Menschenwürde V

Das Recht, keine Angst haben zu müssen.

Die elementarste Erinnerung an die Angst stammt bei den meisten Menschen aus der Kindheit. Es gab die eingebildete Angst, bei mir zum Beispiel vor dem Bobbelooz, der in den Tiefen des Rentweinsdorfer Schlosses wohnt, da ist die Angst vor Gestalten aus einem Märchen, das man sinnigerweise als Gutenachtgeschichte vorgelesen bekommen hatte. Es gibt aber auch die ganz konkrete kindliche Angst vor dem gewalttätigen Vater, Onkel oder Bruder, und ganz besonders schrecklich, die schleichende Angst vor ständiger Erniedrigung und sexuellem Missbrauch.

Wenn wir uns genau zurückerinnern, stellen wir fest, dass wir uns nie einsamer  und alleingelassener  vorgekommen sind, als in diesen beschriebenen Angstzuständen. Angst kann man eigentlich nur allein haben. Zwar haben wir alle ein Photo im Kopf, auf dem zwei Kinder sich ängstlich aneinanderklammern, allerdings haben auch sie wahrscheinlich nicht eine gemeinsame Angst, vielmehr tun sie sich zusammen, um die jeweils eigene Angst gemeinsam besser ertragen zu können.

Mit zunehmendem Alter und hoffentlich damit einhergehender Reife stellt man fest, dass Angst eigentlich immer etwas Irreales ist. Auch die Angst vor dem zähnefletschenden Hund ist imaginär, denn tatsächlich haben wir Angst davor, dass er zubeißen könnte, Konjunktiv.

Die Angst ist immer ein Zustand, der noch nicht da ist, aber der kommen könnte. Ein krasses, erklärendes Beispiel: Wer hungert hat nicht Angst vor dem Hunger, er fürchtet den Hungertod.

Die deutsche Sprache ist da sehr genau. Wir haben nicht Angst für, nach oder auf etwas, wir haben Angst vor etwas, was noch vor uns liegt.

Das Imaginäre der Angst macht sie zu einem so beliebten Werkzeug für Fanatiker. Wer Macht über uns ausüben will, der schürt die Angst. Bekanntestes Beispiel: Der Höllenschlund. Millionen und Abermillionen von Menschen auf der gesamten Welt würden anders leben, wenn ihre jeweiligen Religionen nicht Verhaltensmuster predigten, bei deren Nichteinhaltung dem Einzelnen nach dessen Tod Ungemach droht. Obwohl die vorhergesagten Übel noch von niemandem verifiziert werden konnten, funktioniert der Trick seit Menschengedenken. Das macht alle Religionen der Welt so suspekt: Sie arbeiten alle mit diesem Trick.

Politische Angstmache greift da etwas kürzer, aber natürlich nicht weniger wirkungsvoll: Wenn das so weiter geht, wird euer Lebensstandard absinken. Nicht ihr, sondern Fremde werden die Früchte eures Fleißes ernten. Ebenso diffus wie die immer präsente Angst, in die Hölle zu kommen, ist die Angst, die eigene Identität zu verlieren. Das an sich blödsinnige Wort „Umvolkung“ findet als „timorfactor“ schnell zur rechten Zeit sich ein.

Im Kanton Glarus, wo es handverzählt etwa 27 Ausländer gibt, hatte die „Ausschaffungsinitiative“ den größten Erfolg. Pegida mit ihrem Fremdenhass ist dort am erfolgreichsten, wo es in Deutschland am wenigsten Migranten gibt, nämlich in Sachsen.

Kaum ist der Umstand, vor dem Angst geschürt, wird konkret erkennbar, wird sofort verstanden, dass es so dolle nun auch nicht gekommen ist.

Angstmache ist immer und per definitionem Lüge und damit Manipulation. Das Selbstbestimmungsrecht, das alle westlichen Verfassungen garantieren, verbietet implizit Angstmache als verfassungswidrig.

Bisher hat noch niemand sein Recht auf Angstfreiheit gegen die „Gottsöberschdn“ eingeklagt.

Es wäre allerdings des Schweißes der Edlen wert, dies einmal zu versuchen. Vertreter von Versicherungen, Parteien, Kirchen und noch ganz viele andere würden erbleichen. Angstfreiheit würde zu Aufmüpfigkeit führen, quel horreur!

 

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