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Berlinpass

Jugendliche aus Familien mit geringem Einkommen sollen nicht von den kulturellen Angeboten der Stadt Berlin ausgeschlossen werden, auch sollen sie zum Sport und zur Schule verbilligt die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können.

Um dieser Vergünstigungen teilhaftig zu werden, benötigt man den Berlinpass. Da ist eine a priori segensreiche Einrichtung, es sei denn, man ist Vormund zweiter syrischer Flüchtlinge, die noch dazu ein unterschiedliches Alter haben, was außer bei Zwillingen gern vorkommt.

Der Berlinpass der beiden Jungs ist nun abgelaufen, des einen war zuletzt vom Bürgeramt verlängert worden, des anderen von seiner Schule.

Es lag daher nahe, anzunehmen, dass diese Stellen auch die neuerliche Verlängerung vornehmen würden. Nun bin ich aber unterdessen durch ein Fegefeuer von Erfahrung mit der Berliner Verwaltung gegangen und habe mich daher im Internet schlau gemacht:

Dort erfuhr ich, dass der Berlinpass außer bei Neuankömmlingen von den Bürgerämtern ausgestellt und verlängert wird. Zu meiner Freude fand ich noch den Hinweis, die Bearbeitungszeit betrage „wenige Minuten“. Trotz dieser rosigen Aussichten, rief ich noch das angegebene Infotelefon an, wo mir eine tranige Stimme sagte: „Berlinpass? Det wees ick nich. Ick gloobe, da ha ick ma wat am Alex jesehn.

Adieu, rosige Aussichten, wenn schon der Auskunftsmann ein veritabler Crétin ist…

Gestern nun war ich um 11 Uhr, früher machte man dort nicht auf, mit meinen beiden Mündeln beim Bürgeramt am Hohenzollerndamm 177. Bearbeitungszeit „wenige Minuten“ mag stimmen, was im Internet nicht stand, war der Umstand, dass man zuvor eine Stunde Schlange stehen muss.

Eine Dame vor uns meinte, sie werde wohl vor Weihnachten nicht drankommen. Ich versuchte sie zu trösten, dass Allerheiligen doch auch ein schöner Feiertag sei und der käme vorher. „Junger Mann, in solche Feinheiten von’s Christentum könnese mir nich vawickln!“ Und dann schimpfte sie in ganz unchristlicher Weise auf einen, der sich vermeintlich vordrängeln wollte. Es stellte sich heraus, dass er seine hochschwangere Frau auf den Stuhl da vorne setzen wollte. Da der Ehemann nicht wie Jung-Siegfried aussah, murmelte die Dame nun etwas vom karnickelhaften Verhalten gewisser Südvölker, während ich mir ernsthaft Gedanken darüber machte, ob diese Dame wirklich eine Dame sei.

Und schwupp, da kamen wir auch schon dran, nur um zu erfahren, dass das Bürgeramt nicht zuständig ist. Da ich mich juristisch aufplusterte, gelang es sogar bis zur Amtsstellenleiterin vorzudringen, aber auch sie sagte, man sei nicht zuständig. Wer genau, wußte sie nicht, sie vermutete, das sei der Leistungsträger. Das ist beim 15jährigen das Jobcenterin Steglitz, beim ein Jahr jüngeren Bruder das Sozialamt in Charlottenburg.

In letzter Verzweiflung versuchten wir es noch bei der Schule der beiden, nur um zu erfahren, jaja, es sei schon richtig, man habe den Berlinpass ausstellen können, weil eine Beamtin an der Schule arbeitete, die dazu vom Senat die Befähigung bekommen hätte. Die sei aber unterdessen abgezogen worden, „Fachkräftemangel, Sie verstehen.“

Berlin ist Chaos. Es geht vom Flughafen bis zum Ausstellen eines Sozialpasses mit wenigen Minuten Bearbeitungszeit.

Unterdessen wissen wir ja, dass Chaos auch ein Ordnungsprinzip ist

Libera me!

„Mozarts Requiem liegt mir mehr“, sagte eine Dame beim Hinausgehen.

Das geht Vielen so. Mozart schrieb Kirchenmusik für Menschen, die gläubig sind, die eine Totenmesse für einen Verstorbenen anhören und hoffen, dass er von den Qualen der Hölle erlöst werde.

Verdis Requiem folgt nicht der Liturgie. Es ist ein Aufschrei, ein verzweifeltes Gebet der geschundenen Seele. Angst vor dem Verderben und Hoffnung auf Erbarmen berühren während 90 Minuten das Herz, das Gemüt und das Gewissen der Zuhörer. In keiner anderen Totenmesse steht der lateinische Text derart explizit im Zentrum des Geschehens. Man merkt es nur nicht, weil Verdi um die Worte Drama, Wehklagen und Hoffnung komponiert hat.

Gestern wurde im Konzerthaus am Gendarmenplatz Verdis Requiem gegeben. Der Chor des Teatro la Fenice war aus Venedig gekommen. Es spielte das Konzerthausorchester.

Die Solisten und der Dirigent waren hervorragend, aber das was zählte an diesem Abend war der Chor. Bei seinen pianissimi schmolz der Saal dahin, bei den fortissimi schienen die Mauern desselben zu bersten. Das ist ein Chor, der sich traut, so leise zu singen, dass man ihn fast nicht hört. Er traut sich aber auch so laut zu singen, dass allen Sängern die Adern an den Schläfen schwollen, und die Zuhörer sich fragten, warum kein Sturm durch die Reihen weht.

Ich habe so etwas noch nie erlebt.

Es gibt wohl kaum ein Musikstück, das ich öfter gehört habe, bei dem ich die Partitur verfolgt habe, das ich auswendig kann, wie das Requiem von Verdi. Ich habe es auf Platten gehört unter Toscanini und Karajan, ich habe es auf CD gehört unter Muti, unter Abbado, unter Solti und Gergiev.

Einmal habe ich das Requiem in der Kathedrale von Palma live gehört. Wir saßen ganz hinten und der Ton wurde mit Lautsprechern übertragen. Da war die Atmosphäre wichtiger als die Musik. Das fand offenbar auch König Juan Carlos. Ein Freund, der im Tenor sang, berichtete, seine Majestät sei eingeschlafen, eine Leistung bei der Lautentfaltung. Womöglich wollte er aber nur seine musikbegeisterte Frau ärgern.

Gestern saß ich auf dem Rang und hatte das Privileg, sehen zu können, welches Instrument für welche Klangfarbe verantwortlich ist, zu verstehen, wie wichtig die Pauken sind, zu bewundern, zu was acht Kontrabasse fähig sind, nämlich nicht nur das Orchester zu begleiten, sondern es zu leiten.

„Vocame cum benedictis“ singt der Tenor und keiner kann sich dem Gedanken, dem Entsetzen entziehen, dass es durchaus möglich ist, nicht zu den Benedeiten gerufen zu werden.

„Gere curam mei finis“, wenigstens das: sei meinem Ende gnädig.

Dirigent war Juraj Valčuha, Krassimira Stoyanova, die Sopranistin zeigte beim „Libera me“, was sie kann, Daniela Barcellona, Alt, war nicht ganz sicher mit ihren Einsätzen, Antonio Poli, war der Operntenor, den man an dieser Stelle erwartet und Riccardo Zanellato, Bass, sang zwar wunderschön, war aber ein eitler Fatzke: Im Programm war ein Photo eines jugendlichen Helden veröffentlicht, vor dem Publikum aber erschien ein in die Jahre gekommener Hefekloß.

Das Konzerthausorchester, wunderbare Profis, ließen sich von der Gewalt des Chores mitreißen, zum Ende hin besiegte die pure Spielfreude die Disziplin. Es war einfach eine Freude, die Fagotte und die Querflöten auf ihren Stühlen herumhopsen zu sehen, begeistert über das, was sie da produzierten.

Der Chor, etwa einhunderd Sänger, wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Ich habe früher begeistert im Tenor gesungen und gemerkt, wie die Musik in meinem Körper schwingt. Noch nie aber wurde dieses Gefühl bei mir durch einen Chor, dem ich nicht angehörte, so elementar erzeugt.

Mozarts Requiem endet mit der Bitte, ihnen, den Verstorbenen, ewige Ruhe zu geben „requiem aeternam dona eis.“

Verdi endet mit „libera me“, befreie mich. Das Eingeständnis der eigenen Verstricktheit, des eigenen Fehlens. Wer perfekt ist, muss nicht befreit werden.

Ich bin davon überzeugt, dass gestern Gläubige, Indifferente und Atheisten gleichermaßen getröstet wurden. „Libera me“, wer wollte das nicht?

 

Zuständigkeitsfeststellung, nochmal.

Heute Morgen ging ich um 7 Uhr aus dem Haus, um möglichst ohne Wartezeit beim jobcenter am Goslarer Ufer dranzukommen.

Tatsächlich saß ich schon kurz nach 8 Uhr der Sachbearbeiterin gegenüber, die Leistungsgewährung für mein syrisches Mündel bearbeiten sollte. Sie prüfte zunächst ihre Zuständigkeit, die sie zu meiner Erleichterung bejahte. Dann aber brach es auch ihr heraus: Den Ausländern werde das Geld sonst wohin gesteckt, aber wenn sie in zwei Jahren pensioniert werde, bekäme sie eine winzige Rente, und das nach 48 Berufsjahren! „Darauf ha ick kein’n Bock“, seien es die kleine Rente, Akten, unverschämte Ausländer, Vorgesetzte, Leistungsberechtigte, die spät aufstehen oder „det Wetta“, sie hatte null Bock uff jarnüscht.

Mein ausschließliches Interesse war ja, endlich abschließen zu können, dass mein nun 15jähriges Mündel von jetzt an die Sozialleistungen vom jobcenter bekommt, statt wie bisher vom Sozialamt. Ich widersprach also nicht und wartete geduldig darauf, dass sie mir die Antragsformulare aushändigen würde, die ich allerdings anfangs des Monats schon im jobcenter in Steglitz ausgefüllt hatte. Nun legte sie die Stirn in Falten und sagte, ich müsse noch zum jobcenter in Steglitz fahren, denn dort habe man die Akte zu bearbeiten begonnen, und nun müsste ich ein Dokument beibringen, dass „de Kollejn“ ab sofort von diesem Tun abließen.

„Kann man das nicht per e-mail intern erledigen? „Nee, wo denken Se hin? Wenn da durch Balin ooch noch Akten hin- und herfliejen, stelln Se sich mal det Chaos vor“. Ich konnte.

Nun gut, ich fuhr also nach Steglitz, wo spätaufstehende Leistungsberechtigte unterdessen Schlange standen. Nach 40 Minuten war ich schon dran und sollte eigentlich eine Nummer bekommen. Die Dame am Empfang bezweifelte, dass das Goslarer Ufer zuständig sei und verschwand, um das mit ihrer Vorgesetzten zu besprechen. Die sah das offenbar auch so. Ich bekam tatsächlich eine Nummer und nach weiterer Warterei kam ich zu einem Sachbearbeiter, der ebenfalls dafür war, Steglitz sei zuständig. Da alle Anträge ausgefüllt seien, benötige er nun lediglich eine Folgezuweisung vom Wohnungsamt in Lankwitz. Es ginge um die KÜ. Ich hatte unterdessen gelernt, dass man darunter die Kostenübernahme verstand.

In Lankwitz freute sich der Beamte, mich wiederzusehen. „Sie sind der Herr von und zu mit dem spanischen Pass.“ Bei unserem ersten Treffen vor zwei Monaten hatte er mir ohne Weiteres eine KÜ ausgestellt. Damals war es heiß und er hatte kurze Hosen an. Heute war es kühl und er hatte wieder kurze Hosen an, wenn auch andere. Plötzlich verdüsterte sich seine Miene. Ich ahnte Schreckliches. Und tatsächlich, er begann seine Zuständigkeit zu prüfen.

„Nee Steglitz is nich zuständich, det sind die Kollejen am Goslarer Ufer. Ick wees det, det is bei mir frischet Wissn, meine Ausbildung war im verjangenen Jahr. Vorher war ick Koch.“

Er entließ mich ohne KÜ aber mit dem Rat, mich nur ja nicht aufzuregen und immer schön höflich zu bleiben.

Ich überlegte, wo ich ganz schnell eine Kalaschnikow herbekommen könnte, fuhr dann aber doch unbewaffnet zum jobcenter nach Steglitz zurück. Dort stürmte ich unter Missachtung alle Nummerholvorschriften das Zimmer des Sachbearbeiters und sagte:

„Ich weiche nicht, du ka-üst mich denn!“

Tatsächlich hatte der Mann ein Einsehen, allerdings erst, nachdem er mit seinem Vorgesetzten gesprochen hatte. Innerhalb von weiteren 5 Minuten hatte ich nun meine KÜ.

Er tröstete mich noch damit, dass die Beamtin, die das Zuständigkeitskarussell vorgestern in Schwung gesetzt hatte, wohl ein Ego-Problem habe.

Dieser Schwung hat mich insgesamt 13 Stunden Zeit und Ärger gekostet.

 

 

 

Zuständigkeitsfeststellung

Im Juni 2018 bekam ich einen Brief vom Sozialamt Charlottenburg-Wilmersdorf, in dem mir mitgeteilt wurde, einer meiner syrischen Mündel sei nun 15 geworden und somit sei für die Leistungen ab sofort das jobcenter (alias Arbeitsamt) zuständig. Ich möge mich kümmern und Vollzug melden.

Also ging ich zum jobcenter am Goslarer Ufer, wo man mir sagte, man sei nicht zuständig, nach der Geburtsdatumsregelung sei das jobcenter in Steglitz zuständig.

Dort stellte ich mich etwa eine dreiviertel Stunde an, um dann fast nicht weiterzukommen, weil ich zwar die Meldebestätigung meines Mündels dabeihatte, nicht aber meine eigene. „Dat Se inner Berliner Straße wohn tun, steht in Ihrm spanschn Personalausweis. Wat wees ick, wat die Spaniokln da rinschreim?“ Schließlich bekam ich eine Nummer und wartete noch eine halbe Stunde. Dann durfte ich bei einer sehr netten Dame vorsprechen, die zunächst erneut ihre Zuständigkeit prüfte und mir dann einen Haufen Antragsformulare übergab. Mit denen solle ich samt dem Mündel am 9.8. wiederkommen.

An besagtem Tag hielt sich die Warterei in Grenzen, ein anderer Sachbearbeiter prüfte allerdings erneut seine Zuständigkeit und stellte dann fest, dass die Dame, die mir obigen Brief geschrieben hätte, eine Bescheinigung hätte ausstellen müssen, aus der hervorgeht, dass sie nicht mehr zuständig ist.

Ich rief die Dame an, sie versprach alles zu erledigen, und es geschah nichts. Nach einem erneuten Telefonat, kam der sogenannte Einstellungsscheid, den ich flugs ans jobcenter in Steglitz weiterreichte. Der Beamte meinte, was er nun noch brauche, sei eine Zuweisung des Wohnungsamtes Charlottenburg-Wilmersdorf, damit er, bzw das jobcenter, die Wohnkosten übernehmen könne.

Dieses Papier wollte ich heute besorgen. In etwa 600 Metern vom Rathaus Charlottenburg fand ich einen Parkplatz. An der Tür von Zimmer 104 hing ein Zettel. Darauf stand, dass heute die Sprechstunde in der Königin Elisabeth Straße 49 stattfände. Dort bekam ich in 400 Meter Entfernung einen Parkplatz. In Zimmer 2073 war ich erstaunlicherweise sofort dran, fand mich aber erneut vor der Hirsebreimauer der Zuständigkeitsfeststellung wieder. „Dat der Kolleje in Stegliz jeprüft hat, schützt und ja nich vor Fehlern.“

Nach einigen Minuten der Zuständigkeitsfeststellungsarbeit hellte sich das Gesicht der Sacharbeiterin auf: „Steglitz is nich zuständich.“

Sie kramte einen Zettel hervor und erklärte „Det is n internet Rundschreibn vom Januar 2016, det liest keena. Drinne steht aba, dat wenn Vawandte zusammlebn, det Jeburtsdatum vom Familjenoberhaupt zuständichkeitsbejründend is.“

Sie gab mir einen Schrieb mit und schickte mich wieder zum jobcenter am Goslarer Ufer, wo ich einen Parkplatz in 700 Metern Entfernung fand. Nach 40 Minuten Schlange stehen kam ich dran, übergab das Schreiben worauf die Dame zunächst ihre Zuständigkeit prüfte. Nachdem sie damit nicht zurande kam, rief sie Martin an. Martin war nicht da. „Ick liebe et, wenn die Kollejn nich am Platze sin.“ Nun rief sie Stefan an und erklärte die Sache mit dem Geburtsdatum des Familienoberhauptes, in dem Fall der Tante meiner beiden Mündel.

Na jut, Stefan, aber die Tante is ja nu der Familjenoberhaupt (sic) und danach sin wa zuständich, wa?“ Offenbar bestätigte Stefan diese Vermutung und nachdem ich bereits sechs Stunden heute Morgen in dieser Sache verbraten hatte, bestellte man mich für Donnerstag um 8 Uhr ein, „weil, wir sin ja nu zuständich, aba die Anträje müssn se neu ausfülln.“ „Könnten Sie mir die Formulare gleich mitgeben?“ Nee, det is streng vabotn.“

„Aber in Steglitz hat man mir die Antragsformulare ausgehändigt.“ Wat die Kollejn in Steglitz machen tun, jeht mir nüschte an, hier isset vabotn.“

¡LA VIRGEN DE LOS COJONES!

 

 

Liturgischer Bauchtanz

Es gibt in Deutschland wohl keine Kirche, in der sich Hässlichkeit, Protz und Spießigkeit derart perfekt vereinen, wie im Berliner Dom. Nun, wir hatten Karten für das Weihnachtsoratorium und nahmen uns vor, uns dieses durch den erwähnten Dreiklang nicht verderben zu lassen.

Wir saßen vorne links vom Orchester, halbrechts vor uns die beiden Kesselpauken. Als die Mitglieder des Orchesters ihre Plätze einnahmen, begann heftiges Winken, die dritte Geige suchte und fand Tante Minchen in Block G, Reihe 5.

Als es mit Pauken und Trompeten begann, als der Chor mit „Jauchzet, frohlocket“ die Freude auf Weihnachten in die Welt singen sollte, wurde klar, dass die Musiker gegen die riesige Kirche nicht ankommen würden. Lag es an der Akustik, oder lag es an den Interpreten?

Der Dirigent hatte angeordnet, dass die Musiker aufstehen sollten, die gerade dran waren. Das war gut, denn die Nähe der Pauken bedingte, dass wir vom Rest des Orchesters nur Grundmurmeln wahrnehmen konnten, so aber konnten wir feststellen, wer gerade dazu beitrug. Der Paukist, der ja nicht immer trommelte, stand in seinen Pausen, die Schlegel im Anschlag, und schaute auf die beiden Pauken wie ein Koch, der darauf wartet, dass die Spiegeleier auf dem Herd fertig würden.

Der Chor gab sich redlich Mühe, der Evangelist, der auch die übrigen Tenorpartien sang, war exzellent. Bass, Alt und Sopran waren geradezu erschreckend unterschiedlich, aber womöglich lag auch das an der Akustik.

Die Dame an der ersten Geige, die immer dran war und deshalb auch immer stand, hatte gerade den Basiskurs für liturgischen Bauchtanz hinter sich gebracht, und zeigte uns nun, was sie schon alles gelernt hatte. Da links vom Orchester sitzend, sahen wir die Ergebnisse nur von hinten. Gut so, denn es bestand zu befürchten, dass sie die Interpretation des Bach’schen Verständnisses von Christi Geburt auch mimisch darstellte. Der Flug ihrer Haare verstärkte den Verdacht.

Irgendwo hinter uns saß ein Argentinier. Diese und die Nachbarn aus Uruguay erkennt man daran, dass sie nichts unternehmen, ohne ihre Thermosflasche unter dem Arm und das Behältnis für den Mate-Tee in der Hand. Wenn die Musik zum fortissimo anschwoll, wenn der Paukist die Schlegel wirbeln ließ, blubberte es hinter uns im Mate-Kürbis. Das trug weder zu meinem Seelenfrieden noch zum Musikgenuss bei.

Glücklicherweise aber wurde ich bald wieder abgelenkt, denn obwohl man nicht viel hören konnte, war doch ziemlich bald klar, dass die Holzbläserinnen sich nicht einig wurden. Abwechselnd fiel eine aus dem Rhythmus, auch gelang es nicht, eine durchgehende gemeinsame Lautstärke zu finden. Es hörte sich angestrengt an und so eine Oboe da Caccia ist ja auch wirklich nicht einfach zu spielen.

Überhaupt überkam mich langsam ein Gefühl der Nachsicht, denn die Musiker konnten ja nichts dafür, dass Kirchenbänke generell nach einer Stunde unbequem werden, und ich musste ehrlich zugeben, dass weder meine Sangeskünste noch mein Spiel auf den vier Saiten des Cellos ausgereicht hätten, dort mitzuspielen. Wo wir gerade dabei sind: das Continuo aus Kontrabass und Cello war wirklich gut. Die beiden Instrumente trugen, insbesondere bei den Solopartien, die Sänger durch die Weiten des Doms.

Am 7. Januar werden die Teile IV bis VI aufgeführt. Wir haben beschlossen, nicht hinzugehen.

Theater, aber warum so?

Theater, aber warum so?

In letzter Zeit waren meine Frau und ich zwei Mal in Theater. Im Berliner Ensemble sahen wir „Die Räuber“ von einem gewissen Friedrich Schilller. Das Stück hatte mit dem, was wir von „unserem“ Schiller kennen, wenig zu tun. Offenbar hatte es jemand „auf heute“ umgeschrieben. Schillers Sprachkunst ging dabei verloren. Karl von Moor und seine Getreuen mutierten zu einer Mischung aus Gewerkschaftlern und DDR Widerständlern.

Nur die abgrundtiefe Bosheit des Franz von Moor, war noch zu spüren: Er saß zu Beginn im Rollstuhl und mimte, er habe Parkinson. Als man ihn bereits bedauerte, sprang er auf und war quietschlebendig. So wusste nun auch der Blödeste: Obacht, der Kerl ist mies! Später betrog er seinen Vater und obendrein seinen Bruder um dessen Erbe und öffnete den Hosenstall vor Amalia, die aber Karl liebt. Etwas später, als seine Bosheit ins schier Unermessliche gesteigert war, stand er plötzlich nackt auf der Bühne, er, sein Charakter und seine Ziele waren entblößt. Die Buben und Mädchen aus den zusehenden Schulklassen kicherten.

Später kam es zum Verrat eines der Mitglieder aus Karls Bande, daraufhin wurde der Bösewicht auch ausgezogen, um zu zeigen, dass er jetzt nicht mehr dazu gehört.

Der Vorhang fiel, es war Pause. Außer den Schulklassen, die über das Erlebte einen Besinnungsaufsatz würden schreiben mußten, überlegten alle, ob sie nicht besser gehen sollten? Nur ein gebildeter alter Herr in der Reihe vor uns rief: „Halt, Amalia muss doch noch umgebracht werden!“ Auch dies konnte uns nicht aufhalten, wir gingen.

Am vergangenen Wochenende sahen wir in Nürnberg „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch. Wer kennte nicht dieses Stück aus der neunten Klasse Deutschunterricht? Ein Stück, das mit der Zeit an Realitätsbezug nur noch zugenommen hat, ein Stück, das uns im Unterbewusstsein durchs Leben begleitet hat.

Der Regisseur hatte die Handlung auf die Latten des Dachbodens des Biedermännischen Dachbodens verlegt. Anna, das Dienstmädchen und die Eheleute Biedermann turnten auf den Latten herum, Frau Biedermann fiel sogar herunter und verletzte sich offenbar schmerzhaft. Die Arme humpelte fortan. Die Brandstifter Schmitz und Eisenring turnten nicht, dafür schrien sie. Alle anderen Rollen waren weggelassen, womöglich aus Gründen des Budgets.

Der Regisseur hat sich ganz offenbar alle Mühe gegeben, jede Erinnerung daran, wie wir uns das Stück als Schüler gedacht hatten, im Keim zu ersticken.

Wir sind aus beiden Theatervorführungen enttäuscht, sogar zornig herausgekommen. Schuld daran waren die Regisseure, die so dick ihre eigene Deutung des jeweiligen Werkes aufgetragen hatten, dass für eigene Interpretationen kein Raum mehr blieb.  „Ich sehe die Sache so, denk darüber nach, nicht aber darüber, was der Autor gemeint haben könnte.“

Das ist nicht nur anmaßend, es ist auch verschreckend. Der Regisseur soll nicht seine Deutungshoheit plakatieren, vielmehr soll er sie so nuanciert einsetzen, dass der Theaterbesucher Lust hat, sich eigene Gedanken zu machen, statt sich über die Gedanken des Regisseurs Gedanken machen zu müssen.

Im Nürnberger Fall kommt hinzu, dass ein verantwortungsvoller Regisseur seine Leut nicht auf 15 cm breiten Balken ein paar Meter über der Bühne balancieren lassen sollte. Er hat ja schließlich eine gewisse Sorgfaltspflicht. Diese hat er übrigens nicht nur in Bezug auf die ihm anvertrauten Schauspieler, sondern auch seinem Publikum gegenüber. Die Zuschauer zahlen, und das sollte man nicht vergessen, den Teil des Etats unserer Bühnen, der nicht vom Steuerzahler subventioniert wird.

 

Böllern – ist ja nur ein Mal im Jahr

In Deutschland leben in erster Linie vortreffliche Menschen. Billigtextilien werden gemieden, Ihr wisst schon, wegen der Kindernäherinnen in Bangladesch. Nach dem Flug in den Urlaub wird fleissig geradelt und Tram gefahren, weil das mit dem „CO2 carbon footprint“ muss ja irgendwie in Ordnung gebracht werden. Fleisch? Igitt, das ist ja Tierquälerei. Ab und zu ein Hühnerbrüstchen, aber mehr wirklich nicht. Man sollte die Kinder erst gar nicht an Fleisch gewöhnen. Alle fühlen sich als vegane Menschen. Nur  ist das halt so wie mit dem Sozialismus: an der Umsetzung hapert es. Auto fahren ist des Teufels, die meisten Rostlauben stehen nur rum, aber manchmal, wenn die Eltern zu Besuch kommen, fährt man mit ihnen eben doch nach Potsdam und zu IKEA raus muss man halt auch ab und zu. Man lebt, konsumiert, isst, reist, arbeitet, genießt und redet bewusst: Rücksicht, Nachhaltigkeit, Verantwortung, Vorbild, Überzeugungsarbeit, Ehrlichkeit und soziales Engagement, das sich die verschiedenen Banner, die der Normal-Deutsche vor sich herträgt.

„Wir Konsumenten können eben doch etwas erreichen, im Supermarkt gibt es jetzt sogar Hühnchenflügel, weil wir nicht wollen, dass sie nach Afrika exportiert werden und dort den Bauern den Markt versauen“.

Wenn ich mir die Vortrefflichkeit um mich herum so ansehe, dann habe ich der Verdacht, diese Vorzeigemenschen pupsen nur auf dem Klo und dann mit vorgehaltener Hand.

Mit zunehmendem schlechtem Gewissen fahre ich ein bald sieben Jahre altes Auto mit Dieselantrieb. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, stelle ich mir vor, was ich meinen Mitmenschen feinstaubmäßig da so antue. Dann kann ich wirklich überhaupt nicht mehr schlafen. Wie ein grauer Schleier senkten sich die Kilos und Aber Kilos, die ich in diesen sieben Jahren an Feinstaub produziert habe, auf mein Bett und rauben mir Atem, Schlaf und das halbwegs gute Gewissen.

Dann kommt Silvester und Deutschland fällt in eine Feinstauborgie: Von 18 Uhr am Silvesterabend bis 4 Uhr am Neujahrtag werden in Deutschland 15% des Feinstaubs produziert, der im ganzen Jahr anfällt. Fast alle machen mit, die nicht mitmachen, billigen es.

Das ist doch nicht zu fassen: Da werden Milliarden in den Konsum gepresst, der zum großen Teil am Finanzamt vorbeigeht, weil Schmuggelware gekauft wird. Augen, Gesichter, Hände, Balkoneinrichtungen und Autos werden zerstört. Es wird ein riesiger Saustall auf den Straßen hinterlassen, und keiner tut wirklich etwas dagegen. Auf dem Prenzlauer Berg, wo die Vortrefflichkeit erfunden wurde, waren gestern nicht signifikant weniger Böller zu hören, als sonst wo.

Ich fasse es nicht! Wie allumfassend schizophren kann eine Gesellschaft für wenige Stunden werden?

Meine Familie und ich haben uns vorgenommen, immer an Silvester vortrefflich zu sein. Tröten sind auch lustig und Krach machen sie allemal. Aber Null Feinstaub.

 

Ringelnatz

Autobahn, nach langer schweigsamer Fahrt

Vater: Drüben am Walde

Kängt ein Guruh.

Warte nur balde

Kängurst auch du!

Sohn.: Mpf

V.: Das ist Ringelnatz!

S.: Und wer soll das sein?

V.: Joachim Ringelnatz war ein deutscher Dichter. Er lebte von 1883 bis 1934.

S.: Dichter? Das ist doch ein kompletter Scheiss, gibt doch garkeinen Sinn.

V.: Aber merkst du den nicht diesen tollen Umgang mit der Sprache?

S.:     Die Strass ist rund

Der See ist tief

Das tu ich kund

Wenn Nas ich schnief!

V.: Na super!

S.: Offenbar bemerkst du nicht meinen tollen Umgang mit der Sprache.

V.: Bei dir kommt ja auch nicht das Verb „känguren“ vor, ich kängure, du kängurst, er kängurt.

S.: Ich bitte dich! Du hast uns dazu erzogen, nur die Realität anzuerkennen. Keine Hirngespinste! Es ist für mich schon schwer genug, zu akzeptieren, dass du an Gott glaubst – keine Hirngespinste und so.

V.: Realität ist das Eine, aber jeder Mensch braucht in seinem Leben auch ein wenig Poesie.

S.: Das Verb „känguren“ zu konjugieren, das nennst du Poesie? Steigerung davon im Imperfekt? Ich kängurte, du kängurtest, er kängurte. Grenzt das dann schon an Goethe?

V.: Immerhin merke ich, dass ich die Kosten für deine Ausbildung gut angelegt habe.

S.: Lenk nicht vom Thema ab. Du sagst, wir sollten uns nur an die Realität halten, gehst aber am Sonntag in die Kirche, offensichtlich wegen der Realität, und dann spinnst du auch noch mit Poesie herum, die vor Realität geradezu trieft. Mann!

V.: Gerade dann, wenn das eigene Leben von den Realitäten diktiert wird, braucht man manchmal intellektuelle Freiräume.Ich fass es nicht!

S.: Jetzt gibt es offenbar schon mehrere Realitäten, die man allerdings nur in intellektuellen Freiräumen findet.

V.: Sag ich doch: „Warte nur balde, kängurst auch du!“

S.: Fuck!

V.: Hey!

S.: Dann eben „fuck it“. Das bezieht sich dann nur auf dein intellektuelles Freiraumgedicht.

V.: Damit kann ich leben.

S.: Ich habe bisher gut damit leben können, nicht zu wissen, wie man das Verb „känguren“ konjugiert. So ein Schwachsinn!

V.: Denk, was du willst, aber gerade dieses Gedicht hat mich schon oft in schwierigen Situationen wieder froh gemacht.

S.: Mann, musst du ein beschissenes Leben haben. Hilft dir mehr Gott oder die Poesie, wenn alles mies läuft?

V.: Manchmal hilft auch, von der Autobahn abzubiegen und zu Hause anzukommen.

 

 

Die Neue Nationalgalerie in Berlin

THE BACARDI PROJECT

Als wir neulich in der Philharmonie waren, liefen wir an der Neuen Nationalgalerie vorbei. Potsdamer Straße eben. Auf unserer Abiturs Klassenfahrt im Jahr 1970 sah ich dieses Gebäude zum ersten Mal. Unser Klassenlehrer, Wolfgang Lohan, der von allen geliebte und verehrte Öppi, war in erster Ehe mit der Tochter von Ludwig Mies van der Rohe verheiratet gewesen. Wenn wir ihn in seiner Wohnung besuchen durften, lümmelten wir, ohne dies zu ahnen, auf Original Barcelona Stühlen herum.

Als wir nach Berlin kamen, besuchten wir das geniale und vollkommen diaphane Bauwerk, das nur auf acht äußeren Säulen steht. Damals fragte man sich in Berlin schon nicht mehr, ob es halten würde, vielmehr wunderte man sich, dass es trotz dieser nur acht Säulen immer noch stand. Öppi verlor kein Sterbenswörtchen darüber wir nah er dem Bauwerk im Herzen war. Es war sein Sohn Dirk Lohan, der später in Chicago die spektakulärsten Wolkenkratzer baute, der als Enkel von Mies van der Rohe sehr eng bei Planung und Ausführung beteiligt war.

Erst viel später hörte ich von der bemerkenswerten Geschichte des Baus. Im Jahr 1957 bereits hatte Mies das Baukonzept eines Museumsbaus ohne Zwischenwände mit außenstehenden tragenden Säulen geplant. Die Rum-Familie Bacardi wollte in Santiago de Cuba darin ihre Kunstsammlung aufbewahren und ausstellen. Daraus wurde aus Gründen, die wir alle kennen nichts, und so schlummerte „The Bacardi Project“ in der Schublade, bis der Schweinfurter Industrielle Georg Fischer (Kugelfischer) den Architekten bat, das Museum in Schweinfurt zu realisieren, er brauche Platz für seine Bildersammlung.

Um es kurz zu machen: Mies van der Rohe reiste nach Schweinfurt und fuhr auch gleich wieder weg. Wer will ihm das verdenken? Er wusste ganz genau, dass dieser sein Entwurf ein Jahrhundertwurf war, und den wollte er nicht in einer unterfränkischen kleinen Industriestadt verwirklicht sehen. Perlen vor die Kugellager, fällt einem dazu ein.

Die Jahre gingen ins Land und dann meldete sich die Stiftung preußischer Kulturbesitz, man brauche ein neues Museum.

Mies war begeistert, er war ja nun auch kein junger Mann mehr und da sah er in dem Berliner Angebot seine letzte Change, „The Bacardi Project“ doch noch zu verwirklichen.

Unter kräftiger Mithilfe des Enkels Dirk Lohan wurde der Bau 1968 fertiggestellt.

Bei der Einweihung, ein Jahr vor seinem Tod, hüpfte der Architekt glücklich wie ein kleiner Junge durch den riesigen Saal, während alle anderen, vorneweg der eigene Enkel, dem Frieden nicht so wirklich trauten. Es handelt sich immerhin um eine Fläche von 2.683 Quadratmetern, die, wir hörten es, nur von acht außenstehenden Säulen getragen wird.

Dirk Lohan berichtet in seinen Erinnerungen, wie er beim Einweihungsempfang stets darauf geachtet habe, dass er sich nicht unter einem der Stahlträger, sondern dort aufhielt, wo die Kassettendecke nach oben einen Hohlraum freigab. Er rechnete sich dort beim zu erwartenden Einsturz des Gebäudes bessere Überlebenschancen aus.

Es ist denkwürdig, wohin sich Dank richten kann.

Ludwig Mies van der Rohe ist tot

Wolfgang Lohan ist tot

Dirk Lohan kenne ich leider nicht

Allen bin ich dankbar

In der Muckibude

Ich geh jetzt in die Muckibude! So heißt das natürlich nicht, sondern Bewegungsstudio, denn es ist für alte Menschen gedacht. Fitness würde sie verschrecken. Es wird Rückengymnastik angeboten und es gibt auch einen Raum, in dem Kraftmaschinen stehen.

Mir wurde gesagt 50 mal pro Aparillo. Zunächst habe ich das auch brav befolgt, eins – ha, zwei –ha, drei-ha…

Nun ist es ja so, dass Männer nicht zwei Sachen gleichzeitig machen können, zum Beispiel zählen und zuhören. Deshalb war meine Zählerei ganz falsch, denn das Panoptikum, das sich da abspielt, erheischt wirklich die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zeitzeugen.

Zunächst ist da Edith. Ihr Status ist unklar, aber sie ist immer anwesend. Ich nehme an, sie ist die Putzfrau. Da sie sich zu Hause langweilt, bleibt sie halt. Manchmal bringt sie Schmantkuchen mit, damit die abgearbeiteten Pfunde ja nicht verlorengehen. Wenn der richtige Trainer nicht hinschaut, gibt sie Anweisungen wie „Schultern zurücke, Mann.“ Der Mann befolgt das sofort und verdrängt derweil die Sorgen, die er sich wegen Ediths raumgreifenden Busens gemacht hat. Wenn Edith nicht aufpasst, unterhalten sich Herbert und Fritz. Der eine war Chemiker und der andere Straßenbauingenieur. Beide hadern irgendwie mit den Zeitläuften, was ich wie folgt manifestiert:

Ick war ja inner DDR Chemiker. Nu bin ick zu Hause und schau meiner Friedel über de Schulter wennse kocht. Kochen is ja ooch ´n chemischer Vorgang. Ick sare dir eens, wenn wir inner Chemie so jearbeitet hättn, wie meine Friedel kocht, dann wär die DDR schon viel früher pleite jegang. Ick hab vasucht, ihr richtijet Arbeetn beizubiejen. Oh Jemineh, hab ich Senge bezojen! Nu bin ick hier und tu so, als wenn ick träniere. Zu Hause bin ick nich mehr jern jesehn.

Bei solchen Lebensbeichten vergisst man natürlich ruckartig das Zählen.

Es hat Auftritt eine aufgedonnerte Mitsechzigerin, Pauline. Sie dreht immer nur eine Runde auf dem Standrad und berichtet von ihren Venenproblemen. Keiner will das hören und man ist froh, wenn sie fertig ist und von hinnen rauscht.

Na det is ooch so eene. Mit de Venen hatses, aber saufen tut se wie ´n Kanalgitta. Kiek ma aussm Fensta, schon hockt se drübn inner Eckkneipe.

Edith kommt vorbei und ermahnt Herbert die Knie durchzudrücken: Keene halbn Sachn, mein Freundchn. Bist ja nich zum Quatschn hier!

Da irrt Edith, denn genau deshalb sind alle hier. Fritz wundert sich nicht, dass die Kommunen so verschuldet sind: Dett kommt daher, dat se heutzutage nüscht mehr vom Strassenabu vastehn. Haste jesehn, neulich? Vorne ne Maschine, die macht den alten Belag wech, dann kommt lange, lange nüschte, dann feechtt eena und dann kommt wieder so´n Monstrum und kackt den neuen Asphalt uff de Strasse. Hinterher kommt ooch noch ne Waltze. Mann wat soll dat denn? Wir ham dat damals mit zwee Dutzend Mann jemacht. Und wenn wa zum Fertichstellungstermin nicht allet bei Fuss hattn, hamwa noch paar von den Politschen aus Hohenschönhausen anjefordat. Dat jing allet seinen sozialistischen Gang, und jut war et!

Ja,ja, Fritz schwärmt wieda vonner jutn altn Zeit, aber die Knie beinanderhaltn det kannste nich, wa? Das war jetzt wieder Edith.

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