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Coronaopfer V. Europa

Wenn die gegenwärtige Viruskrise vorüber sein wird, gibt es hoffentlich ganz viele Genesene und ganz wenig Verstorbene, allerdings ist jetzt schon klar, es wir ein Kranker übrigbleiben. Das ist die Europäische Union.

Sie ist nicht vorhanden in der Bewältigung der weltweiten Pandemie. Nachrichtentechnisch scheint es so, als habe der Ministerpräsident des Saarlandes in dieser Sache mehr zu vermelden als die ansonsten so machtvollen EU-Kommissare. Das hat natürlich einen Grund, und zwar den der Kompetenzen.

Die EU hat keine gesetzliche Befugnisse, um handelnd in die Bewältigung der Coronakrise eingreifen zu können.

Das ist bedauerlich, aber es ist symptomatisch: Europa, wahrscheinlich die gesamte Welt, haben sich angewöhnt, das Gesundheitssystem in den Boden zu sparen. Man hat einfach darauf vertraut, dass der medizinische Fortschritt derart allumspannend ist, dass in seiner Folge die Wahrscheinlichkeit von Erkrankungen, die stationär behandelt werden müssen, immer geringer wird.

Erst im vergangenen Jahr hat der Bundesgesundheitsminister haufenweise die Schließung von Krankenhäusern angeordnet. Ich nehme an, dass er sich aus Ärger über diesen Fehler nun die Finger wund beißt.

Unser aller Bewusstsein hat sich schlicht und ergreifend vom Gesundheitswesen abgewendet. Jaja, das ist wichtig und da arbeiten auch fleißige und kompetente Leute. Diese aber anständig zu bezahlen, das war in der öffentlichen Wahrnehmung unter dem Diktat des verordneten Sparzwanges, nun wirklich keine Priorität.

Um zur EU zurückzukommen: Dass man ihre keine Gesundheitskompetenzen verliehen hat, zeigt in aller Deutlichkeit, welche Gewichtung unser aller Gesundheit in den Augen der Politik hat.

Um es polemisch auszudrücken: Der Bananenbieger war in Brüssel wichtiger als der Arzt.

Nach Beendigung der Pandemie werden wir alle wissen, wie immens wichtig es ist, ein Sanitätswesen zu haben, dass stets auf alles vorbereitet ist und das so attraktiv ist, dass genügend junge Leute in die Pflegeberufe gehen.

Ich kann und werde hier keine Vorschläge machen, denn ich bin kein Fachmann. Eines aber weiß ich: Die Coronakrise gibt uns die Gelegenheit, unsere Götter zu revidieren. Vielleicht ist es gesellschaftlich doch nicht so alternativlos, ständig unter dem Primat der Wirtschaft zu leben. Die kann ja doch auf die Dauer nur gedeihen, wenn sie von psychisch und physisch Gesunden betrieben wird.

Und, das klingt jetzt schon ein wenig futuristisch: Wenn der Staat es berechtigterweise für richtig befunden hat, eine tatenlose Wirtschaft und eine zum Nichtstun verdonnerte Bevölkerung über diese Wochen, vielleicht Monate zu bringen, dann ist es an der Zeit, über das bedingungslose Grundeinkommen nachzudenken.

Bislang wurde das von den Wirtschaftsgottsöberschten als Flausen von solchen diffamiert, die sowieso nicht arbeiten wollen.

Diese Tage haben gezeigt, dass die Frage der Arbeit nicht vom Willen allein abhängt.

Fazit eins: Wenn ein Virus grenzüberschreitend arbeitet, muss das die EU Kommission auch tun können.

Fazit zwei: Es muss uns etwas einfallen, Gesundheit als wirklich wichtig zu verstehen. Wie wichtig sie ist, wissen nur die, die sie die Gesundheit verloren haben. Gesundheit ist mehr als das, was man sich auf vorgedruckten Karten zu Weihnachten wünscht.

Coronaopfer IV. Keep Swiss

Coronaopfer IV. Keep Swiss

Wie bekannt, ist meine geliebte Ehefrau Schweizerin. Als solche hat sie einen Anspruch auf landschaftliche Schönheit oder Exotik, den ich ihr derzeit angesichts der verordneten Kontakterschwernisse nur schlecht bieten kann.

Als wir noch auf Mallorca lebten, bin ich immer, wenn ich merkte, dass sie Heimweh hatte, mit ihr durch den Autobahntunnel bei Génova gefahren, in schwereren Fällen nahmen wir den nach Sóller, das hat stets geholfen.

Aber jetzt?

Glücklicherweise haben wir etwas, was in neuzeitlichen Immobilienanzeigen „Loggia“ genannt wird. Da kann man auf etwa vier Metern Breite das Fenster zusammenfalten und wer jetzt noch viel Phantasie mitbringt, kann sich vorstellen, er säße auf einem Balkon.

In diesen Tagen ist es kalt, aber die Sonne scheint. Also hüllen wir uns in warme Wolldecken und setzen uns in die warmen Strahlen. Wir nennen das. „Wir spielen Sankt Moritz.“ Spätestens nach etwa 20 Minuten ruft meine Schweizerin:

„Frollein, bingetse mr a Chaffi.“ In Ermanglung eines Frolleins springe ich sofort auf und bereite eine Tasse Kaffee, die ich kurz darauf serviere und dazu sage:

„Das gosded bidde zwansch Frangn“. So stellt sich sofort das wohlige Gefühl ein, in Sankt Moritz Ferien zu machen, denn dort scheint bei kaltem Wetter die Sonne, alles ist teuer und die Serviertöchter stammen aus Sachsen.

Wenn wir damit durch sind, wetten wir auf Züge. Hinter einer Schallschutzmauer können wir die oberen 20 cm vorbeifahrender S-Bahnen sehen, bei den regionalen Doppeldeckerzügen der Bundesbahn ist es natürlich erheblich mehr, was uns an Eisenbahnromantik geboten wird. Wir wetten, ob der nächste Zug von links oder von rechts kommt. Das geht ganz schön ins Geld. Riskant, aber hochdotiert, ist die Wette auf den neuen Stadler KISS Doppeldeckerzug der DB. Das ist so riskant, weil er im Zweistundentakt kommt, einmal von links und einmal von rechts. Es genügt, zu wetten, dass er als nächster kommt, egal aus welcher Richtung.

Dieser Zug verbindet seit Neuestem Dresden mit Rostock und stammt aus Schweizer Produktion. Ich erzähle dann von den Meriten Schweizer Ingenieurskunst, durch die es möglich ist, diese herrlichen Züge in Bussnang im Kanton Thurgau herzustellen.

Für das Kommende muss man wissen, dass meine Frau „Baslere“ ist, also ein gewiss großstädtisches Flair in sich trägt. Deshalb erwidert sie meine Hymnen auf das CH-know how stets mit dem lapidaren Satz:

„Bussnang is a Schießdracksdörfli.“

Dem folgt regelmäßig ein unterhaltsamer Gedankenaustausch, der uns Gelegenheit bietet, die Vorteile von Basel gegen die von Bussnang abzuwägen. Ich habe unterdessen gelernt, wann ich nachgeben muss, nämlich immer dann, wenn sie mit Scheidung droht.

Um schnell vom Thema abzukommen, verweise ich nachfolgend gern auf den gelben BVG Bus der Linie 27, dessen Endstation von der Loggia aus fast zu sehen ist. Ab und zu fährt einer mit Ziel Jungfernheide unten vorbei. Ich benutze dies zu einem sehnsüchtigen Seufzer:
„Ja, in der Jungfernheide müsste man jetzt sein“, woraufhin mich meine Frau scharf anschaut. Sie versteht das natürlich vollkommen falsch, denn bei der derzeitigen Beschränktheit meiner Bewegungsmöglichkeiten erscheint mir eine Busfahrt zur Jungfernheide mit Kurzaufenthalt alldorten wie der Himmel auf Erden.

Naja, vielleicht ist es in unserem Sankt Moritz doch noch schöner.

 

P.S.

Meine Frau hat Recht, Bussnang ist ein Schießdracksdörfli. Es gibt dort eine Hauptstraße, ein Gässli, ein Scheffgässli, eine Schulstraße und ein Viadukt, über das die Schienen zur Stadler-Bahnfabrik führen, die an der Ernst Stadler Straße liegt.

Mit Basel nicht zu vergleichen.

Das Recht bleibt das Recht

Mein Freund Heiner Süselbeck hat neulich vorgeschlagen, ich solle doch mal über den 94. Psalm nachdenken.

Das habe ich getan und will zunächst einen kleinen Teil des Psalms hier zitieren:

„Denn der Herr wird sein Volk nicht verstoßen noch sein Erbe verlassen. Denn Recht muss doch Recht bleiben und ihm werden alle frommen Herzen zufallen.“

Dieser alttestamentarische Text ist wunderbar für diese Tage. Er gibt allen Menschen Hoffnung. Allen, die gläubig sind und allen, die nicht gläubig sind.

Er sagt nämlich nichts weniger als, dass – nenn es Herr, nenn es Natur – stets dafür sorgt, dass es weiter geht. Meine Mutter hat das immer in ihrer direkten Art so formuliert:

„Du musst nicht denken, dass sich der liebe Gott mit seiner Schöpfung so viel Mühe gemacht hat, um jetzt alles kaputt gehen zu lassen.“ Das war für mich stets ein riesiger Trost, wenn draußen Blitz und Donner wüteten und ich zitternd vor Angst in meinem Bett lag.

Und so kann uns das auch jetzt ein großer Trost sein, denn das Corona Virus wird sicherlich Vieles verändern, aber es wird danach weitergehen, womöglich nicht mit jedem von uns, aber die Welt wird nicht untergehen, dazu hat sich die Natur bisher viel zu viel Mühe mit ihr gegeben.

Nur, was hat das mit dem Recht zu tun? Das klingt geradezu so, als hätten wir ein Recht darauf, dass die Welt nicht untergeht, was insofern etwas absurd klingt, weil wir Menschen in den vergangenen Jahrzehnten alles unternommen haben, damit sie tatsächlich untergeht.

Nein, ich verstehe das anders. Die Bundeskanzlerin hat das neulich in ihrer Ansprache sehr deutlich gemacht: Bei allen notwendigen Eingriffen des Staates in die bürgerlichen Rechte, diese müssen bestehen bleiben. Recht muss Recht bleiben, auch dann, wenn der Staatskörper fast alle seine physischen und finanziellen Kräfte auf die Bewältigung der Corina Krise verlegen muss.

Das berühmte „whatever it takes“ hat eben seine Grenzen. Auch in Zeiten extremer Krisen ist nicht alles erlaubt. Die essentiellen Grundrechte müssen weiter gelten, Recht muss Recht bleiben und ihm werden alle frommen Herzen zufallen. Aber nicht nur diese. Es werden dem Recht alle die zufallen, die erkannt haben, dass das Recht dann wie ein Chinin Panzer, also wie ein Außenskelett für die Gesellschaft wirkt, wenn für viele Mitmenschen der eigene, der innere Halt wankt. Das Vertrauen darauf, dass es rechtens zugeht, bringt uns dazu, solidarisch handeln zu können, Egoismus hintanstellen zu können und er macht es uns möglich, keine Angst haben zu müssen.

Man muss nicht gläubig oder Mitglied einer Kirche sein, um zu erkennen, dass die Bibel ein Kompendium ist, in dem uraltes Wissen angehäuft ist, das auch irgendwie die Basis unseres Denkens und Handelns geworden ist.

Nur so eine Idee: Statt sich zu langweilen in diesen Tagen, kann man auch mal wieder in der Bibel lesen. Zum Teil ist das durchaus vergnüglich, denn gerade im Alten Testament geht es streckenweise zu wie im Bahnhofsviertel.

 

 

Der Wind wird rauer.

 

Seit Beginn des Jahres 2020 gibt es drei weit verbreitete Meinungen, die mir Sorge bereiten:

  1. Die Überbevölkerung der Welt ist nur durch Zwangssterilisierungen zu verhindern.
  2. Die Alten leben zu lange und es droht daher eine Überlastung des Rentensystems.
  3. Es kann nicht angehen, dass unsere Wirtschaft kaputt geht, nur weil einige Alte am Virus sterben, die sowieso keine große Lebenserwartung mehr hätten.

Alle, die diese Meinungen vertreten, haben Eines gemein: Sie sind nicht betroffen, denn sie wohnen in Europa, sind jung und gesund.

Wenn man sich das genau anschaut, dann merkt man, dass diese Mitmenschen bereit sind, anderen das Recht auf Familie, das Recht auf ein auskömmliches Alter und das Recht auf Leben absprechen.

Und alle, die diese Meinungen vertreten, haben noch etwas gemein: Sie haben Angst. Sie haben Angst davor, dass ihr derzeitiger „status quo“ in Gefahr sein könnte.

Angst essen Seele auf. Und hier wird tatsächlich aus Angst die Seele unserer Gesellschaft geopfert. Was macht sie denn aus, unsere Gesellschaft? Doch nicht das eigene Wohlergehen, sondern der Respekt vor den Rechten aller und die Beachtung der Grundrechte.

„Was heißt da Grundrechte? Bewegungsfreiheit, Gewerbefreiheit und Versammlungsfreiheit sind eingeschränkt, was nützt uns das ganze Gedöns mit den Grundrechten in einer Krisensituation?“

Wenn wir allerdings ganz ruhig nachdenken, dann merken wir, dass diese Grundrechte eingeschränkt worden sind zugunsten des Gemeinwohls. Das unversehrte Leben aller ist eben ethisch, juristisch und politisch höher einzuschätzen als das Recht des Einzelnen, stets die von der Verfassung garantierten Grundrechte leben zu können.

Ist die Demokratie demnach eine Schönwetter-Staatsform? Nein, gerade nicht, denn in der gegenwärtigen Krise zeigt sich, dass sie das Auge für das Gesamte nicht verliert.

Demokratische Regierungen und Verwaltungen sorgen eben nicht für wenige, vulgo sich selbst, sondern arbeiten dafür, dass Krisen bewältigt werden und die Menschen so weit wie möglich vor Willkür, Not und Unterversorgung bewahrt bleiben. Um es einfach zu sagen: in einer Demokratie wird in Zeiten der Krise die Knappheit verwaltet, die Knappheit an Freiheit, die Knappheit an medizinischen Ressourcen, unter anderem auch mit dem Ziel, die Knappheit mancher Hirne nicht zum Zuge kommen zu lassen.

Kommen wir auf die eingangs zitierten drei Meinungen zurück:

Wer so etwas denkt oder sagt, stellt nicht nur unser Zusammenleben in einer demokratisch verfassten Ordnung in Frage, er lässt auch hinter sich, was wir bisher als die uns alle verbindende Ethik verstanden haben. Diese hat viele Säulen, aber die wichtigste ist doch wohl die des Respekts vor dem Mitmenschen und dessen Leben.

Der Spaltpilz

Die USA sind ein gespaltenes Land, seit dem Super Tuesday ist nun auch die demokratische Partei gespalten, zutiefst, wie die Presse schreibt.

Großbritannien ist ein gespaltenes Land. Spanien ist sogar dreimal gespalten einmal in Katalonien und der Rest und dann in sich zwischen rechts und links.

Die CDU ist gespalten, die SPD ist so klein, dass sie nichtmehr spaltbar ist.

Frankreich ist gespalten. Ja, Frankreich ist ein Phänomen: Dort wählt man immer einen Präsidenten mit absoluter Mehrheit, und nur wenige Wochen darauf bilden sich im Land starke Widerstandskräfte. Man sagt mir, das läge daran, dass man in Frankreich schon seit Jahrzehnten keinen Präsidenten mehr gewählt habe, weil es immer nur darum ginge, den Front National zu verhindern.

So wird es nun auch in den USA passieren: Die Demokraten wählen zwischen zwei Greisen, um Nummer 45 zu verhindern. Da kommt es weniger auf den demokratischen Kandidaten für das Amt des Präsidenten an, als auf den von diesem ernannten Kandidaten für den Posten des Vize-Präsidenten. Auch nicht sehr demokratisch.

Sogar der Vatikan ist gespalten, wo man doch denkt, dass die alleinseligmachende Kirche nur einen Weg zur Seligkeit haben kann. Naja, die haben ja auch zwei Päpste, heraldisch eine Herausforderung nach dem Verschwinden des Doppeladlers.

Kennt jemand, einen Staat, der nicht gepalten ist? Vielleicht Luxembourg? Da zoffen sie sich wenigstens nur mit der dauertelefonierenden Großherzogin. Selig ein Land, das solche Probleme hat!

Kommen wir zurück nach Deutschland: Dort ist es wirklich schwer, nicht gespalten sein zu wollen. Wer will sich schon nicht von Nazis abspalten lassen?

Dann hat man sich gerade überlegt, dass die Linke nun seit 30 Jahren loyal am verfassungsmäßigen Leben teilnimmt, da kommt der Spruch auf, man werde die Reichen erschießen. Damit nicht genug: Acht im Bundestag sitzende Linke verklagen die Bundeskanzlerin wegen Beihilfe zum Mord, weil ohne ihr Zutun von einer US Basis auf deutschem Boden aus ein blutbesudelter General, der einer islamistischen Diktatur diente, getötet wurde. Also, die machen es einem auch nicht leicht, sich nicht von ihnen spalten zu wollen. Hatte die CDU in Berlin vielleicht doch recht, wenn sie die Linke und besonders die thüringische „bäh“ findet?

Offenbar ist der Sinn dafür abhandengekommen, dass Einigkeit stark macht. Ich predige hier nicht „Friede, Freude, Eierkuchen, denn Auseinandersetzung, Diskussion ist notwendig. Allerdings sind, wo man auch hinschaut, die Fronten derart verhärtet, dass kein Platz mehr ist für kontroverses Miteinanderreden.

Gestern war ich in Lübeck und las am Holstentor:

CONCORDIA DOMI FORIS PAX

Einigkeit zu Hause bedeutet Frieden nach draußen.

 

 

 

Wer ist schuld?

Es ist bezeichnend, dass, statt Lösungen zu suchen, ganz viele liebe Mitmenschen fragen, wer schuld ist an der sich abzeichnenden Katastrophe, die sich an der türkisch-griechischen Grenze zusammenbraut.

Die Frage nach der Schuld ist ein probates Mittel, von dem abzulenken, was wirklich notwendig ist. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, traut sich die Politik, die Kirche, das Weltgewissen nicht, Tacheles zu reden.

Dabei ist es einfach: Man lässt keine Menschen in der Winterkälte erfrieren, basta.

Es ist derzeit vollkommen unerheblich, ob die Flüchtlinge auf Erdogans Kosten an die Grenze gekarrt werden, es ist auch unerheblich, zu fragen, ob diese Menschen besser daran getan hätten, dort zu bleiben, wo sie bisher in der Türkei waren.

Diese Menschen sind da, sie sind in Not, und die europäischen Staaten sind in der Lage, ihnen zu helfen.

Aber nein, man fragt, wer an all dem Schuld trägt, und der geneigte Leser hat längst schon erahnt, wer das ist: Angela Merkel, natürlich, wer denn sonst?

Nun ist es ja so, dass Schuld in erster Linie durch aktives Tun erzeugt wird. Zur Erinnerung: 2015 hat die Bundeskanzlerin auf eine Notsituation reagiert und es könnte sogar sein, dass sie sich damals an das C im Namen der Partei erinnert hat, der sie angehört.

Niemand, wirklich niemand bestreitet, dass damals im September 2015 Fehler gemacht wurden, und noch weniger ist zu bestreiten, dass noch mehr Fehler in den darauffolgenden Monaten gemacht wurden.

Wenn man allerdings bemerkt, dass Fehler begangen wurden, dann hat man als anständiger Mensch nach Lösungen zu suchen, statt mit nacktem Finger auf die Bundeskanzlerin zu deuten.

Derzeit weiß niemand, welches Ausmaß die sich zusammenbrauende neue Flüchtlingskrise annehmen wird. Dessen ungeachtet, ist nun Aktion, Handeln angesagt. Da es nicht möglich sein wird, eine schnelle politische Lösung zu finden, muss nun sofort der griechische Staat massiv unterstützt werden, damit der die Flüchtlinge von den Inseln holen kann und damit er die Flüchtlinge an der Landgrenze zur Türkei sicher und menschenwürdig unterbringen kann.

Ich erinnere mich nicht an ein derart beschämendes Zögern Europas vor einem Problem, das mit Händen zu greifen ist.

Helft den Menschen jetzt!

Dabei fällt mir ein, dass offenbar vergessen wird, dass die aufgewühlte Situation im Nahen Osten zu einem großen Teil Konsequenz der Kriege der USA ist. Erinnern wir uns: Die Kuweit Kriege und der Irak Krieg wurden geführt, weil es dort Erdöl gibt und damals war sich die US-Administration nicht zu schade, den UN-Sicherheitsrat und die Welt zu belügen. Ich sage das nicht als Schuldzuweisung, sondern zur Erinnerung.

Irgendwie ist das alles irreal: Andere fangen Kriege an, bombardieren flächendeckend bewohntes Gebiet und geben einen Dreck auf frierende, auf erfrierende Kinder, aber schuld an allem hat Angela Merkel.

Griechisches Tränengas

Ich bin beschämt, wenn ich davon erfahre, dass Flüchtlinge, die die türkisch-griechische Grenze überwinden möchten, von griechischen Grenzpolizisten mit Tränengas zurückgetrieben werden.

Das ist einfach unanständig. Die Griechen können immerhin noch argumentieren, sie handelten in Notwehr, weil sie keine Unterstützung der EU-Partner erhielten.

Was Europa da gerade macht, ist richtig perfide: Wenn man die Griechen unanständig handeln lässt, hat das den Vorteil, dass man sich nicht selbst die Hände oder das Gewissen schmutzig machen muss.

Wir wissen alle, dass man Menschen, die vor dem Krieg, vor der Not und vor der Repression fliehen, nicht aufhalten kann. Irgendwann überwinden sie jedes Hindernis, nachdem – nota bene – Tausende dabei ihr Leben haben lassen müssen.

Die europäische Regiereden kennen natürlich die internationalen Übereinkommen zur Behandlung von Flüchtlingen. Sie wenden sie aber nicht an, weil sie genau wissen, dass die Flüchtlinge zu schwach sind, um ihre Rechte einzuklagen und weil alle ein Wahnsinns Angst davor haben, dass neue Fremdlinge, das Fremde schlechthin, Wähler in die Arme der Populisten treiben könnte.

Wir stehen voraussichtlich gerade vor einer neuen Flüchtlingswelle. Die Türkei mit annähernd so vielen Einwohnern wie Deutschland, hat 3,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen, kurz man platzt dort aus allen Nähten. Dass Erdogan das irgendwann einmal als politisches Druckmittel nutzen würde, ja sogar in dem von ihm angezettelten Krieg die Unterstützung der NATO verlangt und verlangen darf, das war doch allen glasklar.

Der NATO Generalsekretär Stoltenberg hat nun gesagt, man werde die Türkei unterstützen… mit Aufklärungsflugzeugen und so. Was passiert, wenn die Türkei aktive Mithilfe nach Artikel 5 des NATO Vertrages verlangt? Da wird man denn auch in den europäischen Hauptstädten, wo man in der Flüchtlingspolitik bisher gemauert hat, feststellen, dass die Aufnahme von mehreren Hunderttausend Menschen billiger gewesen wäre als aus Bündnistreue heraus Krieg führen zu müssen. Ich benutze das Wort „billig“ nicht nur im monetären Sinn, es wäre auch gut und billig gewesen, statt Krieg zu führen, Flüchtlinge aufzunehmen. Ich benütze das Wort „billig“ aber auch, weil in einem Krieg Menschenleben verloren gehen, und das ist in jeder Beziehung teuer.

Die europäische Politik weiß an sich ganz genau, wie mit den Flüchtlingsströmen umzugehen ist: Aufnahme und Integration, wobei ich es durchaus begrüßen würde, wenn die Integration mit mehr Nachdruck betrieben würde. Das wird man wohl über geldwerte Anreize bzw. Kürzungen machen müssen. Die derzeitige Situation, dass man die Flüchtlinge mit Geld versorgt aber sich sonst nicht kümmert, ist jedenfalls kein haltbarer Zustand.

Man fragt sich, woran es liegt, dass da derzeit so viel schiefläuft und in naher Zukunft noch schiefer laufen wird. Ich bin kein Politikwissenschaftler, aber ich habe den Eindruck, dass die europäische Politik die Hosen bis zum Eichstrich voll hat. Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Populismus. Dagegen hilft nicht die Politik des feuchten Hosenbodens.

Wenn die Politik aus Angst vor den Rechtsextremisten, vor den Nazis, vor den Vogelschiss Verharmlosern wie ein hypnotisiertes Karnickel wirkt und den Eindruck der Handlungsunfähigkeit ausstrahlt, dann haben die Höckes, Salvinis, LePens, Erdogans und Orbans schon einen Teil ihrer Ziele erreicht.

Ich komme zum Anfang zurück: Das Tränengas an der türkisch-griechischen Grenz beschämt mich nicht, weil ich ein Gutmensch bin, auch nicht, weil ich ein Christ bin, nein, es beschämt mich, weil ich ein Demokrat bin.

A Bisserl an Schuss ham’s schon!

Wenn wir morgen aufwachen, gehört ganz Großbritannien nicht mehr zur EU.

Das führt zu mehreren Fragen, wobei die wohl wichtigste die ist, wann Teile des UK wieder eintreten werden, was zwangsläufig zum Ende des „United“ führen wird.

Nun stehen wir vor einem Jahr der Verhandlungen und es wird absehbar hoch hergehen. Schwierig wird es für Michel Barnier werden, er muss die Verhandlungen auf der EU Seite führen. Es wird schwierig, weil die Gefahr besteht, dass insbesondere in Handelsfragen die verbleibenden EU Staaten nicht an einem Strang ziehen werden. Die einen werden auf den freien Austausch von Dienstleistungen drängen und die anderen auf die Fischgründe um die Insel schielen. Es wird spannend.

Die EU sitzt ja auch wirklich in der Klemme: einerseits will sie nichts Böses für die Briten, andererseits darf das Ergebnis nicht so aussehen, als ginge es ihnen nach dem Brexit besser als vorher. Der Zusammenhalt der EU wäre dann gefährdet.

Und wie will man die Katalonien-Frage beantworten, wenn man ein abgetrenntes Schottland freudig in der EU begrüßt?

Die armen Spanier haben es ja sowieso jetzt schwerer: Wenn es hart auf hart kam, haben sie immer die Gibraltar-Karte gespielt und ihren Willen bekommen. Nun müssen sie sich bilateral mit London streiten. Da bleibt als Druckmittel nur noch, die in Spanien lebenden englischen Rentner schlecht zu behandeln. Aber wer will das schon? Ganze Landstriche an der Mittelmeerküste leben von dem Geld, das die Briten dort ausgeben.

Auch für Frankreich und Deutschland wird es schwieriger. Die verbleibenden zwei Großen sind künftig auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, wollen sie nicht riskieren, die EU zu blockieren. Erfreulich ist, dass die “Mittelmächte“ wie Polen und Spanien nun mehr Einfluss bekommen werden. Wenn Italien aufhört, Chaos mit Staatskunst zu verwechseln, kann auch die Apennin Halbinsel zu denen gehören, die das weggefallene Gewicht der Briten ersetzen.

Es gibt aber auch Erfreuliches, zumindest gibt es Hoffnung darauf: Es sieht so aus, als ob für den widerlichen Opportunisten Nigel Farage jetzt kein Platz mehr auf der politischen Bühne ist. Wenn wir den Kerl nichtmehr sehen und hören müssten, das wäre doch wirklich eine feine Sache!

Insgesamt wird es ab morgen in der EU trauriger zugehen, als bisher. Ich denke da nicht nur an den englischen Humor, sondern an die vielen durchaus berechtigten Eigentümlichkeiten unserer britischen Mit-Europäer.

Diese hat ein von mir sehr geschätzter Wiener Kollege, nach zwei Tagen Seminar in Nottingham, an denen er wegen des Linksverkehrs fast überfahren worden wäre, an denen er mit den Knöpfen im Aufzug gekämpft hatte, an denen er sich stets Pfeffer statt Salz aufs Frühstücksei gestreut hatte, wie folgt zusammengefasst:

„A Bisserl an Schuss ham’s schon, die Briten.“

Er wusste damals noch nicht, wie Recht er behalten sollte.

 

 

Was ist eigentlich Moral?

Die Zeitschrift „Christianity today“ sozusagen die Prawda der amerikanischen Evangelikalen, hat in der vergangenen Woche ein „Editorial“, einen Leitartikel, hinter dem die gesamte Redaktion steht, veröffentlicht, in dem sie dem 45. Präsidenten schlichtweg die Moral abspricht, die zur Führung eines solchen Amtes notwendig ist.

Die Wellen gingen in den USA natürlich hoch und ein frommer Unterstützer des Präsidenten meinte, der Leitartikel sei Quatsch denn natürlich hätte er es gerne, wenn der Pilot seines Flugzeuges nicht tätowiert sei und seit 30 Jahren dieselbe Frau habe, in dem Moment sei es ihm aber wichtiger, dass Pilot ihn sicher ans Ziel bringe.

Das ist offensichtlich gedanklich zu kurz gegriffen, denn von einem Piloten muss man nicht verlangen, moralisch zu sein, vom Präsidenten der USA aber schon.

Was aber ist Moral?

In unserer Jugend wurde uns suggeriert, Moral habe etwas mit Sexualität zu tun. Das ist erkennbarer Mumpitz, denn Sexualität ist eine Gabe Gottes, der Schöpfung oder der Natur, damit wir daran miteinander Freude haben können. Dass Sex ohne Ehe unmoralisch sei, dass sind Vorstellungen, die im vorvergangenen Jahrhundert Eingang ins Strafgesetzbuch gefunden haben.

Moral hat viel zu tun mit Konsequenz und viel zu tun mit Verantwortung. Noch mehr aber hat Moral zu tun mit der Achtung unserer Mitmenschen als gleichberechtigte Wesen, denen wir mit Ehrlichkeit und Respekt begegnen.

Warum Konsequenz und Verantwortung? Beides bezieht sich auf unsere Mitmenschen:

Wenn ich Erwartungen erzeuge oder Tatsachen herstelle, wie „Wir sind Eheleute, du kannst dich auf ich verlassen“ oder „du bist mein Geschäftspartner, wir ziehen das gemeinsam durch“, oder ich bin deine Mutter/Vater, ich weiß, was das bedeutet und du kannst auf mich bauen“, dann übernimmt man damit die moralische Verantwortung, dass diese Sätze nicht nur ernst gemeint sind, sondern auch Bestand haben werden.

Unmoralisch ist immer, selbstgesetzten oder von unseren Werten vorgegebenen Erwartungen nicht zu genügen, das bedeutet, dass Versprochenes (siehe auch contrat social, Rousseau) nicht eigehalten wird.

Nun gibt es ja Leute, die Versprochenes grundsätzlich nicht einhalten, allein schon deshalb, weil sie stets zu viel versprechen. Solche Zeitgenossen nennen wir Angeber und wir nehmen sie nicht ernst, sie sind weder moralisch noch unmoralisch, sie sind lächerlich.

Was aber, wenn eine lächerliche Gestalt ein hohes Amt ausübt? Kommt dann die Moral wieder ins Spiel? Zwar werden Kanaillen heute gewählt, aber zuerst ist da der Entschluss der Kanaille, sich wählen zu lassen. Die italienische Politik hat zu diesem Thema in den vergangenen Jahrzehnten erstaunliche Figuren geliefert. Man hielt das für normal, Italien eben. Aber jetzt? Überall auf der Welt wachsen wie Pilze Präsidenten, Premierminister, Parteiführer und Kronprinzen aus dem Boden, die sich nicht scheuen zu lügen, zu täuschen, Mord in Auftrag zu geben, vergangenes Unrecht bagatellisieren und die hart erkämpften Freiheitsrechte mit Füssen zu treten.

Das ist die Inkarnation der Unmoral, wenn Falschheit, Hintergehung, Menschenverachtung und Selbstsucht zur Maxime dessen erhoben werden, was als Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte.

Aber was ist nun Moral? Wenn man es simpel ausdrücken will, ist Anstand eine bilaterale Angelegenheit zwischen zwei Menschen.

Moral aber ist das multilaterale Geflecht, dass die Menschen, die Familien, die Staaten, kurz die Welt in die Lage versetzt, friedlich und im Ausgleich der Interessen miteinander koexistieren zu können.

Und die Moral von der Geschicht….?

 

Johnsons Erdrutschsieg (?)

Die deutsche Presse schreibt ständig vom Erdrutschsieg, der dem Premierminister Johnson eine so komfortable Mehrheit im Unterhaus beschert hat.

Das ist zweifellos richtig, und man nur froh sein, dass dem so ist, damit endlich das Gezerre um den Brexit aufhört.

Dessen ungeachtet bleibt der Brexit eine der größten politischen Dummheiten des 21. Jahrhunderts, da gehe ich mit dem John Club einig. Der besteht aus Elton John, John le Carré, John Bercrow und John Rotenhan.

Die Sache mit dem Erdrutsch verdient allerdings eine etwas nähere Betrachtung. Es ist nämlich so, dass die Tories zwar die absolute Mehrheit der Sitze bekommen haben, nicht aber die Mehrheit der Stimmen. Tatsächlich haben mehr Briten für Labour, Liberale und schottische Nationalisten gestimmt als für die konservative Partei.

Das britische Wahlsystem hat außer in den vergangenen Jahren stets für ein stabiles politisches System im Vereinigten Königreich gesorgt. Und mit der ihnen eigenen Disziplin haben die Briten die damit einhergehenden Ungerechtigkeiten ausgestanden.

Das britische Wahlrecht ist wirklich extrem ungerecht. Ich will es an einem Beispiel erklären:

Nehmen wir an, der Wahlkreis XY hat 100.000 Wahlberechtigte. Es stellen sich vier Kandidaten zur Wahl. Kandidat A und B bekommen je 25.000 Stimmen, Kandidat C bekommt 24.999 Stimmen und Kandidat D bekommt 25.001 Stimmen. Dann hat Kandidat D den Wahlkreis gewonnen und zieht ins Unterhaus ein. Allerdings fallen 74.999 Stimmen unter den Tisch und werden in keiner Weise berücksichtigt.

Dies erklärt, weshalb Johnson zwar im Unterhaus gewonnen hat, nicht aber auf der Straße.

Ich halte es für besorgniserregend, wenn in einer Frage, die schon bisher ein Land gespalten hat, nun Nägel mit Köpfen gemacht werden und mehr als die Hälfte der Wähler Parteien gewählt haben, die entweder gar nicht oder nur ein Bisschen für den Brexit waren.

Wie gesagt, es ist gut, dass nun das Gezerre aufhört. Ob das dabei erzielte Ergebnis dem Land gut tun wird, bleibt abzuwarten.