Von Professor Krause, von vagos y maleantes und von der Drecksau

„Yo soy Krauseano“ erklärte mir Juan bei unserem ersten Zusammentreffen. Als er mein erstauntes Gesicht sah, lachte er und meinte, es sei doch erstaunlich, dass kein Deutscher mehr wisse, wer der Philosoph Karl Christian Friedrich Krause sei, viele Spanier ihn aber als ihren intellektuellen Ziehvater betrachteten.

Um es kurz und oberflächlich zu machen: Krause lehrte in München bis zu seinem Tod im Jahr 1832 im Schatten seines Kollegen Schelling. Ihm gelang es, den Glauben an den Fortschritt ohne Kritik an der katholischen Kirche zu vermitteln. Ein Idealfall für Spanien! Der Krauseanismo ermöglichte es, Schulen für Mädchen und Arme zu gründen, soziale Absicherung der Arbeitnehmer war nicht von Grund auf böse und die Erforschung der Natur war unverdächtig. All das aus einem einzigen Grund: Nach Krause war das alles mit dem Katholizismus vereinbar. Der Krauseanismo war sogar mit dem Nationalkatholizismus zur Francozeit unter einen Hut zu kriegen.

Juan war ein Intellektueller, der „seinen“ Faust durch und durch kannte. „Goethe wollte das Publikum nur provozieren, an sich war er gar nicht so gegen die Religion.“ Mit dieser seiner Meinung stieß er bei mir das eherne Standbild Goethes als Freidenker um. Könnte es sein, dass der Dichterfürst doch erheblich mehr Kind seiner Zeit war, als wir in der Schule gelernt hatten?

Juan sprach ausgezeichnetes Deutsch. Er war in den 70er Jahren Korrespondent der spanischen Nachrichtenagentur EFE in Bonn gewesen. Sein dortiges Tun war sehr erfolgreich gewesen. Er fehlte auf keinem Empfang, auf keiner Vernissage, er war wunderbar vernetzt und wusste stets, wohin er gehen musste, um das Gras wachsen zu hören. Vollkommen unerwartet nahm seine Karriere ein jähes Ende. Irgendjemanden hatte er geärgert und der berichtete nach Madrid, Juan unterhalte ein Verhältnis zu einem hohen Beamten der Bunderegierung.

Seinen Job verlor Juan sofort, darüber hinaus wurde er nach dem Gesetz der „vagos y maleantes“ (Stromer und Bösewichte) aus dem Jahr 1954 dazu verurteilt, nicht in einer spanischen Großstadt leben zu dürfen. Juan war ein „desterrado“.

So landete er auf Ibiza und fand nach langer Suche eine Anstellung als Platzwart auf einem nicht genehmigten Camping Platz an der Cala Bassa.

Er wohnte in einem nicht heizbaren Anbau an das Kassenhäuschen. Das war im Sommer eng aber auszuhalten. In den Wintern wurde es zur Qual, zumal der Arbeitgeber schwarz zahlte und so an Arbeitslosengeld nicht zu denken war, wenn die Camper ausblieben.

Wenn Juan Glück hatte, durfte er das Haus von Freunden hüten, die im Winter für ein paar Monate nach Deutschland gingen. Da er nicht kochen konnte und auch kein Geld hatte, ernährte er sich von Rührei mit Zwiebeln. Das Haus roch entsprechend und so durfte er im darauffolgenden Winter zumindest dieses Haus nicht mehr hüten.

Wenn wir uns trafen, erklärte er mir die spanische Geschichte mit all ihren unerwarteten Biegungen und Verbiegungen, zudem führte er mich in die hohe Kunst der spanischen Beschimpfungen ein. Es ist eben ein fundamentaler Unterschied, ob man einen Widersacher „puerco“ oder „cochino“ nennt. „Du denkst, beides heißt „Schwein“. Dabei ist das eine ein speckiger Polizist und das andere eine schlichte Drecksau. Je gröber das Wort, desto filigraner die dahinter schlummernde Bedeutung“ sagte er und lachte.

Juan lachte auch oft über mich, etwa wegen meines Bemühens, alles richtig zu machen. „So wirst Du nie zum Spanier! Wir suchen zuerst einmal einen Weg, um eine Vorschrift zu umgehen, und erst, wenn das nicht geht, überlegen wir, ob wir gehorchen sollen“.

Juan starb sehr kümmerlich an Kehrkopfkrebs. Das Schlimmste für ihn war, dass er während des letzten Jahres seines Lebens nichtmehr richtig sprechen konnte.

Washington DC liegt am Mittelmeer

Wer in einer italienischen oder spanischen Stadt nach dem Weg zum Bahnhof fragt, dem kann es leicht passieren, dass er vor der Kathedrale landet. Der freundliche Herr, die charmante Dame, alle haben gestenreicht und detailliert den Weg zum Bahnhof beschrieben. Beim Erreichen der Kathedrale wird klar, dass die Auskunft gebenden Personen keine blasse Ahnung hatten.

„Warum aber haben sie mir dann den Weg falsch erklärt? Es wäre doch besser gewesen, sie hätten gesagt, dass sie das nicht wüssten“.

Wer so denkt, denkt nordeuropäisch. Dort ist die Sprache dazu da, Informationen zu vermitteln, ein Mann, ein Wort.

In den Mittelmeerländern dient die Sprache fast immer dazu, die wahren Absichten zu verschleiern und, das ist ganz wichtig, die Sprache dient dazu, das Gesicht zu wahren.

Hätte das freundliche Paar zugegeben, den Weg zum Bahnhof nicht beschreiben zu können, hätte das unhöflich gewirkt und natürlich hätten sie dagestanden wie die Deppen. Dass beide Deppen waren, hat man aber erst vor der Kathedrale bemerkt und die Chance, den beiden wieder zu begegnen um ihnen dann einen Marsch zu blasen, tendiert gegen Null.

Wenn man genau hinschaut, geht es beim „Gesicht bewahren“ gar nicht darum, dieses vor einem Dritten zu bewahren, sondern vor sich selbst. Würde das Paar damit konfrontiert werden, den falschen Weg erklärt zu haben, könnten sie ja immer noch sagen, der doofe Tourist habe ihre Erklärung einfach nicht verstanden.

Nun hat der 45. Präsident kurz vor Ablauf der magischen aber willkürlichen 100 Tage Frist einen Haushaltsentwurf vorgelegt, von dem er weiß, dass die Abgeordneten ihn nicht passieren lassen werden. Die Steuerreform wird so nicht durchgehen. Der Präsident ist mit allem, was er bisher angefasst hat, gescheitert. Er hat, um eine frühere Wortprägung aufzugreifen, nichts geleistet, sich aber viel geleistet.

Es geht nur darum mit wenig durchdachten Entwürfen den Wählern zu zeigen, dass er Wahlversprechungen einhält. Dass sich diese als undurchführbar herausstellen, zum Beispiel, weil vorher niemand wusste, wie kompliziert Gesundheitspolitik ist, oder weil der Kongress nicht mitspielt, oder weil ein Gericht bremst, dann kann das Weiße Haus immer noch twittern, der Präsident habe es ja versucht, aber die bösen, bösen Buben da draußen, hätten ihm in die Suppe gespuckt.

Dass fast alle wissen, dass das nicht so ist, spielt überhaupt keine Rolle, aber der Präsident hat sein Gesicht gewahrt.

Letztlich ist es der subjektive Umgang mit der Wahrheit, mit denen der 45. Präsident versucht, sein Land zu regieren.

Er kündigt etwas an, und seine Wähler sind begeistert. Dass man so ein Land nicht regieren kann, weiß er spätestens, seit sein Einreise Stopp von einem Gericht auf Eis gelegt wurde. Er macht aber weiter mit Ankündigungen, von denen er wissen muss, dass sie nicht realisierbar sind.

Es wird für Partner der USA recht schwer werden, damit umzugehen, dass sie dort einen Partner haben, der nicht berechenbar ist. Er ist dies nicht etwa, weil er spinnt. Er ist so unberechenbar, weil es nur darum geht, das Gesicht zu wahren.

Das Ganze hat etwas berlusconi-mediterranes. Solange das nur in Italien passierte, konnte man damit umgehen. Nun aber plätschern mediterrane Gewässer den Potomac River hinauf.

Schönheitsgalerie

„Grüß Gott, Hintertupfer mein Name. Meine Urgroßmutter hängt in der Schönheitsgalerie in Nymphenburg“.

Später stellte ich fest, dass man das der Dame durchaus noch ansah, die sich mir auf solch ungewohnte Weise am Telefon vorgestellt hatte.

Nicht nur bei der Verteilung der Schönheit hatte Frau Hintertupfer laut „hier“ geschrieen, sondern auch, und das offenbar mit großem Erfolg, bei der Verteilung von Reichtum.

Sie war, wie sie sagte, glücklich geschieden und erfreute sich nun ihres riesigen Vermögens. Sie bat mich um Hilfe, weil sie ein rechtlich etwas verschachteltes Anwesen in der Tramontana, den Bergen Mallorcas, kaufen wollte.

Wir trafen uns in Deyà und ab ging es über Schotterwege hinauf zu einer „Possessió“ mit traumhaftem Blick über die Küste. Es lenkte ihr Chauffeur. Der schien mit dem Kanthaken von der Alm heruntergeholt worden zu sein, sein Bairisch war dementsprechend perfekt.

Am Haus angekommen fragte mich meine Klientin „Verstehen Sie was von Wein?“ Als ich bejahte, wurde ich in den Weinkeller geschickt, denn dessen Inhalt sei mit 200.000 € im Kauf inbegriffen.

Ich stieg hinab und hörte es rumoren. Der Krach und die Vibrationen rührten von einem uralten, riesigen Ölbrenner her, der gleich neben dem Weinkeller installiert war. Dort lagerten nur spanische Rotweine, die sich alle außerhalb meines preislichen Beuteschemas befanden. Die Regale bestanden aus zusammengemauerten Drainagerohren. Wenn man dranfasste, spürte man die Vibrationen des benachbarten Heizkraftwerkes. Ich ahnte Schreckliches. Vega Sicilia, Pesquera, Viña Real. Muga, Alion, alles war da, wonach sich meine Kehle sehnte. Seit Jahren feinsten Vibrationen und den Temperaturschwankungen des Ölbrenners ausgesetzt, waren alle Weine gekippt. Man brauchte eine Flasche nur gegen das Licht zu halten: trübe Brühe!

Eine Schande, so mit Wein umzugehen. Ich aber war frohgemut, denn zumindest hatte ich mein Honorar schon im Voraus gerechtfertigt.

Ich traf meine Klientin auf der Terrasse, die Aussicht und die Umarmung ihres Chauffeurs genießend. Als der Herr aufstand, bemerkte ich, dass er ein Riese war, seine Oberarme waren muskulöser als meine Beine und aus jeder Pore schien sich sein Fortpflanzungswille Bahn zu schaffen.

Der Verkäufer war wenig erfreut, als ich ihm klarmachte, dass sein Weinkeller nichts wert sei. Nach solch einem plumpen Versuch, meine Mandantin über den Tisch zu ziehen, kaufe diese nur mit einem Preisnachlass von 500.000 €.

Er willigte ein. Zum Notartermin erschien meine Mandantin mit Henri, einem von den Maklern auf Mallorca, die ihr Büro im Mobiltelefon haben. Ich kannte ihn als weltmännischen und liebenswerten Hallodri. Er hatte in Paris einige Wohnungen geerbt. Die Einkünfte ermöglichten ihm ein gutes Leben. Dessen ungeachtet lebte er auf größtem Fuße, denn die Maklerhonorare versteuerte er nicht und darüber hinaus ließ er sich oft monatelang von reichen Damen aushalten.

Als wir den Kauf in einem teuren Restaurant feierten, bestellte er ganz ungeniert eine Flasche Vega Sicilia Único, Reserva Especial.

« Ça ne va pas faire éclater l’état de Madame », raunte er mi zu.

Jetzt konnte ich schmecken, was im Weinkeller der „Possesió“ versaubeutelt worden war.

Die Mandantin erklärte unterdessen ihrem neuen Liebhaber, ihre Urgroßmutter hinge in Nymphenburg links unten. Henri gab den Begeisterten.

Enrique spielt Gitarre, singt dazu und zeigt, wie man zählt

Enrique stammte aus Andalusien und hatte nie eine Schule besucht. Zum Militär musste er aber dennoch und dort lernte er, im Gleichschritt zu laufen, und etwas Lesen und Schreiben lernte er auch. Wozu er keine Schule brauchte, war das Gitarrenspiel.

Quique, so nannten ihn seien Freunde auf Ibiza, begleitete sich selbst zu den Sevillanas und Flamencos die er mit kehliger Stimme sang. Sein Kopf lief dabei rot an und seine Augen glühten. „Argo se muere en el arma, si un amigo se va.“ Es war hinreißend und rührte zu Tränen. Quique war sicherlich nicht ein Meister seines Fachs, aber er war der Überzeugendste. Jedes Wort, das er sang, schien aus den Tiefen seiner Seele zu kommen.

Das Leben hatte es nicht gut mit ihm gemeint. Er hatte nie eine geregelte Arbeit, er war im biblischen Wortsinn ein Taglöhner. Unstet fuhr er auf seiner Mobilette über die Insel und was er am Wegesrand fand, machte er zu Geld, womit er unzählige „Copas de Fundador“ finanzierte, dem billigsten Brandy aus dem Hause Domecq in Jerez de la Frontera. Wenn er auf seinem Moped besonders schnell fuhr, hatte er meistens ein totes Huhn auf dem Gepäckträger eingeklemmt. Das war ihm, als es noch lebte, zufällig in die Speichen gekommen. Danach verkaufte er das arme Tier in einer Bar, die vom Tatort so weit entfernt war, dass er sicher war, dass keiner der Gäste das Huhn als seines erkennen würde. Nach abgeschlossenem Kauf schrieb der Wirt an Tafel: „Hoy potaje de garbabzos con pollo.“

Wenn er einmal Arbeit hatte, hielt diese nicht lange, weil er immer wieder zur Pegelkontrolle in die nächstgelegene Bar abdüste.

Zeitlebens hatte Quique nie eine feste Freundin. In seiner Jugend war er zu arm, was sich später auch nicht änderte, aber der ständige Geruch nach Alkohol machte ihn nicht wirklich attraktiver. Er begehrte die Frauen, hielt aber nicht viel von ihnen. Dem wohnte eine verquere Logik inne: Wenn sie ihn nicht erhörten, waren es blöde Weiber, und wenn doch einmal, dann dachte er „was ist denn das für eine, die sich mit mir einlässt?“

Es gab neben der Virgen Santa nur eine Frau, die er haltlos verehrte: „Mi madre. Mi madre es lo más santo que hay“. Wenn er von ihr sang, liefen ihm die dicken Tränen über das Gesicht und seine Stimme erstickte. Sie wohnte im fernen Andalusien bei seinen fünf Brüdern und drei Schwestern abwechselnd.

Von Zeit zu Zeit hatten wir an unserem Haus etwas zu reparieren, manchmal baute ich Mäuerchen, einen Backofen, einen Holzschuppen, oder „obra mayor“ eine Terrasse. Dann half er mir zum Stundentarif. Es blieb meistens beim Bedienen des Betonmischers, weil er das Senkblei und die Wasserwaage nicht zu verwenden verstand. Ich eigentlich auch nicht, aber immer noch besser als er.

Irgendwann hatten wir beschlossen, eine Außenküche ans Haus anzubauen. Da mussten Strom, Wasser und Gas verlegt werden und das traute mir Brigitte, meine Frau, nicht zu, womit sie wahrscheinlich Recht hatte. Wir suchten einen „manitas“, einen Alleskönner, und fanden ihn auch in Gestalt von Jesús, der akzeptierte, dass Quique ihm zur Hand ging. Während Jesús sein Werkzeug bereitlegte, beauftragte er seinen Helfer, auszurechnen, wie viele Fussbodenplatten ich einkaufen sollte. Von links nach rechts zählte Quique: „Una, otra, tré, cuatro, cinco”. Dann zählte er von oben nach unten: “otra, tré, cuatro cinco sei.“

„Und warum zählst die erste nicht?“ fragte ich, worauf seine verblüffende Antwort kam: „Hombre, la he contado ya de la izquierda a la derecha“. „Mann, die hab ich doch schon von links nach rechts gezählt“.

„Kauf 25 Fussbodenplatten,“ wurde ich beschieden, und weil ich fand, ich hätte an Quique keinen Erziehungsauftrag, kaufte ich stillschweigend fünf mehr.

Als ich mit dem Zeug vom Baustoffhändler zurückkam, hatte Quique Jesús bereits davon überzeugt, dass eine Pegelstandprüfung vonnöten sei.

Brigitte war dann doch ganz froh, dass ich wusste, wie man Gasleitungen auf Dichtigkeit prüft.

Círculo Mallorquín

Man wird die Umstände wohl nur als unglücklich bezeichnen können, die dazu führten, dass ich Mitglied des Cículo Mallorquín wurde.

Es handelt sich dabei um eine Vereinigung der Mitglieder alter und bedeutender Familien der Insel. Früher war der Círculo extrem reich, was auch daran lag, dass er einmal den „gordo“ den Hauptgewinn, der Weihnachtslotterie gewonnen hatte. Das Gebäude, das jetzt das Parlament der Balearen beherbergt, was vormals das „Vereinsheim“ des Círculo. Heute residiert der Club, durchaus bescheiden, in der Calle de la Concepción über dem Restaurant “Asador Tierra Aranda“.

Die Zeiten des Wohlstandes des Clubs und seiner Mitglieder sind längst vorbei. Weshalb, beleuchtet diese Anekdote:

Einer der Mitglieder, der Graf X, gab dem Laufburschen des Círculo jeden Morgen einen Duro, 5 Pesetas, ein halbes Vermögen damals. Er solle ihm für eine Pesete ein Havanna Zigarre kaufen. Als der Laufbursche mit Zigarre und Wechselgeld zurückkam, nahm der Nobelmann die Zigarre und wies das Geld mit den Worten zurück „in Graf nimmt kein Wechselgeld“. Ruin leichtgemacht.

Als ich Mitglied wurde, war ich wohl einer der ersten Ausländer, der je in diesem illustren Kreis aufgenommen wurde. Einer der Mitglieder führte mich durch die Räumlichkeiten und blieb versonnen vor einem alten Roulette-Teller stehen. Dann sagte er: „An diesem Tisch hat mein Großvater das Vermögen der Familie verspielt.“

Tatsächlich ist es bis auf sehr wenige Ausnahmen keiner der alten Familien der Insel gelungen, am wirtschaftlichen Aufstieg durch den Tourismus teilzuhaben, wenn man davon absehen will, dass man Ländereien und Häuser an britische und deutsche Millionäre verkaufte und verkauft.

Als ich einmal mit einem Freund, der zu den „Butifaras“, den alten Familien, gehörte, in einem sehr angesagten Restaurant zu Mittag aß, waren wir von Baulöwe und denen hörige Architekten sowie Immobilienmaklern umgeben. Mein Freund ließ seinen Blick über die Gäste schweifen und dann sagte er: „Komisch, von uns ist hier keiner!“ Besser kann man die Nichtteilhabe am Aufschwung nicht beschreiben.

Eines Tages erging vom Círculo an alle Mitglieder die Einladung zur „matanza“, zum Schlachtfest. An besagtem Tag fand ich mich um acht Uhr im Haus an der Calle Concepción ein und half mit beim Schlachten, Zerlegen, und schließlich auch dabei, das Schwein fast zu Gänze durch den Fleischwolf zu drehen, mit Piment zu würzen, abzuschmecken und dann in Därme zu verfüllen. Ich wunderte mich, wo denn die übrigen Mitglieder des Círculo blieben. Die kamen um ein Uhr mittags in Schlips und Kragen und waren sichtlich entsetzt, mich beim gemeinen, arbeitenden und wurstenden Volk zu sehen.

Ich hatte die Sache vollkommen falsch verstanden: Die Einladung war zum Essen ausgesprochen worden, das Schlachten selbst machten natürlich Leute, die alles waren, nur nicht Mitglieder des Círculo Mallorquin. Naja, immerhin weiß ich jetzt, wie man Sobrasada macht.

Wurde ich vorher mit liebenswerter Gleichgültigkeit behandelt, war mein sozialer Abstieg nach der „Matanza-Episode“ mit Händen zu greifen.

Der Einzige, der mich nach wie vor freundlich behandelte, war der Diener, der auf den Klingelton hin die Pforte zum Círculo öffnete. Die Mitglieder ließen mich deutlich merken, dass sie von Anfang an geahnt hatten, dass es ein Fehler war, einen Deutschen zuzulassen.

Wenn ich nicht so naiv gewesen wäre, hätte ich das auch von Anfang an wissen müssen, denn ein älterer Herr sagte mir zur Begrüßung: „Vamos a encontrar a los alemanes hasta en la sopa.“

Mein Verzicht auf die Mitgliedschaft war für alle Beteiligten ein Akt der Befreiung.

Rentweinsdorf

Als die Rhönautobahn noch nicht gebaut war, musste man sich von Fulda bis Nürnberg auf der B 279 von Dorf zu Dorf nach Süden quälen, Ortsumgehungsstraßen gab es noch nicht. Man kann daher annehmen, dass Rentweinsdorf in Skandinavien erstaunlich bekannt war, jedenfalls bekannter als in Deutschland. Im Sommer machten tausende von überladenen PKWs mit internationalem Kennzeichen DK, S, SF oder N das Überquerender Dorfstraße schier unmöglich. Rentweinsdorf ist und war ein vollkommen unbedeutendes Dorf, will man einmal davon absehen, dass ich dort geboren wurde. Normalerweise passierte so was in Ebern oder Bamberg.

Rentweinsdorf war voller Geheimnisse und Geschichten. Im Dach über der „ündern Wirtschaft“ wohnte eine alte Frau, von der es hieß, sie sei eine Hexe. Manchmal schaute sie zum Fenster raus und wenn ich sie sah, hatte ich Angst. Als sich ihr Sohn erhängte, verfolgte mich dessen Schicksal, hauptsächlich die Vorstellung, wie verzweifelt er gewesen sein musste, wochenlang vor dem Einschlafen. Andererseits war es aber auch normal, immerhin war die Mutter eine Hexe.

Den Wirt der „ündern Wirtschaft“ den Biggo, liebte ich, weil er uns Kindern immer ein „mords drümmer Schdüggla Fläschwurschd“ abschnitt, ganz im Gegensatz zum Herolds Metzger, von dem es hieß er schnitte sich fast in die Finger, wenn er die obligate Scheibe „für die Glann“ hergab.

Es hieß, der Biggo, sei ein alter Nazi. Ich wusste nicht so recht, was das ist, beobachtete aber, dass immer die durchziehenden Schäfer bei ihm Station machten und dann alte Zeiten hochleben ließen. Der örtlich unstete Beruf des Schäfers war damals ein beliebtes Rückzugsrevier von Männern, die es nach dem Krieg vorzogen, nicht allzu sehr aufzufallen.

Der Biggo war nicht der Vorstand des Griechervereins, aber dessen Begräbnisprediger. Im Fußballverein betrug der Jahresbeitrag 50 DM. Im Kriegerverein verlangte man nur 20 „und an Granz griech ich aa“ meinte der Hochs Karl.

Kurz nach Weihnachten war ein Mitglied des Kriegervereins verstorben und der Biggo, den man nie in der Kirche sah, trat an das offene Grab und sprach: „In diesen Dachen, wo das Licht zu uns Menschen gekommen ist, hat sich eine dungle Wolge der Drauer über diese Gemeinte gelechd. Der Dod unseres guden Kameraden, der allseits belibbde Friederich, had uns alle dief gedroffen…“ Die Trauergemeinde war beeindruckt, ich auch, denn sonst würde ich Biggos Worte längst vergessen haben.

Der Ortspfarrer fand immer, dass die Spendenfreudigkeit seiner Schäfchen zu wünschen übrigließe und deshalb schickte er meinen Vater los, um das Kirchgeld einzusammeln, wohl in der Annahme, dass, wenn der Baron kommt, sich keiner traue, wenig zu geben. Einmal hat er das gemacht, dann hat er die Aufgabe an mich weitergeleitet, der ich mit Inbrunst nachkam. Wie sonst wäre ich in alle Häuser des Dorfes gekommen?

Es war herrlich: Der alte Schleichers Bauer erzählte von meinem Urgroßvater: „Der had sie junga Mädla fei a wenig gern gsehn.“ Die Saddlera gab mir Plätzchen und erzählte mir, ihr Mann, der Sattler sei im Krieg vermisst. Der Appelmanns Schuster, der Großvater meines Freundes Berthold, zeigte mir, wie man mit Nägeln aus Holz Absätze an der Sohle fixiert, der „glaa Schmied“ erlaubte mir, Eisen in die Glut zu legen und dann mit dem Hammer auf das dann weiß rote Stück einzuschlagen. Frau Kawan wohnte mit meinem Klassenkameraden, den wir boshafter Weise „die Gurge“ nannten, in der Gasse hinter dem kleinen Schmied an der öffentlichen Wasserpumpe. Ich verstand sie nicht, weil sie kein fränkisch sprach.

Schräg gegenüber wohnte der Ziers Fritz, der an hohen Tagen der Christenheit im Posaunenchor das Bumberdoon spielte. Er hatte einen Jagdhund, Tell, und wenn der apportieren sollte rief er „Dell, abord, abord.“

Glückliche 6000 Jahre

In der Süddeutschen vom 22.4.2017 wurde ein Artikel publiziert, der die Diskrepanz zwischen US Forschern und US Christen darstellt.

Man muss sich das mal reinziehen: 30.000.000 (in Worten: Dreißig Millionen) Amis glauben, dass die Erde genauso erschaffen wurde, wie es in der Bibel steht.

Beweis: (Finger auf die Bibel) Da steht‘s doch!

Der göttliche Prozess des Erschaffens begann vor 6000 Jahren und dauerte sechs Tage und keinen Moment länger. Nun ist Gott in erster Linie ein vom reformatorischen Arbeitsethos geprägtes Wesen: Wenn er am Samstagabend noch nicht fertig gewesen wäre, hätte er am Sonntag niemals ruhen können, nix da, mit der südlichen „mañana Mentalität“.

Wem das nicht Beweis genug ist, der sei an die Chinesen erinnert: Die wussten vor 6000 Jahren nichts von Gott und das tun sie zum großen Teil heute noch nicht. Dennoch sind sie alle so geschaffen worden, wie es in der Bibel steht. Okay, mit Schlitzaugen zwar, aber das weiß sogar jeder evangelikale Farmer: „Nach hinten fällt der Bulle ab!“

Evolution wird ja bis heute insbesondere von WASPS (white anglo-saxon protestants) geleugnet, weil sie unangenehmerweise suggeriert, man könne nicht nur vom Affen, sondern, fast schlimmer noch, vom Neger abzustammen. Die Leugnung jeglicher Evolution macht es erst möglich zwischen großartigen (awsome) weißen Menschen und – naja – eben Menschen anderer Hautfarbe zu unterscheiden.

Dabei würde die menschgemachte Klimakatastrophe doch so gut in das Welt- und Sündenbild der Evangelikalen passen:

Erbsünde entstand durch Evas Biss in den Apfel. Für so was sind dann Frauen als Protagonisten grad recht. Der Dinosaurier, der bis dahin zahm an Evchen Seite gelebt hatte, wurde durch den Biss in den Apfel zum Fleischfresser. Im deutschen Besinnungsaufsatz hätte mein Lehrer hier mit roter Tinte „Bezug?“ an den Rand geschrieben.

Der Untergang Roms mit gleichzeitigem Aufstieg der Germanen? Ist doch so klar wie der Sieg Deutschlands über das sündige Frankreich 1871. Gott straft den Zügellosen und lohnt des Helden Zucht.

AIDS? Gottes Strafe für Tohuwa Popohu.

Warum ist der Klimawandel nicht Strafe Gottes? Die Ausbeutung der Natur, die Ausbeutung der Welt nach dem Kosten-Nutzen Prinzip, Krieg um Erdöl, Abholzung des Regenwaldes, das sind doch alles menschgemachte Fehlleistungen, oder?.

Seht her, so schnell kann es gehen, dass man falsch denkt: Der Klimawandel kann keine Strafe Gottes sein, weil es ihn gar nicht gibt.

Ich aber auch!

Ich bin wirklich bestürzt, wie die bodenlose Blöd- und Verbohrtheit einiger Christen die ganze Mannschaft in Misskredit bringt, so wie es mich erbost, dass die kriminellen Hassprediger es fertiggebracht haben, den gesamten Islam unter Generalverdacht zu stellen.

Es ist ja schön, einen Glauben zu haben. Das ist eine individuelle Entscheidung. Ich finde aber, es ist keine individuelle Entscheidung mehr, deshalb gleich das gesamte Hirn abzuschalten.

Fundamentalisten gab es schon immer. Nun aber haben diese Fundamentalisten einen 45. Präsidenten gewählt. Der lebt zwar nach allen Messlatten ihres Glaubens vollkommen gottlos, zumal sündig in dritter Ehe und durch Nadelöhre passt der schon mal gleich gar nicht!

Das macht aber nix, denn er leugnet die Erderwärmung.

SANCTA, meinetwegen

SIMPLICITAS aber sicher!

 

 

 

Blumen, Schätze und eine Diva

Als wir 1991 aus Ibiza kommend nach Palma zogen, erfüllte sich meine Frau Brigitte einen lange gehegten Traum und machte einen Blumenladen auf, schließlich ist sie eidgenössisch diplomierte Fleuristin.

Was wir nicht wussten war, dass man in Palma bei einer Einladung die Blumen nicht mitbringt, sondern zuvor vorbeibringen lässt. Besonders an Wochenenden brauchte meine Frau daher ein „Springerle“ und drei Mal darf geraten werden, wer diese Rolle geben durfte. Am Samstag war die Kanzlei zu und ich lungerte tatenlos herum. Ich war damals dabei, mir einen Ruf als Anwalt in Palma zu erarbeiten und da kam es nicht gut, wenn der Eindruck entstand, ich müsse mir mit Botengängen noch etwas dazu verdienen. Wenn ich die Blumensträuße austrug, dann lief ich „sichernd“ durch die Gassen der Altstadt, schlug unvorhergesehene Haken oder, wenn es eben gar nicht anders ging, verbarg ich mein Antlitz hinter den meist voluminösen floralen Gebinden der Floristin meines Herzens.

Immerhin gelangte ich so in die Häuser und Paläste der Stadt, wo ich sonst nie Zutritt bekommen hätte. Manchmal hörte man eine Ewigkeit lang sich nähernde Schritte und dann öffnete die die Matriarchin einer Riesenfamilie die Pforte. Sie wohnte auf 500 qm oder mehr allein. Manchmal gelang es mir, einen Blick in die Häuser zu werfen: Dunkle Hallen mit schweren Möbeln und lichtschluckenden roten Samtvorhängen.

„Ich stelle Ihnen die Blumen noch ins Wasser“ war, wie ich bald merkte, der Schlüssel, zumindest bis in die Küche vorgelassen zu werden. Die Installationen waren meist vorsintflutlich. Seit die Kinder aus dem Haus waren, wurde hier nicht mehr investiert. Das Altern der Matriarchin stand im Einklang mit der Überkommenheit der Behausung.

Manchmal war es traurig anzusehen, wie eine alte Dame von der Familie verlassen nur noch auf die Gesellschaft einer „Filipina“ zählen konnte, mit der sie sich nichts zu sagen hatte, mit der sie wohl auch gar nicht reden wollte. Was Hochgestochenheit ist, davon kann ich so manches Liedlein singen.

Manchmal aber hatte ich auch Glück und die Dame des Hauses kannte mich und war froh, die Zeit damit totschlagen zu können, indem sie mir alles zeigte. Das absolut Tollste war ein Palast, den eine noch ziemlich junge Dame mit ihrem philippinischen Butler (honi soit qui mal y pense) bewohnte. Alle Fensterläden zur Straße hin, waren geschlossen, es roch muffig, aber wenn das Licht angestellt wurde, blendeten Kandelaber, Tabletts, Schalen, Tischaufsätze und sakrale Darstellungen in purstem und strahlendstem Silber. Diego, so hieß der Butler, war offenbar nicht ausgelastet und wenn er im letzten Zimmer mit Silberputzen fertig war, fing er im ersten wieder an. Einen solchen Schatz habe ich sonst nur in den Sakristeien spanischer Kathedralen gesehen.

Trinkgefäße mit den eingravierten Unterschriften bedeutender Persönlichkeiten der spanischen Geschichte, ein schon etwas vergilbter Pileolus, den Papst Leo XIII 1903 noch kurz vor seinem Tod getragen haben soll, gleich daneben ein Weinglas mit Resten vom Lippenstift der männermordenden Ava Gardner und ein mit verschlissenem rotem Samt bezogener Tisch, an dem der Friede nach einem der vielen Kubakriege ausgehandelt und unterschrieben worden war.

Apropos Ava Gardner: Sie hatte einmal einen der damals berühmtesten Toreros nach dem Kampf – nota bene – mit in ihr Hotel genommen. Nach sechs getöteten Stieren, so scheint es, war der Torero auch mit der Schauspielerin gut zurechtgekommen, und als er von ihr oder sie von ihm abließ, hüpfte der Stierkämpfer etwas zu hastig in seine Hosen, worauf die Diva ihn fragte: „What the hell are you pretending to do now?“

Schon in der Tür rief der Held des Nachmittags seiner Heldin zu: To tell my friends, to tell my friends!“

Menschenwürde III. Das Recht auf Unvorhersehbarkeit.

Das Gute an den Verwandtenbesuchen über Ostern ist, dass man auf diese Weise freiwillig Menschen trifft, die man sonst nur auf Beerdigungen sieht. Es wird sich noch etwas hinziehen, bis ich alles verarbeitet habe, was ich in Thüngen, wo meine Mutter herkommt, mit Freunden und Verwandten besprochen habe, hier erstmal Eines:

Wir sprachen über Menschenrechte und überlegten, ob das Klonen von Menschen mit der Würde desselben vereinbar sei. Der Bauch sagt natürlich unreflektiert vehement „nein“, auch wenn es irgendwie faszinierend klingt, wenn man sich durch einen Klon ein seelenloses Ersatzteillager an Organen anschaffen kann. Seelenlos deshalb, weil ich natürlich zunächst davon ausgehe, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes sind. Ein nicht von Gott geschaffener Mensch ist deshalb per definitionem „seelenlos“.

Das wäre im Lichte der Menschenrechte erstmal unerheblich, denn die Menschenwürde ist losgelöst von jeglichem Credo in unsere Verfassung gekommen. Christen, Buddhisten, Juden, Moslems, Atheisten und Hindus, die Würde aller Menschen ist unantastbar. Deshalb war es mit interessant, die Frage zu diskutieren, ob man einen Menschen klonen darf, ganz unabhängig davon, ob ein Mensch das Geschöpf Gottes ist oder nicht.

Ich sagte, einen Menschen dürfe man schon deshalb nicht klonen, weil dann ein gengleicher künstlicher Mensch entstünde, der allerdings nicht gleich bliebe, weil die Umstände des Lebens, das zu leben ihn trifft, nicht die nämlichen sein werden, die die „Klonmutter“ treffen oder getroffen haben. Sie werden also nie gleich sein. Hinzu kommt, dass auch ein Mensch, der unter Missachtung der Menschenwürde geschaffen wird, natürlich Anspruch auf Menschenwürde hat, er kann also niemals als Ersatzteillager gebraucht und missbraucht werden.

Darüber hinaus ermangelt es dem geklonten Leben einer Eigenschaft, die mir nachhaltig zu denken gibt: Ein Mensch kann nur dann im Sinne der Menschenwürde geschaffen werden, wenn dies zufällig geschieht. Das Zusammentreffen von Samenzelle und Eizelle muss notgedrungen zufällig sein, die Züchtung von Menschen ist rechtswidrig.

Nun ist es ja nicht so, dass unser Leben einfach wäre.

Darum: Und was ist mit der in vitrio Fertilisation? Das ist ja nun alles andere als zufällig. Da gilt der Wille des Paares, das sich Nachkommen wünscht, mehr als das Recht des Ungeborenen auf Zufälligkeit. Alles, was darüber hinausgeht, ist aber deutlich mit der Würde des Menschen nicht vereinbar, also natürlich auch der Versuch, den „idealen“ Germanen zu schaffen, selbst dann, wenn unter Umständen die beteiligten Hitlerjungen und BdM Maiden einverstanden gewesen sein sollten.

Stellen wir uns nur kurz vor, die Zufälligkeit, das Unvorhersehbare wäre plötzlich nicht mehr Teil unseres Lebens: Glück, Unglück, Lebensweg, Partnerwahl und natürlich der eigene Tod wären bekannt und veröffentlicht. Vorzüge hätte das natürlich schon: endlich wäre der Urlaub so planbar, dass man zu Onkel Fridolins Beerdigung grad noch rechtzeitig von den Seychellen zurückkäme. Das gewählte Beispiel zeigt, wie absurd das alles ist, und zeigt auch, welch hohes Gut die Nichtvorhersehbarkeit unseres Lebensweges ist.

Friedrich II, der Staufer, hatte in schon fortgeschrittenem Alter eine Wahrsagerin befragt, die ihm mitteilte, er werde an einem blumigen Ort sterben. Daraufhin beschloss der Listige, der sein ganzes Leben damit zugebracht hatte, Konventionen, Gesetzmäßigkeiten und überkommene Ethik über den Haufen zu werfen, diesmal den Tod zu überlisten und mied „hinfort“ die Stadt Florenz.

Er starb im Castell Florenti

Scheidung auf mallorquinisch.

Sie waren das Traumpaar der Achtziger Jahre. Sympathisch, gebildet, gutaussehend und wohlhabend. Sie gaben jeder Einladung, ob in ihrem Haus oder anderswo, den Glanz, der den übrigen Gästen die Idee vermittelt, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.

Isabel hatte als Ärztin gearbeitet, bis sie den Palast in der Altstadt geerbt hatte. Er war halb verfallen und Eduardo, ihr Mann, war als Architekt dazu prädestiniert, daraus ein Juwel zu machen. Gerade deshalb erforderte die Beaufsichtigung der anspruchsvollen Arbeiten Isas ständige Anwesenheit. Ihre nun fehlenden Einkünfte als Ärztin wurden wettgemacht durch die hohen Honorare, die Edu als der Stararchitekt der Insel nach Hause brachte.

Die Kinder gediehen prächtig und tatsächlich entstand aus der Halbruine ein Vorbild an Wiederherstellung mallorquinischer Geschichte und Wohnkultur. Es hagelte Anerkennung und Preise. Isa und Edu wurden von der Inselgesellschaft herumgereicht und die beiden merkten nicht, wie ihre Ehe zum Spiegel ihrer sozialen Begehrt- und Beliebtheit verkam.

Isa erbosten einige Seitensprünge ihres Mannes, der, darauf angesprochen, lediglich murmelte, sie sei ja schließlich auch kein Kind von Traurigkeit.

Traurig waren nur die drei Kinder, die zusehen mussten, wie die Ehe ihrer Eltern zerbröckelte.

Aber man war ja modern, liberal und fortschrittlich und so beschlossen Isa und Edu ihrer Ehe auf anständige Weise ein Ende zu setzen, zumal es da gewisse materielle Dinge zu klären gab:

Im Grundbuch war Isa als einzige Eigentümerin des Palastes eingetragen. Die Wertsteigerung aber hatte Edu nicht nur mit seiner Planung, sondern auch mit seinem Geld erreicht. Nur, es gab keine einzige Handwerkerrechnung. Klempner, Maler, Maurer; Parkettverleger alle hatten ohne Rechnung gearbeitet, was ja auch nur folgerichtig war, denn Edu bekam das Geld von seinen Auftraggebern auch „so“.

Isa schlug vor, José-Luis zu konsultieren. Der sei nicht nur ein gemeinsamer Freund, sondern auch ein hoch angesehener Anwalt. Und so traf man sich denn in dessen Kanzlei und unterschrieb einen Vertrag, in dem das gemeinsame Vermögen hälftig geteilt wurde, auch der Unterhalt der Kinder sollte gemeinsam getragen werden, Isa verzichtete gänzlich auf jegliche Unterhaltszahlung. Isa und Edu unterschrieben, Pepe-Lu zeichnete auch, als Zeuge. Er werde den Vertrag bis zum Scheidungstermin in seinem Tresor aufbewahren, sagte der Anwalt und Edu erzählte seinen Freunden, er sei positiv überrascht, denn bisher habe er immer nur erlebt, dass Anwälte einfache Dinge kompliziert machen, nicht so Pepe-Lu, ein wahrer Freund und Ehrenmann.

Beim Termin vor Gericht verwies Edu darauf, man habe sich vorab geeinigt und bat Pepe-Lu, den Anwalt seiner Frau, das Dokument vorzulegen, das dieser bisher in seinem Tresor aufbewahrt habe.

„Was für ein Dokument?“ fragte Don José-Luis.

„Was für Rechnungen?“ fragte Isa, als Edu vorbrachte, er habe ja schließlich den Wiederaufbau des Palastes finanziert. Vielmehr sagte sie, sie habe für die Aufzucht der Kinder ihren Beruf aufgegeben und stehe nun ohne Einkommen da.

Edu wurde verurteilt, Unterhalt an Isa zu zahlen und angesichts der Mittellosigkeit der Mutter auch die Kosten der Kinder alleine zu tragen.

Nach dem Urteil teilte Isa dem erstaunten Edu mit, Pepe-Lu und sie seien schon seit Monaten ein Paar.

Edu fühlte sich ungerecht behandelt und leistete die Zahlungen nicht, zu denen das Gericht ihn verdonnert hatte. Daraufhin pfändete Pepe-Lu dessen Honorare. Das Gericht teilte allen bisherigen und mutmaßlich neuen Auftraggebern mit, schuldbefreiend könnten sie Edus Honorare nun noch an Isa zahlen.

Das war natürlich das berufliche Aus für Edu. Er lebt nun mittellos in einem ländlichen, halb verfallenen Palast auf dem Land. Die „Possessió“ wird er einmal von seiner Tante erben. Tia Antonia aber hat das ewige Leben. Dennoch hat Isa schon mal Pepe-Lu beauftragt, zu prüfen, wie sie Hand auf diese Immobilie legen könnte, denn Edu schuldet ja Unterhalt seit Jahrzehnten.