Sorge um den Euro

General de Gaulle hat gesagt, Staaten hätten keine Freunde, Staaten hätten Interessen. Das ist ja auch richtig, solange sie keine gemeinsame Währung haben. Der Euro hat die Europäer nun wirklich nicht zu Freunden gemacht, sie sind allerdings erheblich mehr voneinander abhängig, als dass jedes Land seinen partikularen Interessen frönen könnte.

Wahrscheinlich ist es ein Geburtsfehler des Euro, dass er seinen Mitgliedsländern zu viel haushaltspolitische Autonomie gewährt. Jeder macht seine Schulden allein, jeder kurbelt seine Wirtschaft an wie er will, oder auch nicht, jedenfalls wie er will. Das hat jedes Land solange getan, bis es in Bedrängnis kam.

Dann auf einmal griff Brüssel ein, Sparpläne mussten befolgt werden, Auffangkredite gab es nur noch mit Vorbehalten und jeder, der sehen und denken kann, wähnt dahinter die starke Hand der Bundesregierung.

Noch nie war Geldgeber so unbeliebt, wie es zur Zeit Deutschland ist.

Wie das denn?

Jeder, der sehen und denken kann, versteht, dass Deutschland der Hauptnutznießer der Eurozone, des europäische Binnenmarktes und der ganzen EU ist. Natürlich zahlt Berlin die höchsten Nettobeiträge in die EU Kasse. Das passiert ja nicht nur aus überschäumender Liebe zu unseren europäischen Brüdern und Schwestern, vielmehr ist das der schiere Eigennutz. Das viele Geld fließt ja wieder zurück nach Deutschland, denn ohne die Mittel, die von Berlin via Brüssel in die EU Länder fließen, könnten diese nicht die Erzeugnisse der deutschen Industrie kaufen.

Der Erfolg ist, dass Deutschland wirtschaftlich bombig dasteht, von den Rating Agenturen über den Schellen Ober gelobt wird, sich daher billig finanziert und die Gelder dann teuer weiterverleihen kann. Deutsche Banken haben aus der Griechenland Krise erheblichen Profit gezogen.

Wenn man den Euro ausschließlich im Bezug auf die deutsche Wirtschaftsleistung ansieht, dann ist er unterbewertet. Wieder profitiert Deutschland, denn nur so kann es seine Waren zu Preisen verkaufen, die seine Europartner bezahlen können.

Kehrte Deutschland zur DM zurück, würde deren Wert im Bezug zu den anderen europäischen Währungen rasant nach oben springen und plötzlich wären Waren aus anderen Ländern konkurrenzfähig, die es derzeit schwer haben.

Wie aber soll ein gemeinsamer Markt funktionieren, in dem wenige Partner vor Kraft nicht laufen können und andere wegen der drückenden Schuldenlast den Hintern nicht hochkriegen?

Ab jetzt kommt die Psyche in Spiel, denn es geht um die Vergemeinschaftung der Schulden.

Griechenland, Italien, Spanien, Portugal. Irland hat man über Jahre hinweg Schulden machen lassen. Es waren nicht zuletzt deutsche Banken, die dorthin Geld geschaufelt haben, wohlwissend, dass es zum großen Teil wieder in die Kassen ihrer deutschen Industrieklientel fließen würde.

Aber: man kann das Kind nicht erst mästen und es dann zu einer Abmagerungskur verdonnern, weil der Bub so blöd war, das ganze Zeug in sich hineinzustopfen.

Deutschland ist an der Eurokrise elementar mit Schuld und hat vom Elend anderer profitiert. Wenn jetzt die Vergemeinschaftung der Schulden als Satanswerk hingestellt wird, so ist das verlogen, verantwortungslos und schädlich.

Die hierzu benutzte Melodie ist immer die gleiche: „Die faulen Südländer wollen, dass wir ihnen Wein, Weib und Gesang samt Siesta und Sirtaki finanzieren“.

Das kann jeder verstehen, will jeder verstehen und das bringt Erfolg an den Wahlurnen.

Dabei ist die Sache anders: Es steht im Interesse des Staates Deutschland, seinen europäischen Partnern nicht schulmeisterlich zu kommen, sondern helfend. Das bedeutet letztlich einen kontrollierten Schuldenschnitt.

Sittliche Schieflage!

Es passiert immer wieder, dass man auf dem Flugplatz auf Damen trifft, die zu laut sprechen, zu grell geschminkt sind und zu auffallend die Haare getönt haben. Sie wollen allen Mitmenschen mitteilen, wie gut es ihnen ginge, wenn sie denn das Glück hätten, der graumelierte Herr an ihrer Seite zu sein.

Heute traf ich auf eine solche Dame auf meinem Flug von Berlin nach Palma. Wegen ihrer high heels war sie sehr groß, hatte eine schwarze Mähne und war auch sonst schwarz angezogen. Wobei ich mir überlege, ob „angezogen“ ihre Erscheinung angemessen beschreibt, denn von unterhalb des übrigens sehr sehenswerten Busens bis zum Gürtel hatte sie nichts an außer einem goldenen Nabelpearcing.

Erstaunlicherweise trug die Dame kein sichtbares Tatoo, wiewohl ihr und dem graumelierten Herrn sozusagen auf der Stirn geschrieben war: „Wir sind alles, nur nicht verheiratet.“

Ich amüsiere mich über derartige Darbietungen immer und dann vergesse ich sie. Heute nicht, denn zu meinem Entsetzen stellte sich nicht nur heraus, dass sie in den selben Flieger stiegen, sondern auch noch neben mir saßen.

Der Steward, er war ausweislich seines Namensschildes Grieche, erkannte offenbar mein seelisches Erbleichen und bot mir einen sehr bequemen Sitz in der Reihe hinter dem Paar an. Sehr viel griechisch kann ich nicht, aber „efcharistó“ konnte ich heute gar nicht oft genug sagen. Der Steward lächelte wissend.

Nun saß ich also hinter dem Paar. Über dem Gang vertiefte sich in der gleichen Reihe ein schlohweißer emeritierter Professor für angewandte Philosophie in eine wichtige Abhandlung. Er sah so aus, als habe er im Jahr 1959 eine Doktorarbeit über den Zeitbegriff bei Kierkegaard geschrieben. Ich versuchte mich in seine Lage zu versetzen und bemerkte, dass der würdige Greis wohl noch nie so froh gewesen war, ein gelehrtes Buch eingepackt zu haben, wie heute.

Derweil informierte die zu schwarze, zu wenig angezogene und zu laute Dame den graumelierten Freund in regelmäßigen Abständen über den Zustand ihrer Dauergeilheit, über Marseille befand der sich auf einem Tiefpunkt, aber offenbar hat sich der genannte Zustand bis zum Landeanflug wieder erholt. Es war alles weder zu überhören noch zu übersehen, der Professor verkroch sich in ein Buch und ich hörte auf meinem Sitz dahinter immer dann etwas, wenn mich mein eigenes Schnarchen aufgeweckt hatte.

Wir stiegen aus und erfuhren dass der graumelierte Herr Klaus Günter hieß, denn er erntete einen satten Anpfiff, als er versicherte den „Perso“ der Angebeteten nicht In der Jackentasche zu haben. Die Trübung des Verhältnisses dauerte nur kurz, denn es stellte sich heraus, dass niemand ihren „Perso“ sehen wollte.

Mein sittliches Gesamtgefüge war einigermaßen in Schieflage geraten. In der Schlange vor dem Taxistand wartete ich hinter einer vollkommen ungeschminkten jugendlichen Dame. Sie hatte sicherlich seit 12 Monaten keinen Sonnenstrahl mehr gesehen, war deshalb Britin und hatte in Erwartung der der zu ergatternden Bräune auf Mallorca nur leichte, um nicht zu sagen sehr leichte Bekleidung gewählt. Sie telefonierte:

„Tell me, where do I find these guys?  …. Okay, I take a taxi …. What, they are four Arabs? Yesterday you told me, there are only two of’em …… No, no, I told you yesterday, the answer is no! ….. You bloody motherfucker, but then it will be thousand per cock…”

Dann stieg sie in ein Taxi.

Sittliche Schieflage ist gar kein Ausdruck, mein Wertesystem wankt!

 

 

Irland morgen (An alle Abtreibungsgegner)

Meine Meinung zum Schwangerschaftsabbruch ist bekannt: Jeder demokratische Rechtsstaat muss den Frauen ein Instrumentarium in die Hand geben, mit dem sie in der Lage sind, zu entscheiden, ob sie ein Embryo austragen möchten oder nicht. Das ist eine ganz elementare Konsequenz aus Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

„Die Rechtsfähigkeit beginnt mit der Vollendung der Geburt“, sagt das Gesetz. Es ist daher illegitim davon zu sprechen, Abtreibung sei Mord. Jeder hat das Recht so zu denken, aber die gesetzliche Realität sagt etwas anderes.

Gestern habe ich mich in einem kurzen facebook Beitrag dafür ausgesprochen, dass morgen das irische Volk sich dafür entscheiden möge, eine eines Rechtsstaates würdige Abtreibungsregelung einzuführen.

Daraus leitete ein anderer facebook Teilnehmer die folgende Sentenz ab. Ich zitiere (excuse my french):

„Wir haben das Recht, täglich mehrfach mit jedem auf den wir Lust haben zu ficken um den demographischen Wandel in Ländern des Westens auszugleichen, ohne uns Sorgen machen zu müssen, dass der den Frauen gehörende Bauch ohne übermäßigen Cheeseburgerkonsum dicker wird…“

Der Autor behauptet von sich, er habe katholische Theologie studiert. Was er wohl dabei gelernt haben mag? Immerhin so viel, dass er am Ende seines Beitrages noch nachschiebt, meine Mutter hätte mich sicherlich abtreiben lassen, hätte sie denn die Gelegenheit zu einem Beratungsgespräch gehabt.

Bei aller Abstrusität und bei allem inneren Widerspruch des obigen Zitats will der Autor doch ganz deutlich klarmachen, die Befürworter einer klaren Regelung des Schwangerschaftsabbruchs, vertreten diese Meinung nur, um ihrer persönlichen Geilheit freien und konsequenzlosen Lauf lassen zu können.

Auf so etwas muss man erstmal kommen! Wer auf so was kommt, der wünscht sich eine solche Konsequenzlosigkeit für sich selbst herbei. Ficken à gogo! Die dabei ja auch noch beteiligten Frauen kommen in seinem Denken gar nicht vor. Das Ausmaß dessen, was an Erniedrigung der Frau in obigem Zitat steckt, ist nur schwer zu verorten.

Ich wiederhole erneut: In einer rechtsstaatlichen Demokratie hat jeder das Recht, gegen eine Abtreibungsregelung zu sein. Aber eine rechtsstaatliche Demokratie hat die Pflicht, eine menschenwürdige Handhabe zum Abbruch der Schwangerschaft bereitzuhalten. Wer den gestrigen Artikel auf Seite 3 der SZ gelesen hat, in dem beschrieben wird, wie das derzeitige irische Gesetz Mütter dazu zu zwingt, ein Kind, von dem man weiß, dass es tot zur Welt kommen wird, auszutragen, der weiß, welches unermessliche Leid das Nichtvorhandensein einer Möglichkeit zum legalen Abbruch einer Schwangerschaft nach sich zieht.

Die Diskussion über den legalen Schwangerschaftsabbruch ist wichtig und legitim, schon allen aus dem Grund, dass die Entscheidung nicht beliebig wird.

Wenn aber derartige Cheeseburger Ideen verbreitet werden, dann solltet Ihr, meine lieben und geachteten Abtreibungsgegner, in Euren Reihen für intellektuelle Ordnung und Würde sorgen.

Dresden 1975, 3

Am Karfreitag gingen wir in die Kreuzkirche, Matthäus Passion. Ich hatte Teile daraus im Tenor des Chors in Schondorf gesungen, ich kannte das Werk aber schon aus Kindheitstagen und das war kurios:

Unsere Großmutter hörte nur ein Mal im Jahr Radio und dann auch noch den kommunistischen Deutschlandsender. Das war am Karfreitag, um die Übertragung aus der Kreuzkirche zu hören. Umständlich wurde der Radioapparat ihrer Haushälterin in ihrem Wohnzimmer aufgebaut und dann ließ man die Aufzählung der DDR Würdenträger über sich ergehen, die dem Konzert die Ehre gaben. In Großmutters Salon begann dann immer eine Diskussion darüber, wie man als Kommunist christliche Musik anhören könne.

In der Kreuzkirche habe ich die Matthäus zum ersten Mal ganz und live gehört. Ich war begeistert. Das war ich eigentlich schon beim Eintreten so. Die Kirche war wiederaufgebaut worden. Außer einem Kreuz und dem Altar war der Raum vollkommen schmucklos, die Wände bedeckte grauer Rauhputz. Der ich die überbordende Freude aus Balthasar Neumanns Basilika der Vierzehnheiligen gewöhnt war, sah zum ersten Mal, dass Kirche auch ohne Bilder und Darstellungen geht: Du sollst dir kein Bildnis machen!

Dann aber begann der Kreuzchor. Wir saßen auf der rechten Empore und ich konnte nicht nur hören sondern auch sehen, was da passierte. Nie zuvor hat mich Musik so unmittelbar getroffen und betroffen wie an diesem Karfreitag in Dresden. Ich war vollkommen ein- und mitgenommen, merkte gar nicht, dass ich mitsang. Ein Knuff meiner Freundin holte mich in die Welt zurück.

Am Nachmittag ging ich allein in den großen Garten. Ich war es ja schon gewohnt, dass ich mit meinem grünen Lodenmantel drei Meilen gegen Schneesturm als Westler erkennbar war, dennoch erstaunte es mich, als sich zwei Steppkes von vielleicht 8 Jahren vor mir aufbauten: „Du kommst aus dem Westen“, stellten sie fest. Sie erzählten mir dann, wie schrecklich es dort sei, Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, Militarismus, Kapitalismus und überhaupt…

Schließlich fragten sie mich, was denn mein Vater so mache. Das indoktrinierte Gebrabbel der beiden Buben hatte mich ziemlich verstört und so holte ich zum Konterschlag aus: „Mein Vater ist Großgrundbesitzer und wohnt in einem Schloss:“

Die Kinnlade der beiden klappte runter und nachdem sie sich vom Schrecken erholt hatten und den offenbaren Märchenprinzen in mir erkannt hatten, fragten sie: „Hat dein Vater Gold?“ „Haufenweise“, log ich. Ich spüre noch heute das kindische Glück in mir, mich konterrevolutionär, revisionistisch und staatsgefährdend benommen zu haben.

Später fuhren wir mit dem Wartburg des Ingenieurs zum Blauen Wunder. Er erklärte mir die technische Meisterleistung des Brückenbaus. Immerhin habe ich so viel verstanden, dass die Brücke tatsächlich blau war.

Damals wurden die Autofahrer gezwungen, sich ins Rückfenster ein DDR Schild zu kleben. Der Missmut war allgemein, denn wozu brauchte man ein internationales Kennzeichen, wenn man nicht ins Ausland fahren durfte? Unser Ingenieur hatte sich den Aufkleber nur auf die Hutablage gelegt, wo er bei jeder Kurve hin und her rutschte. “Die DDR kommt ins Wanken!“ sagte er jedes Mal und freute sich.

Auf der Rückfahrt mit der Bahn sprach mich ein Mann mal wieder darauf an, dass ich wohl aus dem Westen käme. Er sei auch aus dem Westen, er sei in die DDR ausgewandert.

Ich traute meinen Ohren nicht, was ihn denn dazu bewogen habe, erwiderte ich. Erneut traute ich meinen Ohren nicht: „Ich bin homosexuell. Als man in der DDR den § 175 abgeschafft hat, bin ich rüber gegangen. Ich bin Druckergeselle, das kann ich hier genauso wie im Westen machen, Mir gefällt, dass der Staat in meinem Schlafzimmer nichts zu suchen hat.“

Es war der erste Mann, den ich erlebte, der offen zu seiner Homosexualität stand. In Plauen steig er aus, und als wir uns verabschiedeten, kniff er ein Auge zu und sage: „Trotzdem, grüß mir den Westen!“

 

Dresden 1975, 2

Wie eine zerstörte Stadt aussieht, wusste ich, Würzburg und Nürnberg waren beredte Beispiele. Dennoch war Dresden etwas vollkommen anderes, allein schon deshalb, weil 1975 eben noch nicht wieder fast alles aufgebaut war. Das Schloss lag in Schutt und Asche, der Bau der Semperoper war lediglich notdürftig gesichert und mitten in der Stadt lag ein schwarzer Trümmerhaufen, die Ruine der Frauenkirche. Der Zwinger war bereits wiederaufgebaut und in zahlreichen Museen bemerkte ich, dass Dresden eine der bedeutendsten Kunststädte Europas ist. Ich erinnere mich seltsamerweise nicht an die Sixtinische Madonna. Ersten und bisher bleibenden Eindruck haben die Bilder der Maler des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Sie wurden wohl in den „Brühlschen Herrlichkeiten“ ausgestellt. Von Schmidt Rottluff hatte ich vorher weder etwas gehört, noch gesehen.

Ebenso wie einige Gemälde von Kirchner stehen seine Werke mir noch vor dem geistigen Auge. Ich glaube, auch einige Bilder von Lyonel Feininger waren zu sehen. Der damalige Museumsbesuch hat mir das Auge für die Malerei des 20.Jahrhunderts geöffnet. Ich nehme an, bei diesem Kunsterlebnis war meine Freundin nicht ganz unschuldig. Sie war schon oft in Dresden gewesen, kannte sich aus. Da kommt beim Händchenhalten schon Einiges rüber.

Weiter ging es in die Zitronenpresse, heute Hochschule für bildende Künste. Damals waren dort Teile der Schätze des Grünen Gewölbes ausgestellt. Der „Hofstaat zu Dehli am Geburtstag des Großmoguls Aureng Zeb“ war natürlich am lustigsten und am beeindruckendsten. Man muss sich das mal vorstellen: Da wurde aus Silber, Gold und edlen Seinen en miniature ein orientalischer Hofstaat dargestellt, wie man sich den halt damals so vorstellte. Dort gewesen war keiner. Ein tieferer Sinn ist aus dem Kunstwerk nicht abzuleiten, zumal es dem einfachen Volk unter August dem Starken nicht vorgeführt wurde. Auf etwa 60 mal 40 cm wird da „just for fun“ für einen Haufen Geld etwas dargestellt, was auf mich den Eindruck „Puppenstube für Reiche“ machte.

Man merkt noch heute, wie sehr ich damals mit mir rang: Ist das wunderschön, oder ist das Verschwendung öffentlicher Gelder?

Abends gingen wir in ein Konzert. Im Kulturpalast spielte ein sowjetisches Orchester. In München verabscheuten wir Studenten das etablierte Publikum, das sich in der Oper oder im Herkulessaal schick angezogen zeigte. Man hatte es zu was gebracht. Wir Studenten gingen ostentativ im Pullover dorthin. So tat ich auch in Dresden, denn ich wollte mich ja einreihen in die Masse der Werktätigen eines sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates. Scheel angesehen wurde ich. Eine mit der Familie befreundete Studentin machte mir Vorhaltungen, ich ließe den Respekt vor den Genossen vermissen, die an diesem Tage vom Kollektiv für hervorragende Leistungen mit dem Besuch eines Konzerts belohnt würden. Mir fiel nur die grenzenlose Spießigkeit der ganzen Veranstaltung auf. Wenn man zu Hause als linker Fregger verschrien ist, dann ist das Aufklatschen auf der damaligen sozialistischen Wirklichkeit nur mit einer Landung auf dem Bauch vom Zehnmeterturm zu vergleichen.

Bei Wein, diesmal aus Bulgarien, klang der Abend in Großmutters Wohnung aus. Offenbar war die halbe Staatskapelle erschienen, man war neugierig auf den Westbesuch. Ich wappnete mich innerlich für einen politischen Disput. Davon kam aber nichts. Einer, der das Fagott spielte, fragte ob er mal mit dem tollen hellblauen Peugeot fahren dürfe. Der andere schimpfte auf die lausige Qualität der Dachrinnen, die nur aus Plaste erhältlich seien. Die mit dem Auto da waren, hatten alle die Scheibenwischer in die Manteltasche gesteckt. Der erste Cellist erzählte uns beredt, wie er darunter leide, bei Auslandtourneen in Hotels untergebracht zu sein, wo im Aufenthaltsraum ein Kaminfeuer lustig flackert: „Ihr gönnd euch nich vorstelln, wie oft ich mein blaun Bass da schon hab rinnwerfn wolln“.

 

 

 

 

Dresden 1975

Meine damalige Freundin und deren Mutter wollten zu Ostern die Großmutter in Dresden besuchen. Ob ich mitkommen wolle?

Was für eine Frage!

Ich fuhr mit dem Zug. Am Bahnhof in Karl Marx Stadt sah ich am Weichenstellerhäuschen, etwas verblasst den Schriftzug „Chemnitz“. Sehr viel später hat mir dieses Erlebnis geholfen, eine Flasche Sekt zu gewinnen, weil ich voraussagte, nach der Wende werde es kein halbes Jahr dauern, bis Chemnitz wieder Chemnitz heißen würde.

Am Dresdner Hauptbahnhof wurde ich empfangen. Das war damals ein rußgeschwärzter, stinkender Laden, durch den die Massen hasteten. Sie sahen alle grau aus. Nicht im Gesicht, vielmehr trugen alle in der Helligkeit unterschiedliche aber dennoch graue Mäntel oder Anoraks. Ich hatte gedacht, mit dem alten, grünen Lodenmantel meines Großvaters würde ich nicht auffallen, das Gegenteil war richtig.

Mutter und Tochter waren mit dem neuen, hellblauen Peugeot angereist. Der stand nun vor dem Bahnhof und war Objekt der Neugierde. Als wir einstiegen, raunte das Proletariat. Vor einem Haus aus der Zeit, als Sachsen noch einen König hatte, hielten wir. „Du hast die Scheibenwischer schon wieder vergessen“, giftete meine Freundin. Sie waren schon seit zwei Tagen da und hatten gelernt, alles vom Auto abzunehmen, was nicht fest daran angeschraubt war.

Im Zweiten Stock wohnte die Großmutter. Ich wurde in einer Wohnung von Freunden im ersten Stock untergebracht. Der Sohn war in den Semesterferien zu einem Subbotnik an der Drushba Pipeline gerufen worden. Subbotnik wird ein freiwilliger Arbeitseinsatz genannt, Drushba bedeutet Freundschaft, lernte ich.

Im Schrank des Studenten hing sein blaues FdJ Hemd am Bügel. Auf einem Bord über dem Bett sammelte er Souvenirs. Unter anderem standen dort mehrere Schachteln, in denen einmal Fertigkuchenzutaten verpackt waren. „Aurora mit dem Sonnenstern“ stand darauf. Leere Pappschachteln aus dem Westen! Ich traute meinen Augen nicht.

Großmutter war Witwe. Sie war mit dem ersten Bratschisten der Staatskapelle verheiratet gewesen. Gleich am erste Abend warnte sie mich:

„Heiraten Sie nie in Künstlerkreise. Künstler glauben von sich, nicht mit normalen Maßen gemessen werden zu können. Sie sind außergewöhnlich, leisten Außergewöhnliches, und denken deshalb, sich außergewöhnlich benehmen zu können. Und wenn es ein Musiker oder Schauspieler ist, dann ist es oberstes Gebot, sie oder ihn nie am Bühneneingang abzuholen. Dort warten die Verehrerinnen und Verehrer. Mich hat er damals gar nicht gesehen, er stürmte gleich auf dieses ordinäre Weib zu!“

Es gab Weißwein von der Unstrut. Vor wenigen Tagen hätte ich noch gedacht, Unstrut bezeichne eine Magenverstimmung. Wir hatten ja keine Ahnung von der DDR. Zu Besuch war ein befreundetes Ehepaar. Sie spielte in der Staatskapelle Querflöte, er war Ingenieur und half bei der Elektrifizierung des Landes.

„Im Westen wäre ich Millionär, hier fahre ich immerhin einen Wartburg“. Er erklärte mir, dass beim Aufstellen der Überlandmasten und beim Aufhängen der Kabel das Problem der riesige Zug sei, der auf den Seilwinden laste. Er habe eine Methode gefunden, bei der Zug durch Duck ersetzt werde: „Man muss das Kabel nur ein paar Mal um eine Stahltrommel winden, dann ist der Zug weg“. Ich verstand Bahnhof, nickte aber verständnisvoll, besonders als der Ingenieur erzählte, dass nun sein Kombinat diese seine Erfindung gegen Devisen an den Westen verkaufe.

 

 

 

 

Unentflechtbares Knäuel von Erbansprüchen

Margarete Maultasch lebte von 1318 bis 1369 und hieß eigentlich Margarete Gräfin von Tirol Görz.

Sie wird von Zeitgenossen als besonders ansehnliche Dame beschrieben und dennoch ist das Bild, das die Nachwelt vor Augen hat eines, das sie in ganz besonderer Weise hässlich darstellt. Es handelt sich um ein Portrait, das nur einem Zwecke diente: Die Dame sollte dem Getratsche, der üblen Nachrede, der Lächerlichkeit ausgesetzt werden.

Sie war die Erbin der Grafschaft Tirol. Wer Tirol besitzt, kontrolliert den Alpenübergang. Zudem war sie eine Frau, man konnte in ihren Erbhof einheiraten. Das tat zunächst Johann Heinrich von Luxemburg. Damit ja nichts anbrenne, wurde er schon als Bub nach Tirol geschickt, er wuchs mit seiner späteren Frau auf. Damals waren die Luxemburger noch Könige von Böhmen und damit Kurfürsten. Ihnen hätte natürlich die Einvernahme Tirols gut ins Zeug gepasst. Aber Margarete blieb kinderlos. Über die Gründe wurde viel spekuliert und da ich das Licht nicht gehalten habe, kann ich dazu nichts Letztgültiges sagen. Die Ehe wurde nach elf Jahren geschieden, und zwar zunächst nur faktisch durch Kaiser Ludwig den Bayern im Jahr 1341. Schon wenige Monate später heiratete die Dame, ein Schelm, der Böses dabei denkt, Ludwig den Brandenburger, einen Wittelsbacher. Die Hohenzollern kamen erst 1411 in Brandenburg an.

Die Luxemburger schäumten vor Wut! Schließlich warf man dem geschassten Ehemann nichts anderes als Impotenz vor. Es handele sich allerdings nur um impotentia coeundi. Da Johann und Margarete miteinander aufgewachsen seien, habe natürliche Scheu etc… Die Luxemburger taten alles, um die ehemalig angetraute Gräfin zu verunglimpfen, sei es durch üble Nachrede, sei es durch entstellende Portraits. Es half aber gar nichts, Margarete gebar in ihrer neuen Ehe nach und nach vier Kinder, von denen zwei das Erwachsenenalter erreichten. Natürlich waren das alles Bangerten und nicht erbberechtigt. Die kirchliche Scheidung musste dringend her, um so auch der zweiten Ehe den Segen der Altäre zukommen lassen zu können.

Es dauerte siebzehn Jahre bis Papst Innozenz IV die erste Ehe für ungültig, da nie vollzogen, erklärte. Schon ein Jahr später starb Margaretes Erstgeborener, Hermann, ein Jahr später der Ehemann und dann starb auch noch Meinhard, der Zweitgeborene. Der hatte kurz vor seinem Tod Margarete Herzogin von Österreich geheiratet. Die Ehe blieb allerdings kinderlos

Nun stand die Gräfin von Tirol wieder ohne Erben da. Was tun? Die wütenden Luxemburger einsetzen? Oder den Wittelsbachern zu Willen sein, die dann von der Donau bis zur Etsch regiert hätten? Nein sie übergab die Grafschaft Tirol dem Habsburger, dem Kaiser Rudolf IV, dem Bruder ihrer kinderlos gebliebenen Schwiegertochter Margarete.

Und Johann von Luxemburg? Der heiratete munter weiter, drei weitere Male. Mit seiner zweiten Ehefrau hatte er sechs Kinder, und als diese verstarb, heiratete er Margarete Herzogin von Österreich, die Witwe des Sohns der Margarete Maultasch, also die Schwiegertochter seiner geschiedenen Frau. Ein nicht zu entflechtendes Knäuel von Erbansprüchen.

Den Auseinandersetzungen war Margarete durch die Übergabe an Rudolf IV zuvorgekommen.

Die Tiroler waren sich im Übrigen immer darüber im Klaren, dass der jeweils Regierende in Wien lediglich ihr Graf war. Das zeigt folgende Geschichte:

Als Kaiser Franz Josef mit der Bahn nach Innsbruck kam, erwarteten ihn dort am Perrron die Honoratioren Landes. Beim Aussteigen strauchelte der alte Herr, woraufhin ihn der Landeshauptmann des Kronlandes Tirol beim Arm nahm und sagte; „Stolperns net, Herr Graf.“

Das Kreuz mit dem Kreuz

Natürlich freue ich mich über jedes Flurkreuz am Wegesrand. Manche erinnern an alte Fehden und mussten nach Kämpfen, die mit Toten endeten, von den Überlebenden errichtet werden. Manche sind „nur“ Ausdruck der Frömmigkeit des Stifters.

Natürlich freue ich mich über Kreuze auf Kirchturmspitzen, wunderschöne Darstellungen des Gekreuzigten in Kirchen und Museen, und natürlich freue ich mich über Gipfelkreuze, allein schon deshalb, weil sie mir anzeigen, dass ich endlich oben angekommen bin, und hoffentlich eine zünftige Wirtschaft in der Nähe ihre gastliche Türe für mich offenhält.

Es ist gar nicht zu bestreiten, dass Kreuze und Kruzifixe zu uns, zu unserer Geschichte, zu unserer Kultur und zu unserer Landschaft gehören. Damit aber endet schon das kollektive „uns“. Denn es gibt ihn nicht mehr, „unseren“ Glauben.

Als die Mehrheit der genannten Kreuzesdarstellungen entstanden, war der Glaube noch etwas, das von der Obrigkeit verordnet wurde, „cuius regio, eius religio“, der Landesherr bestimmte, was das Volk zu glauben hatte.

Das ist glücklicherweise vorbei. Dessen logische und demokratische Folge ist, dass religiöse Überzeugungen Privatsache geworden sind. Der Staat hat nicht mitzureden.

Die Franzosen sind da bis zur Schmerzgrenze konsequent, dort verbietet man in der Weihnachtszeit sogar Krippen in den Rathäusern. In Südamerika gibt es Länder, da darf der Priester mit seiner Soutane nicht auf die Straße, weil in der Öffentlichkeit Manifestationen des eigenen Glaubens nicht nur unerwünscht sind, sondern zum Teil auch verboten.

So weit geht es in Mitteleuropa nicht. Hier können Wallfahrer durchs Land ziehen, sie können laut beten und die Posaunen können ertönen, dass es nur so eine Freude ist.

Nur, eine Wallfahrt ist genehmigungspflichtig wie jede andere Demo auch. Die Religionsausübung in der Öffentlichkeit untersteht dem „ordre public“ ebenso wie Fußball, Marathon oder die Versammlungen am 1. Mai.

So weit so gut und auch so gut eingespielt.

Nun hat der neue bayerische Ministerpräsident angeordnet, dass im Eingangsbereich jeden dem Freistaat gehörenden Gebäudes ein Kreuz hängen muss. Er begründet dies damit, das Kreuz gehöre zur bayerischen Kultur.

Damit erniedrigt er den Glauben der Mehrheit seiner Landsleute zur Folklore. Er setzt Glauben gleich mit Schuhplatteln, Oktoberfest und Gamsbart.

Ich finde das empörend. Als Franke finde ich es sogar zweimal empörend:

Erstes möchte ich meinen Glauben nicht einer allgemeinen Kultur gleichgestellt sehen, zum andern ärgert es mich, wenn immer so getan wird, als ob das „Krachlederne“ auch nördlich der Donau gelte. Es empört, wenn ein evangelischer Franke sich derart dem Münchner Mainstream anbiedert.

Ich will gar nicht davon reden, dass Staat und Kirche getrennt sind. Das sind Selbstverständlichkeiten.

Mich empört es, wie wieder einmal die Religion dazu benützt wird, ein politisches Süppchen zu kochen.

Wie so oft befinde ich mich mit meiner Meinung in der Minderheit. Wenn es allerdings die bayerische Bevölkerung billigend hinnimmt, dass ihr Glaube mit allgemeiner Kultur gleichgesetzt wird, dann könnte man auf den Gedanken kommen, dass dieser Glaube vielleicht doch nur noch Folklore ist.