Händler, Maler und ein grüner Delfin auf Ibiza

In den 70er Jahren war Ernesto Ehrenberg eine Größe. Er war endlich angekommen. Das war nicht immer so in seinem Leben. Da seine Mutter Jüdin war, bekam er Schwierigkeiten mit den Nazis. Er lebte ein unstetes Leben, unter anderem in Algerien. Erst Mitte der 60er Jahre fand er sein Ziel: Ibiza. Ob und wenn was Ernesto gelernt hatte, wusste keiner. Das war damals auf Ibiza auch wirklich das Unwichtigste. Er war Kunsthändler und hatte nie wirklich Geld. Von Malerei verstand er etwas und hatte eine exquisite Art, seine Ware loszuwerden. Er verkaufte nicht, seine Methode war der Zuschlag. Er sah sich ein Bild an, dann entschied er, dass dieses Werk zu Misters Sowieso auf der Finca Daunddort passte. Er machte sich auf den Weg meist zu Fuß auf staubigen Straßen. Das Taxi konnte er sich nicht leisten, der Bus fuhr nicht überall hin und Privatautos waren rar. Ernesto machte aus der Not eine Tugend, denn wer öffnet einem Bekannten nicht die Tür, der bei glühender Sonne drei Stunden lang ein Bild geschleppt hatte? Und dann blieb Ernesto. Er blieb zum Tee, er blieb zum sundowner, er blieb zum Abendessen und wenn es notwendig war, blieb er über Nacht. Spätestens beim Frühstück kapitulierte der Hausherr, zumal seine Frau ihn dauernd unter dem Tisch auf die Füße trat.

Der deal war gemacht und auf dem Weg zurück in sein Zimmer im Delfin Verde in der Stadt dachte er über den nächsten Zuschlag nach. Ich habe Ernesto in Cafés der Stadt und wohl auch auf einigen Partys erlebt, war aber natürlich viel zu unbedeutend, als dass ich in den näheren Umkreis der ausländischen Ibiza Schickeria vordringen konnte. Diese fühlte sich damals besser als alles, was auf Mallorca, der Putzfrauen Insel, kreuchte und fleuchte. Wichtigstes Gütesiegel war, stets am Rande des finanziellen Kollapses zu leben. Was die ausländischen Intellektuellen untereinander verband, waren aktuelle oder verflossene gemeinsame Liebschaften. Vielmehr aber schweißte ein feines Netz aus gegenseitigen Schulden zusammen. Diese je eintreiben zu können, war vollkommen illusorisch, zumal man ja in der Regel Gläubiger und Schuldner zugleich war. Geld zu haben, war uncool. Ich kannte Millionäre, die vom Range Rover auf einen Renault 4 umstiegen. Image ist eben Image.

Das Restaurant und Hostal „Delfin Verde“ im Hafen der Stadt wurde von Emilio Schillinger geleitet. Ich erinnere ihn als stattlichen schwarzhaarigen Mann. Es wurde gemunkelt, er sei Nazi gewesen. So genau wusste es keiner, nur dass er mit Josef Schörghuber im Krieg in der gleichen Kompanie gewesen sei. Der hat ihm dann später durch manche Engpässe geholfen. Widerstandskämpfer wird Emilio jedenfalls nicht gewesen sein. Um so mehr erstaunte die seltsame Symbiose Ernesto – Emilio.

In einer späten Ehe hatte Emilio Isa geheiratet, Sie war vorher Werbefilmerin und Journalistin in München gewesen, war mit Ursula von Kardorff befreundet und brachte mit ihrer Damenhaftigkeit etwas von mondänem Flair in den Delfin Verde. Wie es Emilio geschafft hatte, dieses Juwel für sich einzunehmen, blieb sein ewiges Geheimnis, zumal seine wichtigste Eigenschaft, die abgrundtiefe Unfähigkeit als Geschäftsmann, über die Gestade der Insel hinaus bekannt war.

Alle Maler der Insel, Erwin Bechthold, Eduard Micus, Katja Meirowksky, Hans Laabs, Heinz Trökes, Erwin Bronner und Egon Neubauer, waren im Delfin Verde gern gesehene Gäste. Isa mochten sie nicht so sehr, weil die plötzlich darauf bestand, dass das Essen und der Wein auch bezahlt werden müssten. Das war äußerst deplatziert.

Nachdem Emilio schon gestorben war, bat mich Isa, beim Verkauf seines Hauses zu helfen. Erwin Bronner hatte es entworfen. Seit zwanzig Jahren war nichts mehr repariert worden. Die arme Isa verstand die Welt nicht mehr: „Wer wird schon bei einem Erwin-Bronner-Haus auf das Klo achten“!

Ich verdanke Isa Schillinger viel. Sie war mit Inga, der Frau meines Deutschlehrers „Öppi“ Lohan, befreundet. Offenbar hatte sie mich ihr ans Herz gelegt und so konnte ich 1983 bei einem Ibiza Bild-Band mitarbeiten. Das öffnete mir den Weg zum Diario de Ibiza, und das führte über mehrere weitere Stationen zur Anwaltskanzlei.

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