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Ein Held, die Amis, das Meissener Urinal und der Schluck aus der Tintenflasche

Man kann nicht sein ganzes Leben lang ein Held sein. Das ist man nur in Momenten, die das Held-Sein notwendig machen.

Eine solche Situation kam am 4. April 1945 auf meinen Großvater zu. Die amerikanischen Panzer standen schon bei Retzbach im Maintal, als auf dem Fußballplatz in Thüngen ein schneidiger Oberleutnant eine Artillerie Batterie mit seinen Leuten in Position brachte, um das Dorf bis zur letzten Patrone zu verteidigen.

Das war natürlich Wahnsinn. Die Amerikaner würden sich auf die derart nahe am Ort stehende Kanone einschießen und damit unweigerlich große Teile der umliegenden Häuser, wenn nicht das ganze Dorf zerstören.

Mein Großvater stellte den Oberleutnant zur Rede und befahl ihm als Ranghöherer, er war Rittmeister, abzuziehen. Das war in höchstem Masse riskant, und hätte ihn, wenn es schlecht gelaufen wäre, vor ein Kriegsgericht gebracht, deren Mitglieder gerade in den letzten Kriegstagen nicht lange überlegten…

Es ging aber gut, die Batterie wurde verlegt und trotz einiger Schießerei wurde Thüngen am 6. April 45 mit nur wenigen Zerstörungen von den Amerikanern eingenommen.

Unterdessen litt Großvater an ständigem Nasenbluten, man fürchtete um sein Leben. Offenbar war ihm die Anspannung wegen der Auseinandersetzung mit dem Oberleutnant doch näher gegangen, als er zugeben wollte. Man versuchte lange vergeblich, das Bluten zu stillen. Da kam die Nachricht, das halbe Dorf und selbstverständlich das Schloss auch müsse in 45 Minuten evakuiert werden.

Chaos brach los unter den Schlossbewohnern. Eine Tante verließ ihre Behausung mit allen ihren Hüten auf dem Kopf. Als meine spätere Mutter bei ihrem Anblick lachte, fing sie die letzte Ohrfeige ihres Lebens. Eine andere Tante vollbrachte das Wunder, dass fünf GIs sich bereiterklärten, ihren Konzertflügel die Wendeltreppe hinunter zu tragen. Mit lauter Stimme, wies sie die Soldaten an, ja nirgendwo anzuecken und ging den Männern schwer auf die Nerven. Als der Flügel endlich unten war, verabschiedete sich einer der GIs bei der alten Dame mit den Worten „Go to hell, old spider!“

Großvater überlebte den großen Blutverlust, weil es nach langem Suchen gelang, einen Arzt zu finden, der die Nase fachmännisch mit geeignetem Material tamponierte.

Die Amis blieben lange Zeit im Schloss, wo das Offizierskasino eingerichtet wurde. Dort feierten sie ihre Feste und ihre Besäufnisse.

Als sie abzogen, fand man in der Schublade einer Barockkommode eine riesige Servierplatte aus Meissner Porzellan, die bis zum Rand vollgepisst war.

Damals stand die Hochzeit meiner Eltern ins Haus. Für die Bewirtung der vielen Gäste wurden Lebensmittel gehortet und wahrscheinlich auch auf nicht ganz legalem Wege beschafft. Unter anderem sollte es Hirschrücken geben und die Braut bat sich aus, dass doch bitteschön ihr nicht ausgerechnet aus der unterdessen gesäuberten Pissvorlegeplatte serviert werden sollte. Drei Mal darf geraten werden…

Beim abendlichen Ball passierte ein Unglück. Da man wusste, dass es wenig Alkohol geben würde, hatte einer der Geladenen hinter einem Vorhang eine Flasche Schnaps versteckt. Irgendwann fasste er heimlich nach hinten, griff die Flasche und nahm einen kräftigen Zug. Es war aber nicht die Schnapsflasche, die er in die Hand bekam, sondern die Literflasche Pelikantinte, die man damals noch in jedem Haushalt hatte, um die kleineren Tintenfässer auf den Schreibtischen aufzufüllen.

Dem jungen Mann musste der Magen ausgepumpt werden.

Ostern, toter Friseur und „Bräudla“

Als Kind ist es schwer einen Zugang zur Osterbotschaft zu bekommen. Womöglich ahnte das unsere Großmutter, denn wenn wir missmutig die Treppe hinunterliefen, weil wir in die Kirche mussten, kam sie aus ihrer Wohnungstür heraus, breitete ihre Arme aus und rief uns zu:

„Der Herr ist auferstanden!“

Wir umarmten sie dann alle der Reihe nach und antworteten:

„Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Immerhin haben wir so mitbekommen, dass Ostern ein Fest der Freude ist. Denn seit Freitag herrschte eine für Kinder nicht fassbare Weise Unfreude. Verschdeggerles, Schreien, Räuber und Schandi, all das war plötzlich verboten. Weshalb wurde nicht erklärt, ein Verweis auf die Leiden Christi musste ausreichen. Nur, bei aller Frömmigkeit, Staudämme im Bach zu bauen, Spatzen zu schießen oder im Heu zu toben, war uns damals näher.

Immerhin, die Feiertage begannen immer am Gründonnerstag mit einer Fahrt nach Fulda. Ausweislich des gelben Wegweisers an der B279 waren es bis dorthin 124 km. Eine Weltreise, zumal man über die Rhön fahren musste, die Autobahn gab’s ja noch nicht. Wer mitfahren durfte, dem war in Fulda längst schlecht, aber die Rückfahrt war herrlich, Tante Esther erzählte aus fremden Welten.

Sie wurde immer in Fulda am Bahnhof abgeholt. Freundin unserer Mutter, war sie „nur“ Nenntante, wir liebten sie wahrscheinlich mehr, als die richtigen Tanten. Tante Esther arbeitete als Dolmetscherin beim britischen Hauptquartier in Herford. Einen Teil ihrer wunderbaren Geschichten erzählt sie auf Englisch, „not in front of the children!“

Ihre Mutter war Irin gewesen. Tante Esther erzählte, die irische Hausfrau kaufe nicht etwa Kartoffeln auf dem Markt, sondern wähle zwischen mindestens 20 ihr namentlich bekannten Sorten aus. Das war für fränkische Kinderohren pure Exotik, denn für uns gab es nur zwei Sorten: die Pellkartoffel und den Gloß. Letzterer zerfiel in zwei Untergruppen, den Gloß schlechthin und den gebadschdn Gloß, den breitgedrückten Gloß, also, den Kartoffelpuffer.

An Ostern gab es natürlich bunte Ostereier zum Frühstück. Unsere Mutter hatte die Angewohnheit, harte Eier an ihrem Kopf aufzuschlagen. „Wenn ihr genügend fest zuschlagt, tut das gar nicht weh.“

Irgendwann gelang es unserem Vater, ihr ein buntes rohes Ei unterzujubeln…

Nach der Kirche gab es bald das Mittagessen. Wie fast immer am Sonntag aßen wir Reh. Vater tranchierte die Keule oder den Rücken und wenn wir das Tischgebet sprachen, kreuzte er fromm Gabel und Tranchiermesser.

Was haben wir unsere Freunde im Dorf beneidet, bei denen gab es Stallhas, saura Zipfl oder Kalbsniernbrodn. Immerhin bekamen wir zum Wild Glöß und Spatzenflügel, vulgo Rotkraut. So wurde auch der trockene Rehbraten erträglich. Damals briet man ihn aus Angst vor Trichinen noch bis kurz vor der Karbonisierung durch.

Nach dem Essen versteckte Vater im Park. Wenn er fertig war, rief er uns mit dem Schlachtruf:

„Der Osterhas hat Eier gelegt!“

Es gab Schokoladeneier, künstliche Spiegeleier aus weißem und gelbem Zucker, Osterhasen und toten Friseur. So wurden die Schokoladeneier genannt, aus denen glibbrige, schillernde Soße quoll, wenn man sie aufbiss.

Gleich nach Ostern kam der nächste Höhepunkt des Kirchenjahres, der „weiße Sonntag“. Dann gingen in den katholischen Dörfern die Kinder zur Erstkommunion. Die Mädchen hatten weiße Kleider an und hießen „Bräudla.“

In Thüngen, wo es auch katholische Bauern gab, waren Mutter und ihre vier Schwestern stets besinnungslos neidisch auf diese weißgewandeten Elfengestalten. Zu um Trost mussten sie am weißen Sonntag keinen Mittagschlaf machen. Das wurde auch bei uns beibehalten, „Bräudla“ gab es dort nicht, und neidisch hätte nur unsere Schwester sein können. Dennoch fieberten wir diesem Großereignis im Kirchenjahr entgegen.

Identitätskrise

Tante Bertha war die zweitälteste der acht Schwestern meines Großvaters in Thüngen. Ihr Zeigefinger soll länger gewesen sein als ihr Mittelfingen, und das sei daher gekommen, weil sie immer alle herumkommandiert und das mit dem Finger unterstrichen habe.

Sie heiratete Theodor Schrenk, einen verwitweten Pfarrer aus Württemberg. Plötzlich war aus der Baroness Thüngen eine Frau Schrenk geworden, aber immerhin Frau Pfarrer Schrenk.

Onkel Theodor war fleißig und gottesfürchtig und so machte er Karriere im Königreich Württemberg, er wurde Prälat der evangelischen Kirche.

Das Hallo in der Familie war natürlich groß, denn nun nannten ihn seine boshaften sieben Schwägerinnen, darunter eine Diakonisse, nur noch den Prolet Schrenk.

Was die Damen nicht wussten, war, dass im Königreich Württemberg mit dem Posten eines Prälaten die Verleihung des persönlichen Adels einherging, Onkel Theodor hieß von einem Tag auf den anderen von Schrenk, Tante Bertha aber blieb Frau Schrenk. Dies sorgte natürlich für bisher nie dagewesenen Spott und Hohn, den die Frau Prälat aber mit Gelassenheit erduldete, der württembergische Pietismus war da eine harte Schule.

Als Prälat hatte sich Onkel Theodor auch um den Nachwuchs zu kümmern. Als er Prediger an der Stiftkirche in Stuttgart war, kam eines Tages ein Vikar zu ihm. In der Familie wird die Geschichte so erzählt, dass es ein „Vikärle“ gewesen sei, das dem Herrn Prälat sein Herz ausschütten wollte.

Der junge Mann wurde ins Arbeitszimmer gebeten, Tante Bertha brachte Tee und ließ die Beiden dann alleine. Das Vikärle druckste herum und kam mit der Sprache nicht heraus, schließlich, nach gutem Zureden durch den Herrn Prälat, erklärte er stockend, er hätte eine Identitätskrise.

Theodor Schrenk war ein belesener Mann, aber mit Psychologie hatte er sich sein Leben lang nie beschäftigt. Als frommer Christ war er sogar davon überzeugt, dass das alles Teufelszeug sei. Kurz, er hatte keine Ahnung, wovon das Vikärle sprach.

Nach kurzer Überlegung urteilte der Prälat und Dienstherr:
„Ich will Ihne emal war saage: Sie sent Sie!“

Der Zehnender

Es war eine der ersten großen Jagden nach dem Krieg, zu der mein Großvater einlud. Die Thüngnische Zent ist ein riesiges Waldgebiet im fränkischen Teil der Rhön. Dort gab und gibt es einen legendären Rotwildbestand. Jäger waren gut beraten, sich mit dem Jagdherrn gutzustellen. Jeder wollte zu den winterlichen Drückjagden eingeladen werden.

Nach dem Krieg waren die alten und erfahrenen Jäger rar und so geschah es, dass sich zu Beginn der Jagd mein Großvater von einer Jägerschaft umringt sah, der er um mindestens zwanzig Jahre voraus war. Unterdessen leben auch diese nicht mehr, sein Neffe Woff aus Weissenbach, die beiden Brüder, die Grafen Alram und Aurel Ortenburg, sowie die Fürsten, Albrecht aus Castell und Siegfried aus Rüdenhausen. Nur ein weiterer Fürst, Udo Löwenstein, aus Kreuzwertheim, war älter als der Jagdherr selbst.

Bevor das Treiben losging hielt der Jagdherr die obligate Ansprache und berichtete davon, dass er seit geraumer Zeit einem Zehnender nachjage, ihn aber bisher nie stellen konnte. Wem dieser Hirsch vor den Lauf käme, der möge ihn bitte schießen.

Insgeheim hoffte er natürlich, der Hirsch werde an seinem Stand kommen, den er mit durchaus egoistischem Vorsatz für sich gewählt hatte.

Die Jagdgesellschaft verteilte sich auf die ihnen zugewiesenen Stände und bereitete sich auf mehrstündiges Frieren vor.

Das Hornsignal zum Antreiben wurde gegeben und mit zunehmend klammen Gliedmaßen warteten die Schützen hochkonzentriert auf das Wild.

Mit was bekämpft man Kälte? Mit Bewegung oder Schnaps. Ersteres vertreibt den Hirsch und Letzteres vertreibt die Konzentration. Wehe es kommt ein Hirsch und ein Schütze verschläft seine Chance zum Abschuss.

Links neben dem Großvater, etwa 400 Meter entfernt, stand Albrecht Castell, danach, erneut 400 Meter weiter, stand Aurel Ortenburg aus Birkenfeld.

Immer wieder hörte man Schüsse, die Jagd schien erfolgreich zu verlaufen. Als man schon die Treiber hören konnte, kurz bevor der Trieb abgeblasen wurde, knallte es rechts neben dem Jagdherrn. Dann ertönte das Hornsignal und mein Großvater lief in Richtung des Standes des jungen Fürsten aus Castell.

Vor ihm lag der Zehnender! Es muss wohl der Jagd Neid, die Enttäuschung, ihn nicht selbst erlegt zu haben, gewesen sein, denn mein Großvater schiss den vollkommenen verdatterten Albrecht Castell in einer ans Ungehörige grenzenden Weise zusammen. Wie er denn dazu komme, ausgerechnet den Zehnender zu schießen, noch dazu mit einem schlecht gesetzten Schuss, und überhaupt…

Unterdessen hatte sich eine kleine Gruppe um die beiden gebildet, die mit nicht geringer Schadenfreude Zeuge wurde, wie ihr Freund Albrecht runtergeputzt wurde. Nur der Forstmeister schaute sich den erlegten Zehnender genauer an und begutachtete den Einschuss.

Schließlich meldete er sich zu Wort und erklärte, der Hirsch müsse am Nebenstand erlegt worden, er habe sich lediglich im Todeskampf noch bis hierher bewegt, die Richtung des Einschusses ließe keine andere Schlussfolgerung zu.

Nun trat Graf Aurel vor. Er wusste ja, dáss er den Schuss abgegeben hatte. Er war gewärtig, jetzt auch eine Abreibung zu bekommen. Doch da war der „furor nimrodianus“ in der schmerzenden Seele meines Großvaters bereits erloschen. Er gratulierte dem glücklichen Schützen.

Das Geweih des Zehnenders hängt noch heute in der Eingangshalle des Birkenfelder Schlosses und Onkel Aurel hat immer in seiner unnachahmlichen schleppenden Redeweise gesagt:

„Das Geweih hab fei ich bekommen, aber den Anschiss der Albrecht Castell!“

 

 

Der schiere Unanstand

Unser Vater behauptete immer, dass eine Geschichte, wenn sie nicht unanständig sei, langweile.

Nun ist das, was die Generation unserer Väter für unanständig hielt, von dem was heute als „dirty jokes“ oder „chistes verdes“ im Umlauf ist, weiter entfernt als Königsberg von Köln.

Wenn die Autofahrerei zu lange wurde, sangen wir mit Vater:

„Leicht und sicher springt der Floh ohne Sprungbrett über den Popo-o.“

Wir kringelten uns vor Vergnügen.

Später, das war dann schon intellektuell anspruchsvoller, dichteten wir mit ihm Verse, die nur eine Bedingung hatten: Das Wort Scheiße musste darin vorkommen.

Unübertroffen diese beiden:

„Wer Scheiße auf den Dachfirst klebt, beweist, dass er nach Höh‘rem strebt“

und

„Scheiße in der Lampenschale verbreitet trübes Licht im Saale.“

Unschwer erkennt man, dass solcherart eine Fahrt nach München im Fluge verging, der Beweglichkeit des Hirnkastens diente und natürlich das Höchstmögliche an Unanstand herausgeholt wurde.

Witze oder Geschichten, die das Geschlechtliche auch nur streiften, waren tabu. Wahrscheinlich denken deshalb fast alle unsere europäischen Nachbarn, die Deutschen hätten keinen Humor. Wenn man sich in Heathrow die Schuhe putzen lässt, fallen einem schier die Ohren ab, seil der „shoe shine man“ nur Limericks vorträgt, die unter Kennern ja nur dann gut als gut gelten, wenn sie alles was gute Erziehung bedeutet, hinter sich gelassen haben.

Kurzum, man war prüde. Meinem Bruder passierte es noch, dass der Hausherr die Töchter aus dem Zimmer schickte, um ihm einen unanständigen Witz zu erzählen. Ein Nachttopf kam darin vor.

Als mein Großvater, das 20. Jahrhundert war noch neu, in der Neumark als Bräutigam bei den zukünftigen Schwiegereltern Besuch machte, wurde beim Mittagessen darüber gesprochen, dass ein entfernter Onkel von einer Asienreise gesund zurückgekommen sei, obwohl er mit dem Schiff einen Tornado habe durchfahren müssen.

Der Bräutigam stutzte und überlegte dann laut. „Tornado, Tornado, wo habe ich heute schon das Wort Tornado gelesen?“

Der Hausherr versuchte durch Jagdgeschichten ein neues Thema anzuschneiden, aber der Bräutigam insistierte. Es lässt mir keine Ruhe, Tornado, Irgendwo habe ich heute schon einmal das Wort „Tornado“ gelesen. Friederike, die jüngste Tochter, kicherte und wurde des Raumes verwiesen. Die Braut, als solche durfte sie neben ihm sitzen, knuffte unter dem Tisch, worauf der Bräutigam rief: „Clara, was knuffst du mich unter dem Tisch?“

Nun wusste der Hausherr keinen weiteren Rat mehr. Er bat seinen Ältesten: „Franz-Just, nimm doch bitte mal den Siegfried vor die Tür.“

Dort klärte der zukünftige Schwager den Bräutigam auf, dass das Wort „Tornado“ in blauer Schrift in den erst kürzlich von der Firma Villeroy & Boch gelieferten Wasserklosetts zu lesen sei.

Leider gibt es das Modell nicht mehr.

Der Hallelujazwerg

Üpä, unser Großvater in Rentweinsdorf, lag monatelang im Bett und konnte nicht sterben. Sein Rücken war aufgelegen, eine konkrete Erkrankung war nicht feststellbar, wollte man vom Alter absehen.

Immer wenn er dachte, er werde nun sterben, verlangte er nach dem Abendmahl. Dies wurde allgemein als Katastrophe angesehen, denn danach blühte er regelmäßig auf. Aber wer will einem Sterbenden schon das Abendmahl verweigern?

Nach langem Hin und Her wurde jemand gesucht, der, um die Verlegung ins Krankenhaus zu verhindern, die Pflege zu Hause übernehmen konnte. Man fand Herrn Stengel. Er war ausgebildeter Krankenpfleger und Diakon. Letzteres, so dachte man, werde seine Akzeptanz beim Kranken erhöhen.

Das war eine Fehleinschätzung, denn Üpä fand, Diakon sei kein Beruf für Männer, erst recht nicht für solche die das Gardemaß deutlich unterschritten. Herr Stengel war nur etwa 1,65 m groß.

Es wird berichtet, er habe sich den Namen des Pflegers nicht merken können. Ich bin davon überzeugt, dass er ihn sich nicht merken wollte. Wie dem auch sei, er nannte den kleinwüchsigen Gottesmann nur den Hallelujazwerg.

Immer wenn der Halleluja Zwerg das Zimmer betrat, wusste Üpä, dass er beim Wenden seines Körpers, beim Waschen, bei allem, was der Pfleger tat, Schmerzen haben würde. Er behandelte den bedauernswerten Herrn Stengel schlecht und eines schönen Morgens kündigte er ihm fristlos.

Unsere Mutter fand den Hallelujazwerg, wie er auf seinem Koffer sitzend vor der Kirche auf den Bahnbus wartete. Sie konnte ihn zur Rückkehr überreden.

Dann besuchte sie Üpä an seinem Krankenbett. Da er nahezu taub war, konnte man mit ihm nur per Schreibtäfelchen kommunizieren. Sie schreib:

„Wenn der Hallelujazwerg weggeht, musst Du ins Krankenhaus.“

Üpä holte seine Brille aus dem Etui, putzte sie umständlich, setzte sie ebenso umständlich auf und las. Dann sagte er:

„Ja, schickt den Kerl ins Krankenhaus!“

Mutter wischte den Text aus und schrieb:

„Wenn der Hallelujazwerg geht, musst DU ins Krankenhaus.“

Üpä hatte seine Brille unterdessen wieder verstaut, holte sie nun umständlich wieder aus dem Etui, putzte sie, setzte sie auf und las. Nach einer Weile ließ er das Täfelchen sinken und seufzte:

„Ja, wenn ihr jetzt mit dem Hallelujazwerg schon per du seid…“

Immerhin, Herr Stengel blieb. Wenig später starb Üpä dann doch noch einen gnädigen Tod. Statt einer Kondolenz sagte die Dorett, Üpäs Faktotum, zu meinen Eltern:

„Des hätt fei ned so lang müss dauer. Bei die Bauern wär scho längst a mal a Fenster offn gabliem.

Herr Stengel reiste schon vor der Beerdigung ab.

 

Der Bankräuber

Der Walder wuchs in einem winzigen Dorf auf, mitten im Steigerwald.

Als er sechzehn Jahre alt geworden war, radelte er nach Haßfurt und bestand dort die theoretische Fahrprüfung, was ihn fortan zum Führen eines Mopeds berechtigte.

Er hatte aber kein Moped. Der Großvater und der Nachbar und der Vater von der Ramona, seiner Freundin, hatten in der Scheune noch je eine Ruine dessen, was vorher mal eine NSU Quckly gewesen war. Tatsächlich gelang es, aus diesen drei Vehikeln ein neues zusammenzuschrauben. Der Walder malte es feuerrot an, und wenn man auf den Gepäckträger ein Kissen legte, dann saß auch die Ramona recht bequem.

Die beiden erkundeten die Weiten und die Büsche des Steigerwaldes, nur bei Regen und im Winter war es schon irgendwie unbequem mit der roten Quickly.

Aber bald schon waren zwei Jahre vergangen, und der Walder konnte den Führerschein machen. Er hatte darauf gespart.

Zu einem Auto reichten seine Ersparnisse aber nicht. Auch gilt leider die Regel nicht, dass wer eine NSU Quickly in der Scheune hat, auch ein kaputtes Auto dort verwahrt.

Der Walder sparte weiter, aber irgendwie reichte es nie, um ein gebrauchtes Auto kaufen zu können. Die Ramona aber drängelte, und ab und zu sprach sie davon, dass der Siggi zwar ein Auto habe, aber keine Freundin, was den Walder durchaus alarmierte.

Und so reifte in ihm der Plan, die Kreissparkasse zu überfallen. Er wusste, dass einige Dörfer weiter einmal in der Woche der Sparkassen Bus vor der Kirche hielt. Ein paar Mal hatte er sich die Sache angesehen, dann ging er zur Tat über. Mit einer Spielzeugpistole und einem Tuch vor dem Gesicht stürmte er den Bus und schrie: „Fünfdausend Märgla, oder s‘ gnalld.“

An dem Tag war der Breuers Oddo zum Dienst im Sparkassen Bus eingeteilt. Er trainierte damals die Jugendmannschaft des SV Rapid Ebelsbach und konnte gut mit jungen Männern umgehen. Zwar hob er die Hände, aber gleichzeitig verwickelte er den Bankräuber in ein Gespräch: „Bürschla, du bist doch noch jung. Du versaust dir des ganz Lähm.“ Der Walder aber entgegnete, dass er ein Auto brauche, weil die Quickly bald den Geist aufgeben würde. Das verstand der Oddo natürlich, aber er versuchte weiter, die Straftat zu verhindern: „Bass auf, du haust edserd ab und ich vegess den Aufdridd. Morchn kummsd auf Haßfurt und nacher säh mer amol, wie des mid an Gredid is.“

Das verstand der Walder und verließ unverrichteter Dinge den Sparkassen Bus.

Der Breuers Oddo hatte sich gerade vom Schrecken erholt, als der Bankräuber wieder in den Bus stürmte: „Ich hab’s mir annersch überleechd, ich will doch des Gäld.“

Da drückte der Oddo den Alarmknopf und ein ohrenbetäubendes Geheul ging los. Dem Walder gelang zwar die Flucht, aber seine feuerrote Quickly sprang nicht an und so konnte der Breuers Oddo den Walder festhalten bis die Polizei kam.

Man legte ihm Handschellen an. Der Walder aber deutete mit dem Kinn auf die am Boden liegende NSU Quickly und brüllte zum Breuers Oddo hinüber:

„Sixdes edserd, wieso ich a Audo brauch?“

 

 

Der Beruf des Vaters

Die Zeit vor meiner Einschulung ist mehr in Erinnerung geblieben, als der erste Schultag selbst. Natürlich bekam ich eine riesige Schultüte voller Süßigkeiten, und natürlich war diese riesige Tüte bis zur Hälfte mit alten Ausgeben des Baunach- und Itzboten ausgestopft worden.

Beides war zu erwarten gewesen. Unvorbereitet trafen mich die „Sprüch“ im Dorf, die mein tiefes Misstrauen gegen den Schulbetrieb bestätigten.

„Do gehd’s fei aus an annern Fässla.“ Ein an sich sinnentleerter Satz, nach dem es dann aus einem anderen Fässchen ginge, der mit aber sofort klarmachte, dass es mit dem ersten Schultag vorbei sein würde mit unbeschränkter Freiheit. Ich konnte überhaupt nicht verstehen, weshalb ich in die Schule müsste, ich konnte ja alles: Fahrrad fahren, Nägel einschlagen, Zwillen basteln, einen Lanz Traktor von einem Fendt Traktor am Geräusch unterscheiden, das Vaterunser aufsagen, ich wusste, dass Westen hinter Salmsdorf, Norden hinter Ebern, Osten hinter Treinfeld und Süden hinter Sendelbach lag. Was hätte die Schule mir noch beibringen können?

Noch mehr, als das „Fässla Theorem“ nervte mich meine Mutter. Fast täglich schärfte sie mir ein, was ich zu sagen hätte, wenn ich nach dem Beruf unseres Vaters befragt werden würde.

Ich gebe zu, dass ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht hatte, aber weshalb es so wahnsinnig wichtig war, zu wissen, dass mein Vater Land- und Forstwirt sei, blieb mir verborgen. Ich verstand nicht einmal, was das sein sollte. Mutter sagte, das eine sei ein besserer Bauer du das andere ein besserer Förster. Und was hat das mit dem Wirt zu tun? Im Dorf gab es drei Wirte, alles behäbige Gestalten, denen man ansah, dass das Bier ihnen schmeckte. Unser Vater verabscheute Bier und war wirklich nicht behäbig, weder geistig, noch körperlich. Wenn er aber ein besserer Bauer und ein besserer Förster war, warum nannte man ihn dann nicht so, und weshalb war er besser als die Bauern und Förster, die ich kannte?

Als Kind hatte ich schnell gelernt, dass es zwecklos war, Mutters Gedanken zu hinterfragen oder diesen gar zu widersprechen. Dann war mein Vater halt Land- und Forstwirt. Er hatte nie eine Gabel oder eine Axt in er Hand, er fuhr nur immer mit seinem VW Käfer aufs Feld oder in den Wald um die dort arbeitenden Menschen zu besuchen, Land- und Forstwirt eben.

Kurz nach dem ersten Schultag wurden wir tatsächlich nach dem Beruf unseres Vaters gefragt: Schreiner, Kreisbaumeister, Brauer, Schlosser. „Schafft in Ebern bein Kuffi“ war der häufigste Beruf. Dann kam ich dran und sagte problemlos mein „Sprüchla“ auf: „Mein Vater ist Land- und Forstwirrt.“

Berthold, mein neben mir sitzender Freund, knuffte mich und sagte: „Aff, blöder, dei Vaddä is Baron.“ Ich knuffte zurück und zischte: „Halds Maul, mei Muddä hods, mir gawiesn.“

Jahre später habe ich Mutter gefragt, weshalb sie so absonderlichen Wert darauf gelegt habe, dass ich den Beruf meines Vaters mit Land- und Forstwirt anzugeben hätte.

Es stellte sich heraus, dass auch sie in der Schule gefragt worden war, was der Vater sei. Sie standen in einer Reihe, mussten das Katheder erklimmen und von dort oben mitteilen, welchem Beruf der Vater nachging. Meine Mutter hatte keine Ahnung, aber vor ihr war der Rösche Bibbl dran, und dessen Vater, so verkündete er, sei Fleischbeschauer.

„Mein Vater ist auch Fleischbeschauer,“ stammelte sie etwas verwirrt, als sie droben stand.

„Dein Vater ist Land- und Forstwirt und darüber hinaus Abgeordneter im Reichstag!“ polterte der Lehrer.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Sache mit dem Fleischbeschauer im Dorf. Das arme Mädchen wurde zu Hause und beim Spielen auf der Straße damit aufgezogen.

Diese Schmach wollte Mutter mir ersparen.

Sittlicher Niedergang beim Riffelmacher

Als Kinder konnten wir nicht Konditorei sagen, dennoch war es einer der Höhepunkte, wenn wir in die „Kauerei“ eingeladen wurden.

In Bamberg gab es natürlich mehrere wunderbare Cafés, aber das schönste, das tollste, das begehrenswerteste war Riffelmacher. Gibt’s heute noch.

Vorbei an einer Glasvitrine, in der ungeahnte Tortenvariationen in Augenhöhe von uns Kindern dargeboten wurden, ging es nach hinten in das eigentliche, damals noch plüschige Café.

Hinten rechts gab es ein Kabäuschen. Dort hantierten junge Frauen im kleinen Schwarzen mit weißer Schürze und weißem Servierhäubchen in geheimnisvoller Weise umher, um dann plötzlich mit einem Kännchen Kaffee oder Tee aus der Deckung zu kommen.

Leider bekamen wir nie etwas von den atemberaubenden Torten aus der Vitrine, ein Bamberger Hörnla musste genügen. Das aber wurde bei Weitem wettgemacht durch die heiße Schokolade mit Schlagsahne, die wir bestellen durften.

Sie wurde in einer geradezu abstrus barockisierenden hohen Tasse gereicht. Unten kochend heiße Schokolade, darauf kalte Schlagsahne. Die Kunst war es, die Schlagsahne mit der Schokolade gleichzeitig zu trinken, ohne sich dabei die Lippen zu verbrennen. Es durfte dabei sogar geschlürft werden, wenn auch ganz leise.

An den Nachbartischen saßen ältere Damen mit Hut samt Hutnadel. Die schauten zunächst mit Wohlwollen auf uns zumeist zahlreichen Kinder. Wenn wir aber begannen harmlose Spielchen, wie „Pinkepank wo ist der Schrank“ zu spielen, verwandelten wir uns plötzlich in unerzogene Blagen. Das wurde nur gemurmelt, wir hörten es aber dennoch und murmelten zurück, dass im Zimmer der Hut in die Garderobe und nicht auf den Kopf gehöre.

Kurz, Riffelmacher war einfach herrlich!

Meine Schwester erinnert sich besonders an einen Besuch in diesem Tempel der Gastlichkeit, weil irgendwann in den 70er Jahren am Nebentisch Jung-Siegfried saß. Es war Sommer, seine beachtlichen Muskeln kamen durch das Kurzarmhemd richtig zur Geltung, ebenso seine Tätowierungen. Meine Schwester war hin und weg, zumal er auch noch blond war. Seine braunen Augen blitzten unter seiner ausufernden Strohmatte hervor. Es war unsere Mutter, die bemerkte, dass an der Kopfhaut bereits dunkle Haare nachwuchsen.

Mutter, die sich sowieso schon ärgerte, dass Ihre Tochter förmlich dahinschmolz, begann zu summieren: Kurzarmhemd, ostentative Muskeln, Tätowierungen, gefärbte Haare! Eines dieser Attribute hätte ausgereicht, um den jungen Mann ins Reich des Hundsordinariats zu schicken. In der Summe war das einfach zu viel. Unter dem Eindruck dieses Sittenverfalls im Riffelmacher, seufzte Mutter schließlich:

„Jetzt wird’s aber wirklich Zeit, dass die Russen kommen!“

Partnerfindung in Franken

Eines Tages erschien die Schneiders Renade erneut vor dem Amtsrichter in Bamberg. Es war das vierte Mal in fünf Jahren. Es ging – wie bisher immer – darum, den Vater ihres Neugeborenen auf Unterhalt zu verklagen.

Die Renade war Bedienung im Gasthaus zur Sonne in Breitengüßbach, der Kindsvater, der Nüssleins Beder hat in der Muna gearbeitet, dem Munitionslager, das die US Armee im Ort unterhielt.

Die Schneiders Renade war eine sehr stattliche junge Frau, schwarze Haare, grüne Augen, roter Mund, ein Prachtsweib, wie man damals noch sagte.

Der Nüssleins Beder war Mittelstürmer beim TSV Breitengüßbach, stark wie eine Eiche, das Gesicht heldenhaft unebenmäßig, beim Fußball geht halt oft einmal ein Nasenbein zu Bruch.

Die beiden waren wirklich ein schönes Paar.

Der Richter, der Rat Pfeuffer, stand kurz vor der Pensionierung und hatte sich angewöhnt, seinem Alter gemäß, die Verhandlungen in väterlich gelassenem Ton zu führen. Aktenstudium sparte er sich, er schöpfte aus dem immensen Fundus seiner Erfahrung.

„Ja, die Schneiders Renade aus Breitengüßbach kommt mal wieder zu mir“ begrüßte der Richter die Klageführerin. „Um was geht es denn dieses Mal, meine Liebe?“

„Wie immer“ murmelte die Renade.

„Bitte etwas lauter, ich habe Sie nicht verstanden.“

„Noja, es is hald a jeds Mol des selba.”

“Wollen Sie damit sagen, dass es wieder um Unterhalt geht?“

„Scho.“

Der Richter blätterte in seinen Akten. „In fünf Jahren, nun das vierte Mal, stimmt das?“

„Freilich.“

„Und sagen Sie bloß, es ist wieder der“ wiederholtes Blättern in den Akten, Peter Nüsslein?“

„Was dengen Sie von miä, ich bin doch ka Flittchen? Freilich war´s der Beder.“

Da bat der Richter die Klägerin nach vorne zu sich an den Richtertisch. Als sie ganz nah dran war, lockte er sie mit dem Zeigefinger, so dass schließlich nur noch die Gerichtsekretären hören konnte, was die beiden besprachen. Der Rat Pfeuffer sprach nun fränkisch:

„Renade, edserd hast schon vier Kinnerla vo den Beder. Hast denn nie dra gedacht, den Ma zern heiern? So a Haufn Kinner, die brauchn doch an Vadder!

„Herr Rad, dro gadachd hab ich scho, aber er war mer ned simbaddisch.“