Ein Richter, der logisch denkt

In den späten 80er Jahren kaufte ein evangelisches Diakoniewerk aus Norddeutschland in Santa Ponsa eine Immobilie, um dort eine Seniorenresidenz zu gründen. Es Castellot wurde mit der Zeit eine erste Adresse für deutschsprachige Senioren auf Mallorca, es war viel investiert worden, man lebte gut dort.

Nur der Makler, der das Geschäft eingefädelt hatte, ärgerte sich, denn die verkaufende Gesellschaft war kurz nach dem Geschäft pleite. Wo das Geld hingekommen war, wusste niemand so ganz genau, und der arme Mann bekam die ihm gebührende Vermittlungskommission nicht. Zunächst klagte er gegen die Konkursmasse, dann versuchte er, beim Diakoniewerk Geld zu bekommen. Beides scheiterte.

Am Ende klagte er auf Rückabwicklung des Kaufvertrages, dazu gab ihm das damalige vorsintflutliche spanische Konkursrecht eine Handhabe.

Unter dem Motto „Retten Sie Es Castellot“ wurde unsere Kanzlei mandatiert. Wir beschlossen, dass ich die Sache vor Gericht vertreten solle. Wir dachten, das sei ein deutsches Anliegen, das von einem Deutschen verteidigt werden müsse.

Da ich vom spanischen Prozessrecht keine Ahnung habe, wurde ich genauestens instruiert und hatte dann selbst noch die Idee, drei Bewohner des Heims zu suchen, die vom Trauma der Vertreibung berichten konnten.

Am Tag der Verhandlung musste ich mir einen Talar leihen, den die Anwaltskammer für solche Anlässe bereithält. Meine spanischen Kollegen sind in der Regel kleiner als ich, und so reichte mir das Gewand etwa bis zu den Kniekehlen, zudem roch es nach der Nervosität all derer, die den Talar vorher getragen hatten.

Nach langem hin und her, wurde meine erste Zeugin aufgerufen. Frau Luchnow war mein Star. Sie war als Kind vor den Russen aus dem Baltikum geflohen, als junge Frau wieder vor den Russen aus Schlesien und einige Jahre später vor den Kommunisten in der DDR. Sie erzählte dem Gericht sehr plastisch und überzeugend von ihrem Schicksal und endete damit, dass sie nun Angst habe, zum vierten Mal vertrieben zu werden. Sie habe Albträume und könne nicht mehr schlafen. Der Richter war beeindruckt, lehnte aber die Anhörung weiterer Zeugen ab, er habe sich ein Bild vom Schicksal und den Ängsten der Menschen gemacht, sagte er.

Dann war ich mit meinem Plädoyer an der Reihe. Ich hatte es auswendig gelernt. Es war eine flammende Rede gegen das obsolete spanische Konkursrecht, das es als solches gar nicht gab, vielmehr musste man es sich aus verschiedensten Gesetzestexten zusammenklauben. „Hohes Gericht, wollen Sie diese Menschen ins Ungewisse stürzen, nur weil Spanien bis heute ein Konkursrecht hat, das zum Teil aus einer Zeit stammt, als in Deutschland die erste Dampfeisenbahn eingeweiht wurde?“ Der Richter hob die rechte Augenbraue und ich dachte, nun hätte ich die Sache vergeigt Dennoch fuhr ich fort mit meiner Philippika und wies darauf hin, dass Brüssel schon längst ein neues Konkursrecht für Spanien angemahnt habe und dass das geltende wahrscheinlich nicht verfassungskonform sei, und was das Gericht eigentlich mit den etwa 40 Bewohnern machen wolle, die womöglich bald auf der Straße sitzen würden? Ich vergaß auch nicht zu erwähnen, dass das Anwesen heute erheblich mehr wert sei, als zum Zeitpunkt, als der Anspruch des Maklers gegen die verkaufende Gesellschaft entstanden sei.

Erschöpft ließ ich mich in meinen Stuhl fallen. Der Richter erklärte die Sitzung für beendet und kündigte ein Urteil in wenigen Woche an.

Wir haben den Prozess gewonnen und dennoch empfand ich das Urteil als meine größte Niederlage. Es lautete wie folgt:

„Der Kläger verlangt Rückabwicklung des Kaufvertrages, weil er sein Geld als Makler nicht bekommen hat. Würde rückabgewickelt, gäbe es keinen Verkaufsvorgang mehr. Ohne Verkauf aber bekommt der Makler kein Honorar. Daher ist die Klage abzuweisen.“

Das war klar und logisch. Ich ärgere mich bis heute, dass ich nicht selbst auf diese so einfache Lösung gekommen bin.

 

 

 

 

 

 

Der darf gar nicht lügen!

Ganz viele Urlauber wissen nicht, dass sie beim Eintreffen auf den Balearischen Flughäfen durch eine Tür gehen, in die ein geheimer Sender eingebaut ist, der für die Zeit des Aufenthaltes auf den Inseln die normale Gehirnfunktion auf ein Minimum reduziert, hingegen, und dies besonders auf Ibiza, die Sexualfunktionen stimuliert.

Immer wieder hatte ich es als Anwalt nicht etwa mit der Zigarette danach, wohl aber mit dem Vertrag danach zu tun.

Da wurde Geld verliehen, bei der Bank gebürgt und Geschäftslokale angemietet, von denen sich später herausstellte, dass es keine solchen waren, und deshalb die teuer eingerichtete Bierbar keine Betriebserlaubnis bekommen konnte.

Einmal führte das sogar zu einem Prozess: Herr Müller kam in die Kanzlei und fragte, ob wir auch Aussichtsloses übernähmen?

Es handelte sich tatsächlich um einen aussichtlosen Fall, denn Herr Müller hatte vor Jahren einer jungen Dame, die in Playa de Palma ein kleines Hotel aufgemacht hatte, den Betrag von 100.000 DM geliehen.

„Kaum hab‘ ich ihr den Zaster gegeben, schon wollte sie nichts mehr von mir wissen, das Biest.“

Immerhin hatte Herr Müller einen kleinen Zettel, auf dem mit Kugelschreiber geschrieben stand: „Hiermit erkläre ich, dass mir Gerhard Müller 100.000 DM geliehen hat.“ Es folgte die leserliche Unterschrift: „Octavia Schneider“.

Mit Herrn Müller hatte ich abgemacht, dass wir kein Vorabhonorar nehmen, sondern 50% dessen bekämen, was wir bei der Frau, wie auch immer, lockermachen konnten.

Zunächst fuhr ich an die Playa de Playa de Palma. Dort fand ich schnell das kleine Hotel „Mon Bijou“. Am Empfang stand eine durchaus ansehnliche Dame. Da ich sie für die Eigentümerin hielt, machte ich einen taktischen Fehler:
„Ich komme im Auftrag von Herrn Müller, der Ihnen Geld geliehen hat, Sie sind doch Frau Schneider?“

Es blitzte in ihren Augen, sie sei nicht Frau Schneider und der Gerhard, das reiche Arschloch, könne sie mal. Dann rief sie nach hinten: „Klaus kommst du mal?“ Sie deutete auf mich und sagte: “Klaus, der Herr will gerade gehen.“ Eher unsanft wurde ich auf die Straße gedrängelt, wo mir Klaus auf die Schulter schlug und mir zum Abschied mitgab:

„Die Octavia braucht nämlich keine Probleme.“

Immerhin, so war die Identität wenigstens geklärt.

Wir mussten die Dame verklagen. Der kleinen Zettel war natürlich eine eher schlechte Basis. Das Gericht ging auf unseren Antrag ein und ließ ein großangelegtes graphologisches Gutachten erstellen.

Die extra aus Barcelona eingeflogene Graphologin bestätigte die Echtheit der Unterschrift, dann aber meldete sich der Anwalt des Beklagten zu Wort und behauptete, seine Mandantin kenne Herrn Müller überhaupt nicht, die Graphologin irre sich, denn wen man nicht kennt, dem unterschreibt man auch keinen Schuldschein.

Nun wurde ich als Zeige aufgerufen, und Toni, mein Kanzleipartner fragte mich, was ich zum Verhältnis des Klägers zur Beklagten sagen könne?

Nun, so sagte ich aus, das Licht hätte ich nicht gehalten, aber sie seien wohl ein Paar gewesen. Dafür erhielt ich vom Richter eine Rüge.

Nun wollte Toni wissen, was ich denn noch zu beider Verhältnis anmerken könne? Diesmal entschuldigte ich mich beim Richter im Voraus:

„Hohes Gericht, wenn eine Dame sagt, <Gerhard, das reiche Arschloch kann mich mal>, dann bedeute dies immerhin, dass man sich kennt.“

Bevor der Richter die beiden Anwälte um ihr Plädoyer bat, huschte ein feines, ja wissendes Lächeln über seine Lippen.

Der Gegenanwalt beharrte darauf, dass die Prozessparteien sich nicht kannten, und meine Aussage sei ja offensichtlich aus den Fingern gesogen. Dann kam Toni dran, der sich sehr kurz hielt:

„Hohes Gericht, das graphologische Gutachten ist eindeutig und der Zeuge Rotenhan ist ein Lutheraner aus Süddeutschland. Die dürfen gar nicht lügen.“

Wir haben den Prozess gewonnen. Toni und ich haben uns 50.000 DM geteilt, die Herr Müller hocherfreut auszahlte.

Ihr könnt unsere Hurensöhne werden

Ihr könnt unsere Hurensöhne werden

Als auf dem amerikanischen Kontinent außer in den USA und Kanada sich fast ausschließlich Diktatoren tummelten, war das Credo der US-Außenpolitik einfach: „He is a son of a bitch, but he is our son of a bitch!“

Handels-, Sicherheits- und Machtpolitik waren wichtig. Einen Gedanken daran zu verschwenden, was die Hurensöhne mit ihrem Volk anstellten, wäre da nur hinderlich gewesen.

Viel belächelt war Jimmy Carter der erste US-Präsident, dem es wichtig war, dass diejenigen mit denen er sprach, wenn sie schon die Menschenrechte nicht achteten, so doch wenigstens ein paar unangenehme Minuten lang erdulden mussten, wie er ihnen die Leviten las.

Seither gehört es zum Pflichtprogramm demokratischer Politiker, dass sie beim Besuch ihrer nicht ganz so demokratischen Kollegen auf die Einhaltung der Menschenrechte drängen. Viel hilft es nicht, aber steter Tropfen höhlt den Stein, auch dann, wenn man oft den Eindruck hat, die Bundeskanzlerin mahne den Diktator XY nur deshalb, weil es zu Hause gut ankommt.

Es ist den USA zu verdanken, dass die Wahrung der Menschenrechte nach 1945 in Europa in die Verfassungen geschrieben wurde, und dass in der UNO darauf geachtet wurde, dass die Mitglieder wenigstes die Charta dieser Rechte unterschrieben.

Die Generation meines Vaters hat noch belächelt, dass die Sieger, und allen voran die USA, mit ihrem „way of life“ hausieren gingen. „Das wird nicht klappen, es gibt eben Gesellschaften, die funktionieren nicht in Freiheit. Warum sollen wir die missionieren?“ Gleichzeitig wurde massiv gespendet für die Missionierung Neu-Guineas etc.

Ich bin sicher, dass es nie gelingen wird, dass überall auf der Welt die Menschenrechte geachtet werden. Dennoch muss es unser Anspruch bleiben, daran zu arbeiten. „The pursuit of happiness“ wird in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung beschworen. Wie aber kann man glücklich sein in einem Land, in dem gefoltert wird, wo es keine freie Presse gibt, wo Gewerkschaften verboten sind, wo sich Wenige auf Kosten der Vielen bereichern, wo Bürgerkrieg herrscht?

Nun hat der 45. Präsident in seiner viel beachteten Rede in Riad vor fünfzig Potentaten aus der Region gesagt, er sei nicht gekommen, um ihnen zu erklären, wie sie leben sollten. Allgemein wurde das so verstanden, dass er seinen Geschäftspartnern nicht weiter mit den Menschenrechten auf die Nerven gehen wolle.

Man fragt sich unwillkürlich, was der Präsident von den Menschenrechten im Inland hält, wenn er den Anspruch auf sie im Ausland fallen lässt?

„Immerhin dient es dem Geschäft“ atmen die Bosse auf.

Der Verdacht breitet sich immer mehr aus, dass der 45. Präsident gar keine Politik macht. Es geht ihm nur ums Geschäft. Er ruft den Potentaten dieser Welt zu: „Ihr könnt unsere Hurensöhne werden! Lasst Euch nicht weiter von den europäischen Prinzipienreitern ärgern! Buy american, we do not care a dime about human rights, we just care about dimes!“

Das widerspricht allem, wofür die USA seit über 200 Jahren stehen. Das widerspricht allem, wofür sich die Gründerväter eingesetzt haben. Das ist zutiefst unamerikanisch.

 

The Right to Vote as an Achievement

The Right to Vote as an Achievement

After the democracies of classical antiquity in Greece and Rome, it took a long time until people were once again convinced that ancestry provides no guarantee for brains or leadership qualities. Especially Europe was repeatedly forced to put up with nutty, half-demented, mentally ill, and just plain stupid rulers. Sometimes the subjects didn’t even notice, sometimes they paid for it with their lives. The outbreak of World War I speaks volumes in this respect.

Afterwards, the European peoples agreed that if you have kings at all, they shouldn’t really have any say. They were given the post of moral authority, which, it has to be said, most of them fill quite professionally.

Following the example of the U.S., the old continent also began to elect those governing, and that on the whole went well, with one disastrous exception: Adolf Hitler. He came to power through democratic elections, but then he paid no attention to the separation of powers, rule of law, decency and morality. He found a parliament that just watched passively and, worse, empowered him to ignore it.

The consequence was World War II. Afterwards, the peoples were more convinced than ever that they should choose those who would govern, and supervise and check them. A fourth estate, initially viewed with suspicion, joined the executive, legislative, and judiciary branches. That was the free press that controlled all the branches of government. Since then, it has often enough proven that the other three don’t exert mutual control – the checks and balances – as effectively as it had been hoped.

That we elect our politicians, that nobody can assume an office of power without democratic legitimation, is an achievement that that required long struggles.

Now for more than 100 days we have a man in the White House who has managed to flout all democratic rules and customs.

How is that possible?

Recently I read an interesting interview, where a British political scientist said that for more than a hundred years, Bernie Sanders was the first American politician who tried to become President of the United States without attempting to buy his way into office.

The man was right. The many millions of campaign donations for the highest office in the land demonstrate one thing: the voting “little man” is, at best, regarded as a source of votes whose needs and interests are of little concern.

Is that worthy of a democracy?

I increasingly think we should stop regarding the U.S. as a democracy anymore. At the moment, not event the checks and balances work, which are supposed to guarantee the functioning of a democracy between elections.

The Americans see their country as the “land of the free.” One keeps hearing: “We can do what ever we want here.”

But who wants to encounter a policeman on a dark street over there? Who wants to be under suspicion of having committed a crime? Who wants to subject himself to arbitrary restrictions on entering the country? Who wants to live in a country where there are repeated and increasingly violent race conflicts? Who wants to lose his life in Iraq because the government lied to the UN Security Council?

From a European perspective, it appears that the mechanisms that keep a democracy alive and alert don’t work anymore in the U.S.

I’m writing from a European perspective, and I certainly wouldn’t say that all is well and good over here either.

But we must stay alert! Many citizens over here don’t appreciate anymore that elections are an accomplishment for which people fought and struggled long and hard. In several European countries, we have recently experienced that elections can have unexpected, close or indeed rather worrying results.

The people are the sovereign. But the sovereign is the entire people. Those who don’t vote, or who follow a pied piper, have surrendered their sovereignty.

That’s what people in the U.S. are now learning the hard way.

 

Die Dreifaltigkeit der Rentweinsdorfer Kerwa

Die Rentweinsdorfer Kirchweih war schon immer etwas Besonderes, schon allein deshalb, weil sie bereits am Donnerstag, dem Himmelfahrtstag, beginnt. Früher stand gegenüber vom Pfarrhaus das Kettenkarussell, links vom Kriegerdenkmal gab es eine Wurfbude und rechts davon bewiesen die Halbstarken an der Schießbude, wie toll sie waren.

Dann kam das Karussell, auf dem eine Trambahn, ein Traktor, ein Feuerwehrauto später ein Düsenjäger Runden drehten. Dahinter hatten der Kaufmann Müller und sein Kollege, der Götzen-Schmidt, ihre Buden aufgestellt, wo es vom Eis bis zu Tröten alles gab.

Schon rechts von der ehemaligen gepflasterten Regenrinne stand die Losbude. Der Erlös, ging an den Kindergarten. Irgendwo dazwischen hatten der Herold und der Biggo ihre Bratwurststände aufgebaut, die den ganzen Festplatz in eine einzigartige Duftwolke hüllten. Später ersetzte beide der Rango.

Für uns Buben begann die Kerwa schon einige Tage vorher, weil wir beim Aufbau des Karussells helfen durften. Auf dem etwas abschüssigen Planplatz war es gar nicht so einfach, die Lauffläche für Trambahn und Konsorten waagerecht hinzubekommen. Mit Unterlegeplättchen und Wasserwaage schafften wir das schließlich, hatten dabei nicht nur etwas gelernt, sondern auch noch ein paar Freifahrten verdient. Eine Fahrt kostete 20 Pfennig, sechs, eine Mark. Heute würde man das Marketing nennen, damals stürzte mich diese Preisgestaltung in unendliche mathematische Grübeleien.

Kettenkarussell bin ich nur einmal gefahren… Aber die Schießbude hatte es mir angetan obwohl ich kaum über den Tresen schauen konnte. Karussellfahren liebte ich und stellte bei jeder neuen Kerwa fest, dass ich dafür eigentlich schon zu groß und zu erwachsen war. Von unseren Eltern bekamen wir eine Mark, von unserem Großvater noch mal fünfzig Pfennig drauf. Das war damals schon nicht viel. Wenn ich kein Geld mehr hatte, munterte mich die Schmidts Kalina so auf: „Ach Goodla, geh hald ham zu dein Vadder, der soll a Echn ausn Wald hol, nacher hadder wieder a Geld“. So habe ich anlässlich der Kerwa auch gelernt, wie das mit dem Geldverdienen geht.

Eine besondere Anziehungskraft hatte die Losbude. Hauptgewinn war ein Fresseimer. Der war bis oben hin mit Bombom, Lutscher, Schogglaad, Blädsla, Eichetti Eiskonfekt und Brausepulver aufgefüllt. Störend war nur die Flasche Waldmeistersekt. Diesen Fresseimer zu gewinnen, ist mir einmal gelungen. Ich dachte damals, schöner kann es jetzt im Leben nimmer kommen.

Zur Bratwurst wurden wir vom Vater eingeladen, Manchmal gab es sogar „a dobblda Eigazwiggda“. Viel später habe ich dann gelernt, dass die Kunst es Bratwurstessens darin liegt, nur die Wurst zu vertilgen und dann das Brödla neu bestücken zu lassen. Meine aus der Schweiz stammende Frau hat das System sofort begriffen und eine Vorliebe für die Rentweinsdorfer Bratwurst entwickelt. Als ich sie das erste Mal mit auf die Kerwa brachte, hat sie an einem Tag 18 Stück verdrückt.

Die Kirchweih soll ja an die Weihe unserer Kirche erinnern. Das war ein schwieriges Thema, denn was eine Dreifaltigkeit ist, wussten wir nicht. Meine „Sunndichshosen“ hatte an jedem Bein vorn und hinten eine Falte, wozu braucht man drei? Und dann mussten wir auch noch in die Kirche gehen! Das mussten wir an anderen Sonntagen auch, aber besonders am Kirchweihsonntag war das quälend. Während Pfarrer Laacke predigte, kreisten aller Gedanken nur um Bradwörschd, Seidla, Schiessbude und den Fresseimer.

Und dann kam der Dienstag. Über Nacht war alles abgebaut worden. Wir Buben suchten den Planplatz nach verlorenen Münzen ab und wurden auch immer fündig.

„Aber was mechsd mid an Märgla, wennst damit nimmer sechs mol Karussell fahrn kast?“

 

Der Erotiker, Bonzo und die Geier

Die Urbanisation „El Paraiso“ liegt etwas landeinwärts hinter Sa Rápita. Im Sommer hatten wir manchmal ein Häuschen gemietet und fanden es herrlich. Dort lernten wir Pedro kennen, der eine Funktion hatte, nur niemand wusste genau welche. Unter anderem musste er allabendlich ein paar Handvoll Chlor in den Pool werfen. Er hatte immer eine Kappe oder einen Hut auf, ich glaube er duschte sich auch mit Kopfbedeckung. Pedro lebte mit Ingrid zusammen in einem der Urbanisation gehörenden Häuschen. Offenbar musste er wegen seiner Hausmeisterdienste keine Miete zahlen. Pedro sprach kein Deutsch und Ingrids Spanisch befand sich auf dem „buenos días, amigo – Niveau“.

Pedro gab zu, ihre Verbindung sei tatsächlich sehr speziell. Wahrscheinlich verband sie, dass sie beide fast keine Einkünfte hatten und sehen mussten, wie sie rumkamen. Ingrid, eine herbe Norddeutsche, hatte etwas Damenhaftes, und fungierte aus Seelenberaterin der vielen ständig dort lebenden Frauen sowie all der Urlauberinnen. Ihre Terrasse war stets besetzt mit weinenden oder sonst verzweifelten Frauen, die bei viel mitgebrachtem spanischem Sekt ihre Nöte besprachen. Einmal hörte ich aus der Ferne Ingrids Vortrag darüber, was halt so passiert, wenn man einen Erotiker heiratet. Wie das tröstend gewirkt haben soll, habe ich bis heute nicht verstanden.

Pedro und sie hatten einen gemeinsamen Hund, Bonzo, ein an sich uninteressanter Köter, aber er war den beiden treu, und deshalb liebten sie ihn beide in scharfer Konkurrenz. Wehe er neigte seine Zuneigung ihm mehr zu als ihr!

Eines Tages war Bonzo verschwunden. Ingrid lief durch die Urbanisation und ließ jeden wissen, ihr Liebling sei entführt worden. Es war schwierig, sie davon zu überzeugen, dass niemand in seinen schlimmsten Fieberphantasien je auf die Idee verfallen könnte, die Töle zu entführen. Man wollte ihre geschundene Seele ja nicht noch mehr verletzen. Pedro sah die Sache spanisch-pragmatisch und führte Bonzos Verschwinden auf dessen Sexualtrieb zurück. Das fand Ingrid einerseits empörend, anderseits zeige es mal wieder, wie herzlos Pedro doch sei.

Ingrid ging wegen des entführten Hundes allen so sehr auf die Nerven, dass es ihr tatsächlich gelang, für den Nachmittag eine Suchaktion einzuberufen. Um den Strohhut hatte sie ein lila Seidentuch gewunden und so präsidierte und kommandierte sie die den Suchtrupp.

Es war sengend heiß. Wir durchkämmten das Unterholz, Dornen und Mücken pieksten, wir riefen nach Bonzo und schauten hinter jeden Strauch – nichts. Irgendwann wurde mir die Sache zu blöd und ich gab lauthals die Parole aus, wir sollten nicht auf den Boden schauen sondern in die Luft. „Wo die Geier kreisen, dort finden wir Bonzo.“ Nun hatte Ingrid schon zwei herzlose Kerle um sich! Aber wir fanden weder Bonzo noch kreisende Geier und kehrten, von den Strapazen ermattet, unverrichteter Dinge in die Urbanisation zurück. Der ausgebliebene Erfolg hinderte uns allerdings nicht, bis in die tiefe Nacht zu feiern, was Ingrid erneut herzlos fand.

Zwei Tage später erschien Bonzo wieder auf der Bildfläche. „Totalmente desbramado“ sagte Pedro. Vollkommen abgebrunftet.

Jeder Mensch hat ganz besondere und nur ihm eigene Fähigkeiten. Ich habe die, mich unbeliebt zu machen. Das gelang mir erneut, als Ingrids Damenkränzchen sich einige Tage später wieder bei mehreren Flaschen Cava über die Männer und deren Untreue ausließ. Bonzo lag zu Ingrids Füßen. Als ich vorbeiging, deutete ich auf den Hund und sagte: „Na, da haben wir ja noch einen Erotiker.“

Radio Popular

Als ich 1978 nach Ibiza zog, wohnte ich zunächst traumhaft schön in einem Häuschen etwa einhundert Meter vom Leuchtturm Botafoc entfernt. Die Altstadt, der Hafen und die Sonnenuntergänge hinter dem Flugplatz waren in diesem Winter mein tägliches Brot. Aber es war einsam da draußen, besonders dann, wenn es am Nachmittag schon früh dunkel wurde. In meiner Langweile hörte ich das deutschsprachige Programm von Radio Popular de Ibiza. Moderator war Wolfgang. Eines Abends stellte er eine Quizfrage. Wer als erster mit der richtigen Antwort anriefe, dürfe mal mitmoderieren.

Telefone waren damals noch Mangelware, aber ich kannte eine Telefonzelle in der Bucht von Talamanca, schwang mich ins Auto und siehe da, ich war der erste, der anrief und die Antwort war auch noch richtig. Am nächsten Tag kam ich ins Studio, damals noch neben der Kirche von Santa Cruz und quasselte ins Mikro. Offenbar machte ich das so gut, dass Wolfgang mir anbot, Partner zu werden. So wurde ich über lange Jahre hin Radiosprecher. Verdient habe ich damit keinen roten Maravedi, aber es hat Spaß gemacht. Zu meinem Erstaunen, war ich plötzlich eine lokale Berühmtheit. Das merkte ich daran, dass man mir in den Bars Bierchen ausgab.

„Hier ist Pitiusas Internacional, das deutschsprachige Programm für Ibiza und Formentera“. So fing es jeden Abend an.

Wolfgang verdiente mit der Sendung auch nicht gerade viel, er schrieb nebenher Lore Romane und, das durfte ich aber eigentlich nicht wissen, auch Pornos. Er sagte einmal, ein Groschenroman und ein Porno folgten grundsätzlich den selben Schnittmustern, man müsse nur Förster, Sennerin und Sternenhimmel ersetzen durch, naja, das würde jetzt vielleicht zu weit führen.

Die Texte der eingespielten Werbung mussten wir selbst sprechen. Besonders stolz war ich auf meinen Spot für den Optiker in Ibiza: „Wenn Ihre Augen zu schlecht sind, lassen Sie sich hinführen. Der Weg zu Optiker Doctor Marí lohnt immer!“

Wir sollten in erster Linie Musik senden, reden durften wir nur wenig, um nicht die spanischsprechende Hörerschaft zu vergraulen. Da ich aber eigene Platten abspielte, von Fats Domino über Georg Kreisler bis zu Play Bach, hatten wir auch viele spanische Hörer, denen die Normaldudelei des Senders etwas zum Hals raushing.

Eines Abends fand ich im Plattenschrank des Senders eine LP mit dem Titel „Franco, ese hombre“. Die war noch nicht entsorgt worden. Ich machte mich meinen spanischen Kollegen gegenüber darüber lustig. Die schauten mich von oben bis unten an, und dann sagte Juan, der Tontechniker: „Du musst reden, mit Deinem dunkelblauen Hemd.“ Ich war damals ziemlich schimmerlos, was das Innenleben der Franco-Diktatur anging. Noch am gleichen Abend habe ich das dunkelblaue Hemd, auf dem offenbar nur noch das Rutenbündel fehlte, um authentisch zu sein, entsorgt.

Wir waren natürlich vollkommen unprofessionell. Ständig verhaspelten wir uns beim Vorlesen der Nachrichten, die wir zuvor bei der Deutschen Welle abgekupfert hatten. Den Wetterbericht sogen wir uns aus den Fingerspitzen, für Segler bekamen wir allerdings Windvorhersagen vom Flughafen.

Die Sendung diente auch als Buschtrommel, Telefone gab es ja fast keine: „Nachricht für Eva von Can Simó. Erich kommt heut etwas später, bringt aber zwei Freunde zum Essen mit“. Oder: „Der Friedhofs Klaus soll mal seine Mutter in Düsseldorf anrufen. Sein Vater liegt im Krankenhaus.“

Einmal hörte Juan im Haus seiner Mutter die Sendung, als ich alleine moderierte. Die alte Dame merkte nur, dass da ausländisch geredet wurde und zischte: „Quita este moro!“ Mach diesen Araber weg. Ibiza lag eben auch im Sendebereich des algerischen Rundfunks. Jemanden „moro“ zu nennen, war damals eine schlimme, wenn auch gebräuchliche Beleidigung. Ich jedenfalls hatte meinen Spitznamen im Sender weg!

Die wahl als Errungenschaft

Es hat nach den klassischen Demokratien in Athen und Rom lange gedauert, bis sich wieder die Überzeugung breitmachte, dass Abstammung kein Garant für Grips oder Führungsfähigkeiten ist. Besonders Europa musste immer wieder depperte, halbdemente, psychisch kranke und brunsbieslblöde Herrscher über sich ergehen lassen. Manchmal bemerkte das der Untertan gar nicht, manchmal bezahlt er es mit dem eigenen Leben. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges ist ein beredtes Beispiel dafür.

Danach waren sich Europas Völker einig, dass wenn man schon Könige hat, dann sollen die bittschön nicht mitreden dürfen. Sie werden auf den Posten einer moralischen Instanz verschoben, den, so muss man sagen, die meisten von ihnen auch professionell ausfüllen.

Man begann dem Beispiel aus den USA folgend auch auf dem alten Kontinent die Regierenden zu wählen, und das ging auch immer gut, bis auf eine verheerende Ausnahme: Adolf Hitler. Der kam auf demokratische Weise an die Macht, dann aber kümmerte er sich nicht mehr um Gewaltenteilung, um Rechtsstaat, um Anstand und Moral. Er fand sogar ein Parlament, das zuschaute und ihn ermächtigte, das Parlament zu missachten.

Die Konsequenz war der 2. Weltkrieg. Danach war es umso mehr die Überzeugung der Völker, diejenigen, die sie regieren sollten, selbst auszuwählen und zu beaufsichtigen. Eine zunächst mit Scheelaugen betrachtete vierte Macht kam zur Exekutive, zur Legislative und zur Judikative hinzu. Es war die freie Presse, die alle drei überwachte. Oft genug hat sie seither bewiesen, dass die drei klassischen Mächte sich eben doch nicht so effektiv gegenseitig kontrollieren, wie wir dies alle wünschen.

Dass wir unsere Politiker wählen, dass keiner ein Amt ohne demokratische Legitimation ausüben kann, das ist eine lang erkämpfte Errungenschaft.

Nun haben wir seit gut 100 Tagen einen Mann im Weißen Haus sitzen, dem es in derart kurzer Zeit gelungen ist, sich über alle demokratischen Regeln hinwegzusetzen.

Wie geht das denn?

Ich habe neulich ein interessantes Interview gelesen, in dem ein britischer Politologe sagt, dass seit gut 100 Jahren Bernie Sanders der erste US Politiker sei, der versucht habe, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, ohne sich diesen Posten durch Geld zu erkaufen.

Der Mann hat Recht. Die Abermillionen an Wahlspenden für die Bewerber um das höchste Amt in Washington DC sagen zumindest eines aus: Der wählende „kleine Mann“ ist, wenn es hoch kommt, Stimmvieh.

Ist das einer Demokratie würdig?

Ich glaube immer mehr, dass wir uns abgewöhnen sollten, in den USA noch eine Demokratie zu sehen. Zurzeit klappen ja nicht einmal mehr die „checks and balances“, die zwischen den Wahlen das Funktionieren einer Demokratie sicherstellen sollen.

Die US-Amerikaner betrachten ihre Heimat als „the land of the free“. Das hört man immer wieder: „Wir können hier machen, was wir wollen“.

Aber wer will dort schon abends auf dunkler Straße einem Polizisten begegnen? Wer will dort schon in den Verdacht geraten, eine Straftat begangen zu haben? Wer will sich schon willkürlichen Einreisebeschränkungen ausgesetzt sehen? Wer will schon in einem Land leben, wo es immer wieder zu gewalttätigen Rassenkonflikten kommt? Wer will schon wegen einer Lüge, die dem UN Sicherheitsrat aufgetischt wurde, im Irak sein Leben lassen?

Irgendwie scheint es aus europäischer Sicht so zu sein, dass die Mechanismen, die eine Demokratie wach und am Leben erhalten, in den USA nicht mehr richtig funktionieren.

Ich schreibe aus europäischer Sicht und erhebe beileibe nicht den Anspruch, hier sei alles Gold und eitel Sonnenschein.

Auch wir müssen aufpassen! Dass die Wahl eine hehre Errungenschaft ist, wissen viele Mitbürger schon nicht mehr. In mehreren europäischen Staaten haben wir erst kürzlich erlebt, dass Wahlen unvorhergesehen, knapp oder besorgniserregend ausgehen können.

Das Volk ist der Souverän. Aber der Souverän ist das ganze Volk. Wer nicht zur Wahl geht, oder wer Rattenfängern auf den Leim geht, der hat sich als Souverän abgemeldet.

Das erleben die Menschen in den USA gerade am eigenen Leib.

Ein Schweizer ist immer bewaffnet

Hans Ruedi konnte sich in der Schweiz nicht mehr blicken lassen und deshalb hat er mit seinem Boot erstmal die Welt umsegelt. An Bord hatte er eine Pistole. Irgendwann machte er in Hafen von Ibiza fest und kaufte sich mit dem ergaunerten Geld eine Finca.

Geld hatte er, Haare auf dem Kopf auch wieder, aber er hatte keine Freundin. Eine solche zu finden war schwer, denn er sprach nur Schwyzerdütsch und die Dame musste mindestens zwanzig Jahre jünger sein. Hans Ruedi war schon über fünfzig. Das durfte aber niemand wissen.

Irgendwann lief im das Vreneli über wen Weg, eine junge Witwe aus Schaffhausen. Es war die große Liebe, zumal Veronica frei in die Schweiz einreisen konnte. Sie versorgte ihren Hans Ruedi mit Sankt Galler Würsten, Fondue Mischungen und Dörrbohnen. Er war glücklich. Bis sich herausstellte, dass das Vreneli Alkoholikerin war. Das ging dem Hans Ruedi ganz schrecklich auf die Nerven und eines Abends warf er sie aus er Finca. Immerhin war er so fair, ihr ein paar hundert Schweizerfranken mitzugeben, damit sie sich ein Ticket nach Hause kaufen könne.

Zunächst klaute sie die Pistole vom Boot und dann versoff sie das Geld. Zwei Tage später stand sie wieder vor der Finca und machte Rabatz. Damit der Nachbar nichts merke, ließ er sie wieder rein. Es kam zu einer schrecklichen Auseinandersetzung und am nächsten Morgen fuhr Hans Ruedi die Dame eigenhändig zum Flughafen und kaufte ihr das Ticktet nach Zürich. Als er ihr das Billett aushändigen wollte, zückte sie die Pistole und bedrohte ihn. Hans Ruedi schlug ihr beherzt das Ding aus der Hand und dann ins Gesicht. Das Schießeisen rutschte in kreisenden Bewegungen durch die Flughafenhalle und blieb just zu Füssen eines Polizisten liegen.

Beide wurden festgenommen und am Tag darauf dem Richter vorgeführt, Das war ein älterer Herr, ganz alte Schule. Er behandelte der Veronica mit großer Höflichkeit, ja Väterlichkeit. Es sah schlecht aus für Hans Ruedi. Er hatte ausgesagt, dass die Pistole sein sei, aber die Vreni habe sie vom Boot geklaut. Was er nicht ahnte war, dass er sich damit selbst des unerlaubten Waffenbesitzes beschuldigt hatte, denn er hatte die Pistole nirgendwo gemeldet. Darüber hinaus hatte er eine Frau in der Öffentlichkeit geschlagen.

Pino, der Gerichtsdolmetscher übersetzte vom Schwyzerdütsch ins Spanische. Die Witwe V. klagte, wie schlecht der Hans Ruedi sie behandelt habe, wie sich nur mehr mit der Pistole seiner Gewalttätigkeit erwehren konnte, wie schlecht das Leben es mit ihr meine.

Hans Ruedi hörte sich alles mit zunehmender Sorge und mit aufsteigendem Zorn an. Dann quoll es plötzlich aus ihm heraus:

„Abr sie hett mr doch geschtert ins Bett gschisse“. Pino übersetze: „Ayer ella ha satisfecho sus necesidades físicas en la cama de este Señor.“

Das änderte abrupt die Haltung des Richters. Alle Väterliche war von ihm gewichen, er sah im armen Vreneli nur noch die Megäre, die auf Kosten der Männer lebt und hatte vollstes Verständnis für das zugegebenermaßen unübliche Verhalten des Hans Ruedi.

Er verfügte die sofortige Ausweisung Veronicas. Hans Ruedi kam mit einer milden Geldstrafe davon, zumal er argumentierte, ein Schweizer habe immer eine Schusswaffe bei sich zu Hause.

 

 

Lord Lichfield

Er war der Vetter der Queen, ein weltberühmter Photograph und darüber hinaus liebte er das Leben. Letzterem Zeitvertreib ging er im Sommer 1984 auf Ibiza nach, wo er auf der Fahrt nach Hause tief in der Nacht einen Unfall baute. Da Personen dabei zu Schaden kamen, der Herr kein Spanisch sprach und darüber hinaus nach Alkohol stank, setzte ihn die Guardia Civil ersteinmal fest. Die „calabozos“, die Zellen, in denen die Polizei Betrunkene, Vergewaltiger, Hühnerdiebe und Zechpreller bis zur Vorführung vor den Haftrichter einsperrt, sind heute schon nicht luxuriös, damals waren sie es noch weniger.

Chacha Theler, ein begnadeter Bonvivant, der in den Sommermonaten mit seinem gesamten Hofstaat von Mallorca nach Ibiza zog, war natürlich ein enger Freund des Lords. Man kannte sich von der Jagd in Afrika, vom Skifahren in Sankt Moritz und eben von den Sommern auf den gerade angesagten Flecken des Mittelmeeres. Seiner Familie gehörte die Schweizer National Versicherung, so dass man sich bei ihm ums warme Abendessen keine Sorgen machen musste. Anwalt der Versicherung in Spanien war Don Francisco de Semir, der Wert darauflegte, von allen Paco genannt zu werden.

Paco erhielt noch in der Nacht des Unfalles einen Anruf. Chacha bat ihn, sofort nach Ibiza zu kommen, ein internationaler Konflikt drohe. Mit der ersten Maschine landete der Anwalt auf Ibiza, und von Chacha ins Bild gesetzt, meldete er sich beim Kommandant der Guardia Civil an. Dem machte er zunächst einmal klar, mit wem er es zu hatte. Paco hatte eine wunderbare Art, einen bedeutungsschweren Satz zu beginnen, ihn aber nicht zu beenden. Auf diese Weise sagte er selbst nichts zu seiner Wichtigkeit, der Zuhörer aber hatte daran keinen Zweifel mehr.

Dann kam Paco auf den Verhafteten er vergangenen Nacht zu sprechen. Das sei, so plusterte sich der Commandante auf, ein übler Kerl, er habe stockbesoffen einen Unfall verursacht, die Opfer lägen im Krankenhaus, unschuldige Saisonarbeiter auf dem Weg nach Hause. Der „calabozo“ sei gerade richtig für einen solchen „delinquente“

Dem stellte Paco zwei wichtige Argumente entgegen:

„Der Verhaftete ist Lord Lichfield, der Vetter der Queen. Als solcher ist natürlich auch mit unserem König Juan Carlos verwandt.“

Der Commandante wurde zunächst hellhörig, dann kreidebleich. Probleme brauchte er nun wirklich nicht. Paco wartete, bis die Besorgnis in leichte Panik umschlug, solange, bis der Commandante nach einem Glas Wasser rief. Erst dann präsentierte er das schlagende Argument:

„Für einen Engländer ist es ja auch nicht so leicht, in Spanien ein Auto zu lenken, weil, bei ihm zu Haus, fährt man ja links.“

Der Polizist schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, murmelte etwas davon, dass er sich frage, weshalb er nicht selbst darauf gekommen sei und gab Befehl, den Gefangenen sofort freizulassen. Die Vorführung vor den Haftrichter unterblieb.

Stavros Niarchos besuchte damals mit seiner Yacht Ibiza. Chacha Theler kannte ihn natürlich, und bat ihn, seinen Privatjet zur Verfügung zu stellen. Man müsse den Vetter der Queen sofort außer Landes schaffen. Etwa eine halbe Stunde nach der Freilassung des Lords hob die Maschine Richtung London ab. Der Rest wurde finanziell geregelt. Man erzählte sich, die beiden Opfer hätten gesagt, für so viel Geld, ließen sie sich nochmal anfahren.

Am Abend flog Paco wieder nach Barcelona, hatte aber den Tag damit verbracht, festzustellen, dass Ibiza im Sommer haufenweise Millionäre anzog. Diese kauften sich Fincas, bauten Unfälle, verprügeltem Geliebte oder wurden mit Drogen erwischt. Da brauchte es einen guten Anwalt, und er beschloss, auf Ibiza eine Nebenkanzlei aufzumachen. Es war der purste Zufall, dass er mich fand und mir anbot, das Büro auf Ibiza zu leiten. Ohne beteiligt gewesen zu sein, hat die ganze Lichfield Episode meinem Leben den entscheidenden Auftrieb gegeben.

Später veröffentlichte der illustre Photograph den Unipart Ibiza Calendar `84. Die abgebildeten Damen hatten wenig an.