Menschenwürde II oder Butter bei die Fische

Pufendorf, Kant, Schiller, Schopenhauer und Nietzsche haben alle gedanklich an der Menschenwürde herumgedoktort, wobei es natürlich Schiller war, der die Sache in so schöne Worte zu fassen im Stande war, dass die Nachwelt bis heute ehrfürchtig erschauert:

„So wie die Anmut der Ausdruck einer schönen Seele ist, so ist die Würde der Ausdruck einer erhabenen Gesinnung“ (Über Anmut und Würde) Vor dem geistigen Auge lustwandeln auf Blumenwiesen Maiden, flechten Kränze und ihre selbstredend erhabene Gesinnung ist würdig und recht.

So weit so gut. Die Menschenwürde schwebte irgendwo zwischen Jammertal und Paradies und war gedanklich den Gelehrtenstuben nicht wirklich entkommen. Dem kleinen Mann war die Menschenwürde schnurz, denn sie änderte sein hartes, ungerechtes und entbehrungsreiches Leben in keiner Weise.

Das hatte auch Ferdinand Lasalle gemerkt und deshalb sagte er in einer Rede aus dem Jahr 1862, das sei ja alles gut und schön, aber was nützt das, wenn man zwar Würde hat, aber nichts zu Essen. Er stellte daher Würdebedingungen auf und die wichtigste war, dass Staat und Gesellschaft dafür zu sorgen hätten, allen Bürgern ein menschenwürdiges Dasein zu garantieren.

Endlich! Das nennt man „Butter bei die Fische.“

Nun wurde die Menschenwürde konkret. Die folgende Sozialgesetzgebung Bismarcks war ja nicht aus Mitgefühl heraus geboren, sondern aus er Einsicht heraus, dass die Ungerechtigkeiten der bestehenden Klassengesellschaft unhaltbar waren. Dass damit die herrschende Klasse noch ein paar Jahrzehnte länger sagen konnte, wo’s lang geht, war ein angenehmer Nebeneffekt für sie.

Erstmals wirklich konkret beschäftigte sich der deutsche Widerstand gegen Hitler mit der Menschenwürde. Der vollkommene Entzug derselben durch das Nazi Regime war allerdings auch ein deutliches Zeichen für die Notwendigkeit, die Würde des Menschen zum primären Staatsziel zu erklären. Die Weimarer Verfassung hatte davon auch schon gesprochen. Im Artikel 151, also ganz weit hinten, konnte man da vom menschenwürdigen Dasein lesen. Das war natürlich etwas dünne und so erstaunt es nicht, dass nach der UN-Charta der Menschenrechte 1945 und der drei Jahre später folgenden allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die Väter (und zwei Mütter) des Grundgesetzes auf der Insel Herrenchiemsee gar nicht anders konnten, als diesen wunderschönen Artikel 1 zu formulieren:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Uff, geschafft!

Geschafft?, Nein, nun ging es erst richtig los! Die Umsetzung der Menschenwürde dauerte und dauert noch immer. Abschaffung der Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen, Abschaffung der Genehmigung des Ehemannes, wenn die Ehefrau arbeiten gehen wollte usw, usf. Es ging in erster Linie um die Beseitigung von Vorschriften, von denen man erst peu à peu feststellte: „Huch, das geht ja gar nicht!“

Und man ist ja heute noch dabei: Gleicher Lohn von Mann und Frau geistert seit Jahren in den Wahlprogrammen herum, aber selbst Regierungsbeteiligung hat diese Selbstverständlichkeit noch nicht gebracht.

Wir sehen: Die Menschenrechte sind kein ehernes Denkmal, an dem sich der Bürger erfreuen darf. Nein, es ist ein ständiger Kampf, die Menschenrechte zu vervollkommnen und ich befürchte, es wird noch stärker ein Kampf werden, sie zu bewahren.

 

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