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Tante Franzis hätte niemals AfD gewählt.

Tante Franzis zu widersprechen war milde ausgedrückt unklug. Sie sprach nur und immer ex catedra, was sie mitnichten von ihren sieben Schwestern unterschied. Allerdings war sie die Jüngste und deshalb nahmen die Geschwister sie bis ins hohe Alter nicht ernst.

Das war der Grund, weshalb sie ihre Weisheiten an ihren Enkeln und Neffen ausließ. Eines Tages, es war kurz nachdem die NASA einen unbemannten Satelliten auf den Mond geschossen hatte, erklärte sie uns:

„Wenn man den Mond mit einer Stecknadel berührt, dann verändert sich bei uns das Wetter.“

Sie meinte das Klima. Wetter oder Klima, das war in Franken ebenso synonym wie Qualm und Dampf.

Wir tippten uns im Geiste an den Kopf und dachten „die Tante Franzis spinnt.“

Unterdessen hat sich herausgestellt, dass sich das Klima tatsächlich verändert und ich überlege, ob wir damals der Tante Unrecht angetan haben.

Mit dem Stecknadelpiekser hat sie sich deutlich als Anhängerin der Theorie geoutet, nach der der Klimawandel menschengemacht ist. Das beruhigt mich ungemein, denn somit ist klar, dass Tante Franzis ganz bestimmt nicht AfD gewählt hätte.

Mir geht das AfD Gerede über den Klimawandel, beziehungsweise um sein Nichtvorhandensein zunehmend auf die Nerven und zwar deshalb, weil das Hauptargument ist, er könne nicht menschengemacht sein.

Damit provozieren die Rechtsradikalen regelmäßig alle, die sich wegen des Klimawandels Sorgen machen und schwupps, schon redet man nichtmehr darüber, ob denn das Klima sich tatsächlich wandele oder nicht, sondern nur noch darüber, wer daran schuld oder nicht schuld sei.

Das ist kindisch, so wie wir auf dem Sandhaufen immer auf den anderen gedeutet haben, wenn wieder mal etwas kaputt gegangen war. (Der war’s!)

Es ist ziemlich egal, wer am Klimawandel schuld ist. Feststeht: Er ist da!

Immerhin hat das gesteigerte Interesse am Klimawandel dazu geführt, dass es Kräfte bindet. Man schimpft zwar weiter auf die Dame Merkel aber nicht mehr wegen der Flüchtlinge, Islamisierung und Volksaustausch.

Die Klärung der Schuldfrage beim Klimawandel führt aber keinen Schritt weiter. Lassen wir also diese Diskussion und konzentrieren wir uns darauf, zu überlegen, was getan werden muss.

Tante Franzis hätte auch hierzu eine ex catedra Meinung gehabt. Aber sie ist schon lange tot.

 

 

Der totgefahrene Hase

Im Juli 1967 überfuhr ein Mann auf dem Weg zur Frühschicht einen Hasen. Da das im Wald zwischen Rentweinsdorf und Salmsdorf passierte, war klar: „Der Hos ghörd den Rodenhon“. Der Fahrer nahm den Hasen mit. Nach der Arbeit, sprich acht Stunden im Auto an der Sonne, brachte er das tote Tier zum Förster Elflein, wie sich’s gehört.

Nachdem der Hase ausgenommen war, wollte der Forstmann das wilde Tier dem Haushalt meiner Eltern zuführen, wurde aber auf dem Schlosshof von unserer Großmutter abgefangen, die den Hasen an sich nahm. Eine ihrer Töchter lebte im Schwelm, irgendwo im Ruhrpott oder so. Klar, dort lebte man recht und schlecht und Hasenbraten gab es auch nie.

Der Hase wurde wie er war, in zwei Ausgaben des Fränkischen Tags gewickelt, in einen Karton gesteckt und am nächsten Tag, einem Freitag, zur Post getragen.

Zugestellt wurde das Tier erst am Montag, da war es schon sechs Tage tot. Das Paket roch und als die Empfängerin es auspackte, kam ein stinkender, von Maden befallener Feldhase zum Vorschein.

Es war ekelhaft. Mit der einen Hand klemmte sie sich die Nase zu mit der anderen warf sie das ganze Paket in die Abfalltonne. Bald schon beschwerten sich die Nachbarn und so musste im eher kleinen Garten ein Begräbnisplatz für den Hasen gefunden werden. Das Verpackungsmaterial wurde verbrannt.

Nachdem all dies vollbracht war, rief unsere Tante ihre Mutter an und verpasste ihr einen Anpfiff, der noch lange Wellen schlagen sollte. Sie habe die ewige Fürsorge bis an die Hutschnur, das sei erniedrigend, wenn man andauernd suggeriert bekäme, es ginge einem schlecht und Mann und Kind nagten am Hungertuche, und dann auch noch mit der Post einen toten Hasen zu schicken! Nein, sie verbäte sich das und wenn das nicht aufhöre, würde sie ihre Enkel niemals wiedersehen, das volle Repertoire halt.

Großmutter war geknickt und gleichzeitig erbost, denn so konnte man mit ihr nicht umspringen. Zu unserem Vater sagte sie, sie habe es doch nur gut gemeint. Der machte die Sache auch nicht besser, indem er ihr antwortete, gut gemeint sei das Gegenteil von gut.

Die alte Dame schmollte und wollte die Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Was macht man in so einer Situation? Man schreibt an den Postminister. Das war damals Werner Dollinger, aus Bad Neustadt. Zwar war er nicht der Abgeordnete des Wahlkreises Bad Kissingen, aber immerhin lebte er in seinen Grenzen.

Sie berichtete ihm von dem Missgeschick, von dem verdorbenen Hasen, von der späten Zustellung erst am dritten Tag und das das alles doch ein Skandal sei. Der Brief gipfelte in der Feststellung, beim Kaiser sei derlei nicht vorgekommen.

Und was machte der Postminister? Nicht etwa beauftragte er seinen Referenten der wohl etwas wirren Absenderin klarzumachen, dass nach dem Postbeförderungsgesetz tote Tiere nicht verschickt werden dürfen.

Nein, damals wussten Postminister noch, was sich gehörte. Er schrieb einen persönlichen Brief und entschuldigte sich namens der Bundespost für den ungeheuerlichen Vorgang.

Großmutter hatte nichts anderes erwartet.

Das Sündenschmierchen

Das Frühstück war die einzige Mahlzeit, zu der man nicht pünktlich kommen musste, aber das war reine Theorie, denn am Werktag mussten wir um 8 Uhr in die Schule gehen und am Sonntag war um 9 Uhr 45 Gottesdienst.

Zum Frühstück gab es immer Brötchen. Im Dorf gab es damals noch zwei Bäcker, der Wills Beck und der Horns Beck.

Die Eltern tranken Nescafé und wir bekamen Malzkaffee aus dem Hause Kathrein. Davon wurde immer zu viel gebraut, damit am Nachmittag in der Küche eine emaillierte Kanne stünde, an der wir unseren Durst löschen konnten. Ich liebte es, verbotenerweise aus der Tülle zu trinken, und wurde zu meiner Verwunderung nie erwischt.

Als Aufstrich gab es Butter und Marmelade. Beides durfte nur ganz dünn aufgetragen werden. Nur Pflaumenmus durfte zentimeterdick drauf. Das lag daran, dass unser Vater im Krieg einen Österreicher kennen gelernt hatte, dem immer alles „Powidl“ war. Und wenn das wieder mal passierte, dann fragte er hernach „Wissen’s was dös is? – Pflaumenmus.“ Immerhin hatte dieser Herr unserem Vater erklärt, dass Powidl nur dann nicht honiggleich vom Brot rinnt, wenn man es mit der Schale einkocht, dann wirken die eingerollten Schalenreste wie kleine Tragebalken. Und so gab es bei uns ungezählte 1 Liter Weckgläser mit Powidl, den wir allein wegen der erlaubten Menge liebten.

Am Sonntag gab es für die Erwachsenen ein Ei. Wir Kinder kamen in diesen Genuss erst nach der Konfirmation. Begründung? Gab es keine, es war einfach so.

Wenn Gäste kamen, wurde manchmal zum Frühstück Käse serviert. Das grenzte in unseren kindlichen Augen an Dekadenz, obwohl wir Käse natürlich nicht mochten.

Einmal war Onkel Ullo zu Besuch und am Sonntag gab es Eier, Emmentaler, Quark und Powidl.

Onkel Ullo strich sein Brot genüsslich dick mit Butter, was wir schon bedenklich fanden, dann packte er Powidl drauf, das durfte er ja, aber dann – Sakrileg – strich er sich noch Zieberleskäs drauf, so hieß Quark damals noch in Franken. Wir Kinder beobachteten das Spektakel mit offenem Mund, so etwas hatte es noch nicht gegeben.

Vater, Onkel Ullo war sein Vetter, schmunzelte, aber Mutter blitzte ihren Mann aus bösen Augen an. Wollte sie so die Verschwendung ahnen oder dachte sie nur an das schlechte Beispiel für die Kinder?

Als der Gast weg war, erklärte uns unser Vater, dass der Onkel nach dem Krieg in Schlesien alles verloren hätte, die Flucht sei furchtbar gewesen und im Westen habe er nie Fuß fassen können, deshalb könne man ihm am Sonntag mal sowas gönnen.

Mutter sagte nur „Dass ihr bloß nicht auf die Idee kommt, euch solche Sündenschmierchen zu machen“.

Die Idee hatten wir schon, aber das Wort hatte uns bislang gefehlt. Und nun versuchten wir bei jedem Frühstück, ein Sündenschmierchen zuzubereiten. Dick Butter genügte schon, oder zwei verschiedene Marmeladen und, schwierig nicht erwischt zu werden, Zucker auf die Butter und darauf Marmelade. All das waren Sündenschmierchen und wenn wir unentdeckt blieben, war der Hochgenuss noch „höcherer“.

Göcherles Brüh

In den Gründerjahren, also im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, dachte mein Urgroßvater, auch er müsse auf den Karren springen und so gründete er in Rentweinsdorf eine Brauerei, die wenig phantasievoll Rotenhan Bräu hieß.

Bald schon war das Bier als „Göcherles Brüh“ landauf landab bekannt, wobei sich „Land“ strikt gesehen auf das Tal bezieht, in dem die Baunach fließt. Ein großes Verbreitungsgebiet war dem Rotenhanschen Gebräu nie beschieden, will man davon absehen, dass in den 60er Jahren einmal im Monat ein Hanomag Transporter nach Hannover geschickt wurde, um dort im Restaurant Tempo, einem Vorgriff auf das heutige fast food, einige Fässer abzuladen. Es musste dafür jeweils eine auf zwei Tage gefristete Fernverkehrslizenz erworben werden und die beiden Bierkutscher hatten für diese Fahrt extra Schirmmützen. Sie sahen damit richtig weltmännisch aus.

Nach der Gründung aber, war das alles noch nicht so einfach. Meine Urgroßmutter beschwerte sich, weil ihr Mann oft tagelang im Sudhaus stand, um die gerade erst angelernten Bierbrauer zu überwachen.

Wenn er das nicht tat, fuhr er auf Werbetour, denn er legte größten Wert darauf, seine Gründung „Exportbrauerei“ nennen zu können. Dazu hätte es genügt, eine Wirtschaft im thüringischen Hildburghausen zu haben, allein sein Sinn stand nach Höherem und so hatte er bald zwei Gaststätten in Leipzig, die sich rühmten, Bier aus dem Königreich Bayern auszuschenken.

Oft besuchte er seine sächsischen Kunden, um „Zeche zu machen“. Da bedeutete, dass er und seine Begleiter ein voluminöses Abendessen einnahmen, und die übrigen Gäste zumindest mit einem Liter Freibier bedacht wurden.

Er gab sich leutselig, sprach mit allen Gästen und lud sie ein, ihn doch einmal in Rentweinsdorf zu besuchen. Gern würde er ihnen Mälzerei und Brauerei zeigen und auch dann werde es nicht an Freibier fehlen.

Was „der alte gnädige Herr“, so wurde er im Dorf genannt, nicht wusste, war, dass gerade zu dieser Zeit die Sachsen das Wandern erfunden hatten.

In kleineren, meist männlichen Gruppen fuhr man mit der Bahn irgendwohin um dann per pedes die Schönheiten des Landes zu erkunden, wozu durchaus auch die Kellnerin der Gasthäuser am Wegesrand gezählt wurden.

Und so stand eines Tages eine schwitzende Gruppe Sachsen in Rentweinsdorf auf dem Schlosshof. Urgroßmutter berichtete, sie hätten alle einen Strohhut mit einer Büroklemme vor dem Bauch fixiert gehabt. Der Anblick muss herzzerreißend gewesen sein. Vehement verlangte man nach dem Herrn Baron, denn der hätte Freibier und Brauereiführung versprochen. Dieser ließ sich auch nicht lumpen, und beim Umtrunk am späten Nachmittag spendierte er auch noch Zigarren für die Besucher aus dem Ausland.

Die Stimmung wurde fröhlich und plötzlich hielt einer der reisenden Sachsen die Zigarrenkiste an die glänzende Glatze des Gastgebers und fragte diesen, was das wohl sei? Als keine Antwort kam, grölten alle Sachsen im Chor:

MONDSCHEIN AN DR GISDE VON HAVANNA!

 

 

Die mehrschdn Kardoffln.

 

Sie hatte es schwer in Franken, denn sie stammte aus Berlin. Damit aber nicht genug, ging ihr doch zu allem Unglück auch noch der Ruf voraus, eine Sandfrau zu sein.

Ihr Mann, allzu früh verstorben, hatte erst spät in den Hafen der heiligen Ehe gefunden, ja man munkelte, er habe überhaupt erst spät entdeckt, dass es das weibliche Geschlecht gibt, in concreto in Form seiner Sekretärin.

Als er sie heiratete, habe er damit der Gesellschaft Sand in die Augen streuen wollen, verbreitete die liebe Verwandtschaft landauf, landab.

Nun, ich habe das Licht nicht gehalten, das war alles vor meiner Zeit. Ich fuße diese Geschichte auf „hear say evidence“. Immerhin „evidence“ hätte Onkel Motte, der Bruder des Hochzeiters, nachgeschoben.

Die glücklich verwitwete Dame fand sich plötzlich als Erbin eines riesigen Schlosses wieder mit ganz viel Wald außen rum, dicht an der Demarkationslinie. So nannte man die bewehrte Grenze zur DDR damals noch. Von Norden dreuhte der Russe und von Süden die Gesamtfamilie, die ihr das Erbe nicht gönnte.

Sie war vollkommen schimmerlos, was man mit einem so riesigen Besitz anfangen sollte, sie war gelernte Fremdsprachenkorrespondentin.

Bald merkte sie, dass sie außer Neid und Missgunst von der Familie wenig zu erwarten hatte und so suchte sie sich externe Berater. Sofort ging das Gerücht um, diese Berater, wobei auf den Plural Wert gelegt wurde, seien nicht nur ihre Berater.

Die bösen Gerüchte waren allerdings nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn einen durchaus wohlansehnlichen Berater in Sachen Wald versuchte sie zu adoptieren.

Als sich herausstellte, dass die künftige Mutter nur den Niesbrauch von ihrem Verblichenen geerbt hatte, verdünnisierte sich der Sohn in spe wieder.

Die Arme war zu bemitleiden, nur Mitleid hatte niemand mit ihr, da ging das irdsche Habenwollen dem christlichen Seinsollen schnurstracks voran.

Schließlich fand sie Herrn Kolkowski, der sie in wirtschaftlichen Dingen unterstützen sollte. Er war aus Ostpreußen nach Franken gekommen und hatte als Buchhalter bei der BAYWA bis zu seiner Pensionierung gearbeitet.

Herr Kolkowski bemerkte zunächst, dass seine neue Brötchengeberin ein besorgniserregendes Verhältnis zum Gelde hatte: Einnahmen waren hochwillkommen, Ausgaben bereiteten ihr körperliche Schmerzen.

Dass man Steuern zahlen müsse, so erklärte sie dem Buchhalter, sei geradezu vulgär. Dieser konterte mit der Volksweisheit, wonach das letzte Hemd keine Taschen habe, was aber zu keinem Sinneswandel führte. Als er bemerkte, dass der Fiskus kurz davor war, die Hand auf den Wald zu legen, alarmierte er den wartenden Nacherben. Der drohte mit Entmündigung. Schließlich wurden die Steuerschulden bezahlt und Herr Kolkowski im hohen Bogen hinausgeworfen. Das mit dem letzten Hemd hatte sie ihm nachhaltig verübelt, denn vor nichts hatte sie Angst, außer vor ihrem Tod. Das Wissen darum, dass für dieses Ereignis bereits die Sektflaschen im Keller des Nacherben lagerten, machte die Sache nicht besser.

Unterdessen waren die Jahre auch an ihr nicht spurlos vorübergegangen und als sie im ehemaligen Direktor der Kreissparkasse einen Ersatz für den ostpreußischen Buchhalter gefunden hatte, hoffte sie, nun werde endlich Ruhe einkehren.

Sie sollte sich täuschen, denn als der neue Berater bei ihr Antrittsbesuch machte, wie gesagt, er war bereits im Ruhestand, beging er einen Fehler: Die Dame des Hauses hatte ihn auf dem Schlosshof erwartet und als er aus dem Auto gestiegen war, sagte er, noch ehe er ihr die Hand gegeben hatte:

„Noja gnä Frau, die mehrschdn Kardoffln ham mir zwaa aa scho gassn.“

Er hat seinen Posten nie angetreten. Der buchhalterische Schlendrian griff wieder um sich, und dann hatte der liebe Gott doch noch ein Einsehen und holte sie zu sich, ehe es zu einem neuen steuerlichen Arrest kommen konnte.

 

Das fürstliche Hosentürl

Als sich nach dem Krieg die Amerikaner als Besatzungsmacht in Bayern und Hessen etabliert hatten, erging ein strenges Gebot, sich mit der deutschen Bevölkerung  nur ja nicht einzulassen. „Non fraternization“ wurde das genannt.

Das Verbot hielt nicht lange und so haben meine Eltern noch vor der Einführung der D-Mark den Standortskommandanten aus Bamberg zum Tee eingeladen.

Man war sehr aufgeregt, auch deshalb, weil ein Zwetschgendatschi gebacken worden war. Damit aber nicht genug, meine Mutter hatte einen viertel Liter Sahne aufgetrieben und es sollte zum ersten Mal nach langer Zeit Schlagsahne geben.

Der Jeep fuhr auf dem Schlosshof vor und die Dorfjugend versammelte sich um den schwarzen Chauffeur des Offiziers:

„A Neechä in Rammlsdörf, glabsdes!“

Der Tee wurde auf der Altane gereicht. Man machte Konversation und die Geschmacksfäden reichten bereits bis zur Kinnlade, weil alle darauf warteten, nach dem Ami auch ein Stück Zwetschgendatschi mit Schlagsahne zu bekommen.

Zum namenlosen Entsetzen der Anwesenden ergriff nun der Gast die Schüssel mit dem weißen Stoff der Begierde, leerte deren Inhalt auf seinen Teller und sagte: „Oh, Ilike the cream!“

Während die Dorfjugend von den Amis schwärmte, weil der „Neechä“ Kaugummi verteilt hatte, war die Stimmung im Schloss gehaltener. Unsere Großmutter brachte es auf den Punkt: „Wenn sich einer schon so breitbeinig hinsetzt…“

In etwas größerem Stil feierte man wenig später in Würzburg die Annäherung an die Besatzungsmacht. Es wurde in die jüngst wieder aufgebauten Hutten Säle in der Sanderau geladen und alles was Rang und Namen hatte kam. Man trug langes Kleid, Galauniform und Frack, wobei man die Orden tunlichst zu Hause gelassen hatte.

Einer der fränkischen Fürsten wurde auserkoren, mit der Frau des Standortskommandanten den Eröffnungswalzer zu tanzen, während der amerikanische Offizier die Fürstin auf die Tanzfläche führte.

Diese bemerkte während die blaue Donau beschworen wurde, an ihrem Ehemann einen Toilettenfehler und im Vorbeitanzen flüsterte sie ihm zu, er solle seinen Hosenstall zumachen.

Der Fürst, ganz Mann von Welt, führte mit der rechten Hand weiter seine Dame durch die Donauauen, während er mit der Linken versuchte, die Unschicklichkeit zu beenden.

Als die Musik verstummte, bemerkten beide, dass sie sich nicht voneinander trennen konnten. Der Fürst hatte versehentlich den Stoff des langen Kleides der Kommandeuse mit eingeknöpft.

Eine an Peinlichkeit nicht zu überbietende Situation.

Während die Fürstin von ihrem Tänzer schicklich zu ihrem Tisch zurückgebracht wurde, standen die anderen vor Schreck gelähmt mitten auf er Tanzfläche, und wussten nicht, was zu tun sei.

Irgendwann bemerkte einer der Anwesenden, was da passiert war, und rettete die Situation mit dem lauten Ruf:

„Walzer für alle1“

Die Tanzfläche füllte sich, und das zusammengeknöpfte Paar tanzte hinaus in die Garderobe, wo das Malheur behoben werden konnte.

Schuhkauf

Die Notwendigkeit, uns Kindern neue Schule zu kaufen, war den Eltern natürlich ein stetiger Dorn im Auge, denn wir wuchsen, die Schuhe aber nicht. Ich musste zunächst die zu klein gewordenen Schuhe meines älteren Bruders auftragen, von dem meine Mutter behauptete, er litte am Schweißfuß. Seine Replik: „Leiden tu ich da garnich.“

Wenn seine Schuhe für mich noch zu groß waren, wurde vorne solange Watte hineingepresst, bis sie passten. Später wurden die Zeiten besser und ich bekam eigene neue Schuh. Die kaufte man bei Valentin Schmidt, „bei‘n Schmidtla in Äbern“. Das Geschäft gibt es heute noch, zwischen Sparkasse und Kirche. Dort gab es für Buben eigentlich nur diese kackbraunen Schuhe, die auch der Förster trug. Einmal konnte ich mich durchsetzen und bekam schwarze Haferlschuhe. „Die werd’n jedsd aber emal gepfleechd“ sagte die Mutter.

Viel beliebter als „das Schmidtla“ war der Scharrenbroich am Grünen Markt in Bamberg. Da gab es nämlich eine Rutsche, die vom Erdgeschoß in die Kinderabteilung nach unten führte. Das war fast so schön wie Kirchweih. Vater rutschte einmal mit, wusste aber nicht, dass man schneller vorwärtskam, wenn man sich auf einen kleinen bereitliegenden Teppich setzte. Ich kannte den Trick und fuhr ihm mit Karacho in den Rücken. Er wand sich vor Schmerz, denn mein Schuh traf ihn gerade dort, wo die Kugel von seinem Bauchschuss wieder rausgekommen war. Er wand sich vor Schmerzen und zur Strafe bekam ich keine neuen Schuhe.

Dass wir beim Scharrenbroich auch wirklich neue Schuhe bekämen, war nicht so sicher. In erster Linie hing es davon ab, ob Mutter davon ausgehen konnte, dass ihr Status als „Dame“ nicht ins Wanken geriet. Das geschah einmal, als sich beim Anprobieren herausstellte, dass meine beiden großen Zehen aus den Strümpfen schauten. Großmutter nannte derlei „Fleischmann schaut aus Wollmanns Laden.“ Bevor die Verkäuferin mit den neuen Schuhen ankam, hatte Mutter mir befohlen, meine alten Treter wieder anzuziehen und wir verließen unter fadenscheinigen Erklärungen das Etablissement.

Schlimmer war es, als ich in der Hochpubertät das Waschen auf das Rituelle der Handlung reduzierte. Es war Winter, ich hatte lange Lederhosen mit den obligaten dicken Wollstrümpfen an. Als die Verkäuferin hochbepackt mit Schuhschachteln kam, zog ich meine Winterstiebel aus und ein durchaus beachtliches Gerücherl verbreitete sich in den Hallen. Mutter erbleichte, dann wurde sie dunkelrot und zerrte mich, Entschuldigungen ans Personal richtend, aus dem Geschäft. Der Grüne Markt war voller Menschen, es war vor Weihnachten und Mutter pfiff mich coram publico an, so dass kein Hund mehr ein Stück trocken Brot von mir genommen hätte. Wie man nur so rücksichtslos zu Mutter und Verkaufspersonal sein könne, sicherlich hätte ich mich seit Wochen nicht gewaschen. Langsam bildete sich ein interessierter Kreis um uns. „Meinä wäschd sich fei aa ums verreggn ned,“ meinte eine Dame mit Hut, während eine Matrone fast eingegriffen hätte, denn „a södds Bübla ka mer doch ned so zamscheisn vor ölla Leud.“

Von all dem unbeeindruckt, wurde Mutter immer wütender und verstieg sich zu der rhetorischen Frage, was denn nun die Verkäuferinnen bei Scharrenbroich von der Gesamtfamilie Rotenhan halten müssten? Leider beantwortete ich die Frage: „Bei Scharrenbroich kennen sie uns nicht, aber all die Leut um uns rum, die haben jetzt einen Eindruck von der Gesamtfamilie Rotenhan.“ Dafür fing ich eine Schelle und bis Ostern keine neuen Schuhe.

Um Peinlichkeiten zu vermeiden, gab mir in der Karwoche Mutter „ein Geld“ und ich sollte beim Scharrenbroich allein Schuhe kaufen. Ich kam dann mir Knautschlack-Slippern wieder, was die Sache auch nicht besser machte.

„Die werd‘n jedsd aber emal gepfleechd,“ sagte Mutter, als sie wieder normal atmen konnte.

 

 

Prost Neujahr!

Silvester wurde bei uns in Rentweinsdorf nur so gefeiert, dass wir abends in den Jahresendgottesdienst gehen mussten. Der Pfarrer fand unweigerlich stets diese Worte: „In wenichen Minudden wird dieses Jahr zu Ende gehen und ein neues Jahr wird beginnen…“ Sapperlot, welche Erkenntnis!

Damit waren die Feierlichkeiten beendet, denn mein Vater sagte, als Forstmann habe er das Forstjahr zu begehen, startet am 1.Oktober. Gleichzeitig beginnt das Braujahr, das er als Eigentümer der Rotenhan Bräu, vulgo Göcherles Brüh, einhalten musste, dann kam am Vorabend des 1. Adventsonntags schon das ihn als Kirchenpatron betreffende Kirchenjahr und zu Petri begann damals noch das landwirtschaftliche Jahr. „Ich weigere mich, auch noch das Kalenderjahr begehen zu müssen.“

Sprachs und verschwand gegen 22 Uhr ins Bett. Die Silvesterabende waren quälend.

Mit der Zeit stellte ich fest, dass man in Thüngen, im Haus meines Großvaters, Silvester krachend feierte, obwohl auch dort Kirchenpatron, Brauerei, Forstwirtshaft und Landwirtschaft betrieben wurden.

Die Feierlichkeiten begannen damit, dass wir nicht in den Jahresendgottesdienst gehen mussten. Stattdessen gab es ein opulentes Abendessen und danach wurde bei ausreichend Wein bis Mitternacht gespielt. Alles lief harmonisch ab, solange wir darauf achteten, dass meine Patentante beim „Karddln“ gewann. Es wurde aber auch „Ja-Nein-Fleckerweis“ gespielt und mein Vetter Schorsch und ich versuchten immer wieder, die Haare unseres Großvaters lila zu färben. Es gab dafür ein Pulver, dass dem alten Herrn auf den Kopf gesprüht werden musste, so dass lila eigentlich nur die Glatze wurde.

Zu Mitternacht prostete man sich zu, fiel sich in die Arme und hoffte auf bessere Zeiten. Und dann kam ein Moment, an den ich noch heute mit zwiespältigen Gefühlen zurückdenke: Es wurde Blei gegossen.

Das war in Rentweinsdorf nicht nur unüblich, es war verpönt, da heidnisch. Unsere Eltern waren sehr fromm und alles Okkulte war abzulehnen da des Teufels. Es gab nur eine einzige Ausnahme: Es wurde als wahr angesehen, dass die Schlosserbauerin Wilhelmine (née Seckendorff) in der ersten Nacht, die meine Schwester als Neugeborenes im Schloss verbrachte, als Geist im Reifrock an ihr Bettchen getreten war. Sie hatte in einem Jahr acht ihrer sechzehn Kinder verloren und Neugeborene waren seit über 60 Jahren nichtmehr im Haus gewesen. Das galt als ausreichende Legitimation fürs rumgeistern. Aber Bleigießen, das war abzulehnen. Es führe auf der Direttissima ins Verderben, führten die Eltern aus, denn wenn einer ein Rad gösse, dann setze sich eine Obsession im Hirn des Gießers fest, die unweigerlich zu einem womöglich fatalen Fahrrad- oder Autounfall führen werde. Das Böse sei stets präsent, lauere hinter jeder Ecke und deshalb dürfe man sich ihm – auch in seiner Erscheinungsform des Bleigießens – nicht nähern.

Nach einigem Zögern goss ich natürlich doch mehrere Löffel flüssiges Blei ins kalte Wasser. Meistens wurden meine Gebilde als Adler erkannt. Die daraufhin erwarteten schulischen Höhenflüge blieben allerdings regelmäßig aus. Ich fand daraufhin das mit der spukenden Ahnin erheblich okkulter.

Weit schon im Neuen Jahr gingen wir etwas wankend ins Bett und mussten nicht in den Neujahrsgottesdienst. Das besorgten meine in Rentweinsdorf gebliebenen Geschwister. Wenn wir um 11 Uhr mit Brummschädel immer noch im Bett lagen, kam der Großvater ins „Bubenzimmer“ und hielt uns eine Standpauke, die immer so ging:

„Wenn wir abends ein Liebesmahl hatten, dann saßen wir um 6 Uhr in der Früh auf dem Rücken unserer Pferde und ritten hinaus zum Exerzierplatz.“ Wir duckten uns in die Kissen, ließen den Sturm über uns hinwegfegen und fragten uns, weshalb uns der Großvater davon erzählte, dass er, nachdem er abends einen Puff besucht hatte, morgens wieder topfit war?

Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass unter Offizieren ein „Liebensmahl“ als ausuferndes Besäufnis sehr beliebt war, übrigens ohne Begleitung von Damen jedweder moralischen Couleur..

An Öberschd, dem Fest der Heiligen drei Könige, kehrte ich in mein Heimatland zurück, pries und lobte die Thüngener für alles, was ich gehört und gesehen hatte.

 

Beten mit dem Tranchierbesteck

 

Offenbar haben sich mein Vater und seine Mitgefangenen in amerikanischer Gefangenschaft derart gelangweilt, dass sie eine Lageruniversität gründeten. Dort studierte der Rittmeister Rotenhan die Anatomie der Haustiere.

Das qualifizierte ihn offenbar hinreichend dazu, den sonntäglichen Rehrücken zu tranchieren. Es gab andauernd Wild, weil das im Gegensatz zum Fleisch, das vom Metzger geholt wurde, nichts kostete.

Man kann sich vorstellen, dass uns das Zeug bald zum Hals heraushing, zumal es bis zur Unkenntlichkeit durchgebraten war. Um die dadurch eintretende saharamäßige Trockenheit des Fleisches zu bekämpfen, wurde gespickt, so dass man im nach wie vor trockenen Braten glibberige Speckstückchen fand.

Dazu gab es „Spatzenflügel“ so nannten wir Blaukraut und, ein Lichtblick, Klöß, mit der man die eigentlich ungenießbare Mehlschwitze aufditschen konnte.

Wenn ich mir denke, mit wie wenig Aufwand man aus diesen Zutaten ein Festwessen hätte bereiten können, werde ich schier schwermütig.

Wie dem auch sei, noch bevor wir uns zu Tisch setzten, stand der Rehrücken bereits auf der Kommode neben dem Esstisch und Vater begann mit der Tranchiererei.

Wenn alle da waren, wurde das Tischgebet gesprochen. Dazu legte der dipl. Haustieranatom nicht etwa Tranchiermesser und -gabel beiseite, vielmehr kreuzte er sie und nahm eine devote Gebetshaltung an. Wir liebten das.

Plötzlich bekamen unsere Eltern einen sozialen Anfall und fanden, die armen Dienstmädchen müssten am Sonntag bereits um 12 Uhr Dienstschluss haben. Man überlegte, was zu tun sei und dabei heraus kam das Frühmi.

Das bedeutete, dass wir ungefrühstückt in die Kirche mussten, und wenn sie aus war, gab es gleich ein verspätetes aufgedonnertes Frühstück. Es gab Käse, Wurst, ein Ei. Marmelade gab es auch, aber die verschmähten wir, denn die gab´s von Mo bis Sa als Einziges zum Frühstück.

Alle fanden das herrlich, nur mir behagte das neue Regime nicht, denn, da ich sowieso Kreislaufprobleme hatte, fiel ich von nun an, da nüchtern, beim Glaubensbekenntnis regelmäßig aus der Kirchbank. Außerdem fand ich, dass einmal am Tag was Warmes auf den Teller muss, und wenn es Staubrehrücken wäre. Abends gab es ja immer Brotzeit.

Die Eltern aber sonnten sich in der Aura der verständnisvollen Dienstherren und freuten sich mit den Dienstmädchen, die nun schon erheblich früher mit dem Gschbusi zum Fußballspiel gehen konnten.

Nebenbei bemerkt, frage ich mich, was sich unsere Eltern dabei gedacht haben, denn durch das Frühmi wurden die Mädchen vom Kirchgang abgehalten.  Beten wurde durch das Dekorieren von Aufschnitt Platten ersetzt. Par bleu!

Sei dem wie es wolle, es kam der Sonntag, an dem unser Vater in die Küche geschickt wurde, weil das Brot ausgegangen war. Dort empfing ihn ein verführerischer Geruch und er fand die gesamte Küchenmannschaft am Tisch sitzend vor. Es gab Rehrücken mit Spatzenflügeln, Klößen und Mehlschwitzsoße.

Ja, so ohne Sonntagsessen, nein das ginge nicht, wenn die Herrschaften plötzlich auf Frühmi machten, das wäre noch lange kein Grund, auf den guten fränkischen Sonntagsbraten zu verzichten.

Am nächsten Sonntag kreuzte beim Tischgebet unser Vater wieder fromm Tranchiermesser und -gabel, der Rehschlegel war wieder trocken und die Klöß schmeckten himmlisch.

Das niedliche Eisfähnchen

Als wir Kinder waren, empfanden wir das ganze Dorf als riesigen Abenteuerspielplatz. Im kleinen Bach, der das Überlaufwasser von den Karpfenteichen in die Baunach leitet, bauten wir Staudämme, wenn die Bierfässer ausgepicht wurden, bastelten wir aus dem langsam erkühlenden Pech Fackeln und aus den Brettern auf dem riesigen Haufen daneben, hämmerten wir uns „Häusla“ zusammen. Der Bach war gefährlich, weil er etwa 500 Meter lang unterirdisch verlief, der vollkommen ungesicherte Pechkessel war natürlich brandgefährlich und so ein wüster Holzhaufen konnte leicht ins Rutschen geraten. Es ist aber nie etwas passiert, außer dass wir vor Dreck starrten, ständig offene Knie hatten und immer wieder mal einen blauen Fingernagel, weil einen Nagel auf den Kopf zu treffen, muss ja auch erst einmal gelernt werden.

Abgesehen vom Abenteuerspielplatz hatte das Dorf auch ein „route gastronomique“ zu bieten, wo es all das gab, was uns zu Hause nie vorgesetzt wurde:

Bei der Dorett, dem Faktotum unseres Großvaters, gab es „a Zuggerla“, wenn ich morgens beim Will’s Beck Brötchen holte, fiel manchmal ein Plätzchen oder zu Fasching ein Krapfen ab. Den Will’s Beck am Kaulberg gibt es schon lange nicht mehr, sogar das Haus wurde abgerissen.

Wenn wir zum Wurst kaufen geschickt wurden, gab es beim Herold, dem Metzger neben der Kirche, ein dünnes Stück Fleischwurst, beim Biggo, dem Metzger im Unterdorf gab es ein erheblich dickeres.

Wenn das Leergut an der Brauerei angeliefert wurde, stürzten wir uns auf die Limoflaschen um den süßen Rest zu trinken, das „Noagerl“ wie ich später lernte. Manchmal tummelten sich in den Flaschen Wespen.

Am Begehrtesten war natürlich ein Eis. Beim Kaufmann Müller gab es Schöller Eis, beim Götzen-Schmidt und im „Kónsum“ gab es Eva Eis. In der Türkei, der Teil des Ortes heißt heute aus ungeklärten Umständen noch so, wohnten viele unserer Freunde und der „Kónsum“ hatte als erster sein Geschäft zum Teil als Selbstbedienungsladen eingerichtet. Da konnte man stundenlang überlegen, ob es besser sei, fünf „Pfennichbombom“ zu kaufen oder einen Schlotzer für fünf Pfennig.

Doch zurück zum Eis. Das billigste kostete 10 Pfennig, war rund und steckte auf einem runden Stiel. Das zu 20 Pfennig war viereckig und der Stiel war eine kleine Spachtel. Krönung war ein „Fuchzichereis“. Das gab es bereits im Becher, innen weiß und außenrum ein roter Rand, von dem es hieß, es seien gequirlte Erdbeeren. Immerhin schmeckte es süß.

Geld hatte wir so gut wie nie und deshalb richtete ich mein Sinnen und Trachten nach dem Erwerb desselben.

Mutter zahlt ganz gut, wenn sie den Grind von den aufgeschlagenen Knien kratzen durfte, aber es brauchte vier Grinde, um 20 Pfennig zusammenzubringen. Also verlegte ich mich darauf, bei den „Besüchern“ zu betteln. Als das ruchbar wurde, vermahnte man mich streng. Das Betteln in jeglicher Form wurde mir verboten.

Eines Tages ging ich mit Tante Hesi spazieren. Ihr wurde gesagt, mögliche Betteleien zu überhören und mir wurden Höllenqualen angedroht, sollte ich es wagen…

Mein Hirn arbeitete nun fieberhaft an der Frage, wie ich, ohne zu betteln, zu einem Eis käme.

Als wir zu Kaufmann Müllers Laden kamen sah ich im grellen Sonnenlicht das Fähnchen flattern, dass Jung und Alt darauf aufmerksam machen sollte, dass man hier Schöller Eis kaufen konnte.

Da zog ich an Tante Hesis Hand und sagte zu ihr: „Ach, sieh doch mal das niedliche Eisfähnchen!“

Triumphierend kam ich mit einem Zwanzichgereis nach Hause und die edle Spenderin verteidigte sich meiner Mutter gegenüber mit dem Argument, da müsse man erstmal drauf kommen!