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Auf Ibiza ist man misstrauisch!

„Mi amo no está en casa”, sagte die alte Bäuerin und ich fiel fast auf den Hintern vor Verblüffung. Das Wort „amo“ kannte ich von meiner Schallplattensammlung, wo ein Terrier in ein Grammophon hineinhört und darunter steht: „La voz de su amo“, die Stimme seines Herrn.

Die Bäuerin hatte ihren Ehemann tatsächlich als ihren Herrn bezeichnet. Der Ihre war Pep der Älteste. Die anderen Brüder hießen Toni, Juan und Xisco. Einer meiner Klienten hatte sich in den Kopf gesetzt, die vollkommen verfallene Finca der Brüder zu kaufen. Damals konnte man Ruinen noch ziemlich problemlos wiederaufbauen und wenn das Innere etwas moderner ausfiel, dann störte das auch niemanden. Damals, und besonders auf Ibiza, galten Gesetze eher als Vorschläge…

Ich hatte mit den vier Brüdern verhandelt, wir hatten und sogar schon fast auf einen Preis geeinigt, sogar welcher Teil davon „so“ also schwarz fließen sollte war schon ausbaldowert worden und auch der Makler stimmte freudig zu, als ich ihm darlegte, dass seine Courtage im gleichen Verhältnis wie der Kaufpreis offiziell und nicht offiziell bezahlt werden würde. Auf Ibiza hatte damals niemand, ich eingeschlossen, das Gefühl, damit etwas Ungesetzliches zu tun, es war einfach so.

Trotz aller Einigkeit zierten sich die vier Verkäufer standhaft, den privatschriftlichen Kaufvertag zu unterschreiben. Tagelang hing das Geschäft in der Luft. Als ich mein Auto bei Xisco, dem Jüngsten, zum Ölwechsel brachte, fragte ich ihn, was denn da los sei. Zunächst druckste er herum und dann gestand er mir, dass er seinen Brüdern nicht über den Weg traue. Die hätten ihn schon mehrfach zu betrügen versucht und einmal sei ihnen das sogar gelungen. Er sei sicher, dass einer oder mehrere im Stillen mit dem Verkäufer ausgemacht hätten, noch ein zusätzliches Handgeld zu bekommen. Ich bedankte mich, und versprach ihm 500.000 PTAS für diese gute Information.

Mir war klar, dass jeder der vier so von seinen Brüdern dachte.

Nun sagte ich zu meinem Klienten, dass ich 2.000.000 PTAS in bar bräuchte, sonst würde das mit dem Vertrag nichts. Der schluckte etwas, aber wer kann schon meinen ehrlichen Augen widerstehen!

Dann setzte ich den Privatvertrag auf. Das war mühsam, denn PCs gab es noch nicht, Photokopien oder gar Durchschläge erkannte man als solche, ich musste die Verträge vier Mal im Original herstellen, für einen Legastheniker eine Titanen Aufgabe.

Pep, el amo, fand ich nach einigem Suchen in einer Bar in Santa Gertrudis. Er nahm die 500.000 PTAS sofort an und unterschrieb.

Mit einem anderen Original fand ich mich in Tonis Gemischtwarenladen in San Rafael ein. Als er merkte, dass es um Geld ging, komplimentierte er mich aus dem Landen hinaus. Auf der Straße meinte er, das ginge seine Frau nichts an. Unterschrift und Geldübergabe fanden im Lieferwagen des Betriebes statt. Von Juan, einem Bankangestellten wusste ich, wo er um 9 Uhr seinen café trank. Die Sache lief auch dort problemlos, er unterschrieb ein weiteres Original und sackte das Geld freudig überrascht ein. Mit Xisco hatte ich etwas Schwierigkeiten. Er war misstrauisch, schließlich hatte er mich ja auf die richtige Fährte geführt. Ich schmeichelte ihm, auch in unserer Familie sei der jüngste der vier Brüder der Gescheiteste und schließlich zeigte ich ihm sogar die drei bereits unterschriebenen Verträge.

Da lachte er und meinte, die „alemanes“ seien schon komische Leute. Wir „Ibicencos“ klären solche Probleme mit Beschimpfungen, mit Fäusten oder auch mit Schrotkugeln. Aber für so was Geld auszugeben, auf die Idee käme hier wirklich niemand. Auch er unterschrieb und steckte lachend das Geld weg. Nun konnte ich die damals noch notwendige Militärgenehmigung einholen und ein paar Monate später fanden wir uns alle beim Notar wieder, wo die vier Brüder zusammen mit meinem Klienten die „Escritura Publica de Compra -Venta“ unterzeichneten.

Friede, Freude, Eierkuchen.

 

Der Schlaf Klaus

 

Ich habe schon davon berichtet, dass es unter den ausländischen Residenten auf Ibiza keine Nachnamen gab. Der Vorname musste ausreichen, allerdings geschmückt mit einem Beinamen. Da gab es den Sülzen Hans, der einmal groß zu einer Sülze eingeladen hatte, die ihm aber gigantisch misslang. Der Objekte Horst, er wurde von einer bayerischen Gräfin ausgehalten, verarbeitete die Korken der Weinflaschen, die er mit seiner Gönnerin leerte, zu Kunst, die er allerdings nie verkaufen konnte.

Dann gab es den Klaus von der Helga und den Friedhofs Klaus. Der wohnte neben dem Friedhof von San Agustín. Seine Freundin verblüffte mich eines Tages auf der Straße, denn sie trug meine Lederkniebundhose. Es stellte sich heraus, dass meine Frau das gute Stück am Samstag zuvor auf dem Flohmarkt im British Pub verhökert hatte. Sie fand, dass eine Kniebundlederhose mit dem Geist Ibizas nicht vereinbar sei, womit sie Recht hatte.

Eines Tages erschien ein weiterer Klaus auf der Bildfläche. Er ließ sich von Britt aushalten. Die Dame behauptete, bei Springer gearbeitet zu haben. Da ich damals gerade versuchte, die “Ibiza Wochenzeitung“ zu einem Erfolg zu machen, stellte ich sie ein. Es stellt kam bald heraus, dass sie bei Springer einen kosmetischen Ratgeber verwaltetet hatte. Schreiben konnte sie nicht, hatte aber aus einer glücklich geschiedenen Ehe genügend Mittel zur Verfügung, um sich und Klaus zu ernähren.

Nachdem ich Britt wegen manifestem Nichtskönnen entlassen musste, erschien ihr Klaus in der Redaktion und erklärte mir, ich könne teilhaben an seiner baldigen Eigenschaft als Millionär. Ich müsse nur, allerdings ohne Zahlung, in der „Ibiza Wochenzeitung“ redaktionelle werbende Artikel veröffentlichen, denn er habe das ultimative Mittel gegen Schlafstörungen erfunden, den Schlafstuhl.

Fürs Wochenende lud er alle ausländischen Residenten von den Hecken und Zäunen zu sich auf Britts Finca ein, um den Schlafstuhl auszuprobieren.

Als wir dort ankamen, begrüßte mich Britt kühl und wies auf die „era“ den Dreschplatz. Dort stand unter einem Baldachin die Erfindung, ein etwas klobiger Sessel, der mit einem Schafspelz gepolstert war. Neben dem Ding stand ein Citroën 2 CV, dessen Motor ratterte. Der Schlaf Klaus, so hieß er unterdessen, erklärte, Britts Finca habe keinen Stromanschluss, der Schlafstuhl liefe aber mit Strom, und müsse daher an die Batterie des „Döschwoh“ angeschlossen werden. Eine leicht bekleidete Freundin von Britt räkelte sich unterdessen auf dem Schlafstuhl und gab grunzende Laute des Wohlbefindens von sich, nachdem der Schlaf Klaus den Schalter umgelegt hatte und sich seine Erfindung in wiegende Bewegungen setzte.

Durch sinnreich aneinandergefügte ovale Zahnräder und verbogene Achsen erreichte der Schlaf Klaus die Mobilität seiner Erfindung. Ich kannte derlei aus meiner Jugend, als ich mit meinem Metallbaukasten Erfahrungen sammeln durfte, was passiert, wenn man gebogene Achsen und durch Drauftreten oval gewordene Zahnräder verbaut. Ich traute dem Frieden nicht und als ich das Ding einer Probe unterzog wurde ich nicht schläfrig, aber immerhin wurde mir schlecht.

Machen wir es kurz: Der Schlaf Klaus hatte mit seinem Schlafstuhl eben so wenig Erfolg wie der Objekte Horst mit seinen Objekten.

Einige Wochen später erschien er wieder in der Redaktion. Ja, die blöde Britt habe ihn rausgeworfen, und nun sei er mittellos, es sei denn, ich würde in spanischer Sprache einen Antrag an die Gemeindeverwaltung von Ibiza stellen. Er habe eine Idee, die der touristischen Entwicklung der Stadt auf die Sprünge helfen würde: Er wolle im Tor zur befestigten Oberstadt Kartoffelpuffer braten.

Der Antrag wurde abgelehnt. Als der Schlaf Klaus dennoch auf der Straße Kartoffelpuffer briet und sogar einen beachtlichen Absatz verzeichnen konnte, wurde er verhaftet. Nach zwei Tagen entließ man ihn. Im „calabozo municipal“ hatte er Läuse aufgesammelt und schimpfte wie ein Rohrspatz auf die Scheiss-Ibicencos. Danach ward er nie wieder gesehen.

Bei Babs da ist was los!

Nach glücklicher Scheidung kam Babs nach San Antonio auf Ibiza. Sie hatte dort ein kleines Häuschen und langweilte sich bald. Als lebensfrohe Rheinländerin lag der Gedanke nahe, eine Kneipe auf zu machen.

Was heute ein Kinderspiel ist, war damals schier unmöglich, der Generalissimo lebte noch und Recht und Ordnung wurden nach Gutdünken geregelt. Da genügte es eben nicht, einen Antrag zu stellen, da war voller Körpereinsatz gefragt. Das merkte Babs schnell und da sie nicht unansehnlich war, gelang es ihr in, wie man munkelte, verdächtig kurzer Zeit alle Papiere beieinander zu haben. Der hübsche Sekretär des hässlichen Bürgermeisters soll entscheide beigetragen haben.

Die Bar „Bei Babs“ wurde zum Treffpunkt aller in San Antonio lebenden Deutschsprachler. Als ich dort im Jahr 1978 aufkreuzte, kostete das 0,3 l Glas San Miguel für Residenten 20 PTAS, für Touristen 25.

Ab und zu kam ein Spanier in die Kneipe, der schon erwähnte Gemeindesekretär, manchmal der an einen Stierkämpfer gemahnende Chef der Guardia Civil und öfter auch der Chef der Bierniederlassung. Das waren allesamt wichtige Personen, die sich Babs auf ihre Weise gefügig machte. Besonders im Hochsommer war es nicht immer ganz leicht, genügend Bier zu bekommen, es musste ja zur Gänze mit dem Schiff herantransportiert werden.

Babs konnte kein spanisch. Wenn einer ihres iberischen Triumvirats kam, dann hörte sie sich lange deren Wortschwall an, lehnte sodann den Unterarm auf den Schanktisch, beugte sich vor, so dass der Gesprächspartner auch visuell auf seine Kosten kam und sagte: „Yo pensar, tu tener razón,“ also „ich denken, du Recht haben.“ Nachdem Babs noch klargemacht hatte, dass sie die Bar heute um Mitternacht schließen werde, zog der wichtige Mann zufrieden und erwartungsfroh ab.

Eines Tages erschien Günther auf der Bildfläche. Er kam aus dem Nichts, hatte nichts und konnte nichts. Er sah aus wie ein im Abstieg begriffener Vorstadtgigolo. Es war deutlich, dass er gekommen war, um in Deutschland über was auch immer Gras wachsen zu lassen.

Bald schon keimte in ihm der Gedanke auf, der Liebhaber einer Kneipenbesitzerin zu werden, wo sich alle Deutschen trafen, könne nur von Vorteil sein. Er verbrachte nun seine Abende im „Bei Babs“ und erzählte der Wirtin von seinen vergangenen Heldentaten und auch davon, wie ungerecht das Leben ihn jüngst behandelt habe, mit der Folge, dass er mittellos sei, aber voller Tatendrang, neu anzufangen.

Mag sein, dass es Babs danach war, sich mit einem ihrer Liebhaber auch verbal austauschen zu können, jedenfalls stieg Günther zum ständigen Begleiter der Wirtin auf. „Hauptbeschäler“, sagte Rolf, der einen Reitstall betrieb.

Das Triumvirat grollte. Da die drei kein deutsch und Günther kein spanisch sprachen, blieb es bei nonverbalen Bekundungen der gegenseitigen Geringschätzung.

Eines Abends kam es zum show down, der eine boxte den anderen vor die Brust, woraufhin der andere, das Bierglas am Tresen zerschlug und auf den Kontrahenten losging. Die Wirtin schrie grell auf und nach kurzem Gemenge lag Günther am Boden und in seinem Blute. Ich erbot mich, ihn nach Ibiza ins Krankenhaus zu fahren und Günther verließ erhobenen Hauptes das Feld, er fühlte sich als moralischer Sieger.

Im Auto fiel diese Pose rasch von ihm ab. Er wurde kleinlaut und erklärte mir, er habe schreckliche Angst vor der zu erwartenden Spritze und ich solle mich nicht wundern, wenn er schreien, ja weinen werde.

Genau so kam es dann auch, ich wurde dessen Zeuge. Als Übersetzer musste ich mit ins Behandlungszimmer.

Ich habe Babs davon nichts erzählt, dennoch waren seine Nächte in ihrem Bett gezählt. Das war auch vernünftig, denn das rotierende Triumvirat, sorgte für Biernachschub, Sicherheit und ein zugedrücktes Auge von wegen der Sperrstunde.

 

Don Chapuzas

Auf Ibiza in den 80er Jahren war jeder sein eigener Architekt, Klempner und ganz besonders Heizungsingenieur. Das klingt abwegig, aber wer je einen Winter auf Ibiza verbracht hat, der weiß wirklich, was es heißt, bis auf die Knochen zu frieren.

Jeder konnte alles und hauptsächlich, jeder traute sich alles zu. Was dabei herauskam war Pfusch, una chapuza, und denjenigen, der dies verbrochen hatte, den nannte man Don Chapuzas.

Ich erinnere mich an einen Tüftler, der sich dachte, einen Kamin aus Kupferröhren zu bauen, sei dann sinnvoll, wenn diese Röhren mit Wasser gefüllt würden. Da heißes Wasser leichter ist als kaltes, war ihm klar, dass er somit die oben liegenden Schlafräume würde wärmen können. Zu seinem großen Erstaunen, hatte das das Wasser damals offenbar auf Ibiza noch nicht mitbekommen, und die obere Etage blieb kalt. Dafür war das Erdgeschoss stets verräuchert, weil der Kamin ausschließlich aus Kupferröhren gebaut hatte. Eines Tage war er unvorsichtig und sagte zu seiner Frau, sie sähe nicht nur aus wie ein geräucherter Schinken, sie röche auch so. Daraufhin drohte sie mit Scheidung und stellte eine kuriose Bedingung, wenn er dies verhindern wolle: „Ich lass mich scheiden, oder du umbaust den Kamin von drei Seiten mit hitzereflektierenden Steinen mit einem richtigen Abzug. Also machte sich Don Chapuzas an die Arbeit und bald schon war nicht nur das Klima des Erdgeschosses sondern auch das der Ehe bereinigt. Der obere Stock blieb aber weiter kalt. Am Ende baute der dipl. ing. (privat) gegen alle seine physikalischen Überzeugungen verstoßend eine Umwälzpumpe ein und tatsächlich gelang es so, die nasse Winterkälte halbwegs aus den Schlafräumen zu vertreiben.

Ich war natürlich auch ein Don Chapuzas vor dem Herrn. Meine Spezialität waren Pumpen. Zunächst fand ich, es sei eine Schande, dass das Wasser unserer Sickergrube einfach so im Boden verschwand. Also baute ich ein Auffangbecken, in dem ich das mehr oder weniger gereinigte Abwasser sammelte um dann mittels einer versenkbaren Pumpe mit dem Inhalt all die Hecken und Fruchtbäume zu wässern, die ich gepflanzt hatte, die aber nicht vom Hintern weg wuchsen. Jedes Mal, wenn ich meine lieben Pflanzen pflegte, stank es unsäglich. Keiner der Nachbarn hat je protestiert, man hatte vollstes Verständnis für mein Abwassermanagement.

Als die Pflanzen ergrünten, fand ich, dass wir uns unabhängig machen müssten von den andauernden „cortes de agua“ Unterbrechungen der Wasserzufuhr. Ich kaufte eine weitere Pumpe, mehrere Rückschlagventile, setzte einen Tank auf´s Dach und siehe da, wir hatten nun stets Wasser und noch dazu zum immer gleichen Druck. Was ich nicht bedacht hatte, waren die häufigen „cortes de luz“ die Unterbrechungen der Stromzufuhr. Das passierte meistens zur Unzeit und so musste ich oft mäßig bekleidet bei Wind und Sturm nach draußen, um den Hahn wieder auf „normal“ zu stellen. Dann schoss das Wasser mit dem üblichen Überdruck wieder direkt in die Leitungen, die dies übel nahmen. Eines Tages stellten wir fest, dass eine erst gestern angebrachte Gasflasche schon wieder leer war. Unter dem Küchenboden, war eine Wasserleitung geborsten. Wir brachen ein Stück Küchenboden in Größe eines Grabsteines auf, und ich ersetzte die defekte Wasserleitung. „Das bleibt jetzt auf Probe zwei Wochen offen,“ forderte meine Frau. Das gab mir Zeit, passende Bodenplatten zu finden, um das Loch wieder zu schließen. Ich fand aber keine, das Modell war ausgelaufen. Wenn schon denn schon, dann machen wir das Loch halt mit grünen Kacheln zu.

Wenn Gäste fragten, was sich denn unter diesen Steinen verberge, sagten wir, das sei unser Familiengrab.

Ich mechte traurig sain.

Als gute Ungarin hieß sie Erzsebet und wurde Erzsi genannt. Im Durcheinander nach dem Krieg kam sie per Zufall in ein Lager für ehemalige jüdische KZ-Gefangene.

Dort wurde man gut verpflegt und ihr Glück sei es gewesen, dass sie in Budapest von ihren Freundinnen das jüdische Glaubensbekenntnis, das Schm‘a Jisrael gelernt hatte, denn eigentlich wollte man sie wieder hinauswerfen aus dem Lager, weil sie keine KZ Tätowierung aufweisen konnte.

Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie nach langen Wanderungen und Irrungen auf Ibiza landete, wo er als Immobilienentwickler sehr erfolgreich wurde.

Erzsi hatte viel von ihrer Muttersprache verlernt, sprach fehlerhaftes Deutsch, fehlerhaftes Spanisch und unverständliches Englisch.

Als Jahre später die Ehe scheiterte, dachte Erzsi, Appartementhäuser bauen kann ich auch, und das dachte auch der Direktor der Matutes Bank, der ihr erstes Projekt anstandslos finanzierte.

Tatsächlich hatte Erzsi keine Ahnung, weder vom Bauen, noch vom Verwalten und erst Recht nicht davon, wie man eine Gesellschaft führt.

Verkaufen das konnte sie, und jedes Mal wenn wieder eine Wohnung verkauft war, griff sie mit beiden Händen in die Kasse der Baugesellschaft und kaufte in Madrid für sich und ihre beiden Töchter Nerzmäntel.

Irgendwann nahm das der Bankdirektor übel und das Finanzamt verlangte die Vorlage von Bilanzen.

In dieser Lage kam sie zu uns in die Kanzlei, wo sie mein damaliger Chef, Paco de Semir, unter Kuratel stellte, indem er ihr klarmachte, dass eine Sanierung nur dann möglich sei, wenn ihr die Möglichkeit genommen werde, die Kasse der Gesellschaft plündern zu können.

Das alles war sehr schwierig, zumal es notwendig wurde, ihr wirtschaftliche Grundbegriffe zu erklären. Weder Paco noch ich hatten zuvor einen Menschen kennen gelernt, der nicht wenigstens eine Sprache perfekt beherrschte. „Deswegen kann sie auch nicht klar denken“ mutmaßte mein alter Lehrmeister aus Barcelona.

Mit einiger Mühe und großem Zeitaufwand gelang eine Sanierung. Erzsi war glücklich. Ich hatte die alte Dame, dieses Original aus einer anderen Zeit, längst ins Herz geschlossen.

Als es ihr wirtschaftlich wieder gut ging, schlug sie ihrem Architekten und mir vor, nach München zu reisen, um dort neue Kunden zu werben.

Zunächst ging es in die Kanzlei des Anwalts Rolf Bossi hinter dem alten Botanischen Garten. Ehrfürchtig betrat ich die heiligen Hallen, in denen die Ikone der deutschen Strafverteidigung arbeitete. Wir saßen noch nicht richtig in den bequemen Sesseln seines Büros, da zeigte Bossi auf mich und sagte frei heraus: „Diesmal hast du dir aber einen sehr jungen Liebhaber genommen.“ Offenbar hatte es da Vorfälle gegeben. Erzsi ließ die Frage unbeantwortet und ich war froh, als wir wieder auf der Straße waren.

Die Suche nach Kunden oder Investoren blieb vollkommen ergebnislos, weil Erzsi mittags ein ungarisches Restaurant aufsuchte und dort dem ungarischen Wein zusprach, was eine Siesta nötig machte. Abends wollte sie Zigeunermusik hören. Aus meiner Zeit als Taxifahrer in München wusste ich natürlich, dass man zu diesem Behuf ins Piroschka unter dem Haus der Kunst geht.

Auch hier floss der Tokaier in Strömen und die Zigeunerkapelle spielte so hingebungsvoll für uns auf, dass man dachte, am Trichter der Klarinette würden sich bald Spuckeblasen bilden.

Erzsi bat um Stücke mit unaussprechlichen Titeln und weinte dann. Jedes Mal, wenn die Kapelle an einen anderen Tisch weiterziehen wollte, steckte Erzsi mir einen 100 DM Schein zu und sagte: „Gib dem Schein der Mann am Zimbal, ich mechte traurig sain.“

 

Die AfD punktet

Die AfD schickt ihre Anhänger ins Land mit dem Auftrag, das Folgende unter die Menschen zu bringen:

„Seit Jahrzehnten werden wir jedes Mal, wenn wir mit dem Flugzeug verreisen, wie die Verbrecher behandelt. Unser Gepäck wird gefilzt, wir werden gefilzt und wenn wir Pech haben, werden wir auch noch begrapscht. Wir werden wie Terroristen behandelt. Aber dann pochen eine Million Flüchtlinge an unsere Grenzen und die Merkel lässt sie ohne jede Kontrolle rein.“

Knapp vorbei ist dennoch voll daneben. Hier wird das ganz deutlich: Eine internationale Maßnahme zur Sicherung des Flugverkehrs wird gleichgesetzt mit einer Notstandessituation. Miteinander zu tun haben beide Dinge gar nichts, aber sie sind scheinbar ähnlich.

Dass im Herbst 2015 unkontrolliert Hunderttausende nach Deutschland eingereist sind, ist ein Fakt. Es ist aber kein Argument.

Es ist ein essenzieller Bestandteil populistischer Politik, komplexe Probleme mit den Sorgen und Ängsten der Bürger gleichzusetzen. So versteht, oder besser „ver-spürt“ jeder Bürger sofort, wo der Hase im Pfeffer liegt, ohne viel nachdenken zu müssen.

Die unkontrollierte Einwanderung von Flüchtlingen, hat nichts mit den Kontrollen am Flughafen zu tun.

Die Gleichsetzung von kontrollierter Ausreise mit unkontrollierter Einreise weckt allerdings schlummernde Ressentiments: Die Ausländer kommen „so“ rein, aber wir Deutsche müssen uns bis aufs Hemd ausziehen. Nachtigall ick hör dir trapsen…

Im Herbst 2015 bestand ein menschlicher und politischer Notstand. Eine sofortige und effiziente Reaktion des Staates war notwendig. Man konnte weder auf dem Bahnhof von Budapest noch an den Grenzübergängen ungezählte Massen von Menschen verrecken lassen. Wenn Menschen ohne Verpflegung und Unterkunft in den eigenen Ausscheidungen leben müssen, wenn es für sie kein Ausweichen nach vorn oder hinten, nach links oder rechts gibt, dann nennt man das eine Katastrophe. Ins Juristische übersetzt, nennt man das einen übergesetzlichen Notstand.

Uns Älteren ist noch erinnerlich, wie Helmut Schmidt als Innensenator von Hamburg bei der Flutwelle ohne Recht und Gesetz, sogar ohne Befehlsgewalt, der Bundeswehr anordnete, Menschenleben zu retten. Er war ein Held, weil er den übergesetzlichen Notstand erkannte und handelte.

Im Herbst 2015 erkannte und handelte die Bundeskanzlerin Merkel nach den gleichen Maximen. Und wenn man eine gescheite Frau ist, wie Anita Lasker Wallfisch, dann nutzt man es, ihr vor aller Welt dafür zu denken, wenn man am Holocaust Gedenktag im Bundestag eingeladen ist, eine Rede zu halten.

Es ist unbestritten, dass nach dem Ansturm der Flüchtlinge die Behörden überfordert waren. Es ist auch unbestritten, dass die Politik auf die Überforderung spät, zankend und zögerlich reagiert hat. Und schließlich ist es auch unbestritten, dass durch den unkontrollierten Grenzübertritt radikale und gewaltbereite Menschen ins Land gekommen sind.

Die Folgen aber mit dem Ursprung gleichzusetzen, das ist die Infamie der AfD. Es ist intellektuell infam, es ist aber auch menschlich infam, weil diese Argumentation spaltet, statt zu einen.

Allerdings punktet die AfD mit der beschriebenen Propagandamasche.

Einfache Lösungen sind ja so charmant! Darauf hereinzufallen, kann einem aber nur dann passieren, wenn man nicht genügend nachdenkt.

Noch etwas zum Schluss: Offenbar kann in Deutschland noch immer damit gepunktet werden, wenn suggeriert wird, Deutsche seien vom Gesetz besser zu behandeln als Ausländer.

Hat die Zeit ohne Diktatur in Deutschland in den Köpfen der dort lebenden Menschen nichts bewirkt?