Pfarrer – ein Traumberuf

Der Erste der Scholle, der Zweite dem Kaiser, der Dritte der Kirche. Mein Urgroßvater hatte es noch so mit seinen Söhnen gehalten und mein Vater hätte an dem Gedanken auch Gefallen gefunden, wäre sein zweiter Sohn nicht durch Knickebeinigkeit und Scheeläugigkeit gepaart mit Hühnerbrust aufgefallen. Er übersprang geistig den Kaiser und so ward ich für die evangelisch – lutherische Landeskirche in Bayern bestimmt. Die Sache hatte allerdings den Haken, dass ich nicht wollte.

Da fügte es Gott und berief Tante Kaula zu sich. Sie hieß eigentliche Tante Carola, hatte einen Buckel und machte uns Kinder „fürchenich“. Tante Kaulas Erbe war wider alle Erwartung mein Vater und so stellte er zu seiner großen Verwunderung fest, dass er unter anderem in den Besitz einer umfangreichen Steinsammlung gekommen war.

Beim Mittagessen verkündete er nun, ich bekäme von ihm die Steinsammlung, wenn ich Pfarrer würde. Ich wollte mir die Sache vorher genau ansehen und erfuhr, die Steinsammlung lagere im Oberen Saal in einer Holzkiste. Das hätte mich schon stutzig machen müssen, denn wer bewahrt seine Diamanten schon in einer Holzkiste auf? Und siehe da, ich hob der Deckel der ziemlich großen Kiste und darin befand sich eine Sammlung geologisch sicherlich interessanter Brocken, vom Glimmerschiefer über Basalt bis hin zu einigen Kalksteinen mit Einschlüssen von Krähenfüßen oder so was.

Ich war enttäuscht, nein, ich war erbost. Mir was klar, dass Pfarrer zu sein etwas Erhabenes ist, schließlich hat niemand einen direkteren Draht zum lieben Gott als Hochwürden der evangelisch – lutherischen Landeskirche in Bayern. Das Lockmittel Glimmerschiefer war klar unpassend, ja grenzte an Blasphemie. Beim Abendessen schimpfte ich wie ein Rohrspatz und mein Vater sah ein, dass er die Sache überdehnt hatte. Man sprach nicht mehr darüber.

Jahre später, ich war bereits im Gymnasium und bemerkte, dass meine Karriere dort nicht wirklich erfolgreich verlaufen würde, da verkündete mein Vater, wer nie sitzenbliebe, bekäme zum Abitur einen neuen Volkswagen. Ich fiel ins Grübeln, denn dass ich den VW nicht bekommen würde war klar. Da fielen mir Tante Kaulas Steine wieder ein und ich machte meinem Vater den Vorschlag, dass ich auch dann einen Volkswagen bekäme, wenn ich Pfarrer würde. Er schlug ein.

Im Dorf verbreitete sich die Nachricht wie der Blitz: „Der Schloss-Hans wird fei Pfarrer.“ Zunächst wurde ich nun zu jeder Beerdigung von Kanarienvögeln, Wellensittichen und Hamstern eingeladen, um den Beisetzungen einen würdigen Rahmen zu verleihen. Die Erwachsenen im Dorf aber hatten ihren Spott mit mir: „Hans, du wirst amol a Lüchnsoocher vo die Kanzl ro!“ oder:“Denna Pfaffn stenn die Händ zwamol wegwärdsich vo de Ärwed, und so a Faulbälz willst du wern?

Ich war erschüttert, zumal ich davon ausging, dass die Erwachsenen die oben geschilderte Erhabenheit des Berufs des Pfarrers mit mir teilten. Immerhin sah ich all diese Lästerer allsonntäglich in der Kirche. Was wollten sie dort, wenn sie das, was der Herr Pfarrer predigte, für Lügen hielten?

Dann fragte mich die sächsische Köchin meiner Großmutter, was der Unterschied zwischen einem Bäcker und einem Pfarrer sei? Auflösung: Der Bäcker backt „Brädchen“ und der Pfarrer „dud brädchen“.

Darüber konnte ich mich schon nicht mehr ärgern, denn die Pubertät begann mit all ihren akustischen und geruchlichen Beschwernissen für meine Umwelt. Für mich hatte die Pubertät den ganz großen Vorteil, dass mir erstmals in meinem Leben alles vollkommen wurscht war. Als ich aus diesem wunderbaren Zustand erwachte, war ich sitzen geblieben und dennoch weiterhin Klassenschlechtester und die Idee, Pferrer zu werden, hatte sich verflüchtigt.

Den (gebrauchten) VW hab ich mir dann beim Kufi in Ebern am Fließband verdient.

Bierausfahrer

Wir wollten mit dem VW Bus die Sahara durchqueren und dazu braucht man ja etwas Geld. Ich arbeitete dafür in der Schloßbrauerei Thüngen, wo man mich zunächst für ein U-Boot meines Großvaters hielt. Man beschloss das Barons-Bürschla auf die Probe zu stellen und ließ mich drei Tage lang härteste und unangenehmste Arbeiten verrichten. Offenbar habe ich das Verfahren erfolgreich durchlaufen, denn vom vierten Tag an war ich Beifahrer im Bierauto. Ich habe die Namen der verschiedenen Chauffeure vergessen. Der erste, man vertraute ihm nur noch kurze Strecken an, ernährte sich ausschließlich vom Bier. Er war spindeldürr und hatte einen Blähbauch. Er erzählte viel von vergangenen Zeiten, auch davon, wie der Sekt aus dem Juliusspital in den Kellern der Brauerei ausgelagert worden war.  „Wie die Ami nacher kumma senn, ham sa den ganzn Sekt auf den Misthaufn gschütt. Wie des Zeuch, wo do aus’n Überlauf rauskumma is, nimmer so arch gschdungn hat, ham mers gsuffn.“ Nicht nur angenehm waren die Kontakte mit den Wirten. Der in Halsheim hielt uns längere Zeit fest, nur um mir zu berichten, was der Bruder vom Baron doch für ein fabelhafter Nazi gewesen sei.

Mit einem anderen Bierkutscher befuhr ich die die Vordere Rhön. Ortsnamen, die ich nur dem vom Hörensagen kannte, füllten sich mit Inhalt. In Langenporzelten durften nur 20 Liter Fässer geliefert werden, weil die Wirtin zu alt war, größere zu bewegen. In Wartmannsrot durfte nur geliefert werden, wenn der Wirt vor dem Abladen zahlte In Rieneck und Zeitlofs gab’s die besten Brotzeiten. Irgendwann fiel mir auf, dass wir durchaus nicht den kürzesten Weg von Abladeplatz zu Abladeplatz nahmen. Ich wurde belehrt, als Bierfahrer müsse man strategisch vorgehen. Wo man eine Brotzeit bekommt, muss man gegen 10 Uhr abladen. In Burgsinn gab es umsonst eine Bratwurst mit Sauerkraut, also 12 Uhr. Dann weiter nach Mittelsinn und Obersinn. Dort mussten die Bierkästen in den Keller geschafft werden. Problem dabei: Der Stallhasensaft rann die Kellertreppe hinab, äußerste Rutschgefahr! Nachmittagsbrotzeit dann in Eußenheim, und weil es von dort nach Thüngen nichtmehr weit war, durchaus auch mal zwei Bier. Das abschließende Bier am Nachmittag war nur die Krone einer fast ungebrochenen Kette von Bieren, die wir im Laufe des Arbeitstages zu uns nahmen. Wenn es einmal nur eine Tasse Kaffee gab wie beim Wirt in Detter, waren wir beide eigentlich ganz dankbar für den alkoholischen Aussetzer, dennoch schimpfte mein Chauffeur danach: „So droggn ka iich mein Kaffee fei ned gadring“! Bevor wir eine Wirtschaft anfuhren, wurde ich über den Charakter des Wirtes und dessen familiäres Umfeld genauestens unterrichtet: „Die Fraa von Wird in Rieneck – ach Goodla! Aber sei Dochdä, naja, des is aa scho wiedä Jaahre her.“

Begleitet wurde die Fahrt von den monotonen Hinweisen: “Do drühm ham mer fei a Debboh.“

Mit dem dritten Bierkutscher belieferte ich die Flaschenbier Depots in Würzburg und Umgebung. Er erklärte mir, dass sich mein Großvater von den 8.50 DM, die ein Kasten Bier kostet 6 „Märgla“ als Reinverdienst in die Tasche stecke. „Ka Wunner, äß der an Merzedes had.“ Er kannte sich aber nicht nur in Wirtschaftsdingen aus, seine wahre Expertise waren die Frauen. Er konnte am Gang einer Frau erkennen, ob sie Spaß an Sex habe und besonders, wie lange es her gewesen sei, dass… Er legte Wert darauf, sein Wissen auf mich zu übertragen, und frug mich ab: „Die do mit den schwadzn Däschla?“. „Drei Stündla“ antwortete ich. „Aff, blöder, höxdns zwanzich Minuddn.“ So lernte ich die Straßen Würzburgs unter einem unerwarteten Gesichtspunkt kennen. In Geretsried, der scheußlichen Schlafstadt oben auf den Hügeln störte ich ihn ganz offensichtlich. Manche grüne Witwe erwartete ihn dort nicht nur als Flaschenbierlieferant. Irgendwann gelang es ihm, mich loszuwerden, denn plötzlich fand ich mich auf der Rhönroute wieder, was meiner Sittlichkeit wohl bekam, der Leber weniger.

 

Rechtzeitig zur Weihnacht

Wie jeder geplagte Haushaltsvorstand weiß, ist eines der wichtigsten Anforderungen, die das Weihnachtsfest an ihn stellt, nein, die Anforderung schlechthin das Motto: „Wie immer!“

Nichts darf sich ändern, sonst wird die Großmutter zänkisch, die unverheiratete Tante melancholisch und die Kinder aufsässig.

In diesem Zusammenhang ist wiederum eines der wichtigsten „Wie-immers“ die Länge der Fäden, an denen die Äpfel an den Baum gehängt werden.

Dass der Faden rot zu sein hat, versteht sich von selbst, nur das mit der Länge ist nun schon seit etwa 30 Jahren ein Ärgernis.

Bis Ende der 80er Jahre nahm man das Gesangbuch der evangelischen Landeskirche in Bayern zur Hand und wickelte den roten Faden so oft längsseits darum wie man Äpfel hatte. Dann wurde der Faden durchgeschnitten, die Enden verknotet und zwischen Daumen und Zeigefinger eine Schleife gebildet, die um den Stiel gelegt, perfektes Aufhängen garantierte.

Dann aber brachten die Landeskirchen dieses neue Gesangbuch heraus, in Berlin ist es grün, in Bayern ist es blau ein Ärgernis sind beide: sie sind zu dick! Der darum gewickelte Faden wird dadurch zu lang und der arme Apfel hängt dann irgendwo seelenlos am Baum, womöglich sogar ein Stockwerk tiefer als an dem Ast, an dem er angebracht wurde. Die Symbiose Ast – Faden – Apfel ist nicht mehr, von dem Prinzip „wie immer“ ganz zu schweigen.

Ersatz für das alte Gesangbuch zu finden, ist nicht einfach, denn die Bibel zu nehmen grenzt an Frevel, irgendein Schmöker verbietet sich für das Maßnehmen aber auch, Donna Leon, Fanny Hill oder Brechts Gedichte – eine Blasphemie, man würde seiner Weihnachten nicht mehr froh.

Nun aber habe ich heute Morgen den perfekten Ersatz für das alte Gesangbuch der evangelischen Landeskirche in Bayern gefunden. Es ist ein frommes Buch, allerdings nicht die Essenz des Christentums und darum bedenkenlos verwendbar. Das Buch ist auch überall zu haben, wenn es nicht sowieso schon in jedem halbwegs christlichen Haushalt vorrätig ist. Hier vorab die ISBN Nummer: 3-438-06201-1.

Das Buch liegt gut in der Hand und hat fast auf den Millimeter genau die gleichen Ausmaße wie das alte Gesangbuch. Gerade habe ich zwanzig Mal einen roten Bindfaden darum gewickelt und alte vertraute Gedanken an die Heilige Weihnacht meiner Kindheit in Franken wurden wieder wach: Plätzchen- und Tannenduft, Vorfreude und Mutterkuss, Weihnachtslieder und Bedankemichbrief. Ach, es ist eine Lust wieder im richtigen Weihnachten zu leben.

Nun will ich Sie alle aber nicht länger auf die Folter spannen. Das richtige Buch ist die Wortkonkordanz zur Lutherbibel, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft. Ist in jeder besseren Buchhandlung zu haben. Darum, wer das Buch noch nicht hat:

„Auf, auf, rette deine Weihnacht, kauf die Wortkonkordanz und alles ist wie immer!“

Eine friedliche Geschichte zu Weihnachten

Wenige wissen, dass das Gewässer, das Kanada von Grönland trennt, Kennedy Kanal heißt. Noch weniger aber wissen, dass die Insel, die genau in der Mitte des Kanals liegt, weniger als 12 Seemeilen von der kanadischen Küste entfernt und weniger als 12 Seemeilen von der Küste Grönlands entfernt, Hans Island heißt.

Zwar ist die Insel unbewohnt und wenn man mal ganz ehrlich ist, dann handelt es sich auch nur um einen 1,3 qkm großen Felsen im Eismeer ohne jegliche Vegetation. Dennoch denke, dass die Namensgebung ein Volltreffer ist. Leider gehört mir die Insel trotz des Namens nicht, vielmehr streiten sich Kanada und Dänemark erbittert darüber, wes Eiland der Felsen sei.

Internationale Gerichte wurden befragt, diplomatische Noten wurden ausgetauscht, die UNO behandelte die kitzelige Frage, alles ergebnislos. Beide Seiten halten felsenfest an ihrem Anspruch am Felsen fest.

Auf der Insel ist wirklich nichts los, kein Hafen, keine richtige Anlegestelle, nichts, nada de nada.

Alle paar Jahre aber kommt ein kanadisches oder dänisches Patrouillenboot vorbei und dann entbrennt der Krieg um die Insel jedes Mal von Neuem. Und das geht so:

Der kanadische Kapitän des Bootes erklimmt das Plateau der Insel, entfernt die dort gehisste dänische Flagge, nimmt die dort liegende Flasche Aquavit mit, hisst die kanadische und hinterlässt zu Füssen des Mastes eine Flache kanadischen Whiskeys. Das Fläschchen harrt nun aus, bis irgendwann einmal ein dänisches Patrouillenboot vorbeikommt, dann erklimmt sein Kapitän das Plateau, entfernt die kanadische Flagge, nimmt die Flasche Whiskey an sich, hisst die dänische Flagge und hinterlässt eine Flasche Aquavit.

Beide Staaten können mit diesem verbissen geführten Krieg gut leben und sollten dem Rest der Welt als Beispiel dienen.

Gloria in excelsis deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis.

Frohe und gesegnete Weihnachten!

Cello spielen ist nicht leicht

Als ich elf Jahre alt war, beschlossen meine Eltern, ich hätte eine Begabung für das Cellospiel. In Schondorf im Internat bekam ich Cello Unterricht im Musikzimmer unter den gestrengen Blicken der vier Apostel von Albrecht Dürer. Noch heute denke ich, die vier Herren müssten mir gram sein.

Meine Lehrerin war Frau Raba. Sie war die Cellistin im damals sehr bekannten Raba Trio. Es war die Zeit der Glockenröcke. Dieser Mode versagte sich auch meine Cellolehrerin nicht. Man muss sich diese Röcke vorstellen, als seien sie Schweizer Kuhglocken, nur halt aus Stoff: oben ausufernd, um die Knie eng, so dass die Damen allerliebst trippelten.

Als ich zur ersten Unterrichtsstunde erschien, fragte ich mich, wie die Lehrerin mit diesem engen Rock wohl Cello spielen werde. Bevor sie sich hinsetzte, zog sie – ritsch, ratsch – an zwei Reißverschlüssen, der Rock öffnete und gab verborgene Falten frei, so dass sie das Cello zwischen die Beine nehmen konnte. Ich habe die erste Stunde im Zustand sittlicher Benommenheit in Erinnerung.

Ach Du Schönes Cello, so heißen die Saiten von links nach rechts vom Spieler aus gesehen. Das Problem war, dass ich beim Bespielen der A-Saite Gänsehaut bekam. Wer übt schon gern ein Musikinstrument, wenn er dabei von Gänsehautanfällen geschüttelt wird? Hinzu kam, dass mein kleiner Finger noch zu schwach war und schmerzhaft durchdrückte, sollte er eine Saite niederhalten. Ein erfahrener Musikpädagoge hätte schnell merken müssen, dass das mit mir und dem Cello keine Liebesehe werden würde. Aber Frau Raba war jung und brauchte das Geld. Sie erzählte mir, sie mache vom Vorspiel ihrer Schüler immer Tonbandaufnahmen. Bei mir kam es nie dazu, wohl auch deshalb, weil ich fast nie übte.

Dennoch war ich irgendwie stolz darauf, dass ich das internatseigene Halbcello bespielen durfte. Ich spielte meinem Bruder vor. Der behauptete später, ich hätte einmal bravourös über alle vier Saiten gestrichen. In meiner Erinnerung trug ich den Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ vor.

Die wöchentliche Cellostunde wurde eine ständige Probe der Demut, denn es stellte sich heraus, dass neben meiner Unlust zum Üben noch ein vollkommenes Fehlen des Gefühls für Takt hinzukam. Frau Raba stellte ein Metronom auf, ich leierte die Etüden runter. Frau Raba führte mir die Hand, dagegen wehrte ich mich, Frau Raba spielte mit mir, ich war immer vorher fertig. Es war schrecklich.

Offenbar erkundigte sich die Musiklehrerin, Fräulein Lohmann, irgendwann nach meinen Fortschritten, denn es war ein Vorspielen aller derjenigen geplant, die ein Instrument erlernten.

Nun war Frau Raba beim Ehrgeiz gepackt und sie bläute mir eines der Haydn Stücke ein, in denen die Cello Partie für den Fürsten Esterhazy besonders leicht gehalten war. Christiane Horn, eine musikbegnadete Klassenkameradin, sollte mich am Klavier begleiten. Wir übten und sie fand den Bogen heraus, mir durch meine synkopische Interpretation Haydns zu folgen – ein musikalisches Genie.

Es kam der Tag der Aufführung. Ich saß in der ersten Reihe, von unter dem Klavier schaute mich das Cello herausfordernd an. Nach einer furiosen Orgeldarbietung, die Gudrun von Eichel gab, waren Christiane und ich dran.

Ich bückte mich, um das Cello hervorzuholen. Es machte ratsch und mein dem Publikum zugewendeter Hosenboden riss. Ich hatte die Lacher auf meiner Seite, immerhin.

Ich setzte mich auf meinen Stuhl stimmte das Cello erst gar nicht und begann ohne Christiane prestissimo meine Cello Suite runterzuleiern. Irgendwann setzte auch Christiane ein und es gelang, gemeinsam aufzuhören.

Danach habe ich nie wieder ein Cello angerührt.

Mallorca ohne Air Berlin, ist das denkbar?

AIR BERLIN fliegt nicht mehr nach Mallorca! Eine Epoche geht zu Ende.

Am vergangenen Freitag bin ich wohl zum letzten Mal mit Air Berlin geflogen, AB 7223, PMI -TXL. Wehmütigen Gedanken hing ich nach, denn denen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten auf Mallorca gewohnt haben, war diese Fluglinie ans Herz gewachsen: Unter der Leitung von Álvaro Middelmann, dem Direktor für Spanien und Portugal, war Air Berlin der Schlüssel für Europa geworden. Nachdem in Son San Juan, dem Flughafen auf Mallorca, ein HUB eingerichtet worden war, konnte man plötzlich in fast alle Städte Deutschlands direkt fliegen, aber ebenso nach spanischen Regionaflughäfen, die von Mallorca anzufliegen die madridlastige Iberia unter ihrer Würde hielt. Santiago, Bilbao, Jérez, Málaga, Porto und Lissabon, all diese Strecken habe ich genutzt und war dankbar.

Dieser Dank hatte auch ein eindeutiges Ziel in der Person von Álvaro. Er war nicht nur der Initiator des HUBs und hat sich damit unschätzbare Verdienste für den Tourismus in Spanien erworben, er war auch „unser“ Direktor bei Air Berlin.

Als wir mit einem der ersten Flieger, der die Strecke Mallorca – Zürich bediente, dort ziemlich spät ankamen, klappte die Koordination nicht so richtig. Die Schweizer hatten vergessen, die Passkontrolleure ans Gate zu schicken. Wir saßen fest. Ein Anruf bei Álvaro Middelmann genügte, und schon kurze Zeit später kamen die CH-Zöllner im Schweinsgalopp daher.

Für mich war natürlich immer der Flug nach Nürnberg die wichtigste Verbindung. Unzählige Male sind wir mit den Kindern zu Weihnachten, Familienfesten und Ferien nach Franken geflogen. Besonders dankbar war ich für die tägliche Verbindung, als meine Mutter schon sehr alt war und ich sie so bis zu ihrem Sterben oft besuchen konnte.

Niemand, der auf Mallorca wohnt, und dem es wichtig war, schnell und bequem aufs spanische Festland oder nach Mitteleuropa zu kommen, hat im Laufe der Jahre die Flüge von Air Berlin nicht genützt.

Mit wachsender Sorge haben wir alle den wirtschaftlichen Niedergang der Airline verfolgt. Jetzt ist es sicher: Air Berlin fliegt nicht mehr nach Mallorca. Eine Epoche geht zu Ende. Ein guter Moment, Álvaro Middelmann zu danken. Gracias amigo.

Aleppo

Ich gehe nicht auf die Straße, weil ich weiß, dass es nichts bringt.

Ich gehe aber auch deshalb nicht auf die Straße, weil ich nicht weiß, wer in diesem Krieg der Schuftigste, der weniger Schuftige und wer nur ein Schuftito ist.

Statt gegen jemanden auf die Straße zu gehen, könnte ich ja auch für jemanden auf die Straße gehen. Okay, ich demonstriere nachher mal eine Stunde lang für die Zivilbevölkerung von Aleppo. Da wird man sich dort aber freuen!

Natürlich brauchen die Menschen in und um Aleppo materielle Hilfe. Ich spende aber nichts, weil ich überhaupt nicht weiß, wem ich mein Geld anvertrauen kann in der Hoffnung, dass damit eine Familie genährt, gewärmt und gekleidet wird. Wenn ich Geld gebe, bin ich vielmehr davon überzeugt, dass es entweder von der Korruption verschluckt oder gar zu Waffenkäufen genutzt wird.

Ich könnte Petitionen unterschreiben und tue es nicht, weil ich mutmaße, dass meine Unterschrift nur dazu dient, dass sich mit ihr und den vielen anderen jemand wichtigmachen will. Noch dazu, was soll ich unterschreiben, wenn ich nicht weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind?

Ich engagiere mich nicht, weil ich feststelle, dass das Engagement wichtiger Staatslenker, ja ganzer Staaten, zu rein gar nichts Gutem führt.

Ich sehe mir das Grauen im Fernsehen an und lese in der Zeitung darüber. Ich bin Zeuge eines der größten Kriegsverbrechen seit 1945 – und tue nichts, denn ich weiß, dass keiner der Kriegsverbrecher je zur Rechenschaft gezogen wird.

Mein Nichtstun macht mich mitschuldig. Ich weiß das ebenso wie jeder, der dies liest, es ebenso weiß.

 

FOGÜ

In den 80er Jahren, als ich noch auf Ibiza unter anderem Cowboystiefel, dazugehörige Jacken und Hosen verkaufte, hatte ich eine treue Stammkundin. Sie kam auch Memmelsdorf bei Bamberg und stellte mir stets ihren jährlich wechselnden Begleiter vor: „Des is fei edserd mei Mamfred“. Ich erinnere einen Luddwich, einen Gerhard und einem Maario. Das Procedere war immer gleich: Er wurde eingekleidet.

Die unglückseligen jungen Männer hatten rein gar nichts zu vermelden. Modische Bemerkungen oder gar Vorbehalte wurden unwirsch beiseite gefegt, bis nach einiger Zeit der perfekte „Western Man“ vor uns stand.

Schwarze Cowboystiefel mit rosa Aufnähern, braune, enganliegende Wildlederhose und eine weise Lederjacke mit bunten Streifen rundherum. Die Farbtöne kann man untereinander beliebig wechseln, der jeweilige Begleiter sah stets aus wie die Schaufensterpuppe von Berties Western-Shop am Hauptbahnhof.

Die Dame aus Memmelsdorf aber war immer sehr zufrieden und machte ihrem Liebsten Mut, denn den brauchte dieser, wenn er in dem jeweils gewählten Outfit im Nachtleben Bambergs bestehen wollte.

Es kam sodann der Moment, auf den ich jedes Jahr mit größter Vorfreude wartete: Wenn die Verwandlung des Begleiters fertig war, stemmte sie die linke Hand in die Hüfte, drehte sich zu mir um und fragte: „Und breislich?“

Es fing gleich eine lange und lustvoll ausgeführte Feilscherei um den Endpreis statt. Damals waren 50.000 PTAS ein Haufen Geld und sie wusste ihre Karten gut auszuspielen. Wir wurden jedes Mal handelseinig und schließlich verließ das Paar den Laden, wobei Mamfred, Luddwich, Gerhard oder Maario unter der Last der zu tragenden Tüten ächzte.

Wir führten damals auch sehr elegante Damenstiefel von Charles Jourdan und ähnlichen Berühmtheiten. Ich konnte die Dame nie dazu verführen, auch etwas für sich zu kaufen, ihr genügte es, den stummen Herrscher ihres Herzens auszustatten.

Einmal jedoch fragte sie mich im Hinausgehen: „Ich bräucherd fei für mir a weng a Die-Shörd wo vorn Fogü draufsteht. Wo gibdsn sowos?“

Ich weiss nicht welcher Heilige aus dem spanischen Angebot mich in dem Moment umschwebt hat. Jedenfalls gab er mir ein, dass die Dame „Vogue“ meinte.

Ich schickte sie zur Boutique um die Ecke und tatsächlich traf ich sie anderntags auf der Straße und las das sich über ihrem Busen spannende Zauberwort.

Jean Claude pfeift im Dunklen

Kaum hatte ich gestern meinen Betrag über das Abendland veröffentlicht, las ich abends auf der Terrasse eines Straßencafés in Palma einen Artikel den Tusk, Juncker und Stoltenberg in „El País“, der Süddeutschen Zeitung Spaniens, veröffentlicht haben.

Sie priesen darin die Zusammenarbeit zwischen EU und NATO in den höchsten Tönen und forderten, die Kooperation noch zu vermehren. Warum? Es ist doch allen vollkommen klar, dass EU und NATO für die Europäer und Amerikaner stets von hohem Wert waren. Das war bisher ein „win-win Spiel“.

Wozu muss man das betonen? Das weiß doch jeder!

Oft ist das Wichtige nicht der Inhalt, sondern der Zeitpunkt einer Veröffentlichung. So auch hier.

In gut einem Monat haben wir in den USA einen neuen Präsidenten, der zwar unberechenbar ist, aber unmissverständlich klar gemacht hat, dass er nicht mehr bereit sei, auszugleichen, was die Europäer in ihren Wehretats sparen. Bisher haben die USA – um ihrer Freude an der eigenen Hegemonie willen – den Großteil der militärischen Kosten und Lasten in der NATO getragen.

Toll sagten die europäischen Finanzminister und strichen die Verteidigungskosten dermaßen zusammen, dass ein großer Teil des militärischen Geräts entweder veraltet oder unbrauchbar geworden ist.

Das wird so nicht weiter gehen. Und deshalb hat der erwähnte Artikel ein „Gschmäckle“ weil er wirkt, als pfiffen die drei Herren in Dunklen, um so das „böse Tier“ nicht fürchten zu müssen.

Das „böse Tier“ ist die unangenehme Situation, dass die drei Herren genau wissen, dass sie etwas unternehmen müssen, aber nicht wissen wie.

Ganz eindeutig geht der Weg hin zu einer europäischen Verteidigungsallianz. Das wird teuer. Aber das ist noch das kleinste Problem, denn es wird schwierig werden, die europäischen Partner unter einen Hut zu bekommen. Es sind ja nicht nur die Regierungschefs, die sich einigen müssen. Hinter diesen steht ihr jeweiliges Wahlvolk. Und da mag so mancher Politiker die bekannte Arie anstimmen: „La gente è mobile, qual pluma al vento“.

Ich befürchte eine nicht enden wollende Diskussion, die nur zu Einem genutzt wird: Nichts zu tun.

Wenn sich die USA mehr und mehr von der Weltbühne verabschieden, kann das durchaus sinnvoll und nützlich sein, aber es entsteht ein militärisches und diplomatisches Vakuum. Europa ist gut beraten, wenn es sich darüber klar wird, dass es die europäischen Staaten und Institutionen sind, die dieses Vakuum ausfüllen müssen.

„Das schaffen wir nie, Europa ist zu klein dazu!“ Ich höre die Rufe schon jetzt. Aber die Rufer haben nicht Recht. Die europäischen Staaten sind gemeinsam so stark wie die USA. Und sie haben einen wirklichen Vorteil: Ihr Image ist nicht so befleckt, wie das der Amis. Das mag daran liegen, dass sich die EU weltpolitisch immer fein rausgehalten und sich deshalb nicht die Hände schmutzig gemacht hat. Die Staaten Europas sind alle mehr oder minder vorbildliche Demokratien, ein Vorteil, der hoffentlich bei den anstehenden Wahlen nicht flöten geht.

Alles in Allem bedeutet das, Europa kann. Die Frage, ob es auch will, ist bisher unbeantwortet und die Herren Tusk, Juncker und Stoltenberg hatten sicher die Absicht, mit ihrem Artikel die notwendige Diskussion anzuschieben.

Marmelade, Mus und Saft

Im Herbst gibt es einen Geruch, den ich über alles liebe: Der Rauch der Kartoffelfeuer. Leider hatte mein Vater seinen landwirtschaftlichen Betrieb schon sehr früh insoweit rationalisiert, als nur noch das angebaut wurde, was mit dem Mähdrescher geerntet werden konnte. So musste ich zu den Bauern im Dorf ausweichen, wenn ich bei der Kartoffelernte mithelfen wollte, denn nur so kam man an die wunderbaren Kartoffeln, die in der Glut der Feuer gegart wurden.

Ich hatte mir den Metzgers Bedä ausgesucht und ging mit ihm und seiner ganzen Familie hinaus auf den Kartoffelacker

Der Metzgers Bedä hieß weder Metzger noch Peter. Da sein Vater Hausschlachtungen machte, hieß ursprünglich dieser so. Und dann war der Name halt auf den Sohn übergegangen, der eigentlich Martin Zürl hieß.

Der Metzgers Bedä hatte einen Apparat an seinen Traktor geschraubt, der die Kartoffeln aus dem Erdreich holte. Wir mussten die „Grumbern“ nur in geflochtenen Körben aufsammeln, die, wenn sie voll waren, in große Säcke entleert wurden. Mit der Zeit wurde das für mich, den damals noch nichtmal Zehnjährigen, anstrengend. Ich sehnte mich nach der Brotzeit.

Als es so weit war, wurden die vollen Säcke zu Boden gelegt und die Mannschaft versammelte sich darauf sitzend in der Nähe des wärmenden Kartoffelfeuers. Das Brot wurde mit der Hand geschnitten und aus den Brotzeitbeuteln kamen wahre Schätze an Wurst und Käse hervor.

Ich hatte natürlich auch eine Brotzeit von zu Hause mitbekommen, die ich nun erwartungsvoll auspackte. Sofort erntete ich Hohn und Spott in bisher nicht gekanntem Ausmaß, denn meine Brotzeit bestand aus einem Marmeladenbrot.

Ich hatte bis dahin überhaupt nichts Schlimmes an einem Marmeladebrot gefunden, aber das lag eben daran, dass ich vorher noch nie Brotzeit mit Menschen gemacht hatte, die körperlich hart arbeiteten. Eine Pause beim Schulausflug war halt keine Brotzeit.

Der Metzgers Bedä verbot mir schlichtweg, mein Marmeladenbrot zu essen. Seine Mutter schnitt eine riesige Scheibe vom Brotlaib ab und gab sie mir zusammen mit einer dicken Scheibe Rodgelechdn, zu Deutsch, rotem Presssack. So etwas gab es bei uns zu Hause nie, und wenn doch, dann ganz bestimmt nicht in solchen zentimeterdicken Scheiben.

Zur Freude aller genoss ich meine Brotzeit ungemein.

Als die Pause vorüber war, verkündete der Metzgers Bedä folgenden Sinnspruch, der mich seither bis in mein heutiges Übergewicht begleitet hat:

Mammelade, Mus und Safd, bringt viel Scheise, wenich Grafd.