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Wasser für Ibiza

Auf Ibiza war Wasser schon immer Mangelware. Als der Insel Tycoon Abel Matutes ein Geschäft witterte, die quellenlose Insel Formentera mit Wasser aus Ibiza zu versorgen, ging ein Sturm der Entrüstung über die Insel.

„So weit kommt’s dass wir denen da drüben unser Wasser liefern“

Matutes aber hatte schon reihenweise Brunnen aufgekauft und eine Firma „Aguas de Formentera“ gegründet. Schließlich fand man einen Kompromiss und der Politiker, Bankier und Hotelier belieferte den Westteil der Insel mit Wasser. So kam es zu dem Absurdum, dass wir jahrelang Wasserrechnungen bekamen, auf denen stand als Absender „AGUAS DE FORMENTERA, S.A.“. Das Wasser kam weder von dort, noch gelangte es je dorthin.

Wer es sich leisten konnte, bohrte einen eigenen Brunnen. Das war natürlich genehmigungspflichtig, schon die Bohrerei war es, um wie viel mehr die Entnahme des Wassers. Das wurde streng gehandhabt, es wurden nur Pumpen mit einer bestimmten Fördermenge genehmigt, es war alles sehr kompliziert.

Was macht man, wenn etwas kompliziert ist? Man umgeht es. Und so wurden auf Ibiza unzählige Brunnen ohne Genehmigung gebohrt. Jeder, der wegen einer Genehmigung bei den Behörden vorstellig wurde, galt als Depp, Feigling oder Schlimmeres.

Einig war man sich, dass man nur dann bohren könne, wenn zuvor ein Wünschelrutengänger über den Acker gelaufen war.

Da ging es schnell um Glaubensfragen: Die einen schworen auf Astgabelungen aus Olivenholz. Die seien besonders treffsicher. Bevor man viel Geld in die Hand nimmt, braucht man halt Gewissheit. Auf Anweisung des Wünschelrutengängers wurde ein Lastwagen mit aufmontiertem Bohrgestänge  in Position gebracht. Es war unbedingt notwendig, dass das Monstrum absolut waagerecht stand. Das zu erreichen war ein ziemlicher Aufwand. Ibiza ist eben keine ebene Insel. Bezahlt wurde nach Metern. Wenn in hundert Metern Tiefe nur Schlamm oder trockene Erde gefunden wurden, musste ein anderer Wünschelrutengänger geholt werden. Der arbeitete mit einer Zwille aus Kupfer. Er war teurer als der mit dem Olivenast, aber auch er konnte nicht wirklich versprechen, dass Wasser gefunden würde.

In verzweifelten Fällen wurde „Pep d‘es Aig0“ geholt, der Wassersepp. Bevor er ans Werk ging, mussten alle Frauen und Mädchen weggesperrt werden. Die einen sagten, dies geschehe wegen der Sittlichkeit, Peps Freunde raunten, weibliche Anwesenheit würde das Ergebnis verfälschen.

Kaum waren die Damen weggesperrt, zog sich Pep splitterfasernackt aus und lustwandelte über das Land. Er behauptete, seine Männlichkeit reagiere auf Wasseradern. Seine Gebühren waren natürlich am höchsten, aber es gab Bauern, die bei der Heiligen Jungfrau schworen, Pep d’es Aigo habe auf ihrer Finca Wasser gefunden, obwohl seit Menschengedenken alle wussten, dass es da nichts gab.

Auf Ibiza hatte ich einen sehr guten Freund. Er war Agnostiker, und hielt von jedwedem Firlefanz wenig. Als er beschloss einen Brunnen zu bohren, holte er selbstredend keinen Wünschelrutengänger auf seine Finca. Vielmehr beschloss er, von der „era“ dem Dreschplatz aus, in die Tiefe zu bohren.

Alle seine Freunde beschworen ihn, vorher die Meinung wenigstens von dem mit dem Olivenast einzuholen, aber er blieb stur, das sei Hokuspokus.

Und siehe da, schon nach etwas mehr als 50 Metern fand man Wasser, es sprudelte klar und schmackhaft aus dem Boden.

„Woher hast du gewusst, dass es unter dem Dreschplatz Wasser gibt?“ fragten wir ihn.

Er lächelte nur verschmitzt und sagte:

„Ich wusste es überhaupt nicht, nur zur „era“ führt ein befahrbarer Weg, und wenn der Bohrlastwagen dort angekommen ist, steht er automatisch gerade.“

Händler, Maler und ein grüner Delfin auf Ibiza

In den 70er Jahren war Ernesto Ehrenberg eine Größe. Er war endlich angekommen. Das war nicht immer so in seinem Leben. Da seine Mutter Jüdin war, bekam er Schwierigkeiten mit den Nazis. Er lebte ein unstetes Leben, unter anderem in Algerien. Erst Mitte der 60er Jahre fand er sein Ziel: Ibiza. Ob und wenn was Ernesto gelernt hatte, wusste keiner. Das war damals auf Ibiza auch wirklich das Unwichtigste. Er war Kunsthändler und hatte nie wirklich Geld. Von Malerei verstand er etwas und hatte eine exquisite Art, seine Ware loszuwerden. Er verkaufte nicht, seine Methode war der Zuschlag. Er sah sich ein Bild an, dann entschied er, dass dieses Werk zu Misters Sowieso auf der Finca Daunddort passte. Er machte sich auf den Weg meist zu Fuß auf staubigen Straßen. Das Taxi konnte er sich nicht leisten, der Bus fuhr nicht überall hin und Privatautos waren rar. Ernesto machte aus der Not eine Tugend, denn wer öffnet einem Bekannten nicht die Tür, der bei glühender Sonne drei Stunden lang ein Bild geschleppt hatte? Und dann blieb Ernesto. Er blieb zum Tee, er blieb zum sundowner, er blieb zum Abendessen und wenn es notwendig war, blieb er über Nacht. Spätestens beim Frühstück kapitulierte der Hausherr, zumal seine Frau ihn dauernd unter dem Tisch auf die Füße trat.

Der deal war gemacht und auf dem Weg zurück in sein Zimmer im Delfin Verde in der Stadt dachte er über den nächsten Zuschlag nach. Ich habe Ernesto in Cafés der Stadt und wohl auch auf einigen Partys erlebt, war aber natürlich viel zu unbedeutend, als dass ich in den näheren Umkreis der ausländischen Ibiza Schickeria vordringen konnte. Diese fühlte sich damals besser als alles, was auf Mallorca, der Putzfrauen Insel, kreuchte und fleuchte. Wichtigstes Gütesiegel war, stets am Rande des finanziellen Kollapses zu leben. Was die ausländischen Intellektuellen untereinander verband, waren aktuelle oder verflossene gemeinsame Liebschaften. Vielmehr aber schweißte ein feines Netz aus gegenseitigen Schulden zusammen. Diese je eintreiben zu können, war vollkommen illusorisch, zumal man ja in der Regel Gläubiger und Schuldner zugleich war. Geld zu haben, war uncool. Ich kannte Millionäre, die vom Range Rover auf einen Renault 4 umstiegen. Image ist eben Image.

Das Restaurant und Hostal „Delfin Verde“ im Hafen der Stadt wurde von Emilio Schillinger geleitet. Ich erinnere ihn als stattlichen schwarzhaarigen Mann. Es wurde gemunkelt, er sei Nazi gewesen. So genau wusste es keiner, nur dass er mit Josef Schörghuber im Krieg in der gleichen Kompanie gewesen sei. Der hat ihm dann später durch manche Engpässe geholfen. Widerstandskämpfer wird Emilio jedenfalls nicht gewesen sein. Um so mehr erstaunte die seltsame Symbiose Ernesto – Emilio.

In einer späten Ehe hatte Emilio Isa geheiratet, Sie war vorher Werbefilmerin und Journalistin in München gewesen, war mit Ursula von Kardorff befreundet und brachte mit ihrer Damenhaftigkeit etwas von mondänem Flair in den Delfin Verde. Wie es Emilio geschafft hatte, dieses Juwel für sich einzunehmen, blieb sein ewiges Geheimnis, zumal seine wichtigste Eigenschaft, die abgrundtiefe Unfähigkeit als Geschäftsmann, über die Gestade der Insel hinaus bekannt war.

Alle Maler der Insel, Erwin Bechthold, Eduard Micus, Katja Meirowksky, Hans Laabs, Heinz Trökes, Erwin Bronner und Egon Neubauer, waren im Delfin Verde gern gesehene Gäste. Isa mochten sie nicht so sehr, weil die plötzlich darauf bestand, dass das Essen und der Wein auch bezahlt werden müssten. Das war äußerst deplatziert.

Nachdem Emilio schon gestorben war, bat mich Isa, beim Verkauf seines Hauses zu helfen. Erwin Bronner hatte es entworfen. Seit zwanzig Jahren war nichts mehr repariert worden. Die arme Isa verstand die Welt nicht mehr: „Wer wird schon bei einem Erwin-Bronner-Haus auf das Klo achten“!

Ich verdanke Isa Schillinger viel. Sie war mit Inga, der Frau meines Deutschlehrers „Öppi“ Lohan, befreundet. Offenbar hatte sie mich ihr ans Herz gelegt und so konnte ich 1983 bei einem Ibiza Bild-Band mitarbeiten. Das öffnete mir den Weg zum Diario de Ibiza, und das führte über mehrere weitere Stationen zur Anwaltskanzlei.

Die AfD punktet

Die AfD schickt ihre Anhänger ins Land mit dem Auftrag, das Folgende unter die Menschen zu bringen:

„Seit Jahrzehnten werden wir jedes Mal, wenn wir mit dem Flugzeug verreisen, wie die Verbrecher behandelt. Unser Gepäck wird gefilzt, wir werden gefilzt und wenn wir Pech haben, werden wir auch noch begrapscht. Wir werden wie Terroristen behandelt. Aber dann pochen eine Million Flüchtlinge an unsere Grenzen und die Merkel lässt sie ohne jede Kontrolle rein.“

Knapp vorbei ist dennoch voll daneben. Hier wird das ganz deutlich: Eine internationale Maßnahme zur Sicherung des Flugverkehrs wird gleichgesetzt mit einer Notstandessituation. Miteinander zu tun haben beide Dinge gar nichts, aber sie sind scheinbar ähnlich.

Dass im Herbst 2015 unkontrolliert Hunderttausende nach Deutschland eingereist sind, ist ein Fakt. Es ist aber kein Argument.

Es ist ein essenzieller Bestandteil populistischer Politik, komplexe Probleme mit den Sorgen und Ängsten der Bürger gleichzusetzen. So versteht, oder besser „ver-spürt“ jeder Bürger sofort, wo der Hase im Pfeffer liegt, ohne viel nachdenken zu müssen.

Die unkontrollierte Einwanderung von Flüchtlingen, hat nichts mit den Kontrollen am Flughafen zu tun.

Die Gleichsetzung von kontrollierter Ausreise mit unkontrollierter Einreise weckt allerdings schlummernde Ressentiments: Die Ausländer kommen „so“ rein, aber wir Deutsche müssen uns bis aufs Hemd ausziehen. Nachtigall ick hör dir trapsen…

Im Herbst 2015 bestand ein menschlicher und politischer Notstand. Eine sofortige und effiziente Reaktion des Staates war notwendig. Man konnte weder auf dem Bahnhof von Budapest noch an den Grenzübergängen ungezählte Massen von Menschen verrecken lassen. Wenn Menschen ohne Verpflegung und Unterkunft in den eigenen Ausscheidungen leben müssen, wenn es für sie kein Ausweichen nach vorn oder hinten, nach links oder rechts gibt, dann nennt man das eine Katastrophe. Ins Juristische übersetzt, nennt man das einen übergesetzlichen Notstand.

Uns Älteren ist noch erinnerlich, wie Helmut Schmidt als Innensenator von Hamburg bei der Flutwelle ohne Recht und Gesetz, sogar ohne Befehlsgewalt, der Bundeswehr anordnete, Menschenleben zu retten. Er war ein Held, weil er den übergesetzlichen Notstand erkannte und handelte.

Im Herbst 2015 erkannte und handelte die Bundeskanzlerin Merkel nach den gleichen Maximen. Und wenn man eine gescheite Frau ist, wie Anita Lasker Wallfisch, dann nutzt man es, ihr vor aller Welt dafür zu denken, wenn man am Holocaust Gedenktag im Bundestag eingeladen ist, eine Rede zu halten.

Es ist unbestritten, dass nach dem Ansturm der Flüchtlinge die Behörden überfordert waren. Es ist auch unbestritten, dass die Politik auf die Überforderung spät, zankend und zögerlich reagiert hat. Und schließlich ist es auch unbestritten, dass durch den unkontrollierten Grenzübertritt radikale und gewaltbereite Menschen ins Land gekommen sind.

Die Folgen aber mit dem Ursprung gleichzusetzen, das ist die Infamie der AfD. Es ist intellektuell infam, es ist aber auch menschlich infam, weil diese Argumentation spaltet, statt zu einen.

Allerdings punktet die AfD mit der beschriebenen Propagandamasche.

Einfache Lösungen sind ja so charmant! Darauf hereinzufallen, kann einem aber nur dann passieren, wenn man nicht genügend nachdenkt.

Noch etwas zum Schluss: Offenbar kann in Deutschland noch immer damit gepunktet werden, wenn suggeriert wird, Deutsche seien vom Gesetz besser zu behandeln als Ausländer.

Hat die Zeit ohne Diktatur in Deutschland in den Köpfen der dort lebenden Menschen nichts bewirkt?

Weihnachten auf Ibiza

Was macht man, wenn die noch kleinen Kinder nichts davon mitbekommen sollen, wer die Geschenke wirklich bringt und dass der Christbaum auch nicht geschmückt vom Himmel fällt?

Man geht an den Strand. Wir haben das jahrelang so gemacht. Die Mütter blieben zu Hause und bereiteten das Weihnachtsmahl sowie das Weihnachtszimmer vor und wir fuhren nach Cala d’Hort. Wir das waren Max und seine Kinder und ich und unsere Kinder.

Max nahm immer einen Topf Schnecken mit. Diese hatte er zuvor in seinem Garten gesammelt und nach einiger Zeit der Aushungerung mit viel Knoblauch in wunderbarer Soße gekocht. Am Strand wurde ein Feuer gemacht auf dem die Schnecken gewärmt wurden. Ein kulinarischer Höhepunkt des Inselwinters. Das spracht sich mit der Zeit herum und so begleiteten uns immer mehr Freunde und Freundinnen nach Cala d’Hort. Schließlich kam auch Pepe mit, weil man ihm erzählt hatte, eine der ansehnlicheren Freundinnen bade auch am Vormittag des Heiligen Abends oben ohne.

Brigitte, meine Frau, hatte Stephanie und David streng verboten, von den Schnecken zu essen. Sie hielt das irgendwie für ekelig und erst recht nicht für kindstauglich. Sie packte belegte Brote ein. Die beiden hätten unter normalen Umständen sicherlich keine Schnecken gegessen, aber weil es nun mal verboten worden war, hauten sie mit Wonne rein. Ich muss gestehen, dass ich sie darin unterstützte, weil ich fand, dass das, was auf Ibiza gegessen wird, auch wir essen können. Die belegten Brote wurden an die Fische und Möwen verfüttert

Am 24. Dezember schien immer die Sonne, Es Vedrá und Es Vedranell, die beiden vorgelagerten Inseln, schienen zum Greifen nah. Es herrschten Friede, Freude Eierkuchen und das aufgeregte Kribbeln vor dem Weihnachtsabend. Bei Pepe kribbelte es sowieso.

In erster Linie galt es aber, Zeit zu schinden. Vor Einbruch der Dunkelheit hatten wir daheim noch nichts verloren. Also spielten wir mit den Kindern am Strand alles, was uns grad so einfiel. Topfschlagen kam natürlich erst dann dran, als die Schnecken schon vertilgt waren.

Zu Hause, nicht zu Unrecht hieß das Unsere „Ca’n Caos“, stand ein Stuhl vor dem offenen Fenster des Kinderschlafzimmers. Durch die Haustür durften wir nicht hereinkommen, da wir sonst im Wohnzimmer den Baum gesehen hätten, meistens eine Aleppokiefer, die mit einem Christbaum nur entfernte Ähnlichkeit hatte.

Als die Kinder und ich schließlich gewaschen und gekämmt ins Weihnachtszimmer gerufen wurden, war die Freude natürlich groß: Die Kerzen brannten, Pakete lagen unter dem Baum und nachdem wir „Ihr Kinderlein kommet“ gesungen hatten, mussten die Kerzen wieder gelöscht werden, weil die Krüppelkiefer einfach zu trocken war. Ebenso trocken fanden es die Kinder, dass ich es mir nicht nehmen ließ, die Weihnachtsgeschichte vorzulesen.

Nach der Bescherung betrachteten die Kinder ihre neuen Bilderbücher, Brigitte machte die Boullion für das obligate „fondue chinois“ heiß und ich wurde beauftragt, aus den von Paten geschenkten Bausätzen Feenschlösser und Hubschrauber zusammenzupfriemeln.

Später flogen wir über die Feiertage immer nach Deutschland. Da war es erheblich leichter, Weihnachtsstimmung herzustellen, obwohl es dort weder Schnecken noch leichtbekleidete Badenixen gab.

Die neue Heizung.

Nirgendwo habe ich sich gefroren wie auf Ibiza.

Erfahrene Inselbewohner behaupteten, im Sommer seien die dünnen Schwedinnen zu empfehlen, im Winter aber müsse man sich eine dicke Freundin suchen, die das Bett vorheizt.

Unser erstes Haus war nicht nach unten isoliert, die Wände waren es auch nicht, dafür hatte es einen offenen Kamin im Wohnzimmer, der nicht richtig zog. Zunächst kauften wir uns einen Bullerofen, der reichte für Küche und Wohnzimmer. Als wir feststellten, dass die Kleider in den Schränken schimmelten, war der Einbau einer Heizung nicht mehr aufzuschieben. In einen von mir (schwarz) gebauten windschiefen Schuppen wurde ein Tank gestellt und in einen weiteren ungenehmigten Anbau der Ofen. Letzteren baute ich mit Hilfe von Antonio, unserem andalusischen Nachbarn, der behauptete, Maurer zu sein. Er arbeitete als Küchenhilfe in einem Hotel. Immer zur Mittagszeit ging er nach Hause und kam zwei Stunden später wieder. Vielsagend kratzte er sich im Schritt und fragte mich, wie es denn bei mir gewesen sei.

Die Heizungsrohre verlegte ein Freund, der auf die glorreiche Idee kam, die Heizungsrohre durch die gemauerten Schränke zu verlegen. Von Schimmel keine Spur mehr. Prophezeite er, und lag damit auch richtig.

Eines schönen Tages im Herbst war alles fertig und wir stellten fest, dass wir keine Ahnung hatten, wie man uns in ein nicht genehmigtes und ungesichertes Fass Heizöl liefern würde.

„Tomás macht das“ wurde uns gesagt. Man träfe ihn immer vor 8 Uhr in der Bar im Hafen von San Antonio. Mit einem Lageplan versehen machte ich mich also auf den Weg, und traf in der Bar ein spillriges altes Männlein vor einem kleinen café solo und einem etwas größeren Glas „Anis del Mono“. Das ist ein grauenhafter Anis Schnaps, den man “dulce“ oder „seco“ bestellen kann.

Tomás versprach am Nachmittag Heizöl zu liefern und tatsächlich, hupte es irgendwann. Wir machten das Gartentor auf und ein uralter Laster, gelenkt von Tomás kam zum Vorschein. Er nuschelte etwas von „gravedad“ bis ich kapierte, dass er nach dem höchsten Punkt des Grundstückes fragte, denn das Heizöl sollte durch die Schwerkraft befördert in unseren Tank laufen. Das ging ganz gut, aber für den Rest musste er leider die Handpumpe benutzen. Er klagte, immer mehr Leute bauten am Berg und da müsse er den ganzen Tank mit Muskelkraft leeren.

Es war herrlich, das Haus war Tag und Nacht warm, Olivenholz spalten war Vergangenheit, nur manchmal, wenn das Wetter unstet war, rußte der Brenner und dann wurden die zum Trocknen aufgehängten Windeln schwarz. Glücklicherweise hatten wir eine Waschmaschine.

Immer wenn das Heizöl knapp wurde, besuchte ich Tomás bei seinem café con leche und seinem Anis del Mono.

Nach einigen handgepumpten Wintern kam er strahlend mit einer Pumpe an, die von der Batterie seines Lastwagens gespeist wurde. Wir hätten die Ehre die ersten zu sein. Es kam wie es kommen musste: Die an „gravedad“ und Handpumpe gewohnten Schläuche hielten dem ungewohnten Druck nicht stand, und während Tomás im Führerhaus gemütlich eine Zigarette rauchte, bemerkte meine Frau einen üblen Gestank.

Wie viel Heizöl in den Garten gelaufen war, konnte hernach nur noch grob geschätzt werden. Tomás wenig beeindruckt, gewährte immerhin einen Preisnachlass, einen geringen, denn er betonte, er müsse ja schließlich die auf unserem Grundstück geplatzten Schläuche ersetzen.

Mehrere Obstbäume, von denen ich mir geschmeichelt hatte, dass sie endlich Frucht bringen würden, gingen ein. Monatelang roch es im Garten so, wie ich mir dachte, dass es in Kuweit stinken müsse, aber wir hatten wieder einmal ein warmes Haus für den Winter.

Las suizas no saben cocinar

Pepe stammte aus Barcelona und lebte auf Ibiza mit einer Schweizerin, Vreni, zusammen. Wie alle Katalanen liebte er es, Geld einzunehmen, es wieder auszugeben, bereitete ihm körperlichen Schmerz. Er war Unternehmer und deshalb ließ er den Nagel des kleinen Fingers der rechten Hand lang wachsen, um so zu zeigen, dass er keiner körperlichen Arbeit nachging. Er war im weitesten Sinne in der Baubranche tätig und damals war es noch üblich, die Geschäfte auszuschnapsen. Deshalb roch er stets nach Anis oder Brandy.

Er liebte das gute spanische Essen. Wenn er in Palma zu tun hatte, fuhr er mittags nach Pollensa, weil es dort im Hafen eine gute Caldereta de Langostas gab. “Nicht zu vergleichen mit der in Mahón,“ vergaß er nie zu bemerken. In Barcelona kannte er ein Lokal, wo man die weltbeste „Lubina a la espalda“ servierte. Der Wolfsbarsch wird nur auf der Haut zusammen mit einigen Knoblauchzehen gebraten. Einmal saß ich in der Aviaco-Maschine BCN-IBZ neben ihm und durfte feststellen, dass man offenbar mehr Knoblauch als Lubina verbraten hatte.

Pepe behauptete standhaft, die Schweizerinnen könnten nicht kochen: „Las suizas no saben cocinar“. Das brachte Vreni und meine Frau, beides Berufsschweizerinnen, jedes Mal auf die Palme. Sie bereiteten als Probe ihres Könnens eine Gazpacho, eine kalte Tomatensuppe, in die nur Tomate, Zwiebeln, Knoblauch, grüne Paprika, Olivenöl, altes Brot, sowie Salz und Pfeffer hineingehören.

„LLeva agua“, war stets Pepes Urteil, die Suppe sei verwässert. Alle Schwüre und das Angebot, die Gazpacho unter notarieller Aufsicht zuzubereiten, waren zwecklos: „Las suizas no saben cocinar“.

Wenn es am Sonntag galt, eine Paella zuzubereiten, war dies Männersache. Allerdings nur der Kochvorgang im Freien. Das Schnibbeln vorher und der Abwasch nachher waren selbstredend Frauensache.

Es gibt bei der Zubereitung einer Paella einige heilige Rituale, deren Nichteinhaltung zum Desaster führen. Zunächst muss der Reis in Form eines Kreuzes in die Pfanne geschüttet werden und wenn alles fertig ist, muss die Paella unter einer Zeitung die, so Pepe, der PP, der konservativen Volkspartei, nahe steht, etwa zehn Minuten ruhen. Ich habe einmal, um ihn zu ärgern, den Reis in Form von Hammer und Sichel eingestreut und das Ganze dann unter einer Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung ruhen lassen. Pepes Kommentar:

„Las suizas no saben cocinar, pero este alemán tiene de cocinero como yo de bombero.” Er meinte damit, wenn ich Koch sei, sei er Feuerwehrhauptmann.

Pepes Sparsamkeit endete selbst dann nicht, wenn er etwas für sich kaufte. Das Meer ist auf Ibiza ja nie sehr weit und so beschloss Pepe, sich ein großes Motorboot zu kaufen. Es musste ein Schnäppchen sein und siehe da, im Hafen von Santa Eulalia del Rio fand sich ein altes Holz Boot mit starkem Motor. Nachdem Pepe festgestellt hatte, dass in der Bilge kein Wasser war und er den Preis heruntergehandelt hatte, zahlte er aus der Hosentasche heraus den Kaufpreis. Der Verkäufer zeigte ihm alles, und nachdem der Motor schnurrte, schipperte Pape nach San Antonio, einmal um die Insel herum. Dort hatte er eine Boje in der Hafenbucht gemietet. Bootsführerschein, braucht man so was?

Am darauf folgenden Sonntag setzte Pepe mit seinem Sohn in einer Zodiak zu seinem Boot über und ließ gleich den Motor an, um den Rest der Familie an der Hafenmole abzuholen. Es machte KRAWUMM. Mit knapper Not retteten sich Vater und Sohn mit einem Sprung ins Wasser. Pepe hatte vergessen, dass das Boot einen Benzin Motor hatte. Da muss man immer vor dem Anlassen die Treibstoffgase aus der Bilge abpumpen.

Das war das Ende seines Seemannslebens. Pepe verlegte seine Aktivitäten wieder auf’s Land und misstraute den Kochkünsten der Schweizerinnen. Das war ja auch weniger gefährlich.

Nackt Knigge

Man kann davon halten was man will: Sich in der Öffentlichkeit nackt auszuziehen ist eine höchstpersönliche Entscheidung. Mit diesem Phänomen sich auseinandersetzen zu müssen, tritt den Bewohner oder Besucher der Balearen zunehmend jählings, rasch und unterwartet an.

Mir geht es immer so, dass ich die Bestie außerhalb des Käfigs nicht erkenne: Treffe ich den Bankangestellten an der Tankstelle, muss ich erstmal schrecklich nachdenken. Ebenso ergeht es mir, wenn die Dame, die ich allmorgendlich an der Kasse im Eroski sehe, am Nebentisch „almejas a la plancha“ isst.

Um wie viel schwieriger ist es, Bekannte einzuordnen, denen man am Strand begegnet und zwar wie Gott sie schuf! Ich bin da regelmäßig etwas überfordert, habe mir aber unterdessen einige Regeln zurechtgelegt, die ich zu Nutz und Frommen der Allgemeinheit hier veröffentliche.

Es hat sich bewährt, bei der Begrüßung von nacktem Männlein und nacktem Weiblein dahin zu gucken, wo man auch hinguckt, wenn man sich auf der Avenida Jaime III trifft. Während es dort durchaus angebracht ist, dem Gegenüber Komplimente über das gute Aussehen, den schicken neuen Mantel oder das so überaus elegante, wenn auch knappe, Kleid zu machen, sollte man dem am Strand entraten. Bauch, Busen, Po und andere Attribute sollten tunlichst unkommentiert bleiben. Das gilt selbstredend auch für den subjektiven Eindruck, das Gegenüber habe zu- oder abgenommen, sähe angezogen besser aus oder umgekehrt und habe sich für das erreichte Alter erstaunlich gehalten.

Es ist ja durchaus üblich, dass Männer sich bei der Begrüßung heftig gegenseitig umarmen und auf die Schulter klopfen. Ist einer von ihnen nackt oder beide, sollte das unterbleiben, auch Küsschen-Küsschen zwischen Frau und Frau oder Mann und Frau sollten bei mangelnder Bekleidung dezenter und weniger hocherfreut ausfallen, als auf der bereits erwähnten Avenida Jaime III erwartet wird.

Auch Ausrufe des Erstaunens, jemanden hier unerwarteterweise unbekleidet vorzufinden, gelten als unangebracht. Die spießige Nachbarin aus dem Hotel reagiert womöglich unfroh, wenn sie hören muss: „Aber Frau Briedensieder, das hätte ich Ihnen nun wirklich nicht zugetraut! Dass ich das noch erleben durfte!“

Im Laufe des gemeinsam verbrachten Tages ist natürlich der etwas eingehendere Blick auf die Nacktheit der Begleitung nicht vermeidbar. Auch hier ist Diskretion geboten. Wer seine Brille auspackt und sie mit den Worten, „Nun wolln wir mal!“ vor dem Aufsetzen putzt, wird bei der Verleihung des Preises „Sozialkompetenz 2017“ sicherlich nicht dabei sein.

Fürsorgliche Mitmenschen haben sich angewöhnt, den Nackten auf beginnende Sonnenbrände an Stellen, die sonst bedeckt sind, hinzuweisen. Das ist zwar nett, beweist aber ein außerordentliches, womöglich unangebrachtes, Interesse des Hilfsbereiten eben für diese Stellen. Das kommt nicht immer gut rüber.

Es gilt allerdings bei all dem eine eherne Regel: Wer nackt ist, bleibt es, wer eine Badehose anhat, behält diese am Leib. Verschämtes Verschwinden hinter der nächsten Düne, um dann in verändertem „tenue“ wieder zu erscheinen, ist in erster Linie ein Zeichen von mangelndem Selbstbewusstsein. Schon Luther hat gesagt „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Wer den Reformator in seinem Jubeljahr am Strand von Es Trenc durchaus bemühen möchte, darf allerdings auf dessen Nachsatz – „Gott helfe mir“ – verzichten, selbst dann, wenn nicht wenige denken, der Mensch in seiner ungeschützten Nacktheit bedürfe in ganz exquisiter Weise der Hilfe seines Schöpfers.

Es gibt allerdings einen erlaubten Eingriff in die höchstpersönliche Entkleidungsfreiheit des Mitmenschen, den ich stets in diese Worte fasse: „Ich lade euch alle zu einer Paella ein, aber nur, wenn ihr euch was anzieht.“

 

Der Betonmord von Benimusa

Manchmal traf ich Beate im Flieger nach Nürnberg. Wir besuchten unsere jeweiligen Eltern in Franken.

Beate hatte in San Antonio auf Ibiza eine kleine Wechselstube und verwaltete einige Ferienwohnungen in den hässlichen Hochhäusern des Ortes.

Mit Richard hatte sie zwei Töchter. „Er sitzt am Strand und spielt Gitarre“, erzählte sie mir einmal, als wir uns schon im Sinkflug befanden.

Und dann berichtete der „Diario de Ibiza“ im Sommer 1989, der Gemeinderat von San José habe eine Abrissverfügung beschlossen. Es handele sich um einen Schwarzbau einer Deutschen, die in San Antonio eine Wechselstube betriebe. Ich fuhr sofort nach Benimusa. Auf einer Insel, auf der die Schwarzbauten damals noch die Mehrheit darstellten, stand der Verdacht nahe, man wolle ein Exempel gegen jemanden statuieren, um dessen Stimme als Wähler man nicht bangen muss.

Ich wurde Lügen gestraft, denn das mehrstöckige Appartementhaus, das da im Rohbau in der Landschaft stand, war unglaublich dilettantisch hochgezogen. Es war nicht nur illegal, es war nicht einmal legalisierbar, weil schon im Rohbau baufällig. Die Abrissverfügung war eine Notwendigkeit der öffentlichen Sicherheit.

Tags darauf flog ich mit meiner Frau und meinen Kindern, die oft mit Beates Kindern gespielt hatten, nach Deutschland. Im Haus meiner Eltern angekommen, klingelte das Telefon. Mit den Worten „der Kerl quatscht nur spanisch“ reichte mein Vater mir den Hörer. Am anderen Ende war Pep Tur, Redakteur beim Diario. Er fragte mich, was ich denn gestern bei Beates Haus zu suchen gehabt hätte, man habe mein rotes Auto erkannt. Lachend erzählte ich von meinem Verdacht. Ob ich denn nicht wisse, was passiert sei?

Seit einigen Tagen seien Beate, Richard und die Mädchen vermisst. Am Morgen meines Abfluges habe man die Leichen gefunden. Wie später die Polizei berichtete, war das Folgende passiert: Unbekannte hätten die kleine Familie zur Baustelle gebracht. Richard hatte, so vermuteten die Ermittler, nicht nur am Strand Gitarre gespielt, sondern den unkontrollierbaren Geldfluss einer Wechselstube zum Weißwaschen von Drogengeldern benutzt. Mit der Abführung der Gelder „nach oben“ hätte er es aber nicht so genau genommen.

Schreckliches wurde bekannt: Die Killer haben vor den Augen der Eltern die beiden Mädchen gewürgt. Richard spuckte nichts aus. Dann wurden die Mädchen erdrosselt. Richard spuckte nichts aus. Als nächstes wurde Beate erschossen, am Ende Richard selbst. Man warf die Leichen in eine Grube und schüttete sie mit wenig Beton zu. In der Sommerhitze brach der nasse Beton auf, statt zu erhärten.

Nachbarn bemerkten den süßlichen Geruch verwesender Körper. Wäre ich am Vortag aus dem Auto ausgestiegen, hätte ich die das Drama entdeckt. Immerhin hatte meine Neugier bewirkt, dass ich zunächst zu den Tatverdächtigen zählte, zumal ich kurz nach der Tat mit der gesamten Familie abgehauen war.

Die Polizei vermeldete in einem abschließenden Kommuniqué, die Ermittlungen hätten ergeben, dass die dünne Betondecke nur benutzt wurde, um den Killern Zeit zum Verschwinden zu geben. Das Verbrechen sollte durchaus entdeckt werden, auch die grausamen Umstände der Tötung zweier Kinder vor den Augen ihrer Eltern, müsse als Signal verstanden werden: Die Drogenbosse dulden keine Unterschlagungen! Wer beschießt, wird um die Ecke gebracht!

Die Täter sind nie gefasst worden.

AIDS auf den Balearen

AIDS war natürlich ein ständiges Thema auf Ibiza. Zunächst wusste man ja nicht, was das war, woher es kam, wie es übertragen wird. Die Hysterie schlug die sonderbarsten Wellen. Der zwischenmenschliche Kontakt wurde schwieriger, Küsschen, Küsschen galt als gefährlich, ständiges Händewaschen war „in“.

Man verdächtigte jeden, sich angesteckt zu haben, der Ringe unter den Augen oder zittrige Hände hatte. Meistens lag das aber am Alkohol. Abnehmen durfte man überhaupt nicht, man wurde sofort geächtet. Einer meiner Freunde machte sich den makabren Scherz, immer vornübergebeugt herumzulaufen, denn gegen AIDS hilft nur vorbeugen. Er hatte allerdings insofern recht, als der Erwerb von Kondomen damals auf Ibiza noch generalstabsmäßiger Vorplanung bedurfte. Beim Spontansex in den Dünen stand halt nicht immer ein Pariserautomat daneben.

Bald schon starben die ersten Opfer. Ich erinnere mich an Gustavo, einen Busfahrer aus Uruguay. Er starb kläglich und unterversorgt im Krankenhaus der Insel. Das lag auch daran, dass der HIV Virus eben als Schwulenkrankheit bekannt geworden war und die Masse bestenfalls „selbst schuld“ dachte. Da man nichts Genaues wusste, wussten ganz besonders Viele Genaues und verbreiteten dies von „Strafe Gottes“ bis „wenigstens hatten sie ihren Spaß dabei“ unters Volk. Was für Panik sorgte, war die unbeabsichtigte, sozusagen spaßfreie Ansteckung. Diese Angst brachte den Fürsten von Turn und Taxis auf die Idee, ins Montesol mit eigener Tasse zu kommen und in den Restaurants der Insel den mitgebrachten Diener eigenes Geschirr, Besteck und Gläsern eindecken zu lassen. „Der wird wissen, warum“ raunte man sich zu.

Aber man erzählte sich auch Horrorgeschichten, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass auch „normalos“ betroffen waren. Jeder schien jemanden zu kennen, der beim verschlafenen Aufstehen im Badezimmerspiegel „jetzt hastes auch!“ lesen konnte. Wozu Lippenstift alles gut sein kann.

Es dauerte, bis Vorurteile, auch Schadenfreude und Bigotterie einem allgemeinen Bewustsein wichen, das sich auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung stützte.

Für sehr viele Betroffene, und es waren ja anfänglich fast nur Schwule, war die Regelung des Nachlasses ein riesiges Problem. Damals gab es die gleichgeschlechtliche Ehe noch nicht. Da Schwule in der Regel unverheiratet waren, erbten Eltern oder Geschwister, die den armen Mann seit Jahren geschnitten, verachtet oder geächtet hatten. Es war oft erschreckend, wie schnell die familiäre Liebe wieder aufblühte, nachdem der Infizierte von den Seinen verlassen in den Armen des Freundes oder der schwulen Gemeinschaft gestorben war.

Schon auf Mallorca lebend wurde ich ins Krankenhaus von Son Latzer gebeten. Dort lag ein Österreicher, der von sich selbst sagte, nein er hauchte nurmehr, er habe höchstens noch eine Woche. Er schaute mich aus extrem tiefliegenden Augen an und nach großer Anstrengung flüsterte er: „Ich muss ein Testament machen. Egal, wer das Zeug bekommt, nur meine Schwester nicht“. Er nannte sie eine Bissgurn. Ich konnte mir vorstellen, was er damit meinte.

Juristisch war das durchaus anspruchsvoll, denn selbst schreiben konnte er nicht mehr. Also musste ich einen Notar finden, der bereit war, ein von mir diktiertes Testament vom Sterbenden unterzeichnen zu lassen. Diese Vorgehensweise spottete natürlich jeglicher Legalität Hohn. Dennoch meinte der Notar, er werde mitmachen, wenn der Kranke ihm „egal wer, nur nicht meine Schwester“ bestätigen würde. Als wir im Krankenhaus ankamen, war der Österreicher bereits gestorben und der Gedanke quält mich bis heute, dass er womöglich in seiner Not als Letztes die Bissgurn verflucht hat.

Radio Popular

Als ich 1978 nach Ibiza zog, wohnte ich zunächst traumhaft schön in einem Häuschen etwa einhundert Meter vom Leuchtturm Botafoc entfernt. Die Altstadt, der Hafen und die Sonnenuntergänge hinter dem Flugplatz waren in diesem Winter mein tägliches Brot. Aber es war einsam da draußen, besonders dann, wenn es am Nachmittag schon früh dunkel wurde. In meiner Langweile hörte ich das deutschsprachige Programm von Radio Popular de Ibiza. Moderator war Wolfgang. Eines Abends stellte er eine Quizfrage. Wer als erster mit der richtigen Antwort anriefe, dürfe mal mitmoderieren.

Telefone waren damals noch Mangelware, aber ich kannte eine Telefonzelle in der Bucht von Talamanca, schwang mich ins Auto und siehe da, ich war der erste, der anrief und die Antwort war auch noch richtig. Am nächsten Tag kam ich ins Studio, damals noch neben der Kirche von Santa Cruz und quasselte ins Mikro. Offenbar machte ich das so gut, dass Wolfgang mir anbot, Partner zu werden. So wurde ich über lange Jahre hin Radiosprecher. Verdient habe ich damit keinen roten Maravedi, aber es hat Spaß gemacht. Zu meinem Erstaunen, war ich plötzlich eine lokale Berühmtheit. Das merkte ich daran, dass man mir in den Bars Bierchen ausgab.

„Hier ist Pitiusas Internacional, das deutschsprachige Programm für Ibiza und Formentera“. So fing es jeden Abend an.

Wolfgang verdiente mit der Sendung auch nicht gerade viel, er schrieb nebenher Lore Romane und, das durfte ich aber eigentlich nicht wissen, auch Pornos. Er sagte einmal, ein Groschenroman und ein Porno folgten grundsätzlich den selben Schnittmustern, man müsse nur Förster, Sennerin und Sternenhimmel ersetzen durch, naja, das würde jetzt vielleicht zu weit führen.

Die Texte der eingespielten Werbung mussten wir selbst sprechen. Besonders stolz war ich auf meinen Spot für den Optiker in Ibiza: „Wenn Ihre Augen zu schlecht sind, lassen Sie sich hinführen. Der Weg zu Optiker Doctor Marí lohnt immer!“

Wir sollten in erster Linie Musik senden, reden durften wir nur wenig, um nicht die spanischsprechende Hörerschaft zu vergraulen. Da ich aber eigene Platten abspielte, von Fats Domino über Georg Kreisler bis zu Play Bach, hatten wir auch viele spanische Hörer, denen die Normaldudelei des Senders etwas zum Hals raushing.

Eines Abends fand ich im Plattenschrank des Senders eine LP mit dem Titel „Franco, ese hombre“. Die war noch nicht entsorgt worden. Ich machte mich meinen spanischen Kollegen gegenüber darüber lustig. Die schauten mich von oben bis unten an, und dann sagte Juan, der Tontechniker: „Du musst reden, mit Deinem dunkelblauen Hemd.“ Ich war damals ziemlich schimmerlos, was das Innenleben der Franco-Diktatur anging. Noch am gleichen Abend habe ich das dunkelblaue Hemd, auf dem offenbar nur noch das Rutenbündel fehlte, um authentisch zu sein, entsorgt.

Wir waren natürlich vollkommen unprofessionell. Ständig verhaspelten wir uns beim Vorlesen der Nachrichten, die wir zuvor bei der Deutschen Welle abgekupfert hatten. Den Wetterbericht sogen wir uns aus den Fingerspitzen, für Segler bekamen wir allerdings Windvorhersagen vom Flughafen.

Die Sendung diente auch als Buschtrommel, Telefone gab es ja fast keine: „Nachricht für Eva von Can Simó. Erich kommt heut etwas später, bringt aber zwei Freunde zum Essen mit“. Oder: „Der Friedhofs Klaus soll mal seine Mutter in Düsseldorf anrufen. Sein Vater liegt im Krankenhaus.“

Einmal hörte Juan im Haus seiner Mutter die Sendung, als ich alleine moderierte. Die alte Dame merkte nur, dass da ausländisch geredet wurde und zischte: „Quita este moro!“ Mach diesen Araber weg. Ibiza lag eben auch im Sendebereich des algerischen Rundfunks. Jemanden „moro“ zu nennen, war damals eine schlimme, wenn auch gebräuchliche Beleidigung. Ich jedenfalls hatte meinen Spitznamen im Sender weg!