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Die Klopapierspionin

Die Klopapierspionin

Anna, Bertha, Lissa, Agnes, Hedwig, Ruth, Franzis Jula. Das ist die Litanei der schier unzähligen Schwestern meines Großvaters in Thüngen. Wenn unsere Tanten sie aufsagten, erinnerte mich das immer an den Konfirmandenunterricht, wo wir lernten, die Bücher der Bibel runterzuleiern: Vier Mose, Josua, Richter Rut, zwei Samuel usw.

Wie man sieht, Anna war die Älteste. Sie muss sehr resolut gewesen sein, denn sie setzte durch, dass sie Kunst studieren konnte. Zu diesem Zweck verbrachte sie um die Jahrhundertwende einige Zeit in Paris, selbstverständlich begleitet von einer Anstandsdame. Nachdem die Briefe immer spärlicher wurden, machte man sich in Thüngen Sorgen, und ihr Vater setzte sich „auf die Bahn“, wie man damals sagte. Er fand seine Tochter friedlich malend in ihrem Atelier am Montmartre vor. Die Anstandsdame allerdings hatte dem sinnlichen Angebot der Stadt an der Seine nicht widerstehen können und war verschwunden. So ging das natürlich nicht weiter, der Aufenthalt in Paris wurde abgebrochen und Anna musste ihr Studium an der Kunstakademie in München vollenden. Dort heiratete sie 1904 ihren Lehrer, den Professor und Maler Angelo Jank. Der hatte sich einen Namen gemacht mit seinen Pferdebildern, heute würde er wahrscheinlich Autos malen.

Onkel Angelo machte zur Bedingung, dass seine Frau mit der Malerei aufhören müsse, weil er keine Lust habe, den Weg zum ehelichen Bett an Farbtöpfen vorbei und über Tiegel kletternd finden zu müssen. Die Familie Jank findet das nach wie vor ganz richtig, unsere Seite der Familie hält daran fest, dass Tante Anna begabter gewesen sei als ihr Mann und der diesen Umstand tunlichst unter der Decke halten wollte.

Nun gut, als Frau Professor war sie es gewohnt, dass man ihr Respekt entgegenbrachte. Sie dirigierte in München den Haushalt eines überaus erfolgreichen Professors und Malers und wenn sie in die Sommerferien nach Thüngen kam, dann ließ sie alle merken, dass sie die Älteste war.

Einmal, die Nazis hatten bereits mit ihrem unseligen Krieg begonnen, fuhr sie mit der Bahn von Würzburg nach München. Es war Sommer und es war heiß.

Unangenehmerweise überkam die damals schon ältere Dame ein menschliches Bedürfnis und sie verschwand im Klo. Die sanitären Anlagen in den Zügen hatten damals schon den Ruf, nicht besonders hygienisch zu sein, und deshalb pflasterte Tante Anna die Klobrille mit den an einem Haken hängenden ausgeschnittenen Zeitungsschnipseln, anderes Papier gab es schon nicht mehr.

Sie war noch nicht ganz fertig, als es an die Tür klopfte und sie mir harschen Worten aufgefordert wurde, sofort den Abort zu verlassen. Von Menschen, die das Klo Abort nennen gegen ihren Willen zu irgendetwas aufgefordert zu werden, dass war ihr bisher noch nie passiert, und deshalb ließ sie sich Zeit. Als sie schließlich die Tür öffnete, stand sie zwei erbosten Polizisten gegenüber, die nur „Kontrolle – Papiere“ brüllten. Tante Anna ließ sich erneut Zeit und machte den beiden Kerlen Vorhaltungen wegen ihres schlechten Benehmens. Das war den Beiden bisher auch noch nie passiert. Erbost drängten sie die Dame ins Klo zurück und unterzogen sie dort einer Leibesvisitation. Wie Recht sie damit hatten, wurde klar, als sich auf dem Popo der Dame spiegelschriftliche, offenbar geheime Zeitungsabdrucke fanden. Die Polizisten machten kurzen Prozess und schlossen die Spionin im Dienstabteil ein. Bei der nächsten Station, in Treuchtlingen, wurde sie auf die Wache geführt, wo sich die Sache nach erneuten, lautstarken Protesten der vermeintlichen Spionin und dem Versuch, den Inhalt der geheimen Botschaften zu entziffern, aufklärte.

Da war der Zug nach München aber schon weg.

 

 

Coronaopfer VII. Der Rechtsstaat?

Mit dem Grundgesetz sagen wir Bürger dem Staat, was er darf und was er nicht darf. Ganz zu Beginn des Verfassungstextes stehen die Grundrechte:

Menschenrecht, Persönlichkeitsrecht, Gleichheitsgrundsatz, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Postgeheimnis, Freizügigkeit und Berufsfreiheit sind nur einige von ihnen. Übrigens das derzeit leider nur am Rande: Auch das Recht auf Asyl ist ein Grundrecht.

Die von der Verfassung garantierten Rechte gelten unumstößlich, einige haben sogar Ewigkeitsgarantie, allerdings kann der Staat die Grundrechte einschränken, dann aber nur auf Grund eines Gesetzes. Das bedeutet, Bundestag und gegebenenfalls auch der Bundesrat müssen zustimmen, der Bundespräsident muss zustimmen und das Gesetz unterschreiben und schließlich muss es im Bundesgesetzblatt veröffentlicht werden.

Als die Bundestagsabgeordneten das Infektionsschutzgesetz im Jahr 2000 verabschiedet haben, war ihnen sicherlich nicht klar, dass dieses Gesetz einmal die schärfsten Einschränkungen der Grundrechte in der Geschichte der Bundesrepublik ermöglichen würde. Es hat es bisher noch nie gegeben, dass alle, ja alle, die in Deutschland leben, sich damit abfinden müssen, in ihrem Recht auf Ausübung eines Berufes, dem Recht, sich frei zu versammeln und dem Recht auf Freizügigkeit eingeschränkt zu werden.

Erstaunlicherweise werden diese schmerzlichen und geradezu grausam spürbaren Beschränkungen akzeptiert. Bedenklich finde ich, dass die Politik nun ausprobiert, wie lang sie die Daumenschrauben noch anziehen kann. Derzeit findet das in der Diskussion über den Datenabgleich unserer Mobiltelefone statt.

Natürlich ist es oberstes Ziel, Menschenleben zu retten, und wenn dies Minister und andere Politiker immer wieder hervorheben, dann glaube ich ihnen sogar, dass sie es ehrlich meinen. Allerdings werde ich den Verdacht nicht los, dass damit unser Blick abgelenkt werden soll: Wir tun Alles, um Euer Leben zu retten und während ihr uns dabei zuseht, und so manche dem Tagesgeist geschuldete Symbolpolitik vorgeführt wird, schauen wir mal, was ihr sonst so treibt, wozu haben wir die Handys.

Da ist jetzt die Opposition im Bundestag gefragt, deren Aufschrei hoffentlich Schlimmstes verhindert. Es liegt in der Natur des Menschen in Gefahrensituationen kurzsichtig zu reagieren und zu glauben, so ein bisschen Telekommunikationsfreiheit aufzugeben, sei angesichts des Virus das kleinere Übel.

Auch hier gilt: Wehret den Anfängen.

Das gibt übrigens auch für die Frage, wie festgelegt werden soll, welche Patienten behandelt und/oder beatmet werden sollen. Das nun zu neuem Leben erweckte Wort „Triage“ kommt vom französischen Verb „trier“, zu Deutsch aussortieren. Das ist die Tätigkeit, mit der aus einem Korb Kartoffeln die faulen ausgesondert werden. Es läuft einem kalt den Rücken hinunter bei der Vorstellung, eine mögliche Überlastung unseres Gesundheitssystems zwänge zu derlei.

Wer soll da entscheiden? Jedenfalls nicht der Staat, das verbietet die Menschenwürde. Zum Kern dessen, was Menschenleben ist, hat der Staat keinen Zugang und keinen Zugriff.

Es gibt in der Juristerei den Begriff der „normativen Kraft des Faktischen.“ Um es allgemeinverständlich auszudrücken: Wenn eine allgemeine Lage vom Gesetz nicht vorgesehen ist, oder in unserem Fall nicht vorgesehen werden darf, dann schafft die Realität die Norm.

Das bedeutet, soweit ich das verstehen kann, dass die menschenrechtswidrige Entscheidung, wer behandelt wird und wer nicht, denen obliegt, die diese Behandlung vornehmen können und müssen. Es sind die Ärzte, die hier im Notfall Normen schaffen müssen.

Somit erhebt sich die Frage der Strafbarkeit. Das ist jetzt wieder Aufgabe von Rechtswissenschaft und der Legislative, hier genaue Richtlinien zu schaffen, damit Ärzte, die in den Grenzen der Verhältnismäßigkeit entschieden haben, keine Strafverfolgung befürchten müssen, gleichzeitig aber einer willkürlichen Selektierung vorgebeugt wird.

Das Wort „Selektierung“ habe ich wegen seiner historischen Bedeutung absichtlich gewählt.

 

Coronaopfer VI. Das Silberfischchen

Wer behauptet, er langweile sich nicht, der lügt. Man kann sich noch so viel vornehmen, irgendwann fällt jedem bei dieser Ausgangssperre die Decke auf den Kopf und es wird dann schwer, sich auszudenken, was gegen die Langeweile zu tun sei.

Meine Frau ist da besser aufgestellt als ich, denn sie ist Schweizerin, und als solche fällt ihr beim geringsten Betätigungsdefizit sofort fas Folgende ein:

MUSCH BUTZE!

Wer das nicht glaubt, der muss nur einmal die Staatsgrenze zwischen „la douce France“ und Helvetien kreuzen: Gestrichene Fensterläden, gepflegte Gärten, fleckenlose LKWs, ja sogar der Doubs scheint dort, wo er die Grenze bildet, auf der CH Seite in geordneteren Bahnen zu verlaufen.

Als ich einmal in Zürich aus dem Flieger stieg, sagte eine Mamá zu ihrem Kind im Zubringerbus: „Now we are in Switzerland. Everything is very tidy here.“

Nach dieser Einordnung komme ich auf meine häusliche Situation zurück, die mich mit Sorge erfüllt: Meine Frau hat mit dem Frühjahrsputz begonnen und droht, sollte die Ausgangssperre nicht bald aufgehoben werden, hinten wieder anzufangen, wenn sie vorn fertig ist.

Das könnte mir an sich egal sein, ist es aber nicht, weil ich befürchte, sie könne auf die Idee kommen, meine Hilfe einzufordern. A priori ist das durchaus legitim und ich füge mich dem auch nur mit leisem Murren. Dies ist allerdings nicht dem Umstand geschuldet, dass ich etwa nicht helfen wollte, sondern der Gewissheit, dass es zum Streit kommen wird.

Es ist nämlich so, dass die Vorstellungen meiner Frau und die meinen in puncto putzen, also nein, das sind wirklich Welten, die uns da trennen. Neulich habe ich ihr einen Staubsaugroboter geschenkt, der naturgemäß „by random“ durch unsere Zimmerfluchten brummt, seine Saugwege sind nicht vorherzusagen. Sofort behauptete meine geliebte Ehefrau, das Ding weiche dem Dreck nur aus. Jetzt saugt der Apparat bei meiner Tochter im Haus, zu deren Zufriedenheit, das nebenbei bemerkt.

Gestern war das Duschbad dran. Ich gebe zu, eine wirklich unangenehme Arbeit, die Arme musste unters Waschbecken kriechen und weil die Dusche so einen modernen seitlichen Abfluss hat, musste der auseinandergepopelt werden, und was sich darunter befand, war wirklich nicht erfreulich. Dessen ungeachtet verlangte sie von mir nur Hilfe auf der „halt mal eben das-Ebene“ und so. Ich war wirklich gerührt.

Später saß ich im blitzsauberen Bad und sinnierte, als sich am Boden etwas bewegte. Etwas Kleines Weißes huschte hin und her. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen: Ein Silberfischchen! Es musste sich vorkommen wie ein Überlebender nach einem Atombombenangriff. Ich stellte mir vor, wie Monsieur Silberfisch aus seinem Versteck heraus zunächst besorgt doch bald schon in heller Panik das Tun der putzenden Dame verfolgte. Silberfischchen sind keine Intelligenzbestien, aber sie kennen ihren natürlichen Feind: Die Sauberkeit an sich und sie übertriebene im Speziellen.

Der Arme muss gezittert haben, als eine weibliche Stimme rief: „Hans, wie macht mr de Schavelwasserflasche uff?“ worauf ein voluminöses Etwas das Duschbad betrat und die Flasche mit dem gefährlichen Bleichmittel tatsächlich öffnete.

Verkroch er sich noch tiefer in die Ritze, die ihm als Heimstadt diente, oder aber, im Krieg ist Information alles, verharrte er auf seinem Beobachterposten?

Sei dem wie es wolle, der Überlebende des Angriffs auf alles, was ihm lieb und schmutzig war, nutze die laue Abendstunde zu einem erholsamen Spaziergang, den er, ich gestehe es, nicht überlebt hat.

Hätte ich das Silberfischen verschont, wäre meine Frau vom Schlag hingerafft worden, wenn sei ihm begegnet wäre. Ich musste das pro und contra abwägen.

Und so ist das arme Silberfischchen zu einem weiteren Opfer der Coronakrise geworden.

Coronaopfer III. Der Wolf und die sieben Muskelkater

Seit ich wegen des Virus unter Hausarrest stehe, laufe ich am Tag zwischen 888 und 920 Metern. Das ist eine Strecke, die an alles Mögliche denken lässt, nicht aber an Körperertüchtigung. Diese liegt derzeit am Boden und mit ihr zwei ihrer beliebtesten Begleiter: Der Wolf und die Muskelkater. Absichtlich belasse ich den einen im Singular und die anderen ehre ich mit dem Plural. Und so wollen wir hinfort den Wolf an seinem einsamen Wirkungsfeld verortet sein lassen und wenden uns den Muskelkatern zu.

Oft sind die vielerorts auftretenden Muskelkater schmerzhaft, aber selten berichtet jemand von ihnen ohne, dass ein Lächeln ihm über das Antlitz huscht, gemahnen sie doch an vergangene Anstrengungen, ja Heldentaten. Wer von Ehrwald aus die Zugspitze erklimmt, fühlt zu Recht, er habe etwas Wichtiges vollbracht, zumeist in Gemeinschaft mit guten Freunden. Es würde an die Überheblichkeit eines Bergführers grenzen, gäbe man am darauffolgenden Morgen nicht zu, wie alle anderen auch Schmerzen in den abrupt überanstrengten Muskeln zu haben.

Bei allem Schmerz, der Muskelkater ist ein wohliges Gefühl und erinnert daran, etwas geleistet zu haben. Gartenarbeit, Bergerstürmungen, Hilfe beim Umzug, der Jakobsweg, exzessive Zuwendung zum anderen Geschlecht, Klettertour auf der Isla Es Vedrá vor Ibiza, „ich hab mei Küchn raus müss weisl“, eine weitere Etappe auf dem Berliner Mauerweg, Fahrradtour von Neuruppin über Rheinsberg nach Fürstenberg an der Havel, Aufstieg zum Castillo de Alaró, Wanderung in den Korkeichenwäldern Andalusiens ,all das hat mir schon die wunderbarsten Muskelkater (Muskelkäter?) beschert und immer war mir klar, ein gut Werk getan zu haben.

Nun ist er verschwunden und mit ihm das ganze Trallallá der Körperertüchtigung. Wer mich kennt, weiß, dass ich ständige Bewegung und besonders den Drang danach, nicht erfunden habe. Wenn ich als Kind meinen Vater in den Wald begleiten durfte, fand ich es dort immer am schönsten, wenn wir wieder im grünen Forst VW saßen und nach Hause fuhren.

Und nun, in der Weltendämmerung des dreuhenden Virus vermisse ich den Muskelkater, den süßen Freund. Er war mir stets Zeuge hinter mich gebrachter unvergesslicher Erlebnisse. Nun merke ich, dass er auch Zeuge der Freiheit war. „Oh welche Lust in freier Luft, den Atem leicht zu heben, Nur hier, nur hier ist Leben.“ Nicht umsonst ist es der Chor der Gefangenen, der dies im Fidelio singt.

Der Muskelkater steht in der Gefahr, auszusterben und sollte nach den riffbildenden Korallen auf die rote Liste gefährdeter Arten gesetzt werden. Begründung: Wenn das mit den 888 bis 920 Metern am Tag so weiter geht, haben wir, wenn das Virus sich verflüchtigt hat, gar keine Muskeln mehr, die wir den darbenden Katern vorsetzen könnten.

Kurz, es muss etwas getan werden. Ich habe nun wieder mit der Gymnastik angefangen, was mich noch mehr langweilt als Mozarts Reise nach Prag in Steno Schrift zu lesen. Heimlich hat mich meine geliebte Frau dabei gefilmt und ich gestehe, ich sehe dabei aus, wie ein sterbender Laubfrosch, nur in dicker.

Immerhin, und das ist einerseits das Gute daran, andererseits kehren wir damit wieder zum Anfang zurück: Bei der Gymnastik kann man sich keinen Wolf laufen.

 

Corona Opfer II: Der Jäger

Waidmänner verstehen bekanntlich keinen Spaß. Woher das kommt? Ich vermute, der Grund ist der, dass sich Jäger grundsätzlich missverstanden fühlen.

Da gehen sie hinaus in Wald und Flur, um das Wild zu hegen, was in der Mehrzahl der Fälle mit Schrot oder Kugel geschieht. Kommen sie nach dem Umweg übers Wirtshaus mit dem Rehbock im Kofferraum nach Hause, dann schimpft die Hausfrau, weil nicht nur das halbe Auto sondern auch die Garage und meist auch noch die Küche vollkommen versaut zurückgelassen werden.

Damit kommen wir zur zweiten feststellenden Beobachtung: Der Körperbau des Jägers ist fürs Putzen ungeeignet. Deshalb hat der Jäger eine Frau, die zwar über den Saustall schimpf, ihn aber dann doch beseitigt.

Wir müssen uns die Jäger als re- und deprimierte Menschen vorstellen, zumal, und das blieb bisher unerwähnt, sie auch noch eine miese Presse haben: Wenn Herden von Wildsauen die Gärten unserer Vorstädte verwüsten, wenn Wanderer in Forst und Wald von vorbeihetzenden Rotten (so nennt man Ansammlungen von drei Wildsauen und mehr) von den ausgewiesenen Pfaden verdrängt werden, dann heißt es, die Jäger kämen ihrer Aufgabe nicht nach, das Wild im zahlenmäßig im Zaum zu halten, zumal  die polnische Schweinegrippe, da war doch was, oder?

Wenn allerdings die Hatz dem Rehlein, dem Osterhasen oder dem stolzen König des Waldes, dem Hirschen gilt, dann braust ein Sturm der Ablehnung durch Deutschlands Presse und Köpfe, die in vier Worte passt: „Wie kann man nur?“

Der Jäger kann es niemandem recht machen, irgendjemand stänkert immer, und das, wir erwähnten es bereits, schlägt auf‘s Gemüt.

Die Vereinszeitung des Jägertums heißt „Christ und Hund“ und erscheint monatlich. Bei der Lektüre des Blattes weiß sich der Jäger eins mit all denen, die auch gerade darin lesen. Dies ist allerdings eine virtuelle Einigkeit, weil man bisher noch nicht auf die Idee gekommen ist, sich zum gemeinsamen Lesen in der Jagerstubn zu treffen.

Der Jäger ist immer grün gekleidet, außer dem gestickten Rehbock auf seinem Schlips. Die Farbe seiner Kleidung unterscheidet ihn von den Grünen, ja trennt ihn sozusagen von diesen Veganamazonen*innen. Mit denen hat er nichts am Hut. Dieser dient dem Jäger in erster Linie dazu, ein Reis, den er zuvor im Blute des erlegten Wildes getränkt hat, mit einer Bewegung, die vom Herzen kommt, rechtsseitig daran zu stecken. So was würde ein Grüner mit dem politischen Gegner nie machen, und er würde das Ding auch nicht Bruch nennen.

Nun aber haben harte Tage für den Jäger begonnen. Wiesen und Flur sind vereinsamt, man darf ja nicht mehr raus. Nur der Jäger, begleitet von seinem Hund, der ausgangssperrentechnisch nicht als Person gilt, kann sich ungehindert in seinen 4×4 SUV setzen und im Wald machen was er will. Niemand beobachtet ihn, niemand wirft ihm Herzenskälte vor, niemand fordert, nachdem der Schuss verhallt ist, einen Veggie-Tag, es streifen auch keine bunt gekleideten johlenden Wildvergrämer mehr durch die Auen. Plötzlich muss der Waidmann sein heilig Tun vollkommen unbeachtet verrichten. Plötzlich ist es der bislang unverständigen Bevölkerung vollkommen wurscht, was der Grünkittel da draußen macht. Warum? Naja, man sieht und bemerkt ihn eben nicht, wenn man im Wohnzimmer auf dem Kanapee sitzt, sitzen muss.

Aber so hat der Jäger natürlich auch nicht gewettet! Er hat natürlich bemerkt, dass sein schlechtes Image auch mit Neid zu tun hat. Schließlich waren es vor 200 Jahren nur die sogenannten „Hohen Herren“, die jagen durften. Und dieser Neid hat sich über Revolutionen, Kriege und Wirtschaftskrisen gehalten. Beneidet zu werden, das gibt schon was her!

Und jetzt? Kein Schwein kümmerts, was der Hubertusjünger draußen treibt.

Habt Mitleid mit den armen Jägern!

Jeder hat eine Chance verdient.

Tatsächlich trifft uns das Corona Virus alle. Metzger, Bäcker, Tischler, Schornsteinfeger, Großeltern und Taxifahrer haben weniger zu tun, Pflegepersonal, Polizisten, Ärzte und Politiker können sich vor Arbeit kaum mehr retten.

Ich gehöre zu denen, die auch schon vorher nichts getan haben, insofern hat sich mein Leben wenig verändert, will man davon absehen, dass mir verboten wurde, einkaufen zu gehen. Das macht jetzt unsere Tochter, die Gudsde.

Beim normalen Nichtstun habe ich nichts getan, der Name sagt es. Beim „non fare niente forzoso“ allerdings muss ich mir eine Aufgabe stellen und diese heißt für die kommende Woche „compassion“. Ich habe mir vorgenommen, an jedem Wochentag mit einer anderen Berufsgruppe aktiv Mitleid zu haben.

Sie werden fragen, wodurch sich aktives Mitleid vom normalen Mitleid unterscheidet? Eigentlich in gar nichts, es ist nur so, dass man sich als aktiver mit Leider entschieden besser fühlt, man wähnt, die Registrierkassen im Himmel klickern zu hören.

Dies im Hinterkopf wäre es heute angebracht, mit allen Geistlichen dieser Welt Mitleid zu haben, denn ihre Kirchen, Moscheen, Tempel und Synagogen sind zu: Stellt euch vor, es ist Religion und keiner geht hin. Sie verstehen, diese Vorstellung ist derart paradiesisch, dass sie sich für’s Mitleiden nicht eignet. Nur zur Erinnerung: Die meisten Kriege hatten religiöse Auslöser.

Aber mit welcher Berufsgruppe fängt man an einem sonnigen Ausgangssperrensonntag an? Mitleidsmäßig, nota bene.

Gut, dass mich da heute Morgen ein Anruf erreicht hat, der Vorsitzende des BdGuT rief an, und bat mich, die Interessen des Verbandes zu übernehmen. Meine Vorhaltung, heute sei schließlich Sonntag, wischte er mit dem berechtigten Hinweis weg, seine Branche habe nie Ferien oder Feiertag, man mache sogar regelmäßig Nachtschichten. Ich solle mich nicht so haben.

Okay, ich hatte mich vortan nicht mehr und hörte dem Mann, er heißt Gisbert Wimmer, zu.

Er erklärte, seine Kollegen befänden sich in existentieller Not, zumal sie weder von den Wohlfahrtsverbänden noch vom Staat irgendwelche Unterstützung zu erwarten hätten.

Naja, Sie zahlen ja auch keine Steuern und Sozialabgaben, wendete ich ein, erntete aber nur Hohnlachen. Liebend gern würden seine Kollegen wie alle anderen anständigen Berufstätigen ihren Verpflichtungen der Allgemeinheit gegenüber nachkommen. Dazu aber wäre es notwendig, ihren Beruf zu entkriminalisieren. Bei den Sexarbeiterinnen sei das ja auch gelungen und seither wären diese sozialversichert.  Früher sei der Besuch im Puff verpönt gewesen, heute müsse man ihn auch als Zustupf zur Solidargemeinschaft aller Sozialversicherten ansehen.

Ich sagte. „Tempora mutantur“ und er antwortete „nos et mutamur in illis“ Es stellte sich heraus, Gisbert Wimmer ist Altphilologe. Er hatte nach einem durch aufsässige Schüler verursachten “burn out“ auf Diebstahl umgesattelt. Allerdings stellten seine Kumpane schnell fest, dass er selbst zum Schmiere stehen zu ungeschickt war, darum boten sie ihm eine verbandspolitische Karriere an: Präsident des Bundes deutscher Gauner und Taschendiebe. Und als solcher klagte er mir nun das Leid einer ganzen Berufsgruppe, deren oberster Lobbyist zu sein, er die Ehre habe. Die Straßen leer, die Wohnungen voll, was sollen da die Einbrecher machen? Ähnlich desolat seien die Berufsaussichten der Taschendiebe: Straßen leer, Abstand zwei Meter. Da geht einfach nichts mehr.

Ich verstand das Anliegen des BdGuT, habe das Mandat aber dennoch abgelehnt. Immerhin habe ich dem guten Gisbert Wimmer versprochen, heute aktiv Mitleid mit ihm und den Seinen zu haben. Dem habe ich hiermit Ausdruck verliehen.

 

Rassismus

Wussten Sie, dass Sie ein Kaukasoide sind? Ja, schon seit 1795. Da fand der Anthropologe Johann Friedrich Blumenbach heraus, dass alle hellhäutigen Menschen aus dem Kaukasus stammen. Begründung? Dürftig. Er hatte den Kopf eines Toten aus Georgien gefunden, der so ähnlich aussah wie ein Totenkopf aus Wanne-Eikel. Wie dem auch sei, die Erkenntnis wurde begierig aufgenommen von all denen, die auf dem Umweg über die sogenannte Rasse die Menschen in gut und schlecht einzuteilen bestrebt waren und sind.

Die Rechte bedient sich derzeit wieder verstärkt ihres alten Steckenpferdes und verbreitet rassistische Ansichten, womit sie bei ihren Anhängern Applaus und beim Rest Abscheu erntet.

Nun ist es ja so, dass die Rechte auch intelligente Menschen in ihren Reihen hat und die machen sich nun Gedanken, wie man das Negativbild des Rassismus aufhübschen könnte.

Da kommt die Geschichte mit dem Kaukasus-Menschen wie gerufen, denn Türken gehören bekanntlich zu den hellhäutigen Menschen. Wenn man demnach gegen Türken wettert, dann ist das kein Rassismus, weil die ja wie wir Kaukasier sind. Es kann kein Rassismus sein, wenn man gegen die Menschen gleicher Rasse hetzt.

Einen Namen aber muss das Kind haben und deshalb wird das Wort der Zenophobie aus dem Keller geholt. Ein Begriff, der aus dem Griechischen stammt, zeno bedeutet fremd, phobia die Angst.

Mit diesem Begriff ist man als rechter Hetzer fein raus, denn Angst kann man nicht steuern. Die Angst vor dem Fremden ist ein atavistisches Gefühl des Menschen, gehört also quasi zu seinem Wesen. Ja, Angst ist sogar etwas Gutes, denn sie schützt uns vor Gefahren. Wenn also die Ablehnung gegen Türken auf Angst beruht, dann ist das zumindest nicht per se schlecht, so wie Rassismus von allen Normaldenkern per se als schlecht empfunden wird.

Mag sein, dass ich mit meiner Meinung alleine stehe, aber ich denke, dass die Beschäftigung mit Rassen stets den Rassismus in sich trägt, weil damit Menschen in Kisten verpackt werden, also getrennt werden, und dann ist es nicht mehr weit, die eine Rasse für besser und die andere für schlechter zu erklären.

Das Perfide an der Einführung des Begriffes Zenophobie ist, dass damit die Ablehnung des Fremden als etwas Natürliches erklärt wird. Was man nicht kennt, ruft Angst hervor. Logo, oder?

Und was ist mit den Nicht-Kaukasiern, die man kennt?

Erraten: Dem Antisemitismus wird dadurch eine weitere Tür aufgestoßen. Niemand kann sagen, die Juden seien fremd, sie leben ja schon seit Jahrhunderten hier. Aber sie sind halt keine Kaukasier…

Wir dürfen uns nicht einlullen lassen, weil wir die Rechten meist als dumpfbackige Krakeeler erleben. Das sind nicht die wirklichen Rechten. Die wirklichen Rechten krakeelen nicht, sie lassen krakeelen und vergiften das Klima, indem sie neue Sprachregelungen erfinden, die Rassismus peu à peu normal und salonfähig machen.

Hütet euch vor der Duzerei

In meiner Kindheit gab es außer meinen Familienangehörigen und den Kindermädchen keinen Erwachsenen im Dorf, den ich nicht gesiezt hätte.

Ich fand das vollkommen in Ordnung, denn auch der Dorfdepp war Erwachsener und verdiente deshalb Respekt.

Als ich nach Spanien ging, musste ich mich erst daran gewöhnen, dass sich dort alle Welt duzte. Den gleichen Beruf zu haben, in stabiler Geschäftsbeziehung zu stehen oder den morgendlichen café con leche in der gleichen Bar einzunehmen, genügte, dass man vom förmlichen „usted“ zum vertrauten „tu“ überging.

Allerdings hat das spanische „tu“ nichts gemein mit dem deutschen „du“.

Ein Spanier würde nie auf die Idee kommen, einem Duzfreund die Würde, den Respekt abzusprechen. Es heißt nicht umsonst, der Spanier sei stolz. Man kann alberne Witze machen, sich auf die Schulter hauen, aber wenn`s an die Persönlichkeit geht, dann hört der Spaß auf. Ich erinnere mich, dass eine Freundin sich über ihren Verlobten aufregte du ihn einen „cabrón“, einen Ziegenbock, schimpfte. Als ich ihn auch „cabrón“ nannte, wurde ich von beiden unisono auf’s Schärfste zurechtgewiesen, denn sowas könne man einander an den Kopf werfen, wenn man sich liebt, ich hätte gefälligst Abstand und Respekt zu wahren.

Ich hatte meine Lektion gelernt und konnte fortan mit dem spanischen „tu“ umgehen.

Als ich nach Deutschland, sprich Berlin, zog, war ich entsetzt, festzustellen, dass sich hier Jedermann duzt. Ich habe unterdessen den Kampf aufgegeben und akzeptiere resignierend, dass mich Kellner, die ich mein Lebtag noch nicht gesehen habe, duzen.

Die Berliner sind ja bekannt für Ihre Unfreundlichkeit, sie nennen es „unsere direkte Art“. Wie dem auch sei, diese direkte Art führt auf den Gehwegen oder im Straßenverkehr immer wieder zu scharf geführten Diskussionen, wobei sich die Kontrahenten grundsätzlich duzen. Offenbar gibt der Umstand diametral unterschiedlicher Meinung zu sein, das Recht, einander zu duzen. Der Erfolg ist, dass man ziemlich schnell zu Verbalinjurien greift.

Ich denke dann immer an meinen Vater, der uns vor der Duzerei immer gewarnt hat, wobei seine Begründung die war, es sei schwerer Sie Arschloch zu sagen, als du Arschloch. Mit dem „du“ falle eine verbale Hemmschwelle.

Es genügt ein Blick in die sozialen Medien, um einzusehen, dass er Recht hat. Wenn Renate Künast auf Übelste beleidigt wird, dann tun das Mitbürger, die sie noch nie gesehen haben, ganz selbstverständlich per du.

Nun wissen wir ja alle, dass verbale Enthemmung leider allzu oft in körperliche Enthemmung ausartet.

Seit fast niemand dagegen vorgeht, dass unsere Mitbürger im Internet Schlimmes zu tun ankündigen, gibt es auch andere Mitbürger, die sich dann auch trauen, genau das zu tun. Letztere sind die nützlichen Idioten der geistigen Brandstifter, die durch Aussprechen eines Wortes es möglich machen wollen, dass andere es tun.

Sie prügeln nicht, sie lassen prügeln und sie schießen nicht, sie lassen schießen.

Nur eines haben beide gemein: Die vollkommene Enthemmung und Verrohung.

Sie beginnt, wenn wir nicht auf unsere Sprache aufpassen und sie endet mit Schüssen auf Synagogen, Regierungspräsidenten und Shisha Bars.

Die bürgerliche Rechte

Ich bin stolz darauf, zu denen zu gehören, denen Franz Josef Strauß Prügel angeboten hat. Wir haben damals eine seiner Veranstaltungen in Dießen am Ammersee etwas aufgemischt.

Sein Postulat, rechts neben der CSU dürfe es keine weitere politische Option geben, habe ich damals als Beweis dafür verstanden, wie unmöglich weit rechts die CSU steht.

Wie Recht Strauß hatte, zeigt sich jetzt, wo wir rechts neben der Union die Afd zu stehen haben.

Er wurde 1915 in München in eine Metzgerfamilien hineingeboren und hat als katholischer junger Mann sehr wohl mitbekommen, wie sehr die Nazis bedrohlich, ja existenzbedrohend waren, für das, was er von zu Hause mitbekommen hatte. Am Maximiliansgymnasium hatte er darüber hinaus eine profunde humanistische Erziehung genossen. Trotz aller berechtigter Kritik am späteren Politiker konnte und wollte ihm niemand seine demokratischen Überzeugungen absprechen.

Das hob ihn von der bürgerlichen Rechten seiner Zeit ab, wo man die Demokratie als willkommenes Vehikel zur Verfestigung des status quo und insbesondere des Besitzstandes sah.

Der ehemalige BfV Chef Hans Georg Maaßen hat das nach dem Dammbruch in Thüringen wunderbar klar in Worte gefasst: „Hauptsache, die Sozialisten sind weg.“

Bei der bürgerlichen Rechten geht es nur darum, welche Partei für sie das erhält, was sie trägt und ernährt.

Alle, die mein fortgeschrittenes Alter haben, werden sich noch daran erinnern, wie die Mitgliedschaft in der NSDAP in der Nachkriegszeit kleingeredet wurde. Es wurde als nicht so schlimm erachtet, erstens wie Viele Mitglied waren und zweitens, weil sie ja nicht aus Überzeugung beigetreten waren, sondern um sich und ihren Status zu retten. Motto: „Ich werde nicht zulassen, dass die Scheiß Nazis meinen Betrieb ruinieren, also trete ich der Partei bei.“

Die DDR war später das willkommene Gegenbeispiel: „Du glaubst doch nicht, dass das da drüben 17 Millionen Kommunisten sind. Die machen doch nur mit, damit sie das Leben haben. Das war bei den Nazis auch nicht anders.“

Es begann die Gleichsetzung von linksradikal mit rechtsradikal. Das war ja auch sofort einleuchtend, weil man annehmen konnte, dass es einem Gefangenen, sei er in einem KZ oder einem GULAG eingekerkert, vollkommen egal war, wes Geistes Kind sein Mörder war.

Mit Der Linken kann man nicht zusammenarbeiten, weil das die Nachfolgepartei der Bonzen ist, die auf ihre eigenen Landsleute schießen lies. Da ist was dran.

Es wird dabei allerdings übersehen, dass Die Linke seit 30 Jahren unbestreitbar in demokratischer Weise das politische Geschehen in der Bundesrepublik mitgestaltet, während die AfD neben manchem anderen Sündenfall, die Verbrechen der Nazis an Millionen Menschen zu verharmlosen versucht, Stichwort „Vogelschiss“.

Wir müssen uns darüber klar werden, dass viele der bürgerlichen Rechten in Deutschland sich politisch auf einer schiefen Ebene verortet haben, die sich bedenklich nach rechts neigt.

Man kann die Verfehlungen, die Sauereien, die Skandale der Parteien im politischen Spektrum der Bundesrepublik gegeneinander aufrechnen. Das ist aber nicht weiterführend, zumal es dann zynisch wird, wenn man darüber diskutiert, ob die Linken oder die Rechten mehr Menschen umgebracht haben.

Wie immer, so gilt auch hier: „Wehret den Anfängen!“ Die bürgerliche Rechte ist verführbar. Man braucht ihr nur zuzuraunen, jemand wolle ihr ans Eigentum, schon sind ihr rechtsradikale Positionen wohlfeil.

Symbolpolitik

„Hauptsache, die Sozialisten sind weg!“

So hat der selbsternannte Sprecher der bürgerlichen Rechten, der ehemalige BfV Chef Hans Georg Maaßen, die Ereignisse in Thüringen kommentiert.

Er hat damit eine geradezu atavistische Angst vor den Linken zum Ausdruck gebracht.

Ich habe den Eindruck, dass das heutzutage übertrieben ist, denn ich stelle immer wieder fest, dass linke Politik derzeit in erster Linie Symbolpolitik ist.

Als auf den Balearen eine links-regionalistische Regierung an die Macht kam, war eine der ersten Maßnahmen, einen Film in Auftrag zu geben, in dem darauf hingewiesen wurde, dass es auch ein drittes Geschlecht gäbe und das man das zu respektieren habe.

Um es mit Brecht zu sagen: „Das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt.“ (Die Nachtlager)

Ein weiteres Beispiel für meinen Verdacht bot mir Frau Sigrid Maurer. Sie ist Club Obfrau der Grünen im Wiener Parlament. In einem Interview, das der ORF sendete, sprach sie nur von Expertinnen, Politikerinnen, Wählerinnen und anderen -innen. Ich fand das irgendwie charmant, aber letztlich sind das Albernheiten.

Das ist alles Symbolpolitik, mit der man die Kinogänger in Palma, die Genderaktivisten in Österreich und andere Menschinnen beeindrucken möchte, die stets auf der Kimme der Welle der Fortschrittlichkeit reiten müssen.

Das bringt alles gar nichts. Damit wird die Wählerschaft in Wohlbefinden gewiegt, ohne dass sich irgendetwas ändert.

Wen es zu einer grün-rot-roten Bundesregierung kommt, ist, ich ahne es, ebenfalls erstmal Symbolpolitik angesagt.

Was wollen die denn dann so viel anders machen? Die EU-Gesetze müssen weiter befolgt werden, das Grundgesetz gilt weiter und die Länderregierungen haben auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Ja, man wird an der Steuerschraube drehen, man wird die schwarze Null vergessen, aber ansonsten wird auch eine solche, so gefürchtete Regierung „business as usual“ betreiben müssen. Um das zu verdecken, wird man das berühmte dritte Klo einführen, auf den Ministersesseln werden mehrheitlich Frauen sitzen, bei militärischen Auslandseinsätzen wird man sich zieren, um dann dem internationalen Druck nachzugeben und die Mitgliederinnen des Bundeskabinetts werden sich auf Bürgerfesten sehen lassen. Und man wird das Gülleproblem lösen.

Wie das denn?

Man wird heimlich den Dreck in der Sahelzone verklappen. Komisch, dass darauf bisher noch niemand gekommen ist.

Natürlich wird auch eine grün-rot-rote Regierung Klientelpolitik betreiben. Warum auch nicht? Es wäre nur ein Ausschlag des Pendels in die andere Richtung. Und vielleicht käme dabei endlich heraus, dass Frauen und Männer für gleiche Arbeit gleiche Lohn beziehen. Das wäre dann schon etwas mehr als Symbolpolitik, und die Welt würde nicht untergehen.

Vor einer neuen Regierung muss man nur dann Angst haben, wenn sie erkennbar vorhat, sich außerhalb des Rahmens unseres Grundgesetzes zu bewegen. Dann aber muss man sie mit allen Mitteln des Rechtsstaates verhindern.

Und mir fällt noch etwas ein: Fürchtet euch vor den Parteien, die es am politischen Anstand mangeln lassen. Es geht einfach nicht, einen Kandidaten aufzustellen und dann geschlossen für den Kandidaten einer anderen Partei zu stimmen. Wer sowas fertigbringt, ist auch noch zu anderen Sauereien fähig.

Das Rezept, das Parlament dazu zu benutzen, Chaos zu verbreiten, stammt übrigens von Goebbels.