Eine Million hinter dem Kinderbett

Am 11. November 1997 war Manfred Meisel, der Bierkönig von Mallorca, ermordet worden. Mit ihm fanden die Haushälterin und sein achtjähriger Sohn Patrick den Tod. Einig Tage nach der Tat stellte sich heraus, dass die Lebensgefährtin des Ermordeten ein zweites Kind von ihm erwartete. Sollte das Kind, der „nasciturus“, lebend zur Welt kommen, würde er mit der Vollendung der Geburt Erbe seines Vaters werden.

Die Frage war nun, ob auch Patrick Erbe seines Vaters geworden war. Die Beantwortung dieser Frage war von immenser Bedeutung, denn wenn Patrick Erbe geworden wäre, hätte auch seine Mutter, die als nicht verheiratete Lebensgefährtin nicht Erbin des Bierkönigs geworden war, als Mutter den Erbteil Patricks bekommen. Dazu aber hätte das getötete Kind seinen Vater überleben müssen.

Kurz, es ging darum, ob der „nasciturus 50% oder 100 % des Nachlasses bekommen würde. Um dessen künftige Rechte zu schützen, bat mich der damalige der Konsul, Michael Göllner, aufzupassen.

Zunächst begleitete ich die Lebensgefährtin bei Gericht. Die TV Teams aus aller Welt belagerten die Gänge und die junge Dame bat mich, möglichst zu verhindern, dass ihr Gesicht um die Welt ginge. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, ein Mann von erheblichem Körperumfang hätte die Arbeit der Photographen behindert.

Etwas später wurde eine Hausdurchsuchung angeordnet. Das Anwesen befindet sich ein paar Kilometer hinter dem Flughafen. In riesigen Gewächshäusern war die Papageienzucht des Bierkönigs untergebracht, Man hörte die Vögel kreischen. Ich empfand die Geräuschkulisse unwirklich, aber was passt schon zu einem Mord?

Die Polizisten machten sich nun auf Anweisung des Richters daran, das Haus zu durchsuchen. In vielerlei Verstecken wurden Wertgegenstände gefunden, und dann fiel einem der Beamten eine Resopalplatte hinter dem Bett des kleinen Patrick auf. Dort fanden wir einen ziemlich großen Tresor. Die Lebensgefährtin kannte den Code und so befahl der Richter, den Tresor zu öffnen und den Inhalt in seiner Gegenwart zu zählen. Als Unterlage benutzten wir eine leere Luftmatratze und platzierten auf ihr Bündel von je fünfzig 1.000 DM Scheinen. Am Schluss summierte sich alles auf über 1.000.000 DM plus einige tausend CHFr.

Es war klar, dass es sich hier um unversteuertes Geld handelte, aber der Richter akzeptierte erstmal die Aussage der Familienangehörigen, dass man nie Zeit gehabt hätte, zur Bank zu gehen. Der Bierkönig habe erst im Morgengrauen zugemacht, und ehe man aufgewacht sei, seien die Banken schon wieder geschlossen gewesen.

Ich bat, das Geld bis zu Klärung der Erbfolge in gerichtliche Verwahrung zu nehmen. Der Richter raunzte mich an, dass hätte er ohnehin angeordnet.

Aber noch immer war die Frage nicht geklärt worden, ob Patrick seinen Vater nun überlebt hat oder nicht. Da weder das Eine noch das Andere nachweisbar war, fällte der Richter einen salomonischen Spruch: Beide sind gleichzeitig gestorben, und somit hat Patrick nicht geerbt. Dieser Entscheidung gründete sich nicht auf den Hauch eines Beweises, war aber dennoch unbestritten richtig: „Wenn nichts anderes mehr hilft, weg mit der Jurisprudenz und her mit der Pragmatik!“

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