Archiv der Kategorie: Franken

Fränkisch mt Stolz!

Im Fernsehen kommt fränkisch nur einmal vor, nämlich dann, wenn in Veitshöchheim Fasnacht gefeiert wird. Und dann wird gelacht.

Ja, man lacht über das Fränkische und damit lacht man auch über die Franken. Wir werden nicht ernst genommen und das liegt wohl in erster Linie an den Unbilden der Geschichte.

Wenn man genau sein will, dann hat Franken im Jahr 962 n. Chr. aufgehört zu existieren. Damals kam mit Otto I. der erste Sachse auf den Kaiserthron, der sich natürlich noch daran erinnerte, welches unsägliche Leiden die fränkischen Herrscher über sein Volk gebracht hatten. Darum sorgte er dafür, dass der vakant gewordene fränkische Herzogsstuhl nicht wiederbesetzt wurde.

Titularherzog war seither der Bischof von Würzburg, aber Franken als Staat gab es nicht mehr. Nirgend war der berühmte Flickenteppich kleinkarierter als hier. Man kann das noch heute sehen: Im Dorf A sieht man auf den Toren zu den Bauernhöfen Kugeln, die den Reichsapfel darstellen sollen, die waren reichsunmittelbaren Rittern lehnspflichtig. Im benachbarten Dorf B sind es Zirbelnüsse auf den Toren, die waren klerikalen Herrschern lehnspflichtig.In Gneisenau sind es sogar abwechselnd Reichsäpfel und Zirbelnüsse. Durch die Reformation wurde die Sache nicht besser. Abgesehen von Nürnberg spielte Franken politisch keine Rolle, wollte es auch gar nicht, die verschiedenen Fürstbischöfe und Äbte aalten sich lieber in ihrem Prunk und Protz.

Eines ist sicher: Die Bedeutung einer Sprache geht Hand in Hand mit der politischen Bedeutung des Landes, in dem sie gesprochen wird. Und das Bewusstsein der eigenen Sprache läuft dieser Bedeutung hinterher.

Als Franken in mehreren Etappen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bayerisch wurde hatte sich dort längst das „mia san mia-Gefühl“ durchgesetzt. Wenn selbst der König bayerisch spricht, dann ist die Sprache im Wortsinn hoffähig und damit hoffärtig geworden. Klar, dass die aus den angrenzenden Nordgebieten stammenden Neubayern mit ihrer Sprache keinen Fuß auf den Boden bekamen.

Das hat sich bis heute nicht geändert: Wenn im BR über was auch immer in Franken berichtet wird, spricht der Reporter ganz selbstverständlich bayrisch. Die Idee, einen fränkisch sprechenden Reporter nach Wolfratshausen zu schicken traut man sich erst gar nicht zu auch nur zu denken.

Und darum sind wir es gewohnt, dass Schauspieler aus Alt-Bayern nach Veitshöchheim kommen und versuchen, die Fasnachtssendung aufzumischen. Die finden diese Sendung blöd, weil sie den fränkischen Humor nicht verstehen und weil sie in guter alter Tradition den fränkischen Dialekt lächerlich machen.

Im Fernsehen tummeln sich bräsige altbayerische Polzisten und Kommissare. Wenn ein blöder Polizist gebraucht wird, dann spricht der unter Garantie fränkisch.

Gerade las ich auf facebook einen Kommentar vom Liedermacher Wolfgang Buck, dem Gerhard Polt nach einer fränkischen Fasnachtssendung gesagt hat, die Franken müssten sich nicht wundern, wenn man sie nicht ernst nähme.

Offenbar hat Wolfgang Buck das so hingenommen. Mich erbost das, denn die Äußerung des geschätzten Gerhard Polt zeigt doch nur, dass er auf dem Schlitten alter Vorurteile sitzt, Franken nicht verstanden hat und immer noch denkt, Bayern trüge zu Recht einen bunten Rock und dünke sich besser denn seine Brüder.

Scheiserlameisala!

 

Fei Obbachd

 

Autoren – Lesung

aus dem Buch

„Die Kloßköchin und der Pfarrer von Gerach“

Geschichten aus den Haßbergen und dem Maindreieck

Von

Hans von Rotenhan

 

 

 

Termine:

Samstag, 21.9.19, 17 Uhr       Marienstraße 26, Haus May

                          Königsberg /Bay

Montag 23.9.19, 15 Uhr        Brauerei-Gaststätte Hartleb

                          Maroldsweisach

Donnerstag, 26.9.19, 19 Uhr    Ebern Heimatmuseum

                          Neben dem Grauturm

Freitag, 27.9.19, 18.30 Uhr      Knetzgau, Café awoccino der AWO

                          Hainerter Straße 6

 

Spenden und Beiträge gehen zugunsten des Orgelneubaus in der Marienkirche in Königsberg.

 

 

Der Apostelfloh

Irgendwann in den 30er Jahren hatte sich mein Großvater in Thüngen vor der Sommerhitze in sein Arbeitszimmer geflüchtet.

Es wird wohl nicht nur das Wetter gewesen sein, auch die Verwandtschaft ging ihm gehörig auf die Nerven. Die kam nämlich jeden Sommer heuschreckartig über das Thüngener Schloss. Meine Mutter sagte noch kurz vor ihrem Tod, das schönste in ihrem Leben sei der Thüngener Sommerbetrieb gewesen. Zwischen zwanzig und dreißig Vettern und Cousinen, das war für die Jungmannschaft natürlich wunderbar, für meine Großeltern war es wohl ein jährlich widerkehrender Albtraum.

Nun, Großvater, wir nannten in Groga, hatte sich in seinem Arbeitszimmer versteckt, als sich die Tür auftat und zu seinem namenlosen Ärger einer seiner Schwäger erschien. Dieser war Direktor des CVJM, war entsprechend fromm und hatte deshalb den Spitznamen Apostelfloh.

Es war mit dem Kerl aber auch nicht auszuhalten! Von Landwirtschaft verstand er nichts und auf die Jagd ging er auch nicht. Über was konnte man ihm denn um Himmels willen reden?

Nach fruchtlosen Gesprächsversuchen seitens des Apostelflohs schwiegen sich die beiden Herren an, als sich die Tür auftat und Bertha das Arbeitszimmer betrat. Sie war Grogas Schwester. Ihr Zeigefinger soll länger gewesen sein als ihr Mittelfinger, was darauf zurückgeführt wurde, dass sie damit immer herumfuchtelte, und bestimmte, wo`s langging.

Sie war verheiratet mit einem Prälaten der württembergischen Landeskirche, und man hätte denken können, wenigstens sie habe sich mit dem Apostelfloh etwas zu sagen.

Dem war aber nicht so, denn sie hatte ein Buch gefunden, aus dem sie ihrem Bruder unbedingt vorlesen wollte. Der ahnte nichts Gutes und griff zur Main Post.

Es handelte sich um ein Buch, in dem Stilblüten, unfreiwilliger Humor aber auch Poesie von Ludwig II (Kühl und labend war der Abend, Abendbrot gegessen habend) der Nachwelt überliefert wurden.

Meist waren es leicht schlüpfrige Geschichten, es soll aber auch starker Tobak darunter gewesen sein, der, beim Erzählen der Geschichte natürlich nicht wiederholt wurde.

Jedenfalls war das Vorgelesene so erstaunlich, dass Groga die Main Post sinken lies und ebenso wie der Apostelfloh gespannt zuhörte

Verbürgt ist lediglich dieser Brief an die Stadtverwaltung:

„Unsere Wohnung hat Schimmel und ist feucht. Jetzt ist unsere Tochter schwanger. Wer kommt nun für den Schaden auf?“

Tante Bertha merkte offenbar gar nicht, dass sie für damalige Zeiten geradezu Unerhörtes vorlas und freute sich am aufflammenden Interesse der beiden Zuhörer.

Als sie endete stöhne der Apostelfloh auf und sagte:

„Während meiner zwölf Jahre als Kürassier in Pasewalk habe ich nicht solchen Unflat gehört, wie heute Nachmittag von der Frau Prälatin.

 

Der Hecht

Die Straftat ist verjährt, man kann die Geschichte erzählen.

In Rentweinsdorf gibt es vier hintereinanderliegende Seen, die in einer Aufwallung von Phantasie erster, zweiter, dritter und vierter See genannt wurden.

Sie werden alle von einem kleinen Bach gespeist und dienen der Aufzucht von Karpfen und Schleien, außer im vierten See. Dort gibt es Forellen, weil der Bach direkt aus dem Wald in den See mündet, das Wasser am kältesten ist, dennoch aber nie ganz zufriert.

Man kann sich vorstellen, dass im vierten See die prachtvollsten Forellen gediehen. Wer hinten am Wald in der Dämmerung seine Angel auswarf, der konnte stets sicher sein, ein hinreichendes Abendessen mit nach Hause bringen zu können.

Der See verwaltete sich allein, die Forellen laichten und überlebten im Winter im Durchfluss des kleinen Baches, man musste nur darauf achten, nicht zu viele Forellen dem Kochtopf zuzuführen.

Und dann kam das Jahr 1956. Nach Einsetzen der Eisschmelze konnte man zwar feststellen, dass auch in diesem Winter die restlichen Forellen überlebt hatten, aber je weiter das Jahr fortschritt desto weniger Forellen wurden gesehen, geschweige denn geangelt.

Herr Elflein, der Förster, in solchen Sachen erfahren, riet zur Geduld. „Des werd scho“, meinte er geheimnisvoll und alle fragten sich, was da noch werden solle, wenn keine Fische im Wasser zu finden waren.

Unserem Vater sagte er, er glaube, dass im Gefieder herumfliegender Wildenten der Laich eines Hechtes in den See gekommen sei, der dort prächtig gedeihe, zumal er dort ganz allein die wunderbaren Forellen jage.

Herr Elflein meinte, wenn alles aufgefressen sei und der Hecht nun wirklich unstillbaren Hunger habe, erst dann werde sich das Tier bequemen, den Köder an der Angel einer näheren Überprüfung zu unterziehen.

Und so war es auch. An einem sonnigen Abend im September setze sich der Förster an den vierten See und lockte das hungrige Tier ganz geduldig, in dem er immer wieder den Blinker in die Mitte des Sees auswarf. Nach einigen Versuchen machte es einen Ruck, der den Angler fast umgeworfen hätte.

Die Flossen des Fisches an der Angel peitschten das stille Wasser des Sees und Herr Elflein musste seine ganze Kraft einsetzen, um die Beute ans Ufer zu bringen. Er kämpfte eine Stunde, dann gab er auf. Er wickelte seine Angel um einen nahestehenden Baum und ging nach Hause.

Das war natürlich ein flagranter Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, allerdings hatten weder die Polizei noch der Tierschutzbund am vierten See einen ständigen Posten.

An nachfolgenden Morgen erschien der Angler wieder am Ort der Tat, wickelte die Angel vom Baum und holte den vollkommen ermatteten Hecht aus dem Wasser.

Er war riesig. Er landete bei uns in der Badewanne, in der wir Kinder abends den Dreck an uns einweichten, um ihn dann ins Handtuch zu rubbeln.

Der tote Fisch war so lang wie die Wanne. Unsere Mutter zeigte uns die fürchterlichen Zähne ausgiebig, so dass wir wirklich schlotternde Angst vor dem toten Vieh hatten.

Unterdessen bat unser Vater per Telefon Freunde und Verwandte „von den Hecken und Zäunen“ für den Abend ins Haus, denn der Hecht musste dringend aufgegessen werden.

Wie Frau Schorn, die Köchin, ihn zubereitet hat, weiß ich nicht, erinnere mich aber an das Stimmengewirr der vielen Gäste. Ans Einschlafen war nicht zu denken.

Ich hatte fortan Angst. Ich fürchtete, der Hecht könne durch den Auslauf der Wanne wieder auferstehen, oder schlimmer noch, im Klo lauern, um dann zuzubeißen, wenn ich dort der Stimme der Natur folgte. Es war schrecklich.

Moral und sittliche Nutzanweisung: Einen gefangenen Hecht nie im Kinderbad zwischenlagern.

 

Mandeln raus!

Unsere Mutter hat Volkswirtschaft studiert. Bevor sie dieses Studium hätte abschließen können, musste sie in die Kriegsproduktion und baute in Schweinfurt Kugellager zusammen.

Das war auch gut so, denn wie sie selbst zugab, wäre ihr Examen ein Fiasko geworden, sie hatte nichts verstanden.

Ihre wahre Expertise lag allerdings auf medizinischem Gebiet, Spezialabteilung Diagnose.

Da ich an jedem Morgen mit Kreislaufstörungen umfiel, war es vollkommen klar, dass das nur am Blinddarm liegen konnte. Also wurde ich nach Bamberg gefahren, wo ein willfähriger Professor sofort bereit war, mir den Blinddarm herauszureißen. Dafür hatte er zwei Gründe:

  1. Ich war damals noch Privatpatient.
  2. Mutter zu widersprechen, war nicht ratsam.

Wie sich herausstellte, war der Blinddarm kerngesund, aber man fand damals, es sei eh besser, wenn der Appendix beseitigt worden wäre.

Blöd nur, ich fiel weiter beim Aufstehen hin, mir wurde schlecht, es war ein Elend.

Mutter ließ eine gewisse Schonfrist verstreichen und diagnostizierte dann, die Mandeln wären der Grund für meine Kreislaufstörungen.

Diesmal ging es in die Uni-Klink nach Erlangen. Auch dort fand sich ein willfähriger Professor.

Wir liebten die Stadt wegen einer noch heute bestehenden Institution: Das Café Mengin (sprich wie lies) neben dem Schloss. Dort gab es Eis und auf dem Trottoir lümmelten zwei Chow Chow Hunde herum, die bereitwillig ihre lila Zunge herzeigten. Wir erfuhren dort staunend, es handele sich bei der Familie Mengin um französische Hugenotten, deren Namen „Monshin“ auszusprechen sei. Das war natürlich Quatsch, denn am Haus, auf den Löffeln, auf Tellern und Servietten stand doch ganz deutlich „Café Mengin“.

Nach einem ausgiebigen Besuch beim Mengin wurde ich mit dem Versprechen eingewiesen, dass mich jeden Tag „wer“ besuchen werde, und auch ganz bestimmt ein Eis mitbringen würde, denn das sei bei Mandeloperationen das wichtigste Mittel für die Genesung.

Die Operation war grässlich, weil ich nur örtlich betäubt war. Der Doktor fummelte mir im Mund herum und ich konnte nichts sagen. Böse Zungen behaupteten später, Letzteres hätte mich besonders gestört.

Einen Tag nach der Operation kam Mutter und brachte tatsächlich ein Eis mit. Ich erkannte sofort: Es war das fuchziger Eis von Langenese. Ich fand das mickrig.

Tags darauf kam Vater mit einer riesigen Tüte Eis vom Mengin, ich schätzte für mindestens 2 Mark. Dafür konnte man sich schon mal operieren lassen.

Als meine Mutter nach Abgabe eines weiteren 50 Pf Bechers einmal der ärztlichen Visite beiwohnte, erfuhr ich, dass die entfernten Mandeln etwas zerklüftet, aber ansonsten kerngesund waren.

Am kommenden Tag, nach dem ich die zwei Mark Tüte verdrückt hatte, besprach ich das Dilemma mit meinem Vater, denn es war ja abzusehen, dass ich morgens weiterhin umfallen würde. Die Weisheit seiner Antwort habe ich tatsächlich erst sehr viel später begriffen: „Wenn du einmal verheiratet sein wirst, wirst du das alles sehr viel besser verstehen.“

Und tatsächlich, ich fiel weiter um, und so konsultierte Mutter schweren Herzens die Kinderärztin in Ebern.

Diese riet zu zehn Tropfen Efortil vor dem Aufstehen.

Und siehe, der HErr wirkte ein Wunder und mir wurde morgens nimmer schlecht.

 

Auf dem Hof

Unsere Kindheit wäre erheblich langweiliger verlaufen, hätte es nicht den Gutshof gegeben. Zunächst gab es dort noch Kühe, Pferde und Schweine.

Ich mied den Kuhstall, weil ich fürchtete, die Viecher würden mir die kurzbehosten Beine mit ihrer riesigen Zunge ablecken. Vater bot mir 50 Pf, wenn ich mich traute, einmal den Futtertrog rauf und wieder runter zu laufen. Das war viel Geld und so überwand ich mich. Keine der Kühe hat geleckt. Meine „Heldentat“ war Thema beim Mittagessen und einer der „Besücher“ sagte, er habe im Kuhstall immer Angst, dass die Tiere ihm mit ihrem dreckigen Schwanz ins Gesicht schlügen. Nun hatte ich keine Angst mehr von vorne, dafür aber von hinten.

Unser Feind war der Schweizer. Der sprach fränkisch. Schweizer hatten immer ein rot-weiß gestreiftes Hemd an, und auf mindestens einer Schulter prangte ein Kuhfladen.

Weil ursprünglich die besten Rindviehpfleger aus dem CH-Land kamen, wurde ihre Herkunft zur Berufsbezeichnung. Unser Schweizer wollte nicht, dass wir im Heuboden spielten. Er meinte, wir trampelten die getrockneten Blüten kaputt und darunter leide die Qualität der Milch. Als Vater ihm sagte, wir dürften sehr wohl auf dem Heuboden spielen, war das für ihn eine herbe Niederlage. Ab sofort hasste er uns. Zunächst „vergaß“ er eine Gabel im Heu, was gefährlich hätte enden können. Unsere Rache war, dass wir auf die Gabel kackten. Das petzte der Schweizer unserem Vater, woraufhin wir das mit der Gabel petzten. Wir ernteten eine Kopfnuss, der Schweizer einen Anschiss.

Mich faszinierte jeden Morgen die Zeremonie des Anlassens der beiden Lanz Bulldogs. Diese schwarzen Monster wurden mit einer Lötlampe vorgeheizt und dann mit Manneskraft angekurbelt. Sobald die ersten schwarzen Wolken aus dem schornsteinartigen Auspuff kamen, war es bald geschafft.

Wenn wir mit all unseren Freunden im Hof spielten, „irrten“ wir ganz gewaltig, das heißt, wir störten diejenigen, die dort arbeiteten. Andererseits waren die auch ganz froh, auf diese Weise ihre Kinder in Sichtweite zu haben, denn überall lauerten mögliche Fährnisse: glühendes Eisen in der Schmiede, Sägen in der Schreinerei, heißes Pech wo die Bierfässer der Göcherles Brüh von innen ausgepicht wurden. Alles sehr verlockend und sehr verboten.

Im Herbst wenn sich der Gutshof in eine große Schlammpfütze verwandelt hatte, dann wurden Kartoffeln für die Schweine gedämpft. Ich glaube, das Ungetüm, das dann aufgestellt wurde, funktionierte nach dem Prinzip des Schnellkochtopfes. Wichtig war nur, dass köstliche Pellkartoffeln dabei entstanden, von denen wir uns bei jeder Ladung aus dem Kocher eine holten, bevor sie die Arbeiterinnen in den Kartoffelsilos feststampften.

Wenn es zum Abendessen Pellkartoffeln mit Quark (Zieberleskäs) gab, maulten wir, aber wenn es Dämpfkartoffeln ohne Quark gab, dann war das ein Fest.

In einer Ecke der Scheune lag die „Südn“ herum, vulgo Spreu, die als Rauhfutter den Schweinen und den Kühen gegeben wurde. Wir brauchten die Südn für etwas anderes: Wenn einer von uns über die Stränge schlug, wurde er hineingeworfen. Das war eine Höchststrafe, denn die schrecklich piksenden Spelzen und Grannen bekam man tagelang nicht aus den Kleidern, und frische Wäsche gab es halt nur am Samstag.

Als mir das einmal widerfuhr, führte das zu Sprachstudien, denn die „Südn“ ist trocken, wenn man aber von einem Regenguss durchnässt wurde, dann war man südnnass.

Abenteuer beim Hartleb.

Mein Vetter Schorsch und ich trafen uns am Bahnhof in Bamberg. Nachdem mein e-bike in der Woche zuvor geklaut worden war, hatte ich mir ein Kurzausgabe mit kleinen Rädern gemietet, meine beiden Satteltaschen wirkten unelegant und klobig.

Als sich die Türen des ICE aus München öffneten, schob Schorsch eine mittlere Lokomotive auf den Bahnsteig: riesige breite Reifen, schwarz-matte Lackierung und auf dem Tender zwei Satteltaschen und zwei Rucksäcke. Ich kam mir deutlich „underequipped“ vor.

Den kulturellen Teil der Reise hakten wir gleich am ersten Tag ab: Bamberg in 22.000 Schritten.

Dann ging es den Baunachgrund hoch, Wasser, Zuspruch und Übernachtung gab es bei Verwandten. Über Pfarrweisach und Totenweisach erreichten wir schließlich Maroldsweisach. Alle drei Orte liegen an der Weisach, nur wer Herr Marold war, weiß keiner.

Ohne dem Ort nahe treten zu wollen, kann behauptet werden, dass die größte, wenn nicht einzige Attraktion des Ortes der Hartleb ist. Das ist eine Wirtschaft mit Brauerei. Letztere beliefert nur die Wirtschaft selbst und hat deshalb keine Abfüllanlage. Wer dem Hartleb sein Bier dennoch zu Hause genießen will, der kauft beim Wirt einen Dreiliterbembel, der am Zapfhahn befüllt wird.

Dem Hartleb seine Mutter stammt aus Losbergsgereuth und hat mit mir in Rentweinsdorf zusammen goldene Konfirmation gefeiert. Das sollte sich später als unser Glück herausstellen.

Schorsch bestellte eine Forelle und bekam ein vorzügliches Schnitzel. Die Dame, die dann seine Forelle aß, sagte, auch diese sei köstlich gewesen. Ich bestellte Wildschweinbraten und bekam Wildschweinbraten, auch vorzüglich. Obwohl alles sehr schnell serviert wurde, gelang es mir zwei Seidla vom Hartleb seinem süffigen Bier zu trinken.

Nach beendetem Mahl, während ich mit der Wirtin Erinnerungen an die Goldene Konfirmation austauschte, stellte Schorsch fest, dass sein Rad vorne einen Platten hatte. Aus dem ersten Rucksack holte er einen Ersatzschlauch und perfektes Werkzeug und aus der linken Satteltasche eine Luftpumpe, die er aber dann doch nicht fand.

Es war äußerst schwierig, den Mantel von Felgen zu lösen, zumal Schorsch den Verdacht hegte, der klobige Reifen könne eine zarte Seele haben. In einem unbewachten Moment trat ich mit dem Absatz auf den blöden Reifen und schon löste er sich vom Felgen. Unterdessen hatte die Wirtin ihrem Sohn das mit der goldenen Konfirmation erzählt, was ihn offenbar milde stimmte. Er erbot sich, uns seinen Kompressor zur Verfügung zu stellen. Nachdem wir den neuen Schlauch auf die Felge und unter den Mantel gepfriemelt hatten, schritten Schorsch und der Hartlebs Wirt in die Werkstatt, und füllten den Reifen mit Luft. Als beide wieder auf die Terrasse kamen, war das Monster wieder platt. Offenbar hatten wir einen nach Innen gerichteten Splitter übersehen.

Nun holte Schorsch aus dem zweiten Rucksack ein Reifenflickset heraus, während ich erneut den Moment nutzte, um mit dem Hacken auf den Reifen zu treten. Unterdessen hatten wir das Interesse der Gäste auf der Terrasse erweckt, von wo aus nun Ratschläge kamen:

„Erschd müssdä aaraua“.

Schorsch hatte Schmirgelpapier dabei. Ich bereitete derweil den Flicken vor. Nun holte Schorsch aus dem Vulkanisierkästchen die Vulkanisierpaste heraus und drückte auf die Tube. Nichts tat sich. Auch hineinstechen half nicht mehr, das Zeug, offenbar noch Qualität aus dem 20. Jahrhundert, war eingetrocknet. Zum Amüsement aller Gäste ging Schorsch nun von Tisch zu Tisch und fragte, ob jemand zufällig Vulkanisierpaste dabeihätte. Am Stammtisch wurde er bei einem älteren Herrn fündig, der uns das begehrte Gut lieh, aber fand, damit habe er ein Recht auf Beratung erworben:

„Ihä müssd den Schlauch drühm nein Brunna haldn, somsd wissdä doch ned, wu des Loch is.“ „Naa,mir ham scho draufgschbedsd.“ Ich wiederholte die Übung und zeigte ihm, wo die Spucke Blasen schlug.

Nach einer guten Stunde schweißtreibender Arbeit war alles getan, der Vulkanisierpastenspender bekam sein Seidla und wir fuhren nach Birkenfeld, dem Ziel unserer Etappe.

Zum Abendessen erschien Schorsch geduscht mit schicker Hose und Sakko. Jetzt wusste ich, wozu er die rechte Satteltasche brauchte. Ich kam zwar auch geduscht, aber statt kurzer nur mit zerknitterter langer Hose.

 

 

Tante Franzis hätte niemals AfD gewählt.

Tante Franzis zu widersprechen war milde ausgedrückt unklug. Sie sprach nur und immer ex catedra, was sie mitnichten von ihren sieben Schwestern unterschied. Allerdings war sie die Jüngste und deshalb nahmen die Geschwister sie bis ins hohe Alter nicht ernst.

Das war der Grund, weshalb sie ihre Weisheiten an ihren Enkeln und Neffen ausließ. Eines Tages, es war kurz nachdem die NASA einen unbemannten Satelliten auf den Mond geschossen hatte, erklärte sie uns:

„Wenn man den Mond mit einer Stecknadel berührt, dann verändert sich bei uns das Wetter.“

Sie meinte das Klima. Wetter oder Klima, das war in Franken ebenso synonym wie Qualm und Dampf.

Wir tippten uns im Geiste an den Kopf und dachten „die Tante Franzis spinnt.“

Unterdessen hat sich herausgestellt, dass sich das Klima tatsächlich verändert und ich überlege, ob wir damals der Tante Unrecht angetan haben.

Mit dem Stecknadelpiekser hat sie sich deutlich als Anhängerin der Theorie geoutet, nach der der Klimawandel menschengemacht ist. Das beruhigt mich ungemein, denn somit ist klar, dass Tante Franzis ganz bestimmt nicht AfD gewählt hätte.

Mir geht das AfD Gerede über den Klimawandel, beziehungsweise um sein Nichtvorhandensein zunehmend auf die Nerven und zwar deshalb, weil das Hauptargument ist, er könne nicht menschengemacht sein.

Damit provozieren die Rechtsradikalen regelmäßig alle, die sich wegen des Klimawandels Sorgen machen und schwupps, schon redet man nichtmehr darüber, ob denn das Klima sich tatsächlich wandele oder nicht, sondern nur noch darüber, wer daran schuld oder nicht schuld sei.

Das ist kindisch, so wie wir auf dem Sandhaufen immer auf den anderen gedeutet haben, wenn wieder mal etwas kaputt gegangen war. (Der war’s!)

Es ist ziemlich egal, wer am Klimawandel schuld ist. Feststeht: Er ist da!

Immerhin hat das gesteigerte Interesse am Klimawandel dazu geführt, dass es Kräfte bindet. Man schimpft zwar weiter auf die Dame Merkel aber nicht mehr wegen der Flüchtlinge, Islamisierung und Volksaustausch.

Die Klärung der Schuldfrage beim Klimawandel führt aber keinen Schritt weiter. Lassen wir also diese Diskussion und konzentrieren wir uns darauf, zu überlegen, was getan werden muss.

Tante Franzis hätte auch hierzu eine ex catedra Meinung gehabt. Aber sie ist schon lange tot.

 

 

Der totgefahrene Hase

Im Juli 1967 überfuhr ein Mann auf dem Weg zur Frühschicht einen Hasen. Da das im Wald zwischen Rentweinsdorf und Salmsdorf passierte, war klar: „Der Hos ghörd den Rodenhon“. Der Fahrer nahm den Hasen mit. Nach der Arbeit, sprich acht Stunden im Auto an der Sonne, brachte er das tote Tier zum Förster Elflein, wie sich’s gehört.

Nachdem der Hase ausgenommen war, wollte der Forstmann das wilde Tier dem Haushalt meiner Eltern zuführen, wurde aber auf dem Schlosshof von unserer Großmutter abgefangen, die den Hasen an sich nahm. Eine ihrer Töchter lebte im Schwelm, irgendwo im Ruhrpott oder so. Klar, dort lebte man recht und schlecht und Hasenbraten gab es auch nie.

Der Hase wurde wie er war, in zwei Ausgaben des Fränkischen Tags gewickelt, in einen Karton gesteckt und am nächsten Tag, einem Freitag, zur Post getragen.

Zugestellt wurde das Tier erst am Montag, da war es schon sechs Tage tot. Das Paket roch und als die Empfängerin es auspackte, kam ein stinkender, von Maden befallener Feldhase zum Vorschein.

Es war ekelhaft. Mit der einen Hand klemmte sie sich die Nase zu mit der anderen warf sie das ganze Paket in die Abfalltonne. Bald schon beschwerten sich die Nachbarn und so musste im eher kleinen Garten ein Begräbnisplatz für den Hasen gefunden werden. Das Verpackungsmaterial wurde verbrannt.

Nachdem all dies vollbracht war, rief unsere Tante ihre Mutter an und verpasste ihr einen Anpfiff, der noch lange Wellen schlagen sollte. Sie habe die ewige Fürsorge bis an die Hutschnur, das sei erniedrigend, wenn man andauernd suggeriert bekäme, es ginge einem schlecht und Mann und Kind nagten am Hungertuche, und dann auch noch mit der Post einen toten Hasen zu schicken! Nein, sie verbäte sich das und wenn das nicht aufhöre, würde sie ihre Enkel niemals wiedersehen, das volle Repertoire halt.

Großmutter war geknickt und gleichzeitig erbost, denn so konnte man mit ihr nicht umspringen. Zu unserem Vater sagte sie, sie habe es doch nur gut gemeint. Der machte die Sache auch nicht besser, indem er ihr antwortete, gut gemeint sei das Gegenteil von gut.

Die alte Dame schmollte und wollte die Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Was macht man in so einer Situation? Man schreibt an den Postminister. Das war damals Werner Dollinger, aus Bad Neustadt. Zwar war er nicht der Abgeordnete des Wahlkreises Bad Kissingen, aber immerhin lebte er in seinen Grenzen.

Sie berichtete ihm von dem Missgeschick, von dem verdorbenen Hasen, von der späten Zustellung erst am dritten Tag und das das alles doch ein Skandal sei. Der Brief gipfelte in der Feststellung, beim Kaiser sei derlei nicht vorgekommen.

Und was machte der Postminister? Nicht etwa beauftragte er seinen Referenten der wohl etwas wirren Absenderin klarzumachen, dass nach dem Postbeförderungsgesetz tote Tiere nicht verschickt werden dürfen.

Nein, damals wussten Postminister noch, was sich gehörte. Er schrieb einen persönlichen Brief und entschuldigte sich namens der Bundespost für den ungeheuerlichen Vorgang.

Großmutter hatte nichts anderes erwartet.

Das Sündenschmierchen

Das Frühstück war die einzige Mahlzeit, zu der man nicht pünktlich kommen musste, aber das war reine Theorie, denn am Werktag mussten wir um 8 Uhr in die Schule gehen und am Sonntag war um 9 Uhr 45 Gottesdienst.

Zum Frühstück gab es immer Brötchen. Im Dorf gab es damals noch zwei Bäcker, der Wills Beck und der Horns Beck.

Die Eltern tranken Nescafé und wir bekamen Malzkaffee aus dem Hause Kathrein. Davon wurde immer zu viel gebraut, damit am Nachmittag in der Küche eine emaillierte Kanne stünde, an der wir unseren Durst löschen konnten. Ich liebte es, verbotenerweise aus der Tülle zu trinken, und wurde zu meiner Verwunderung nie erwischt.

Als Aufstrich gab es Butter und Marmelade. Beides durfte nur ganz dünn aufgetragen werden. Nur Pflaumenmus durfte zentimeterdick drauf. Das lag daran, dass unser Vater im Krieg einen Österreicher kennen gelernt hatte, dem immer alles „Powidl“ war. Und wenn das wieder mal passierte, dann fragte er hernach „Wissen’s was dös is? – Pflaumenmus.“ Immerhin hatte dieser Herr unserem Vater erklärt, dass Powidl nur dann nicht honiggleich vom Brot rinnt, wenn man es mit der Schale einkocht, dann wirken die eingerollten Schalenreste wie kleine Tragebalken. Und so gab es bei uns ungezählte 1 Liter Weckgläser mit Powidl, den wir allein wegen der erlaubten Menge liebten.

Am Sonntag gab es für die Erwachsenen ein Ei. Wir Kinder kamen in diesen Genuss erst nach der Konfirmation. Begründung? Gab es keine, es war einfach so.

Wenn Gäste kamen, wurde manchmal zum Frühstück Käse serviert. Das grenzte in unseren kindlichen Augen an Dekadenz, obwohl wir Käse natürlich nicht mochten.

Einmal war Onkel Ullo zu Besuch und am Sonntag gab es Eier, Emmentaler, Quark und Powidl.

Onkel Ullo strich sein Brot genüsslich dick mit Butter, was wir schon bedenklich fanden, dann packte er Powidl drauf, das durfte er ja, aber dann – Sakrileg – strich er sich noch Zieberleskäs drauf, so hieß Quark damals noch in Franken. Wir Kinder beobachteten das Spektakel mit offenem Mund, so etwas hatte es noch nicht gegeben.

Vater, Onkel Ullo war sein Vetter, schmunzelte, aber Mutter blitzte ihren Mann aus bösen Augen an. Wollte sie so die Verschwendung ahnen oder dachte sie nur an das schlechte Beispiel für die Kinder?

Als der Gast weg war, erklärte uns unser Vater, dass der Onkel nach dem Krieg in Schlesien alles verloren hätte, die Flucht sei furchtbar gewesen und im Westen habe er nie Fuß fassen können, deshalb könne man ihm am Sonntag mal sowas gönnen.

Mutter sagte nur „Dass ihr bloß nicht auf die Idee kommt, euch solche Sündenschmierchen zu machen“.

Die Idee hatten wir schon, aber das Wort hatte uns bislang gefehlt. Und nun versuchten wir bei jedem Frühstück, ein Sündenschmierchen zuzubereiten. Dick Butter genügte schon, oder zwei verschiedene Marmeladen und, schwierig nicht erwischt zu werden, Zucker auf die Butter und darauf Marmelade. All das waren Sündenschmierchen und wenn wir unentdeckt blieben, war der Hochgenuss noch „höcherer“.