Erdogan ist nicht das Schlimmste

Als der türkische Ministerpräsident Yildirim in Oberhausen ein ganzes Stadion anmietete, wurde gesagt, dies sei nicht zu verhindern gewesen, denn der Herr habe als Privatmann gehandelt.

Da wurde wohl absichtlich zu kurz gedacht. Der Privatmann Yildirim kann das Stadion in Oberhausen gar nicht mieten, dazu hat er nicht genug Geld. Es ist also klar, dass jemand dahinter stand, seine Partei oder der türkische Staat. Nur dadurch war es ihm möglich geworden, für die Einführung der Diktatur auf deutschem Boden zu werben.

Nun will auch Erdogan kommen und man kann nur hoffen, dass diesmal dem Ordnungsamt was Besseres einfällt, um diesen Akt der Verfassungsfeindlichkeit zu verhindern.

Dass Erdogan für die Abschaffung der Demokratie in der Türkei wirbt, ist ja aus seiner Sicht der Dinge durchaus verständlich, wenn auch verwerflich. Wenn er aber dies in Deutschland tut, weil er weiß, dass die Mehrheit der hier lebenden wahlberechtigten Türken seine Pläne unterstützen, dann ist das erheblich besorgniserregender als alle Reden Erdogans zusammen.

Die Türken leben in Deutschland schon in der vierten Generation und sind unterdessen ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden. Ihr Anteil am Immobilienbesitz, ihr Anteil am Steueraufkommen, ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt sind sehr hoch. Viele Türken haben in Deutschland einen Lebensstandard erreicht, der in ihrer Heimat wohl immer ein Traum geblieben wäre.

Aber sind die Türken in der deutschen Gesellschaft angekommen?

Zweifel daran waren schon immer da und es ist klar, dass nicht nur die Türken schuld daran sind, dass sie nach so langer Zeit noch immer nicht integriert sind.

Aber es muss entsetzen, wenn festzustellen ist, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken verfassungsfeindlichen Ideen nachhängt.

Man muss sich das mal vorstellen: Da lebt eine Familie seit 40 oder 50 Jahren in Deutschland, hat die Freiheit der Berufsausübung, die Freiheit der Meinungsäußerung, die Freiheit der Religionsausübung, den Schutz vor staatlicher Willkür, die Garantie der Unverletzlichkeit der Wohnung, die Rechtssicherheit und die Gleichstellung von Mann und Frau erlebt und gelebt, und dann?

Dann kommt einer daher und kratzt an der Fassade und hervor tritt ein in Deutschland lebender Mensch, der bereit ist, für die Abschaffung all dessen zu stimmen, was ihm in Deutschland Sicherheit und Wohlstand gebracht hat.

Das ist besorgniserregend und sollte all denen zu denken geben, die bereit sind, die Grundrechte zu verteidigen.

Aber was tun? Nicht mehr in türkischen Restaurants zu essen, oder in türkischen Läden zu kaufen, bringt’s ja wohl eher nicht. Eine Diskussion beim Ankauf von 2 Kilo Orangen an der Kasse?

Ich weiß es nicht, bin mir aber sicher, dass Erdogan nicht das Schlimmste ist. Viel schlimmer ist, dass offenbar in Europa noch immer nicht gelungen ist, die Wertigkeit von Demokratie zu vermitteln.

Die Leute, und ich meine nicht nur die Zugezogenen, wissen ja nicht einmal, wie wichtig es ist, zur Wahl zu gehen. Der Brexit hat es gezeigt: Da hat eine ganze junge Generation den Weg zum Wahllokal verschlafen und sich damit wahrscheinlich die Zukunft verbaut.

Es gibt viel zu tun.

Die Angst ums Trinkgeld

Es war wirklich ein wunderschönes Anwesen, das sich diese Familie auf Mallorca gekauft hatte. Auf einer Seite bildete das Meer die Grenze, mehrere kleine Buchten gehörten dazu, und landeinwärts war der Nachbar ein riesiges Landgut, auf dem die Schafe blökten und die Mandelbäume zuerst blühten und dann reiften. Ein Idyll!

Aber im Herbst und im Winter störten die Jäger. Sie ballerten umher und töteten die Karnickel, die Rebhühner und alles, was sonst da noch kreuchte und fleuchte.

Man hätte das für einen vorhersehbaren Vorgang halten können, der auf dem Land eben üblich ist. Aber die Ehefrau und die Töchter waren Vegetarier, damals war vegan noch nicht erfunden.

Die armen Viecherln dauerten sie sehr, und die Jäger, ja das waren sowieso ungehobelte Kerle, die sich, nachdem sie am Morgen gejagt hatten, am Lagerfeuer ein Spießchen brieten, Alkoholischem in ganz erheblichem Masse zusprachen und rülpsten.

Ich wurde beauftragt, herauszufinden, wem das Landgut gehörte und ob man es kaufen könne. Ein Blick ins Grundbuch genügte, um festzustellen, dass die Finca seit Jahrhunderten einer der alteingesessenen Familien der Insel gehörte. Ich fragte Carlos, meinen Kollegen in der Kanzlei, ob er die Familie kenne, denn die seine ist mit fast allen hier verwandt. Und so war es auch, er fand den Eigentümer, der, als er hörte, ein Deutscher sei interessiert, zunächst einmal den Preis verdoppelte. Der junge Mann war hocherfreut, er hatte das Land gerade von seinem verstorbenen Vater geerbt und wusste nicht, was er damit anfangen sollte.

Trotz des horrenden Preises wurde man sich schnell handelseinig, denn Weihnachten stand vor der Tür und es sollte doch ein Geschenk sein.

Nach dem Fest traf ich mich mit der nun besitzenden Jägerfeindin auf dem Land. Das alte Ehepaar, das sich bisher um Schafe und Mandeln gekümmert hatte, sollte uns die ganze Finca zeigen. Sie führten uns zunächst an ein Loch, aus dem es schrecklich stank. Dorthinein habe man immer die verendeten Lämmer geworfen. Die Höhle sei mit dem Meer verbunden, und die Winterstürme würden sie alle Jahre leeren und säubern.

Dem traute die neue Eigentümerin nicht und sagte, man werde die Höhle ein für alle Mal säubern und dann mit diesem Unfug aufhören.

Nun nahm mich die alte Bäuerin auf die Seite und sagte, wir sollten uns aber bitte nicht wundern, wenn wir Seltsames in der Höhle fänden. Es war nämlich so: Als im vergangenen Jahr Don Pedro, der gnädige Herr, gestorben war, wusste man nicht, wohin mit dessen Holzbein. Man fragte den Pfarrer, der dazu riet, den Verstorbenen ohne Holzbein beizusetzen, denn immerhin gelte das Dogma von der leiblichen Auferstehung auch für Don Pedro, und dann würde am Jüngsten Tag das Holzbein nur stören. Also bat die trauernde Witwe die Bäuerin, das Holzbein irgendwo auf dem Landgut zu beerdigen und ließ dafür ein schönes Trinkgeld zurück. Der Bauer aber nahm das Holzbein und warf es hinab in das stinkende Loch.

Nun hatte seine Frau schreckliche Angst, wir würden etwas Ungesetzliches vermuten, wenn wir das Holzbein zu Tage förderten. Noch mehr Angst aber hatte sie vor der trauernden Witwe, denn sollte die davon erfahren, könnte diese womöglich das Trinkgeld zurückfordern.

Übrigens wird auf dem Landgut tatsächlich nicht mehr gejagt. Dafür aber wird nachts mit speziell abgerichteten Hunden gewildert. Man hört keinen Schuss und die vegetarische Seele hat ihre Ruh.

Kann man ihn ernst nehmen?

Immer dann, wenn die Realität des gelebten Lebens in deutlichem Kontrast zu dem steht, was uns die Regierenden einflüstern, entsteht eine neue Kultur des Witzes.

Die Kommunistischen Staaten waren im vergangenen Jahrhundert wahre Brutstätten für den politischen Witz.

Gestern las ich in der spanischen Zeitung „El País“ einen Artikel, in dem vorausgesagt wurde, dass wir kurz davor stehen, wieder in eine fruchtbare Epoche des Witzes einzutreten. Diesmal befindet sich die Zentrale allerdings nicht in Moskau sondern in Washington DC.

Es ist ja auch wirklich absurd, eigentlich ist es sogar undenkbar, was da gerade in den USA passiert:

Unliebsame Journalisten werden von den Pressenkonferenzen im Weißen Haus ausgeschlossen, ja wo sind wir denn?

Der 45.Präsident spielt die beleidigte Leberwurst und geht nicht zum Dinner der im Weißen Haus akkreditierten Korrespondenten. Das kann man sich nicht ausdenken, man kann sich nur an den Kopf fassen, wenn man sieht, auf welches Sandkastenniveau die Politik gesunken ist.

Das Schlimme ist, dass sich der Herr In Washington über kurz oder lang innenpolitisch eine blutige Nase holen wird, und dann macht er, was bisher alle Machthaber in so einer Situation gemacht haben: Er stürzt sich auf die Außenpolitik.

Que Dios nos coje confesados. Will heißen: wenn das geschieht, ist es besser, wenn wir vorher gebeichtet haben und uns auf das Schlimmste einstellen.

Doch zurück zum Politwitz. Ein wunderbarer, der punktgenau auch auf unseren Blondschopf passt. Er stammt noch aus Moskau: Was ist der Unterschied zwischen einem kapitalistischen Märchen du einem kommunistischen Märchen?

Das kapitalistische beginnt mit „Es war einmal“ und das kommunistische beginnt mit „Es wird einmal sein“.

So werden wir auch haufenweise Witze hören über die verbreiteten „fake news“ der US Regierung, die ja gleichzeitig behauptet, alles andere sei „fake news“. Bald wird man nichtmehr unterscheiden können, was Tatsache ist und was nicht.

Beispiel: Was ist falscher? Wenn Trump lügt oder wenn er die Wahrheit sagt? Antwort: Wenn er die Wahrheit sagt.

Auf welchem Niveau wir uns befinden, sehen wir daran, woher er seine Infos angeblich hat: 5.000.000 nicht berechtigte Menschen hätten gewählt. Hat ihm Bernhard Langer beim Golf erzählt. Terror in Schweden. „Hab ich bei Fox gesehen“. Flüchtlingsdesaster in Deutschland: „Hab ich von Joe.“

Man muss diesen Mann respektieren, weil er demokratisch gewählt worden ist und weil er erschreckend viel Macht hat. Aber kann man ihn ernst nehmen?

Die beste Kloß Köchin

Unter dem Krummstab lässt es sich gut leben. Das gilt insbesondere für Unterfranken, wo man bis 1805 vom Fürstbischof in Würzburg regiert wurde oder vom Abt des nächstgelegenen Klosters. Wenn da nicht die wenigen und kleinen reichsunmittelbaren Gebiete gewesen wären, die waren evangelisch. Der gemeinsame Dialekt einte, aber sonst war man halt katholisch oder evangelisch.

Die Wallfahrer konnten noch so erschöpft gewesen sein, wenn es durch ein evangelisches Dorf ging, war keine Sonne zu heiß und kein Wirtshaus zu fern, als dass die Musik nicht Marienlieder spielte und alle sangen aus voller Kehle „Meerstern ich dich grüße.“

Und wenn in der Fastenzeit die katholischen Glocken schwiegen, dann wurden in Rentweinsdorf die Schallluken am Kirchturm „auf Ebern zu“ grad weit aufgemacht, damit man dort das Geläute auch wirklich hören konnte.

Glücklicherweise hat sich das heute weitgehend erledigt. Allerdings gibt es noch Gegenden, die durchwegs katholisch sind. So zum Beispiel der Lautergrund, die sogenannten „heilichn Länder“. Es beginnt in Köslau und endet dort wo bei Baunach die Lauter in die Baunach fließt. In Franken zeichnen sich katholische Dörfer und Schlösser dadurch aus, dass man dort vorzüglich isst. In den heiligen Ländern ist das der Gasthof Andres in Pettstadt und was die Schlösser betrifft, so ist mit noch heute ein Schweinekrustenbraten in Tambach unvergesslich.

Das leibliche Wohl spielt halt bei den Katholischen eine wohltuend größere Rolle als bei uns Luther-Böcken.

Auf ihre alten Tage haben meine Eltern sehr fleißig und ausdauernd Krankenbesuche im Kreiskrankenhaus in Ebern gemacht. Dort gab es übrigens zwei Internisten. Man hatte schon einen katholischen und dann suchte man einen evangelischen Chirurgen, fand aber keinen. Man nahm in der Not einen evangelischen Internisten nach dem Motto: „Des muss edserd gud du.“

Eines Tages kam unser Vater ganz beseligt von einem der Krankenbesuche nach Hause und lechzte förmlich danach, ein Publikum zu finden, dem er die folgende Geschichte erzählen konnte:

In einem Krankenbett lag die uralte Marchered aus Köslau und hatte das Bedürfnis zu erzählen:

„Mich besuchd ja kanner. Weil, ich war ja nie verheierd. Ned des Sie dengn, kanna hädd mich gawölld! Kann richdichn Beruf hab ich a ned ghabt, ich war hald a Kerwaköcha, und sonst hab ich bei die Bauern ausg’holfn.

Es folgte eine lange Lebensbeichte, in der ausgelassene Kirchweihtänze mit anschließenden Heimlichkeiten, Diebstahl „in die schlechdn Zeidn“, Engelmacherinnen, kurz, alles vorkam „was unner Herrgott verbot’n hat“.

Mein Vater berichtete, ihm sei bang und bänger geworden, denn was sollte er der alten Marchered sagen, sie lag ja ganz offensichtlich auf den Tod.

Unablässig kam die schwache Stimme aus den Kissen und berichtete weiter von ungeheuerlichen Geschehnissen. Unser Vater legte sich bereits tröstende Worte zurecht, da Gott ja immer dann verzeiht, wenn man seine Sünden bekennt und sie bereut, wir kennen das alle.

Da wurde die Stimme plötzlich stärker und man hörte die abschließenden Worte:

„Aber nein Himml kumm ich drodsdem, weil ich war die besta Glößköcha vo die heilichn Länder. Da hab ich so viel Leud glügglich gamacht, des wiecht viel mehrä wie die paar Sündn.“

Am nächsten Tag wollte unser Vater sie wieder besuchen. In der Nacht zuvor war sie auf Eliae Wagen in den Himmel eingezogen.

 

 

Grüß Gott, ich bin der Pfarrer von Gerach!

Gerach ist ein Dorf in Franken, das man nicht kennen lernt, wenn man nicht unbedingt will. Es liegt an keiner Durchgangsstraße und die BA38, eine dem Landkreis gehörende Straße, führt auch am Ort vorbei.

Gerach, genannt Gäich, hatte früher immer einen schlechten Ruf, ob zu Recht oder Unrecht, weiß ich nicht. Man munkelte, die abgelegene Lage hätte Dieben, Wilderern, Hausierern und anderem fahrenden Volk Schutz geboten. Es gab nur wenige eingesessene Bauern und nach dem Krieg haufenweise Flüchtlinge. Zum Teil waren es von den Kommunisten vertriebene „Volksdeutsche“ aus den Ländern des Balkan. Die hatten natürlich andere Gebräuche und das machte sie verdächtig, ganz besonders in Rentweinsdorf und Salmsdorf, den beiden evangelischen Nachbarorten. In Gerach war man katholisch.

Die Neu-Geracher mussten natürlich sehen, wo sie nach dem 2. Weltkrieg blieben und sie gingen zum Teil extravaganten Berufen nach: Da war zunächst der Hosn-Balds. Der fuhr mit dem Fahrrad durch die Gegend und kaufte der Bevölkerung die Pelze der geschlachteten Stallhasen ab. Auf dem Heimweg kam er abends durch Rentweinsdorf. Auf dem Gepäckträger und der Lenkstange stapelten sich die Pelze dutzendweise und stanken ganz Gotts erbärmlich. Der Hosn-Balds verkaufte das Zeug an Betriebe, deren Produkte später im Versandhandel als besonders wärmende Unterwäsche wieder die Dörfer erreichten.

Zu uns kam regelmäßig eine Frau mit schwarzen Locken und grünen Augen, von der unser Vater behauptete, vor 300 Jahren wäre sie als Hexe verbrannt worden. Im Sommer verkaufte sie Heidelbeeren, Schwatzebeer auf fränkisch. Abends bekamen wir die Köstlichkeit in einem Schüsselchen mit Milch und etwas Zucker. Das Geheimnis, wo sie denn so viele Heidelbeeren herhatte, hütete sie eifersüchtig, ebenso wie man nicht herausbekam, wo sie im Herbst die Pfifferlinge gefunden hatte. Ich fürchte die Frau wegen ihres Aussehens und sehnte doch ständig ihr Kommen herbei, denn sowohl Schwatzbeern als auch Pfiffer waren Delikatessen, die wir ohne sie nie auf den Tisch bekommen hätten.

Gerach hatte für uns eine weitergehende überaus wichtige Funktion, denn wenn irgendwas passiert war, und es wieder mal keiner gewesen sein wollte, dann sagte unser Vater: „Das war der Pfarrer von Gerach.“

Wir kannten den geistlichen Herrn nicht, er war ja katholisch. In den 50er Jahren war die Konfessionsteilung noch so strikt, dass man im Landkreis Ebern zwei Molkereien betrieb. Katholische Milch kann man ja mit evangelischer Milch nicht mischen.

Nun gut, der Pfarrer von Gerach geisterte als Joker durch unser Bewusstsein. Er war für zerbrochene Schiefertafeln verantwortlich, wenn ein Ball ins Fenster flog, war er es auch und wenn etwas verloren gegangen war, hatte er selbstredend seine Hände im Spiel. Kurz, eine mystische, nie gesehene Figur aber von Grund auf böse und fragwürdig. Der Pfarrer von Gerach bündelte in seiner Person alle wohlgehüteten und gepflegten Vorurteile gegen die Geracher.

Eines Tages klingelte auf dem Schreibtisch meines Vaters das Telefon und als er abhob, hörte er vom anderen Ende der Leitung eine Grabesstimme, die sagte: „Grüß Gott, ich bin der Pfarrer von Gerach“. Weiter kam er nicht, denn unter wieherndem Gelächter warf mein Vater den Hörer auf die Gabel.

Beim Mittagessen erzählte er die Episode und es war unsere Mutter, die ihm klarmachte, dass er am Nachmittag hinfahren müsse, um sich beim Pfarrer von Gerach zu entschuldigen.

Ich fuhr mit, und in der Tat hatte der Pfarrer von Gerach eine Grabesstimme. Er war trotz des Affronts sehr freundlich mit meinem Vater. Wie sich herausstellte, wusste der Pfarrer von Gerach nicht, dass er nicht nur der Ortsgeistliche war, sondern eben auch der „Pfarrer von Gerach.“

Ich erinnere mich, dass er sehr gelacht hat und er und mein Vater als Freunde schieden.

 

 

Der Sülzen-Hans

Roswitha und Hans waren plötzlich da und blieben. Das kam in den 70er und 80er Jahren öfter vor auf Ibiza. Die Insel war damals ein beliebtes Ziel für all diejenigen, denen von der Schwiegermutter über die Polizei bis zum Finanzamt jemand hinterher war. Bei Roswitha und Hans war es so, dass sie sich einfach nicht hatten daran gewöhnen können, Steuern zu zahlen. Zunächst waren sie von Bayern nach Tirol geflohen und als die Sache auch dort heiß wurde, war Ibiza dran.

Es gibt Bayern, deren Lebensmotto „extra Bavaria non est vita“ lautet. Hans war einer von ihnen und so schuf er sich eine kulinarische Heimstadt, in dem er in einem Nachtclub die Küche übernahm und dort Deftiges aus dem Voralpenland anbot. Den Namen „Sülzen-Hans“ bekam er, weil er im Winter, als nichts los war, seine gelangweilten deutschen Freunde zu einem Sülzen-Essen einlud. Das artete zu einem ungeheuren Besäufnis aus, denn zu trinken gab es reichlich, nur die Sülze war nichts geworden und so gabs halt nichts zu essen.

Roswitha und Hans trennten sich bald, denn sie fand die spanischen Männer attraktiv und er fand heraus, dass allein reisende Touristinnen durchaus willig waren.

Aber die Mühlen der Justiz mahlten schon damals langsam aber stetig und irgendwann flatterte ein Haftbefehl wegen Steuerhinterziehung auf den Schreibtisch des Commandante der Guardia Civil, mit dem Roswitha vorsorglich ein Verhältnis angefangen hatte. Aber auch das half nichts, der Sülzen-Hans kam ins Gefängnis. Das befand sich damals im Kreuzgang des Klosters Santo Domingo, neben dem Rathaus von Ibiza.

Verpflegung gab es nur rudimentär. Ein Lebenslänglicher besorgte täglich in einem Eimer dicke Suppe in wechselnden Restaurants der Stadt. An einem Seil  ließ man den Eimer in den Kreuzgang hinab und dort balgten sich die Häftlinge um ihren Teil. Erika und ich, beide wegen der Sülzeneinladung zu Dank verpflichtet, beschlossen, die Verpflegung des Freundes zu übernehmen. Einen Tag sie, einen Tag ich.

So kam ich in den Genuss ein Gefängnis zu erleben, das ich 1:1 kopiert hätte, wäre ich damit beauftragt worden, das Bühnenbild für Fidelio zu entwerfen. Jeder Bogen des Kreuzganges bildete eine Zelle, wo die Häftlinge auf dem Boden, manchmal auch auf Matratzen schliefen. Tagsüber langweiten sie sich dicht gedrängt in der Sonne im Hof des Kreuzgangs. Bei schlechtem Wetter wurden die Bedingungen noch unwürdiger.

Die Verpflegungsübergabe ging so vonstatten, dass Erika oder ich dem Wärter 100 PTAS pfötelten, dann überließ er uns den Korb oder Eimer mit dem wir Brot; Obst und ein Getränk nach unten ließen. Kontrolliert wurde nicht. Das Getränk war Orangeade in einer Plastikflasche. Der Sülzen-Hans beschwerte sich stets wegen dieses Kindergesöffs und Erika bekam irgendwann heraus, dass man den Deckel abnehmen und wieder verschließen konnte, ohne dass das das sichtbar war.

Von da an verdünnte sie die Orangeade zur Hälfte mit Gin, mir sagte sie nichts davon. Dass etwas im Busch war, merkte ich, weil ich beim Sülzen-Hans mit meinen Verpflegungsversuchen immer mehr in Ungnade fiel. Erika aber tat so, als wüsste sie von nichts.

Eines Tages wurden ich und mein Brotkorb doch kontrolliert. Der Wächter schaute in die Luft und der Commandante war streng. Aber meine Äpfel waren rotbackig, das Brot enthielt keine Feile und die Orangeade schmeckte und roch nach Orangeade.

Immer noch streng, schaute mich der Comandante an und sagte nach einer beklemmenden Pause: „Ha muerto tu amigo esta noche. ¿Que ha pasado, joder?

Ich hatte natürlich keine Ahnung, was passiert war, da ich von den Verdünnungspraktiken nur ahnte.

Die Staatsanwaltshaft in München wurde unterrichtet, der Gesuchte sei unterdessen verstorben, eine Obduktion unterblieb. Der Bestattung im gemeindlichen Armengrab wohnten nur Roswitha und ihr Commandante bei.

Operation „Grüner Apfel“

Der Prager Frühling im Jahr 1968 tat nicht nur dem Sozialismus gut, er war auch gut für die Liebe. Ungezählte junge Menschen aus aller Welt trafen sich in einer frühen Version von Revolutionstourismus auf dem Wenzelsplatz. Dort lernten sich Zsófia aus Budapest und Paul aus München kennen und lieben. Paul gestand später seinen Freunden, es habe ihn überhaupt nicht gewundert, dass Zsófia nach geraumer Zeit eines Buben genas. Wohl aber habe es ihn gewundert, dass sie abfragte, ob sie das Baby Pál nach dem Vater nennen dürfe.

Paul war ewiger Student und verdiente sich sein Brot mal als Schankwirt, mal als Taxifahrer aber in erster Linie pulste Musikerblut durch seine Adern. Er spiele Posaune, Klarinette, Trompete, manchmal auch die Tuba und sein Ruf hallte weit über die Enden der Occamstrasse hinaus. Es war ihm extrem wichtig, dass der Broterwerb die freie Einteilung seiner Zeit in keinster Weise begrenze.

Zu Reichtümern kommt man so nicht.

Dennoch bemühte sich Paul um Beteiligung an den Kosten der Aufzucht es kleinen Pály. Dass er Alimente zahlte konnte man nicht direkt behaupten, denn erstens waren damals Überweisungen in Länder des Warschauer Paktes schwierig und zweitens sollte seine Unterstützung nicht bekannt werden, sonst hätte der ungarische Staat die Zahlungen an das Kind mit unbekanntem Vater eingestellt.

Einmal im Jahr machte sich nun Paul auf und fuhr nach Budapest, um etwas zu überbringen, was er eigentlich nicht hatte: Geld. Er dachte sich deshalb immer etwas aus, was er, so hoffte er, in Budapest zu Geld machen könnte. Natürlich waren das zunächst Nylonstrümpfe, dann aber Toaster, elektrische Lockenwickler, Taschenrechner und anderes, von dem er herausgefunden hatte, dass es in Ungarn gerade heißbegehrte Mangelware war.

Zu Ende der 70er Jahre war dies Haarwaschmittel mit Geruch nach grünem Apfel. Paul kaufte davon mehrere Kisten und hatte nun, wie fast jedes Jahr, ein Transportproblem. Diesmal war es der Gerd, den er überredete, denn der hatte einen schon damals nicht mehr ganz neuen Peugeot 403 familiale, mit der legendären Ladekapazität. Gerd überredete seinerseits Walter, mitzukommen, denn zu Dritt hätte man ja wohl mehr Spaß.

An einem sonnigen Junimorgen packten sie die Kisten in den Kombi und ab ging es.

„Wichtig ist, dass wir nachts in Nickelsdorf über die Grenze gehen, da passen die Ungarn nicht so auf“, stellte Paul fest.

Trotz der Autobahn zog sich die Reise hin, die Sonne brütete aufs Dach des Peugeot und darin verbreitete sich ein Mief der weniger an einen Friseursalon als an ein bessarabisches Freudenhaus erinnerte. An der letzten Tankstelle in Österreich sammelte Paul die Pässe ein und stellte fest, ab nun müsse er fahren, sonst würde das nichts mit dem Grenzübertritt.

Zusammen mit den Pässen überreichte Paul eine Flasche Shampoo Grüner Apfel dem Zöllner durchs Fenster und siehe da, ohne weitere Nachforschungen wurde das Auto durchgewunken.

In Budapest trennten sich die Wege der drei Freunde. Paul sagte, das Shampoo zu Geld machen, könne er nur alleine.

Gerd und Walter schauten sich die Stadt an und landeten dann am späten Nachmittag in einem Weinkeller. Im Tresen waren Löcher und daraus holte der Wirt mit einem Messbecher den gewünschten Wein. Es war unterdessen Nacht geworden und die beiden Freunde waren schon beim sechsten Loch angelangt, als ihnen einfiel, dass Paul ja gar nicht wusste, wo sie waren.

Der Wirt wählte selbst, er wollte kein Auslandsgespräch riskieren und tatsächlich meldete sich Zsófia, die fragte, wo sie den seien. „In einem Weinkeller.“ Wie der heißt wussten sie nicht und während Gerd weiter mit Zsófia sprach, ging Walter auf die Straße, um den Namen des Lokals zu erforschen.

„Borpince“ schrie er in den Hörer, aber Zsófia stöhnte nur auf, das hieße eben Weinkeller. Diesmal ging Gerd auf die Straße um wenigstens deren Namen zu ergründen: „Egyirányu utca“ vermeldete er stolz. „Das heißt Einbahnstraße, du Idiot, gib mir den Wirt“.

Pály ist unterdessen selbst Vater. Er spielt den ersten Kontrabass im Orchester der ungarischen Staatsoper. Manchmal besucht er seinen Vater in München und das führt dann regelmäßig zu legendären Jam Sessions in den einschlägigen Lokalen.

Des Bissle Arc de Triomphe…

Der Oberst von Perfall war drahtig und klein. Er kommandierte das berühmte 17er Reiterregiment in Bamberg. Dass ihm Onkel Wolfgang Thüngen als Adjutant beigestellt worden war, ist ein Beweis dafür, dass man auch in der Heeresleitung Sinn für Humor hatte, denn der Gute war über 2 Meter groß und wog zweieinhalb Zentner aufgebrochen. Wenn die beiden auf dem Exerzierplatz erschienen, war es schwierig die Disziplin der Truppe zu wahren, denn sie gaben einfach gemeinsam eine Witzblattfigur ab. Dem Obersten hat das nicht geschadet, er stieg zum General auf, Onkel Wolfgang aber zog sich auf sein Schlösschen in der Rhön zurück. Kenner der Materie behaupteten, es wirkte wie aufgebläht, wenn er anwesend war.

Er hätte dort mit seiner Frau ein ruhiges Leben geführt, wenn nicht seine Schwestern ein Wohnrecht auf dem Heilsberg gehabt hätten. Die drei Schwestern waren allesamt erstaunliche Damen, und Onkel Wolfgang dankte seinem Schöpfer allmorgendlich auf den Knien dafür, dass zwei davon verheiratet waren und nur selten von ihrem Wohnrecht Gebrauch machten. Eine aber, o weh, blieb unverheiratet und ging ihrem Bruder durch ihre Frömmigkeit und ständige Anwesenheit ganz gehörig auf den Keks.

Andauernd empfing sie irgendwelche hochgestellte Geistlichen, unter dem Oberkirchenrat tat sie es nicht. Und dann wurde Onkel Wolfgang mitsamt seiner Leibesfülle die engen Treppen zum Keller hinuntergeschickt, um Wein heraufzuholen.

Seinem Ärger machte er regelmäßig dadurch Luft, dass er die Propheten schmähte und zwar dann besonders innig, wenn er wusste, dass der geistliche Herr bereits im Haus war.

„Der Dunnerkeils Jesaja, und erschd der Jeremia-Fregger, Sau-Baruch, blöder, und den Scheiß Hessekiel, den kannst mid’n Daniel in aan Sack schdeggd, draufkhiem, es drifft immä den Richdichn!“

Seine Stimme grollte aus den Kellergewölben empor und der fromme Mann im Salon versuchte die peinliche Situation dadurch zu überspielen, dass er seine frommen Salbadereien schrie.

Onkel Wolfgang war also durchaus wählerisch wenn es darum ging, wen er mochte und wer ihm auf die Nerven ging. Als ihn die Nachricht erreichte, dass ein naher aber äußerst ungeliebter Verwandter in den Armen seiner Frau nach Erhalt der kirchlichen Tröstungen verstorben sei, meinte er nur:

„Jetzt tut uns der Kerl auch noch den Tort an und nimmt ein gottseliges Ende!“

In seinen jungen Jahren, noch unverheiratet, hatte Onkel Wolfgang eine Reise nach Paris unternommen.

Paris: Kultur, Esprit, Flair, Kunst, jaja, das gab es auch, aber Paris hatte eben auch ein G‘schmäckle, wenn ein junger Mann da alleine hinfuhr.

Als er wieder nach Hause in die Rhön zurückkam, war die Gesamtfamilie gespannt wie ein Flitzebogen. Man erwartete eine genaue Reisebeschreibung und erhoffte sich dabei Hinweise auf das Vermutete, jedoch Unaussprechliche.

„Na, wie war’s denn?“ „Jetzt erzähl halt!“ „Wirst ja nicht die ganze Zeit im Louvre rumgelaufen sein, oder?“ Bei diesem Sturm der Fragen blieb Wolfgang ganz ruhig und schließlich sagte er nur dies:

„Des Bissle Arc de Triompf, und sonst is’s wie draus Grombühl!“

Für Nichtfranken: Grombühl war damals der Teil Würzburgs, den man euphemistisch als Problemviertel bezeichnen würde.

 

Do you believe in Father Christmas?

Man kann es schon in Siracusa sehen: Die Auswanderer übertreiben alles. Was in Athen normale Ausmaße hatte, übersetzten die Neu-Griechen auf Sizilien ins Gigantische.

Genauso ist es in Amerika, besonders in den USA. Dort ist alles größer, schneller, mächtiger und, auch das, sentimentaler.

Dieses Gedöns um X-mas ist in Europa gar nicht nachzuvollziehen. Riesige Coca-Cola Laster ersetzen den Advent und man glaubt an Father Christmas. Die unzähligen Weihnachtsfilme aus Hollywood stellen immer wieder die gleiche Frage: „Do you believe in Father Christmas?“

Mit großem Kopfschütteln beobachten wir die Vermarktung dieses Festes durch die Manager eines braunen überzuckerten Getränkes und machen dann dennoch feste mit. Dass der Weihnachtsmann ein rot Röcklein trägt, ist übrigens eine Erfindung der Werbestrategen dieser überzuckernden Firma.

Aber wer ist an all dem schuld? Meine Ur-Ur-Ur-Urgr0ßmutter Friderike Riedesel Freifrau von Eisenach, sie ist an Allem schuld!

Sie war mit dem braunschweigischen General Friedrich Adolf Riedesel verheiratet. Er musste an der Seite der Briten am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilnehmen. Wir wissen alle, wer von wem dabei einen auf die Mütze bekam. Seine Frau Friederike begleitete ihn mit allen Kindern in den Krieg: Nach der Schlacht bei Saratoga geriet der General plus Familie in Kriegsgefangenschaft. Sie durften erst 1781 nach Kanada ausreisen. Friederike hat „drüben“ zwei Töchter geboren: America, von ihr stammt Andreas Bernstorff ab, der in Gartow gegen das Atommüllendlager kämpft, die andere, Canada, starb noch als Kind.

Doch zurück zum Weihnachtsbaum: Als die Familie 1981 endlich nach Canada ausreisen durfte, war dieses Weihnachten das erste unter „normalen“ Umständen. Sie wohnten in Sorel, südwestlich von Quebec und dort schmückten sie den ersten Weihnachtsbaum auf dem Doppelkontinent. Die Sache machte Furore. Es entstand eine Zeichnung, die als kolorierter Druck weite Verbreitung fand und heute wissen wir, wozu das Ganze geführt hat.

Als die Zeiten ruhiger wurden, zog die Familie wieder nach Deutschland, wo der General eine erheblich ruhigere Kugel schob und kräftig in die Breite ging. Man erzählt sich, er wäre einmal alleine nächtens spazieren gegangen. Eine Horde fröhlicher Studenten begegnete ihm, und unter allgemeinem Hallo vermass man seinen Leibesumfang. Der alte Herr in Zivil ließ alles über sich ergehen, merkte sich aber die Farben der Burschenschaft. Wenige Tage später traf eine Einladung zu einer Soiree beim General von Riedesel im Haus der Burschenschaft ein. Man fühlte sich geehrt und als alle geschniegelt und gebügelt im Haus des Generals eintrafen, begrüßte sie dort an der Haustür mit aller Liebenswürdigkeit der Welt der vermessene Herr, diesmal allerdings in Uniform.

Die Studenten wurden reich bewirtet, es war ein fröhlicher Abend. Ohne jeden weiteren Kommentar wurden die Geladenen zu später Stunde entlassen.

Ich widme dieses Beispiel an Deeskalation meiner Nichte Clarissa, die gestern fragte, was man tun solle, wenn Kinder andere Kinder im S-Bahnhof die Treppe runterschubbsen.

Das reicht!

Gedanken an Jaroslav Opela

Im vergangenen Juni ist der deutsch-tschechische Dirigent Jaroslav Opela gestorben. 1966 kam er nach München um bei Rafael Kubelik zu lernen. Als die Sowiets den Prager Frühling niederwalzten, blieb er.

Ich hatte das Glück Jaroslav in den 70er Jahren kennen zu lernen. Ich war ja damals für mehrere Jahre der Fahrer des Shuttle Busses, mit dem die Teilnehmer des Musikwettbewerbes der ARD durch München gekutscht wurden. Dadurch war ich unvermittelt von vielen Berufsmusikern umgeben. Für mich eine neue Welt.

Auf dem rechten Rang im Herkules Saal genau über dem Orchester sitzend konnte ich beobachten, wie er dirigierte. Ein Konzert ist mir unvergesslich: Jaroslav dirigierte „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss. Viele der Zuhörer wussten, dass kurz zuvor sein Vater gestorben war. Gebannt schaute ich hinunter und hörte die für mich damals noch fremde Musik. Der Dirigent leitete das Orchester, als sei er selbst nicht anwesend, so sehr in sich gekehrt stand er auf dem Pult. Die Spannung in ihm und dem Publikum ließ erst nach, als zunächst noch zögerlich der lange Applaus begann.

Nach der Pause wurde die Háry János Suite von Zoltán Kodály gegeben. Der dazu notwendige Zimbal Spieler trat in Nationaltracht auf. Jaroslav hatte ihn für einen Abend von der Zigeunerkapelle im ungarischen Restaurant Piroska im Haus der Kunst ausgeliehen. Es war ein Riesenerfolg, der im Piroska gefeiert wurde. Jaroslav war der Held des Abends. „Éljen Jaroslav“ riefen die Zigeunermusiker nach jedem Stück. Der Abend endete in einem verheerenden Besäufnis auf Kosten des Hauses – unvergesslich!

Alle, die damals im Gebäude des Bayerischen Rundfunks in der Hopfenstraße arbeiteten, trafen sich im Mövenpick, wenn das Kantinenessen bereits zu den Ohren wieder herauskam.

Einmal saß ich dort umringt von ausgezeichneten Musikern. Sie diskutierten über Karajan und seine letzte Einspielung von was auch immer. Ich verstehe nicht viel von Musik, und damals verstand ich noch weniger. Irgendwann wollte ich bei all dieser Fachsimpelei auch mal was sagen und meinte, für mich sei in erster Linie wichtig, dass die Musik mir gefalle.

Gerade begann ich zu merken, wie peinlich dieser Zwischenruf war, da entschied Jaroslav ex catedra: „Das reicht!“

Er schob noch nach, dass jeder Musiker froh sein könne, wenn er ein Publikum habe, dem seine Musik gefalle. „Du brauchst nicht zu wissen, wieso es gefällt, du musst nur spüren, dass es gefällt, das reicht!“

Damit hat mir Jaroslav den Schlüssel zur Musik gegeben, denn vorher hatte ich das Gefühl, als Dilettant nicht alles zu verstehen. Ich fühlte mich in den ehrwürdigen Hallen der Musik fehl am Platze.

Seither liebe ich die Musik ohne Minderwertigkeitsgefühl. Dass das Zuhören, das Genießen, und das Versinken in meinem Leben so wichtig geworden ist, verdanke ich Jaroslav und seinen beiden Worten: „Das reicht!“