Unbekümmeter Umgang mit Kunst

Gestern waren Brigitte und ich unter der fachkundigen Anleitung meines Vetters Hans Georg im Kunstforum in Berlin. Renaissance und Manierismus waren dran.

Irgendwann standen wir vor einem Gemälde von Piero di Cosimo. Es trug den Titel „Venus, Mars und Amor“. Die Herrschaften waren auch entsprechend leicht bekleidet. Was uns allerdings ins Grübeln brachte, war das ungewöhnliche Format des Bildes. Am Ende meinte Hans Georg, es könne sich um den Deckel einer florentinischen Hochzeitstruhe handeln.

Ich stellte mir vor, wie diese Truhe auf dem Gang eines Palazzo in Florenz stand. Die Kinder versteckten sich dahinter oder darin, spielten um sie herum Fangermandl oder gar Fußball.

Kunst oder Antiquitäten, die in einem privaten Haushalt stehen, werden über kurz oder lang zu Gebrauchsgegenständen.

Warum teures Porzellan kaufen, wenn die Schränke voll sind mit Tellern aus Meißen?

Da fiel natürlich immer wieder was runter und die Missetäterin erzählte dann stets entschuldigend: “Die gagreuzdn Sabelich hab ich fei nuch g’sehn.“

Ich sehe noch den Abgesandten des Landesamts für Denkmalspflege, wie er die Hände über dem Kopf zusammenschlug, als er miterleben musste, wie eine Bande von einem guten Dutzend Kindern durch die Gänge des Schlosses in Rentweinsdorf tobte, um dort Versteck im Dunkeln zu spielen. Da hingen natürlich auch Sachen an den Wänden…

Die schönste Geschichte über unbekümmertem Umgang mit Kunstgegenständen, habe ich vor Jahrzehnten in den Lebenserinnerungen des Grafen Coudenhove-Kalergi gelesen. Er, seine Schwester und sein Bruder waren auf einem westböhmischen Schloss aufgewachsen. 1945 wurde der Besitz enteignet und das Inventar zum großen Teil vom Politkommissar an internationale Kunsthändler verscherbelt.

Bei einem Besuch in New York hörte der Europapolitiker und Mitbegründer der Paneuropa Union davon, dass Teile der Möbel des heimatlichen Schlosses in einem dortigen Museum ausgestellt seien. Er meldete seinen Besuch an und wurde zu seiner Verblüffung vom Kurator des Museums höchstpersönlich empfangen.

Der erklärte ihm, wie glücklich er doch sei, endlich jemanden aus der Familie kennen zu lernen, denn schon seit Jahren treibe ihn eine Frage um, die zu klären er bisher außerstande gewesen sei.

Er führte den Grafen in den Saal, in dem einige Gobelins ausgestellt waren. Mit großer Rührung erkannte der Gast zwei davon, die ihn in seiner ganzen Kindheit zu Hause begleitet hatten. Lange standen die beiden Herren davor und ließen die beiden Kunstwerke auf sich wirken.

Dann deutete der Kurator auf den einen der beiden Gobelins und sagte: „Sehen Sie, in der linken unteren Ecke ist der Gobelin abgenutzt und aufgehellt, während der andere vollkommen makellos ist.“

Graf Coudenhove-Kalergi musste lächeln, als er sich an die Winter im Schloss erinnerte. Dann sagte er: „Wissen Sie, bei uns war es kalt. Und damit wir uns nicht erkälten, hat die Mutter den einen Gobelin von der Wand genommen und im Kinderzimmer auf den Boden gelegt. Wenn wir uns am Abend auf den Scherben haben setzen müssen, dann haben mein Bruder und meine Schwester natürlich weitergespielt, uns getratzt und Bälle geworfen. Dabei ist halt manchmal so ein Nachttopf umgefallen oder zu Bruch gegangen. Wenn das passiert war, kam hernach das Kindermädchen und hat die Stelle mit Scheuerpulver und Wurzelbürste traktiert“.

 

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