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Hütet euch vor der Duzerei

In meiner Kindheit gab es außer meinen Familienangehörigen und den Kindermädchen keinen Erwachsenen im Dorf, den ich nicht gesiezt hätte.

Ich fand das vollkommen in Ordnung, denn auch der Dorfdepp war Erwachsener und verdiente deshalb Respekt.

Als ich nach Spanien ging, musste ich mich erst daran gewöhnen, dass sich dort alle Welt duzte. Den gleichen Beruf zu haben, in stabiler Geschäftsbeziehung zu stehen oder den morgendlichen café con leche in der gleichen Bar einzunehmen, genügte, dass man vom förmlichen „usted“ zum vertrauten „tu“ überging.

Allerdings hat das spanische „tu“ nichts gemein mit dem deutschen „du“.

Ein Spanier würde nie auf die Idee kommen, einem Duzfreund die Würde, den Respekt abzusprechen. Es heißt nicht umsonst, der Spanier sei stolz. Man kann alberne Witze machen, sich auf die Schulter hauen, aber wenn`s an die Persönlichkeit geht, dann hört der Spaß auf. Ich erinnere mich, dass eine Freundin sich über ihren Verlobten aufregte du ihn einen „cabrón“, einen Ziegenbock, schimpfte. Als ich ihn auch „cabrón“ nannte, wurde ich von beiden unisono auf’s Schärfste zurechtgewiesen, denn sowas könne man einander an den Kopf werfen, wenn man sich liebt, ich hätte gefälligst Abstand und Respekt zu wahren.

Ich hatte meine Lektion gelernt und konnte fortan mit dem spanischen „tu“ umgehen.

Als ich nach Deutschland, sprich Berlin, zog, war ich entsetzt, festzustellen, dass sich hier Jedermann duzt. Ich habe unterdessen den Kampf aufgegeben und akzeptiere resignierend, dass mich Kellner, die ich mein Lebtag noch nicht gesehen habe, duzen.

Die Berliner sind ja bekannt für Ihre Unfreundlichkeit, sie nennen es „unsere direkte Art“. Wie dem auch sei, diese direkte Art führt auf den Gehwegen oder im Straßenverkehr immer wieder zu scharf geführten Diskussionen, wobei sich die Kontrahenten grundsätzlich duzen. Offenbar gibt der Umstand diametral unterschiedlicher Meinung zu sein, das Recht, einander zu duzen. Der Erfolg ist, dass man ziemlich schnell zu Verbalinjurien greift.

Ich denke dann immer an meinen Vater, der uns vor der Duzerei immer gewarnt hat, wobei seine Begründung die war, es sei schwerer Sie Arschloch zu sagen, als du Arschloch. Mit dem „du“ falle eine verbale Hemmschwelle.

Es genügt ein Blick in die sozialen Medien, um einzusehen, dass er Recht hat. Wenn Renate Künast auf Übelste beleidigt wird, dann tun das Mitbürger, die sie noch nie gesehen haben, ganz selbstverständlich per du.

Nun wissen wir ja alle, dass verbale Enthemmung leider allzu oft in körperliche Enthemmung ausartet.

Seit fast niemand dagegen vorgeht, dass unsere Mitbürger im Internet Schlimmes zu tun ankündigen, gibt es auch andere Mitbürger, die sich dann auch trauen, genau das zu tun. Letztere sind die nützlichen Idioten der geistigen Brandstifter, die durch Aussprechen eines Wortes es möglich machen wollen, dass andere es tun.

Sie prügeln nicht, sie lassen prügeln und sie schießen nicht, sie lassen schießen.

Nur eines haben beide gemein: Die vollkommene Enthemmung und Verrohung.

Sie beginnt, wenn wir nicht auf unsere Sprache aufpassen und sie endet mit Schüssen auf Synagogen, Regierungspräsidenten und Shisha Bars.

Die bürgerliche Rechte

Ich bin stolz darauf, zu denen zu gehören, denen Franz Josef Strauß Prügel angeboten hat. Wir haben damals eine seiner Veranstaltungen in Dießen am Ammersee etwas aufgemischt.

Sein Postulat, rechts neben der CSU dürfe es keine weitere politische Option geben, habe ich damals als Beweis dafür verstanden, wie unmöglich weit rechts die CSU steht.

Wie Recht Strauß hatte, zeigt sich jetzt, wo wir rechts neben der Union die Afd zu stehen haben.

Er wurde 1915 in München in eine Metzgerfamilien hineingeboren und hat als katholischer junger Mann sehr wohl mitbekommen, wie sehr die Nazis bedrohlich, ja existenzbedrohend waren, für das, was er von zu Hause mitbekommen hatte. Am Maximiliansgymnasium hatte er darüber hinaus eine profunde humanistische Erziehung genossen. Trotz aller berechtigter Kritik am späteren Politiker konnte und wollte ihm niemand seine demokratischen Überzeugungen absprechen.

Das hob ihn von der bürgerlichen Rechten seiner Zeit ab, wo man die Demokratie als willkommenes Vehikel zur Verfestigung des status quo und insbesondere des Besitzstandes sah.

Der ehemalige BfV Chef Hans Georg Maaßen hat das nach dem Dammbruch in Thüringen wunderbar klar in Worte gefasst: „Hauptsache, die Sozialisten sind weg.“

Bei der bürgerlichen Rechten geht es nur darum, welche Partei für sie das erhält, was sie trägt und ernährt.

Alle, die mein fortgeschrittenes Alter haben, werden sich noch daran erinnern, wie die Mitgliedschaft in der NSDAP in der Nachkriegszeit kleingeredet wurde. Es wurde als nicht so schlimm erachtet, erstens wie Viele Mitglied waren und zweitens, weil sie ja nicht aus Überzeugung beigetreten waren, sondern um sich und ihren Status zu retten. Motto: „Ich werde nicht zulassen, dass die Scheiß Nazis meinen Betrieb ruinieren, also trete ich der Partei bei.“

Die DDR war später das willkommene Gegenbeispiel: „Du glaubst doch nicht, dass das da drüben 17 Millionen Kommunisten sind. Die machen doch nur mit, damit sie das Leben haben. Das war bei den Nazis auch nicht anders.“

Es begann die Gleichsetzung von linksradikal mit rechtsradikal. Das war ja auch sofort einleuchtend, weil man annehmen konnte, dass es einem Gefangenen, sei er in einem KZ oder einem GULAG eingekerkert, vollkommen egal war, wes Geistes Kind sein Mörder war.

Mit Der Linken kann man nicht zusammenarbeiten, weil das die Nachfolgepartei der Bonzen ist, die auf ihre eigenen Landsleute schießen lies. Da ist was dran.

Es wird dabei allerdings übersehen, dass Die Linke seit 30 Jahren unbestreitbar in demokratischer Weise das politische Geschehen in der Bundesrepublik mitgestaltet, während die AfD neben manchem anderen Sündenfall, die Verbrechen der Nazis an Millionen Menschen zu verharmlosen versucht, Stichwort „Vogelschiss“.

Wir müssen uns darüber klar werden, dass viele der bürgerlichen Rechten in Deutschland sich politisch auf einer schiefen Ebene verortet haben, die sich bedenklich nach rechts neigt.

Man kann die Verfehlungen, die Sauereien, die Skandale der Parteien im politischen Spektrum der Bundesrepublik gegeneinander aufrechnen. Das ist aber nicht weiterführend, zumal es dann zynisch wird, wenn man darüber diskutiert, ob die Linken oder die Rechten mehr Menschen umgebracht haben.

Wie immer, so gilt auch hier: „Wehret den Anfängen!“ Die bürgerliche Rechte ist verführbar. Man braucht ihr nur zuzuraunen, jemand wolle ihr ans Eigentum, schon sind ihr rechtsradikale Positionen wohlfeil.

Symbolpolitik

„Hauptsache, die Sozialisten sind weg!“

So hat der selbsternannte Sprecher der bürgerlichen Rechten, der ehemalige BfV Chef Hans Georg Maaßen, die Ereignisse in Thüringen kommentiert.

Er hat damit eine geradezu atavistische Angst vor den Linken zum Ausdruck gebracht.

Ich habe den Eindruck, dass das heutzutage übertrieben ist, denn ich stelle immer wieder fest, dass linke Politik derzeit in erster Linie Symbolpolitik ist.

Als auf den Balearen eine links-regionalistische Regierung an die Macht kam, war eine der ersten Maßnahmen, einen Film in Auftrag zu geben, in dem darauf hingewiesen wurde, dass es auch ein drittes Geschlecht gäbe und das man das zu respektieren habe.

Um es mit Brecht zu sagen: „Das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt.“ (Die Nachtlager)

Ein weiteres Beispiel für meinen Verdacht bot mir Frau Sigrid Maurer. Sie ist Club Obfrau der Grünen im Wiener Parlament. In einem Interview, das der ORF sendete, sprach sie nur von Expertinnen, Politikerinnen, Wählerinnen und anderen -innen. Ich fand das irgendwie charmant, aber letztlich sind das Albernheiten.

Das ist alles Symbolpolitik, mit der man die Kinogänger in Palma, die Genderaktivisten in Österreich und andere Menschinnen beeindrucken möchte, die stets auf der Kimme der Welle der Fortschrittlichkeit reiten müssen.

Das bringt alles gar nichts. Damit wird die Wählerschaft in Wohlbefinden gewiegt, ohne dass sich irgendetwas ändert.

Wen es zu einer grün-rot-roten Bundesregierung kommt, ist, ich ahne es, ebenfalls erstmal Symbolpolitik angesagt.

Was wollen die denn dann so viel anders machen? Die EU-Gesetze müssen weiter befolgt werden, das Grundgesetz gilt weiter und die Länderregierungen haben auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Ja, man wird an der Steuerschraube drehen, man wird die schwarze Null vergessen, aber ansonsten wird auch eine solche, so gefürchtete Regierung „business as usual“ betreiben müssen. Um das zu verdecken, wird man das berühmte dritte Klo einführen, auf den Ministersesseln werden mehrheitlich Frauen sitzen, bei militärischen Auslandseinsätzen wird man sich zieren, um dann dem internationalen Druck nachzugeben und die Mitgliederinnen des Bundeskabinetts werden sich auf Bürgerfesten sehen lassen. Und man wird das Gülleproblem lösen.

Wie das denn?

Man wird heimlich den Dreck in der Sahelzone verklappen. Komisch, dass darauf bisher noch niemand gekommen ist.

Natürlich wird auch eine grün-rot-rote Regierung Klientelpolitik betreiben. Warum auch nicht? Es wäre nur ein Ausschlag des Pendels in die andere Richtung. Und vielleicht käme dabei endlich heraus, dass Frauen und Männer für gleiche Arbeit gleiche Lohn beziehen. Das wäre dann schon etwas mehr als Symbolpolitik, und die Welt würde nicht untergehen.

Vor einer neuen Regierung muss man nur dann Angst haben, wenn sie erkennbar vorhat, sich außerhalb des Rahmens unseres Grundgesetzes zu bewegen. Dann aber muss man sie mit allen Mitteln des Rechtsstaates verhindern.

Und mir fällt noch etwas ein: Fürchtet euch vor den Parteien, die es am politischen Anstand mangeln lassen. Es geht einfach nicht, einen Kandidaten aufzustellen und dann geschlossen für den Kandidaten einer anderen Partei zu stimmen. Wer sowas fertigbringt, ist auch noch zu anderen Sauereien fähig.

Das Rezept, das Parlament dazu zu benutzen, Chaos zu verbreiten, stammt übrigens von Goebbels.

Thüringen

Nachdem wir jetzt wissen, dass die Wahl des Ministerpräsidenten nur nach einer parteiübergreifenden Kungelei zwischen CDU, FDP und AfD möglich war, stellt sich mal wieder die Frage nach Würde und Anstand.

Zweifellos ist Kemmerich mit legalen Mitteln in sein Amt gewählt worden, vielleicht ist es sogar legitim gewesen. Allerdings ist es würdelos und unanständig zu verkündigen, eine Zusammenarbeit mit der von einem Nazi geführten thüringischen AfD komme nicht in Frage, nur um sich dann von dieser Truppe wählen zu lassen.

Kemmerich hat nicht nur seiner Partei, der FDP, schweren Schaden zugefügt, sondern auch das Vertrauen vieler Demokraten in unseren Staat untergraben.

Erschreckend viele Bürger wählen Leute, die höchstens mit einem Bein, dem Spielbein, auf dem Boden des Rechtsstaats stehen. Nicht zu diesen Wählern muss man auf Distanz gehen, aber sehr wohl zu denen, die von ihnen gewählt wurden. Darauf konnte man sich bis zum 5.2.2020 verlassen. Seitdem kann man das nicht mehr.

Schlimmer noch, der CDU-Führung in Berlin ist die Thüringer CDU entwischt wie eine Forelle, die man mit den Händen festhalten will. Noch schlimmer, die FDP, hin und her gerissen zwischen liberalem Diskurs (Baum und Lambsdorff) und dem Kokettieren mit der Macht (Lindner) hat sich selbst ins Knie geschossen. Dieser Schuss kann leicht zum Tod der Partei führen, wenn man nicht schleunigst diesen Kemmerich ausschließt: Niemand hat dieser Partei mehr geschadet wie dieser Herr.

Söder hat von Anfang an nicht rumgeeiert und klare Position bezogen. Das ist einerseits schön, andererseits aber auch besorgniserregend. Warum?

Die derzeitige CDU-Vorsitzende hat eine klägliche Figur abgegeben, sie hat von der Kungelei gewusst und konnte sie nicht verhindern.

Damit ist sie als Kanzlerkandidatin ausgeschieden. Nun steht Merz wieder im Ring.

Um den zu verhindern, müsste man Söder zum Kanzlerkandidaten wählen. Will man das?

Gebet

Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, da rief eine entfernte Cousine meine Mutter an und bat sie, für ihren Sohn, nennen wir ihn Michael, zu beten, damit er morgens aufstünde, denn sonst ginge sein Weingut bachab.

Die so Aufgeforderte kommentierte die Sache beim Mittagessen wie folgt: „Erstens hat der liebe Gott Besseres zu tun, als dafür zu sorgen, dass der Michael aufsteht und zweitens denk ich, dass er gar nicht aufstehen will, also weshalb soll ich beten? Wenn der nicht will, geht das das Weingut flöten, ob ich bete oder nicht. “

Genau so war es dann auch.

Ich habe mich danach etwas mit dem Gebet befasst und dabei gelernt, dass es drei Grundsätze gibt, die man beim Beten beachten muss:

  1. Wenn ich für jemanden bete, muss dieser das wollen.
  2. Das Gebet muss konkret sein.
  3. Man darf nicht für Unmögliches beten.

Das Letzte ist am einfachsten zu verstehen: „Mach dass meine Puppe sprechen kann“ ist eine nicht erfüllbare Bitte, mit ihr darf Gott nicht belästigt werden.

Der erste Punkt ist schon schwieriger, kann aber etwas flapsig und damit um so verständlicher in diese Worte gefasst werden: „Ich darf nicht gegen den manifesten Willen eines anderen anbeten.“

Und unter zwei ist nicht anderes gemeint, als dass ich nicht diffus in die Welt hinaus beten darf, in der Hoffnung, dass der liebe Gott schon weiß, was ich damit meine.

Bis hier her wäre meine Mutter mir gefolgt, ab jetzt wahrscheinlich nicht mehr.

Vor wenigen Tagen stand ein Aufruf im facebook, der davon berichtete, am 3.1. 2020 hätten zwei Frauen einen Termin zur Abtreibung und wir sollten alle dafür beten, dass der Eingriff verhindert werde.

Wie kämen wir dazu?

Wir wissen nicht, für wen wir beten sollen. Muss sich der liebe Gott diese beiden Frauen raussuchen unter den leider vielen Frauen, die am 3.1.2020 einen Abtreibungstermin haben?

Offenbar haben sich die beiden Frauen zu dem Eingriff entschieden, also beteten wir gegen deren manifesten Willen an.

Der Entschluss, ein ungeborenes Leben abtreiben zu lassen, ist etwas so entsetzlich Grauenvolles, dass ich mir als Mann nicht zutraue, dessen Dimension auch nur annähernd begreifen zu können.

Ob dieser Entschluss mit Gott oder ohne Gott getroffen wurde, weiß keiner und niemand ist in der Lage, aufzustehen, um diese Frauen zu verurteilen.

Sogar dann nicht, wenn jemand zutiefst davon überzeugt ist, dass dieser Entschluss eine Sünde ist.

Sünde ist stets etwas Höchstpersönliches.

  • Aha! Ich darf also einem Mörder mit gezücktem Messer nicht in den Arm fallen?
  • Doch, denn Mord ist ein Verbrechen.
  • Und Tötung ungeborenen Lebens ist kein Verbrechen?
  • Nein, es ist kein Verbrechen. Bitte vergesst nicht, dass das weltliche Strafrecht vor dem religiös Verwerflichen steht. Glaube ist freiwillig, Gesetztestreue ist die Pflicht jedes Staatsbürgers.

Natürlich finde ich Abtreibung nicht gut. Aber wer sind wir Christen, um anderen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben?

Und was überhaupt nicht geht ist die Einlassung eines fb Freundes, der anbot, Geld zu zahlen, wenn die Abtreibung unterbliebe.

Christentum per Scheckbuch, das ist einfach pervers!

Meinungsfreiheit wie sie Peter Weber meint

In den sozialen Medien treibt sich schon seit Längeren Peter Weber herum. Dieser Herr, so hat es den Anschein, gehört zu denen im Land, die bei der Verteilung von Wohnstand mehrmals die Hand aufzuhalten pflegen. Ob er mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, oder ob er sich seine Maßanzüge aus eigenem Tun leisten kann, ist mit unbekannt. Jedenfalls kommt er sehr schick und eloquent herüber.

Zunächst hat er immer wieder mal etwas gepostet, um sich mit seiner Sicht der Dinge in die Diskussion einzumischen. Ich fand das gut, weil es gut ist, Meinungen auszutauschen, auch und selbstverständlich dann, wenn diese Meinung nicht die Meine ist.

Wenn alle die gleichen Ansichten hätten, müsste man die eigene ja erst gar nicht publik machen.

Nun hat Peter Weber unter dem Titel „Hallo, Meinung“ eine Plattform im Internet aufgemacht, auf der jeder der das will, seine Meinung sagen kann.

Herausgekommen sind kuriose Beiträge, die seltsamerweise fast immer mit dem konform gehen, was Herr Weber auch schon gesagt hat. Nur, und das ist erstaunlich, die Protagonisten dieser Beiträge sind sämtlich ungeübte Redner. Das ist ja auch ihr gutes Recht. Der offenbar nicht ungewollte Nebeneffekt ist, dass Meister Weber bei diesem Procedere als Lichtgestalt der Eloquenz rüberkommt. Dass er das „sch“ oft nicht aussprechen kann, spielt da schon keine Rolle mehr.

Nun hat Don Pedro eine Weihnachtsansprach bei „Hallo Meinung“ eingestellt. Es heißt, sie sei bewegend, kein Wunder, er titelt ja selbst auf seiner Plattform.

Aber was sagt er in seiner Ansprache? Zunächst freut er sich über den Erfolg seiner Meinungsseite. Nicht nur der deutschsprachige Raum, auch Leute aus den USA, den Philippinen, Australien und Neuseeland machten mit.

Und dann sagt er, er hätte nicht gedacht, dass er sich einmal in der Bundesrepublik Sorgen um die Meinungsfreiheit machen müsse. Es werde immer schwerer, das zu sagen, was man denke.

Komisch, der sagt doch grad seine Meinung und Leute aus dem deutschsprachigen Raum, den USA, den Philippinen, Australien und Neuseeland unterstützen ihn dabei, indem sie ihre Meinung sagen.

Es ist wirklich beängstigend, wie immer wieder etwas getan wird, und gleichzeitig davor gewarnt wird, dies bald oder bereits nicht mehr tun zu dürfen. Sozusagen ein letzter Aufschrei, bevor der Kiosk zugemacht wird.

Aber wie ist das mit der Meinungsfreiheit eigentlich? Früher brauchte man ein Medium, um diese verbreiten zu können. Man musste Journalist sein, oder einen Verleger haben, sonst hatte die eigene Meinung über den Rand des Stammtisches hinaus keine Wirkung. Die Freiheit der Meinung war gegeben, an ihrer Verbreitung aber haperte es.

Heute ist es anders. Nie war es so einfach, seine Ansichten im deutschsprachigen Raum, den USA, den Philippinen, Australien und Neuseeland so schnell, so kostenlos und so effizient zu verbreiten wie jetzt. Die sozialen Medien erlauben es jedem das, was vorher Stammtischweisheiten waren, in alle Welt hinauszuposaunen… und gleichzeitig zu behaupten, die Meinungsfreiheit sei in Gefahr.

Sagt mal, für wie doof hält uns dieser Peter Weber eigentlich?

Womöglich habe ich ihn aber auch nur falsch verstanden, denn klar ist ja, dass je mehr Meinung er verbreitet, desto mehr Menschen werden sich melden, um zu sagen, dass sie nicht seiner Meinung sind.

Das nennt man übrigens Meinungsfreiheit.

 

Quatschköppe. Woran erkennt man sie?

Langsam fühlt man sich umzingelt von Mitmenschen, die eruptiv das sagen, was ihnen so gerade durch den Kopf geht.

Selbst der mächtigste Mann auf dieser Erde rühmt sich damit, seine Politik sei intuitiv. Was eigentlich das Eingeständnis der eigenen intellektuellen Insolvenz ist, wird heute als volksnah angesehen, eben ein richtiger Kerl, der aus der Hüfte schießt. Erst abdrücken, dann fragen.

Und ebenso wird als volksnah angesehen, wenn man seine Gegner lächerlich macht, statt mit Argumenten zu kommen. Wenn der Vorsitzende des Impeachment Ausschusses „shifty Schiff“ genannt wird, dann ist sonnenklar, dass der, der sich das ausgedacht hat, verbal blindwütig agiert, weil ihm die Argumente fehlen.

Ein anderer Fall ist ein gewisser Peter Weber, der mit einer Plattform „Hallo Meinung“ an die Öffentlichkeit geht. Seine Adepten posten dort das, was eine meiner Lehrerinnen „Allerweltsgeschwätzle“ nannte. Gestern machte ich mir die Mühe, einen Post, der offenbar bei Regen auf Ibiza aufgenommen wurde, anzusehen: Der Autor redete über Minuten davon, dass er ein Freund des Rechtsstaates sei, der allerdings von Gefahren umgeben sei, weil man seine Meinung nicht mehr sagen dürfte.

Was tut er denn gerade?

Bei diesem Herrn bedurfte es keiner verbalen Entgleisungen, um seine Quatschköpfigkeit unter Beweis zu stellen, beim Chef vom Ganzen aber schon: Peter Weber hat neulich in einem Kommentar zum CDU Parteitag mehrfach davon gesprochen, dass das alles nur noch lächerlich sei, er meinte wohl die CDU und stellte als Beweis vor, der Parteitag habe nur aus applaudierenden Zinnsoldaten bestanden.

Abgesehen davon, dass das Bild unglücklich gewählt ist, denn zumindest meine Zinnsoldaten konnten damals nur rumstehen, nicht aber Beifall klatschen, war das wieder mal ein Versuch, Menschen zu verunglimpfen. Wer von „applaudierenden Zinnsoldaten“ spricht aberkennt diesen Mitmenschen deren Würde, deren Intelligenz und deren Recht auf Partizipation und entlarvt sich als Quatschkopp.

Ein weiteres Beispiel für dieses Verhalten liefert der Österreicher Gerald Grosz, der stehts grinsend, leicht Verständliches so rüberbringt, dass es noch ein Bisserl leichter verständlicher wird. Kurz er zieht alles auf Stammtischniveau herunter, das aber, wie er meint, mit Humor: Seine Gegner bekommen Beinamen, wie zum Beispiel „Oberhaupt der Zopferldiktatur“ deren Fans „infantile Schulschwänzer“ sind.

Ich gebe ja zu, auch ich opfere manchmal für einen guten Spruch die intellektuelle Stringenz, dennoch wage ich es, den „ersten Stein“ zu werfen:

Seid wachsam und wehrt euch gegen Quatschköppe!

Was ist „a Mentsch?“

Gestern Abend gab es in der Talkshow von Maybritt Illner im ZDF ein klassisches Missverständnis. Es ging um Hass und Drohungen in den sozialen Medien.

In seinem ersten Beitrag sagte der wunderbare Pianist Igor Lewit, er spräche jemandem, der Hass Falschmeldungen und Verleumdungen verbreite, die Ehre ab, „a Mentsch“ zu sein.

Sofort ging der neben ihm sitzende Bild-Redakteur auf die Akazien und warf ihm vor, das Grundgesetz zu missachten, denn die Menschenwürde gelte für alle Menschen, man könne sie nicht jemandem absprechen, womit er Recht hatte.

Das Problem aber war, dass der Bild-Mitarbeiter kein Jiddisch verstand, denn Lewit hat nicht von einem Menschen gesprochen, was er meinte war “a Mentsch“. Darunter versteht man im Jiddischen jemanden, er mit Empathie, Höflichkeit und Anstand durchs Leben geht. „A Mentsch“ zu sein, ist tatsächlich eine Ehre, eine selbsterworbene Ehre, die dazu führt, dass die Mitmenschen ihn oder sie verehren.

Wie jede Ehre, kann man auch die verwirken, „a Mentsch“ zu sein. Das passiert dann, wenn man sich menschenunwürdig benimmt, andere verleumdet oder bedroht.

Genau das wollte Igor Lewirt ausdrücken. Die Ehre, „a Mentsch“ zu sein, kann man jemandem absprechen, das unterscheidet den Mentschen vom Menschen, dessen Würde unantastbar ist.

Vorweihnachtszeit

Als Kind habe ich die vorweihnachtliche Zeit gehasst. Mein ganzes Sehnen und Trachten war auf den Heiligen Abend eingestellt und der kam und kam nicht. Stattdessen musste man auswendig lernen. Zuerst „a Versla“ für den Nikolaus und dann ganze Sentenzen aus der Weihnachtsgeschichte, weil Mutter einen zum Krippenspiel als zweiten Hirten eingeteilt hatte:

„Und die Hirdden kehrden wiedä um, briesen und lobbden Godd für alles, was sie gehörd und gesehen haddn.“

Statt Schlitten zu fahren, auswendig lernen! Da half kein Protest, da half gar nichts, zumal alle Freunde als Hirten, Verkündigungsengel oder Könige unter derselben Knute ihrer jeweiligen Mütter standen.

Als ich nach Oberbayern ins Internat kam, lernte ich, dass die Adventszeit die „stade“, die ruhige Zeit sei. Tatsächlich habe ich die vorweihnachtliche Zeit nie wieder so ruhig, so erwartungsfroh und musikalisch erlebt wie im Landheim Schondorf. Wir lernten bis dahin vollkommen unbekannte Weihnachtslieder: In dulce jubilo oho, auf Latein und sogar einen Jodler (Tjo tjo iri…) Auswendig lernen musste ich nichts, habe aber im Chor, als Körper der Musik miterleben dürfen, wie es ist, wenn man Teile des Weihnachtsoratoriums selbst singt

Der Nikolaus und sein Krampus kamen in den Speisesaal. Das war nicht beängstigend. Es war lustig. Lehrer und Schüler wurden verbal und meist auf hohem Niveau an den Ohren gezogen oder einfach verhohnepiepelt. Als Schülerpräses bekam ich einmal einen Preis für meine – pars pro toto – Verdienste um den Sport. Dabei war der Blesi, der Sportlehrer, schon froh, wenn ich nicht vom Reck fiel.

In den ersten Jahren sollten wir Geschenke für unsere Eltern basteln. Da mir die Ideen fehlten, riet mir „Freuln Trost“, eine Maus aus Balsaholz zu schnitzen. Als sie fertig war, hatte sie einen langen Schwanz aus Leder und niedliche Öhrchen aus dem gleichen Material. Ich packte das süße Ding in eine kleine Schachtel und stellte sie meiner Mutter auf den Gabentisch. Vergessen hatte ich, dass sie Panik vor Mäusen hatte. Ein gellender Aufschrei störte den Frieden des Weihnachtszimmers und Vater vermahnte mich, bei meinen Geschenken künftig etwas mehr nachzudenken.

Im kommenden Jahr habe ich ihr einen roten Topflappen gehäkelt, den ich Jahre später vollkommen unbenutzt in einer Schublade wiederfand.

Am Abend vor der Fahrt in die Ferien stieg immer die große Weihnachtsfeier in der Turnhalle. Nachdem der Chor gesungen hatte, hielt der Boss eine Rede, bei der keiner zuhörte, zumal alle wussten, dass sie eh in den kommenden Grünen Heften abgedruckt werden würde. Statt aufzupassen, schauten wir gebannt auf Plätzchen, Erdnüsse und Mandarinen auf den Tischen vor uns. Aber bis er Boss endlich fertig war, blieben das alles verbotene Früchte. Später wurde sogar Kaffee serviert. Wenn man ehrlich sein will, war es ein entfernt nach Kaffee schmeckendes milchiges Gesöff. Coffein muss es aber enthalten haben, denn ich erinnere mich, dass ich in der letzten Nacht vor der Heimfahrt nie schlafen konnte.

Ich habe mich an all das erinnert, weil meine geliebte Frau Brigitte heute beim Käffchen stöhnte, bald ginge ja die Plätzchenbackerei wieder los, und für die Enkeltochter müsse ja auch noch ein Adventskalender mit Inhalt gebastelt werden. Ich hatte früher immer denselben Adventskalender. Am 5. Dezember war ein roter Apfel im Türchen und am 6. ein Nikolaus – natürlich. So viel zum Inhalt.

Aber auch für mich haben die Vorbereitungen heute begonnen: Ich habe Einladungen verschickt, denn am 6. Dezember kommt bei uns der Nikolaus ins Haus.

Um Spekulationen vorzubeugen: Es bin nicht ich, der ihn gibt.

 

Das Hartz IV Urteil des BVerfG

Seit dem 5. November 2019 fühlen sich viele in Deutschland lebende Menschen vom Bundesverfassungsgericht verhohnepipelt. Die Richter in roten Roben haben nämlich für Recht erkannt, dass die Jobcenter Empfängern von Hartz IV Leistungen die unter keinen Umständen um mehr als 33% kürzen dürfen.

Das ist eines von diesen Urteilen, die an Stammtischen und bei der Brotzeitpause in den Betrieben heiß diskutiert und meist abgelehnt werden. Das Urteil zielt ja auch auf die Grundpfeiler dessen, was den Deutschen ausmacht:

„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Manchmal hat man den Eindruck, dass dieser Vers von Goethe in den Köpfen der Deutschen Artikel 1 des Grundgesetzes ist. Es ist ja auch womöglich so, dass der deutsche Staat, anders als viele seiner Nachbarn, sich in erster Linie durch die Leistung seiner Bürger selbst definiert.

Das ist die gefühlte Verfassungswirklichkeit, die sich aus dem „gesunden Menschenverstand“ nährt.

Nun wissen wir ja aus schmerzlicher Erfahrung, dass der kollektive gesunde Menschenverstand allzu leicht in das allgemeine Volksempfinden abrutschen kann. Ist Ersterer schon nicht objektiv, um wie viel weniger ist es Letzteres.

Das Bundesverfassungsgericht hat uns allen wieder einmal ins Gedächtnis gerufen, dass wir in einem sozialen Rechtsstaat leben. Wir leben eben nicht in einem Gebilde, in dem der Staat mit seiner Verfassung den Kräftigen stärkt, sondern in einer Solidargemeinschaft von Demokraten, in der es nicht zulässig ist, dass der Staat an sich gerechtfertigte Sozialleistungen vom Wohlverhalten der Bürger abhängig machen kann.

„Jaa, wenn die Faulenzer halt dauernd zumutbare Arbeiten ablehnen!“

Ein probates und zunächst verständliches Argument. Nun leben wir ja alle in zunehmendem Maße abhängig von dem, was die Verwaltung und befielt. Was die Verwaltung anordnet kann sofort durchgesetzt werden. Unser Widerspruch aber muss durch die Gerichte gehen. Allein schon dieser missliche aber rechtlich unbezweifelbare Zustand macht es so erfreulich, wenn die Verwaltung dann doch ab und zu mal von den Richtern eins auf die Finger bekommt. Wenn dem nicht so wäre, würde die Verwaltung noch übermütiger.

Doch zurück zum Hartz IV Urteil: Das Gericht hat erklärt, dass es die Menschenwürde aus dem Artikel 1 unseres Grundgesetzes nicht zulässt, dass die Exekutive Menschen in die Mittellosigkeit stößt, wenn die Legislative gerade, um die zu verhindern, Sozialleistungen vorsieht. Die Verwaltung ist nicht der Moralapostel, den es in einem demokratisch verfassten Staat gar nicht geben darf.

Eine Demokratie ist kein Wunschkonzert. Diese Staatsform sieht Rechte und Pflichten für alle vor.

Wenn allerdings ein Bürger bedürftig wird, dann muss die Solidargemeinschaft der Demokraten es aushalten, ihn mit dem Lebens-Minimum auszustatten. Dass es unter den Empfängern von staatlichen Leistungen Betrüger gibt, wissen wir alle. Ebenso wie wir wissen, dass es unter den Erfolgreichen solche gibt, die den Staat auf andere Weise betrügen.

Ich denke, dass der Schaden des Staates durch Steuerbetrug höher ist als der durch Sozialbetrug. Beides ist zu verurteilen.

Interessant ist allerdings, dass Steuerbetrug niemanden auf die Barrikaden bringt. Das Hartz IV Urteil aber wird oft so kommentiert:

„Niemand muss sich wundern, wenn solche Urteile zu mehr Stimmen für die AfD führen.“

Wer sowas sagt oder denkt, der ist ein Bauchgefühl-Demokrat, denn er ist es nur solange, wie ihm die Rechte der Verfassung in den Kram passen.