Erfahrung, wie langweilig!

Mein Freund und Lehrmeister, der verstorbene Anwalt Paco de Semir, hat zu meinem  Ärger oft seine Altersweisheit gegen mein jugendliches Drängen gesetzt. Er sagte dann immer:

„El diablo es más diablo por viejo que por diablo“ Wenn man weiß, dass “más” mehr heißt, und “viejo” alt, dann kann man das verstehen.

Je älter ich werde, desto mehr gefällt mir der Satz. Die Mischung aus Erfahrung und beginnender Altersweisheit macht‘s eben.

Auch wenn man noch so jung und stürmisch ist, es führt zu nichts, zu denken oder der Umwelt weiszumachen, man könne das Rad neu erfinden.

Nun ist es ja so, dass der 45. Präsident erheblich älter ist als ich und dennoch gefällt er sich in der Rolle dessen, der alles anders und natürlich besser macht, als alle seine Vorgänger zusammen.

Jetzt hat er gestern mit dem vorgestern noch Unhold seienden Kim Jong Un ein paar Minuten geplaudert und danach hat er den Weltfrieden ausgerufen. Friede, Freude, Eierkuchen.

So einfach ist es, Weltpolitik zu machen. Man fragt sich, warum es in grauer Vorzeit, Kriege, Konferenzen, Stillstand, Elend, und Friedensschlüsse gab, wenn es doch genügt, dass zwei richtige Kerle sich zusammensetzen und Tacheles reden.

Jahrhunderte mussten ins Land gehen, Diplomaten, Gelehrte, Militärs und Staatslenker mussten Erfahrungen sammeln, mussten Werkzeuge erfinden, mussten Geduld haben.

Alles Unsinn. Im Stil seiner berühmten „locker room talks“ schafft der 45. Präsident von Mann zu Mann Fakten, und verkündet sogleich der Welt, was er doch für ein dufter Typ sei.

Den Friedensnobelpreis hat er sozusagen schon in der Tasche.

Es ist ja nicht so, dass ich es nicht begrüßte, wenn die Bevölkerung Nord Koreas endlich was zu essen bekäme und wenn die Atomwaffen dort und anderswo abgeschafft würden.

Allerdings erhebt sich der Verdacht, dass der gestrige Umtrieb lediglich den Ex-Unhold aufgewertet hat, ihn aber zu rein gar nichts verpflichtet.

Natürlich ist der 45. Präsident gewählt und die Verfassung der USA stattet ihn mit umfassenden Vollmachten aus. Aber denkt er wirklich, er wisse so viel, dass er des Rates der Erfahrenen dieser Welt entraten kann?

Wie hanebüchen das Ganze ist, wie haarsträubend unprofessionell, zeigt der Satz, man müsse die Vereinbarungen von Singapur eben auch unter dem Gesichtspunkt des Immobiliengeschäftes sehen.

Wenn der Mann nicht den großen Atomknopf hätte, wenn er nicht die Macht hätte, Vereinbarungen, die lange gehalten haben, über den Haufen zu werfen, wenn er nicht der Präsident der mächtigsten Nation der Welt wäre, könnte uns das alles piepe sein.

Er ist aber der Präsident der mächtigsten Nation der Welt und das macht mir Angst.

Ceterum censeo: Wenn Europa jetzt nicht lernt, zusammenzuhalten, dann ist bald Hopfen und Malz verloren.

Vogelschiss

Natürlich sind 12 Jahre eine kurze Zeitspanne.

In der Betrachtung der Geschichte kommt es allerdings nicht auf die Quantität der Jahre an, sondern auf die Qualität dessen, was in diesen Jahren passiert ist.

Die Weimarer Republik ist nicht vergleichbar mit dem Zustand der Bundesrepublik heute. Es verbindet allerdings beide die Rechtsstaatlichkeit ihres Systems und die breite bürgerliche Verfasstheit ihrer Bevölkerung.

Werte wie Verlässlichkeit, Bildung, Grundrechte, Gewaltentrennung, contrat social, Achtung der Rechte der Mitmenschen, all das zeichnete die Weimarer Republik aus und all das zeichnet das derzeitiges Leben in der Bundesrepublik aus.

Was alle Welt nach 1933 bestürzte und nach wie vor bestürzt, ist die Tatsache, dass es den Nazis in sehr wenigen Jahren gelungen war, aus Normalbürgern Denunzianten,  Opportunisten, Mitläufer, Menschenverachter und Mörder zu machen.

Nach 1945 stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich dem Widerstand angeschlossen hatte, keiner hatte mitgemacht, nur in den Bonner Ministerien saßen noch Seilschaften.

Zugegeben, nicht alle waren Nazis, aber es waren auch sehr wenige, die sich trauten, offen dagegen zu sein.

Da wurde vor den Augen des deutschen Bildungsbürgertums all das mit Füssen getreten, was seit Jahrhunderten im Land der Dichter und Denker erarbeitet worden war, und die Mehrheit schaute schweigend zu.

Offenbar ist es möglich, als handele es sich dabei um das Drehen am Schalter, das Bewusstsein und das Verhalten eines Volkes auszuwechseln.

Es reicht eine Mischung von Bedienung der bestehenden Vorurteile und Terror, um das zu erreichen.

Wir durchleben gerade eine Phase, in der die Wahrheit immer unwichtiger wird. Früher trat ein Politiker zurück, wenn er beim Lügen erwischt wurde. Heute ist das Belügen des Parlaments und der Öffentlichkeit wohlfeil geworden, zumal die Anhänger der Lügner genau diese Lügen hören wollen.

Wenn Dobrindt von der Anti-Abschiebe-Industrie schwafelt, erfreut er damit die Masse und beleidigt wenige. An der Wahlurne zahlt sich das aus.

Wenn Gauland vom Vogelschiss spricht, freut das die Nazi Nostalgiker. Dass er damit das Undenkbare, das Grauen, die Ermordung nicht nur von Millionen Juden kleinredet, sondern auch die Opfer des von den Nazis angezettelten Krieges verlacht, das merken nur die, die ihn so wie so nicht gewählt hätten.

Der Holocaust und die Schuld am zweiten Weltkrieg werden auf ewig die Deutschen und das Bild Deutschlands in der Welt belasten.

Das ist gut so, weil man bisher dachte, diese Verantwortung werde die Deutschen bei Vernunft halten.

Seit in Deutschland wieder Nazis in den Parlamenten sitzen, habe ich allerdings Zweifel, ob diese Prämisse noch hält.

 

Die tun was!

Donald Trump ist mir unsympathisch, Victor Orban ist mir unsympathisch, Wladimir Putin ist mir unsympathisch, Sebastian Kurz ist mir unsympathisch, Marcus Söder ist mir unsympathisch.

Alle, und noch ein paar Gesellen mehr, machen Politik, die ich für gefährlich und falsch halte, einer etwas mehr, der andere etwas weniger.

Aber, und das kann ihnen niemand abstreiten: Sie tun was. Und indem sie etwas tun, bewirken sie was. Sie sind präsent, werden von ihren Völkern geachtet und gewählt, so hofft zumindest Söder.

Nun haben wir in Paris einen jungen Präsidenten Macron sitzen, der seit Monaten einer Loreley gleich auf dem Felsen sitzt uns Lockrufe nach Berlin aussendet. Zunächst konnte Berlin nicht antworten, da manövrierunfähig, und dann, als das Ruder wieder funktionierte, hat es bis zu diesem Wochenende gedauert, bis die Kanzlerin sich zu einem „ja, aber“ durchringen konnte.

In Italien droht eine eurofressende Regierung, in Russland erstarkt ein Despot, in Ungarn macht der Victor, was er will, in Wien legt sich die ÖVP mit den Rechten ins Bett und der Trump, der setzt alles auf‘s Spiel was einem aufrechten Atlantiker seit einem dreiviertel Jahrhundert heilig war.

In einer solchen Situation hat man als Bundeskanzlerin die Pflicht, zupackend neue Allianzen zu schmieden und/oder bestehende auszubauen und sie manövrierfähig zu halten.

Macron erwartet sicherlich nicht, dass seine Vorschläge in der EU eins zu eins verwirklicht werden können.

Aber da haben wir mal jemanden, der Vorschläge hat! Alles schaut gebannt darauf, was die zweite starke EU Nation dazu sagt, und dann kommt ein verzagten „ja, aber“.

Frau Merkel hatte das Glück, bisher damit in einer ihrem Meister Kohl abgeschauten Politik des Aussitzens durchzukommen.

Bröckelnde Allianzen aber kann man nicht aussitzen! Hier ist „Action“ gefragt, und die lässt die Kanzlerin in beklagenswerter Weise vermissen.

Es hat eben schon was Gutes, wenn die politischen Mandate zeitlich beschränkt werden. Nach zwei Legislaturperioden ist Schluss.

Nicht dass ich es der Kanzlerin nicht gönne, vier Mal im Amt bestätigt zu werden. Der Grund dafür, dass die Mandate ein Verfallsdatum haben müssen ist die Dankbarkeit.

In all den Jahren hat Merkel natürlich aus Richtiges und Gutes vollbracht. Und da denkt dann der Wähler, man müsse sie doch wieder wählen, alles andere wäre undankbar.

Sind Sie Ihrem Taxifahrer dankbar? Verdient Ihr Klempner Elogen? Nein, das sind Professionelle, die ihre Arbeit machen und dafür entlohnt werden.

Genauso ist es mit Politikern. Die sollen ihre Arbeit machen, dafür werden sie von uns bezahlt. Dankbarkeit hat in der Politik nichts zu suchen.

Ich stelle fest, Frau Merkel ist derzeit überbezahlt. Sie macht nichts. Dabei wäre gerade jetzt Handeln am Platze!

Ihr Nichtstun bewirkt, dass das tumbe, verantwortungslose, effekthascherische Tun der oben genannten Unsympathslos von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Diese Aufmerksamkeit hätten sie nicht, wenn Paris und Berlin endlich wieder an einem Strang zögern.