten, die muslimische Flüchtlinge haben, die sich zum Christentum bekehrt haben.

Man wird verstehen müssen, dass Menschen, die aus Ländern kommen, in denen es eine Staatsreligion gibt, denken, es wäre gut, sich in Deutschland der dort herrschenden anzuschließen, nach dem Motto: „When in Rome, do as the Romans do“.

Es ist aber so, dass es in Deutschland keine Staatsreligion gibt. Deshalb hat die Annahme eines neuen Glaubensbekenntnisses keinerlei Auswirkungen auf das schwebende Asylverfahren.

Das Gegenteil ist der Fall: Die Behörde, BAMF, geht davon aus, dass es sich bei der Bekehrung zum Christentum um schieren Opportunismus handelt.

Dagegen laufen die Geistlichen Sturm weil das BAMF auf Aktenlage entscheidet und natürlich keine Prüfung der neuen Christen übernehmen kann.

Die betroffenen Geistlichen behaupten, sie würden niemanden taufen, bevor sie ihn nicht einer eingehenden Glaubensprüfung unterzogen haben.

Das ist offenbarer Mumpitz. Wie will ein Pfarrer die Intensität des neuen Glaubens prüfen, wenn der Bekehrte Analphabet ist und kein Deutsch kann?

Einer der Pfarrer wird im Artikel zitiert, als er den Bekehrten fragt:

„Was verstehst du unter göttlicher Gnade?“ Der Prüfling sagt, den Himmel müsse man sich verdienen. „Tut mir leid“, sagt der Pfarrer, „wir Christen glauben etwas anderes, als du meinst, Du bist noch zu sehr am Islam verhaftet.“ Durchgefallen.

Das ist doch der reine Kindergarten, zumal ich sicher bin, dass die Mehrheit der getauften Christen ebenso geantwortet hätten.

Was mich an den mildinniglichen Bekehrern so maßlos ärgert, ist der Umstand, dass ihr Tun verbrecherisch ist. Sie braten da irgendwem nach „gehabter Prüfung“  den Taufsegen über, immerhin ein Sakrament, und nehmen billigend in Kauf, dass der  Neu-Christ, für den Fall, dass er abgeschoben werden sollte – wir erinnern uns, die Taufe hat keine Auswirkung auf das laufende Asylverfahren – in seinem Heimatland schwersten Sanktionen ausgesetzt ist. Das geht von sozialer Ächtung über Gefängnis bis zur Todesstrafe.

Wohl wegen dieser Konsequenzen denken die Bekehrer, einer Abschiebung werde nicht stattgegeben.

Die Praxis des BAMF sieht aber anders aus, weil man dort mit Recht davon ausgeht, dass jemandem, der nach Deutschland gekommen ist, kein Deutsch spricht und weder lesen noch schreiben kann, der Herr Jesus Christus sich nicht einfach so offenbart.

„Dann sollen die Zurückgekehrten einfach ihre Taufe verschweigen“, scheinen die Bekehrer zu denken, so können sie Sanktionen und Verurteilungen entgehen. So wenig wichtig nehmen die Bekehrer die Austeilung eines Sakramentes?

Wer wissentlich jemanden zum Christentum bekehrt oder gar tauft, der noch kein rechtskräftiges Bleiberecht in Deutschland hat, ist ein Verbrecher, denn er spielt mit dem Leben des Bekehrten.

Es fällt mir zunehmend schwerer, Klerikern und anderen Frommen zuzuhören, ganz unabhängig davon, welcher Religion sie anhängen, die nur weil sie an etwas Glauben, davon ausgehen, dass das, was sie im Namen dieses Glaubens tun, per se richtig ist.

Abbau des Demokratieverständnisses

An der Behandlung der Flüchtlingsfrage in unserer Gesellschaft kann man exemplarisch darstellen, wie Schrittchen für Schrittchen eine a priori gute Maßnahme schlechtgeredet wurde und zu einem Riesenproblem für das allgemeine Verständnis dessen wurde, was politisches Handeln bedeutet.

Der erste Schritt war, dass jemand behauptete, Merkel habe die Grenzen geöffnet. Das stimmt nicht. Die deutschen Grenzen waren qua Schengen Abkommen immer offen. Was Merkel al 15.9.16 machte, war aus einer Notsituation die Vorschriften des Dublin Abkommens auszusetzen. Dass das rechtens war, wurde von deutschen und europäischen Gerichten bestätigt.

Nächster Schritt: Man sprach von „Wirtschaftsflüchtlingen“. Frage an alle: Was würden Sie tun, wenn in Ihrem Heimatland weder für Sie selbst noch für Ihre Kinder eine annehmbare Lebensperspektive bestünde? Die ganzen Vereinigten Staaten wurden von Wirtschaftsflüchtlingen besiedelt und aufgebaut. Das Wort wurde lediglich geprägt und genutzt, um die Flüchtlinge, die aus sogenannten gescheiterten Staaten kamen, verächtlich zu machen. Das Wort diente dazu, Sozialneid aufzubauen und deshalb wurde als nächstes Schrittchen der Begriff der „Flucht in unsere Sozialsysteme“ nachgeschoben. Was bekommt so ein dahergelaufener Flüchtling und was bekomme ich?

Schlimm wurde es mit dem Wort des „Asyltoursimus“. Nun hatte aber auch der Dümmste begriffen, dass diese Menschen zu uns kommen, wie wir nach Malle fliegen, weil dort die Sonne mehr scheint und das Meer näher ist. Die Asyltouristen allerdings kamen nicht nach Deutschland wegen Sonnenschein & Co sondern wegen der für die bereitgestellten Fleischtöpfe (s.o.).

Und da man in Deutschland strebsam und geschäftstüchtig ist, war es nicht verwunderlich, dass schließlich jemand auf die Idee kam von der Flüchtlingsindustrie zu reden. Das sollte suggerieren, dass es zu allem Elend auch noch zwielichtige Gestalten gibt, die aus dem Schicksal der Asylanten Gewinn schlagen.

Ich muss mir da an die eigene Brust schlagen, denn ich habe auch geschimpft über den Betreiber eines Flüchtlingshotels, der für 18 qm Wohnraum über 3.000 € Staatsknete pro Monat absahnte und auf dessen Schreibtisch ein Schlüssel für einen Mercedes lag.

Und nun hat gestern der NRW Ministerpräsident Laschet gesagt, er sei ja ganz froh, dass der Gefährder, der ehemalige Leibwächter Bin Ladens, nun in Tunesien angekommen sei. Das darf er nicht sagen, denn so sanktioniert er einen Rechtsbruch. Wir erinnern uns: Das BAMF hatte den Mann abgeschoben, bevor das zuständige Gericht rechtsgültig darüber entschieden hatte.

Allerdings war Laschet nicht allein auf die Idee gekommen, derlei zu sagen, denn zuvor hatte Seehofer verkündet, es ei für ihn eine Priorität diesen Mann abzuschieben. Seit wann kann ein Bundesminister seine Meinung zu einem laufenden Asylverfahren abgeben und damit womöglich bei der ihm untergeordneten Bundesbehörde (BAMF) vorauseilenden Gehorsam provozieren?

Ein Bundesminister darf nie und nimmer in ein laufendes Einzelverfahren eingreifen.

Das waren alles kleine Schritte, die für sich genommen relativ unwichtig waren.

In der Summe aber ist es dadurch gelungen, nicht nur die Atmosphäre zu vergiften, es wurde letztendlich erreicht, den sozialen Frieden in unserm Land zu gefährden.

Vorsicht vor den kleinen Schritten, wir müssen alle wachsam bleiben.

Ich weiß nicht mehr, welcher aktuelle Diktator es gesagt hat:

„Lasst mich nur machen, wenn es viele kleine Schritte sind, wird das Volk die von mir gewollten Veränderungen problemlos schlucken.

Das nenne ich Abbau des Demokratieverständnisses.

Die Kloßköchin und der Pfarrer von Gerach

In diesem Buch geht es nicht darum, dass ich ein Techtelmechtel zwischen einer kloßkochenden Dame und dem Seelsorger von Gerach aufdecke.

Nein, in dem dünnen Büchlein werden 34 Geschichten und Episoden aus Franken erzählt, die ich zum Teil selbst erlebt habe, oder die mir erzählt wurden.

Nachdem ich die Beiträge zu Korrekturzwecken unzählige Male durchgelesen, verändert und zum Teil neu geschrieben habe, kamen sie mir am Ende stinklangweilig vor.

Um so mehr freut es mich, wenn mir die einen sagen, genau so sei es gewesen und die andern versichern, Tränen gelacht zu haben.

Beides, die Tradierung von Lebensformen, die vergessen zu werden drohen und der Wunsch, meine Leser zum Lachen zu bringen, waren der Antrieb, einen Verleger für die Geschichten aus Franken zu finden.

Der Erich Wess Verlag in Bamberg hat das Risiko dann auf sich genommen und es wäre schön, wenn es für den Verlag kein Risiko bliebe.

Man kann das Buch, Titel oben, für 9 € beim Verlag erwerben (online), man kann es im Buchhandel kaufen oder man kann es bei mir bestellen, ebenfalls für 9 € plus Porto. Dafür gibt es dann aber auch eine Widmung (rotenhan@hotmail.com).

In dem Buch geht es um Partnerfindung, Staatslehre, Religionsunterricht, einen Helden, die Jagd, die Aufklärung, Rauschgifthandel, Fürsten und Bierausfahrer. Dies allerdings stets unter dem besonderen Blickwinkel des Fränkischseins.

Die in fränkischer Sprache gehaltenen Teile sind auch für Nichtfranken leicht zu verstehen, vielleicht mit einer Ausnahme, die auch Franken womöglich nichtmehr im Sprachschatz führen: „Göcherles“.

Vogelschiss

Natürlich sind 12 Jahre eine kurze Zeitspanne.

In der Betrachtung der Geschichte kommt es allerdings nicht auf die Quantität der Jahre an, sondern auf die Qualität dessen, was in diesen Jahren passiert ist.

Die Weimarer Republik ist nicht vergleichbar mit dem Zustand der Bundesrepublik heute. Es verbindet allerdings beide die Rechtsstaatlichkeit ihres Systems und die breite bürgerliche Verfasstheit ihrer Bevölkerung.

Werte wie Verlässlichkeit, Bildung, Grundrechte, Gewaltentrennung, contrat social, Achtung der Rechte der Mitmenschen, all das zeichnete die Weimarer Republik aus und all das zeichnet das derzeitiges Leben in der Bundesrepublik aus.

Was alle Welt nach 1933 bestürzte und nach wie vor bestürzt, ist die Tatsache, dass es den Nazis in sehr wenigen Jahren gelungen war, aus Normalbürgern Denunzianten,  Opportunisten, Mitläufer, Menschenverachter und Mörder zu machen.

Nach 1945 stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich dem Widerstand angeschlossen hatte, keiner hatte mitgemacht, nur in den Bonner Ministerien saßen noch Seilschaften.

Zugegeben, nicht alle waren Nazis, aber es waren auch sehr wenige, die sich trauten, offen dagegen zu sein.

Da wurde vor den Augen des deutschen Bildungsbürgertums all das mit Füssen getreten, was seit Jahrhunderten im Land der Dichter und Denker erarbeitet worden war, und die Mehrheit schaute schweigend zu.

Offenbar ist es möglich, als handele es sich dabei um das Drehen am Schalter, das Bewusstsein und das Verhalten eines Volkes auszuwechseln.

Es reicht eine Mischung von Bedienung der bestehenden Vorurteile und Terror, um das zu erreichen.

Wir durchleben gerade eine Phase, in der die Wahrheit immer unwichtiger wird. Früher trat ein Politiker zurück, wenn er beim Lügen erwischt wurde. Heute ist das Belügen des Parlaments und der Öffentlichkeit wohlfeil geworden, zumal die Anhänger der Lügner genau diese Lügen hören wollen.

Wenn Dobrindt von der Anti-Abschiebe-Industrie schwafelt, erfreut er damit die Masse und beleidigt wenige. An der Wahlurne zahlt sich das aus.

Wenn Gauland vom Vogelschiss spricht, freut das die Nazi Nostalgiker. Dass er damit das Undenkbare, das Grauen, die Ermordung nicht nur von Millionen Juden kleinredet, sondern auch die Opfer des von den Nazis angezettelten Krieges verlacht, das merken nur die, die ihn so wie so nicht gewählt hätten.

Der Holocaust und die Schuld am zweiten Weltkrieg werden auf ewig die Deutschen und das Bild Deutschlands in der Welt belasten.

Das ist gut so, weil man bisher dachte, diese Verantwortung werde die Deutschen bei Vernunft halten.

Seit in Deutschland wieder Nazis in den Parlamenten sitzen, habe ich allerdings Zweifel, ob diese Prämisse noch hält.

 

Die tun was!

Donald Trump ist mir unsympathisch, Victor Orban ist mir unsympathisch, Wladimir Putin ist mir unsympathisch, Sebastian Kurz ist mir unsympathisch, Marcus Söder ist mir unsympathisch.

Alle, und noch ein paar Gesellen mehr, machen Politik, die ich für gefährlich und falsch halte, einer etwas mehr, der andere etwas weniger.

Aber, und das kann ihnen niemand abstreiten: Sie tun was. Und indem sie etwas tun, bewirken sie was. Sie sind präsent, werden von ihren Völkern geachtet und gewählt, so hofft zumindest Söder.

Nun haben wir in Paris einen jungen Präsidenten Macron sitzen, der seit Monaten einer Loreley gleich auf dem Felsen sitzt uns Lockrufe nach Berlin aussendet. Zunächst konnte Berlin nicht antworten, da manövrierunfähig, und dann, als das Ruder wieder funktionierte, hat es bis zu diesem Wochenende gedauert, bis die Kanzlerin sich zu einem „ja, aber“ durchringen konnte.

In Italien droht eine eurofressende Regierung, in Russland erstarkt ein Despot, in Ungarn macht der Victor, was er will, in Wien legt sich die ÖVP mit den Rechten ins Bett und der Trump, der setzt alles auf‘s Spiel was einem aufrechten Atlantiker seit einem dreiviertel Jahrhundert heilig war.

In einer solchen Situation hat man als Bundeskanzlerin die Pflicht, zupackend neue Allianzen zu schmieden und/oder bestehende auszubauen und sie manövrierfähig zu halten.

Macron erwartet sicherlich nicht, dass seine Vorschläge in der EU eins zu eins verwirklicht werden können.

Aber da haben wir mal jemanden, der Vorschläge hat! Alles schaut gebannt darauf, was die zweite starke EU Nation dazu sagt, und dann kommt ein verzagten „ja, aber“.

Frau Merkel hatte das Glück, bisher damit in einer ihrem Meister Kohl abgeschauten Politik des Aussitzens durchzukommen.

Bröckelnde Allianzen aber kann man nicht aussitzen! Hier ist „Action“ gefragt, und die lässt die Kanzlerin in beklagenswerter Weise vermissen.

Es hat eben schon was Gutes, wenn die politischen Mandate zeitlich beschränkt werden. Nach zwei Legislaturperioden ist Schluss.

Nicht dass ich es der Kanzlerin nicht gönne, vier Mal im Amt bestätigt zu werden. Der Grund dafür, dass die Mandate ein Verfallsdatum haben müssen ist die Dankbarkeit.

In all den Jahren hat Merkel natürlich aus Richtiges und Gutes vollbracht. Und da denkt dann der Wähler, man müsse sie doch wieder wählen, alles andere wäre undankbar.

Sind Sie Ihrem Taxifahrer dankbar? Verdient Ihr Klempner Elogen? Nein, das sind Professionelle, die ihre Arbeit machen und dafür entlohnt werden.

Genauso ist es mit Politikern. Die sollen ihre Arbeit machen, dafür werden sie von uns bezahlt. Dankbarkeit hat in der Politik nichts zu suchen.

Ich stelle fest, Frau Merkel ist derzeit überbezahlt. Sie macht nichts. Dabei wäre gerade jetzt Handeln am Platze!

Ihr Nichtstun bewirkt, dass das tumbe, verantwortungslose, effekthascherische Tun der oben genannten Unsympathslos von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Diese Aufmerksamkeit hätten sie nicht, wenn Paris und Berlin endlich wieder an einem Strang zögern.

Sorge um den Euro

General de Gaulle hat gesagt, Staaten hätten keine Freunde, Staaten hätten Interessen. Das ist ja auch richtig, solange sie keine gemeinsame Währung haben. Der Euro hat die Europäer nun wirklich nicht zu Freunden gemacht, sie sind allerdings erheblich mehr voneinander abhängig, als dass jedes Land seinen partikularen Interessen frönen könnte.

Wahrscheinlich ist es ein Geburtsfehler des Euro, dass er seinen Mitgliedsländern zu viel haushaltspolitische Autonomie gewährt. Jeder macht seine Schulden allein, jeder kurbelt seine Wirtschaft an wie er will, oder auch nicht, jedenfalls wie er will. Das hat jedes Land solange getan, bis es in Bedrängnis kam.

Dann auf einmal griff Brüssel ein, Sparpläne mussten befolgt werden, Auffangkredite gab es nur noch mit Vorbehalten und jeder, der sehen und denken kann, wähnt dahinter die starke Hand der Bundesregierung.

Noch nie war Geldgeber so unbeliebt, wie es zur Zeit Deutschland ist.

Wie das denn?

Jeder, der sehen und denken kann, versteht, dass Deutschland der Hauptnutznießer der Eurozone, des europäische Binnenmarktes und der ganzen EU ist. Natürlich zahlt Berlin die höchsten Nettobeiträge in die EU Kasse. Das passiert ja nicht nur aus überschäumender Liebe zu unseren europäischen Brüdern und Schwestern, vielmehr ist das der schiere Eigennutz. Das viele Geld fließt ja wieder zurück nach Deutschland, denn ohne die Mittel, die von Berlin via Brüssel in die EU Länder fließen, könnten diese nicht die Erzeugnisse der deutschen Industrie kaufen.

Der Erfolg ist, dass Deutschland wirtschaftlich bombig dasteht, von den Rating Agenturen über den Schellen Ober gelobt wird, sich daher billig finanziert und die Gelder dann teuer weiterverleihen kann. Deutsche Banken haben aus der Griechenland Krise erheblichen Profit gezogen.

Wenn man den Euro ausschließlich im Bezug auf die deutsche Wirtschaftsleistung ansieht, dann ist er unterbewertet. Wieder profitiert Deutschland, denn nur so kann es seine Waren zu Preisen verkaufen, die seine Europartner bezahlen können.

Kehrte Deutschland zur DM zurück, würde deren Wert im Bezug zu den anderen europäischen Währungen rasant nach oben springen und plötzlich wären Waren aus anderen Ländern konkurrenzfähig, die es derzeit schwer haben.

Wie aber soll ein gemeinsamer Markt funktionieren, in dem wenige Partner vor Kraft nicht laufen können und andere wegen der drückenden Schuldenlast den Hintern nicht hochkriegen?

Ab jetzt kommt die Psyche in Spiel, denn es geht um die Vergemeinschaftung der Schulden.

Griechenland, Italien, Spanien, Portugal. Irland hat man über Jahre hinweg Schulden machen lassen. Es waren nicht zuletzt deutsche Banken, die dorthin Geld geschaufelt haben, wohlwissend, dass es zum großen Teil wieder in die Kassen ihrer deutschen Industrieklientel fließen würde.

Aber: man kann das Kind nicht erst mästen und es dann zu einer Abmagerungskur verdonnern, weil der Bub so blöd war, das ganze Zeug in sich hineinzustopfen.

Deutschland ist an der Eurokrise elementar mit Schuld und hat vom Elend anderer profitiert. Wenn jetzt die Vergemeinschaftung der Schulden als Satanswerk hingestellt wird, so ist das verlogen, verantwortungslos und schädlich.

Die hierzu benutzte Melodie ist immer die gleiche: „Die faulen Südländer wollen, dass wir ihnen Wein, Weib und Gesang samt Siesta und Sirtaki finanzieren“.

Das kann jeder verstehen, will jeder verstehen und das bringt Erfolg an den Wahlurnen.

Dabei ist die Sache anders: Es steht im Interesse des Staates Deutschland, seinen europäischen Partnern nicht schulmeisterlich zu kommen, sondern helfend. Das bedeutet letztlich einen kontrollierten Schuldenschnitt.

Sittliche Schieflage!

Es passiert immer wieder, dass man auf dem Flugplatz auf Damen trifft, die zu laut sprechen, zu grell geschminkt sind und zu auffallend die Haare getönt haben. Sie wollen allen Mitmenschen mitteilen, wie gut es ihnen ginge, wenn sie denn das Glück hätten, der graumelierte Herr an ihrer Seite zu sein.

Heute traf ich auf eine solche Dame auf meinem Flug von Berlin nach Palma. Wegen ihrer high heels war sie sehr groß, hatte eine schwarze Mähne und war auch sonst schwarz angezogen. Wobei ich mir überlege, ob „angezogen“ ihre Erscheinung angemessen beschreibt, denn von unterhalb des übrigens sehr sehenswerten Busens bis zum Gürtel hatte sie nichts an außer einem goldenen Nabelpearcing.

Erstaunlicherweise trug die Dame kein sichtbares Tatoo, wiewohl ihr und dem graumelierten Herrn sozusagen auf der Stirn geschrieben war: „Wir sind alles, nur nicht verheiratet.“

Ich amüsiere mich über derartige Darbietungen immer und dann vergesse ich sie. Heute nicht, denn zu meinem Entsetzen stellte sich nicht nur heraus, dass sie in den selben Flieger stiegen, sondern auch noch neben mir saßen.

Der Steward, er war ausweislich seines Namensschildes Grieche, erkannte offenbar mein seelisches Erbleichen und bot mir einen sehr bequemen Sitz in der Reihe hinter dem Paar an. Sehr viel griechisch kann ich nicht, aber „efcharistó“ konnte ich heute gar nicht oft genug sagen. Der Steward lächelte wissend.

Nun saß ich also hinter dem Paar. Über dem Gang vertiefte sich in der gleichen Reihe ein schlohweißer emeritierter Professor für angewandte Philosophie in eine wichtige Abhandlung. Er sah so aus, als habe er im Jahr 1959 eine Doktorarbeit über den Zeitbegriff bei Kierkegaard geschrieben. Ich versuchte mich in seine Lage zu versetzen und bemerkte, dass der würdige Greis wohl noch nie so froh gewesen war, ein gelehrtes Buch eingepackt zu haben, wie heute.

Derweil informierte die zu schwarze, zu wenig angezogene und zu laute Dame den graumelierten Freund in regelmäßigen Abständen über den Zustand ihrer Dauergeilheit, über Marseille befand der sich auf einem Tiefpunkt, aber offenbar hat sich der genannte Zustand bis zum Landeanflug wieder erholt. Es war alles weder zu überhören noch zu übersehen, der Professor verkroch sich in ein Buch und ich hörte auf meinem Sitz dahinter immer dann etwas, wenn mich mein eigenes Schnarchen aufgeweckt hatte.

Wir stiegen aus und erfuhren dass der graumelierte Herr Klaus Günter hieß, denn er erntete einen satten Anpfiff, als er versicherte den „Perso“ der Angebeteten nicht In der Jackentasche zu haben. Die Trübung des Verhältnisses dauerte nur kurz, denn es stellte sich heraus, dass niemand ihren „Perso“ sehen wollte.

Mein sittliches Gesamtgefüge war einigermaßen in Schieflage geraten. In der Schlange vor dem Taxistand wartete ich hinter einer vollkommen ungeschminkten jugendlichen Dame. Sie hatte sicherlich seit 12 Monaten keinen Sonnenstrahl mehr gesehen, war deshalb Britin und hatte in Erwartung der der zu ergatternden Bräune auf Mallorca nur leichte, um nicht zu sagen sehr leichte Bekleidung gewählt. Sie telefonierte:

„Tell me, where do I find these guys?  …. Okay, I take a taxi …. What, they are four Arabs? Yesterday you told me, there are only two of’em …… No, no, I told you yesterday, the answer is no! ….. You bloody motherfucker, but then it will be thousand per cock…”

Dann stieg sie in ein Taxi.

Sittliche Schieflage ist gar kein Ausdruck, mein Wertesystem wankt!

 

 

Der sensible Verlust

Sie hatten das anders geplant. Zwar liebten sie sich, aber es sollte auch eine Lebenspartnerschaft zur Versorgung des Älteren sein.

Ludwig hatte an der Mosel einen mittelständischen Betrieb. Er belieferte die Weinbauern mit dem, was sie so brauchten. Nachdem seine Frau gestorben war, glaubte er, aus dem Loch der Trauer am ehesten dadurch herauszukommen, dass der den Betrieb dem Sohn übergab und sich die Welt ansah. Weit war er nicht gekommen, denn in einem Park in Innsbruck verliebte er sich in Rudi, der war dreißig Jahre jünger.

Der Sohn war entsetzt, die Verwandtschaft schrie auf. Machen wir es kurz, das Paar zog nach Mallorca. Mit Ludwigs Geld wurde ein Haus auf dem Land gekauft.

Die Szene beim Notar war unbeschreiblich. Es erschien das verkaufende Ehepaar, er Taxifahrer, sie Hausfrau. Mateo war geknickt und vergoss vor der Unterschrift unter den Kaufvertrag sogar ein paar Tränchen. Er sei halt passionierter Gärtner, schluchzte er.

„Pah,“ kam es auch Paquita heraus. „Nada de jardinero, putero!“ Mateo wurde noch etwas verzagter und seine Frau schwoll an in ihrem Triumpf. Jeder Zoll ihres Körpers bezeugte ihre Genugtuung, den Sündenpfuhl endlich los zu sein. Ihr könne es ja egal sein, wer dort Nachfolger werde, dass es „un par de marricones“ sei, das geschehe dem Mateo aber ganz recht.

Einige Wochen später kamen Ludwig und Rudi wieder in die Kanzlei. Sie suchten Rat, weil der Jüngere ja irgendwie abgesichert werden müsse, wenn er, wie absehbar, den Älteren in den Tod werde pflegen müssen. Homo-Ehe und eingetragene Partnerschaft, all das gab es damals noch nicht. Meine eigentumsrechtlichen Vorschläge scheiterten an Ludwigs Furcht vor der bekannten Promiskuität homosexueller Männer, wie er mir bei einem weiteren Besuch, zu dem er alleine kam, darlegte.

Es wurde dann auch nichts daraus, denn Rudis Vorleben hatte doch Spuren hinterlassen. Er wurde krank, hatte Lungenprobleme, nahm erschreckend ab. Der behandelnde Arzt berief sich auf seine Schweigepflicht, die er gleich darauf mit den Worten verletzte, ich solle doch nicht so saudumm fragen, schließlich sei Rudi schwul.

Offenbar hatte er AIDS und bei den wenigen Besuchen, die ich machte, konnte ich einen erschreckenden Verfall des Mittdreißigers feststellen.

Das Schlafzimmer hatte bei aller Tragik etwas ungemein Komisches. Das Paar hatte sich das alte Ehebett von der Mosel kommen lassen, Eiche massiv samt dem Bild vom guten Hirten darüber. Auf Ludwigs Nachtisch lag ein Rosenkranz und ein Buch von Johannes Mario Simmel. Auf Rudis Seite stapelten sich Mickey Mouse Bände, auf denen die Röhrchen und Gläschen mit seinen Arzneien standen.

Zur Totenmesse in der Kirche von Lloseta kamen erstaunlich viele Freunde. Auch Mateo war dabei, er hatte den beiden mit Ratschlägen für die Gartenarbeit geholfen, darüber hatten sie sich dann angefreundet. Paquita kam nicht.

Ludwig fiel wieder in ein tiefes, tiefes Loch. Er war durch die Pflege körperlich geschwächt und die Einsamkeit trieb ihn in den Wahnsinn. Er hoffe, Rudi habe ihn angesteckt, sagte er immer wieder.

Ohne sein Wissen schrieb ich den Sohn an. Der antwortet knapp, er kenne seinen Vater, das, es folgte ein nicht zitierfähiger Unflat, nicht mehr, und ich solle ihn gefälligst in Ruhe lassen.

Tatsächlich ging Ludwigs Wunsch in Erfüllung und nur wenige Jahre nach Rudi verstarb auch er.

Zur Beerdigung erschien er nicht aber kurz darauf meldete sich bei mir der Sohn mit einem Erbschein. Er sprach von einem sensiblen Verlust und wollte, dass ich das Haus auf seinen Namen überschriebe.

Eines der wenigen Mandate, die ich abgelehnt habe.

 

Pedro Otzoup, Architekt und Mädchensieder

Mit seinem buschigen Oberlippenbart sah er aus wie ein Grieche, der für Feta Käse Reklame macht. Das Nikotin hatte die Barthaare gelblich verfärbt. Pedro Otzoup sprach deutsch mit einem seltsamen Akzent, spanisch mit einem seltsamen Akzent, französisch mit einem seltsamen Akzent und englisch mit einem seltsamen Akzent. Kein Wunder, er war in Odessa auf die Welt gekommen. Das war 1918.

In Berlin begann er ein Architekturstudium, das er nicht abschloss. Er, einer der erfolgreichsten Architekten Mallorcas, sagte von sich, er sei Bühnenbildner, aber kein Architekt. Auf die Insel kam er noch bevor der Tourismus Boom begonnen hatte, und als er im Jahr 2000 starb, hatte er an die 3.000 Wohneinheiten auf der Insel verteilt.

Er bediente zur Perfektion das Bedürfnis der 70er und 80er Jahre nach dem, was der gestandene Mitteleuropäer mediterranen Baustil nennt.

Seine Häuser, besonders seine Mehrfamilienhäuser, gleichen bis heute mehr einer Kulisse als einer Fassade. Sie haben nämlich keine. Hier ein Bogen, dort ein wuchtiger Holzbalken, dann wieder ein ziegelgedeckter Erker und alles endet in einer langgezogenen Fensterfront vor dem Pool.

Das war damals aktuell und die von ihm entworfenen Häuser und Appartements verkauften sich wie warme Semmeln. Kein Wunder, dass er bei den Architekten, die statt seiner die Baupläne unterschreiben mussten, sowie bei den Bauunternehmern äußerst beliebt war. Auf einem Otzoup Haus blieb niemand lange sitzen.

Noch heute werden von dem Maklerfirmen Otzoup-Häuser als solche angepriesen, als handele es sich dabei um ein ganz besonderes Gütezeichen.

Ich fand seinen Stil nie gut. In Cala Fornells kann man es besichtigen: Ein heilloses Durcheinander an Stilen, Aufgängen, Markisen, Törchen, Balken und vorgefertigten Säulchen. Mich erinnerte das Kleinteilige seiner Entwürfe an die Siedlungen der Schlümpfe, in Spanien „los pitufos“. Als ich die „Aldea Cala Fornells“ „Aldea Pitufo“ nannte, wurde ich fast gesteinigt.

Pedro Otzoup konnte sich nicht gegen die Begehrlichkeiten von Architekten, Bauunternehmern, Schreinern, Klempnern und Fliesenlegern durchsetzen. Seine Bauwerke wurden alle immens teuer. Da sich damals aber sowieso niemand an Kostenvoranschläge hielt, fiel das nicht besonders auf. Pedro konnte nicht laut „nein“ sagen, denn er war von ständigen Zuwendungen der Bauwirtschaft abhängig. Das wusste man, und so bekam er regelmäßig seinen Teil ab von dem, was an Extrazahlungen anfiel.

Pedro Otzoup war spielsüchtig und „verjeute“ zum Leidwesen seiner französischen Frau jede einzelne Pesete im Spielcasino von Calas de Mallorca. Wenn dann doch irgendwann etwas Geld da war, kaufte er sich einen gelben italienischen Sportwagen. Irgendwie beneidenswert so in den Tag hinein zu leben. Für seine Mitmenschen war es anstrengend, für seine Auftraggeber teuer.

Oft saß er bei uns in der Kanzlei und qualmte uns die Bude voll. Stets vertraten wir stinksaure Bauherren, die trotz aller Fährnisse darauf bestanden, Pedro sei ihr Freund. Nicht eingehaltene Übergabetermine, mangelhafte Qualität der verwendeten Baumaterialien, Treppen, die bei der Bauabnahme durchfielen, Außen-Jacuzzis, die leichte Stromschläge verteilten, irgendwas war immer.

Das war übrigens sein Clou der späten Jahre, der Aussen-Jacuzzi. Im Erdgeschoss ein halbrundes bay-window und oben drauf ein blubbernder kleiner Pool. Unter Spaniern bürgerte sich dafür bald der Fachausdruck „tazón calienta chicas“ ein.