La Habana an der Moldau

Als der eiserne Vorhang brüchig zu werden begann, besann man sich in Spanien wieder der alten Kolonie, dem sagenumwobenen, ja paradiesischen Kuba. Die Reisenden kamen mit Berichten nach Hause, die besonders die männliche Bevölkerung zu dem Entschluss brachten, auch einmal in dieses gelobte Land reisen zu müssen. Plötzlich gab es ab Madrid und Barcelona Direktflüge nach La Habana und meine beiden Partner in der Kanzlei, der eine noch ledig, der andere frisch geschieden, überlegten, dort eine Dependance aufzumachen, das hätte ja auch den Vorteil, dass die Flüge steuerlich absetzbar wären.

Es wurde nichts daraus, aber andere setzten die guten Vorsätze um, so nahm ein Notar einen Lehrauftrag an der Universität der Hauptstadt an, ein anderer beteiligte sich an einer Mineralwasserquelle. Wichtig war nur, einen Grund zu haben, öfters hinfliegen zu können, ja zu müssen.

Wenn Fidel stirbt, kommt die Nacht der langen Messer. Nur wer schon vorher dort ist, wird auch bleiben können. Das war die Devise.

Nach einigen Semestern besuchten den Lehrbeauftragten erste Praktikantinnen in seinem Notariat in Palma, und lernten mit Erstaunen, was Eigentum ist und dass man es übertragen kann.

Seltsamerweise waren es stets Damen, die sich dadurch auszeichneten, dass sie, um es milde auszudrücken, visuell wenig hergaben. Ich fragte den Notar, ob es auf Kuba nur Hässliche zur Notarin bringen könnten, worauf er nur antwortet, nein, nein, die Hübschen machten andere Sachen.

Als wenige Jahre später der eiserne Vorhang in Europa gänzlich verschwand, breitete sich sehr bald die gute Mär aus, in Prag, der goldenen Stadt an der Moldau herrschten ähnliche Zustände wie im doch etwas entfernt gelegenen Kuba. Bald gab es Charter Flüge zwischen Palma de Mallorca und Prag. Man könne am Freitagabend hinfliegen und am Montag in der Früh sei man schon wieder an seinem Arbeitsplatz.

Da machten sich auf auch Rafa und Pepe in das tschechische Land zu der Stadt die da heißet Praha.

Nun ist es ja so, dass bis vor wenigen Jahren die Kenntnis von Fremdsprachen in Spanien – besonders unter Akademikern – wenig verbreitet war. Die Kellner an der Playa de Palma konnten besser ausländisch als alle Ärzte, Anwälte und Steuerberater der Insel zusammen.

Die Sprachbarriere, die zunächst als Hindernis angesehen wurde, konnte bald geknackt werden, als sich nämlich herausstellte, dass es in Prag junge Damen gab, die im Zuge der brüderlichen und sozialistischen Hilfe Fidel Castro geholfen hätten, dessen Vorstellungen von Kommunismus in die Tat umzusetzen.

Ihr müsst nur in eine Bar gehen und lauft spanisch sprechen, das haut immer hin, denn eingeladen werden wollen sie alle.

Das klappte auch bei Rafa und Pepe hervorragend, bald schon kamen sie mit zwei bildhübschen Frauen ins Gespräch. Man tanzte, die Korken flogen nur so aus den Krimsektflaschen und schließlich landeten die vier in einem angesagten Restaurant, wo bei viel tschechischem Bier und gutem Essen das Weitere vorbereitet werden sollte.

Man redete über dies und das und dann machte Pepe den Fehler, davon zu sprechen, welches Glück die beiden Maiden doch hätten, dass der bekloppte Sozialismus endlich vorbei sei.

Die Minen der beiden Tschechinnen verfinsterten sich. Es stellte sich heraus, dass sie bei der kommunistischen Partei gearbeitet hatten, ein Traumjob, der leider bedingt durch die Zeitläufte verloren gegangen sei.

Pepe und Rafa befürchteten bereits, der investierte Schampus, die menschliche Zuwendung und die Powidl Datschgerln, die gerade zum Nachtisch serviert wurden, wären umsonst investiert worden, als Rafa eine rettende Idee hatte.

Er erhob sein Bierglas und rief laut in den Speisesaal hinein:

Viva Fidel Casto!

Da konnten auch die Ex-Sekretärinnen einstimmen, der Abend war gerettet und Pepe und Rafa erzählten noch wochenlang davon, dass Prag tatsächlich golden sei.

 

Gebet

Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, da rief eine entfernte Cousine meine Mutter an und bat sie, für ihren Sohn, nennen wir ihn Michael, zu beten, damit er morgens aufstünde, denn sonst ginge sein Weingut bachab.

Die so Aufgeforderte kommentierte die Sache beim Mittagessen wie folgt: „Erstens hat der liebe Gott Besseres zu tun, als dafür zu sorgen, dass der Michael aufsteht und zweitens denk ich, dass er gar nicht aufstehen will, also weshalb soll ich beten? Wenn der nicht will, geht das das Weingut flöten, ob ich bete oder nicht. “

Genau so war es dann auch.

Ich habe mich danach etwas mit dem Gebet befasst und dabei gelernt, dass es drei Grundsätze gibt, die man beim Beten beachten muss:

  1. Wenn ich für jemanden bete, muss dieser das wollen.
  2. Das Gebet muss konkret sein.
  3. Man darf nicht für Unmögliches beten.

Das Letzte ist am einfachsten zu verstehen: „Mach dass meine Puppe sprechen kann“ ist eine nicht erfüllbare Bitte, mit ihr darf Gott nicht belästigt werden.

Der erste Punkt ist schon schwieriger, kann aber etwas flapsig und damit um so verständlicher in diese Worte gefasst werden: „Ich darf nicht gegen den manifesten Willen eines anderen anbeten.“

Und unter zwei ist nicht anderes gemeint, als dass ich nicht diffus in die Welt hinaus beten darf, in der Hoffnung, dass der liebe Gott schon weiß, was ich damit meine.

Bis hier her wäre meine Mutter mir gefolgt, ab jetzt wahrscheinlich nicht mehr.

Vor wenigen Tagen stand ein Aufruf im facebook, der davon berichtete, am 3.1. 2020 hätten zwei Frauen einen Termin zur Abtreibung und wir sollten alle dafür beten, dass der Eingriff verhindert werde.

Wie kämen wir dazu?

Wir wissen nicht, für wen wir beten sollen. Muss sich der liebe Gott diese beiden Frauen raussuchen unter den leider vielen Frauen, die am 3.1.2020 einen Abtreibungstermin haben?

Offenbar haben sich die beiden Frauen zu dem Eingriff entschieden, also beteten wir gegen deren manifesten Willen an.

Der Entschluss, ein ungeborenes Leben abtreiben zu lassen, ist etwas so entsetzlich Grauenvolles, dass ich mir als Mann nicht zutraue, dessen Dimension auch nur annähernd begreifen zu können.

Ob dieser Entschluss mit Gott oder ohne Gott getroffen wurde, weiß keiner und niemand ist in der Lage, aufzustehen, um diese Frauen zu verurteilen.

Sogar dann nicht, wenn jemand zutiefst davon überzeugt ist, dass dieser Entschluss eine Sünde ist.

Sünde ist stets etwas Höchstpersönliches.

  • Aha! Ich darf also einem Mörder mit gezücktem Messer nicht in den Arm fallen?
  • Doch, denn Mord ist ein Verbrechen.
  • Und Tötung ungeborenen Lebens ist kein Verbrechen?
  • Nein, es ist kein Verbrechen. Bitte vergesst nicht, dass das weltliche Strafrecht vor dem religiös Verwerflichen steht. Glaube ist freiwillig, Gesetztestreue ist die Pflicht jedes Staatsbürgers.

Natürlich finde ich Abtreibung nicht gut. Aber wer sind wir Christen, um anderen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben?

Und was überhaupt nicht geht ist die Einlassung eines fb Freundes, der anbot, Geld zu zahlen, wenn die Abtreibung unterbliebe.

Christentum per Scheckbuch, das ist einfach pervers!

Meinungsfreiheit wie sie Peter Weber meint

In den sozialen Medien treibt sich schon seit Längeren Peter Weber herum. Dieser Herr, so hat es den Anschein, gehört zu denen im Land, die bei der Verteilung von Wohnstand mehrmals die Hand aufzuhalten pflegen. Ob er mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, oder ob er sich seine Maßanzüge aus eigenem Tun leisten kann, ist mit unbekannt. Jedenfalls kommt er sehr schick und eloquent herüber.

Zunächst hat er immer wieder mal etwas gepostet, um sich mit seiner Sicht der Dinge in die Diskussion einzumischen. Ich fand das gut, weil es gut ist, Meinungen auszutauschen, auch und selbstverständlich dann, wenn diese Meinung nicht die Meine ist.

Wenn alle die gleichen Ansichten hätten, müsste man die eigene ja erst gar nicht publik machen.

Nun hat Peter Weber unter dem Titel „Hallo, Meinung“ eine Plattform im Internet aufgemacht, auf der jeder der das will, seine Meinung sagen kann.

Herausgekommen sind kuriose Beiträge, die seltsamerweise fast immer mit dem konform gehen, was Herr Weber auch schon gesagt hat. Nur, und das ist erstaunlich, die Protagonisten dieser Beiträge sind sämtlich ungeübte Redner. Das ist ja auch ihr gutes Recht. Der offenbar nicht ungewollte Nebeneffekt ist, dass Meister Weber bei diesem Procedere als Lichtgestalt der Eloquenz rüberkommt. Dass er das „sch“ oft nicht aussprechen kann, spielt da schon keine Rolle mehr.

Nun hat Don Pedro eine Weihnachtsansprach bei „Hallo Meinung“ eingestellt. Es heißt, sie sei bewegend, kein Wunder, er titelt ja selbst auf seiner Plattform.

Aber was sagt er in seiner Ansprache? Zunächst freut er sich über den Erfolg seiner Meinungsseite. Nicht nur der deutschsprachige Raum, auch Leute aus den USA, den Philippinen, Australien und Neuseeland machten mit.

Und dann sagt er, er hätte nicht gedacht, dass er sich einmal in der Bundesrepublik Sorgen um die Meinungsfreiheit machen müsse. Es werde immer schwerer, das zu sagen, was man denke.

Komisch, der sagt doch grad seine Meinung und Leute aus dem deutschsprachigen Raum, den USA, den Philippinen, Australien und Neuseeland unterstützen ihn dabei, indem sie ihre Meinung sagen.

Es ist wirklich beängstigend, wie immer wieder etwas getan wird, und gleichzeitig davor gewarnt wird, dies bald oder bereits nicht mehr tun zu dürfen. Sozusagen ein letzter Aufschrei, bevor der Kiosk zugemacht wird.

Aber wie ist das mit der Meinungsfreiheit eigentlich? Früher brauchte man ein Medium, um diese verbreiten zu können. Man musste Journalist sein, oder einen Verleger haben, sonst hatte die eigene Meinung über den Rand des Stammtisches hinaus keine Wirkung. Die Freiheit der Meinung war gegeben, an ihrer Verbreitung aber haperte es.

Heute ist es anders. Nie war es so einfach, seine Ansichten im deutschsprachigen Raum, den USA, den Philippinen, Australien und Neuseeland so schnell, so kostenlos und so effizient zu verbreiten wie jetzt. Die sozialen Medien erlauben es jedem das, was vorher Stammtischweisheiten waren, in alle Welt hinauszuposaunen… und gleichzeitig zu behaupten, die Meinungsfreiheit sei in Gefahr.

Sagt mal, für wie doof hält uns dieser Peter Weber eigentlich?

Womöglich habe ich ihn aber auch nur falsch verstanden, denn klar ist ja, dass je mehr Meinung er verbreitet, desto mehr Menschen werden sich melden, um zu sagen, dass sie nicht seiner Meinung sind.

Das nennt man übrigens Meinungsfreiheit.

 

Bauen auf Ibiza.

In den Siebziger und Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war jeder auf Ibiza sein eigener Bauunternehmer.

Viele aus dem Ausland zugewanderte junge Abenteurer haben damals mit wenig Geld und viel Phantasie verfallene Fincas gekauft und wieder hergerichtet, wobei, es muss gesagt werden, die Frage der Baugenehmigung eine Marginalie war.

Das wirkliche Problem war der Mangel an Geld. Wer den Mörtel bei 35 Grad Celsius mit der Hacke anrührt, der sehnt sich nach dem Betonmischer, den er sich nicht leisten kann.

So kam einer meiner Freunde auf eine kluge Geschäftsidee: der Verleih von Baumaschinen. Er kaufte einen gebrauchten Dumper und eine gebrauchte Betonmaschine und verbreitete die gute Mär in den einschlägigen Bars rund um Santa Eulalia und Santa Gertrudis, in denen sich die erschöpften Bauherren abends trafen.

Bald schon bemerkte der Neuunternehmer, dass es unerlässlich war, die Geräte gegen Vorkasse zu vermieten, denn wenn das Dach repariert war und die Zisterne abgedichtet, war plötzlich kein Geld da und er guckte in die Röhre. Leider hat die Sache mit der Vorkasse dem Geschäft keinen Auftrieb gegeben, denn wenn jemand überhaupt Geld hortete, dann war es zu dem Zweck an Wochenenden den jam sessions im La Nada in der Calle Virgen teilnehmen zu können.

Wir dachten alle schon, die an sich brillante Geschäftsidee werde an den berechtigten Eigentümlichkeiten der sogenannten Hippies scheitern, als eines Tages Lutz mit einem etwas zu großen Auto vorfuhr und Dumper und Betonmischer gegen Vorkasse für zwei Wochen mietete.

Es entstand Aufbruchstimmung. Nachforschungen ergaben, dass Lutz ein Bauunternehmer, der erst kürzlich aus Deutschland zugezogen sei in den Bergen hinter San Rafael eine Finca gekauft habe, die er nun zu renovieren gedenke.

Etwas eingehendere Nachforschungen ergaben, dass Lutz in den vergangenen Jahren fast ausschließlich Bunker für die Bundeswehr gebaut hatte. Dabei war er sehr reich geworden und er war gern gesehener Gast bei allerlei militärischen Festlichkeiten.

Die Sache nahm ein abruptes Ende, als bei einer Umbaumaßnahme, die die Bundeswehr in Eigenregie vornahm, sich herausstellte, dass die Bunkermauern zwar tatsächlich einen Durchmesser von die Metern hatten, aber von außen nach innen betrachtet, aus einer Backsteinmauer, einem Hohlraum und dann wieder eine Backsteinmauer bestanden. Allerdings, und das wurde allgemein anerkannt, sah der Verputz einer fachgerechten Verschalung sehr ähnlich.

Wie dem auch sei, die Tage von Lutz, dem Bunkerbauer, waren in Deutschland gezählt und er zog nach Ibiza um. Damals war das noch eine erfolgversprechende Maßnahme, zumindest, was die Vermeidung eines polizeilichen Zugriffs anging.

Da der Herr alles im Voraus bezahlt hatte, war die Besorgnis nicht sehr groß, als nach vierzehn Tagen die Baumaschinen noch nicht wieder zurückgebracht waren. Nach drei Wochen aber machten sich der Jungunternehmer ein Freund und ich auf, um auf der Finca nach dem Rechten zu sehen. Immerhin, die Geräte waren noch da. Lutz und einige Kumpane lagen vollkommen bekifft auf einigen Polstern vor dem Kamin, wenn ich mich recht erinnere waren da auch noch einige wenig bekleidete junge Damen.

Bei der weiteren Besichtigung der Finca stellten wir fest, dass Lutz ein riesiges Badezimmer gebaut hatte, an dessen Decke etwa acht Duschköpfe angebracht waren.

Als wir uns fragten, was das denn wohl sollte, kam Lutz schwankend aus dem Haus und erklärte uns, viele Weiber brauchten eben viele Duschen.

Später hörte man immer wieder von legendären Orgien, die sich in den sanitären Anlagen von C‘an Xicu de Dalt zugetragen haben sollen. Wir drei wurden nicht eingeladen, weil wir im Unfrieden von Lutz geschieden waren:

Sowohl die Mischmaschine als auch in der Landefläche des Dumpers war voll mit festgewordenem Beton. Es hat Tage gebraucht, das rauszumeißeln. Darüber hinaus war es das Ende der Firma „Alquier de Maquinaria de Construcción.”

Was ist eigentlich Moral?

Die Zeitschrift „Christianity today“ sozusagen die Prawda der amerikanischen Evangelikalen, hat in der vergangenen Woche ein „Editorial“, einen Leitartikel, hinter dem die gesamte Redaktion steht, veröffentlicht, in dem sie dem 45. Präsidenten schlichtweg die Moral abspricht, die zur Führung eines solchen Amtes notwendig ist.

Die Wellen gingen in den USA natürlich hoch und ein frommer Unterstützer des Präsidenten meinte, der Leitartikel sei Quatsch denn natürlich hätte er es gerne, wenn der Pilot seines Flugzeuges nicht tätowiert sei und seit 30 Jahren dieselbe Frau habe, in dem Moment sei es ihm aber wichtiger, dass Pilot ihn sicher ans Ziel bringe.

Das ist offensichtlich gedanklich zu kurz gegriffen, denn von einem Piloten muss man nicht verlangen, moralisch zu sein, vom Präsidenten der USA aber schon.

Was aber ist Moral?

In unserer Jugend wurde uns suggeriert, Moral habe etwas mit Sexualität zu tun. Das ist erkennbarer Mumpitz, denn Sexualität ist eine Gabe Gottes, der Schöpfung oder der Natur, damit wir daran miteinander Freude haben können. Dass Sex ohne Ehe unmoralisch sei, dass sind Vorstellungen, die im vorvergangenen Jahrhundert Eingang ins Strafgesetzbuch gefunden haben.

Moral hat viel zu tun mit Konsequenz und viel zu tun mit Verantwortung. Noch mehr aber hat Moral zu tun mit der Achtung unserer Mitmenschen als gleichberechtigte Wesen, denen wir mit Ehrlichkeit und Respekt begegnen.

Warum Konsequenz und Verantwortung? Beides bezieht sich auf unsere Mitmenschen:

Wenn ich Erwartungen erzeuge oder Tatsachen herstelle, wie „Wir sind Eheleute, du kannst dich auf ich verlassen“ oder „du bist mein Geschäftspartner, wir ziehen das gemeinsam durch“, oder ich bin deine Mutter/Vater, ich weiß, was das bedeutet und du kannst auf mich bauen“, dann übernimmt man damit die moralische Verantwortung, dass diese Sätze nicht nur ernst gemeint sind, sondern auch Bestand haben werden.

Unmoralisch ist immer, selbstgesetzten oder von unseren Werten vorgegebenen Erwartungen nicht zu genügen, das bedeutet, dass Versprochenes (siehe auch contrat social, Rousseau) nicht eigehalten wird.

Nun gibt es ja Leute, die Versprochenes grundsätzlich nicht einhalten, allein schon deshalb, weil sie stets zu viel versprechen. Solche Zeitgenossen nennen wir Angeber und wir nehmen sie nicht ernst, sie sind weder moralisch noch unmoralisch, sie sind lächerlich.

Was aber, wenn eine lächerliche Gestalt ein hohes Amt ausübt? Kommt dann die Moral wieder ins Spiel? Zwar werden Kanaillen heute gewählt, aber zuerst ist da der Entschluss der Kanaille, sich wählen zu lassen. Die italienische Politik hat zu diesem Thema in den vergangenen Jahrzehnten erstaunliche Figuren geliefert. Man hielt das für normal, Italien eben. Aber jetzt? Überall auf der Welt wachsen wie Pilze Präsidenten, Premierminister, Parteiführer und Kronprinzen aus dem Boden, die sich nicht scheuen zu lügen, zu täuschen, Mord in Auftrag zu geben, vergangenes Unrecht bagatellisieren und die hart erkämpften Freiheitsrechte mit Füssen zu treten.

Das ist die Inkarnation der Unmoral, wenn Falschheit, Hintergehung, Menschenverachtung und Selbstsucht zur Maxime dessen erhoben werden, was als Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte.

Aber was ist nun Moral? Wenn man es simpel ausdrücken will, ist Anstand eine bilaterale Angelegenheit zwischen zwei Menschen.

Moral aber ist das multilaterale Geflecht, dass die Menschen, die Familien, die Staaten, kurz die Welt in die Lage versetzt, friedlich und im Ausgleich der Interessen miteinander koexistieren zu können.

Und die Moral von der Geschicht….?

 

Johnsons Erdrutschsieg (?)

Die deutsche Presse schreibt ständig vom Erdrutschsieg, der dem Premierminister Johnson eine so komfortable Mehrheit im Unterhaus beschert hat.

Das ist zweifellos richtig, und man nur froh sein, dass dem so ist, damit endlich das Gezerre um den Brexit aufhört.

Dessen ungeachtet bleibt der Brexit eine der größten politischen Dummheiten des 21. Jahrhunderts, da gehe ich mit dem John Club einig. Der besteht aus Elton John, John le Carré, John Bercrow und John Rotenhan.

Die Sache mit dem Erdrutsch verdient allerdings eine etwas nähere Betrachtung. Es ist nämlich so, dass die Tories zwar die absolute Mehrheit der Sitze bekommen haben, nicht aber die Mehrheit der Stimmen. Tatsächlich haben mehr Briten für Labour, Liberale und schottische Nationalisten gestimmt als für die konservative Partei.

Das britische Wahlsystem hat außer in den vergangenen Jahren stets für ein stabiles politisches System im Vereinigten Königreich gesorgt. Und mit der ihnen eigenen Disziplin haben die Briten die damit einhergehenden Ungerechtigkeiten ausgestanden.

Das britische Wahlrecht ist wirklich extrem ungerecht. Ich will es an einem Beispiel erklären:

Nehmen wir an, der Wahlkreis XY hat 100.000 Wahlberechtigte. Es stellen sich vier Kandidaten zur Wahl. Kandidat A und B bekommen je 25.000 Stimmen, Kandidat C bekommt 24.999 Stimmen und Kandidat D bekommt 25.001 Stimmen. Dann hat Kandidat D den Wahlkreis gewonnen und zieht ins Unterhaus ein. Allerdings fallen 74.999 Stimmen unter den Tisch und werden in keiner Weise berücksichtigt.

Dies erklärt, weshalb Johnson zwar im Unterhaus gewonnen hat, nicht aber auf der Straße.

Ich halte es für besorgniserregend, wenn in einer Frage, die schon bisher ein Land gespalten hat, nun Nägel mit Köpfen gemacht werden und mehr als die Hälfte der Wähler Parteien gewählt haben, die entweder gar nicht oder nur ein Bisschen für den Brexit waren.

Wie gesagt, es ist gut, dass nun das Gezerre aufhört. Ob das dabei erzielte Ergebnis dem Land gut tun wird, bleibt abzuwarten.

Du müsstest Buße tun!

Nach dem Mittagessen gingen wir immer hinunter ins Erdgeschoss, um bei unserer Großmutter „Käffchen“ zu trinken.

Dazu war es wichtig, die Sprachregelung zu kennen, denn für sie war Kaffee, der in kleinen Kannen serviert wurde, Mokka und Milch aus kleinen Kännchen Sahne. Es hätte Blümchenkaffee oder entrahmte Milch sein können. Es blieb bei Mokka und Sahne.

Es wurde alles besprochen, was so anlag, allerdings gab es zwei Themen, die immer wieder hochkamen. Das war zunächst der Umstand, dass sich unsere Großmutter darüber beklagte, immer weniger zu sehen. Die andere Sache, die sie sichtlich mehr bewegte, waren ihre Kommentare über zwei Familienmitglieder, die sie nicht ausstehen konnte.

Eigentlich war sie das Liebenswerteste und Verzeihendste, was man sich nur vorstellen konnte, aber diese beiden Herren der Schöpfung waren bei ihr unten durch. Ganz egal ob sie ein neues Auto kauften, beim Ehebruch erwischt wurden, einfach mal wieder ihre Unfähigkeit bewiesen hatten oder verdientermaßen gefeuert wurden, in den Augen und den Schilderungen unserer Großmutter waren sie nur schwer von Beelzebub zu unterscheiden. Sie ließ kein gutes Har an ihnen und betonte das auch immer wieder.

Damals waren die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten eng gesetzt.

Wenn ich das richtig einschätze waren für Großmutter diese Grenzen eigentlich die des preußischen Exerzierreglements. Da konnte man sich keine Extravaganzen erlauben, wer nicht spurte flog halt raus aus dem weiten, liebenden Herzen der alten Dame.

Das mit dem Augenlicht machte mir als kleines Kind schon Sorgen. Wir „Kleinen“ durften zwar zum Käffchen mitkommen, bekamen aber keine eigene Tasse. Meistens blieb es bei einem mit Kaffee vollgesogenen Stück Würfelzucker.

Damals kam unsere Großmutter jeden Abend die zwei Etagen nach oben, um uns dort vorzulesen. Besonders liebte ich die Geschichte um Klein Pea von Pearl S. Buck. Das war ein chinesischer Bub, der in einem Haus mit Fenstern aus Papier wohnte. Seine Lieblingsnascherei waren Tangulurs, mit Schokolade überzogene trockene Feigen auf einem Spießchen. Unser Entzücken war unbeschreiblich, als wir Großmutters bekannte Schritte auf dem Flur hörten und sie dazu wie der chinesische Händler „Tangulurs, Tangulurs“ rief. Den Schokoladeüberzug hatte sie, um Krach mit unserer Mutter zu vermeiden, weggelassen.

Wenn Großmutter immer schlechter sehen konnte, was passiert dann mit dem Vorlesen am Abend?

Glücklicherweise gab es ein Procedere, das sowohl die Augenprobleme als auch ihren Brass auf die beiden Taugenichtse regelmäßig auf Normalniveau brachte. Alle vier Wochen etwa, beklagte sie sich, nun wirklich nichts mehr zu sehen und die beiden Bösewichter hätten mal wieder gezeigt, wie Recht sie doch mit ihrer Einschätzung hätte.

Das war der Moment, dass unser Vater seiner Mutter sanft die Brille von der Nase zog und sie von einer undurchdringlichen Schicht von Staub und Fliegendreck befreite.

So wurde stets und wirksam die Operation am grauen Star verhindert. Wenn dies gelungen war, nahm Vater ihre Hand in die seine und sagte:

„Du musst beiden dankbar sein, dass sie immer wieder beweisen, Spitzbuben zu sein. Stell dir vor, es würde sich plötzlich herausstellen, beide wären ehrlich, treu, erfolgreich und wahrheitsliebend. Du müsstest ja Buße tun, weil du wider beide jahrelang falsch Zeugnis geredet hättest.“

Was ist eigentlich Ehre?

Als Kinder hatten wir ein Gesellschaftsspiel, das hieß Karriere. Zu unserem Amüsement verlor dabei unser Vater immer, weil er sich weigerte, unter den Rubriken Ruhm und Ehre Pünktchen zu sammeln.

Er sagte stets, Ruhm sei abzulehnen und Ehre habe man, man könne sie nicht erwerben. Ich nehme an, dass das mit seinen Erfahrungen im Krieg zu tun hatte, wo unter fragwürdigen Vorzeichen beides zu bekommen war.

Es war dann auch nur konsequent, dass er, als er den bayerischen Verdienstorden bekommen sollte, nach München schrieb, man solle doch den damit bedenken, der nach ihm drangekommen wäre. Der oder die würden sich ganz bestimmt mehr darüber freuen als er.

Der Ehrbegriff wird regional unterschiedlich wahrgenommen. In Spanien und Italien versteht man darunter etwas anderes als in Nordeuropa, Muslimische Familien definieren sich, so scheint es, ausschließlich über die Ehre, die schon dann verletzt ist, wenn eine Tochter nicht so heiratet wie der Vater oder die Familie es vorsehen. Wir wissen, dass es um diesen Ehrbegriff willen schon zu Morden gekommen ist und fragen uns zu Recht, wie weit es überhaupt möglich ist, unseren säkularen Ehrbegriff mit den Vorstellungen derer, die im Zuge der Globalisierung zu uns kommen und zu uns kommen werden, in Einklang zu bringen.

In unseren Ländern, die von Reformation und Aufklärung geprägt sind, ist Ehre etwas, das mit der Menschenwürde einhergeht. Ehre und Menschenwürde bekommt jedes Kind in die Wiege gelegt. Beide können und dürfen nicht weggenommen werden.

Ehre ist der Anspruch jedes Menschen so behandelt zu werden, wie jeder Mensch von andern behandelt werden will: mit Respekt. Das bedeutet Verständnis für die Ähnlichkeit oder Andersartigkeit unserer Mitmenschen. Das bedeutet auch, dass niemand, auch nicht Verwandte, versuchen dürfen, in den Lebensentwurf eines Einzelnen einzugreifen.

Im Gegensatz zur Menschenwürde, die auch dem gebührt, der sich unwürdig benimmt, kann man seine Ehre verlieren. Wer seine Ehre verliert, ist immer selbst daran schuld, da Dritte nie eines anderen Ehre aberkennen können.

Ehre ist ein zartes Pflänzchen, das jeder selbst pfleglich behandeln muss. Die Menschenwürde kann mit Füssen getreten werden, aber selbst der Gefolterte und der Folterer behalten sie. Der Gefolterte behält seine Ehre, der Folterer nicht.

Wenn das, was ich hier schreibe, richtig ist, dann braucht die Ehre keine Anerkennung. Sie ist eine Selbstverständlichkeit für die und den, die sich morgens im Spiegel anschauen können.

Damit sei niemandem die Freude und der Stolz abgesprochen, wenn der Bundespräsident sich anschickt, nicht zu pieken, wenn er den Orden ans Revers heftet.

Dennoch sind Ehrungen eigentlich eine peinliche Angelegenheit. Wenn jeder Mensch selbst dafür zu sorgen hat, dass er die Ehre nicht verliert, dann ist das Manifest machen derselben durch öffentliche Herausstellung eigentlich ein weißer Schimmel.

Manchmal kommt mir der Gedanke, die Allgemeinheit müsste einen Mechanismus haben, auf die zu zeigen, die die Ehre verloren haben. Aber das verbietet die Menschenwürde.

Dafür bin ich dankbar.

 

Was ist eigentlich Patriotismus?

Kommt von „patria“, Heimat. Sie ist mir schon in meiner frühesten Jugend begegnet als Werbespruch:

Bleib deiner Heimat treu, trink Rotenhan Bräu!

Patriotismus habe ich später in dreifacher Ausführung kennen lernen dürfen, den der Schweizer, den der Spanier und den der Deutschen.

Im CH-Land ist das ganz einfach: Alles in der Schweiz ist gut, richtig und schön, und wenn jemand eine Sauerei aufdeckt, dann ist er entweder ein Nestbeschmutzer oder ein „Uuslander“.

Spanischer Patriotismus geht anders: Alle sind sich einig, dass man nirgendwo besser lebt als im Land Spanien. Alle sind sich einig, dass der Staat Spanien ein Saustall ist, aber keiner ist bereit, etwas dafür zu tun, dass sich daran etwas ändert.

Mit Deutschland ist das – wie so meist – schwieriger. Als ich noch ein Kind war, gab es noch Reste von Patriotismus à la erste Strophe Deutschlandlied. Dem stand entgegen, dass meine Generation so gut wie kein Gefühl zu unserer Heimat hatte. Wir fanden, mit dem Begriff Patriotismus sei im 20. Jahrhundert schon genügend Schindluder getrieben worden, als dass man derlei haben müsse.

Es war ja auch schwierig! Seit 1914 waren die Deutschen immer die Bösen gewesen und zu allem Übel gab es auch noch zwei Deutschlands. Wir waren natürlich davon überzeugt, dass unser Deutschland das bessere sei. Als wir aber begannen nachzudenken, wurde uns klar, dass unsere Altersgenossen in der DDR im Zweifel annahmen, ihr Deutschland sei das bessere.

Irgendwie war das eine komplizierte Gemengelage und da war es die einfachste Lösung, auf den Patriotismus zu pfeifen. Und siehe da, es ging auch so. Es ist möglich, in einem Land zu leben, ohne auf dieses Land stolz zu sein.

Ist aber mit „Stolz auf mein Land“ Patriotismus hinreichend erklärt? Sicher nicht, denn als wir in den 60er Jahren begannen, unser Fühler über den Rhein, den Ärmelkanal oder die Alpen auszustrecken, bekamen wir zu ersten Mal zu spüren, dass es Menschen gibt, die der Ansicht sind, als Deutscher habe man keinen Grund, auf sein Land auch noch stolz zu sein.

Mit dem Erwachsenwerden bemerkten wir dann, dass Patriotismus uns weiter fremd blieb, aber wir stellten fest, dass wir Patrioten geworden waren. Wir waren dem Land dankbar, in dem wir unter geordneten Verhältnissen groß geworden sind, studieren konnten und sicher waren, einen Arbeitsplatz zu finden. Wenn wir Verwandte in der DDR besuchten, wenn wir mit dem Auto nach Polen oder Ungarn fuhren, dann stellten wir immer wieder fest, wie schön es ist, frei zu sein und als ich in Nordafrika war, wurde mir der Wert der Abwesenheit von Armut erstmals real bewusst.

Heute ist es wichtiger als je zuvor, darauf zu achten, dass Patriotismus nicht in Nationalismus umschlägt. Letzterer ist eine Ausschlussideologie und geht in der Regel mit Gebrüll einher. Ein Patriot ist eher still. Er muss nicht andauernd seine Identität hinausposaunen. Er steht zu dem Land, in dem er lebt, wobei es nicht notwendig ist, dass er auch dessen Staatsangehörigkeit besitzt.

Ein Patriot bricht allerdings dann sein Schweigen, wenn er bemerkt, dass das friedliche Zusammenleben in seinem Land gefährdet ist.

Mitterand hat einmal seinen Wahlkampf unter das Motto „La force tranquille“ gestellt. Ich glaube, er meinte mit der ruhigen Kraft eines Landes und seiner Bewohner den Patriotismus, den es braucht, um für sein Land einzustehen und dessen Werte zu verteidigen.

 

 

Was ist eigentlich Bildung?

Neulich habe ich einige Zeit auf einem der Berliner Trödelmärkte verbracht und mich über mich selbst amüsiert, weil ich die Symbole auf dem zu Massen angebotenen Porzellan mühelos erkannte, über die in Gläser eingeschliffenen Wappen regierender Häuser referieren konnte, aber keine Ahnung hatte, wozu das viele technische Gerät nütze sei, geschweige denn, wie man es zu bedienen hat.

Ich bin das typische Produkt einer bildungsbürgerlichen Gesellschaft, in der es wichtig war, dass die jungen Leute eine breit gefächerte Allgemeinbildung hätten, denn das für den Broterwerb notwenige Spezialwissen, käme ja sowieso später obendrauf. Um es verkürzt darzustellen, unseren Eltern war es wichtiger, dass wir Konversation machen und uns anständig benehmen konnten, als dass Wert darauf gelegt wurde, an dem enormen Fortschritt von Wissenschaft und Technik, den es ja auch schon vor 50 Jahren gab, teilzuhaben.

Heute besprechen wir Alten, dass es eine Schande sei, dass junge Spanier schon nicht mehr wissen, wer Franco war, dass Rapper vollkommen geschichtsvergessen menschenverachtende Sätze über Auschwitz in ihren Texten unterbringen, aber keiner mehr weiß, wann denn die Keilerei bei Issus sattgefunden hat.

Und wenn gefragt wird, wer denn zu Jesu Geburt Landpfleger in Syrien war, kommt beileibe nicht „Cyrenius war’s“ als Echo zurück. Kurz, das quasi enzyklopädische Wissen, das wir alle beim bestandenen Abitur mehr oder weniger intus haben, kann bei heutigen Schülern nicht mehr abgefragt werden.

Nun frage ich mich natürlich, wozu meine Bildung gut war. Unzweifelhaft hat es mir stets Vergnügen bereitet, Kultur zu konsumieren und zu verstehen. Sicherlich hat es meine Lebensfreude und -qualität verbessert,  und es war mir stets wichtig, zumindest was die europäische Geschichte angeht, diese zu verstehen und sie anderen erklären zu können.

Aber hat es was gebracht?
Bildung wird vermittelt, damit das angereicherte Wissen nutzbringend wieder in den gesellschaftlichen Kreislauf eingebracht wird. Da habe ich vollständig versagt. Etwas übertrieben behauptet mein Bruder (er lebt in Bremen, mehr ist dazu nicht zu sagen) wir seien alle Sumpfblüten des Spätkapitalismus. So ganz unrecht hat er nicht, denn zu Beginn der Bonner Republik war der Zugang zu Bildung noch strikt an Einkommen und Status gekoppelt. Zum Erstaunen der bildungsbeflissenen Eltern entwickelten sich deren Sprösslinge nach links und daran krankt die SPD bis heute, denn gebildete Bürgersöhne und -töchter mit SPD Parteibuch, das war eigentlich nicht im Sinne des Erfinders.

Unterdessen hat sich das grundlegend geändert. Wenn heute von Bildung gesprochen wird, dann sind damit Fertigkeiten, vulgo „tools“ gemeint, die den jungen Menschen dazu befähigen, wenigstens einen Teil dessen, was jährlich an „neuem Wissen“ hinzukommt zu verstehen und zu bewältigen. Das Wissen der Menschheit ist unterdessen so immens angewachsen, dass das noch vor einigen Jahrzehnten gängige Konzept von Bildung einfach nicht mehr greift.

Ich finde das gut. Ich kam mir sowieso schon seit Jahren mit meiner tollen Allgemeinbildung lächerlich vor. Ich bin ja nichtmal im Stande, meinen PC wieder in Ordnung zu bringen, wenn ich aus Versehen auf‘s „falsche Knopferl druckt hab“.

Ich finde es gut, dass Zugang zur heute gefragten Bildung über Grips läuft. Ich finde es gut, wenn heute Expertise vor Benimm geht und Fleiß mehr wert ist als Herkunft.

Aber nehmt’s mir nicht übel, ich werde mich nicht mehr ändern und ich werde mich nach wie vor freuen, wenn ich Höchster Porzellan auf dem Trödelmarkt erkenne, oder wenn ich weiß, weshalb an der Festung im brandenburgischen Senftenberg das sächsische Wappen prangt.

Wahrscheinlich hat mein Bruder mit der Sumpfblüte doch Recht.