Ostern, toter Friseur und „Bräudla“

Als Kind ist es schwer einen Zugang zur Osterbotschaft zu bekommen. Womöglich ahnte das unsere Großmutter, denn wenn wir missmutig die Treppe hinunterliefen, weil wir in die Kirche mussten, kam sie aus ihrer Wohnungstür heraus, breitete ihre Arme aus und rief uns zu:

„Der Herr ist auferstanden!“

Wir umarmten sie dann alle der Reihe nach und antworteten:

„Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Immerhin haben wir so mitbekommen, dass Ostern ein Fest der Freude ist. Denn seit Freitag herrschte eine für Kinder nicht fassbare Weise Unfreude. Verschdeggerles, Schreien, Räuber und Schandi, all das war plötzlich verboten. Weshalb wurde nicht erklärt, ein Verweis auf die Leiden Christi musste ausreichen. Nur, bei aller Frömmigkeit, Staudämme im Bach zu bauen, Spatzen zu schießen oder im Heu zu toben, war uns damals näher.

Immerhin, die Feiertage begannen immer am Gründonnerstag mit einer Fahrt nach Fulda. Ausweislich des gelben Wegweisers an der B279 waren es bis dorthin 124 km. Eine Weltreise, zumal man über die Rhön fahren musste, die Autobahn gab’s ja noch nicht. Wer mitfahren durfte, dem war in Fulda längst schlecht, aber die Rückfahrt war herrlich, Tante Esther erzählte aus fremden Welten.

Sie wurde immer in Fulda am Bahnhof abgeholt. Freundin unserer Mutter, war sie „nur“ Nenntante, wir liebten sie wahrscheinlich mehr, als die richtigen Tanten. Tante Esther arbeitete als Dolmetscherin beim britischen Hauptquartier in Herford. Einen Teil ihrer wunderbaren Geschichten erzählt sie auf Englisch, „not in front of the children!“

Ihre Mutter war Irin gewesen. Tante Esther erzählte, die irische Hausfrau kaufe nicht etwa Kartoffeln auf dem Markt, sondern wähle zwischen mindestens 20 ihr namentlich bekannten Sorten aus. Das war für fränkische Kinderohren pure Exotik, denn für uns gab es nur zwei Sorten: die Pellkartoffel und den Gloß. Letzterer zerfiel in zwei Untergruppen, den Gloß schlechthin und den gebadschdn Gloß, den breitgedrückten Gloß, also, den Kartoffelpuffer.

An Ostern gab es natürlich bunte Ostereier zum Frühstück. Unsere Mutter hatte die Angewohnheit, harte Eier an ihrem Kopf aufzuschlagen. „Wenn ihr genügend fest zuschlagt, tut das gar nicht weh.“

Irgendwann gelang es unserem Vater, ihr ein buntes rohes Ei unterzujubeln…

Nach der Kirche gab es bald das Mittagessen. Wie fast immer am Sonntag aßen wir Reh. Vater tranchierte die Keule oder den Rücken und wenn wir das Tischgebet sprachen, kreuzte er fromm Gabel und Tranchiermesser.

Was haben wir unsere Freunde im Dorf beneidet, bei denen gab es Stallhas, saura Zipfl oder Kalbsniernbrodn. Immerhin bekamen wir zum Wild Glöß und Spatzenflügel, vulgo Rotkraut. So wurde auch der trockene Rehbraten erträglich. Damals briet man ihn aus Angst vor Trichinen noch bis kurz vor der Karbonisierung durch.

Nach dem Essen versteckte Vater im Park. Wenn er fertig war, rief er uns mit dem Schlachtruf:

„Der Osterhas hat Eier gelegt!“

Es gab Schokoladeneier, künstliche Spiegeleier aus weißem und gelbem Zucker, Osterhasen und toten Friseur. So wurden die Schokoladeneier genannt, aus denen glibbrige, schillernde Soße quoll, wenn man sie aufbiss.

Gleich nach Ostern kam der nächste Höhepunkt des Kirchenjahres, der „weiße Sonntag“. Dann gingen in den katholischen Dörfern die Kinder zur Erstkommunion. Die Mädchen hatten weiße Kleider an und hießen „Bräudla.“

In Thüngen, wo es auch katholische Bauern gab, waren Mutter und ihre vier Schwestern stets besinnungslos neidisch auf diese weißgewandeten Elfengestalten. Zu um Trost mussten sie am weißen Sonntag keinen Mittagschlaf machen. Das wurde auch bei uns beibehalten, „Bräudla“ gab es dort nicht, und neidisch hätte nur unsere Schwester sein können. Dennoch fieberten wir diesem Großereignis im Kirchenjahr entgegen.

Puigdemont

Jeder darf dazu eine Meinung sagen. Soll man ihn ausweisen? Soll man nicht? Ist er ein politischer Häftling? Ist er ein ganz normaler Straftäter?

Letztlich ist das alles vollkommen egal. Unsere Meinung ist nicht gefragt. Glücklicherweise ist unsere Meinung nicht gefragt.

Die Entscheidung liegt bei der Justiz, so wie es das europäische Auslieferungsverfahren vorsieht. Die Justiz mit Meinungsmache, Petitionen, angezündeten Müllcontainern oder gut gemeinter Entrüstung beeinflussen zu wollen, ist zutiefst undemokratisch.

Die Justiz entscheidet unabhängig und ist nur Recht und Gesetz verpflichtet.

Das ist in einem demokratischen Rechtsstaat so. Glücklicherweise ist es so.

Wasser für Ibiza

Auf Ibiza war Wasser schon immer Mangelware. Als der Insel Tycoon Abel Matutes ein Geschäft witterte, die quellenlose Insel Formentera mit Wasser aus Ibiza zu versorgen, ging ein Sturm der Entrüstung über die Insel.

„So weit kommt’s dass wir denen da drüben unser Wasser liefern“

Matutes aber hatte schon reihenweise Brunnen aufgekauft und eine Firma „Aguas de Formentera“ gegründet. Schließlich fand man einen Kompromiss und der Politiker, Bankier und Hotelier belieferte den Westteil der Insel mit Wasser. So kam es zu dem Absurdum, dass wir jahrelang Wasserrechnungen bekamen, auf denen stand als Absender „AGUAS DE FORMENTERA, S.A.“. Das Wasser kam weder von dort, noch gelangte es je dorthin.

Wer es sich leisten konnte, bohrte einen eigenen Brunnen. Das war natürlich genehmigungspflichtig, schon die Bohrerei war es, um wie viel mehr die Entnahme des Wassers. Das wurde streng gehandhabt, es wurden nur Pumpen mit einer bestimmten Fördermenge genehmigt, es war alles sehr kompliziert.

Was macht man, wenn etwas kompliziert ist? Man umgeht es. Und so wurden auf Ibiza unzählige Brunnen ohne Genehmigung gebohrt. Jeder, der wegen einer Genehmigung bei den Behörden vorstellig wurde, galt als Depp, Feigling oder Schlimmeres.

Einig war man sich, dass man nur dann bohren könne, wenn zuvor ein Wünschelrutengänger über den Acker gelaufen war.

Da ging es schnell um Glaubensfragen: Die einen schworen auf Astgabelungen aus Olivenholz. Die seien besonders treffsicher. Bevor man viel Geld in die Hand nimmt, braucht man halt Gewissheit. Auf Anweisung des Wünschelrutengängers wurde ein Lastwagen mit aufmontiertem Bohrgestänge  in Position gebracht. Es war unbedingt notwendig, dass das Monstrum absolut waagerecht stand. Das zu erreichen war ein ziemlicher Aufwand. Ibiza ist eben keine ebene Insel. Bezahlt wurde nach Metern. Wenn in hundert Metern Tiefe nur Schlamm oder trockene Erde gefunden wurden, musste ein anderer Wünschelrutengänger geholt werden. Der arbeitete mit einer Zwille aus Kupfer. Er war teurer als der mit dem Olivenast, aber auch er konnte nicht wirklich versprechen, dass Wasser gefunden würde.

In verzweifelten Fällen wurde „Pep d‘es Aig0“ geholt, der Wassersepp. Bevor er ans Werk ging, mussten alle Frauen und Mädchen weggesperrt werden. Die einen sagten, dies geschehe wegen der Sittlichkeit, Peps Freunde raunten, weibliche Anwesenheit würde das Ergebnis verfälschen.

Kaum waren die Damen weggesperrt, zog sich Pep splitterfasernackt aus und lustwandelte über das Land. Er behauptete, seine Männlichkeit reagiere auf Wasseradern. Seine Gebühren waren natürlich am höchsten, aber es gab Bauern, die bei der Heiligen Jungfrau schworen, Pep d’es Aigo habe auf ihrer Finca Wasser gefunden, obwohl seit Menschengedenken alle wussten, dass es da nichts gab.

Auf Ibiza hatte ich einen sehr guten Freund. Er war Agnostiker, und hielt von jedwedem Firlefanz wenig. Als er beschloss einen Brunnen zu bohren, holte er selbstredend keinen Wünschelrutengänger auf seine Finca. Vielmehr beschloss er, von der „era“ dem Dreschplatz aus, in die Tiefe zu bohren.

Alle seine Freunde beschworen ihn, vorher die Meinung wenigstens von dem mit dem Olivenast einzuholen, aber er blieb stur, das sei Hokuspokus.

Und siehe da, schon nach etwas mehr als 50 Metern fand man Wasser, es sprudelte klar und schmackhaft aus dem Boden.

„Woher hast du gewusst, dass es unter dem Dreschplatz Wasser gibt?“ fragten wir ihn.

Er lächelte nur verschmitzt und sagte:

„Ich wusste es überhaupt nicht, nur zur „era“ führt ein befahrbarer Weg, und wenn der Bohrlastwagen dort angekommen ist, steht er automatisch gerade.“

Die Verbrecherin Merkel

Es war wohl Konrad Lorenz, der Erfinder der Verhaltensforschung, der feststellte, dass er und sein Hund immer vom riesigen Hund des Nachbarn verbellt wurden, der sich hinter einem Gartenzaun wie wild gebärdete. Eines Tages war das Gartentor sperrangelweit offen, und die beiden Hunde standen sich erstmals ohne den schützenden Zaun gegenüber. Und siehe da, der so übermächtig scheinende Nachbarshund zog den Schwanz ein und trollte sich.

Zuvor konnte er bellen, so viel er wollte, er wusste ja, es würde keine Konsequenzen für ihn haben, der Zaun schützte ihn.

Genau so verhalten sich all jene, die seit Jahren schreien, die Kanzlerin der Bundesrepublik sei eine Verbrecherin, sie hole die Flüchtlinge absichtlich ins Land, um allem Deutschen, (dem Deutschtum?) den Garaus zu machen, sie verletze wissentlich Recht und Gesetz, Seehofer möge sie verhaften und in den Kerker werfen.

Es gibt zu denken, dass kein einziger dieser Schreihälse bisher bei der Staatsanwaltschaft Strafantrag gestellt hat.

Auch gestern wieder hat der Hundskravattenträger im Bundestag davon geschwafelt, es herrsche „Rechtsbruch als Dauerzustand“.

Schreien, solange es keine Konsequenzen hat, das können sie. Aber es fehlt ihnen der Mumm über das Schreien hinauszugehen.

Wenn der Bürger eines demokratischen Rechtsstaates ein Verbrechen bemerkt, dann muss er dieses den Ordnungskräften seines Landes melden. Tut er das nicht, macht er sich der Strafvereitelung schuldig.

Wer also so etwas Gravierendes feststellt, wie ein von der Regierungschefin begangenes Verbrechen, der muss dies anzeigen.

Tut er es nicht, entlarvt er sich als

  • Wichtigtuer
  • Schwätzer
  • verantwortungsloser Hetzer
  • Naturtrottel
  • Schisser
  • hartgekochtes Weichei

Die deutsche Sprache hat für solche Typen einen wunderbaren „pars pro toto“ Ausdruck: Er fängt mit „A“ an und hört mit „loch“ auf.

Pedro Otzoup, Architekt und Mädchensieder

Mit seinem buschigen Oberlippenbart sah er aus wie ein Grieche, der für Feta Käse Reklame macht. Das Nikotin hatte die Barthaare gelblich verfärbt. Pedro Otzoup sprach deutsch mit einem seltsamen Akzent, spanisch mit einem seltsamen Akzent, französisch mit einem seltsamen Akzent und englisch mit einem seltsamen Akzent. Kein Wunder, er war in Odessa auf die Welt gekommen. Das war 1918.

In Berlin begann er ein Architekturstudium, das er nicht abschloss. Er, einer der erfolgreichsten Architekten Mallorcas, sagte von sich, er sei Bühnenbildner, aber kein Architekt. Auf die Insel kam er noch bevor der Tourismus Boom begonnen hatte, und als er im Jahr 2000 starb, hatte er an die 3.000 Wohneinheiten auf der Insel verteilt.

Er bediente zur Perfektion das Bedürfnis der 70er und 80er Jahre nach dem, was der gestandene Mitteleuropäer mediterranen Baustil nennt.

Seine Häuser, besonders seine Mehrfamilienhäuser, gleichen bis heute mehr einer Kulisse als einer Fassade. Sie haben nämlich keine. Hier ein Bogen, dort ein wuchtiger Holzbalken, dann wieder ein ziegelgedeckter Erker und alles endet in einer langgezogenen Fensterfront vor dem Pool.

Das war damals aktuell und die von ihm entworfenen Häuser und Appartements verkauften sich wie warme Semmeln. Kein Wunder, dass er bei den Architekten, die statt seiner die Baupläne unterschreiben mussten, sowie bei den Bauunternehmern äußerst beliebt war. Auf einem Otzoup Haus blieb niemand lange sitzen.

Noch heute werden von dem Maklerfirmen Otzoup-Häuser als solche angepriesen, als handele es sich dabei um ein ganz besonderes Gütezeichen.

Ich fand seinen Stil nie gut. In Cala Fornells kann man es besichtigen: Ein heilloses Durcheinander an Stilen, Aufgängen, Markisen, Törchen, Balken und vorgefertigten Säulchen. Mich erinnerte das Kleinteilige seiner Entwürfe an die Siedlungen der Schlümpfe, in Spanien „los pitufos“. Als ich die „Aldea Cala Fornells“ „Aldea Pitufo“ nannte, wurde ich fast gesteinigt.

Pedro Otzoup konnte sich nicht gegen die Begehrlichkeiten von Architekten, Bauunternehmern, Schreinern, Klempnern und Fliesenlegern durchsetzen. Seine Bauwerke wurden alle immens teuer. Da sich damals aber sowieso niemand an Kostenvoranschläge hielt, fiel das nicht besonders auf. Pedro konnte nicht laut „nein“ sagen, denn er war von ständigen Zuwendungen der Bauwirtschaft abhängig. Das wusste man, und so bekam er regelmäßig seinen Teil ab von dem, was an Extrazahlungen anfiel.

Pedro Otzoup war spielsüchtig und „verjeute“ zum Leidwesen seiner französischen Frau jede einzelne Pesete im Spielcasino von Calas de Mallorca. Wenn dann doch irgendwann etwas Geld da war, kaufte er sich einen gelben italienischen Sportwagen. Irgendwie beneidenswert so in den Tag hinein zu leben. Für seine Mitmenschen war es anstrengend, für seine Auftraggeber teuer.

Oft saß er bei uns in der Kanzlei und qualmte uns die Bude voll. Stets vertraten wir stinksaure Bauherren, die trotz aller Fährnisse darauf bestanden, Pedro sei ihr Freund. Nicht eingehaltene Übergabetermine, mangelhafte Qualität der verwendeten Baumaterialien, Treppen, die bei der Bauabnahme durchfielen, Außen-Jacuzzis, die leichte Stromschläge verteilten, irgendwas war immer.

Das war übrigens sein Clou der späten Jahre, der Aussen-Jacuzzi. Im Erdgeschoss ein halbrundes bay-window und oben drauf ein blubbernder kleiner Pool. Unter Spaniern bürgerte sich dafür bald der Fachausdruck „tazón calienta chicas“ ein.

Bewahrt den Rechtsstaat!

Mein Freund und Notar Álvaro Delgado Truyols hat an diesem Wochenende in der Balearen Ausgabe der Tageszeitung „El Mundo“ einen Artikel veröffentlicht, in dem er darlegt, weshalb insbesondere sozialdemokratische Parteien eine schwere Zukunft vor sich haben. Er schreibt, unterdessen hätte auch der verstockteste Politiker bemerkt, dass sozialistische Grundforderungen wie Gleichberechtigung von Mann und Frau, anständiger Lohn für anständige Arbeit, Gesundheitsvorsorge für alle und die Menschenrechte Dinge sind, derer sich die Politik annehmen müsse, und deren sie sich zum großen Teil bereits angenommen hat. All das ist nicht genuin „Linkes“ mehr.

Wir können das auch außerhalb Spaniens beobachten: Neue Parteien entstehen am Rand des politischen Spektrums, zum Teil links davon, zum Teil rechts davon. Für den an Kontinuität gewohnten Mitteleuropäer ein Graul.

Die Tatsache, dass im deutschen Bundestag nunmehr sechs Parteien vertreten sind, ja dass im Nationalrat in Wien ebenfalls sechs Parteien dazu aber noch eineinhalb Dutzend Fraktionslose sitzen, erinnert im Unterbewusstsein an italienische Verhältnisse.

Die Interessen der Menschen lassen sich nicht mehr in links und rechts katalogisieren. Bedürfnisse, die in unserer Kindheit und Jugend aus purer Mangelwirtschaft undenkbar waren, können plötzlich und müssen plötzlich politisch interessieren. Fragen der Ernährung, diffuse Ängste, geschlechtsneutrale Sprache, Arbeitsplatzerhalt, Erderwärmung, Flüchtlingspolitik, Einsatz der Bundeswehr im Ausland, Energiewende, Plastik im Meer, Manager, die ganze Völker betrügen, aber zu Weihnachten Millionenbeträge nach Hause schleppen, all das gab es früher nicht und interessierte deshalb auch nicht. Heute aber muss das interessieren und deshalb ändern sich auch die Ansprüche des Wählers an die Politik.

Als alter Mensch steht man da natürlich manchmal vor dem Panorama und schüttelt den Kopf. Wie soll man das auch alles verstehen?

Nun ist es ja so, dass alte Menschen den nachrückenden Generationen Platz machen sollten. Peu à peu rücken wir von Posten, Vorstellungen und bisher ehernen Wahrheiten ab.

Ist ja auch gut und schön, allerdings unter einer nicht verhandelbaren Bedingung:

Rührt mir den Rechtsstaat nicht an!

Immer mehr habe ich den Eindruck, dass außer einigen Verfassungsrechtlern fest niemand mehr weiß, was der Rechtsstaat ist, und wie wichtig es ist, ihn stark zu erhalten.

Kümmert euch um ihn! Haltet ihn hoch! Verteidigt ihn mit Zähnen Klauen und Argumenten!

Wenn der Rechtsstaat einmal weg ist, wird es schwierig, ihn wieder herzuholen.

 

Wald ist gut für den Charakter

Eine Heppe ist ein Handbeil, bei dem aus dem kurzen Griff die Schneide in Verlängerung desselben herausragt. Es ist eigentlich ein breites Messer, das in einer seitlichen Spitze ausläuft. Das Ding sieht einem Falken nicht unähnlich. Dieses Instrument lag immer im hinteren Kofferraum des Rentweinsdorfer Forst – Käfers. Mein Vater brauchte die Heppe zum Holz auszeichnen. Dazu ging er durch den Wald und markierte mit der Heppe die Bäume, die gefällt werden sollten. Bei Kiefer, Fichte, Eiche oder Lärche ging das einfach, nur die glatte Rinde der Buche machte Schwierigkeiten, dafür hatte er eine Art Taschenkralle, mit der die Rinde geritzt wurde. Nach welchem System Vater Bäume auszeichnete, war uns Kindern natürlich zunächst unklar. Erst langsam lernten wir, dass die Bäume gefällt werden müssen, die andere an der Entwicklung hindern, die anderen das Licht nehmen.

Mir war immer bewusst gewesen, dass wir vom Wald leben. Deshalb verstand ich nicht, warum immer nur die miesen Bäume gefällt werden

„Einen guten Baum zu fällen, macht uns reich und ich krieg ein neues Fahrrad“ argumentierte ich. Mit nicht enden wollender Geduld erklärte mir Vater stets, der Beruf des Forstwirts sei ein charakterbildender: „Die Früchte dessen, was ich heute tue, erntet mein Sohn oder vielleicht auch erst mein Enkel.“

Das fand ich natürlich entsetzlich langweilig. Was nützt das neue Fahrrad den Kindern meines Bruders?

Eine andere Arbeit im Wald war das Holz abnehmen. Dabei trugen wir einen Hammer, dessen Kopf aus einem vereinfachten Familienwappen bestand. Der Hammer wurde mit Teer eingeschmiert und auf die Schnittstelle gefällter Bäume gehauen. Es gab noch einen weiteren Hammer mit einstellbaren Zahlen. Die kamen neben das Wappen. Vater trug die Nummer in ein dickes Buch ein. Ich kam mir vor wie im Western, wenn Fohlen gebrandmarkt werden.

All das geschah natürlich bei eisigen Temperaturen im Winter. Dann herrscht im Wald Hochsaison. Heute kreischen Motorsägen und ein Baum fällt in spätestens fünf Minuten um. Als Kind habe ich noch beobachtet, wie Bäume „händisch“ gefällt wurden. Vorne bedienten die Arbeiter die Handsäge. Damit sie nicht vom Baum ein geklemmt werde, mussten hinter ihr Keile in die Schnittstelle getrieben werden. Der Baum ächzte und bewegte sich etwas in die Richtung, in die er fallen sollte. Am Ende tat er das aber nicht immer und es konnte passieren, dass der fallende Baum in den Armen eines anderen festhing. Das war eine Katastrophe, denn Waldarbeit wird im Akkord bezahlt. Die beiden Holzfäller beschimpften sich wütend und schoben einander die Schuld zu.

Mein erstes eigenes Geld im Wald habe ich mit „klubben“ verdient. Vater hatte von Onkel Konrad ein Stück Wald gekauft und nun musste festgestellt werden, wie viel Holz darauf stand. Dazu misst man mit der Klubbe, einer überdimensionierten Schublehre, den Durchmesser eines jeden Stammes etwa in Brusthöhe. So kann man den Festmetergehalt eines jeden Baumes ziemlich exakt berechnen. Bei diesem Tun stießen wir auf einer Lichtung, auf drei Grabsteine. Hier, neben seinen Hunden, wollte auch Onkel Konrad begraben werden. Wir waren beeindruckt.

Nicht so das Landratsamt. Als Onkel Konrad tatsächlich starb, wurde mit Verweis auf die bayerische Bestattungsverordnung eine Sarglegung außerhalb eines Friedhofes verboten.

Da nützte es auch nichts, dass sich Onkel Konrad extra im Krematorium in Coburg hatte verbrennen lassen. Als der Sarg unter Quietschen in der Versenkung verschwand, hörte man aus den Tiefen des Krematoriums eine Stimme, die dem Kollegen zurief: „Geh zu, pack amol aa!“

Ist Recht gleich Recht?

Zum großen Erstaunen des Publikums kommt es immer wieder vor, dass deutsche Zivilgerichte das Recht der Scharia anwenden. Das geschieht fast ausschließlich in Familiensachen.

Dann erhebt sich sofort ein riesiges Geschrei, das meist mit dem Terminus „Islamisierung Deutschlands“ endet.

Dabei schreibt unser eigenes Gesetz in Familiensachen vor, das Gesetz der Nationalität der Ehegatten oder der Familie anzuwenden. Das steht im Einführungsgesetz zum BGB §§13 folgende (EGBGB) .

Am spektakulärsten und wohl auch am missverstandensten war die Entscheidung eines deutschen Gerichtes, wonach die der ersten Ehefrau nachfolgenden weiteren Ehefrauen  eines ausländischen Moslems in Deutschland zwar nicht den rechtlichen Status einer Ehefrau haben können, unterhaltsrechtlich aber als solche behandelt werden müssen.

Viel Tinte ist auch darüber die Frage vergossen worden, ob eine im Ausland geschlossene Ehe eines älteren Mannes mit einem Kind in Deutschland Bestand haben kann noder nicht.

Nun hat die „Bild“ Mitarbeiterin Anna von Bayern von einem abenteuerlichen Fall in Schweden berichtet. Dort hat eine Politikerin und Laienrichterin in einer Familiensache entschieden, die Frau, die Misshandlung angezeigt hatte, sei weniger glaubwürdig als der Ehemann, da dieser aus besseren Kreisen stamme und sie bei der Zeugenvernehmung nicht geweint habe. Offenbar hat sich die Laienrichterin da auf Regeln der Scharia berufen.

Wir haben oben gesehen, dass auch in Deutschlandbei Familiensachen unter Umständen die Regeln der Scharia anwendbar sein können. Allerdings kann man nicht oft genug darauf hinweisen dass in Deutschland jedes staatliche Handeln den Regeln des Grundgesetzes zu folgen hat.

Man kann nur froh sein, dass es in Schweden auch für Urteile eines Laienrichters eine zweite Instanz gibt, denn dieses Urteil verstößt eklatant gegen den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz, Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie gegen das Gebot des rechtlichen Gehörs.

Wir sehen, dass in den demokratischen Rechtsstaaten der EU, ausländisches Recht nur bedingt anwendbar ist. Oberstes Gebot ist stets die Einhaltung der Menschenwürde und der aus ihr entwickelten Grundrechte.

Ich wünsche mir, dass eines dieser oft zweifelhaften Urteile, in denen ausländisches Gesetz angewendet wurde, einmal vom Bundesverfassungsgericht geprüft werde. Noch besser wäre eine Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof in Luxembourg, dann gilt das Urteil in allen EU Staaten. Es muss klargestellt werden, dass bei allem Respekt für andere Rechtssysteme, alle, die zu uns kommen, sich unserem Recht unterwerfen müssen, wenn das an sich nach EGBGB anwendbare Recht unserm Wertesystem widerspricht. Wenn wir da nicht aufpassen, haben wir bald ein paralleles Rechtssystem.

Es ist ja so schon schlimm genug, dass Moslems, aber auch christliche Fundamentalisten, denken, das göttliche Gesetz ginge dem weltlichen vor.

Es gibt kein Gesetz neben dem Gesetz und die Menschenwürde ist sein Prophet!

Händler, Maler und ein grüner Delfin auf Ibiza

In den 70er Jahren war Ernesto Ehrenberg eine Größe. Er war endlich angekommen. Das war nicht immer so in seinem Leben. Da seine Mutter Jüdin war, bekam er Schwierigkeiten mit den Nazis. Er lebte ein unstetes Leben, unter anderem in Algerien. Erst Mitte der 60er Jahre fand er sein Ziel: Ibiza. Ob und wenn was Ernesto gelernt hatte, wusste keiner. Das war damals auf Ibiza auch wirklich das Unwichtigste. Er war Kunsthändler und hatte nie wirklich Geld. Von Malerei verstand er etwas und hatte eine exquisite Art, seine Ware loszuwerden. Er verkaufte nicht, seine Methode war der Zuschlag. Er sah sich ein Bild an, dann entschied er, dass dieses Werk zu Misters Sowieso auf der Finca Daunddort passte. Er machte sich auf den Weg meist zu Fuß auf staubigen Straßen. Das Taxi konnte er sich nicht leisten, der Bus fuhr nicht überall hin und Privatautos waren rar. Ernesto machte aus der Not eine Tugend, denn wer öffnet einem Bekannten nicht die Tür, der bei glühender Sonne drei Stunden lang ein Bild geschleppt hatte? Und dann blieb Ernesto. Er blieb zum Tee, er blieb zum sundowner, er blieb zum Abendessen und wenn es notwendig war, blieb er über Nacht. Spätestens beim Frühstück kapitulierte der Hausherr, zumal seine Frau ihn dauernd unter dem Tisch auf die Füße trat.

Der deal war gemacht und auf dem Weg zurück in sein Zimmer im Delfin Verde in der Stadt dachte er über den nächsten Zuschlag nach. Ich habe Ernesto in Cafés der Stadt und wohl auch auf einigen Partys erlebt, war aber natürlich viel zu unbedeutend, als dass ich in den näheren Umkreis der ausländischen Ibiza Schickeria vordringen konnte. Diese fühlte sich damals besser als alles, was auf Mallorca, der Putzfrauen Insel, kreuchte und fleuchte. Wichtigstes Gütesiegel war, stets am Rande des finanziellen Kollapses zu leben. Was die ausländischen Intellektuellen untereinander verband, waren aktuelle oder verflossene gemeinsame Liebschaften. Vielmehr aber schweißte ein feines Netz aus gegenseitigen Schulden zusammen. Diese je eintreiben zu können, war vollkommen illusorisch, zumal man ja in der Regel Gläubiger und Schuldner zugleich war. Geld zu haben, war uncool. Ich kannte Millionäre, die vom Range Rover auf einen Renault 4 umstiegen. Image ist eben Image.

Das Restaurant und Hostal „Delfin Verde“ im Hafen der Stadt wurde von Emilio Schillinger geleitet. Ich erinnere ihn als stattlichen schwarzhaarigen Mann. Es wurde gemunkelt, er sei Nazi gewesen. So genau wusste es keiner, nur dass er mit Josef Schörghuber im Krieg in der gleichen Kompanie gewesen sei. Der hat ihm dann später durch manche Engpässe geholfen. Widerstandskämpfer wird Emilio jedenfalls nicht gewesen sein. Um so mehr erstaunte die seltsame Symbiose Ernesto – Emilio.

In einer späten Ehe hatte Emilio Isa geheiratet, Sie war vorher Werbefilmerin und Journalistin in München gewesen, war mit Ursula von Kardorff befreundet und brachte mit ihrer Damenhaftigkeit etwas von mondänem Flair in den Delfin Verde. Wie es Emilio geschafft hatte, dieses Juwel für sich einzunehmen, blieb sein ewiges Geheimnis, zumal seine wichtigste Eigenschaft, die abgrundtiefe Unfähigkeit als Geschäftsmann, über die Gestade der Insel hinaus bekannt war.

Alle Maler der Insel, Erwin Bechthold, Eduard Micus, Katja Meirowksky, Hans Laabs, Heinz Trökes, Erwin Bronner und Egon Neubauer, waren im Delfin Verde gern gesehene Gäste. Isa mochten sie nicht so sehr, weil die plötzlich darauf bestand, dass das Essen und der Wein auch bezahlt werden müssten. Das war äußerst deplatziert.

Nachdem Emilio schon gestorben war, bat mich Isa, beim Verkauf seines Hauses zu helfen. Erwin Bronner hatte es entworfen. Seit zwanzig Jahren war nichts mehr repariert worden. Die arme Isa verstand die Welt nicht mehr: „Wer wird schon bei einem Erwin-Bronner-Haus auf das Klo achten“!

Ich verdanke Isa Schillinger viel. Sie war mit Inga, der Frau meines Deutschlehrers „Öppi“ Lohan, befreundet. Offenbar hatte sie mich ihr ans Herz gelegt und so konnte ich 1983 bei einem Ibiza Bild-Band mitarbeiten. Das öffnete mir den Weg zum Diario de Ibiza, und das führte über mehrere weitere Stationen zur Anwaltskanzlei.

Unbekümmeter Umgang mit Kunst

Gestern waren Brigitte und ich unter der fachkundigen Anleitung meines Vetters Hans Georg im Kunstforum in Berlin. Renaissance und Manierismus waren dran.

Irgendwann standen wir vor einem Gemälde von Piero di Cosimo. Es trug den Titel „Venus, Mars und Amor“. Die Herrschaften waren auch entsprechend leicht bekleidet. Was uns allerdings ins Grübeln brachte, war das ungewöhnliche Format des Bildes. Am Ende meinte Hans Georg, es könne sich um den Deckel einer florentinischen Hochzeitstruhe handeln.

Ich stellte mir vor, wie diese Truhe auf dem Gang eines Palazzo in Florenz stand. Die Kinder versteckten sich dahinter oder darin, spielten um sie herum Fangermandl oder gar Fußball.

Kunst oder Antiquitäten, die in einem privaten Haushalt stehen, werden über kurz oder lang zu Gebrauchsgegenständen.

Warum teures Porzellan kaufen, wenn die Schränke voll sind mit Tellern aus Meißen?

Da fiel natürlich immer wieder was runter und die Missetäterin erzählte dann stets entschuldigend: “Die gagreuzdn Sabelich hab ich fei nuch g’sehn.“

Ich sehe noch den Abgesandten des Landesamts für Denkmalspflege, wie er die Hände über dem Kopf zusammenschlug, als er miterleben musste, wie eine Bande von einem guten Dutzend Kindern durch die Gänge des Schlosses in Rentweinsdorf tobte, um dort Versteck im Dunkeln zu spielen. Da hingen natürlich auch Sachen an den Wänden…

Die schönste Geschichte über unbekümmertem Umgang mit Kunstgegenständen, habe ich vor Jahrzehnten in den Lebenserinnerungen des Grafen Coudenhove-Kalergi gelesen. Er, seine Schwester und sein Bruder waren auf einem westböhmischen Schloss aufgewachsen. 1945 wurde der Besitz enteignet und das Inventar zum großen Teil vom Politkommissar an internationale Kunsthändler verscherbelt.

Bei einem Besuch in New York hörte der Europapolitiker und Mitbegründer der Paneuropa Union davon, dass Teile der Möbel des heimatlichen Schlosses in einem dortigen Museum ausgestellt seien. Er meldete seinen Besuch an und wurde zu seiner Verblüffung vom Kurator des Museums höchstpersönlich empfangen.

Der erklärte ihm, wie glücklich er doch sei, endlich jemanden aus der Familie kennen zu lernen, denn schon seit Jahren treibe ihn eine Frage um, die zu klären er bisher außerstande gewesen sei.

Er führte den Grafen in den Saal, in dem einige Gobelins ausgestellt waren. Mit großer Rührung erkannte der Gast zwei davon, die ihn in seiner ganzen Kindheit zu Hause begleitet hatten. Lange standen die beiden Herren davor und ließen die beiden Kunstwerke auf sich wirken.

Dann deutete der Kurator auf den einen der beiden Gobelins und sagte: „Sehen Sie, in der linken unteren Ecke ist der Gobelin abgenutzt und aufgehellt, während der andere vollkommen makellos ist.“

Graf Coudenhove-Kalergi musste lächeln, als er sich an die Winter im Schloss erinnerte. Dann sagte er: „Wissen Sie, bei uns war es kalt. Und damit wir uns nicht erkälten, hat die Mutter den einen Gobelin von der Wand genommen und im Kinderzimmer auf den Boden gelegt. Wenn wir uns am Abend auf den Scherben haben setzen müssen, dann haben mein Bruder und meine Schwester natürlich weitergespielt, uns getratzt und Bälle geworfen. Dabei ist halt manchmal so ein Nachttopf umgefallen oder zu Bruch gegangen. Wenn das passiert war, kam hernach das Kindermädchen und hat die Stelle mit Scheuerpulver und Wurzelbürste traktiert“.