Coronaopfer VI. Das Silberfischchen

Wer behauptet, er langweile sich nicht, der lügt. Man kann sich noch so viel vornehmen, irgendwann fällt jedem bei dieser Ausgangssperre die Decke auf den Kopf und es wird dann schwer, sich auszudenken, was gegen die Langeweile zu tun sei.

Meine Frau ist da besser aufgestellt als ich, denn sie ist Schweizerin, und als solche fällt ihr beim geringsten Betätigungsdefizit sofort fas Folgende ein:

MUSCH BUTZE!

Wer das nicht glaubt, der muss nur einmal die Staatsgrenze zwischen „la douce France“ und Helvetien kreuzen: Gestrichene Fensterläden, gepflegte Gärten, fleckenlose LKWs, ja sogar der Doubs scheint dort, wo er die Grenze bildet, auf der CH Seite in geordneteren Bahnen zu verlaufen.

Als ich einmal in Zürich aus dem Flieger stieg, sagte eine Mamá zu ihrem Kind im Zubringerbus: „Now we are in Switzerland. Everything is very tidy here.“

Nach dieser Einordnung komme ich auf meine häusliche Situation zurück, die mich mit Sorge erfüllt: Meine Frau hat mit dem Frühjahrsputz begonnen und droht, sollte die Ausgangssperre nicht bald aufgehoben werden, hinten wieder anzufangen, wenn sie vorn fertig ist.

Das könnte mir an sich egal sein, ist es aber nicht, weil ich befürchte, sie könne auf die Idee kommen, meine Hilfe einzufordern. A priori ist das durchaus legitim und ich füge mich dem auch nur mit leisem Murren. Dies ist allerdings nicht dem Umstand geschuldet, dass ich etwa nicht helfen wollte, sondern der Gewissheit, dass es zum Streit kommen wird.

Es ist nämlich so, dass die Vorstellungen meiner Frau und die meinen in puncto putzen, also nein, das sind wirklich Welten, die uns da trennen. Neulich habe ich ihr einen Staubsaugroboter geschenkt, der naturgemäß „by random“ durch unsere Zimmerfluchten brummt, seine Saugwege sind nicht vorherzusagen. Sofort behauptete meine geliebte Ehefrau, das Ding weiche dem Dreck nur aus. Jetzt saugt der Apparat bei meiner Tochter im Haus, zu deren Zufriedenheit, das nebenbei bemerkt.

Gestern war das Duschbad dran. Ich gebe zu, eine wirklich unangenehme Arbeit, die Arme musste unters Waschbecken kriechen und weil die Dusche so einen modernen seitlichen Abfluss hat, musste der auseinandergepopelt werden, und was sich darunter befand, war wirklich nicht erfreulich. Dessen ungeachtet verlangte sie von mir nur Hilfe auf der „halt mal eben das-Ebene“ und so. Ich war wirklich gerührt.

Später saß ich im blitzsauberen Bad und sinnierte, als sich am Boden etwas bewegte. Etwas Kleines Weißes huschte hin und her. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen: Ein Silberfischchen! Es musste sich vorkommen wie ein Überlebender nach einem Atombombenangriff. Ich stellte mir vor, wie Monsieur Silberfisch aus seinem Versteck heraus zunächst besorgt doch bald schon in heller Panik das Tun der putzenden Dame verfolgte. Silberfischchen sind keine Intelligenzbestien, aber sie kennen ihren natürlichen Feind: Die Sauberkeit an sich und sie übertriebene im Speziellen.

Der Arme muss gezittert haben, als eine weibliche Stimme rief: „Hans, wie macht mr de Schavelwasserflasche uff?“ worauf ein voluminöses Etwas das Duschbad betrat und die Flasche mit dem gefährlichen Bleichmittel tatsächlich öffnete.

Verkroch er sich noch tiefer in die Ritze, die ihm als Heimstadt diente, oder aber, im Krieg ist Information alles, verharrte er auf seinem Beobachterposten?

Sei dem wie es wolle, der Überlebende des Angriffs auf alles, was ihm lieb und schmutzig war, nutze die laue Abendstunde zu einem erholsamen Spaziergang, den er, ich gestehe es, nicht überlebt hat.

Hätte ich das Silberfischen verschont, wäre meine Frau vom Schlag hingerafft worden, wenn sei ihm begegnet wäre. Ich musste das pro und contra abwägen.

Und so ist das arme Silberfischchen zu einem weiteren Opfer der Coronakrise geworden.

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