Der Puff vor den Toren der Stadt

Unsere erste Wohnung in Palma kauften wir in der Calle Sals 2, dem Haus, an dessen Ecke eine Gedenktafel für den Schriftsteller Vigoleis Thelen angebracht ist. Er hat das Buch “Die Insel des zweiten Gesichts“ geschrieben, durch das ich mich gequält habe, weil es so schrecklich langatmig ist.

Gekauft haben wir unsere Bleibe bei Toni Buades, meinem späteren Kanzleipartner, der sich damals damit beschäftigte, alte Häuser zu sanieren. Er zeigte mir all die Häuser, auf die er eine Option erworben hatte, von der Calatrava im Osten der Stadt bis zur damals noch vollkommen vergammelten Gegend zwischen der Calle Sant Magí und den Windmühlen. In der Calle Molí d’en Garleta, neben der alten Getreidemühle holte er einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür eines stattlichen Hauses mit Palomero, einem turmartigen Aufbau auf dem Dach, Taubenschlag genannt. Nach einem kleinen Eingangsbereich betraten wir eine riesige Halle, die im oberen Geschoss von einer Galerie gesäumt war. Im Erdgeschoss reihten sich mehrere Salons aneinander, der größte mit Blick zum Hafen ging in eine kleine Terrasse über, die fast vollständig von einem kleinen Pool ausgefüllt war. Art Déco Mosaik in allen Blautönen schmückte ihn. Eines war klar, dieses Bad war nicht gebaut worden, um darin lange Schwimmzüge vorzuführen.

Toni erzählte denn auch, in diesem Haus habe man früher die aufwendigsten und berühmtesten Feste der Stadt gefeiert.

Eine gewundene Treppe führte hinauf zur Galerie, von der aus 16 Türen abgingen. Die vielen Türen machten wenig Sinn, denn dahinter befand sich je ein riesiges Zimmer pro Himmelsrichtung. Beim genaueren Hinsehen aber sah ich, dass diese Zimmer früher durch wenig dicke Wände getrennt waren, man fand deren Spuren noch an den vertikalen Wänden, nicht aber zur Dachschräge hin.

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich befand mich im Puff vor den Toren der Stadt, der „Casa con Torre“, die Vigoleis Thelen in seinem Buch beschreibt.

Als er und seine Frau sich das Hostal, in dem sie wohnten, nicht mehr leisten konnten, mussten sie für ein paar Wochen in das offenbar preiswertere Freudenhaus umziehen. Dort wohnten sie ganz gemütlich, problematisch war nur, dass die Wände, die die verschiedenen Zimmer voneinander trennten, nicht bis zur Dachschräge gingen. Dadurch wurde man zumindest akustisch Zeuge dessen, was sich in den benachbarten Kammern abspielte. Ich erinnerte mich, dass Vigoleis einmal einen Stuhl nehmen musste, um, über die Mauer blickend, die Stunden-Nachbarn zu bitten, den ruhestörenden Lärm zu mäßigen.

Diesen Ort, den ich aus der Literatur kannte, plötzlich und unerwartet zu erkennen, erfüllte mich mit einem ungeahnten Glücksgefühl. Leider hielt dieses nicht lange an, denn kurz darauf war Tonis Sanierungsgesellschaft pleite.

Jahre später wurde das Haus dann doch saniert, unsensibel, wie ich meine, denn heute ist es ein Mehrfamilienhaus, wie so viele andere auch. Der Palomero, la Torre, aber ist erhalten geblieben.

 

 

 

Der Puff vor den Toren der Stadt

Unsere erste Wohnung in Palma kauften wir in der Calle Sals 2, dem Haus, an dessen Ecke eine Gedenktafel für den Schriftsteller Vigoleis Thelen angebracht ist. Er hat das Buch “Die Insel des zweiten Gesichts“ geschrieben, durch das ich mich gequält habe, weil es so schrecklich langatmig ist.

Gekauft haben wir unsere Bleibe bei Toni Buades, meinem späteren Kanzleipartner, der sich damals damit beschäftigte, alte Häuser zu sanieren. Er zeigte mir all die Häuser, auf die er eine Option erworben hatte, von der Calatrava im Osten der Stadt bis zur damals noch vollkommen vergammelten Gegend zwischen der Calle Sant Magí und den Windmühlen. In der Calle Molí d’en Garleta, neben der alten Getreidemühle holte er einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür eines stattlichen Hauses mit Palomero, einem turmartigen Aufbau auf dem Dach, Taubenschlag genannt. Nach einem kleinen Eingangsbereich betraten wir eine riesige Halle, die im oberen Geschoss von einer Galerie gesäumt war. Im Erdgeschoss reihten sich mehrere Salons aneinander, der größte mit Blick zum Hafen ging in eine kleine Terrasse über, die fast vollständig von einem kleinen Pool ausgefüllt war. Art Déco Mosaik in allen Blautönen schmückte ihn. Eines war klar, dieses Bad war nicht gebaut worden, um darin lange Schwimmzüge vorzuführen.

Toni erzählte denn auch, in diesem Haus habe man früher die aufwendigsten und berühmtesten Feste der Stadt gefeiert.

Eine gewundene Treppe führte hinauf zur Galerie, von der aus 16 Türen abgingen. Die vielen Türen machten wenig Sinn, denn dahinter befand sich je ein riesiges Zimmer pro Himmelsrichtung. Beim genaueren Hinsehen aber sah ich, dass diese Zimmer früher durch wenig dicke Wände getrennt waren, man fand deren Spuren noch an den vertikalen Wänden, nicht aber zur Dachschräge hin.

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich befand mich im Puff vor den Toren der Stadt, der „Casa con Torre“, die Vigoleis Thelen in seinem Buch beschreibt.

Als er und seine Frau sich das Hostal, in dem sie wohnten, nicht mehr leisten konnten, mussten sie für ein paar Wochen in das offenbar preiswertere Freudenhaus umziehen. Dort wohnten sie ganz gemütlich, problematisch war nur, dass die Wände, die die verschiedenen Zimmer voneinander trennten, nicht bis zur Dachschräge gingen. Dadurch wurde man zumindest akustisch Zeuge dessen, was sich in den benachbarten Kammern abspielte. Ich erinnerte mich, dass Vigoleis einmal einen Stuhl nehmen musste, um, über die Mauer blickend, die Stunden-Nachbarn zu bitten, den ruhestörenden Lärm zu mäßigen.

Diesen Ort, den ich aus der Literatur kannte, plötzlich und unerwartet zu erkennen, erfüllte mich mit einem ungeahnten Glücksgefühl. Leider hielt dieses nicht lange an, denn kurz darauf war Tonis Sanierungsgesellschaft pleite.

Jahre später wurde das Haus dann doch saniert, unsensibel, wie ich meine, denn heute ist es ein Mehrfamilienhaus, wie so viele andere auch. Der Palomero, la Torre, aber ist erhalten geblieben.

 

 

 

Die Franken: Katalanen Deutschlands

Die Franken: Katalanen Deutschlands

Das jemandem etwas weggenommen wird, kommt vor. Dass einem ganzen Volk etwas weggenommen wird, kommt auch vor. Es kommt sogar vor, dass der Eindruck bleibt, dieses Wegnehmen sei Unrecht gewesen.

Es ist einmalig auf der ganzen Welt, das eine ganze Region gebannt auf das Jahr 1714 starrt und seither das Opfer spielt. Irgendwann hat es sich ausgeopfert.

Im spanische Erbfolgekrieg haben die Katalanen auf dem falschen Bein Hurra geschrieen und zum Haus Habsburg gehalten. Als am Ende die Bourbonen gewannen, haben sie sich wie Sieger aufgeführt. Vae victis, wehe den Besiegten, das wussten schon die Römer.

Und so hat man den Katalanen die Autonomie genommen, was diese bis heute, 300 Jahre danach, nicht verschmerzt haben. Seither ist „victimisme“ Staatsraison, alle reden nur darüber, wie schlecht die Katalanen doch behandelt wurden, zuletzt durch Franco.

Nun, es stimmt, die Katalanen hatten sich über Jahrhunderte stets auf die Seite derer geschlagen, die am Ende die Verlierer waren. Man kann das als fehlende politische Weitsicht betrachten. Wenn man Katalane ist, dann sieht das natürlich ganz anders aus.

Als 1978 die derzeit geltende spanische Verfassung dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wurde, war nirgends die Zustimmung so hoch wie in Katalonien. Seither hat die Region einen beispiellosen Aufschwung genommen. Sie wurde in all der Zeit fast ununterbrochen vom liberal-konservativen Bürgertum regiert. Die Regierungspartei Convergència i Unió hat währenddessen ein beispielloses System der Korruption aufgebaut: Von allen Staatsaufträgen bekam die Parteikasse 3%. Mit großem Geschick haben es die katalanischen autonomen Regierungen verstanden, stets etwas mehr für sich herauszuholen, etwa so wie die CSU in der Bundesrepublik. Noch nie ging es Katalonien und den Katalanen so gut wie heute.

Aaaber, tja, aber da war eben das Jahr 1714.

Dabei fällt mir ein: Hat nicht Heinrich der Vogler 919 nach dem Tod des letzten Frankenkönigs Konrad I uns Franken die Autonomie genommen? Seither gab es nie wieder einen fränkischen Herzog, das Land wurde zerstückelt und gehört jetzt zu Bayern.

Ich glaube, ich muss mir das mit den Katalanen noch mal überlegen. Wir Franken erleiden ja das gleiche Schicksal, nur schon viel länger!

Wir dürfen es nicht zulassen, dass sich die Katalanen allein als Opfer der Geschichte aufspielen! Wigdimismus, des könna mir fei aa!

Freiheit für Franken!

Rechtsstaat, Fragezeichen.

Alle freuen wir uns über die vorläufige Freilassung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner. Dass seine Mitstreiter ebenfalls freigekommen sind, ist ein weiterer Grund zur Freude.

Fragen aber bleiben.

War das ein rechtstaatliches Verfahren?

In einem Spiegelinterview wurde der türkische Außenminister Cavusoglu auf Steudtner angesprochen. Er versprach, sich für die Beschleunigung einzusetzen.

Schwupp, einige Tage später setzt das Gericht einen Termin an.

Als die Verhandlung nun gestern ablief, berichteten Prozessbeobachter, dass der Staatsanwalt, der ja schließlich die Anklage erhoben hat, im Verfahren so gut wie keine Fragen stellte und am Ende er es selbst war, der die Freilassung der Angeklagten beantragte.

Autoflagelación nennt man das, wenn die Sünder in der Semana Santa in Spanien sich selbst geißeln.

Was der türkische Staatsanwalt gestern getan hat, war „autoflagelcaión jurídica“.

Zuerst wird er zu einer politischen Anklage getrieben, der er getreulich nachkommt und dann? Ja was eigentlich?

In den 16 Uhr Nachrichten kommt nun am Tag nach der Freilassung die Meldung, Altkanzler Schröder habe nach der Bundestagswahl dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan einen Besuch abgestattet.

„Den grausts vor garnix“ war mein erster Gedanke, der von folgender glasklaren Erkenntnis gefolgt war:

Schröer kann gut mit Putin. Putin kann seit Neuestem gut mit Erdogan. Putin braucht ein besseres Verhältnis zu Deutschland. Erdogan braucht das auch.

Putin ruft in Ankara an, dann in Hannover und schon setzt sich Schröder ins Flugzeug und wird von Erdogan empfangen, der daraufhin seinem Staatsanwalt die Weisung gibt, den Ball schön flach zu halten.

Der foppt sich zwar, weil er sich zuerst juristisch weit aus dem Fenster gelehnt hat, und nun das Fenster unverrichteter Dinge wieder schließen muss. Aber Gehorsam ist immer dann eine gute Option, wenn die Gefahr besteht, bei Ungehorsam ein „terörist“ geheißen zu werden.

Wie gesagt, ich freue mich für Peter Steudtner, aber machen wir uns nichts vor: Das Verfahren war kein Hinweis darauf, dass die Türkei zu rechtsstaatlichen Prinzipien zurückgekehrt ist. Das Strafgesetzbuch am Bosporus heißt Erdogan.

Angst vor dem Islam

Das Internet ist voll von Beiträgen, in denen vor der Überhandnahme des Islam in der westlichen Welt gewarnt wird.

„Ich habe 15 Jahre dort gewohnt, ich weiß, wovon ich rede.“

„Das ist überhaupt keine Religion, das ist ein Machtkomplott“

„Wenn die bei ihnen Kirchen erlauben, dann reden wir weiter.“

„Der Papst spinnt jetzt! Er wirbt für Verständnis für den Islam.“

Es gibt leider nur sehr wenige demokratisch verfasste Länder auf dieser Erde, in dem der Islam vorherrschende Religion ist. Es gibt allerdings einige europäische Staaten mit starken islamischen Minderheiten, ich denke an Frankreich, Belgien und Großbritannien.

Gehen diese Länder im heiligen Krieg unter? Nein, sie tun es nicht. Es gibt dort aber islamische Politiker, sogar Bürgermeister, die hervorragende Arbeit leisten.

Der Islam ist eine Religion wie jede andere. Es steht niemandem zu, die eigene oder andere Religionen für besser oder schlechter zu erklären. Jede Religion ist anders, mehr ist dazu nicht zu sagen.

Nun hat der Islam das ausgesprochene Pech, Mehrheitsreligion zu sein in Ländern mit autokratischen Strukturen. Das schadet ihm, weil nicht nur im Westen kurzdenkende Mitmenschen denken, das läge am Islam. Nein, das liegt am saudischen Königshaus, Erdogan und Konsorten.

Es ist erschreckend, wie wenig Vertrauen diejenigen in ihren eigenen Staat und in ihre eigene Religion haben, die sich da als Warner in der Wüste aufspielen.

Die allgegenwärtige Sorge, bald schon könne wieder ein Terroranschlag verübt werden wird vermengt mit der Angst vor dem sozialen Abstieg, dann wird noch mit dem Finger gezeigt auf einige islamistische Spinner in NRW und schon ist der Islam der Buh-Mann, vor dem kleine Kinder weglaufen müssen.

Noch mal zur Erinnerung: Der Islam genießt bei uns Religionsfreiheit, weil alle Religionen diese Garantie des Grundgesetzes haben. Grundrechte sind weder selektiv noch reziprok. Sie gelten für alle.

Unsere Demokratie ist stark, solange ihre eigenen Bürger sie stark machen. Bisher hat sie alle ihre Feinde, die von innen und die von außen, abzuwehren gewusst.

Natürlich sind die islamistischen Anschläge in Europa ein riesiges Problem. Und natürlich reichen Polder nicht aus, um es einzudämmen. Wir sind aber auf einem guten Weg. Es ist hierbei wenig hilfreich, wenn selbsternannte Experten querschießen.

Ich habe den Eindruck, dass diese „Experten“ eigentlich etwas ganz anderes wollen: Sie sehen sich zurück in den autoritären Staat ihrer Großeltern. Damals konnte man Andersdenkende noch ausgrenzen, damals konnte man sogar noch töten – Verzeihung, töten lassen, denn das haben je die Nazis erledigt.

 

Wallfahrt mit kaiserlicher Hoheit, Epilog

Nach ermüdender Busfahrt, unsere letzte Station waren die Plitwitzer Seen gewesen, kamen wir abends in Wien an. Aufgeladen hatte man uns standesgemäß auf dem Heldenplatz, abgeladen wurden wir vor dem Westbahnhof, auf dem Europaplatz.

Ich weiß nicht, wie das heute dort aussieht, damals war es ein Anblick von Gammel, Verwahrlosung, sozialem Elend und Aussichtslosigkeit.

Der Bus stoppte genau vor einem Yonkee, der sich gerade mit Hund und Fuselflasche für die Nacht zurechtmachte. Er grölte unschöne Lieder und beschimpfte die tätowierte Prostituierte links von ihm, die mit Wiener Schmäh versuchte, die heimeilenden Büroangestellten für sich zu interessieren.

Scherben, Spritzen, alte Schuhe und Brotzeitpapier gaben ihr Bestes, um die Szene zu dekorieren.

Mitten in diesem Ambiente verabschiedete man sich: „Bussi, Bussi, grüß mir den Onkel Edi, Handkuss an die verehrte Frau Mamá, na, und das Hunderl wird sich ja freun, wenn Ihr jetzt alle wieder heim kommts.“

Ein ganz normales Abschiedsritual wäre das gewesen, wären nicht zwei ältere Damen voreinander in den Hofknicks versunken.

Es waren Ihre königliche Hoheit die Comtesse de Paris und Ihre kaiserliche Hoheit Regina Habsburg.

Wer auch nur ein ganz wenig historisches Gespür hatte, dem wurde klar, dass da die Repräsentantinnen der beiden bedeutendsten Dynastien Europas, die über Jahrhunderte das Geschick dieses und anderer Kontinente bestimmt hatten, sich gegenseitig Reverenz erwiesen.

Wie hatten sich die Zeiten geändert: Früher führten deren Männer Kriege und die Völker töteten sich gegenseitig.

Ihre angestammte Position war den beiden Damen nie gegeben worden, deren Würde haben sie übernommen.

Chapeau!

Politikversagen – auch in Katalonien

Seit geraumer Zeit beobachten wir eine Entwicklung, die wir noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hatten: Das Versagen der Politik

Okay, wir wussten, dass es unter den Politikern auch Idioten, Egomanen, Räuber und Doofe gab. Die Mehrheit derer, denen wir unser Mandat gaben, richteten es dann aber doch, dass meist irgendwas halbwegs Vernünftiges herauskam. Die großen Volksparteien Europas schafften es immer wieder einen Ausgleich der Interessen hinzukriegen. Die Politik der europäischen Regierungen und die Europapolitik in Brüssel waren immer irgendwie vernünftig und trugen die Abgeordneten durch die Jahre, die ihre jeweiligen Legislaturperioden dauerten.

Das hat sich geändert: Ein Gespenst geht um in Europa! Das der Volksbefragung.

Man fragt sich, wozu zum Beispiel Renzi in Italien oder Cameron in Großbritannien eine stabile Mehrheit im Parlament hatten? Doch ganz bestimmt nicht, um mitten in der Legislaturperiode das Stimmvoll über etwas zu befragen, wofür dieses ein mehrjähriges Mandat erteilt hat.

Beiden hat es den Posten gekostet, in Italien ohne schlimmere Folgen, aber auf den britischen Inseln hat die Unverantwortlichkeit, mit der der Wahlkampf um das Brexit Referendum geführt wurde, ein ganzes Land vor ein Desaster unabsehbaren Ausmaßes geführt.

Ähnliches Politikversagen beobachten wir in Spanien. Warum sollen die Katalanen nicht das bekommen, was die Basken längst haben? Steuerautonomie. In der Bundesrepublik hat sowas jedes Bundesland und die Welt geht dennoch nicht unter.

Die Verweigerung des Dialogs zwischen Madrid und Barcelona ist einfach nur infantil. Natürlich verbietet die spanische Verfassung die Separation. Wenn aber ein Teil eines Landes etwas haben will und denkt, dies sei nur durch die Unabhängigkeit zu bekommen, dann muss man reden. Dann muss man zu einem Kompromiss kommen, gesetzliche Regelungen verändern, und womöglich sogar die Verfassung modifizieren. In einer Demokratie geht derlei und ist normal.

Was gar nicht geht, ist undemokratisches Verhalten. Ich meine damit nicht, die Knüppelei der Guardia Civil gegen wahlwillige Katalanen, auch nicht die Verfassungsverstöße der katalanischen Regionalregierung.

Ich meine damit stures Festhalten an überkommenen Positionen, mögen sie noch so von der Verfassung und vom Verfassungsgerichtshof gestützt werden.

Dieses Verhalten ist einer Demokratie nicht würdig und es ist auch derer nicht würdig, die sich auf die Demokratie berufen.

Wir stehen vor dem katalanischen Problem und glauben, unseren Augen und Ohren nicht zu trauen. Die Politiker sprechen nicht miteinander und der König nimmt einseitig Stellung.

Das wäre seinem Vater nicht passiert. Der wusste, was ein „pater patriae“ zu tun hatte.

 

Pressefreiheit

Der Mord an der Journalistin Daphne Caruana Galizia auf Malta schlägt ein neues Kapitel im Buch des Terrorismus auf.

Ging es bisher zunächst gegen die Staatsgewalt, dann gegen die Gesellschaft und ihre „westlichen“ Werte, so wird nun eine demokratische Säule unseres Lebens angegriffen, deren Bestehen unmittelbar mit der Freiheit des Einzelnen verbunden ist.

Wer Journalisten verunglimpft, sie als „Verräter des Volkes“ beschimpft, wer lauthals „Lügenpresse“ grölt und, vergessen wir das nicht, wer wissentlich „fake news“ produziert, beschädigt damit nicht nur die Freiheit der Presse, sondern auch unsere individuelle Freiheit der Meinungsäußerung. Beide sind von unseren europäischen Verfassungen geschützt.

Wir können uns ein Leben ohne ungehinderten Zugang zu Nachrichten gar nicht mehr vorstellen. Information, Analyse, Meinung, Unterhaltung, das alles konsumieren wir täglich mit mehr oder weniger Enthusiasmus, mit mehr oder weniger Zustimmung, aber stets mit dem Wissen, dass es notwendig ist, sich auf dem Laufenden zu halten und auf dem Laufenden gehalten zu werden.

Abweichende Meinungen werden durch abweichende Meinungen anderer relativiert und manchmal auch korrigiert. Nie aber darf „Andersdenke“ zu Hass oder dem Aussetzen des Dialogs führen, siehe Katalonien.

Eine Demokratie ist eigentlich eine „Parlokratie“. Solange man miteinander redet, ist alles regelbar.

Nach „Charlie Hebdo“ ereignete sich wieder ein brutaler und feiger Mord an einer Journalistin.

Können wir etwas dagegen tun?

Ja, und ob! Es ist ganz einfach: Jeder sollte an jeden Morgen eine der guten Zeitungen lesen, die es glücklicherweise nach wie vor in Europa gibt.

Wallfahrt mit kaiserlicher Hoheit VII

Am nächsten Morgen ging es heim. Unter sorgsamer Umgehung von Sarajewo fuhren wir über unbefestigte Straßen zur Adria hinunter. Der Busfahrer raste dahin, als befänden wir uns auf der Autobahn, Eselskarren wurden ohn Ansehn des Gegenverkehrs überholt. In den Schluchten unter uns lagen Traktoren, Autowracks und ein ganzer Bus.

Käiserliche Hoheit aber verbreitete über das Bordmikrofon Frohmut und Zuversicht: „Die Gospa fährt mit uns, da kann nichts passieren“. Wahrscheinlich war sie nur froh, Sarajewo vermieden zu haben. Ich dachte derweil mit großen Sorgen an den versteckten Eiskasten.

Offenbar fuhr die Gospa tatsächlich mit, denn wir kamen wohlbehalten in Split an. Kulturbeflissen wie man halt so ist, machten sich alle an die Besichtigung der Stadt. Diokletians Palast und so. Ich aber fragte käiserliche Hoheit, ob ich sie zu Mittagessen einladen dürfe. Zu meiner Freude sagte sie zu. Gerade waren Weißwein und köstlicher Fisch serviert, da tat sich die Tür auf. Der alte Graf Nostitz kam herein und setzte sich ungefragt an unseren Tisch. Er hielt uns einen Vortrag darüber, dass es ein Skanal sei, dass in der Hofburg ein Bürgerlicher als Bundespräsident residiere. Er konnte sich gar nicht mehr beruhigen und versaute uns damit das Mahl.

Übernachtet wurde in einem Ferienhotel an den Plitwitzer Seen, wo Winnetou im Film mit Old Shatterhand Blutsbrüderschaft schloss. Die Seen waren nicht zu sehen, weil es schon Nacht war, als wir ankamen. In unserem Dreibettzimmer bekam ich das Notbett. Von Bett konnte gar keine Rede sein, von Not aber schon. Ich konnte nicht schlafen. Fluchend und leicht bekleidet verlegte ich die Matratze mitten in der Nacht auf den Boden, was zwar meinem Schlaf nicht aufhalf, wohl aber zu Pauls Belustigung beitrug. Was macht man nicht alles.

„Sozialismus betegség“ fluchte ich. Kroatisch beherrsche ich nicht, aber ich dachte, wenn ich auf Ungarisch „Sozialismus ist eine Krankheit“ fluche, würden die das über die Abhöranlage schon verstehen. Vielleicht aber würde der jugoslawische Geheimdienst auch nur denken, ich betete den Rosenkranz. Das hatte ich von der streitenden Mutter gelernt.

Ohne weitere Zwischenfälle kamen wir nach Wien, wo sich alle, von den vergangenen Tagen erschöpft, verabschiedeten.

Was hatten mir diese Tage gebracht? Vordergründig eine bis heute anhaltende Zuneigung und Bewunderung für Regina Habsburg. Ich habe sie als engagierte, humorvolle, fromme und extrem vornehme Dame kennengelernt. Ich bewundere sie nachhaltig und versäume es nie, wenn ich in Wien bin, ein Vaterunser an ihrem Sarkophag in der Kapuzinergruft zu beten.

Nicht zu vernachlässigen ist, dass diese Wallfahrt mir einen einmaligen und nie wiederkehrenden Einblick in die Welt des k.u.k. Hochadels ermöglichte. In meinem Leben habe ich nicht wieder eine solche Ansammlung von Exzentrikerinnen erleben dürfen.

Wichtigster Eindruck aber war die versammelte Frömmigkeit, die mich im Bus zunächst nervte dann belustigte, in Medjugorje aber von Anfang an tief berührt hat. Man verstand ja kein Wort, aber die Zielgerichtetheit einer riesigen Gemeinde, diese Solidargemeinschaft der Betenden, das begleitet mich bis heute.

Und das Sonnenwunder? Ich fand es kurios, suchte vergeblich nach einer physikalischen Erklärung und erlebte den nachträglichen Neid meiner katholischen Mitchristinnen eher als kindische Niedertracht. Aber was war das Sonnenwunder schon für mich?

Für Paul aber war das Wunder lebensbestimmend. Es war der Beginn eines neuen, gesunden Lebens. Bald nach der Wallfahrt konnte er an Krücken gehen. Ein Jahr nach der Wallfahrt warf er die Krücken auf den Abfall. Heute ist er glücklich verheiratet, hat viele Kinder und ist sehr erfolgreich in seinem Beruf.

Zwei Jahre später erfuhr ich, dass die streitende Tochter geheiratet habe.

Fazit der Wallfahrt: Ein voller Erfolg!

Wallfahrt mit kaiserlicher Hoheit VI

Die Tage in Medjugorje hatten nur ein Ziel: der Gottesdienst am Nachmittag. Langsam wurde es Paul und mir fad und so baten wir, ob der Busfahrer, der sich ebenso langweilte wie wir, nicht eine kleine Tour nach Mostar unternehmen könnte. Wir versprachen, zur Nachmittagsmesse wieder da zu sein, und los ging´s.

Damals war Mostar noch nicht zerbombt und die alte Brücke stand auch noch. Ich schob Paul über die Brücke, wir staunten hinunter und ich unterhielt mich mit den sephardischen Händlerinnen in den Souvenirläden auf Spanisch. Sogar meine Hoffnung, mal etwas anderes zu essen zu bekommen, erfüllte sich. Wir fanden ein Restaurant, wo es Cevapcici gab, Hundesdremmerln wie Qualtinger sagte. Paul bekam dazu noch ein riesiges Eis, und so waren beide glücklich.

Zurück beim Bus bemerkte ich, dass der Fahrer Bierflaschen in ein offenbar geheimes Eisfach hinter der Verkleidung einlagerte. Er beklagte sich, dass er nun auf der Rückreise „Bier vo do“ trinken müsse. Das klang so, als erlitte er gerade alttestamentarische Heimsuchungen.

Tatsächlich kamen wir pünktlich zur Messe wieder nach Medjugorje und gingen auch gleich brav in die Kirche. Nach einer Stunde fanden Paul und ich, dass es nun gut sei, und ich schob ihn um die Kirche herum, wo wir hinter der Apsis den Sonnenuntergang beobachten wollten.

Medjugorje liegt auf einer Hochebene, die nach Westen von einer Bergkette begrenzt wird, so dass man meint, hinter den Bergen plumpse die Sonne in die Adria.

Schon auf der Herfahrt war immer wieder vom Sonnenwunder die Rede gewesen. Nicht immer, aber manchmal könne man während die Gospa den Seher Kinder erscheine, gewisse Veränderungen an der Sonne beobachten, das Sonnenwunder eben.

Paul und ich saßen ganz friedlich hinter der Apsis und schauten dem Sonnenuntergang zu, als sich plötzlich die Sonne aus ihrer ursprünglichen Position löste, wo ein dunkles Loch übrigblieb.  Die Sonne selbst bewegte sich auf uns zu, wich wieder zurück , umkreiste das schwarze Loch und näherte sich uns.

Kein Zweifel, das war das Sonnenwunder. Ich schaute gebannt diesem Phänomen zu, als ich neben mir Pauls Stimme hörte: „Danke, liebe Gospa.“

Ich streichelte ihn über die Schulter und murmelte „Ich lass dich mit ihr allein“.

Ich war wirklich sehr bewegt. Da hatte der Bub bei allem Spaß und bei aller Rumalberei die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass ihm die Mutter Gottes ein Zeichen für seine Gesundung gäbe. Und als dieses Zeichen kam, erkannte er es sofort als an ihn gerichtet. Deshalb war sein „Danke“ das einzig adäquate Wort.

Auch wenn ich meine Gebete an Jesus Christus richte, denke ich bis heute, dass das Wort „Danke“ in unser aller Gebete einen wichtigen Platz einnehmen sollte.

Dann läuteten die Glocken, die Messe war aus und die Menge der Wallfahrer strömte auf die Esplanade vor der Kirche.

Ich war von dem Erlebten noch etwas benommen, als vor mir ein Bus und mehrere Limousinen hielten. Heraus strömte meine gesamte katholische Verwandt- und Bekanntschaft aus Franken. Johanna Castell, damals schon verheiratete Lobkowitz, und Isabell Ortenburg, unterdessen verheiratete Salis riefen unisono „Hans, was machst den duu hier?“ Und sie hatten ja Recht: in Medjugojje kann man alles erwarten, außer den Hans Rotenhan. Der war damals in Franken als rote Socke verschrien und dann war er auch noch als Aussteiger nach Ibiza abgehauen. Mal ganz abgesehen davon, dass Rotenhan und evangelisch fast ein Synonym ist.

Es blieb nicht viel Zeit mit ihnen, denn unterdessen hatte Paul seiner Mutter vom Sonnenwunder berichtet, die dies sofort den anderen Damen unserer Gruppe weitererzählte. Die Aufregung war groß.

Und dann geschah etwas Kurioses: Mit den Tagen hatte ich mich vom Paria (männlich, deutsch, evangelisch, nur Baron Aund kein Trachtenjanker) zum geduldeten Glied der Mannschaft emporgearbeitet (trägt und schiebt des „oarme Buberl“, wirkt als ÖAMTC etc.).

Auf einmal schwappte mir eine Welle der Kälte entgegen. Wenn man mich vorher irgendwie akzeptiert hatte, so schaute man mich nun scheel an. Man war eifersüchtig. Es sei eine Ungerechtigkeit, hörte ich, dass ausgerechnet ein „Brodestant“ das Wunder des Erscheinens der Heiligen Mutter Gottes erleben durfte, und sie, die noch nie etwas anderes gewesen seien als erzkatholisch, wären leer ausgegangen.

Beim Abendessen setzte ich mich Schutz suchend neben käiserliche Hoheit. Ich wusste unterdessen, dass wir uns gegenseitig mochten. Es gab wieder serbische Bohnensuppe und in Eierteig ausgebackene Schnitzel.

„Zur Änderung des Speiseplanes hat die Wunderwirkung offenbar nicht gereicht“ sagte ich so leicht hin. Das hätte ich nicht tun sollen, denn vor Lachen verschluckte sich käiserliche Hoheit und ich musste ihr ganz ununtertänig auf den Rücken hauen, um den Erstickungstod zu verhindern.