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Quatschköppe. Woran erkennt man sie?

Langsam fühlt man sich umzingelt von Mitmenschen, die eruptiv das sagen, was ihnen so gerade durch den Kopf geht.

Selbst der mächtigste Mann auf dieser Erde rühmt sich damit, seine Politik sei intuitiv. Was eigentlich das Eingeständnis der eigenen intellektuellen Insolvenz ist, wird heute als volksnah angesehen, eben ein richtiger Kerl, der aus der Hüfte schießt. Erst abdrücken, dann fragen.

Und ebenso wird als volksnah angesehen, wenn man seine Gegner lächerlich macht, statt mit Argumenten zu kommen. Wenn der Vorsitzende des Impeachment Ausschusses „shifty Schiff“ genannt wird, dann ist sonnenklar, dass der, der sich das ausgedacht hat, verbal blindwütig agiert, weil ihm die Argumente fehlen.

Ein anderer Fall ist ein gewisser Peter Weber, der mit einer Plattform „Hallo Meinung“ an die Öffentlichkeit geht. Seine Adepten posten dort das, was eine meiner Lehrerinnen „Allerweltsgeschwätzle“ nannte. Gestern machte ich mir die Mühe, einen Post, der offenbar bei Regen auf Ibiza aufgenommen wurde, anzusehen: Der Autor redete über Minuten davon, dass er ein Freund des Rechtsstaates sei, der allerdings von Gefahren umgeben sei, weil man seine Meinung nicht mehr sagen dürfte.

Was tut er denn gerade?

Bei diesem Herrn bedurfte es keiner verbalen Entgleisungen, um seine Quatschköpfigkeit unter Beweis zu stellen, beim Chef vom Ganzen aber schon: Peter Weber hat neulich in einem Kommentar zum CDU Parteitag mehrfach davon gesprochen, dass das alles nur noch lächerlich sei, er meinte wohl die CDU und stellte als Beweis vor, der Parteitag habe nur aus applaudierenden Zinnsoldaten bestanden.

Abgesehen davon, dass das Bild unglücklich gewählt ist, denn zumindest meine Zinnsoldaten konnten damals nur rumstehen, nicht aber Beifall klatschen, war das wieder mal ein Versuch, Menschen zu verunglimpfen. Wer von „applaudierenden Zinnsoldaten“ spricht aberkennt diesen Mitmenschen deren Würde, deren Intelligenz und deren Recht auf Partizipation und entlarvt sich als Quatschkopp.

Ein weiteres Beispiel für dieses Verhalten liefert der Österreicher Gerald Grosz, der stehts grinsend, leicht Verständliches so rüberbringt, dass es noch ein Bisserl leichter verständlicher wird. Kurz er zieht alles auf Stammtischniveau herunter, das aber, wie er meint, mit Humor: Seine Gegner bekommen Beinamen, wie zum Beispiel „Oberhaupt der Zopferldiktatur“ deren Fans „infantile Schulschwänzer“ sind.

Ich gebe ja zu, auch ich opfere manchmal für einen guten Spruch die intellektuelle Stringenz, dennoch wage ich es, den „ersten Stein“ zu werfen:

Seid wachsam und wehrt euch gegen Quatschköppe!

Was ist „a Mentsch?“

Gestern Abend gab es in der Talkshow von Maybritt Illner im ZDF ein klassisches Missverständnis. Es ging um Hass und Drohungen in den sozialen Medien.

In seinem ersten Beitrag sagte der wunderbare Pianist Igor Lewit, er spräche jemandem, der Hass Falschmeldungen und Verleumdungen verbreite, die Ehre ab, „a Mentsch“ zu sein.

Sofort ging der neben ihm sitzende Bild-Redakteur auf die Akazien und warf ihm vor, das Grundgesetz zu missachten, denn die Menschenwürde gelte für alle Menschen, man könne sie nicht jemandem absprechen, womit er Recht hatte.

Das Problem aber war, dass der Bild-Mitarbeiter kein Jiddisch verstand, denn Lewit hat nicht von einem Menschen gesprochen, was er meinte war “a Mentsch“. Darunter versteht man im Jiddischen jemanden, er mit Empathie, Höflichkeit und Anstand durchs Leben geht. „A Mentsch“ zu sein, ist tatsächlich eine Ehre, eine selbsterworbene Ehre, die dazu führt, dass die Mitmenschen ihn oder sie verehren.

Wie jede Ehre, kann man auch die verwirken, „a Mentsch“ zu sein. Das passiert dann, wenn man sich menschenunwürdig benimmt, andere verleumdet oder bedroht.

Genau das wollte Igor Lewirt ausdrücken. Die Ehre, „a Mentsch“ zu sein, kann man jemandem absprechen, das unterscheidet den Mentschen vom Menschen, dessen Würde unantastbar ist.

Vorweihnachtszeit

Als Kind habe ich die vorweihnachtliche Zeit gehasst. Mein ganzes Sehnen und Trachten war auf den Heiligen Abend eingestellt und der kam und kam nicht. Stattdessen musste man auswendig lernen. Zuerst „a Versla“ für den Nikolaus und dann ganze Sentenzen aus der Weihnachtsgeschichte, weil Mutter einen zum Krippenspiel als zweiten Hirten eingeteilt hatte:

„Und die Hirdden kehrden wiedä um, briesen und lobbden Godd für alles, was sie gehörd und gesehen haddn.“

Statt Schlitten zu fahren, auswendig lernen! Da half kein Protest, da half gar nichts, zumal alle Freunde als Hirten, Verkündigungsengel oder Könige unter derselben Knute ihrer jeweiligen Mütter standen.

Als ich nach Oberbayern ins Internat kam, lernte ich, dass die Adventszeit die „stade“, die ruhige Zeit sei. Tatsächlich habe ich die vorweihnachtliche Zeit nie wieder so ruhig, so erwartungsfroh und musikalisch erlebt wie im Landheim Schondorf. Wir lernten bis dahin vollkommen unbekannte Weihnachtslieder: In dulce jubilo oho, auf Latein und sogar einen Jodler (Tjo tjo iri…) Auswendig lernen musste ich nichts, habe aber im Chor, als Körper der Musik miterleben dürfen, wie es ist, wenn man Teile des Weihnachtsoratoriums selbst singt

Der Nikolaus und sein Krampus kamen in den Speisesaal. Das war nicht beängstigend. Es war lustig. Lehrer und Schüler wurden verbal und meist auf hohem Niveau an den Ohren gezogen oder einfach verhohnepiepelt. Als Schülerpräses bekam ich einmal einen Preis für meine – pars pro toto – Verdienste um den Sport. Dabei war der Blesi, der Sportlehrer, schon froh, wenn ich nicht vom Reck fiel.

In den ersten Jahren sollten wir Geschenke für unsere Eltern basteln. Da mir die Ideen fehlten, riet mir „Freuln Trost“, eine Maus aus Balsaholz zu schnitzen. Als sie fertig war, hatte sie einen langen Schwanz aus Leder und niedliche Öhrchen aus dem gleichen Material. Ich packte das süße Ding in eine kleine Schachtel und stellte sie meiner Mutter auf den Gabentisch. Vergessen hatte ich, dass sie Panik vor Mäusen hatte. Ein gellender Aufschrei störte den Frieden des Weihnachtszimmers und Vater vermahnte mich, bei meinen Geschenken künftig etwas mehr nachzudenken.

Im kommenden Jahr habe ich ihr einen roten Topflappen gehäkelt, den ich Jahre später vollkommen unbenutzt in einer Schublade wiederfand.

Am Abend vor der Fahrt in die Ferien stieg immer die große Weihnachtsfeier in der Turnhalle. Nachdem der Chor gesungen hatte, hielt der Boss eine Rede, bei der keiner zuhörte, zumal alle wussten, dass sie eh in den kommenden Grünen Heften abgedruckt werden würde. Statt aufzupassen, schauten wir gebannt auf Plätzchen, Erdnüsse und Mandarinen auf den Tischen vor uns. Aber bis er Boss endlich fertig war, blieben das alles verbotene Früchte. Später wurde sogar Kaffee serviert. Wenn man ehrlich sein will, war es ein entfernt nach Kaffee schmeckendes milchiges Gesöff. Coffein muss es aber enthalten haben, denn ich erinnere mich, dass ich in der letzten Nacht vor der Heimfahrt nie schlafen konnte.

Ich habe mich an all das erinnert, weil meine geliebte Frau Brigitte heute beim Käffchen stöhnte, bald ginge ja die Plätzchenbackerei wieder los, und für die Enkeltochter müsse ja auch noch ein Adventskalender mit Inhalt gebastelt werden. Ich hatte früher immer denselben Adventskalender. Am 5. Dezember war ein roter Apfel im Türchen und am 6. ein Nikolaus – natürlich. So viel zum Inhalt.

Aber auch für mich haben die Vorbereitungen heute begonnen: Ich habe Einladungen verschickt, denn am 6. Dezember kommt bei uns der Nikolaus ins Haus.

Um Spekulationen vorzubeugen: Es bin nicht ich, der ihn gibt.

 

Das Hartz IV Urteil des BVerfG

Seit dem 5. November 2019 fühlen sich viele in Deutschland lebende Menschen vom Bundesverfassungsgericht verhohnepipelt. Die Richter in roten Roben haben nämlich für Recht erkannt, dass die Jobcenter Empfängern von Hartz IV Leistungen die unter keinen Umständen um mehr als 33% kürzen dürfen.

Das ist eines von diesen Urteilen, die an Stammtischen und bei der Brotzeitpause in den Betrieben heiß diskutiert und meist abgelehnt werden. Das Urteil zielt ja auch auf die Grundpfeiler dessen, was den Deutschen ausmacht:

„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Manchmal hat man den Eindruck, dass dieser Vers von Goethe in den Köpfen der Deutschen Artikel 1 des Grundgesetzes ist. Es ist ja auch womöglich so, dass der deutsche Staat, anders als viele seiner Nachbarn, sich in erster Linie durch die Leistung seiner Bürger selbst definiert.

Das ist die gefühlte Verfassungswirklichkeit, die sich aus dem „gesunden Menschenverstand“ nährt.

Nun wissen wir ja aus schmerzlicher Erfahrung, dass der kollektive gesunde Menschenverstand allzu leicht in das allgemeine Volksempfinden abrutschen kann. Ist Ersterer schon nicht objektiv, um wie viel weniger ist es Letzteres.

Das Bundesverfassungsgericht hat uns allen wieder einmal ins Gedächtnis gerufen, dass wir in einem sozialen Rechtsstaat leben. Wir leben eben nicht in einem Gebilde, in dem der Staat mit seiner Verfassung den Kräftigen stärkt, sondern in einer Solidargemeinschaft von Demokraten, in der es nicht zulässig ist, dass der Staat an sich gerechtfertigte Sozialleistungen vom Wohlverhalten der Bürger abhängig machen kann.

„Jaa, wenn die Faulenzer halt dauernd zumutbare Arbeiten ablehnen!“

Ein probates und zunächst verständliches Argument. Nun leben wir ja alle in zunehmendem Maße abhängig von dem, was die Verwaltung und befielt. Was die Verwaltung anordnet kann sofort durchgesetzt werden. Unser Widerspruch aber muss durch die Gerichte gehen. Allein schon dieser missliche aber rechtlich unbezweifelbare Zustand macht es so erfreulich, wenn die Verwaltung dann doch ab und zu mal von den Richtern eins auf die Finger bekommt. Wenn dem nicht so wäre, würde die Verwaltung noch übermütiger.

Doch zurück zum Hartz IV Urteil: Das Gericht hat erklärt, dass es die Menschenwürde aus dem Artikel 1 unseres Grundgesetzes nicht zulässt, dass die Exekutive Menschen in die Mittellosigkeit stößt, wenn die Legislative gerade, um die zu verhindern, Sozialleistungen vorsieht. Die Verwaltung ist nicht der Moralapostel, den es in einem demokratisch verfassten Staat gar nicht geben darf.

Eine Demokratie ist kein Wunschkonzert. Diese Staatsform sieht Rechte und Pflichten für alle vor.

Wenn allerdings ein Bürger bedürftig wird, dann muss die Solidargemeinschaft der Demokraten es aushalten, ihn mit dem Lebens-Minimum auszustatten. Dass es unter den Empfängern von staatlichen Leistungen Betrüger gibt, wissen wir alle. Ebenso wie wir wissen, dass es unter den Erfolgreichen solche gibt, die den Staat auf andere Weise betrügen.

Ich denke, dass der Schaden des Staates durch Steuerbetrug höher ist als der durch Sozialbetrug. Beides ist zu verurteilen.

Interessant ist allerdings, dass Steuerbetrug niemanden auf die Barrikaden bringt. Das Hartz IV Urteil aber wird oft so kommentiert:

„Niemand muss sich wundern, wenn solche Urteile zu mehr Stimmen für die AfD führen.“

Wer sowas sagt oder denkt, der ist ein Bauchgefühl-Demokrat, denn er ist es nur solange, wie ihm die Rechte der Verfassung in den Kram passen.

 

Aber 77% haben nicht AfD gewählt!

Ja, es ist wahr, all die, die AfD nicht gewählt haben, haben demokratisch legitimierte Parteien gewählt. Ich schließe da die Linke absichtlich ein, denn wie der von mir sehr geschätzte Heribert Prantl heute in der SZ sagt, hat sich die Linke in den vergangenen 30 Jahren auf die Demokratie zubewegt, während sich die vor 6 Jahren gegründete AfD von dieser immer mehr entfernt.

Ich muss gestehen, dass die Erkenntnis, dass 77 % die AfD eben nicht gewählt haben, mich in keinster Weise tröstet. Die schiere Anwesenheit der AfD ob sie nun von 8% oder von 23 % der Wähler in die Parlamente gebracht wurde, ihre schiere Präsenz, hat zu einer beispiellosen Verrohung der Sprache geführt. Da fielen plötzlich alle Schranken frommer Scheu und Vokabeln, die vormals als die der Unmenschlichkeit galten oder ganz einfach mangelnden Anstand anzeigten, wurden peu à peu salonfähig.

Wir wissen längst, dass diejenigen, die brutal reden, brutal denken und potenziell auch brutal handeln. Halle ist nur ein bisher letztes beschämendes und verabscheuungswürdiges Beispiel.

Es nutzt eben nichts, sich mit den 77% Nicht-AfD-Wählern zu trösten. Der Schaden ist längst angerichtet. Es ist wie ein mit Jauche vollgelaufener Keller, er stinkt gleich schrecklich, ob die Brühe nun 8 cm oder 23 cm hoch steht. Und selbst wenn der Keller leergepumpt ist, wird es noch lange stinken.

Was so erschreckt, ist, dass ganz offensichtlich weite Teile der in Deutschland lebenden Menschen nichts davon wissen, dass nur 12 Jahre Nazi Diktatur genügt haben, um Millionen von Juden zu entehren, zu enteignen, zu quälen du am Ende umzubringen. Wie kann es sein, dass unser Schulsystem derart versagt, dass der wichtigste Bestandteil der „nie wieder“ Rufe bei vielen Mitbürgern nicht angekommen ist? Der Verdacht ist wohl nicht ganz abwegig, dass so Mancher dieser Unwissenden gar nicht wissen will, was in der Nazi Zeit passiert ist.

Es tröstet mich auch nicht, wenn immer wieder gesagt wird, nicht alle, die AfD gewählt hätten, teilten die radikalen, die populistischen, die braunen Programmpunkte dieser Partei.

Viele meiner Verwandten waren keine Nazis. Aber sie sind der Partei beigetreten, weil sie merkten, dass diejenigen die drin waren, bei der Verteilung von Saatgut, bei der Zuteilung durchaus willkommener Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener besser wegkamen. Unter dem Motto „Ich lass mir doch von den Scheiß Nazis den Betrieb nicht kaputtmachen“ traten sie der Partei bei ohne Nazi zu sein und legitimierten so die Partei.

Alle diejenigen, die, ohne rechtsradikal zu sein, AfD wählen, müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie so diesen Haufen legitimieren.

Was ist aus diesem Land geworden?

Als ich vor fünf Jahren nach Deutschland zurückkehrte hatte ich nicht erwartet, das Land wiederzufinden, das ich 36 Jahre zuvor verlassen hatte.

In der Zwischenzeit war ja auch viel passiert, um nur das Wichtigste zu nennen: 16 Millionen DDR Bürgern wurde nach 40 Jahren kommunistischer Diktatur und davorliegenden 12 Jahren Nazi Terror endlich die Freiheit zurückgegeben.

Als damals die Mauer fiel, bin ich aus Neugierde, immer wenn ich konnte, zu kleinen Abstechern in die damals noch bestehende DDR gefahren. Ich erinnere mich, dass in der Innenstadt von Eisenach ein riesiger Schuttberg zusammengeschoben worden war. Da waren Wohnhäuser eingestürzt.

Und ich erinnere mich an einen Besuch beim Bürgermeister von Hildburghausen, den ich fragte, was er dann machen werde, wenn er bei den bevorstehenden Wahlen vermutlich nicht in seinem Amt bestätigt werden würde. Die Antwort: „Naja, auf der Parteischule haben wir ja den Kapitalismus auch gelernt.“

Beide Erlebnisse sagten mir: Es wird schwer werden. Es wird schwer werden, all das in den Städten wiederaufzubauen und es wird schwer werden all das in den Köpfen wieder abzubauen.

Und so war es ja dann auch: Riesige Anstrengungen wurden unternommen, um die Infrastruktur des Landes zu stärken, kaputte Städte zu reparieren und schier verlorenes Kulturgut zu retten. Offenbar war es ein Irrtum zu glauben, das Materielle zu richten, werde auch das Immaterielle richten.

Den Erfolg sehen wir heute darin, dass die Parteien, die den beschriebenen „Aufschwung Ost“ initiiert haben, ums Überleben kämpfen und Parteien, zu deren politischem Erbgut die Erzeugung und Aufrechterhaltung von Unzufriedenheit gehört, weit mehr als 40% der Stimmen bekommen.

Nun gut, dass die ehemaligen Kommunisten meckern würden war klar. Aber woher kommen 23 % Stimmen für eine Partei, deren Spitzenkandidat ein gerichtlich geprüfter Faschist ist?

Woher kommen all diejenigen, die unvermittelt den Hass auf Juden aus der geschichtlichen Mottenkiste ziehen?

Ich fand es gestern Abend vor dem Fernseher sitzend fast unerträglich, dass auf allen Kanälen immer wieder das Gesicht dieses Mannes erschien, der das Holocaustdenkmal ein Schandmal nannte, er davon schwafelt, die Deutschen müssten ihr Land zurückholen, der die Unverfrorenheit besitzt zu behaupten, seine Partei vollende die Wende und der nicht nur ein Faschist geheißen werden darf, sondern der auch ein Faschist ist.

Ein Faschist ist per definitionem ein Verfassungsfeind. Was hat so ein Mann im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu suchen?

Okay, er wurde als Repräsentant einer Partei interviewt, die demokratisch gewählt mit 23 % in den Thüringer Landtag einzieht. Dessen ungeachtet sollte es uns zu denken geben, was es bedeutet, dass in den diversen „Elefantenrunden“ ein Faschist neben den Vertretern demokratischer und verfassungstreuer Parteien steht.

Der Schoss ist fruchtbar noch…

 

Deutschland, eine Waldsiedlung.

Es ist eine alte Tradition in Deutschland, dass der Mensch zuerst einmal nach seinem Benehmen beurteilt wird.

Das war ganz besonders in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg zu beobachten: Da wurde reihenweise die Mitgliedschaft in der Nazi Partei verharmlost. Es war wichtiger, dass er oder sie „wahnsinnig anständig“ waren, dass er oder sie ja an sich gar keine Nazis waren und damals nur deshalb eingetreten sind, weil das für den Betrieb so notwendig gewesen war. Rohstoffe, Saatgut oder Zwangsarbeiter wurden halt nur an die Betriebe verteilt, deren Direktoren oder Eigentümer sich zum nationalsozialistischen Gedankengut bekannten. Das tat man eben am besten dadurch, dass man Parteigenosse wurde.

Alle verstanden, dass das mit der Partei doch gar nicht soo ernst gemeint war. Die Partei selbst aber konnte immer wieder darstellen, wie groß ihr Rückhalt in der Bevölkerung war, denn von den Beigetretenen hat natürlich keiner öffentlich gemacht, dass er nur beigetreten sei, damit der Gauleiter oder welcher andere an sich als Emporkömmling verachtete Nazi auch immer, nicht weiter in den Betrieb hineinpfuschen konnte.

Ein Volk von Opportunisten. Ich will nicht über die urteilen, die damals so handelten, denn in meinem Leben ist mein persönliches Heldentum noch nicht auf die Probe gestellt worden.

Aber man kann über die urteilen, die nach dem Krieg, die Freundschaft mit Verwandten und Bekannten weiter laufen ließen, obwohl bekannt war, dass der als Offizier Kameraden verpfiffen hat, was denen manchmal sogar das Leben gekostet hatte.

Als Kinder haben wir jeden Abend dafür gebetet, dass ein Verwandter aus der russischen Gefangenschaft zurückkäme. Kaum war er zurück, sagte er gegen Mitgefangene aus, die sich in den Gefangenenlagern gegen die Nazis gewendet hatten, was zum Teil zum Verlust der Pension führte. Der Kontakt zu ihm wurde aber keineswegs abgebrochen, der Onkel XY sei schließlich ein ausgemachter Herr.

Was nun in Hessen passierte, dass ein NPD Mann Ortsvorsteher von Waldsiedlung werden konnte, fußt auf einer ähnlichen Denke: Der Mann kann ja nicht nur mit dem Computer umgehen, er hat auch Manieren und solange er seinen Job als Ortsvorsteher gut macht, ist es egal, was er sonst noch vorhat.

Benehmen wird scharf getrennt von politischer Orientierung. Das ist ja bei der Storch, der Wedel und dem Gauland von der AfD nicht anders, das sind doch alles anständige Leute aus gutem Hause! Mit denen kann man ruhig mal zu Abend essen, sie auf die Jagd einladen, im gleichen Tennisclub spielen oder sie bei den Rotariern reden lassen.

Es wird so getan, als könne ein Rechtsextremer, ein Nazi oder Rassist, durchaus nett sein. Man kann ihn sogar zum Ortsvorsteher wählen.

Es darf keine Toleranz gegenüber denen geben, die unseren freiheitlichen Rechtsstaat torpedieren und abschaffen wollen.

Diese ganze Waldsiedlungs-Affaire zeigt, dass es in weiten Teilen Deutschlands und bei den dort lebenden Menschen noch immer nicht angekommen ist, dass die Garantie der Menschenrechte und die demokratischen Freiheiten nicht einfach nur da sind, so selbstverständlich wie das eigene Auto, das vor der Haustür steht. Nein, sie sind eben nicht selbstverständlich, sie sind verletzlich und müssen gehegt werden.

Nur wenn wir uns Tag für Tag klarmachen, dass wir die Segnungen unserer Verfassung verinnerlichen müssen, dass der Umgang mit ihnen ein pfleglicher sein muss, erst dann besteht die Hoffnung auf deren Erhalt.

Damit aber nicht genug. Die Tatsache, dass wir in einem freiheitlichen Rechtsstaat leben macht es uns zur Aufgabe, für diesen kämpferisch einzustehen und nicht den leisesten Verdacht aufkommen zu lassen, wir könnten dessen Feinde aus gesellschaftlicher Konvenienz tolerieren oder sie gar gewähren lassen.

Homophobie tut höllisch weh!

Unter diesem Titel veröffentlichte anlässlich des Christopher Street Days die taz einen Bericht, in dem eine Frau erzählt, wie sie mit Partnerin und ihrer beider Kind von einem Mann angepöbelt und geschlagen wurde.

Da ich Francisca, die Autorin, kenne, habe ich sie um ein Gespräch gebeten. Die erste und obligatorische Frage war natürlich, wie die Tochter, die nunmehr 5jährige Emma, damit lebt, dass ihre Eltern auf offener Straße von einem wildfremden Mann verprügelt wurden. Glücklicherweise ist sie nicht traumatisiert, die Kita Betreuerinnen und die Eltern haben keine Verhaltensveränderung an ihr feststellen können.

Wie aber haben die beiden Frauen nach diesem Übergriff gelebt?

Psychiatrische Behandlung? „Können wir uns nicht leisten“.

Habt ihr mit Eltern oder der Familie darüber gesprochen? „Daran hat uns die Scham gehindert“.

Es hat gedauert, bis ich verstand, was Francisca damit meint: Es ist dieselbe Scham, die missbrauchte Kinder oder vergewaltigte Frauen daran hindert, das Geschehene mit Dritten zu teilen. Das Opfer schämt sich. Das kann wahrscheinlich nur verstehen, wer selbst ein derart traumatisches Erlebnis hat erfahren müssen.

Ohne jegliche Hilfe von außen haben die beiden Frauen versuchen müssen und wollen, mit dem fertig zu werden, was da passiert ist. Das mag ein Rezept sein, dennoch belastet derlei jegliche Beziehung. Wut, Hilflosigkeit, Scham, man könnte schreien, um sich hauen, aber es geht nicht, das Kind und die Partnerin können ja nichts dafür.

Nach dem Angriff war der Täter ziemlich hurtig verschwunden. Etwa ein Dutzend Tatzeugen unternahmen buchstäblich nichts. Immerhin, die Polizei kam sehr schnell, handelte präzise, einfühlsam und professionell, allerdings auch wieder nicht professionell genug, denn es wurde das Offensichtliche nicht ins Protokoll aufgenommen: Der Angriff auf ein lesbisches Paar. Deshalb ging die Sache auch den üblichen Amtsweg und vorbei an den staatsanwaltlichen Stellen, die sich mit derlei Kriminalität gegen Minderheiten befassen.

Ich fragte Francisca, wie man es sich erklären könne, dass ein Mann, der ein weibliches Paar plus Kind sieht, auf offener Straße Geschlechtsverkehr anbieten könne. (You wanna fuck?) Ich erfuhr, dass sieben von zehn Männern das Signal „wir sind lesbisch“ verstehen, etwa zwei davon glauben dadurch eine Lizenz zum Grabschen zu bekommen und immerhin einer, nach ihrer Schätzung immerhin 10% der Männer, geilt die Vorstellung auf, mit einer oder mehreren lesbischen Frauen einvernehmlichen oder eben nicht einvernehmlichen Sex haben zu können.

Francisca und Anna, ihre Partnerin, sind vor einigen Jahren aus Frankreich nach Berlin gezogen, weil sie die ständigen Pöbeleien leid waren und dachten, nur in Berlin sei alles so frei, so bunt gemischt und tolerant, dass sie hier ihr Leben gestalten können, wie es ihnen behagt. Hier wurde dann die Tochter geboren und zunächst verlief die Realität konform mit den in die Stadt gesetzten Erwartungen. Seit dem Überfall im vergangenen Herbst ist nun alles anders.

Seit der Veröffentlichung in der taz, haben sich bei der Redaktion mehrere ONGs gemeldet, sogar die Staatsanwaltschaft fragte nach. Unter Wahrung der erbetenen Anonymität hat die Redaktion die Kontakte weitergeleitet.

MANEO, das schwule Anti-Gewalt Projekt in Berlin, hat gebeten, den Bericht ins Schulungsprogramm aufnehmen zu dürfen. Es gäbe fast keine Erfahrungsberichte von Übrigriffen gegen Lesben.

Wir alle denken, unsere Gesellschaft sei ja ach so liberal. Was nützt das aber, wenn es nach wie vor Menschen gibt, die ihrer Ablehnung gegen andere Lebensplanungen mit Gewalt Ausdruck verleihen? Es mögen wenige sein, für Betroffene sind es eindeutig zu viele.

Manche Lesben schützen sich dadurch, dass sie ein grelles Outfit wählen, das sie vermeintlich für Männer unattraktiv macht.

Francisca hat nichts Grelles, sie erzählt das Erlebte mit ruhiger, leiser Stimme. Sie wirkt fast verstörend gelassen. Sie lacht nicht, sie lächelt und verzaubert damit ihre Mitmenschen. Das hat sie sich bewahrt – trotz der erlebten Gewalt.

 

Ainmillerstraße 22

Das letzte Semester hatte ich in Lausanne studiert und suchte nun in München eine Bleibe.

Durch die Hilfe eines Kommilitonen, den ich aus der Zeit im Internat in Schondorf kannte, fand ich ein sehr kleines Zimmer in der Ainmillerstrasse 22, Rückgebäude. Für Pfleiderers war die Wohnung zu groß und deshalb vermieteten sie die beiden vorderen Zimmer an Studenten. Wir teilten uns mit der kleinen Familie, Flur, Wohnungstür und Gegensprechanlage.

Frau Pfleiderer hatte eine grelle Stimme und rief mehrmals am Tag die kleine Tochter Sylvia, die auf dem Hof spielte, hinauf in den dritten Stock: „Sillfiiia kimm uffi, d’Mama hat s’Essn fertig.“ Das Mädchen scherte das im Normalfall wenig, so dass die Rufe nach Sillfiia immer lauter, gellender und zorniger wurden. Dem nachbarschaftlichen Verhältnis war dies alles nicht zuträglich.

Der Kommilitone, der im größeren Zimmer wohnte, fuhr übers Wochenende immer zu seinen Eltern und überließ mir dann großzügig die Nutzung seiner Bude.

An einem Samstag hatte ich einen Freund eingeladen. Er hieß auch Hans und war der Erbe eines bedeutenden Münchner Bankhauses. Auch er war Schondorfer.

Ich hatte ihn neugierig gemacht, indem ich ihm erzählte, ich könne Käsefondue zubereiten. Wie das theoretisch geht, hatte ich im Kanton Vaud gelernt, wo uns der eine Professor zu ausgedehnten Abendessen lud, der andere deutsch-juristische Skitage organisierte, was beides nicht ohne „fondue de fromage“ abging.

Wie gesagt, ich wusste, wie das in der Theorie ging, hatte aber weder Rechaud noch Caquelon.

Nach langem Grübeln kam ich auf die Idee, das Fondue im Tauchsiedertopf zuzubereiten.

Zunächst brachten wir den Weißwein zum Kochen und fügten dann ganz langsam geriebenen Emmentaler, Gruyère und Appenzeller (je ein Drittel) hinzu.

Es war köstlich, wir tunkten das Brot in die Masse und wenn diese zu steif geworden war, steckten wir den Tauchsieder so lange in die Steckdose, bis das Zeug wieder blubberte. Dabei besprachen wir die Probleme dieser Welt und je mehr wir die Flaschen Kalterer See aus dem Tengelmann leerten, desto mehr waren wir uns darüber bewusst, dass wir diese Probleme auch lösten.

Irgendwann bemerkten wir, dass der Tauchsieder wohl nicht mehr zu retten sei, Gleiches galt für den Topf, an dessen verkalkten Wänden sich der Käse festgesetzt hatte. Wir trösteten uns damit, dass ein Tauchsieder nicht viel kosten könne. Hans fand nun, dass der Heimweg doch ziemlich beschwerlich sei und schlief auf dem Bett im Zimmer des Mitbewohners ein.

Am Sonntagmorgen klingelte es an der Tür. Da ich wusste, dass es mir nicht gelten konnte, blieb ich im Bett, hörte aber, wie die Tür des Nebenzimmers aufging, und Hans in die Gegensprechanlage rief: „Schleichts eich, Saubande, bleede, ich brauch mei Ruah.“

Als ich gegen Mittag aufstand, umkreiste mich ein neunschwänziger Kater, Hans war bereits gegangen, aber Frau Pfleiderer erwartete mich erbost. Es war nämlich der Tag von Sillfiiias Erstkommunion, und diese sollte dazu genutzt werden, die zerstrittene Familie wieder zu einen. Sie habe genau gehört, wie ich ihre Schwester durch die Gegensprechanlage beleidigt hätte, nun sei der Streit bis ans Lebensende vorprogrammiert und ich solle so schnell wie möglich meine Siebensachen packen und verschwinden.

Und wieder kamen mir meine Verbindungen aus Schondorfer Tagen zugute: Ein Klassenkamerad hatte in der Habsburgerstraße 12 eine riesige Wohnung gemietet.

Dort hing seine bedeutende Kunstsammlung an den Wänden, und weil er selten da war, war es ihm ganz Recht, dass ich dort einzog. Ich glaube, im Versicherungsvertrag stand, dass die Wohnung, in der die Kunst hing, bewohnt sein müsse.

Und so habe ich die nächsten vier Jahre in Begleitung der Herren Richter, Baselitz und Warhol zugebracht. Noch heute assoziiere ich öffentliches Recht mit Marylin Monroe, das büffelte ich im Wohnzimmer, Strafrecht war im Esszimmer dran, Mao schaute zu, und dann hing da noch die Serie „Flowers“. Naja, ich lernte ja nicht überall Jus.

Taxi

Als Student fuhr ich in München Taxi. Ich glaube, auf die Taxlerprüfung habe ich mehr gebüffelt als auf das Staatsexamen. Ich musste alle Straßen der Stadt kennen. Wie man von der Schwere-Reiter-Straße zur Willibaldstraße in Laim kommt, das musste im Schlaf runtergebetet werden.

Als ich dann tatsächlich in einem wirklichen Taxi saß, stellte sich heraus, dass ich mit dem Taxifunk vollkommen überfordert war. Das lag daran, dass ich kein bayrisch konnte und ahnte, dass ich mit fränkisch nicht weit kommen würde. Hinzu kamen Münchner Eigenheiten. Dort steht am Straßenrand kein Anhalter sondern ein Aufhalter, denn der Anhalter ist ein Platz in Milbersthofen.

Wenn ich zunächst nur altväterlicher Spott meiner Kollegen ertragen musste, die mich „preissischen Studentenburschi“ nannten, so kam es zum Funkeklat, als ich eines Nachts schüchtern anfragte, ob mir einer der Kollegen helfen könne, mein Fahrgast wolle ins Puff gefahren werden, ich wüsste aber nicht, wo derlei zu finden sei.

Schließlich musste die Zentrale eingreifen: „Kollegen, geht’s auf Kanal drei, d Oper is aus, die feine Herrschafdn woiln a sowas a neda hörn.“

Mir wurde dann auf Kanal drei, dem internen Austauschkanal unter Taxlern Aufklärung zuteil, allerdings mit dem guten Rat garniert, gleich mitzugehen, „nacher vergisst nimma, wo’s Puff ist, nedwohr.“

Ich hab’s auch so nicht vergessen, bin dann aber später dennoch ins Puff gegangen. Wenn man am in Schwabing am Kurfürstenplatz am Taxistand wartete, kam es öfter vor, dass man gebeten wurde, Essen ins Bordell in der Hohenzollernstraße zu bringen. Das war ein lukrativer Auftrag, denn zunächst gings ins Restaurant „Fiaker“ in der Belgradstraße, wo ein Henkelmann übergeben wurde und dann weiter in die Hohenzollernstraße. Während der Wartezeiten tickte die Uhr. Beim Puff angekommen, war man treppauf durch den Henkelmann als Dienstleister erkennbar, aber beim Rückweg zum Taxi machten einem die im Treppenhaus stehenden Damen Vorschläge, die mich Unschuldslamm bis hinter die Ohren erröten ließen. Die holde Weiblichkeit hatte ihre helle Freude.

Vor dem Bayerischen Hof zu warten, hatte den Vorteil, die Prominenz kennenzulernen. Einmal fuhr ich Tina Turner und ein andermal erzählte ich der Frau von Peter Alexander so herzergreifend vom harten Studentenleben, dass sie 20 Mark Trinkgeld springen ließ.

Vor dem Vier Jahreszeiten prüfte der Portier meine Englischkenntnisse, eine amerikanische Familie wollte Neuschwanstein sehen. Leider wurde nichts daraus, beim Einsteigen war die pubertierende Tochter so muffig, dass der Vater einen Wutanfall bekam und die Reise strich.

Unterdessen bin ich wieder Taxifahrer geworden.

„Bring mich doch bitte zum Flughafen Tegel“.

„Wir kommen um 13,40 in Schönefeld an, holst du uns ab, liebster Paputschi aller Zeiten?“

„Komm eine halbe Stunde später zum Hauptbahnhof, der ICE hat Verspätung.“

Gestern war es wieder einmal so weit, ich fuhr mit meiner Frau zum Hauptbahnhof, um Tochter und Enkelin abzuholen. Meiner Rolle als Taxler bewusst, ließ ich den ganzen Arm aus dem Fenster hängen. Das ist eine Armstellung, die nur Taxifahrer können und dürfen.

Was sagte da ungefragt meine holde Angetraute?

„Nimm den Arm rein, du siehst ja aus wie ein ordinärer Taxifahrer!“