Menschenwürde, auf ein Neues!

Jeder Mensch hat das Recht, gegen die Ehe für alle zu sein, sei es aus religiösen oder ethischen Gründen womöglich auch, weil er seinen Vorurteilen frönt. Richtschnüre gibt es da genug. Der Gesetzgeber aber hat nur eine Richtschnur und die ist das Grundgesetz.

Dort lesen wir in Artikel 1, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und im darauffolgenden Artikel, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Persönlichkeit frei zu entfalten, es sei denn er verletzt damit Rechte seiner Mitmenschen oder das Sittengesetz.

Früher war es einfach, da verstieß gleichgeschlechtliche Liebe gegen die guten Sitten und der § 175 des Strafgesetzbuches beschützte eben diese guten Sitten. Nachdem die Strafvorschrift nun schon seit Jahren abgeschafft wurde und auch die eingetragene Lebenspartnerschaft längst Bestandteil unseres zivilen Miteinanderlebens geworden ist, gibt es keinen Grund mehr, die Ehe für alle nicht zuzulassen.

Niemand wird bestreiten, dass Liebe und Sexualität essentielle Belange der Entfaltung der Persönlichkeit sind. Warum also gewährt man den einen die Ehe, die unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung steht, den anderen aber nicht?

Es wäre des Schweißes der Edlen wert, einmal darüber nachzudenken, woher es kommt, dass seit alters her die Mächtigen gegen nicht mehrheitsfähige Praktiken der Liebe sind. Ohne lange nachforschen zu müssen, kommt man darauf, dass das zum guten Teil daran liegt, dass die Staaten immer darauf bedacht waren, dass sich ihre Untertanen hübsch vermehrten. Man brauchte Soldaten und Steuerzahler. Deshalb wurde der gleichgeschlechtlichen Sexualität der Bestandteil „Liebe“ schlichtweg abgesprochen, um sie so auf sittenwidrige Geilheit reduzieren zu können.

Dies wurde seit Jahrhunderten wiederholt, und wir wissen, dass es just die Wiederholung ist, die Behauptungen zu Wahrheiten werden lassen. Wir alle wurden noch so erzogen, dass wir selbstverständlich davon ausgingen, Homosexualität sei eine verabscheuungswürdige Verirrung, die durch Zusammenreißen heilbar sei. Viele denken das heute noch, und man kann es ihnen nicht übel nehmen, denn es gibt keine Verpflichtung für Otto Normalverbraucher, Inhalte der eigenen Erziehung zu überdenken.

Diese Verpflichtung gibt es aber für all diejenigen, denen wir im Sinne unserer Verfassung staatliches Handeln übertragen haben. Bei der Auslegung der Verfassung und bei der Ausübung eines politischen Mandats ist einzig und allein Recht und Gesetz sowie das eigene Gewissen gefragt. Und da ist es dann schon notwendig, nachzuforschen, weshalb gerade in konservativen Kreisen das Gewissen etwas gegen die Homo Ehe hat.

Warum eigentlich? Schadet sie dem Staat? Schadet sie dem Zusammenleben? Schadet sie unseren Kindern?

Wenn man diese Fragen bejaht, dann hätte man sich schon gegen die eingetragene Lebensgemeinschaft wehren müssen. Was ist an der Ehe qualitativ anders?

Gott hat die Ehe eingesetzt, heißt es dann. Das ist natürlich Quatsch, denn Julius Caesar war verheiratet und wusste von unserem Gott nichts. Die Ehe wurde nicht von Gott gestiftet, vielmehr ist sie ein Instrument des „ordre public“ seit es Menschen gibt.

Der kleine Satz der Kanzlerin, man solle diese Frage zu einer Gewissensentscheidung machen, man solle also den Fraktionszwang aufheben, hat nun eine Lawine ins Rollen gebracht, durch die die Ehe für alle mit den Stimmen aus allen im Bundestag vertretenen Parteien zum Gesetz werden wird, nicht allen Stimmen, aber mit Stimmen aus allen Parteien. Das lässt hoffen.

Und noch etwas: Natürlich sind Kriege in der Welt, Hungersnöte, die Gefahr eines Atomkrieges und der Klimaschutz wichtigere Themen. Warum aber sollte man, wenn man es denn kann, weniger Wichtiges nicht klären, wenn man am Wichtigen weltweit scheitert?

Und was hat das mit der Menschenwürde zu tun? Die Würde des Menschen ist sein eigenes Leben. Zum Leben gehört das Streben nach Glück und Sicherheit. Wer verheiratet ist, weiß, dass die Ehe kein Garant für Glück und Sicherheit ist. Sie kann es aber sein. Dies einem Teil unserer Mitbürger zu verwehren, ist schlicht verfassungswidrig.

Las suizas no saben cocinar

Pepe stammte aus Barcelona und lebte auf Ibiza mit einer Schweizerin, Vreni, zusammen. Wie alle Katalanen liebte er es, Geld einzunehmen, es wieder auszugeben, bereitete ihm körperlichen Schmerz. Er war Unternehmer und deshalb ließ er den Nagel des kleinen Fingers der rechten Hand lang wachsen, um so zu zeigen, dass er keiner körperlichen Arbeit nachging. Er war im weitesten Sinne in der Baubranche tätig und damals war es noch üblich, die Geschäfte auszuschnapsen. Deshalb roch er stets nach Anis oder Brandy.

Er liebte das gute spanische Essen. Wenn er in Palma zu tun hatte, fuhr er mittags nach Pollensa, weil es dort im Hafen eine gute Caldereta de Langostas gab. “Nicht zu vergleichen mit der in Mahón,“ vergaß er nie zu bemerken. In Barcelona kannte er ein Lokal, wo man die weltbeste „Lubina a la espalda“ servierte. Der Wolfsbarsch wird nur auf der Haut zusammen mit einigen Knoblauchzehen gebraten. Einmal saß ich in der Aviaco-Maschine BCN-IBZ neben ihm und durfte feststellen, dass man offenbar mehr Knoblauch als Lubina verbraten hatte.

Pepe behauptete standhaft, die Schweizerinnen könnten nicht kochen: „Las suizas no saben cocinar“. Das brachte Vreni und meine Frau, beides Berufsschweizerinnen, jedes Mal auf die Palme. Sie bereiteten als Probe ihres Könnens eine Gazpacho, eine kalte Tomatensuppe, in die nur Tomate, Zwiebeln, Knoblauch, grüne Paprika, Olivenöl, altes Brot, sowie Salz und Pfeffer hineingehören.

„LLeva agua“, war stets Pepes Urteil, die Suppe sei verwässert. Alle Schwüre und das Angebot, die Gazpacho unter notarieller Aufsicht zuzubereiten, waren zwecklos: „Las suizas no saben cocinar“.

Wenn es am Sonntag galt, eine Paella zuzubereiten, war dies Männersache. Allerdings nur der Kochvorgang im Freien. Das Schnibbeln vorher und der Abwasch nachher waren selbstredend Frauensache.

Es gibt bei der Zubereitung einer Paella einige heilige Rituale, deren Nichteinhaltung zum Desaster führen. Zunächst muss der Reis in Form eines Kreuzes in die Pfanne geschüttet werden und wenn alles fertig ist, muss die Paella unter einer Zeitung die, so Pepe, der PP, der konservativen Volkspartei, nahe steht, etwa zehn Minuten ruhen. Ich habe einmal, um ihn zu ärgern, den Reis in Form von Hammer und Sichel eingestreut und das Ganze dann unter einer Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung ruhen lassen. Pepes Kommentar:

„Las suizas no saben cocinar, pero este alemán tiene de cocinero como yo de bombero.” Er meinte damit, wenn ich Koch sei, sei er Feuerwehrhauptmann.

Pepes Sparsamkeit endete selbst dann nicht, wenn er etwas für sich kaufte. Das Meer ist auf Ibiza ja nie sehr weit und so beschloss Pepe, sich ein großes Motorboot zu kaufen. Es musste ein Schnäppchen sein und siehe da, im Hafen von Santa Eulalia del Rio fand sich ein altes Holz Boot mit starkem Motor. Nachdem Pepe festgestellt hatte, dass in der Bilge kein Wasser war und er den Preis heruntergehandelt hatte, zahlte er aus der Hosentasche heraus den Kaufpreis. Der Verkäufer zeigte ihm alles, und nachdem der Motor schnurrte, schipperte Pape nach San Antonio, einmal um die Insel herum. Dort hatte er eine Boje in der Hafenbucht gemietet. Bootsführerschein, braucht man so was?

Am darauf folgenden Sonntag setzte Pepe mit seinem Sohn in einer Zodiak zu seinem Boot über und ließ gleich den Motor an, um den Rest der Familie an der Hafenmole abzuholen. Es machte KRAWUMM. Mit knapper Not retteten sich Vater und Sohn mit einem Sprung ins Wasser. Pepe hatte vergessen, dass das Boot einen Benzin Motor hatte. Da muss man immer vor dem Anlassen die Treibstoffgase aus der Bilge abpumpen.

Das war das Ende seines Seemannslebens. Pepe verlegte seine Aktivitäten wieder auf’s Land und misstraute den Kochkünsten der Schweizerinnen. Das war ja auch weniger gefährlich.

San Cayetano spielt Fußball

Als wir von Ibiza nach Palma zogen schickten wir unsere Kinder nach San Cayetano, einer von Theatiner-Mönchen geleiteten Schule.

Schon bald waren wir eingeladen zur Erstkommunion eines Kumpels unseres Sohnes David und fanden uns pünktlich ein in der Kirche der Schule, die erstaunlich leer war. Wir machten alles falsch: Als der Priester bat, mitzusingen, taten wir das mit Verve, die Melodie war „El Condor pasa.“ Alle schauten uns befremdet an, denn wir sangen alleine, die Gemeinde schwieg. Als die Liturgie begann, schwiegen wir, nicht so der Rest der Anwesenden: Omas, Mütter und Geschwister dirigierten zu spät Gekommene lautstark in die für sie reservierten Bänke, man küsste sich und tauschte Neuigkeiten aus. Dann kam die zweite Strophe des begonnenen Liedes, wir sangen mit, die anderen drehten sich befremdet nach uns um. Wir fühlten uns deplatziert wie nie, hätten wir gestanden, Lutheraner zu sein, hätte man womöglich das Messer gezückt.

Später spielte David in der Schülermannschaft von San Cayetano Fußball. Ich musste ihn nach dem Training und nach Spielen gegen andere Schulen abholen und natürlich erwartete er, dass ich dem Spiel zusähe. Während andere Väter in ihren Söhnen bereits Ronaldos, Butragrueños oder Schusters, den damaligen Cracks, erkannten, sah ich nur rumlaufende Youngsters, denn vom Fußball verstehe ich überhaupt nichts.

Mir fiel allerdings auf, dass der Trainer der Buben diese mit den unflätigsten Schimpforten anfeuerte. Primäre Sexualmerkmale beiderlei Geschlechts flogen verbal über den Platz, dass es eine Schande war. Auf der Fahrt nach Hause, regte ich mich furchtbar auf und David versuchte mich zu beruhigen, indem er sagte, cojones, coño, cabrón und maricón seien doch ganz normale Fußballausdrücke. Das regte mich nur noch mehr auf.

Trotz des inständigen Bittens meines Sohnes stellte ich den Trainer beim nächsten Mal zur Rede und meinte, gerade in einer von Mönchen geleiteten Schule hielte ich es für äußerst fragwürdig, die Kinder früh an den Gebrauch schlimmster Schimpfworte zu gewöhnen. Unwissend wie ich war und bin, fügte ich noch an, Beckenbauer habe ja auch nicht Hoden, Vaginas, Ziegenböcke und Schwule verbal durchs Stadion fliegen lassen, und dennoch habe er die WM gewonnen. Cirer, so hieß der Trainer, schaute mich lange von der Trainerbank, auf der er saß, an und dann murmelte er nur: „Se ve, que no tienes ni puta idea del futbol“ Der neben ihm sitzende Mönch nickte.

David wurde dennoch ein sehr guter Fußballer und mit seinem Freund Toni zusammen waren sie die gefährlichen Torjäger ihrer Mannschaft. Nach einem besonders gelungenen Pass meines Sohnes kommentierten zwei Steppke auf der Tribüne hinter mir, sein Vater sei wohl Russe oder so was.

Nach einem Spiel, bei dem auch Davids Mutter zuschaute, verbat er sich deren weitere Besuche, weil sie die Kontrahenten, die ihn anrempelten oder gar foulten, beschimpfte und androhte, sie nach dem Spiel zur Rede zu stellen. Das hätte seinem Image als harter Typ natürlich noch mehr geschadet als meine Intervention beim Trainer.

Einer anderen Blamage wusste er weise vorzubauen, nämlich immer dann, wenn es darum ging, ein Spiel Schüler gegen ihre Väter zu organisieren. Die Vorstellung, seinen unsportlichen Vater an der Seite fußballbegeisterter Enddreißiger über den Platz torkeln zu sehen, bereitete ihm schlaflose Nächte. Als es dann so weit war, behauptete er, sein Vater habe just an dem Tag auf Ibiza zu tun. Bei anderen Gelegenheiten war es London, Madrid oder Brüssel.

Immerhin, bald schon hatte ich den Ruf, ein international gefragter Anwalt zu sein, dem Fußball sei Dank!

Nackt Knigge

Man kann davon halten was man will: Sich in der Öffentlichkeit nackt auszuziehen ist eine höchstpersönliche Entscheidung. Mit diesem Phänomen sich auseinandersetzen zu müssen, tritt den Bewohner oder Besucher der Balearen zunehmend jählings, rasch und unterwartet an.

Mir geht es immer so, dass ich die Bestie außerhalb des Käfigs nicht erkenne: Treffe ich den Bankangestellten an der Tankstelle, muss ich erstmal schrecklich nachdenken. Ebenso ergeht es mir, wenn die Dame, die ich allmorgendlich an der Kasse im Eroski sehe, am Nebentisch „almejas a la plancha“ isst.

Um wie viel schwieriger ist es, Bekannte einzuordnen, denen man am Strand begegnet und zwar wie Gott sie schuf! Ich bin da regelmäßig etwas überfordert, habe mir aber unterdessen einige Regeln zurechtgelegt, die ich zu Nutz und Frommen der Allgemeinheit hier veröffentliche.

Es hat sich bewährt, bei der Begrüßung von nacktem Männlein und nacktem Weiblein dahin zu gucken, wo man auch hinguckt, wenn man sich auf der Avenida Jaime III trifft. Während es dort durchaus angebracht ist, dem Gegenüber Komplimente über das gute Aussehen, den schicken neuen Mantel oder das so überaus elegante, wenn auch knappe, Kleid zu machen, sollte man dem am Strand entraten. Bauch, Busen, Po und andere Attribute sollten tunlichst unkommentiert bleiben. Das gilt selbstredend auch für den subjektiven Eindruck, das Gegenüber habe zu- oder abgenommen, sähe angezogen besser aus oder umgekehrt und habe sich für das erreichte Alter erstaunlich gehalten.

Es ist ja durchaus üblich, dass Männer sich bei der Begrüßung heftig gegenseitig umarmen und auf die Schulter klopfen. Ist einer von ihnen nackt oder beide, sollte das unterbleiben, auch Küsschen-Küsschen zwischen Frau und Frau oder Mann und Frau sollten bei mangelnder Bekleidung dezenter und weniger hocherfreut ausfallen, als auf der bereits erwähnten Avenida Jaime III erwartet wird.

Auch Ausrufe des Erstaunens, jemanden hier unerwarteterweise unbekleidet vorzufinden, gelten als unangebracht. Die spießige Nachbarin aus dem Hotel reagiert womöglich unfroh, wenn sie hören muss: „Aber Frau Briedensieder, das hätte ich Ihnen nun wirklich nicht zugetraut! Dass ich das noch erleben durfte!“

Im Laufe des gemeinsam verbrachten Tages ist natürlich der etwas eingehendere Blick auf die Nacktheit der Begleitung nicht vermeidbar. Auch hier ist Diskretion geboten. Wer seine Brille auspackt und sie mit den Worten, „Nun wolln wir mal!“ vor dem Aufsetzen putzt, wird bei der Verleihung des Preises „Sozialkompetenz 2017“ sicherlich nicht dabei sein.

Fürsorgliche Mitmenschen haben sich angewöhnt, den Nackten auf beginnende Sonnenbrände an Stellen, die sonst bedeckt sind, hinzuweisen. Das ist zwar nett, beweist aber ein außerordentliches, womöglich unangebrachtes, Interesse des Hilfsbereiten eben für diese Stellen. Das kommt nicht immer gut rüber.

Es gilt allerdings bei all dem eine eherne Regel: Wer nackt ist, bleibt es, wer eine Badehose anhat, behält diese am Leib. Verschämtes Verschwinden hinter der nächsten Düne, um dann in verändertem „tenue“ wieder zu erscheinen, ist in erster Linie ein Zeichen von mangelndem Selbstbewusstsein. Schon Luther hat gesagt „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Wer den Reformator in seinem Jubeljahr am Strand von Es Trenc durchaus bemühen möchte, darf allerdings auf dessen Nachsatz – „Gott helfe mir“ – verzichten, selbst dann, wenn nicht wenige denken, der Mensch in seiner ungeschützten Nacktheit bedürfe in ganz exquisiter Weise der Hilfe seines Schöpfers.

Es gibt allerdings einen erlaubten Eingriff in die höchstpersönliche Entkleidungsfreiheit des Mitmenschen, den ich stets in diese Worte fasse: „Ich lade euch alle zu einer Paella ein, aber nur, wenn ihr euch was anzieht.“

 

Göcherles

In meiner Erinnerung waren die Winter der 50er Jahre in Franken alle sehr kalt und schneereich. Sogar die B279 war weiß. Es gab weniger Autos und mehr Frost, da entstand kein Matsch.

Wir Kinder hatten Wollmützen auf und Handschuhe an, die mit einem langen Wollfaden zusammengebunden waren, der durch die Ärmel des Anoracks geführt, dafür sorgte, dass wir keinen verloren. Dennoch froren wir Gotts erbärmlich. Das machte aber nichts, denn wir fuhren „Schliedn“. Auf meinem stand DAVOS. Ein Dafos-Schlitten war unter uns Buben die Mercedesklasse, das lag vielleicht daran, dass Berthold, mein Freund, auch einen Dafos-Schlitten hatte, und wir insofern die Deutungshoheit an uns gerissen hatten.

Meistens fuhren wir an der Eishȯl Schlitten, ein Hang gleich hinter „dem Biggo seiner Wirtschaft“. Dort gab es in der Mitte der Abfahrt eine Bodenwelle und unten eine Kuhle. Ideal für unsere Zwecke. Schneller und gefährlicher war die Kappelleite neben dem Friedhof, dort wo jetzt lauter Häuser stehen.

Wir fuhren natürlich nicht einfach den Berg hinunter, es gab da verschiedene Disziplinen des Schlittenfahrens.

Am einfachsten war „sitzerles“, etwas für Babys, Kleinkinder und Schisser, weil einfach zu leicht. Draufsitzen und runterfahren konnte jeder, außerdem war so das Bremsen erheblich leichter.

Schon etwas schwerer war „hängerles“. Dabei wurden die Schlitten mit den Schnüren aneinandergehängt. Wir fuhren dabei meist „sitzerles“. Der auf dem ersten Schlitten saß musste versuchen, derart Kurven zu fahren, dass es die hinteren Schlitten aus er Bahn trieb. Vom Schlitten zu fallen war durchaus keine Schande, es ging ja um dem Spaß.

Etwas schwieriger war „lecherles“, gelenkt wurde dabei mit den Fußspitzen, bremsen war unmöglich. Bei „anhängerles“ fuhr meistens der Letzte „lecherles“.

Die Königsdisziplin allerdings war „göcherles“. Man fuhr die Figur, die dem Hahn, dem Göcher, ähnlichsah, zu zweit. Einer fuhr „lecherles“ und ein anderer saß „sitzerles“ auf ihm.

Da waren Unfälle vorprogrammiert, besonders dann, wenn wir auch noch über die Sprungschanze fuhren, die vor der Bodenwelle aufgebaut worden war. „Dobblgöcherles“ gab es auch, aber die Figur hat sich nie wirklich durchsetzen können.

Blaue Augen, Beulen, Schürfwunden, verknackste Knöchel und überfahrene Finger waren normal. Niemand klagte oder beschwerte sich, denn wir kannten alle den Reim:

„Das dud doch garnichd weh, in’n weichen, weichen Schnee.“

Toll war es noch weiter zu „schliddln“, wenn die Nacht bereits hereingebrochen war, also nach halber sechsa. Unebenheiten und Bodenwellen waren nichtmehr zu sehen und es bedurfte wirklich großen Könnens, nicht umzukippen. Nur an der Kappelleite fuhren wir bei Dunkelheit nie. Vom Friedhof ging eine unbekannte aber nichts desto weniger konkrete Gefahr aus. Das hätte natürlich niemand von uns eingestanden. Da das Schlittenfahren an der Kappelleite allerdings wegen der wenigen Autos dort grundsätzlich verboten war, erinnerten wir uns dessen bei Einbruch der Dunkelheit und niemand konnte ahnen, dass es uns allen gruselte.

Manchmal durften wir unsere Schlitten an die Stoßstange des Forst-VWs unseres Vaters binden. Der Erste bekam eine Volldröhnung an Abgasen ab, aber nach hinten merkte man das nicht mehr so. Derart „anhängerles“ durch die Gegend kutschiert zu werden, war natürlich ein Hauptspaß.

Als ich mit 10 Jahren nach Schondorf ins Internat kam, war ich der Held des Rodelberges. Als Unsportlichster der Klasse konnte ich mit meiner Schlitten Expertise punkten. Aber ach, schon in der zweiten Klasse galt Schlitten fahren als Kindersport. Man fuhr Ski. Und da bin ich über den Stemmbogen nie hinausgekommen.

Der Betonmord von Benimusa

Manchmal traf ich Beate im Flieger nach Nürnberg. Wir besuchten unsere jeweiligen Eltern in Franken.

Beate hatte in San Antonio auf Ibiza eine kleine Wechselstube und verwaltete einige Ferienwohnungen in den hässlichen Hochhäusern des Ortes.

Mit Richard hatte sie zwei Töchter. „Er sitzt am Strand und spielt Gitarre“, erzählte sie mir einmal, als wir uns schon im Sinkflug befanden.

Und dann berichtete der „Diario de Ibiza“ im Sommer 1989, der Gemeinderat von San José habe eine Abrissverfügung beschlossen. Es handele sich um einen Schwarzbau einer Deutschen, die in San Antonio eine Wechselstube betriebe. Ich fuhr sofort nach Benimusa. Auf einer Insel, auf der die Schwarzbauten damals noch die Mehrheit darstellten, stand der Verdacht nahe, man wolle ein Exempel gegen jemanden statuieren, um dessen Stimme als Wähler man nicht bangen muss.

Ich wurde Lügen gestraft, denn das mehrstöckige Appartementhaus, das da im Rohbau in der Landschaft stand, war unglaublich dilettantisch hochgezogen. Es war nicht nur illegal, es war nicht einmal legalisierbar, weil schon im Rohbau baufällig. Die Abrissverfügung war eine Notwendigkeit der öffentlichen Sicherheit.

Tags darauf flog ich mit meiner Frau und meinen Kindern, die oft mit Beates Kindern gespielt hatten, nach Deutschland. Im Haus meiner Eltern angekommen, klingelte das Telefon. Mit den Worten „der Kerl quatscht nur spanisch“ reichte mein Vater mir den Hörer. Am anderen Ende war Pep Tur, Redakteur beim Diario. Er fragte mich, was ich denn gestern bei Beates Haus zu suchen gehabt hätte, man habe mein rotes Auto erkannt. Lachend erzählte ich von meinem Verdacht. Ob ich denn nicht wisse, was passiert sei?

Seit einigen Tagen seien Beate, Richard und die Mädchen vermisst. Am Morgen meines Abfluges habe man die Leichen gefunden. Wie später die Polizei berichtete, war das Folgende passiert: Unbekannte hätten die kleine Familie zur Baustelle gebracht. Richard hatte, so vermuteten die Ermittler, nicht nur am Strand Gitarre gespielt, sondern den unkontrollierbaren Geldfluss einer Wechselstube zum Weißwaschen von Drogengeldern benutzt. Mit der Abführung der Gelder „nach oben“ hätte er es aber nicht so genau genommen.

Schreckliches wurde bekannt: Die Killer haben vor den Augen der Eltern die beiden Mädchen gewürgt. Richard spuckte nichts aus. Dann wurden die Mädchen erdrosselt. Richard spuckte nichts aus. Als nächstes wurde Beate erschossen, am Ende Richard selbst. Man warf die Leichen in eine Grube und schüttete sie mit wenig Beton zu. In der Sommerhitze brach der nasse Beton auf, statt zu erhärten.

Nachbarn bemerkten den süßlichen Geruch verwesender Körper. Wäre ich am Vortag aus dem Auto ausgestiegen, hätte ich die das Drama entdeckt. Immerhin hatte meine Neugier bewirkt, dass ich zunächst zu den Tatverdächtigen zählte, zumal ich kurz nach der Tat mit der gesamten Familie abgehauen war.

Die Polizei vermeldete in einem abschließenden Kommuniqué, die Ermittlungen hätten ergeben, dass die dünne Betondecke nur benutzt wurde, um den Killern Zeit zum Verschwinden zu geben. Das Verbrechen sollte durchaus entdeckt werden, auch die grausamen Umstände der Tötung zweier Kinder vor den Augen ihrer Eltern, müsse als Signal verstanden werden: Die Drogenbosse dulden keine Unterschlagungen! Wer beschießt, wird um die Ecke gebracht!

Die Täter sind nie gefasst worden.

Geparkte Ehefrauen

„Aber Schatz, du hast dich doch in unserer Finca auf der Insel so wohl gefühlt. Flieg doch runter, vielleicht tut es unserer Ehe mal ganz gut, wenn wir sie auf „stand by“ stellen.“

So muss man es sich vorstellen, wenn Ehefrauen auf den Balearischen Inseln geparkt werden. Das ist immer dann der Fall, wenn eine Scheidung zu teuer wäre. Eine millionenschwere Immobilie der Ehefrau zur alleinigen Nutzung zu überlassen, ist auf jeden Fall wirtschaftlicher, als den Betrieb, in den man hineingeheiratet hat, zu verlieren. Der Geldfluss würde stocken und es ist ja gerade der Geldfluss, der den Herrn bei der „Neuen“ so attraktiv macht. Im Übrigen ist in solchen Situationen die räumliche Nähe der Angetrauten eher hinderlich. Wie gut, dass in ehelich glücklicheren Tagen die Finca dort drunten gekauft wurde, da können im Sommer auch die Kinder hinkommen, das freut die Mamá und dann gibt es keine Reibereien mit der „Neuen“.

Auf den Balearen leben geparkte Ehefrauen in Regimentsstärke. Alle wohnen in ansehnlichen Häusern, Fincas, Lofts und Penthouses. Die wenigsten kommen mit ihrem Los zurecht. Der Griff zur Flasche ist da ein probates Remedium und der Griff zum Liebhaber wird durchaus nicht alternativ dazu praktiziert. Dieser muss allerdings in der Regel im Sommer ebenfalls geparkt werden, weil die anreisenden Kinder unter keinen Umständen merken dürfen, dass Mamá es dem Herrn Papá gleichtut. Da hilft dann auch die Entschuldigung „er hat aber damit angefangen“ wenig. Die Kinder wissen natürlich genau, was abgeht, aber der Schein, zumal der moralische, muss gewahrt werden.

Zu beobachten sind gelegentlich absonderliche Zuspitzungen der seelischen Vereinsamung. Die Freundin einer Klientin, klingender Name an Rhein und Ruhr, beichtete mir einmal bei einem Mittagessen mit ausgiebig eiskaltem Weißwein, sie habe derzeit nur ein Ziel: Den Bettler drunten an der Einfahrt zum Hafen zu sich einzuladen, in die Wanne zu legen und eigenhändig solange einzuseifen bis er sauber und wohlriechend sei. Ich – ganz der verantwortungsvolle Jurist – riet dringend davon ab: „Sie wissen nicht, was passiert, wenn er all den Luxus bei Ihnen zu Hause sieht, und er wäre ja auch nicht der Erste, der gewalttätig wird.“ Die Dame kniff das linke Auge zu, schaute mit Bedauern in ihr leeres Weinglas, verzog den Mund zu einem wissenden Lächeln, um dann zu flüstern: „Er wird ja ein wenig Dankbarkeit zeigen.“

Es ist schade, ich habe die Dame nie wiedergesehen, ich weiß nicht, wie es ausgegangen ist.

Natürlich gibt es auch die geparkte Ehefrau, die dauernd mit der immergleichen Story nervt. Eine erzählte mir mindestens ein Dutzend Mal davon, wie sehr sie ihrem besserwisserischen Ehemann geistig, sie legte Wert auf nur geistig, hörig gewesen sei. Am Ende sagte sie immer: „Woisch, wenn der Baadsi gsagt het, dass dr Schnee schwarz isch, dann war dr Schnee schwarz.“

Angeberei mit der Nachkommenschaft ist ebenfalls eine beliebte Tätigkeit, dieser Damen. Bei einer war der Sohnemann mindestens Direktionsassistent in NY, verschwörerisch fügte sie hinzu: „Lehman Brothers.“ Unvorstellbare Boni, ein unvorstellbares Appartement über dem Central Park, unvorstellbar volatile Freundinnen… Und dann verebbte der Nachrichtenstrom, man schrieb das Jahr 2008. Lehman Brothers war pleite.

Ich mache mich hier über diese Damen etwas lustig, aber sie haben es nicht verdient. Die meisten sind buchstäblich gefangen in ihrem goldenen Käfig, haben keine wirkliche Berufsausbildung und ihre Ehemänner fanden es sehr praktisch, wenn sie in Deutschland ihr Tätigwerden auf eruptives Shopping beschränkten. Auf den Balearen waren sie dann verloren, wussten nicht, was tun und waren ihrer sozialen Stellung „zu Hause“ entkleidet. Sie fielen in ein kohlpechschwarzes Loch.

Sicherlich war es auch nicht viel besser, wenn als „störend empfundene Frauen“ früher ins Kloster gesteckt wurden. Ich denke aber, dass der geregelte Tagesablauf bei allem Elend doch einen gewissen Halt gab. Ein schwacher Trost, ich weiß.

Die geparkten Ehefrauen auf den Balearen haben Sonne, Geld, Pool und Spaß, aber einen Halt haben sie nicht, und das merkt man ihnen meist an.

Theater, aber warum so?

Theater, aber warum so?

In letzter Zeit waren meine Frau und ich zwei Mal in Theater. Im Berliner Ensemble sahen wir „Die Räuber“ von einem gewissen Friedrich Schilller. Das Stück hatte mit dem, was wir von „unserem“ Schiller kennen, wenig zu tun. Offenbar hatte es jemand „auf heute“ umgeschrieben. Schillers Sprachkunst ging dabei verloren. Karl von Moor und seine Getreuen mutierten zu einer Mischung aus Gewerkschaftlern und DDR Widerständlern.

Nur die abgrundtiefe Bosheit des Franz von Moor, war noch zu spüren: Er saß zu Beginn im Rollstuhl und mimte, er habe Parkinson. Als man ihn bereits bedauerte, sprang er auf und war quietschlebendig. So wusste nun auch der Blödeste: Obacht, der Kerl ist mies! Später betrog er seinen Vater und obendrein seinen Bruder um dessen Erbe und öffnete den Hosenstall vor Amalia, die aber Karl liebt. Etwas später, als seine Bosheit ins schier Unermessliche gesteigert war, stand er plötzlich nackt auf der Bühne, er, sein Charakter und seine Ziele waren entblößt. Die Buben und Mädchen aus den zusehenden Schulklassen kicherten.

Später kam es zum Verrat eines der Mitglieder aus Karls Bande, daraufhin wurde der Bösewicht auch ausgezogen, um zu zeigen, dass er jetzt nicht mehr dazu gehört.

Der Vorhang fiel, es war Pause. Außer den Schulklassen, die über das Erlebte einen Besinnungsaufsatz würden schreiben mußten, überlegten alle, ob sie nicht besser gehen sollten? Nur ein gebildeter alter Herr in der Reihe vor uns rief: „Halt, Amalia muss doch noch umgebracht werden!“ Auch dies konnte uns nicht aufhalten, wir gingen.

Am vergangenen Wochenende sahen wir in Nürnberg „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch. Wer kennte nicht dieses Stück aus der neunten Klasse Deutschunterricht? Ein Stück, das mit der Zeit an Realitätsbezug nur noch zugenommen hat, ein Stück, das uns im Unterbewusstsein durchs Leben begleitet hat.

Der Regisseur hatte die Handlung auf die Latten des Dachbodens des Biedermännischen Dachbodens verlegt. Anna, das Dienstmädchen und die Eheleute Biedermann turnten auf den Latten herum, Frau Biedermann fiel sogar herunter und verletzte sich offenbar schmerzhaft. Die Arme humpelte fortan. Die Brandstifter Schmitz und Eisenring turnten nicht, dafür schrien sie. Alle anderen Rollen waren weggelassen, womöglich aus Gründen des Budgets.

Der Regisseur hat sich ganz offenbar alle Mühe gegeben, jede Erinnerung daran, wie wir uns das Stück als Schüler gedacht hatten, im Keim zu ersticken.

Wir sind aus beiden Theatervorführungen enttäuscht, sogar zornig herausgekommen. Schuld daran waren die Regisseure, die so dick ihre eigene Deutung des jeweiligen Werkes aufgetragen hatten, dass für eigene Interpretationen kein Raum mehr blieb.  „Ich sehe die Sache so, denk darüber nach, nicht aber darüber, was der Autor gemeint haben könnte.“

Das ist nicht nur anmaßend, es ist auch verschreckend. Der Regisseur soll nicht seine Deutungshoheit plakatieren, vielmehr soll er sie so nuanciert einsetzen, dass der Theaterbesucher Lust hat, sich eigene Gedanken zu machen, statt sich über die Gedanken des Regisseurs Gedanken machen zu müssen.

Im Nürnberger Fall kommt hinzu, dass ein verantwortungsvoller Regisseur seine Leut nicht auf 15 cm breiten Balken ein paar Meter über der Bühne balancieren lassen sollte. Er hat ja schließlich eine gewisse Sorgfaltspflicht. Diese hat er übrigens nicht nur in Bezug auf die ihm anvertrauten Schauspieler, sondern auch seinem Publikum gegenüber. Die Zuschauer zahlen, und das sollte man nicht vergessen, den Teil des Etats unserer Bühnen, der nicht vom Steuerzahler subventioniert wird.

 

Brexit macht traurig.

Bis vor zwei Jahren war Großbritannien ein blühendes Land mit überproportionalem Wachstum, stabiler Währung und handlungsfähiger Regierung.

Dann haben mit Cameron und May nun schon zwei Mal Premierminister Ihrer Majestät unverantwortlich und aus politischem Eigennutz in die Kloake gegriffen. Nie dagewesene Lügen von Politikern und von Teilen der Presse haben den Wähler dazu gebracht, so abzustimmen, dass das Land nun geschwächt, gespalten, lächerlich und richtungslos vor der Welt dasteht.

Und dann brennt auch noch ein Hochhaus ab und die Regierungschefin macht alles, um dieses Unglück zum Symbol ihrer mangelnden Empathie und der Lage des Landes werden zu lassen.

Der Brexit ist natürlich eine Scheidung, und bei diesen Vorgängen kommen nun wahrlich nicht die edelsten Eigenschaften der Menschen zum Vorschein. Das ist bei Scheidungen zwischen Menschen schon schlimm und folgenschwer genug. Bei Scheidungen zwischen Staaten, sind alle Beteiligten gut beraten, so freundlich und fair, wie nur irgend möglich, miteinander umzugehen.

Das Problem des schwächelnden vereinigten Königreichs ist ja das, dass dort, wo ein Staat eine Machtposition nichtmehr ausfüllen kann, ein anderer nachrückt. Wer das sein wird, weiß derzeit niemand.

Sicher ist nur, dass Großbritannien für Europa schon immer sehr wichtig war und dies natürlich weiterhin ist. Wir erinnern uns alle aus dem Geschichtsunterricht daran, dass es britische Politik über Jahrhunderte war, in Europa ausgleichend zu wirken. Ohne die Beharrlichkeit des britischen Volkes, das hierin Winston Churchill gefolgt ist, wäre der zweite Weltkrieg womöglich anders ausgegangen. Was dann passiert wäre, kann man sich gar nicht schrecklich genug vorstellen.

Die Scheidung von Großbritannien ist gerade für meine Generation so schmerzlich, weil unsere „Menschwerdung“ ohne GB und London sicherlich ganz anders verlaufen wäre. Wer von uns verdankt der Unbekümmertheit der Jugend Europas, die sich im Sommer auf dem Piccadilly Circus traf, nicht den entscheidenden Impuls zur eigenen Emanzipation? Was wären unsere jungen Jahre ohne die Beatles, ohne die Stones, ohne Rod Steward und ohne Jethro Tull? Zwar trugen wir Jeans, aber alles andere was wir anzogen, war in der Carnaby Street kreiert worden. Wer von uns hätte nicht die entscheidenden Impulse in den Theatern am Haymarket, Strand oder in Soho genossen? Schon allein deshalb, weil es in Deutschland damals überhaupt nichts Vergleichbares gab. Was dort geboten wurde, war nicht elitäre Hochkultur, sondern hohe Gebrauchskultur, pars pro toto: Andrew Lloyds Webber.

Nun erleben zu müssen, dass ein für Europa so wichtiger Partner nicht nur weggeht, sondern dabei auch noch taumelt, macht mich nicht nur betrübt, sondern in erster Linie besorgt.

Wo soll das hinführen, wenn das Unterhaus ein Tummelplatz verantwortungsloser Ehrgeizlinge wird?

Wo soll das hinführen, wenn im Wahlkampf eine Premierministerin den Gedanken auch nur zulässt, die Grundrechte einzuschränken?

Wo soll das hinführen, wenn in einer Demokratie die Lüge zum legitimen Mittel der Auseinandersetzung erhoben wird?

Wo soll das hinführen, wenn Politiker ihre Entscheidungen zuerst danach abklopfen, ob sie ihnen persönlich nutzen?

Heute sollen die Brexit Verhandlungen in Brüssel beginnen. Wie man hört, hat die EU Seite das vergangene Jahr dazu genutzt, sich vorzubereiten. Downing Street hat diese Zeit verplempert, so dass es am Ende sogar einleuchtend erschien, wenn die Regierungschefin meinte, keine Einigung sei besser als eine schlechte Einigung.

Winston Churchil, der sich gerade intensiv im Grabe umdreht, hat einmal das Folgende gesagt:

„Perhaps it is better to be irresponsible and right than resonsible and wrong.“

Heute würde er sagen: „Those fellows are irresonsible and wrong“.

Und Sir Winston hat noch etwas gesagt:

„We hope to see a Europe where men of every country will think of being a European as of belonging to their native land, and wherever they go in this wide domain will truly feel, „Here I am an home.“

Angesichts der Lage macht dieser Satz richtig traurig.

Religionsunterricht in Franken

Einmal in der Woche kam der Pfarrer in die Schule, die damals noch Volksschule hieß, und unterrichtete Religion. Er begann immer mit der Frage, wer am vergangenen Sonntag nicht in der Kirche gewesen war. Er wusste es ganz genau, aber er wollte das Schuldbekenntnis des Übeltäters. Irgendeiner meldete sich dann immer und wurde nach dem Grund gefragt.

„Meina Schuh warn ned gabudsd“ kam häufig. Aber auch „Die Omma war grang, und mich hat kanner mid könn ganemm.“ „Ja, geht denn von Euch niemand außer der Großmutter in die Kirche?“ donnerte der Pfarrer. Es war eine einzige Demütigung, die stets damit schloss, dass Hochwürden die rhetorische Frage stellte: „Ja glaubt ihr denn, wir sperren die Kirche auf, damit niemand kommt?“ Alle duckte sich in der Schulbank, denn wer ihm unangenehm auffiel, der bekam durchaus auch mal eine mit der Kante des Lineals auf die Hände. Er war der Einzige, der uns in der Schule schlug. Die Eltern sahen es ihm nach, weil sie selber ihre Kinder schlugen und weil der Pfarrer bis 1953 in russischer Gefangenschaft gesessen hatte. Als er nach Hause kam, gebar seine Frau noch ein Kind, das im Dorf nur „der Spätheimkehrer“ hieß.

Neben Chorälen mussten wir natürlich das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis ausserlawendich lernen. Im Credo hieß es damals noch „von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.“ Der Pfarrer fragte uns, woher denn der Herr Jesus kommen würde. Der Günder meldete sich und sagte, wie aus der Pistole geschossen: „Aus’n Wald.“ Wie er denn darauf käme, war die Rückfrage, worauf der Günder für alle verständlich nachschob: „No, vo die Dannen hald!“

Beliebt waren der Bedrus und der Baulus, zumal der Kurddi mit Nachnamen auch Baulus hieß. „Aber der Deufl, des is fei a Fregger, der versuchd immer unnern Herrn Jesus, des find ich für gemein“, stellte die Renaade fest.

Zu den Feindbildern gehörten selbstredend auch Herodes, Judas Ischariot und natürlich der Dunnerkeils Kaim. Der Kaims Walter war der Haarschneider im Dorf. Dass der Brudermörder in meiner Kinderbibel Kain hieß, hielt ich für einen Druckfehler.

Als wir die zehn Gebote ausserlawendich lernen mussten, kam es zu heißen Diskussionen, weil wir der Ansicht waren, das neunte und zehnte Gebot seien doch ziemlich ähnlich, man hätte das Haus auch mit Weib, Knecht, Magd, Rind und Esel in ein Gebot packen können. Aber da stellte der Siggi quasi ex cathedra fest: „Wie sichdn des aus? Neun Gebode! Un wenn in die Bibl sded, äses zehna sänn, nacher had unner Herrgodd hald nuch aans müss mach.“

Doggder Maddin Ludder spielte natürlich eine riesige Rolle. Vom Heiligen Geist konnte man ihn dadurch unterscheiden, das Ersterer als Lamm über dem Altar schwebte und Letzterer mit dem Tintenfass gegen den Deufl, den Fregger, geworfen hatte. Ansonsten nervte er, weil wir jetzt zu den Geboten auch noch die Ausleechung von Doggder Maddin Ludder auserlawndich lernen mussten.

Wirklich geblieben ist mir vom Reformator aus meiner Zeit in der Volksschule nur dieser Spruch:

Doggder Maddin Ludder ging mid seiner Frau

Auf die grüne… und dann musste man den Nächstbesten kneifen, der dann „au“ ächzte. Die das Spielchen schon kannten, versauten einem den Spaß, indem sie trotz Schmerzen „Wiese“ sagten.