Wege zu unbewohnten Buchten

Früher war die Küste Mallorcas unbewohnt.Die Piraten waren eine ständige Gefahr, nur ein paar winzige Fischerhütten duckten sich am Strand und in den Buchten. Man aß Schweinefleisch und diese Typen waren verdächtig, die da Tiere aus dem Meer zogen, die schon schlecht rochen, wenn sie ihren Weg in die Dörfer gefunden hatten.

Irgendwann fiel mir auf, dass trotz der mangelnden Bebauung zu jedem Strand und zu jeder Bucht ein Weg führt.

Ich fragte meinen Freund Pau, der zunächst laut und dann verächtlich lachte. „So blöd kann auch nur ein Deutscher fragen. Irgendwie mussten die Schmuggler doch an’ s Meer kommen!“

Es stellte sich heraus, dass Paus Großvater einer der großen Schmuggler Bosse an der Südküste war. „Der hat dem Juan March doch erst gezeigt, wie das mit der Schmugglerei geht!“

Tatsächlich lebte Mallorca vor dem Einsetzen des Tourismus-Booms in erster Linie vom Schmuggel. „Contrabando de tabaco“, das war das Hauptgeschäft, aber auch Grundnahrungsmittel, Motoren, Nylon Strümpfe und Parfüm gehörten zu dem, was im Ausland billig zu holen war und am spanischen Zoll vorbei auf den Markt gebracht werden konnte.

Pau schmunzelte, als er fortfuhr, er schien den alten Zeiten nachzutrauern: „Das große Glück waren die schlecht bezahlten Leute vom Zoll und von der Guardia Civil. Die bettelten geradezu danach, bestochen zu werden. Liebend gerne haben die dann woanders hin geschaut, wenn mal wieder eine größere Ladung ankam.“

Damals gehörte Algerien zu Frankreich und dort arbeiteten ganze Fabriken ausschließlich für den spanischen Markt. Einige dieser Fabriken kaufte später Juan March auf, ganz nach dem Motto; “Wozu hat der Mensch zwei Hände? Damit er zwei Mal kassieren kann.“ Einmal als Zigarettenfabrikant und ein zweites Mal als Schmuggler.

Pau gab zu, dass das Genie von Juan March das seines Großvaters übertraf. „Der hat dann die Banca March gekündigt und war über Jahre hin der reichste Mann Spaniens.“

Noch heute gehört seinen Nachkommen alles Land östlich von Colonia de Sant Jordi. „Westlich davon gehörte alles uns“, sagte Pau.

So befand sich die gesamte Südküste von Mallorca vom Faro des Cap de Ses Salines bis nach Sa Rápita unter der Kontrolle zweier Schmuggler Familien. Paradiesische Zustände!

Unterdessen sind das hoch angesehene Familien, es gibt eben nichts Besseres als ein kriminelles Genie zum Großvater. Wie angesehen, zeigt folgende Anekdote: Im Fischrestaurant Manolo in Ses Salines war für 14.30 eine Reservierung für eine Familie Rodríguez eingegangen. Als zur angesagten Zeit niemand kam, vergab Manolo den Tisch an Carlos March, dem Chef der March-Gruppe. Kaum hatten er und seine Familie sich hingesetzt, erschien Don Felipe mit Anhang. Damals war er noch Kronprinz. Er sagte, er habe zur Tarnung auf den Namen Rodríguez reserviert. Manolo antwortete, er bedauere, aber er habe wegen der Verspätung den Tisch schon weiter anderweitig besetzt. Carlos March reagierte sofort und geistesgegenwärtig: „Ich überlasse Hoheit unseren Tisch, wenn er nachher zu café, brandy y puro zu mir auf die Finca Sa Vall kommt“. So geschah es. Es soll eine große Sause geworden sein.

 

Die neue Heizung.

Nirgendwo habe ich sich gefroren wie auf Ibiza.

Erfahrene Inselbewohner behaupteten, im Sommer seien die dünnen Schwedinnen zu empfehlen, im Winter aber müsse man sich eine dicke Freundin suchen, die das Bett vorheizt.

Unser erstes Haus war nicht nach unten isoliert, die Wände waren es auch nicht, dafür hatte es einen offenen Kamin im Wohnzimmer, der nicht richtig zog. Zunächst kauften wir uns einen Bullerofen, der reichte für Küche und Wohnzimmer. Als wir feststellten, dass die Kleider in den Schränken schimmelten, war der Einbau einer Heizung nicht mehr aufzuschieben. In einen von mir (schwarz) gebauten windschiefen Schuppen wurde ein Tank gestellt und in einen weiteren ungenehmigten Anbau der Ofen. Letzteren baute ich mit Hilfe von Antonio, unserem andalusischen Nachbarn, der behauptete, Maurer zu sein. Er arbeitete als Küchenhilfe in einem Hotel. Immer zur Mittagszeit ging er nach Hause und kam zwei Stunden später wieder. Vielsagend kratzte er sich im Schritt und fragte mich, wie es denn bei mir gewesen sei.

Die Heizungsrohre verlegte ein Freund, der auf die glorreiche Idee kam, die Heizungsrohre durch die gemauerten Schränke zu verlegen. Von Schimmel keine Spur mehr. Prophezeite er, und lag damit auch richtig.

Eines schönen Tages im Herbst war alles fertig und wir stellten fest, dass wir keine Ahnung hatten, wie man uns in ein nicht genehmigtes und ungesichertes Fass Heizöl liefern würde.

„Tomás macht das“ wurde uns gesagt. Man träfe ihn immer vor 8 Uhr in der Bar im Hafen von San Antonio. Mit einem Lageplan versehen machte ich mich also auf den Weg, und traf in der Bar ein spillriges altes Männlein vor einem kleinen café solo und einem etwas größeren Glas „Anis del Mono“. Das ist ein grauenhafter Anis Schnaps, den man “dulce“ oder „seco“ bestellen kann.

Tomás versprach am Nachmittag Heizöl zu liefern und tatsächlich, hupte es irgendwann. Wir machten das Gartentor auf und ein uralter Laster, gelenkt von Tomás kam zum Vorschein. Er nuschelte etwas von „gravedad“ bis ich kapierte, dass er nach dem höchsten Punkt des Grundstückes fragte, denn das Heizöl sollte durch die Schwerkraft befördert in unseren Tank laufen. Das ging ganz gut, aber für den Rest musste er leider die Handpumpe benutzen. Er klagte, immer mehr Leute bauten am Berg und da müsse er den ganzen Tank mit Muskelkraft leeren.

Es war herrlich, das Haus war Tag und Nacht warm, Olivenholz spalten war Vergangenheit, nur manchmal, wenn das Wetter unstet war, rußte der Brenner und dann wurden die zum Trocknen aufgehängten Windeln schwarz. Glücklicherweise hatten wir eine Waschmaschine.

Immer wenn das Heizöl knapp wurde, besuchte ich Tomás bei seinem café con leche und seinem Anis del Mono.

Nach einigen handgepumpten Wintern kam er strahlend mit einer Pumpe an, die von der Batterie seines Lastwagens gespeist wurde. Wir hätten die Ehre die ersten zu sein. Es kam wie es kommen musste: Die an „gravedad“ und Handpumpe gewohnten Schläuche hielten dem ungewohnten Druck nicht stand, und während Tomás im Führerhaus gemütlich eine Zigarette rauchte, bemerkte meine Frau einen üblen Gestank.

Wie viel Heizöl in den Garten gelaufen war, konnte hernach nur noch grob geschätzt werden. Tomás wenig beeindruckt, gewährte immerhin einen Preisnachlass, einen geringen, denn er betonte, er müsse ja schließlich die auf unserem Grundstück geplatzten Schläuche ersetzen.

Mehrere Obstbäume, von denen ich mir geschmeichelt hatte, dass sie endlich Frucht bringen würden, gingen ein. Monatelang roch es im Garten so, wie ich mir dachte, dass es in Kuweit stinken müsse, aber wir hatten wieder einmal ein warmes Haus für den Winter.

Volksbefragung? Ich bin dagegen.

Es ist üblich geworden, das Volk zu befragen, wenn in einem Staat etwas Wichtiges geändert werden soll.

Beispiele: Italien, Verfassungsreforrm, Großbritannien, Brexit, Katalonien, Unabhängigkeit von Spanien.

In allen Fällen handelt es sich um Entscheidungen, die tief in das bisherige Gefüge des jeweiligen Staates eingreifen. Sie haben erheblich größere Auswirkungen als eine simple Verfassungsänderung. Für die aber braucht es eine Zwei Drittel Mehrheit im Parlament. Es ist geradezu ein Absurdum, die italienische Verfassungsreform per einfacher Mehrheit der zur Wahl Gegangenen scheitern zu lassen und darüber geht eine bisher stabile Regierung hopps.

Ähnlich verhält es sich mit dem Brexit. Der Austritt aus der EU ist eben erheblich mehr als eine Verfassungsänderung. Die Regierung aber hält sich daran, obwohl das Referendum nicht bindend war. Erschwerend kommt hinzu, dass die Entscheidung Vieler auf der Basis von Lügen der Herren Johnson und Farage fußte.

Wenn am 1. Oktober tatsächlich in Katalonien darüber abgestimmt wird, ob man sich von Spanien loslösen soll, so ist das eine Entscheidung, die nicht nur die Katalanen etwas angeht, sondern alle Spanier. Aber alle diejenigen, die nicht in Katalonien wohnen können gar nicht mitstimmen.

Volksbefragung hört sich so demokratisch an, alle werden gefragt, und alle dürfen mitentscheiden. Da Mehrheiten wechseln, da die Wahlbeteiligung schwankt, wird auf diese Weise die Grundlage jeden States auf eine labile Grundlage gestellt, die Werte werden beliebig.

Ja, aber die Schweiz! Ja, da funktioniert es, weil die Schweizer vom Vorschulalter an wissen, wie wichtig ihre direkte Demokratie ist und weil jeder Schweizer mit seinem direkten Eingriffsrecht umgehen kann. Der Ausgang des Brexit Referendum beweist, dass die Bürger einer repräsentativen Demokratie nicht daran gewohnt sind, ihr Wahlrecht wichtig zu nehmen: Die es am meisten angeht, die Jugend, ist erst gar nicht wählen gegangen.

Ähnlich ist es jetzt in Katalonien: Die Parteien, die die Separation befürworten, haben ein Klima der Pression geschaffen, in dem es schwer ist, sich für den Verbleib in Spanien zu äußern, ganz abgesehen davon, dass die spanische Verfassung in ihrem Artikel 155 ein solches Referendum verbietet. In einem solchen Klima sind freie Wahlen nicht möglich.

Wir, die wir in Demokratien leben, in denen der Wille des Volkes alle vier Jahre an unsere Parlamentsabgeordneten delegiert wird, sind bisher gut damit gefahren, dass Probleme ausdiskutiert werden. Wenn dieses Ausdiskutieren dem Diktat des eher zufälligen Ausgangs eines Referendums ausgesetzt wird, verlieren wir ein gutes Stück bewährter demokratischer Tradition.

Wie schnell Volkeswille in eine Diktatur mündet, haben die Deutschen in den 12 Jahren nach 1933 erlebt, Polen, Ungarn und Türken erleben es zur Stunde.

 

 

Dunrobin Castle

Nachdem der 5. Duke of Sutherland kinderlos verstorben war, erbte den Titel ein entfernter Verwandter in männlicher Linie.

„Aber das Land, das hat meine Mutter bekommen und nach ihr werde ich es bekommen. Das ist mir auch lieber so.“

Lord Strathnaver grinste breit und lud meine Frau und mich ein, am kommenden Morgen auf ihn vor Dunrobin Castle zu warten, er würde uns den Familiensitz zeigen.

Er und seine Familie wohnten damals wunderschön in der Dairy, in der ehemaligen Molkerei direkt am Meer. Wir waren dort zum Abendessen eingeladen.

Dunrobin Castle liegt auch direkt am Meer, von dem es durch einen beeindruckenden französischen Garten getrennt ist. Ein eigener Landungssteg ist natürlich auch da, denn man kam zur Sommerfrische aus London mit der eigenen Yacht, die Reise über Land war zu beschwerlich.

Der Lord führte uns zunächst in einen Pavillon im Park. „Wir haben nur etwa 10% ausstellen können, der Rest steckt noch im Lager.“ Es handelt sich um die Jagdtrophäen des 3. Duke of Sutherland. Löwen, Tiger, Elefanten, Büffel, Hirsche und sogar ein ausgestopfter Wal sind dort zu bestaunen. Der Duke war ein leidenschaftlicher Jäger. Im Pavillon werden einige hundert ausgestopfte Tiere gezeigt.

Im Schloss erfreute uns der Lord in jedem Zimmer mit einer anderen Anekdote.

„Dies ist die Ehefrau des Jägers.“ Wir standen vor einem Portrait einer jungen Frau in Trauerkleidung. „Nein, nein, ihr Mann lebte noch. Der britische Adel ließ sich damals stets in Trauerkleidung portraitieren in Solidarität mit der Queen, die um Prince Albert trauerte. Sie hat später ihren Mann verlassen. Er hatte sich zu sehr um wilde Tiere und andere Damen gekümmert. Sie zog nach Südengland. Die upper class hielt das für einen Skandal. Aunt Anne wurde geschnitten. Das hörte Queen Victoria, die den 3. Duke nicht ausstehen konnte. Eines Tages fuhr sie mit der Kutsche unangekündigt zur Victoria Station, vorneweg eine Ehrenkompanie, trapp trapp trapp, und hinter ihr eine weitere. Das fällt schon auf. Mit dem bereitgestellten Hofzug fuhr sie nach Sussex, wo Aunt Anne nun wohnte. Dort wartete wieder eine Ehrenkompanie, die die Queen zum Haus brachte. Sie nahm mit der 3. Herzogin von Sutherland den Tee, und dann fuhr sie zurück nach London, was wegen der Ehrenkompanien wieder auffiel. Sie hat kein einziges Wort in der Öffentlichkeit verloren, aber von Stund an wagte es keiner mehr, die Duchess nicht einzuladen, wenn man Feste feierte“.

Das ganze Schloss war mit einem dieser grässlichen Teppichböden ausgelegt, die man in Großbritannien sogar im Klo findet. Der Lord erklärte uns, das sei der Tartan des Sutherland Clans. „Meine Mutter ist Ceann Cinnidh der Sutherlands, Chefin des Clans. Irgendwann wurde ihr aus einer Konkursmasse dieser Teppichboden angeboten. Da der Preis gut war, hat sie den ganzen Posten übernommen. Es ist zwar nicht schön, den eigenen Tartan mit Füssen zu treten, aber so schonen wir das Parkett. Sutherlands gibt es auf der ganzen Welt und alle wollen Dunrobin Castle ein Mal in ihrem Leben besuchen. Da kommt Einiges an Besuchern zusammen.“

Der Park macht dem Lord Sorgen. Die Buchsbaumhecken lechzen im Sommer nach Sonne. Nur die nach Westen weisenden Äste wachsen und mit ihnen die Wurzeln. Die Hecken wandern jedes Jahr etwa einen Zentimeter nach Westen.

Der Lord spricht ausgezeichnetes Österreichisch. „Ja, das kam so; Mein Zwillingsbruder und ich haben uns als Jugendliche sehr schlecht benommen. Die Eltern beschlossen, uns zu trennen. Er wohnte fortan bei Verwandten in Frankreich und ich bei Freunden meines Vaters auf einem Schloss in den Alpen“.

Tod in Franken

 

Der Tod wird in Franken erfreulicherweise als das behandelt, was er ist: Ein zwingend vorgegebener Teil allen Lebens.

Verbal führt das manchmal zu seltsamen Höhenflügen wie etwa diesem im Diskant vorzutragenden:

„Lina geh a mol spaß halber rübä.“

„Wos is denn?“

Dei Mo is gschdorm.“

„Ja, erschd wird gassn!.“

Wenn auf der Straße der plötzliche Tod eines Nachbarn besprochen wurde, war das Folgende unweigerlich Bestandteil der Tratsches:

„Ledsda Wuchn hob ich na fei nuch gsenn. Hab ich na fei nuch gagrüsd. Had er fei nuch gadangd“. Im deutschen Besinnungsaufsatz hätte Lehrer mit roter Tinte an den Seitenrand geschrieben: „Bezug?“

Eine andere Geschichte erzählt von eineiigen Zwillingen, die sich so ähnlich waren, dass die Eltern nicht wussten, wer der Schorsch und wer der Luddwich war. Es endet grausam so: „Zern guudn Glügg is nacher aaner gschdurm. Wer, ham sa ned gewissd, aber der wo übrich gabliem ist, den hamsa nacher Schorschla gheisn.

Eine meiner Tanten, sie lebte auf dem Lichtenstein, hatte ein gestörtes Verhältnis zur Buchführung. Die besorgte ihr der Direktor der Raiffeisenkasse, der bei ihr extremen Geiz feststellte. Er fasste diesen seinen Eindruck in folgende Worte:

„Das ledsde Hemd had keine Daschn!“ Die Tante entsagte daraufhin seiner Hilfe, was sie bei der darauffolgenden Steuerprüfung arg bereuen musste.

Berühmt waren die Grabreden vom Biggo. Er war der Wirt der „ündern Wirdschaft in Rentweinsdorf. Er gab sich als Atheist, im Nachhinein glaube ich, dass er ein in der Wolle gefärbter Nazi war. Aber er konnte reden und er war Mitglied im Kriegerverein.

In der Schlosswirtschaft hatte damals der Hochs Karl erzählt, er sei aus dem Fußballverein ausgetreten, weil dort der Jahresbeitrag 50 Mark kostete, der im „Griecherverain“ aber nur 30. „Un an Granz griech ich aa!“ Das zeigt, wie sehr man sich auf das eigene Sterben vorbereitete.

Um die Weihnachtszeit passierte im Ort ein schrecklicher Unfall. Ich glaube, es war der Regs Schuster, der unter seinem umgefallenen Traktor starb. An seinem Grab stand der Biggo und rief mit seiner sonoren Stimme den Trauernden zu: “In dieser frohen Weihnachdszeid, wo das Lichd zu uns Menschen kummd, da sengde sich eine dungle Wolge der Drauer und Verzweiflung über uns Gristenmenschen…“ Die Gemeinde war beeindruckt, der Pfarrer befürchtete, der Biggo könne ihm die Schau stehlen.

Wenn einer starb, nein eine starb, der man nachsagte, sie habe „a Guschn wie a Schwerdd“, dann fragte man die Hinterbliebenen: „Habd Ihr hoffendlich ned vergessn, die Guschn extra dod zern schlogn?“

Es ging direkt und grausam zu, aber immerhin redete damals noch keiner euphemistisch von „heimgehen“ oder „wenn mir mal was passieren sollte“.

Manchmal wünschte sich auch einer, dass was passierte. Es war natürlich der Schmitt´s Adel, der meinen Vater dies fragte:

„Herr Baron, ham Sie denn scho den Abschußblan ferddich?“

Als mein Vater bejahte, kam dies: „Schood derfür, ich hädd Sie sunsd gabädn, äss Sie mein Alda mid drauf sedserdn.“ Seine Frau, die Schmitt´s Kalina, stand neben ihm.

„Fregger, ehländer“ schimpfte sie, und dann lachten alle drei.

 

Vormund. Neue Unterkunft

Vormund. Neue Unterkunft.

Heute Morgen war ich mit der Tante meiner beiden Mündel beim Jobcenter. Sie war einbestellt worden und ich wollte versuchen, dass sie irgendetwas als Näherin bekommt. Der Beamte aber war nicht da. Benachrichtigt wurde sie davon nicht. Nun, wir haben hinterlassen, dass wir da waren und was sie sich wünscht, bzw, was sie kann. Mal schauen, ob beim nächsten Termin der Beamte da ist und was gefunden hat.

Danach musste ich in einer Kanzlei in der Innenstadt etwas erledigen und nahm die junge Dame mit. Siegessäule, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz, all das wurde bestaunt. In die Kanzlei habe ich sie dann mitgenommen, wo ich 36 Mal unterschreiben musste. Es gibt nichts Schlimmeres als juristische Dokumente aus England.

Die kopftuchtragende Tante traf in der Kanzlei auf eine Praktikantin aus Israel. Alles blieb friedlich.

Berlin, internationale Stadt.

Danach lud ich sie zu einem Kaffee ein. Sie schaufelte zwei Löffel Zucker in ihren Espresso und konnte es nicht fassen, dass ich keinen Zucker nahm. Von meiner Apfelschnitte wollte sie nichts abhaben, obwohl ich ihr versicherte, sie sei sicher „halal“.

Die neue Unterkunft liegt in Steglitz. Umgeben von Schrebergärten, stehen dort zwei identische Backsteinhäuser nebeneinander. Sie haben etwas wilhelminisch Militärisches an sich. Das Zimmer liegt im zweiten Obergeschoss, ist groß und hell. Zu dritt haben sie eine gemeinsame Küche mit zwei Herden.

Meine beiden Buben waren in der Schule, aber der traumatisierte Onkel war da und hat sogar ein paar Worte gesprochen. Alle sind glücklich und zufrieden, ich mit ihnen.

Die Unterkunft macht einen sehr gepflegten und geordneten Eindruck. Sie wird von einem Sozialarbeiter geleitet, den ich heute leider nicht kennenlernen konnte.

Jetzt kann ich doch etwas beruhigt nach Palma fahren, wo ich Kanzleiarbeit mit Strandleben verbinden will. Mal sehen, ob so was klappen kann.

 

Bad Kissingen

Ümä, unsere Rentweinsdorfer Großmutter, verbrachte alljährlich den September in Bad Kissingen, zur Kur, wie sie sagte.

Das war immer ein großer Aufwand. Sie fuhr mit Lenzer, der vom Kutscher zum Chauffeur ihres Mannes mutiert war. Er hatte zu diesen Gelegenheiten eine Uniform an: Schwarze Schaftstiefel, hellbraune Breeches, dazu passende Jacke aus Tweed und natürlich eine Kappe, wie sie damals bei Taxifahrern noch üblich war. Das Auto wurde mit Koffern und Hutschachteln beladen, dann hielt der Lenzer die Tür auf und Ümä stieg ein. Das Ganze hätte etwas Majestätisches gehabt, wäre das Auto nicht ein grüner Volkswagen Käfer gewesen.

Ümä wohnte in Bad Kissingen immer im Haus Thea, ein Kurhotel, das es heute noch gibt. Da sie dort schon seit Jahrzehnten logierte, gab es zunächst einen Blumenstrauß vom Kurdirektor, später kam er höchstselbst vorbei.

An sich wollte Ümä während ihrer Kur ihre Ruhe haben aber einmal durften wir sie immer besuchen. Das lief stets gleich ab: Bötchen Fahrt vom Rosengarten zur Saline auf der Saale. Ein durchaus aufregendes Unternehmen, besonders dann wenn sie die beiden Schiffe auf dem Fluss trafen. Eines hieß „Kissingen“, das andere „Saline“. Was für eine Eruption an Geist und Esprit!

An der Saline gab es ein Eis am Stil und dann ging es zurück zum Rosengarten. Dort verabschiedete sich Ümä von uns, sie war ja auf Kur. Weshalb war unklar. Unser Vater sagte, sie sei kerngesund und halte in Kissingen Hof. Offenbar haben die Kuren ihr gutgetan, denn sie wurde 90 Jahre alt, ein damals biblisches Alter.

Nachdem uns Ümä losgeworden war, fuhren wir ins Schwimmbad. In Bad Kissingen gab es nach dem Krieg eines der ersten und spektakulärsten Freibäder von ganz Unterfranken. Es gab ein Springerbecken und ein weiteres, in dem man auf langen Bahnen trainierte oder einfach nur plantschte. Der Clou war, dass auf der Talseite des an den Hang gebauten Springerbeckens Fenster eingebaut waren, so dass alle den Künsten der Springer und der übrigen Badenden auch „unterwässerig“ zuschauen konnten.

Das Schwimmbad war eine Attraktion und ständig überfüllt. Eine Tante, die dort gebadet hatte, wurde gefragt, wie es gewesen sei. Ihre Antwort: „Ich habe einen Stehplatz neben einem Neger bekommen.“

Was uns heute stutzen lässt, war damals vollkommen normal. Der latente Rassismus war allüberall zu bemerken. Wobei das unserer Tante sicherlich überhaupt nicht bewusst war. Sie war auch über jeden Verdacht erhaben. Ihr Mann hatte wegen zu großer Nähe zu Stauffenberg und den Männern des 20.Juli in Haft gesessen und nach dem Krieg hatte sie einen geflohenen Verwandten, der bei ihr Unterschlupf gefunden hatte, hochkant rausgeworfen, als der sich in antisemitischen Reden erging.

Am späten Nachmittag fuhren wir heim. Spätesten an der Schwarzen Pfütze war uns schlecht, denn nachmittags lud uns der Vater in die Kauerei ein, Konditorei konnten wir nicht aussprechen.

Die Schwarze Pfütze, heute abseits der Autobahn, war damals ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Dort kreuzten sich die Kreisstraße 8 und die Staatsstrasse 2445. In meiner Erinnerung bestand der Ort aus einer Tankstelle und einem übel beleumundeten Wirtshaus.

Der jährliche Besuch in Bad Kissingen war für uns jedes Mal ein Ausflug in die große, weite Welt.

Das ist bestimmt ein Spion!

Während des Krieges war Groga, unser Großvater aus Thüngen, irgendetwas beim Geheimdienst gewesen. Ab und zu zog er seinen schweren Mantel an und setzte seinen Jagdhut auf. So ging er in die Allee vor dem Schloss und wartete auf den BND Chef Gehlen. Nach einer halben Stunde kam er zurück, alles war sehr geheim aber natürlich war es überaus wichtig.

Heute würde man sagen, Groga war ein großer Verschwörungstheortiker. Am Telefon sprach er in Abkürzungen. „W. hat mit L. gesprochen“. Allen war klar, dass Onkel Woff und Tante Liesel gemeint waren.

Eines Tages kam ein Brief aus Polen. Willy Brandt war kurz zuvor vor dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos niedergekniet. In dem Brief bat ein Sammler von Bier Etiketten um Proben aus der Thüngener Brauerei. „Kommt nicht in Frage, das ist bestimmt ein Spion“. Schorsch und ich haben dann heimlich doch Etiketten und ein paar Bierdeckel nach Polen geschickt. Erstaunlicherweise wurden daraufhin weder das Brauen noch die Auslieferung der Produkte der Schlossbrauerei Thüngen sabotiert.

Am schönsten und am dauerhaftesten aber war sein Verdacht, ein Flüchtling aus Ostpreußen, der im Ort gestrandet war, könnte ein Wilderer sein. Nennen wir ihn Dabar. Herr Dabar hatte die Angewohnheit tägliche längere Spaziergänge über die Thüngener Flur zu machen. Dabei traf er zwangsläufig mit dem Herrn Baron zusammen, der ebenfalls täglich mit seinem Mercedes 170 nach dem Rechten sah.

Es war dies ein uraltes Ungetüm von Auto. Im TÜV Bericht stand: „Zustand bedenklich, Pflege verbissen.“

Groga suchte immer mit dem Feldstecher nach Wild, sah aber öfters nur den einsamen Wanderer. Das ärgerte ihn zunehmend, weil er erstens eben kein Wild sah und zweitens, „was sucht der Kerl in meinem Jagdrevier?“ Langsam baute sich unser Großvater um den Dabar einen Popanz auf. Und wir machten uns einen Spaß daraus.

Damals gab es eine Hamsterplage und Schorsch und ich jagten sie, indem wir den Bau mit Wasser füllten und so den Hamster zur Flucht zwangen. Sehr erfolgreich waren wir nicht, aber beim Abendbrot erzählten wir, wir hätten den Dabar gesehen. Ganz steif sei er gegangen, und mitten im Sommer habe er einen langen Mantel angehabt. Die Geschichte war von A bis Z erfunden. Ihre Wirkung war dennoch mit einer Atombombe vergleichbar. Groga fuhr noch mal hinaus, wir lotsten ihn irgendwo hin und der Zufall wollte es, dass tatsächlich ganz hinten bei der Buchenhöll eine Gestalt zu sehen war. Groga zückte das Fernglas und wir hörten ihn nur murmeln „der Dabar, der Dunnerkeilsfregger!“

Mit aufheulendem Motor fuhr er auf den Wilderer zu und als wir nah genug dran waren, sahen wir, dass er mit kurzer Hose und Unterhemd bekleidet war. Groga drehte bei, bestand aber darauf, dass der Dabar für morgen das Terrain sondiere.

Nie wurde ein Wilderer noch Spuren von Wilderei entdeckt. Aber der Dabar war und blieb einer, der mit abgesägtem Stutzen Hase, Reh und Schnepfe unwaidmännisch meuchelte, um sich seinen Ranzen zu füllen.

Wir liebten unseren Großvater sehr. Auch wegen seiner Schrullen. Mein Vater, sein Schwiegersohn, nannte so etwas „berechtigte Eigentümlichkeiten“.

Meine Kinder sagen unterdessen, ich hätte auch so was. Ich lass sie es nicht merken, aber irgendwie bin ich stolz darauf, in mir Grogas Gene zu entdecken.