Tante Franzis hätte niemals AfD gewählt.

Tante Franzis zu widersprechen war milde ausgedrückt unklug. Sie sprach nur und immer ex catedra, was sie mitnichten von ihren sieben Schwestern unterschied. Allerdings war sie die Jüngste und deshalb nahmen die Geschwister sie bis ins hohe Alter nicht ernst.

Das war der Grund, weshalb sie ihre Weisheiten an ihren Enkeln und Neffen ausließ. Eines Tages, es war kurz nachdem die NASA einen unbemannten Satelliten auf den Mond geschossen hatte, erklärte sie uns:

„Wenn man den Mond mit einer Stecknadel berührt, dann verändert sich bei uns das Wetter.“

Sie meinte das Klima. Wetter oder Klima, das war in Franken ebenso synonym wie Qualm und Dampf.

Wir tippten uns im Geiste an den Kopf und dachten „die Tante Franzis spinnt.“

Unterdessen hat sich herausgestellt, dass sich das Klima tatsächlich verändert und ich überlege, ob wir damals der Tante Unrecht angetan haben.

Mit dem Stecknadelpiekser hat sie sich deutlich als Anhängerin der Theorie geoutet, nach der der Klimawandel menschengemacht ist. Das beruhigt mich ungemein, denn somit ist klar, dass Tante Franzis ganz bestimmt nicht AfD gewählt hätte.

Mir geht das AfD Gerede über den Klimawandel, beziehungsweise um sein Nichtvorhandensein zunehmend auf die Nerven und zwar deshalb, weil das Hauptargument ist, er könne nicht menschengemacht sein.

Damit provozieren die Rechtsradikalen regelmäßig alle, die sich wegen des Klimawandels Sorgen machen und schwupps, schon redet man nichtmehr darüber, ob denn das Klima sich tatsächlich wandele oder nicht, sondern nur noch darüber, wer daran schuld oder nicht schuld sei.

Das ist kindisch, so wie wir auf dem Sandhaufen immer auf den anderen gedeutet haben, wenn wieder mal etwas kaputt gegangen war. (Der war’s!)

Es ist ziemlich egal, wer am Klimawandel schuld ist. Feststeht: Er ist da!

Immerhin hat das gesteigerte Interesse am Klimawandel dazu geführt, dass es Kräfte bindet. Man schimpft zwar weiter auf die Dame Merkel aber nicht mehr wegen der Flüchtlinge, Islamisierung und Volksaustausch.

Die Klärung der Schuldfrage beim Klimawandel führt aber keinen Schritt weiter. Lassen wir also diese Diskussion und konzentrieren wir uns darauf, zu überlegen, was getan werden muss.

Tante Franzis hätte auch hierzu eine ex catedra Meinung gehabt. Aber sie ist schon lange tot.

 

 

Der totgefahrene Hase

Im Juli 1967 überfuhr ein Mann auf dem Weg zur Frühschicht einen Hasen. Da das im Wald zwischen Rentweinsdorf und Salmsdorf passierte, war klar: „Der Hos ghörd den Rodenhon“. Der Fahrer nahm den Hasen mit. Nach der Arbeit, sprich acht Stunden im Auto an der Sonne, brachte er das tote Tier zum Förster Elflein, wie sich’s gehört.

Nachdem der Hase ausgenommen war, wollte der Forstmann das wilde Tier dem Haushalt meiner Eltern zuführen, wurde aber auf dem Schlosshof von unserer Großmutter abgefangen, die den Hasen an sich nahm. Eine ihrer Töchter lebte im Schwelm, irgendwo im Ruhrpott oder so. Klar, dort lebte man recht und schlecht und Hasenbraten gab es auch nie.

Der Hase wurde wie er war, in zwei Ausgaben des Fränkischen Tags gewickelt, in einen Karton gesteckt und am nächsten Tag, einem Freitag, zur Post getragen.

Zugestellt wurde das Tier erst am Montag, da war es schon sechs Tage tot. Das Paket roch und als die Empfängerin es auspackte, kam ein stinkender, von Maden befallener Feldhase zum Vorschein.

Es war ekelhaft. Mit der einen Hand klemmte sie sich die Nase zu mit der anderen warf sie das ganze Paket in die Abfalltonne. Bald schon beschwerten sich die Nachbarn und so musste im eher kleinen Garten ein Begräbnisplatz für den Hasen gefunden werden. Das Verpackungsmaterial wurde verbrannt.

Nachdem all dies vollbracht war, rief unsere Tante ihre Mutter an und verpasste ihr einen Anpfiff, der noch lange Wellen schlagen sollte. Sie habe die ewige Fürsorge bis an die Hutschnur, das sei erniedrigend, wenn man andauernd suggeriert bekäme, es ginge einem schlecht und Mann und Kind nagten am Hungertuche, und dann auch noch mit der Post einen toten Hasen zu schicken! Nein, sie verbäte sich das und wenn das nicht aufhöre, würde sie ihre Enkel niemals wiedersehen, das volle Repertoire halt.

Großmutter war geknickt und gleichzeitig erbost, denn so konnte man mit ihr nicht umspringen. Zu unserem Vater sagte sie, sie habe es doch nur gut gemeint. Der machte die Sache auch nicht besser, indem er ihr antwortete, gut gemeint sei das Gegenteil von gut.

Die alte Dame schmollte und wollte die Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Was macht man in so einer Situation? Man schreibt an den Postminister. Das war damals Werner Dollinger, aus Bad Neustadt. Zwar war er nicht der Abgeordnete des Wahlkreises Bad Kissingen, aber immerhin lebte er in seinen Grenzen.

Sie berichtete ihm von dem Missgeschick, von dem verdorbenen Hasen, von der späten Zustellung erst am dritten Tag und das das alles doch ein Skandal sei. Der Brief gipfelte in der Feststellung, beim Kaiser sei derlei nicht vorgekommen.

Und was machte der Postminister? Nicht etwa beauftragte er seinen Referenten der wohl etwas wirren Absenderin klarzumachen, dass nach dem Postbeförderungsgesetz tote Tiere nicht verschickt werden dürfen.

Nein, damals wussten Postminister noch, was sich gehörte. Er schrieb einen persönlichen Brief und entschuldigte sich namens der Bundespost für den ungeheuerlichen Vorgang.

Großmutter hatte nichts anderes erwartet.

Das Sündenschmierchen

Das Frühstück war die einzige Mahlzeit, zu der man nicht pünktlich kommen musste, aber das war reine Theorie, denn am Werktag mussten wir um 8 Uhr in die Schule gehen und am Sonntag war um 9 Uhr 45 Gottesdienst.

Zum Frühstück gab es immer Brötchen. Im Dorf gab es damals noch zwei Bäcker, der Wills Beck und der Horns Beck.

Die Eltern tranken Nescafé und wir bekamen Malzkaffee aus dem Hause Kathrein. Davon wurde immer zu viel gebraut, damit am Nachmittag in der Küche eine emaillierte Kanne stünde, an der wir unseren Durst löschen konnten. Ich liebte es, verbotenerweise aus der Tülle zu trinken, und wurde zu meiner Verwunderung nie erwischt.

Als Aufstrich gab es Butter und Marmelade. Beides durfte nur ganz dünn aufgetragen werden. Nur Pflaumenmus durfte zentimeterdick drauf. Das lag daran, dass unser Vater im Krieg einen Österreicher kennen gelernt hatte, dem immer alles „Powidl“ war. Und wenn das wieder mal passierte, dann fragte er hernach „Wissen’s was dös is? – Pflaumenmus.“ Immerhin hatte dieser Herr unserem Vater erklärt, dass Powidl nur dann nicht honiggleich vom Brot rinnt, wenn man es mit der Schale einkocht, dann wirken die eingerollten Schalenreste wie kleine Tragebalken. Und so gab es bei uns ungezählte 1 Liter Weckgläser mit Powidl, den wir allein wegen der erlaubten Menge liebten.

Am Sonntag gab es für die Erwachsenen ein Ei. Wir Kinder kamen in diesen Genuss erst nach der Konfirmation. Begründung? Gab es keine, es war einfach so.

Wenn Gäste kamen, wurde manchmal zum Frühstück Käse serviert. Das grenzte in unseren kindlichen Augen an Dekadenz, obwohl wir Käse natürlich nicht mochten.

Einmal war Onkel Ullo zu Besuch und am Sonntag gab es Eier, Emmentaler, Quark und Powidl.

Onkel Ullo strich sein Brot genüsslich dick mit Butter, was wir schon bedenklich fanden, dann packte er Powidl drauf, das durfte er ja, aber dann – Sakrileg – strich er sich noch Zieberleskäs drauf, so hieß Quark damals noch in Franken. Wir Kinder beobachteten das Spektakel mit offenem Mund, so etwas hatte es noch nicht gegeben.

Vater, Onkel Ullo war sein Vetter, schmunzelte, aber Mutter blitzte ihren Mann aus bösen Augen an. Wollte sie so die Verschwendung ahnen oder dachte sie nur an das schlechte Beispiel für die Kinder?

Als der Gast weg war, erklärte uns unser Vater, dass der Onkel nach dem Krieg in Schlesien alles verloren hätte, die Flucht sei furchtbar gewesen und im Westen habe er nie Fuß fassen können, deshalb könne man ihm am Sonntag mal sowas gönnen.

Mutter sagte nur „Dass ihr bloß nicht auf die Idee kommt, euch solche Sündenschmierchen zu machen“.

Die Idee hatten wir schon, aber das Wort hatte uns bislang gefehlt. Und nun versuchten wir bei jedem Frühstück, ein Sündenschmierchen zuzubereiten. Dick Butter genügte schon, oder zwei verschiedene Marmeladen und, schwierig nicht erwischt zu werden, Zucker auf die Butter und darauf Marmelade. All das waren Sündenschmierchen und wenn wir unentdeckt blieben, war der Hochgenuss noch „höcherer“.

Jesus verraten

Gestern las ich einen Beitrag, in dem jemand schrieb, es gäbe in den Parlamenten aber auch anderswo viele Menschen, die wegen der Ehe für alle und der Fristenlösung bereit wären, Jesus an Marx und Moslems zu verraten.

So schön die Alliteration auch sein mag, die Aussage ist dennoch abwegig, denn weder Moslems noch Marxisten beschäftigen sich vorwiegend mit der Ehe für alle noch mit der Fristenlösung.

Was der Autor sagen will, ist, daß beides, die Ehe für alle und die Fristenlösung gegen Gottes Gesetz verstoßen und deshalb deren Befürworter Verrat an Jesus Christus verüben.

Eine gewagte These; der ich nicht nachgehen möchte, da ich nicht Theologe bin.

Aber das Parlament, das ja spätestens seit Caesar (et tu mi fili Brute?) ein Hort des Verrats ist, das sollten wir uns näher anschauen.

Das Haus, in dem die vom Volk gewählten Abgeordneten zusammenkommen, heißt mit gutem Grund Volksvertretung.

Die Messlatte ist dort nicht die individuelle Überzeugung jedes einzelnen Parlamentariers, sondern deren Summe. Dort werden nicht nur gläubige Christen vertreten, sondern auch Andersgläubige und auch solche Menschen, die an gar nichts glauben, kurzum ein Ort, der zum Jesusverrat denkbar ungeeignet ist.

Christen aber auch zum Beispiel Moslems gehen davon aus, dass Ihr Glaubenskonstrukt allumfassend, allesstützend und alleingültig ist. Es ist für sie schwer verständlich, dass ein säkulärer Staat auch andere Bekenntnisse oder Ansichten berücksichtigen, schützen und gewährleisten muss. Daraus ergibt sich logischerweise, dass die Normen des Rechtsstaates stets und immer über denen der verschiedenen Bekenntnisse stehen.

Was für den Gläubigen seine Bibel, sein Koran ist, ist für den Staat die Verfassung und diese lässt sich in einem demokratischen Rechtsstaat auf einen Satz kondensieren: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Die Einsicht kam zwar spät, aber nun haben die meisten Menschen begriffen, dass die Ehe für alle eine Folge der Achtung der Menschenwürde ist. Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung von dem auszuschließen, was der Staat selbst als schützenswert ansieht, war diskriminierend. „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Staates“ sagt das deutsche Grundgesetz.

Wen zwei Menschen des gleichen Geschlechts ehelich zusammenleben, schaden sie damit niemandem.

Das mag bei der Fristenlösung anders sein. Unbestritten ist, dass der Rechtsstaat allen Frauen ein Mittel an die Hand geben muss, um Schwangerschaften abzubrechen. Seltsamerweise bestreiten das fast nie Frauen, aber fast immer Männer.

Wie dem auch sei, die Menschenwürde gebietet es, dass eine Frau über sich und ihre Nachkommenschaft entscheiden können muss. Das hat der Gesetzgeber so entschieden, wohlwissend, dass, sollte sich eine Frau zum Schwangerschaftsabbruch entscheiden, dies stets eine Entscheidung zum Nachteil des ungeborenen Kindes ist. In einem säkularen Rechtsstaat gilt die Regel, dass bestehendes Leben mehr gilt als entstehendes Leben.

Das kann man richtig, falsch oder verwerflich finden. Das entscheidet jeder nach seinem Bekenntnis, und dieses, ich wiederhole mich, rangiert unterhalb der jeweiligen Verfassung.

Es ist jedermann erlaubt, dafür zu arbeiten, dass möglichst wenig Frauen die Schwangerschaft unterbrechen. Die Abschaffung einer entsprechenden gesetzlichen Regelung aber wäre ein erster Schritt weg von der Demokratie und hin zum Gottesstaat.

Fazit: Wer beklagt, dass in den Parlamenten Jesus an M&M oder wen auch immer verraten wird, der hat entweder im Fach Staatsbürgerkunde geschlafen, oder aber, er will unsere Demokratie abschaffen.