Wasser für Ibiza

Auf Ibiza war Wasser schon immer Mangelware. Als der Insel Tycoon Abel Matutes ein Geschäft witterte, die quellenlose Insel Formentera mit Wasser aus Ibiza zu versorgen, ging ein Sturm der Entrüstung über die Insel.

„So weit kommt’s dass wir denen da drüben unser Wasser liefern“

Matutes aber hatte schon reihenweise Brunnen aufgekauft und eine Firma „Aguas de Formentera“ gegründet. Schließlich fand man einen Kompromiss und der Politiker, Bankier und Hotelier belieferte den Westteil der Insel mit Wasser. So kam es zu dem Absurdum, dass wir jahrelang Wasserrechnungen bekamen, auf denen stand als Absender „AGUAS DE FORMENTERA, S.A.“. Das Wasser kam weder von dort, noch gelangte es je dorthin.

Wer es sich leisten konnte, bohrte einen eigenen Brunnen. Das war natürlich genehmigungspflichtig, schon die Bohrerei war es, um wie viel mehr die Entnahme des Wassers. Das wurde streng gehandhabt, es wurden nur Pumpen mit einer bestimmten Fördermenge genehmigt, es war alles sehr kompliziert.

Was macht man, wenn etwas kompliziert ist? Man umgeht es. Und so wurden auf Ibiza unzählige Brunnen ohne Genehmigung gebohrt. Jeder, der wegen einer Genehmigung bei den Behörden vorstellig wurde, galt als Depp, Feigling oder Schlimmeres.

Einig war man sich, dass man nur dann bohren könne, wenn zuvor ein Wünschelrutengänger über den Acker gelaufen war.

Da ging es schnell um Glaubensfragen: Die einen schworen auf Astgabelungen aus Olivenholz. Die seien besonders treffsicher. Bevor man viel Geld in die Hand nimmt, braucht man halt Gewissheit. Auf Anweisung des Wünschelrutengängers wurde ein Lastwagen mit aufmontiertem Bohrgestänge  in Position gebracht. Es war unbedingt notwendig, dass das Monstrum absolut waagerecht stand. Das zu erreichen war ein ziemlicher Aufwand. Ibiza ist eben keine ebene Insel. Bezahlt wurde nach Metern. Wenn in hundert Metern Tiefe nur Schlamm oder trockene Erde gefunden wurden, musste ein anderer Wünschelrutengänger geholt werden. Der arbeitete mit einer Zwille aus Kupfer. Er war teurer als der mit dem Olivenast, aber auch er konnte nicht wirklich versprechen, dass Wasser gefunden würde.

In verzweifelten Fällen wurde „Pep d‘es Aig0“ geholt, der Wassersepp. Bevor er ans Werk ging, mussten alle Frauen und Mädchen weggesperrt werden. Die einen sagten, dies geschehe wegen der Sittlichkeit, Peps Freunde raunten, weibliche Anwesenheit würde das Ergebnis verfälschen.

Kaum waren die Damen weggesperrt, zog sich Pep splitterfasernackt aus und lustwandelte über das Land. Er behauptete, seine Männlichkeit reagiere auf Wasseradern. Seine Gebühren waren natürlich am höchsten, aber es gab Bauern, die bei der Heiligen Jungfrau schworen, Pep d’es Aigo habe auf ihrer Finca Wasser gefunden, obwohl seit Menschengedenken alle wussten, dass es da nichts gab.

Auf Ibiza hatte ich einen sehr guten Freund. Er war Agnostiker, und hielt von jedwedem Firlefanz wenig. Als er beschloss einen Brunnen zu bohren, holte er selbstredend keinen Wünschelrutengänger auf seine Finca. Vielmehr beschloss er, von der „era“ dem Dreschplatz aus, in die Tiefe zu bohren.

Alle seine Freunde beschworen ihn, vorher die Meinung wenigstens von dem mit dem Olivenast einzuholen, aber er blieb stur, das sei Hokuspokus.

Und siehe da, schon nach etwas mehr als 50 Metern fand man Wasser, es sprudelte klar und schmackhaft aus dem Boden.

„Woher hast du gewusst, dass es unter dem Dreschplatz Wasser gibt?“ fragten wir ihn.

Er lächelte nur verschmitzt und sagte:

„Ich wusste es überhaupt nicht, nur zur „era“ führt ein befahrbarer Weg, und wenn der Bohrlastwagen dort angekommen ist, steht er automatisch gerade.“

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