Bedankemichsbrief

Liebe Tante Erika.

Ich bedanke mich für den Schal, den Du mir zu Weihnachten geschenkt hast. Ich habe mich sehr gefreut. Mutter hat gesagt, dass das aber mal ein praktisches Geschenk ist. Man kann so einen Schal ja auch wirklich gut gebrauchen

Unser Weihnachten war sehr schön. Zum Abendessen gab es Nudelsalat. Wir nennen das Kotzsalat, aber das dürfen wir nicht sagen.

Unser Weihnachtsbaum war wieder sehr schön. Vater hat gesagt, dass er so zaunrappeldürr ist, dass er gleich Feuer fangen wird. Ist aber dann doch nicht passiert.

Wie jedes Jahr hat sich Mutters Geschenketisch gebogen, weil sie so viele Pakete bekommen hat. Mein Tisch hat sich nicht gebogen, aber das lag vielleicht auch daran, dass ein Schal nicht sehr schwer ist.

Wie immer mussten wir viele Weihnachtslieder singen. Großmama hat gesagt, später würden wir froh sein, so viele Weihnachtslieder auswendig zu können, weil, wenn wir im Schützengraben liegen, dann helfen Weihnachtslieder, hat sie gesagt. Ich finde es ist eine Tierquälerei, wenn man ein Weihnachtslied nach dem anderen singen muss und man noch nicht weiß, ob der Geschenktisch mit dem Luftgeweht der für mich ist oder der mit dem Schal. Ferdinand, Du weißt, das ist mein älterer Bruder, hat nämlich von seinem Patenonkel ein Luftgewehr bekommen. Mein anderer Pate, der Onkel Max, hat mir eine Blockflöte mit einem Notenheft geschenkt. Mutter hat dazu nicht gesagt, dass das aber mal ein praktisches Geschenk ist. Wie ich Vater gesagt habe, dass es ungerecht ist, dass Ferdinand ein Luftgewehr bekommt, und ich eine Blockflöte, habe ich eine Schelle gefangen. Wegen Undankbarkeit, hat er gesagt.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag hat dann der Ferdinand eine Schelle gekriegt, weil er einen Spatzen schießen wollte und dabei Großmamas Küchenfenster eingeschossen hat. Ich bin derweil Schlitten gefahren und war dankbar für Deinen Schal.

Morgen kommen unsere Vettern und Cousinen aus Ollendorf. Ich freu mich gar nicht darauf, weil sie mich wegen der Blockflöte auslachen werden.

Liebe Tante Erika, Du weißt ja, dass ich im März schon acht Jahre alt werde. Da wünsche ich mir dann von Dir was, was man nicht braucht, wo ich mich aber drüber freu.

Bitte grüße Onkel Ernst von mir.

Mit einem Handkuss bin ich Dein dankbarer Patensohn

Georg-Ludwig

Der Bock im Feld

Zu Hause, in Rentweinsdorf, war man sehr fromm. Aber in Thüngen, wo meine Mutter herstammte, neigte man zu sakralen Handlungen.

Die Ernte war eine solche Weihehandlung. Mit großer Erwartung und Ehrfurcht wurde am Abend erwartet, wie viele Doppelzentner pro Hektar es diesmal waren. Das Ergebnis diente weniger dazu, dem Herrgott zu denken, vielmehr war es notwendig, um am Landwirtsstammtisch im Schnabel in Würzburg standhalten zu können. Nirgendwo wurde so viel gelogen und angegeben, wie in der Gastwirtshaft Schnabel nach der Ente.

Einmal wurde das Getreide verhagelt. Mein Großvater beklagte sich bitterlich. Ich fragte ihn, ob er denn nicht gegen Hagel versichert sei. Ja, war seine Antwort, und er habe sogar mehr Geld bekommen, als er für den unverhagelten Weizen bekommen hätte. „Na, und?“ meinte ich. Da bekam ich’s aber zu hören: Man merke mir halt an, dass mein Vater kein gelernter Landwirt sei. Geld verdienen könne jeder, aber wo blieben denn dann die Doppelzentner? Ich merkte, in den beiden Teilen meiner Familie herrschten vollkommen verschiedene Denkformen.

Noch über dem sakralen Ereignis der Ernte stand die Weihehandlung par excellence: die Jagd.

Es war im Sommer, überall brummten die Mähdrescher und „der Fernsäh“ hatte Regen angesagt. Jetzt musste es schnell gehen. Da kam der Verwalter Weber in großer Eile und Aufregung zu meinem Großvater und berichtete, auf einem Acker, auf dem gerade gedroschen werde, stünde ein kapitaler Bock im Getreide.

In Rentweinsdorf hätte man den verscheucht, aber in Thüngen hörte ich zu meiner Verwunderung, der Mähdrescher sei schon zurückgezogen worden und der Herr Baron möge doch hinauskommen, um den Rehbock zu erlegen.

Groga, unser Großvater, ging an Krücken und so nahm er sich das Recht heraus, aus dem Auto schießen zu dürfen. Herr Weber chauffierte, ich wurde mitgenommen und instruiert, vom anderen Ende des Feldes den Bock auf das Auto zuzutreiben. Mir wurde sogar angeschafft, durch das erntereife Getreide zu laufen, andernorts ein Sakrileg! „Wenn du loslaufen kannst, geb ich dir ein Zeichen“. Damit wurde ich abgesetzt. Ich beobachtete, wie das Auto ganz langsam und leise das Feld umrundete. Ab und zu sah man das Gehörn des Bocks zwischen den Halmen. Da machte Herr Weber eine ausladende Bewegung mit dem Arm aus dem Autofenster. Aha, das Zeichen. Ich ging langsam auf den Bock zu. Es piekste schrecklich, denn ich hatte natürlich kurze Lederhosen an. Als ich noch etwa einhundert Meter von dem Tier entfernt war, hielt das Auto, Groga stieg aus, legte die Büchse auf’s Dach und brüllte: „Hans du kannst jetzt losgehen“.

Oh Gott, ich ahnte Schreckliches, ich war ja schon losgelaufen! Und tatsächlich, der Bock schreckte auf und verschwand hochflüchtig nach links, jedenfalls nicht in Richtung von Grogas Büchse.

Natürlich war ich an allem schuld. Besonders der Verwalter Weber beharrte darauf, dass der Bock direkt vor die Büchse gelaufen wäre, wenn der blöde Bub nicht vollkommen unaufgefordert zu früh losgelaufen wäre.

Groga sagte gar nichts, war aber sauer. Wahrscheinlich dachte er, dass man von einem Buben, dessen Vater kein gelernter Landwirt und auch kein passionierter Jäger ist, eben nichts anderes erwarten durfte.

Immerhin, der Mähdrescher wurde zurückbeordert, und die Weihehandlung zweiter Ordnung, die Ernte, konnte vollendet werden.

Der „Fernsäh“ hatte Recht: Am nächsten Tag regnete es. Und irgendwann hat Groga den kapitalen Bock dann doch noch geschossen.

Handwerker aus Ebern

Handwerker aus Ebern

Als mein Vater aus US Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückkam, fand er erwartungsgemäß ein zerstörtes Land vor. Als er Rentweinsdorf erreichte und das unzerstörte Schloss sah, stöhnte er: „Was, der Kasten steht immer noch?“ Als zukünftiger Erbe ahnte er, was der Unterhalt ihn kosten würde.

Und so waren auch andauernd Handwerker im Haus, die mit Ausnahme des Schreiners alle aus der benachbarten Stadt Ebern kamen. Sie waren Teil des Lebens im Schloss, und wenn der Sattler Georg May meine Großmutter vor der Sparkasse am Grauturm traf, dann rief er ihr zu: „Gell, Frau Baron, die mehrschdn Kardoffln ham mir zwa aa scho gassn.“

Wir Kinder fanden es natürlich immer aufregend, wenn die Handwerker im Haus waren. Da gab es den Spengler Hans Einwag. Sein Enkel Matthias ist heute Redakteur „bein Eff Dee“ in Staffelstein. Meister Einwag und seine Gesellen waren über Jahre damit beschäftigt, Bäder und Klos in das riesige Haus einzubauen, dessen sanitäre Einrichtungen mit rudimentär zu bezeichnen, wahrscheinlich eine Nettigkeit darstellte. Mein Großvater war sehr gegen Badewannen. Er hielt sie für eine sinnliche Schweinerei. Das hielt ihn aber nicht davon ab, den Spengler Einwag zu sich in sein Arbeitszimmer zu bitten, damit er ihm vorsänge. Er war Vorsitzender des Eberner Gesangsvereins, aber er war auch zweiter Vorsitzenden des Bürgervereins. Als junge Männer waren sie alle im Fußballverein gewesen.

Erster Vorsitzender „von Bürcherferain“ war der Hefner Franz Kaiser. Spengler versteht man noch, aber Hefner? So bezeichnete man den Ofensetzer. In fast jedem Zimmer im Schloss stand ein über zwei Meter hoher Keramikofen mit einer Bratröhre. Im Normalfall stand da ein Topf Wasser drin, aber man konnte dort auch Bratäpfel zubereiten.

Meine Mutter war die große Freundin vom Hefner, weil er so wunderbare Geschichten erzählte. Als Franke liebte er es „Sprüch“ zu machen, und so verkündete er in der Wirtschaft zwischen „Seidla und Seidla“: „Ich bin fei ein sehr frommer Mensch. An jedn Ahmd du ich zu unnern Herrgott bäden: Lieber God, ich hab mei Fraa wirglich gern, aber wenn du sa lieber hast, nämm so zu dir!“

Seine „Sprüch“ waren über den Stammtisch hinaus berühmt in Ebern und so war es unumgänglich, dass seine Frau davon erfuhr. Dann klagte er meiner Mutter, dass er das Leben nicht mehr habe: „Ach God, Frau Baron…“

Daraus nicht klug geworden schwadronierte er anlässlich des 50. Geburtstages seiner Frau, „zwa von fümferzwanzich wärn mer liebä.“ Und wieder wurde das der Angetrauten zugetragen…

Der Sattler May kam nicht ins Haus. Zu ihm wurden die schadhaften Möbel mit dem Traktor gebracht. Als Tante Kaula gestorben war, eigentlich hieß sie Carola, erbten meine Eltern unzählige Möbel in Friedensqualität. Das heißt, sie waren seit der Zeit vor dem Krieg nichtmehr repariert worden. Ein riesiges Sofa war darunter, auf dem Tante Kaula in den letzten Jahren geschlafen hatte. Ihr Schlafzimmer konnte sie nicht mehr betreten, weil ein Kleiderschrank zusammengebrochen war, und die Tür versperrte. Das sagte sie aber niemandem.

Nun gut, das Ungetüm wurde nach Ebern zum Sattler May gebracht und einen Tag später rief dieser in Rentweinsdorf an und bat meine Eltern dringend in seine Werkstatt an der Hirtengasse.

Er hatte in den Springfedern und der Polsterung des Sofas ein ganzes silbernes Besteck gefunden, zwölfmal Fadenmuster.

Der Fernseher

Unser Vater hatte ganz genaue Vorstellungen davon, was Teufelszeug sei. Er bekämpfte dies mit großer Verve und ließ nicht locker, obwohl sein Kampf sich gegen die Zeitläufte richtete und deshalb zum Scheitern verurteilt war.

Des Teufels waren ganz eindeutig Donald Duck, die Zeitschrift „Der Spiegel“ und das Fernsehen. Ganz in der Nähe befand sich auch noch Franz Josef Strauß, jedoch half es nicht, darauf hinzuweisen, dass der Spiegel doch auch gegen diesen Herrn sei.

Besonders das Fernsehen wurde von ihm gnadenlos verfolgt, so dass ich mich am Sonntag in die Wirtschaft am Planplatz schlich, um dort Fury oder Lassie zu sehen.

Damals in den späten 50er Jahren gab es bereits Farbfernsehen. Der Wirt von der Planwirtschaft hatte eine Folie erworben, die er auf den Bildschirm klebte: unten braun, ist gleich Erde, in der Mitte grün, ist gleich Wiese und oben blau, ist gleich Himmel. Hat nicht immer ganz hingehauen, aber es gab dem Unternehmen den Hauch des Fortschrittlichen.

Am zweiten Weihnachtstag fuhren wir immer nach Thüngen, um dort den Großvater und die übrigen Verwandten zu besuchen. Dort gab es einen Fernseher und das brachte es mit sich, dass wir zum Ärger unseres Vaters den kleinen Lord sahen. Ärger deshalb, weil er zugeben musste, dass der Film nicht in die Kategorie „Teufelszeug“ passte. Gemocht hatte er den Film dennoch nicht, weil er neben Franz Josef Strauß auch die Engländer nicht mochte, ich glaube, das hatte mit der Kriegsgefangenschaft zu tun.

Wie dem auch sei, Disney Heftchen und Fernsehen blieben verboten, den Spiegel habe ich erst viel später zu lesen begonnen.

Dann bahnte sich das Jahr 1972 an und mit ihm das televisive Großereignis der Olympiade in München. Unsere Mutter meinte, Sport könne ja nicht schaden, und überhaupt wären wir unterdessen die einzigen im Dorf, die noch keinen „Fernsäh“ hätten. Sie sei es leid, immer vor dem Frühstück von der Köchin über Katastrophen der Welt unterrichtet zu werden: „Ham sa denn des scho g’hörd? Den Grusdschof ham sa derschossn.“ Es brauchte dann bis zum Eintreffen der Süddeutschen Zeitung gegen elf Uhr früh, um allfällige Fehlinformationen zurechtzurücken:

„Frau Schorn, sie haben den Chruschtschow nicht erschossen, sondern abgesetzt!“ „Noja, bei denna Russn waas mer nie.“

Irgendwann wurde die ständige Fragerei nach dem Fernseher dem Haushaltsvorstand zu bunt und er schloss einen Pakt mit seiner Frau. Sie bekam einen Schmuck für 1000 Mark, und dafür gab es keinen Fernseher. 1000 Mark kostete damals so ein Apparat.

Das Schmuckstück, ich fand es nie schön, hieß nur „der Fernsäh“ und wurde von unserer Mutter mit Stolz und Freude getragen.

Und dann brach die Olympiade an und, wie von Ungefähr stand plötzlich ein Fernsehapparat herum. Im allerkleinsten Zimmer zwar, aber er war nichtmehr zu übersehen. Sie habe ihn vom eigenen Geld gekauft log sie, aber dankbar waren wir unserer Mutter dennoch. Unvergessen ist mir, wie die deutsche Mannschaft die Hindernisreiterei gewann. „Gut Holz“ brüllten wir, wenn ein englischer oder argentinischer Reiter dran war, und es hat geholfen, unsere Reiter haben gewonnen.

Unser Vater brummte etwas vor sich hin, insgeheim amüsierte er sich aber über die Chuzpe seiner Frau.

Beten hilft

Meine Großmutter in Rentweinsdorf war eine sehr fromme Frau. Sie las uns aus der Kinderbibel vor, bei ihr gab es jeden Morgen vor dem Mittagessen eine Andacht, sie ging brav in die Kirche und sie achtete darauf, dass wir die religiösen Werte, die sie hochhielt, als Kinder erlernten und ebenfalls achteten.

Das hatte in erster Linie zur Folge, dass wir schreckliche Angst vor den himmlischen Folgen hatten, wenn wir stibitzen, wenn wir logen, oder wenn wir ein Mädchen hauten. Dennoch, mein Verständnis von Religion und Gott fußt auf der Basis, die sie gelegt hat.

Sie sprach eigentlich nie über das, was sie glaubte, es reichte ihr, dass man merkte, dass ihr Glauben unerschütterlich war.

Einmal habe ich sie danach gefragt, wie sie es in ihrem doch ereignisreichen Leben, in all den Jahren geschafft habe, nie daran zu zweifeln, dass Gott sie liebt und Jesus ihr ihre Sünden abgenommen hat.

Es geschah etwas Unerwartetes. Ümä lachte. Wenn sie das tat, kniff sie die Augen zusammen und es schien, als ob die Lider kleben blieben, denn das rechte öffnete sich eher als das linke, ein für mich faszinierender Vorgang. Als das linke Lid auch wieder offen war, schaute sie mich amüsiert an und sagte:

„Dazu muss ich Dir eine Geschichte erzählen:

In Schönrade, in der Neumark, wo ich aufgewachsen bin, wohnte bei uns die Schwester meiner Mutter, unsere Tante. Sie war eine große Tierfreundin und besaß einen Kater. Ich bin oft zu ihr gelaufen, weil ich so gerne mit dem Kater spielte und sein weiches Fell streichelte, bis der Kater schnurrte.

Im Pferdestall wohnten Katzen, die andauernd Kätzchen bekamen, die ich natürlich niedlich fand. Es war klar, dass ich mir wünschte, dass die Katze meiner Tante auch Junge bekommen sollte. Da wurde mir aber gesagt, dass das nicht ginge, weil die Katze ein Kater sei und Kater könnten nun mal keine Jungen bekommen.

Bei der Andacht an dem Tag, als mir erklärt worden war, dass Kater keine Jungen bekommen können, wurde vor dem Mittagessen ein Bibelspruch vorgelesen: Matthäus 19, Vers 26: Bei den Menschen ist‘s unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.

Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen und betete von an ganz fest dafür, dass die Katze meiner Tante Junge bekäme. Meine Eltern, die Tante, ja sogar unsere Köchin erklärten mir immer wieder, dass es zwecklos sei, dafür zu beten, dass die Katze Junge bekäme, denn die Katze sei ein Kater. Ich aber ließ mich nicht beirren und habe weiter gebetet, dass die Katze Kätzchen bekommen solle.

Und eines Tages hat der Kater meiner Tante tatsächlich sechs niedliche Kätzchen zur Welt gebracht. Du kannst dir meine Freude und Dankbarkeit nicht vorstellen. Mein Gebet war erhört worden! Von da an habe ich nie wieder auch nur eine Sekunde daran gezweifelt, dass der liebe Gott meine Gebete erhört, denn bei ihm sind alle Dinge möglich.“

 

Bin ich Monarchist?

Von 1978 bis 2014 habe ich in Spanien gelebt. Seit 1993 schmückt mich die spanische Staatsangehörigkeit.

Nur vier Monate habe ich in Spanien mit dem neuen König Felipe VI an der Spitze des Staates verbracht, all die andere Zeit war mein König Juan Carlos I.

Ich hatte nie eine bessere Zeit.

Ich habe miterlebt, wie sich Spanien aus der Asche der heruntergekommenen Franco Diktatur zu einer veritablen Demokratie entwickelt hat.

Ich habe miterlebt, wie die Menschen, zunächst nur zögerlich zur Wahl gingen, weil in den Familien die Erinnerung noch wach war, dass die Wahlen früher eben nicht geheim waren, und man durchaus Konsequenzen fürchten musste, wenn die Stimmabgabe nicht gefiel.

Ich habe miterlebt, wie das zuvor nicht vorhandene Vertrauen in den eigenen Staat wuchs.

Ich habe den Putschversuch vom 23. Februar 1981 am Fernseher verfolgt und mit Spannung auf die Rede des Königs gewartet. Er hat sich mit großer Klarheit auf die Seite der Legalität gestellt.

Danach schien es wie ein Aufblühen! Alle scharten sich um den König und die Verfassung. Bald darauf gewann Felipe González mit absoluter Mehrheit die Parlamentswahlen und dennoch ging die Sonne weiter auf. Ja, mehr noch, Spanien wurde plötzlich als ebenbürtig geachtet und trat in die EU ein. Der Sozialist González und der Christdemokrat Kohl wurden zu starken Gestaltern des europäischen Zusammenwachsens.

Es wechselten später die Mehrheiten im Parlament. Verschiedene Ministerpräsidenten regierten das Land mit durchaus wechselnder Fortune.

Und über allem thronte der König, als guter, gütiger und verlässlicher Pater Patriae.

Hat er Fehler begangen? Natürlich. Wer wäre vor dem gefeit? Aber seine Escapaden auf welchem Gebiet auch immer, wurden ihm verziehen. Er war ja als Spanier auch nicht anders als die anderen Spanier.

All diese Zeit lang habe ich mit meiner Familie in Spanien gelebt, zunächst auf Ibiza, dann auf Mallorca. Und immer ging es uns gut. Mal hatten wir etwas Geld, dann über lange Zeit fast keines und schließlich ging es ständig bergauf. Es kam die Epoche, die ich „meine Millionärszeit“ nenne. Natürlich spielte Glück eine Rolle, natürlich war ich auch sehr fleißig, den Rahmen aber, in dem all das geschehen konnte, gab mein König.

Nie habe ich mich so mit meinem Staat und seinem Oberhaupt identifizieren können, wie damals. Ich war und bin felsenfest davon überzeugt, dass Spanien nicht dort angekommen wäre, wo es heute ist, hätte in all den vergangenen Jahrzehnten König Juan Carlos nicht mit leichter aber spürbarer Hand die Richtung vorgegeben.

Ich frage mich daher, ob ich ein Monarchist bin. Eines ist klar, ich bin „Juancarlista“. Aber Monarchist?

Wenn, dann eine konstitutionelle Monarchie. Und wenn, dann nur mit einem “gelernten König“.

Felipe VI ist sicherlich der bestausgebildete König, den es derzeit in Europa gibt.

Wird er seinem Vater gleichkommen? Ich hoffe es für Spanien und für ihn.

Ich, meine Familie und alle meine spanischen Mitbürger haben es gut gehabt mit unserem ehemaligen König Juan Carlos.

In dem Sinn bin ich Monarchist und als solcher bin ich meinem Monarchen sehr dankbar.

 

 

Liturgischer Bauchtanz

Es gibt in Deutschland wohl keine Kirche, in der sich Hässlichkeit, Protz und Spießigkeit derart perfekt vereinen, wie im Berliner Dom. Nun, wir hatten Karten für das Weihnachtsoratorium und nahmen uns vor, uns dieses durch den erwähnten Dreiklang nicht verderben zu lassen.

Wir saßen vorne links vom Orchester, halbrechts vor uns die beiden Kesselpauken. Als die Mitglieder des Orchesters ihre Plätze einnahmen, begann heftiges Winken, die dritte Geige suchte und fand Tante Minchen in Block G, Reihe 5.

Als es mit Pauken und Trompeten begann, als der Chor mit „Jauchzet, frohlocket“ die Freude auf Weihnachten in die Welt singen sollte, wurde klar, dass die Musiker gegen die riesige Kirche nicht ankommen würden. Lag es an der Akustik, oder lag es an den Interpreten?

Der Dirigent hatte angeordnet, dass die Musiker aufstehen sollten, die gerade dran waren. Das war gut, denn die Nähe der Pauken bedingte, dass wir vom Rest des Orchesters nur Grundmurmeln wahrnehmen konnten, so aber konnten wir feststellen, wer gerade dazu beitrug. Der Paukist, der ja nicht immer trommelte, stand in seinen Pausen, die Schlegel im Anschlag, und schaute auf die beiden Pauken wie ein Koch, der darauf wartet, dass die Spiegeleier auf dem Herd fertig würden.

Der Chor gab sich redlich Mühe, der Evangelist, der auch die übrigen Tenorpartien sang, war exzellent. Bass, Alt und Sopran waren geradezu erschreckend unterschiedlich, aber womöglich lag auch das an der Akustik.

Die Dame an der ersten Geige, die immer dran war und deshalb auch immer stand, hatte gerade den Basiskurs für liturgischen Bauchtanz hinter sich gebracht, und zeigte uns nun, was sie schon alles gelernt hatte. Da links vom Orchester sitzend, sahen wir die Ergebnisse nur von hinten. Gut so, denn es bestand zu befürchten, dass sie die Interpretation des Bach’schen Verständnisses von Christi Geburt auch mimisch darstellte. Der Flug ihrer Haare verstärkte den Verdacht.

Irgendwo hinter uns saß ein Argentinier. Diese und die Nachbarn aus Uruguay erkennt man daran, dass sie nichts unternehmen, ohne ihre Thermosflasche unter dem Arm und das Behältnis für den Mate-Tee in der Hand. Wenn die Musik zum fortissimo anschwoll, wenn der Paukist die Schlegel wirbeln ließ, blubberte es hinter uns im Mate-Kürbis. Das trug weder zu meinem Seelenfrieden noch zum Musikgenuss bei.

Glücklicherweise aber wurde ich bald wieder abgelenkt, denn obwohl man nicht viel hören konnte, war doch ziemlich bald klar, dass die Holzbläserinnen sich nicht einig wurden. Abwechselnd fiel eine aus dem Rhythmus, auch gelang es nicht, eine durchgehende gemeinsame Lautstärke zu finden. Es hörte sich angestrengt an und so eine Oboe da Caccia ist ja auch wirklich nicht einfach zu spielen.

Überhaupt überkam mich langsam ein Gefühl der Nachsicht, denn die Musiker konnten ja nichts dafür, dass Kirchenbänke generell nach einer Stunde unbequem werden, und ich musste ehrlich zugeben, dass weder meine Sangeskünste noch mein Spiel auf den vier Saiten des Cellos ausgereicht hätten, dort mitzuspielen. Wo wir gerade dabei sind: das Continuo aus Kontrabass und Cello war wirklich gut. Die beiden Instrumente trugen, insbesondere bei den Solopartien, die Sänger durch die Weiten des Doms.

Am 7. Januar werden die Teile IV bis VI aufgeführt. Wir haben beschlossen, nicht hinzugehen.

Wehret den Anfängen!

Natürlich ist es notwendig, mit aller Konsequenz gegen diejenigen vorzugehen, die versuchen, den Antisemitismus wieder auf die Straßen Europas zu bringen. Anderen Staaten den Untergang und anderen Menschen den Tod zu wünschen, ist in keiner Weise vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt. Sich dagegen zu positionieren, ist Pflicht jedes aufrechten Demokraten.

Wir können froh und dankbar sein, dass das bisher auch immer so funktioniert hat.

Nun beobachte ich, besonders in den sozialen Netzwerken, eine Zunahme an Meinungsäußerungen, die sich gegen den dargelegten Missbrauch der Meinungsfreiheit wenden. Nur, dies geschieht in einer Art und Weise, die absolut nicht toleriert werden kann. Wer sich zu den Feinden unserer Demokratie wie folgt äußert, tut dieser Demokratie nichts Gutes:

Abschaum,

Gesindel,

Lumpenpack,

sie sind Scheiße,

feige Bastarde

Bombe drauf

All das ist der Wortschatz des Nationalsozialismus. Wer diesen Wortschatz nutzt, ist von den Nazis nicht mehr zu unterscheiden, im Zweifel, ist er/sie selbst einer.

Man könnte diese Meinungsäußerungen durch Nichtbeachtung strafen, man könnte zur Tagesordnung übergehen.

Diesen Gefallen sollten wir denen nicht tun, die versuchen, verbal das Klima zu vergiften.

Es ist allgemein bekannt, dass durch ständige Wiederholung zunächst das Unanständige salonfähig gemacht wird und dann ist es zur Gewalt nicht mehr weit, es handelt sich ja um Abschaum, der nichts anderes verdient.

Zunächst ist hier daran zu erinnern, dass das Gewaltmonopol beim Staat liegt. Wer zur Gewalt aufruft, macht sich strafbar.

Und dann möchte ich dazu aufrufen, diesen Verbaldelinquenten nicht das Feld zu überlassen. Nichtbeachtung geht nicht.

Ohne sich auf das sprachliche Niveau dieser Leute herabzulassen, muss ihnen erwidert werden, sonst denken die noch, die Mehrheit habe die gleichen kruden Vorstellungen wie sie selbst.

Natürlich setzt man sich damit der Gefahr aus, von diesen Mitmenschen beschimpft zu werden. Das kann man dann mit Nichtbeachtung strafen.

Flüsterstollen

In Bamberg gibt es ein Café, das „Da am Eck da“ heißt. Früher war das ein Lebensmittelladen, wo es alles gab, unter anderem auch Orangeat und Zitronat. Das war in der Vorweihnachtszeit obligater Anlaufpunkt für all diejenigen, die den Christstollen nicht kauften sondern zu Hause buken.

Unsere Mutter kaufte bei der Gelegenheit auch gleich noch Rosinen und Mandeln ein und wenig später verwandelte sich die Küche in eine riesige Backstube, aus der peu à peu unzählige riesige und duftende Christstollen herauskamen. Sie wurden in der Speisekammer aufbewahrt und waren derart heilig, dass wir sie nicht einmal anschauen durften. Ein Stückchen davon abzubrechen und vor dem Weihnachtsabend zu naschen, war ungefähr so sündhaft, wie dem blöder Dieter „Diederla, Diederla Debb, Debb, Debb nachzurufen. Wir taten natürlich dennoch beides.

Christsollen werden in Größen zwischen 1 Kilo und 2 Kilo angeboten. Bei uns waren es immer Monster von mindestens drei Kilos. Vor dem Aufschneiden mussten sie dick mit Puderzucker bestreut werden. Nicht etwa wegen des Geschmacks, sondern um zu vertuschen, dass sie alle außen verbrannt waren. Solche Riesen Trümmer Christstollen konntn nur dann wirklich durchbacken werden, wenn man akzeptierte, dass sie außen kohlpechrabenschwarz waren. Wenn man nichts anderes gewohnt ist, ist der Geschmack von Verkohltem unter Puderzucker der Inbegriff von Weihnachten.

Unser Stollen war allen anderen Stollen überlegen, weil es sich dabei um einen Flüsterstollen handelte. Schon bei unserer Großmutter im Untergeschoss gab es Schreistollen, von der armen Verwandtschaft gar nicht zu reden. Vater sagte, bei seiner Mutter sei das pommersche Sparsamkeit, vulgo Geiz, bei den Verwandten schiere Not.

Der Unterschied zwischen Flüsterstollen und Schreistollen ist nämlich der, dass bei Ersterem so viel Rosinen, Mandeln, Zitronat und Orangeat verarbeitet werden, dass diese im Flüsterton miteinander reden können, während beim Schreistollen die Kommunikation per Zuruf zu erfolgen hat.

Ein Schreistollen behält die charakteristische Form eines Christstollens und schmeckt auch so, während ein Flüsterton vor lauter Inhalt auseinanderläuft wie ein Kuhfladen und von außen bitter und innen zu süß schmeckt.

Das zuzugeben hätte aber an Landesverrat gegrenzt. Unser Flüsterstollen war einfach viel schmackhafter als andere, so wie auch unser Weihnachtsbaum viel schöner war als der unserer Großmutter (zu viel Lametta) und der von gewissen Verwandten (geschmacklose Christbaumkugeln).

Beim Weihnachtstee vor der Bescherung gab es den Flüsterstollen zum ersten Mal und dann ernährten wir uns davon bis „Öberschd“. So wird Heilig Drei König in Franken genannt. An dem Tag wurden zum letzten Mal vor dem Weihnachtsbaum „der Jünge nach“ die alten Lieder gesungen, dann war Schluss mit Weihnachten.

Am 7. Januar morgens wurde der Baum abgeschmückt und zum Fenster hinausgeworfen. Meisenknödel wurden an ihn gehängt.

Irgendwie waren wir alle froh, dass Weihnachten wieder vorbei war, zumal dann, wenn die dunnerkeils Bedankemichsbriefe an die Paten bereits geschrieben und abgeschickt waren.

Meistens geschah es nach Ostern, dass Weihnachten noch einmal zurückkehrte. Dann nämlich fand Mutter im hintersten Winkel der Speisekammer den Flüsterstollen, von dem wir Stücke abgebrochen hatten und ihn deshalb vor ihr verstecken mussten. Dieser Fund hatte immer zwei Folgen:

  1. Es wurden Mausefallen aufgestellt
  2. Der gefundene Flüsterstollen wurde in Milch eingeweicht und ein Auflauf daraus gebacken.

Kenner der Materie behaupten, so habe der Stollen besser geschmeckt als in seinem Aggregatzustand des Flüsterstollens.

 

Weihnachten auf Ibiza

Was macht man, wenn die noch kleinen Kinder nichts davon mitbekommen sollen, wer die Geschenke wirklich bringt und dass der Christbaum auch nicht geschmückt vom Himmel fällt?

Man geht an den Strand. Wir haben das jahrelang so gemacht. Die Mütter blieben zu Hause und bereiteten das Weihnachtsmahl sowie das Weihnachtszimmer vor und wir fuhren nach Cala d’Hort. Wir das waren Max und seine Kinder und ich und unsere Kinder.

Max nahm immer einen Topf Schnecken mit. Diese hatte er zuvor in seinem Garten gesammelt und nach einiger Zeit der Aushungerung mit viel Knoblauch in wunderbarer Soße gekocht. Am Strand wurde ein Feuer gemacht auf dem die Schnecken gewärmt wurden. Ein kulinarischer Höhepunkt des Inselwinters. Das spracht sich mit der Zeit herum und so begleiteten uns immer mehr Freunde und Freundinnen nach Cala d’Hort. Schließlich kam auch Pepe mit, weil man ihm erzählt hatte, eine der ansehnlicheren Freundinnen bade auch am Vormittag des Heiligen Abends oben ohne.

Brigitte, meine Frau, hatte Stephanie und David streng verboten, von den Schnecken zu essen. Sie hielt das irgendwie für ekelig und erst recht nicht für kindstauglich. Sie packte belegte Brote ein. Die beiden hätten unter normalen Umständen sicherlich keine Schnecken gegessen, aber weil es nun mal verboten worden war, hauten sie mit Wonne rein. Ich muss gestehen, dass ich sie darin unterstützte, weil ich fand, dass das, was auf Ibiza gegessen wird, auch wir essen können. Die belegten Brote wurden an die Fische und Möwen verfüttert

Am 24. Dezember schien immer die Sonne, Es Vedrá und Es Vedranell, die beiden vorgelagerten Inseln, schienen zum Greifen nah. Es herrschten Friede, Freude Eierkuchen und das aufgeregte Kribbeln vor dem Weihnachtsabend. Bei Pepe kribbelte es sowieso.

In erster Linie galt es aber, Zeit zu schinden. Vor Einbruch der Dunkelheit hatten wir daheim noch nichts verloren. Also spielten wir mit den Kindern am Strand alles, was uns grad so einfiel. Topfschlagen kam natürlich erst dann dran, als die Schnecken schon vertilgt waren.

Zu Hause, nicht zu Unrecht hieß das Unsere „Ca’n Caos“, stand ein Stuhl vor dem offenen Fenster des Kinderschlafzimmers. Durch die Haustür durften wir nicht hereinkommen, da wir sonst im Wohnzimmer den Baum gesehen hätten, meistens eine Aleppokiefer, die mit einem Christbaum nur entfernte Ähnlichkeit hatte.

Als die Kinder und ich schließlich gewaschen und gekämmt ins Weihnachtszimmer gerufen wurden, war die Freude natürlich groß: Die Kerzen brannten, Pakete lagen unter dem Baum und nachdem wir „Ihr Kinderlein kommet“ gesungen hatten, mussten die Kerzen wieder gelöscht werden, weil die Krüppelkiefer einfach zu trocken war. Ebenso trocken fanden es die Kinder, dass ich es mir nicht nehmen ließ, die Weihnachtsgeschichte vorzulesen.

Nach der Bescherung betrachteten die Kinder ihre neuen Bilderbücher, Brigitte machte die Boullion für das obligate „fondue chinois“ heiß und ich wurde beauftragt, aus den von Paten geschenkten Bausätzen Feenschlösser und Hubschrauber zusammenzupfriemeln.

Später flogen wir über die Feiertage immer nach Deutschland. Da war es erheblich leichter, Weihnachtsstimmung herzustellen, obwohl es dort weder Schnecken noch leichtbekleidete Badenixen gab.