Frauen selber schuld?

Ich ärgere mich maßlos, wenn pubertäre Jugendliche aus den arabischen Ländern behaupten, sommerlich bekleidete Frauen seien selbst dran schuld, wenn sie vergewaltigt würden. Nicht nur machen sie damit klar, dass in ihrem Wertesystem die Frau höchstens ein Objekt ist, sie versagen ihr darüber hinaus das Selbstbestimmungsrecht, das Recht auf Gleichheit und das Recht auf Unantastbarkeit des eigenen Körpers. Das wissen wir, das tadeln wir, darüber schütteln wir den Kopf und lehnen es ab.

Was bisher noch nicht so oft diskutiert wurde ist die Tatsache, dass diese Jugendliche sich selbst disqualifizieren. Offenbar ist schon der Prophet Mohammed davon ausgegangen, dass der Mann derart hilflos seinen Trieben ausgesetzt ist, dass man die Frau vor ihm verstecken muss. Viele arabische Männer halten sich für ständig notgeile Priapen, sonnen sich im „Glanze“ ihrer immerwährenden angespannten Männlichkeit und stellen sich damit ungewollt auf eine Stufe mit Primaten, die in den Urwäldern von Baum zu Baum und von Weibchen zu Weibchen springen. Das kann doch nicht der Sinn der Sache sein.

In der Schulzeit erzählte uns der Lehrer, Triebverzicht sei eine der wichtigsten Quellen für das Entstehen von Hochkulturen. Wir fanden das natürlich doof, weil uns Kultur wurscht war und im Übrigen die Hormone zwickten. Und dennoch haben wir uns mit mehr oder weniger Erfolg zusammengenommen und somit, wie schon unsere Vorfahren, dazu beigetragen, dass wir in einer kulturellen Umgebung leben, die das gleichberechtigte Zusammenleben aller Manschen ermöglicht und zulässt. Diese hier nur skizzierten Zusammenhänge scheinen den nach Deutschland zugewanderten jungen Muslimen vollkommen unbekannt zu sein.

Da auch für sie die Schulpflicht gilt, haben wir es hier mit einem Totalversagen unserer Schulen zu tun.

 

 

 

 

 

 

 

Das Paradies findest du unter den Füssen deiner Mutter.

In Fes hat und der Direktor unserer Unterkunft, man nennt das dort ein Riad, einen crash Kurs über den Islam erteilt. Er sagte uns, im Islam sei es unbedingtes Gesetz, die Eltern zu ehren und ihnen zu gehorchen. Meine Frage, was denn zu tun sei, wenn der Vater „un vrai con“ ein Volldepp sei, beantwortete er mit einem Lächeln und der Geschichte, dass ein Schüler einst den Propheten gefragt habe, wem man zuerst gehorchen müsse. „Der Mutter“ sprach Mohammed. „Und dann?“ „Der Mutter.“ „Und dann?“ „Dem Vater.“

Es wurde ganz klar, dass neben den fünf Säulen des Islam (Glaube, tägliche Gebete, Almosen, Einhaltung des Ramadan und, so dies Möglich ist, die Pilgerreise nach Mecca) der Zusammenhalt der Familie und der Respekt vor den Eltern und Ahnen der Kitt ist, der die Gesellschaft in muslimisch geprägten Ländern zusammenhält.

Erstaunen macht, die überaus wichtige Rolle der Mutter, da doch ansonsten Frauen vom Islam eher meschant behandelt werden. Es ist offenbar ähnlich wie in südlichen europäischen Ländern, wo die Frau erst dann eine Stellung in der Familie erhält, wenn sie Mutter ist und von Stund an, wenn die Haustür geschlossen ist, angibt was Sache ist.

In unserem crash Kurs wurde dies mit dem schönen Bild umschrieben, das Paradies fände man unter den Füssen seiner Mutter.

Uns war nach kurzer Zeit klar, dass der Islam nur dem Menschen dient und den Frieden zwischen den Menschen aufrecht erhält. Unser Lehrmeister tat so, als wisse er nichts von den islamistischen Anschlägen vor einigen Jahren auf dem großen Platz in Marrakesch. Dass in den Moscheen vieler europäischer Städte jeden Freitag der pure Hass gepredigt wird, schien ihm neu. Wir haben ihm das natürlich nicht abgenommen.

Insgesamt brachte der Vortrag uns dennoch weiter, weil er erklärte, weshalb es immer wieder zu islamischen Terroranschlägen in Europa und anderswo kommt.

Die Attentäter des 9. Septembers in New York, die auf Hebdo in Paris, der auf dem Breitscheidplatz – die Serie ist beliebig verlängerbar – waren junge Moslems, die allein in nicht muslimischen Ländern wohnten. Da gab es keine Mutter, der zu gehorchen war, zumal es auf der ganzen Welt keine Mutter gibt, die ihrem Kind rät, Bomben auf Unschuldige zu werfen.

Die Attentäter waren allein, ihrer familiären Basis entzogen und so blieb nur die Moschee, wo sie, wenn sie Pech hatten, einem Imam fanden, der sie aufhetzte.

Ich komme deshalb zurück auf eine alte Forderung, die ich schon mehrfach propagiert habe:

In Europa predigende Imame benötigen eine Arbeitserlaubnis, und das entsprechende Visum.

Ihre Bezahlung darf nicht aus dem Ausland kommen. Sie müssen Angestellte der Moscheegemeinschaft sein, die sie bezahlt und für sie die Sozialabgaben begleicht.

Sie müssen deutsch sprechen können.

Sie müssen die Werte der europäischen Verfassungen anerkennen, wozu eben auch gehört, dass hier zuerst die verbindlichen Regeln dieser Verfassung gelten und dann erst die freiwilligen der Religion.

Letztlich ist das, was ich da fordere etwas ganz Selbstverständliches: Moslems müssen gleich behandelt werden wie Christen, Buddhisten, Atheisten oder sonstige Gläubige.

 

 

Das Feuer von Paris – eine Strafe Gottes

Die Asche ist noch nicht kalt, da wissen schon die ganz Gescheiten und die ganz Frommen, dass der Brand, der die Kathedrale von Paris zum Glück nur zum Teil zerstört hat, ein Fingerzeig Gottes gewesen ist.

Ist ja auch kein Wunder, denn Europa versinkt in der Ungeistlichkeit, Betrug ist hoffähig geworden, denn unsere aktuellen Kaiser sind die Direktoren der Autoindustrie. Alle deutet auf Dekadenz, sogar die so vernünftigen Briten sind vom Wahnsinnsbazillus befallen. Priester missbrauchen Kinder, und die europäischen Verfassungen nehmen für sich in Anspruch über der Bibel zu stehen. Da war es nur eine Frage der Zeit, wann GOtt der HErr eingreifen würde.

Beweis: Die Islamisten frohlocken. Denn, dass wir die in Europa geradezu willkommen heißen, sie pampern und ihnen den Weg ebnen, hier die Macht zu übernehmen, das kann nicht im Sinne des lieben Gottes sein, der die, die an ihn glauben, denken macht, sie besäßen den alleinigen Zugang zur Wahrheit. Dass Islamisten auch Kinder Gottes sind, wird dabei vergessen. Alle Menschen sind Kinder Gottes. Die Rechtschaffenen sind es und Hühnerdiebe sowie Massenmörder sind es auch. Da alle Menschen Menschen sind, ist allen Menschen die „condition humaine“ gemein. Es gibt nur einen Gott, die Gläubigen nennen ihn nur verschieden und ihre von Menschen gemachten Heiligen Schriften sind unterschiedlich.

Mir als Christ steht die Bibel zur Verfügung, und da lese ich im ersten Buch Mose, Kapitel 8, Vers 21 nach gehabter Sintflut, als alles wieder blühte:

„Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen, denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nichtmehr schlagen, alles was da lebt, wie ich es getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Wer an diese Worte der Bibel glaubt, der kann nicht von einer Strafe Gottes daher schwafeln.

Es fällt auf, dass diejenigen, die auf dem Inhalt der Bibel ihr politisches Süppchen zu kochen, die Bibel erschreckend wenig kennen.

Schuhkauf

Die Notwendigkeit, uns Kindern neue Schule zu kaufen, war den Eltern natürlich ein stetiger Dorn im Auge, denn wir wuchsen, die Schuhe aber nicht. Ich musste zunächst die zu klein gewordenen Schuhe meines älteren Bruders auftragen, von dem meine Mutter behauptete, er litte am Schweißfuß. Seine Replik: „Leiden tu ich da garnich.“

Wenn seine Schuhe für mich noch zu groß waren, wurde vorne solange Watte hineingepresst, bis sie passten. Später wurden die Zeiten besser und ich bekam eigene neue Schuh. Die kaufte man bei Valentin Schmidt, „bei‘n Schmidtla in Äbern“. Das Geschäft gibt es heute noch, zwischen Sparkasse und Kirche. Dort gab es für Buben eigentlich nur diese kackbraunen Schuhe, die auch der Förster trug. Einmal konnte ich mich durchsetzen und bekam schwarze Haferlschuhe. „Die werd’n jedsd aber emal gepfleechd“ sagte die Mutter.

Viel beliebter als „das Schmidtla“ war der Scharrenbroich am Grünen Markt in Bamberg. Da gab es nämlich eine Rutsche, die vom Erdgeschoß in die Kinderabteilung nach unten führte. Das war fast so schön wie Kirchweih. Vater rutschte einmal mit, wusste aber nicht, dass man schneller vorwärtskam, wenn man sich auf einen kleinen bereitliegenden Teppich setzte. Ich kannte den Trick und fuhr ihm mit Karacho in den Rücken. Er wand sich vor Schmerz, denn mein Schuh traf ihn gerade dort, wo die Kugel von seinem Bauchschuss wieder rausgekommen war. Er wand sich vor Schmerzen und zur Strafe bekam ich keine neuen Schuhe.

Dass wir beim Scharrenbroich auch wirklich neue Schuhe bekämen, war nicht so sicher. In erster Linie hing es davon ab, ob Mutter davon ausgehen konnte, dass ihr Status als „Dame“ nicht ins Wanken geriet. Das geschah einmal, als sich beim Anprobieren herausstellte, dass meine beiden großen Zehen aus den Strümpfen schauten. Großmutter nannte derlei „Fleischmann schaut aus Wollmanns Laden.“ Bevor die Verkäuferin mit den neuen Schuhen ankam, hatte Mutter mir befohlen, meine alten Treter wieder anzuziehen und wir verließen unter fadenscheinigen Erklärungen das Etablissement.

Schlimmer war es, als ich in der Hochpubertät das Waschen auf das Rituelle der Handlung reduzierte. Es war Winter, ich hatte lange Lederhosen mit den obligaten dicken Wollstrümpfen an. Als die Verkäuferin hochbepackt mit Schuhschachteln kam, zog ich meine Winterstiebel aus und ein durchaus beachtliches Gerücherl verbreitete sich in den Hallen. Mutter erbleichte, dann wurde sie dunkelrot und zerrte mich, Entschuldigungen ans Personal richtend, aus dem Geschäft. Der Grüne Markt war voller Menschen, es war vor Weihnachten und Mutter pfiff mich coram publico an, so dass kein Hund mehr ein Stück trocken Brot von mir genommen hätte. Wie man nur so rücksichtslos zu Mutter und Verkaufspersonal sein könne, sicherlich hätte ich mich seit Wochen nicht gewaschen. Langsam bildete sich ein interessierter Kreis um uns. „Meinä wäschd sich fei aa ums verreggn ned,“ meinte eine Dame mit Hut, während eine Matrone fast eingegriffen hätte, denn „a södds Bübla ka mer doch ned so zamscheisn vor ölla Leud.“

Von all dem unbeeindruckt, wurde Mutter immer wütender und verstieg sich zu der rhetorischen Frage, was denn nun die Verkäuferinnen bei Scharrenbroich von der Gesamtfamilie Rotenhan halten müssten? Leider beantwortete ich die Frage: „Bei Scharrenbroich kennen sie uns nicht, aber all die Leut um uns rum, die haben jetzt einen Eindruck von der Gesamtfamilie Rotenhan.“ Dafür fing ich eine Schelle und bis Ostern keine neuen Schuhe.

Um Peinlichkeiten zu vermeiden, gab mir in der Karwoche Mutter „ein Geld“ und ich sollte beim Scharrenbroich allein Schuhe kaufen. Ich kam dann mir Knautschlack-Slippern wieder, was die Sache auch nicht besser machte.

„Die werd‘n jedsd aber emal gepfleechd,“ sagte Mutter, als sie wieder normal atmen konnte.

 

 

Prost Neujahr!

Silvester wurde bei uns in Rentweinsdorf nur so gefeiert, dass wir abends in den Jahresendgottesdienst gehen mussten. Der Pfarrer fand unweigerlich stets diese Worte: „In wenichen Minudden wird dieses Jahr zu Ende gehen und ein neues Jahr wird beginnen…“ Sapperlot, welche Erkenntnis!

Damit waren die Feierlichkeiten beendet, denn mein Vater sagte, als Forstmann habe er das Forstjahr zu begehen, startet am 1.Oktober. Gleichzeitig beginnt das Braujahr, das er als Eigentümer der Rotenhan Bräu, vulgo Göcherles Brüh, einhalten musste, dann kam am Vorabend des 1. Adventsonntags schon das ihn als Kirchenpatron betreffende Kirchenjahr und zu Petri begann damals noch das landwirtschaftliche Jahr. „Ich weigere mich, auch noch das Kalenderjahr begehen zu müssen.“

Sprachs und verschwand gegen 22 Uhr ins Bett. Die Silvesterabende waren quälend.

Mit der Zeit stellte ich fest, dass man in Thüngen, im Haus meines Großvaters, Silvester krachend feierte, obwohl auch dort Kirchenpatron, Brauerei, Forstwirtshaft und Landwirtschaft betrieben wurden.

Die Feierlichkeiten begannen damit, dass wir nicht in den Jahresendgottesdienst gehen mussten. Stattdessen gab es ein opulentes Abendessen und danach wurde bei ausreichend Wein bis Mitternacht gespielt. Alles lief harmonisch ab, solange wir darauf achteten, dass meine Patentante beim „Karddln“ gewann. Es wurde aber auch „Ja-Nein-Fleckerweis“ gespielt und mein Vetter Schorsch und ich versuchten immer wieder, die Haare unseres Großvaters lila zu färben. Es gab dafür ein Pulver, dass dem alten Herrn auf den Kopf gesprüht werden musste, so dass lila eigentlich nur die Glatze wurde.

Zu Mitternacht prostete man sich zu, fiel sich in die Arme und hoffte auf bessere Zeiten. Und dann kam ein Moment, an den ich noch heute mit zwiespältigen Gefühlen zurückdenke: Es wurde Blei gegossen.

Das war in Rentweinsdorf nicht nur unüblich, es war verpönt, da heidnisch. Unsere Eltern waren sehr fromm und alles Okkulte war abzulehnen da des Teufels. Es gab nur eine einzige Ausnahme: Es wurde als wahr angesehen, dass die Schlosserbauerin Wilhelmine (née Seckendorff) in der ersten Nacht, die meine Schwester als Neugeborenes im Schloss verbrachte, als Geist im Reifrock an ihr Bettchen getreten war. Sie hatte in einem Jahr acht ihrer sechzehn Kinder verloren und Neugeborene waren seit über 60 Jahren nichtmehr im Haus gewesen. Das galt als ausreichende Legitimation fürs rumgeistern. Aber Bleigießen, das war abzulehnen. Es führe auf der Direttissima ins Verderben, führten die Eltern aus, denn wenn einer ein Rad gösse, dann setze sich eine Obsession im Hirn des Gießers fest, die unweigerlich zu einem womöglich fatalen Fahrrad- oder Autounfall führen werde. Das Böse sei stets präsent, lauere hinter jeder Ecke und deshalb dürfe man sich ihm – auch in seiner Erscheinungsform des Bleigießens – nicht nähern.

Nach einigem Zögern goss ich natürlich doch mehrere Löffel flüssiges Blei ins kalte Wasser. Meistens wurden meine Gebilde als Adler erkannt. Die daraufhin erwarteten schulischen Höhenflüge blieben allerdings regelmäßig aus. Ich fand daraufhin das mit der spukenden Ahnin erheblich okkulter.

Weit schon im Neuen Jahr gingen wir etwas wankend ins Bett und mussten nicht in den Neujahrsgottesdienst. Das besorgten meine in Rentweinsdorf gebliebenen Geschwister. Wenn wir um 11 Uhr mit Brummschädel immer noch im Bett lagen, kam der Großvater ins „Bubenzimmer“ und hielt uns eine Standpauke, die immer so ging:

„Wenn wir abends ein Liebesmahl hatten, dann saßen wir um 6 Uhr in der Früh auf dem Rücken unserer Pferde und ritten hinaus zum Exerzierplatz.“ Wir duckten uns in die Kissen, ließen den Sturm über uns hinwegfegen und fragten uns, weshalb uns der Großvater davon erzählte, dass er, nachdem er abends einen Puff besucht hatte, morgens wieder topfit war?

Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass unter Offizieren ein „Liebensmahl“ als ausuferndes Besäufnis sehr beliebt war, übrigens ohne Begleitung von Damen jedweder moralischen Couleur..

An Öberschd, dem Fest der Heiligen drei Könige, kehrte ich in mein Heimatland zurück, pries und lobte die Thüngener für alles, was ich gehört und gesehen hatte.

 

Was ist Wahrheit?

Immer dann, wenn jemand ganz besonders eifrig schwört, die Wahrheit zu sagen, ist äußerstes Misstrauen angesagt. In meiner fränkischen Heimat ist das dann der Fall, wenn jemand dem Gesagten hinzufügt: „Mei Aach söll mer rausfall, drauf derfsta draad“ i.e. Wenn ich die Unwahrheit sage, soll mir mein Auge herausfallen und du darfst drauftreten.

Gelogen wurde schon immer und überall. Unser derzeitiges Problem ist, dass die Unwahrheiten schnell und all überall verbreitet werden können.

Was ist eigentlich Wahrheit? In erster Linie ist Wahrheit ein hohes Gut, das unter dem Titel „Tatsächlichkeit“ Verfassungsrang haben sollte. Nun ist aber so, dass die Wahrheit entgegen ihrem Wortsinn etwas eminent Subjektives ist. Jeder versteht, dass ein Farbenblinder die Wahrheit, die Realität anders sieht, als jemand, der „normal“ sieht. Und man sollte annehmen, dass die Sicht der Welt eines klugen Menschen akkurater ist als die einer Dumpfbacke. Wir alle wissen, dass das nicht zutrifft, denn auch der Depp hat richtige Einsichten. Beweis: Als die Nazis Beflaggung anordneten, sagte der Dorfdepp in Rentweinsdorf: „Die Fohna wenn halb so lang wärn, wärn sa immer nuch rod ganuch!“

Nochmal,: Was ist Wahrheit? Jedenfalls nicht die Abwesenheit von Lüge. Fromme Lügen, Notlügen und andere Lügen setzen immer Vorsatz voraus. Es gibt aber auch Unwahrheiten jenseits der Lüge, weil die Erinnerung schwächelt oder weil der so gnadenreiche Akt der Verdrängung einsetzt.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass die Wahrheit tatsächlich nur wenig mit der kruden Realität zu tun hat. Realität ist etwas Messbares, Wahrheit hingegen kann man nur fühlen.

Wahrheit ist das Resultat dessen, was wir mit dem machen, was wir erleben. Sie ist fast eine Stilfrage. Man kann sich leger anziehen oder nur Harris Tweed an den Körper lassen. Beides ist legitim. Wer mit sich im Reinen ist, der findet seinen Stil und der hat es auch nicht nötig, die von ihm wahrgenommene Wahrheit zu verdrehen.

Wahrheit in ein Gut mit Verfassungsrang zu verwandeln, wird uns nicht gelingen. Es kann nicht gelingen. Aber es muss uns klar sein, dass der Umgang mit der Wahrheit eine Frage der Haltung ist. Feiglinge, Paranoiker, Egozentriker und Fanatiker jedweder Couleur sind aus sich heraus nicht in der Lage irgendetwas von sich zu geben, das nicht vorsätzlich gelogen ist. Es gehört zu ihrer Überlebens- oder Erfolgsstrategie, die Mitmenschen stets mit Un- oder Halbwahrheiten zu versorgen.

Wer versucht, in dem was er sagt, nahe an der Realität zu bleiben, kongruent zu dem zu leben, was er sagt, hat es nicht immer ganz leicht. Aber dieser Mensch zeigt Haltung und kann sich des Respekts der Gesellschaft sicher sein.

Und was kann ich mir davon kaufen? Nichts, gar nichts.

Das ist es eben: Es gibt Tugenden, deren nur diejenigen teilhaftig werden, die dafür nichts haben wollen, außer vielleicht die Wahrheit.

 

Menschenwürde V

Das Recht, keine Angst haben zu müssen.

Die elementarste Erinnerung an die Angst stammt bei den meisten Menschen aus der Kindheit. Es gab die eingebildete Angst, bei mir zum Beispiel vor dem Bobbelooz, der in den Tiefen des Rentweinsdorfer Schlosses wohnt, da ist die Angst vor Gestalten aus einem Märchen, das man sinnigerweise als Gutenachtgeschichte vorgelesen bekommen hatte. Es gibt aber auch die ganz konkrete kindliche Angst vor dem gewalttätigen Vater, Onkel oder Bruder, und ganz besonders schrecklich, die schleichende Angst vor ständiger Erniedrigung und sexuellem Missbrauch.

Wenn wir uns genau zurückerinnern, stellen wir fest, dass wir uns nie einsamer  und alleingelassener  vorgekommen sind, als in diesen beschriebenen Angstzuständen. Angst kann man eigentlich nur allein haben. Zwar haben wir alle ein Photo im Kopf, auf dem zwei Kinder sich ängstlich aneinanderklammern, allerdings haben auch sie wahrscheinlich nicht eine gemeinsame Angst, vielmehr tun sie sich zusammen, um die jeweils eigene Angst gemeinsam besser ertragen zu können.

Mit zunehmendem Alter und hoffentlich damit einhergehender Reife stellt man fest, dass Angst eigentlich immer etwas Irreales ist. Auch die Angst vor dem zähnefletschenden Hund ist imaginär, denn tatsächlich haben wir Angst davor, dass er zubeißen könnte, Konjunktiv.

Die Angst ist immer ein Zustand, der noch nicht da ist, aber der kommen könnte. Ein krasses, erklärendes Beispiel: Wer hungert hat nicht Angst vor dem Hunger, er fürchtet den Hungertod.

Die deutsche Sprache ist da sehr genau. Wir haben nicht Angst für, nach oder auf etwas, wir haben Angst vor etwas, was noch vor uns liegt.

Das Imaginäre der Angst macht sie zu einem so beliebten Werkzeug für Fanatiker. Wer Macht über uns ausüben will, der schürt die Angst. Bekanntestes Beispiel: Der Höllenschlund. Millionen und Abermillionen von Menschen auf der gesamten Welt würden anders leben, wenn ihre jeweiligen Religionen nicht Verhaltensmuster predigten, bei deren Nichteinhaltung dem Einzelnen nach dessen Tod Ungemach droht. Obwohl die vorhergesagten Übel noch von niemandem verifiziert werden konnten, funktioniert der Trick seit Menschengedenken. Das macht alle Religionen der Welt so suspekt: Sie arbeiten alle mit diesem Trick.

Politische Angstmache greift da etwas kürzer, aber natürlich nicht weniger wirkungsvoll: Wenn das so weiter geht, wird euer Lebensstandard absinken. Nicht ihr, sondern Fremde werden die Früchte eures Fleißes ernten. Ebenso diffus wie die immer präsente Angst, in die Hölle zu kommen, ist die Angst, die eigene Identität zu verlieren. Das an sich blödsinnige Wort „Umvolkung“ findet als „timorfactor“ schnell zur rechten Zeit sich ein.

Im Kanton Glarus, wo es handverzählt etwa 27 Ausländer gibt, hatte die „Ausschaffungsinitiative“ den größten Erfolg. Pegida mit ihrem Fremdenhass ist dort am erfolgreichsten, wo es in Deutschland am wenigsten Migranten gibt, nämlich in Sachsen.

Kaum ist der Umstand, vor dem Angst geschürt, wird konkret erkennbar, wird sofort verstanden, dass es so dolle nun auch nicht gekommen ist.

Angstmache ist immer und per definitionem Lüge und damit Manipulation. Das Selbstbestimmungsrecht, das alle westlichen Verfassungen garantieren, verbietet implizit Angstmache als verfassungswidrig.

Bisher hat noch niemand sein Recht auf Angstfreiheit gegen die „Gottsöberschdn“ eingeklagt.

Es wäre allerdings des Schweißes der Edlen wert, dies einmal zu versuchen. Vertreter von Versicherungen, Parteien, Kirchen und noch ganz viele andere würden erbleichen. Angstfreiheit würde zu Aufmüpfigkeit führen, quel horreur!