Hütet euch vor der Duzerei

In meiner Kindheit gab es außer meinen Familienangehörigen und den Kindermädchen keinen Erwachsenen im Dorf, den ich nicht gesiezt hätte.

Ich fand das vollkommen in Ordnung, denn auch der Dorfdepp war Erwachsener und verdiente deshalb Respekt.

Als ich nach Spanien ging, musste ich mich erst daran gewöhnen, dass sich dort alle Welt duzte. Den gleichen Beruf zu haben, in stabiler Geschäftsbeziehung zu stehen oder den morgendlichen café con leche in der gleichen Bar einzunehmen, genügte, dass man vom förmlichen „usted“ zum vertrauten „tu“ überging.

Allerdings hat das spanische „tu“ nichts gemein mit dem deutschen „du“.

Ein Spanier würde nie auf die Idee kommen, einem Duzfreund die Würde, den Respekt abzusprechen. Es heißt nicht umsonst, der Spanier sei stolz. Man kann alberne Witze machen, sich auf die Schulter hauen, aber wenn`s an die Persönlichkeit geht, dann hört der Spaß auf. Ich erinnere mich, dass eine Freundin sich über ihren Verlobten aufregte du ihn einen „cabrón“, einen Ziegenbock, schimpfte. Als ich ihn auch „cabrón“ nannte, wurde ich von beiden unisono auf’s Schärfste zurechtgewiesen, denn sowas könne man einander an den Kopf werfen, wenn man sich liebt, ich hätte gefälligst Abstand und Respekt zu wahren.

Ich hatte meine Lektion gelernt und konnte fortan mit dem spanischen „tu“ umgehen.

Als ich nach Deutschland, sprich Berlin, zog, war ich entsetzt, festzustellen, dass sich hier Jedermann duzt. Ich habe unterdessen den Kampf aufgegeben und akzeptiere resignierend, dass mich Kellner, die ich mein Lebtag noch nicht gesehen habe, duzen.

Die Berliner sind ja bekannt für Ihre Unfreundlichkeit, sie nennen es „unsere direkte Art“. Wie dem auch sei, diese direkte Art führt auf den Gehwegen oder im Straßenverkehr immer wieder zu scharf geführten Diskussionen, wobei sich die Kontrahenten grundsätzlich duzen. Offenbar gibt der Umstand diametral unterschiedlicher Meinung zu sein, das Recht, einander zu duzen. Der Erfolg ist, dass man ziemlich schnell zu Verbalinjurien greift.

Ich denke dann immer an meinen Vater, der uns vor der Duzerei immer gewarnt hat, wobei seine Begründung die war, es sei schwerer Sie Arschloch zu sagen, als du Arschloch. Mit dem „du“ falle eine verbale Hemmschwelle.

Es genügt ein Blick in die sozialen Medien, um einzusehen, dass er Recht hat. Wenn Renate Künast auf Übelste beleidigt wird, dann tun das Mitbürger, die sie noch nie gesehen haben, ganz selbstverständlich per du.

Nun wissen wir ja alle, dass verbale Enthemmung leider allzu oft in körperliche Enthemmung ausartet.

Seit fast niemand dagegen vorgeht, dass unsere Mitbürger im Internet Schlimmes zu tun ankündigen, gibt es auch andere Mitbürger, die sich dann auch trauen, genau das zu tun. Letztere sind die nützlichen Idioten der geistigen Brandstifter, die durch Aussprechen eines Wortes es möglich machen wollen, dass andere es tun.

Sie prügeln nicht, sie lassen prügeln und sie schießen nicht, sie lassen schießen.

Nur eines haben beide gemein: Die vollkommene Enthemmung und Verrohung.

Sie beginnt, wenn wir nicht auf unsere Sprache aufpassen und sie endet mit Schüssen auf Synagogen, Regierungspräsidenten und Shisha Bars.

Die bürgerliche Rechte

Ich bin stolz darauf, zu denen zu gehören, denen Franz Josef Strauß Prügel angeboten hat. Wir haben damals eine seiner Veranstaltungen in Dießen am Ammersee etwas aufgemischt.

Sein Postulat, rechts neben der CSU dürfe es keine weitere politische Option geben, habe ich damals als Beweis dafür verstanden, wie unmöglich weit rechts die CSU steht.

Wie Recht Strauß hatte, zeigt sich jetzt, wo wir rechts neben der Union die Afd zu stehen haben.

Er wurde 1915 in München in eine Metzgerfamilien hineingeboren und hat als katholischer junger Mann sehr wohl mitbekommen, wie sehr die Nazis bedrohlich, ja existenzbedrohend waren, für das, was er von zu Hause mitbekommen hatte. Am Maximiliansgymnasium hatte er darüber hinaus eine profunde humanistische Erziehung genossen. Trotz aller berechtigter Kritik am späteren Politiker konnte und wollte ihm niemand seine demokratischen Überzeugungen absprechen.

Das hob ihn von der bürgerlichen Rechten seiner Zeit ab, wo man die Demokratie als willkommenes Vehikel zur Verfestigung des status quo und insbesondere des Besitzstandes sah.

Der ehemalige BfV Chef Hans Georg Maaßen hat das nach dem Dammbruch in Thüringen wunderbar klar in Worte gefasst: „Hauptsache, die Sozialisten sind weg.“

Bei der bürgerlichen Rechten geht es nur darum, welche Partei für sie das erhält, was sie trägt und ernährt.

Alle, die mein fortgeschrittenes Alter haben, werden sich noch daran erinnern, wie die Mitgliedschaft in der NSDAP in der Nachkriegszeit kleingeredet wurde. Es wurde als nicht so schlimm erachtet, erstens wie Viele Mitglied waren und zweitens, weil sie ja nicht aus Überzeugung beigetreten waren, sondern um sich und ihren Status zu retten. Motto: „Ich werde nicht zulassen, dass die Scheiß Nazis meinen Betrieb ruinieren, also trete ich der Partei bei.“

Die DDR war später das willkommene Gegenbeispiel: „Du glaubst doch nicht, dass das da drüben 17 Millionen Kommunisten sind. Die machen doch nur mit, damit sie das Leben haben. Das war bei den Nazis auch nicht anders.“

Es begann die Gleichsetzung von linksradikal mit rechtsradikal. Das war ja auch sofort einleuchtend, weil man annehmen konnte, dass es einem Gefangenen, sei er in einem KZ oder einem GULAG eingekerkert, vollkommen egal war, wes Geistes Kind sein Mörder war.

Mit Der Linken kann man nicht zusammenarbeiten, weil das die Nachfolgepartei der Bonzen ist, die auf ihre eigenen Landsleute schießen lies. Da ist was dran.

Es wird dabei allerdings übersehen, dass Die Linke seit 30 Jahren unbestreitbar in demokratischer Weise das politische Geschehen in der Bundesrepublik mitgestaltet, während die AfD neben manchem anderen Sündenfall, die Verbrechen der Nazis an Millionen Menschen zu verharmlosen versucht, Stichwort „Vogelschiss“.

Wir müssen uns darüber klar werden, dass viele der bürgerlichen Rechten in Deutschland sich politisch auf einer schiefen Ebene verortet haben, die sich bedenklich nach rechts neigt.

Man kann die Verfehlungen, die Sauereien, die Skandale der Parteien im politischen Spektrum der Bundesrepublik gegeneinander aufrechnen. Das ist aber nicht weiterführend, zumal es dann zynisch wird, wenn man darüber diskutiert, ob die Linken oder die Rechten mehr Menschen umgebracht haben.

Wie immer, so gilt auch hier: „Wehret den Anfängen!“ Die bürgerliche Rechte ist verführbar. Man braucht ihr nur zuzuraunen, jemand wolle ihr ans Eigentum, schon sind ihr rechtsradikale Positionen wohlfeil.

Symbolpolitik

„Hauptsache, die Sozialisten sind weg!“

So hat der selbsternannte Sprecher der bürgerlichen Rechten, der ehemalige BfV Chef Hans Georg Maaßen, die Ereignisse in Thüringen kommentiert.

Er hat damit eine geradezu atavistische Angst vor den Linken zum Ausdruck gebracht.

Ich habe den Eindruck, dass das heutzutage übertrieben ist, denn ich stelle immer wieder fest, dass linke Politik derzeit in erster Linie Symbolpolitik ist.

Als auf den Balearen eine links-regionalistische Regierung an die Macht kam, war eine der ersten Maßnahmen, einen Film in Auftrag zu geben, in dem darauf hingewiesen wurde, dass es auch ein drittes Geschlecht gäbe und das man das zu respektieren habe.

Um es mit Brecht zu sagen: „Das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt.“ (Die Nachtlager)

Ein weiteres Beispiel für meinen Verdacht bot mir Frau Sigrid Maurer. Sie ist Club Obfrau der Grünen im Wiener Parlament. In einem Interview, das der ORF sendete, sprach sie nur von Expertinnen, Politikerinnen, Wählerinnen und anderen -innen. Ich fand das irgendwie charmant, aber letztlich sind das Albernheiten.

Das ist alles Symbolpolitik, mit der man die Kinogänger in Palma, die Genderaktivisten in Österreich und andere Menschinnen beeindrucken möchte, die stets auf der Kimme der Welle der Fortschrittlichkeit reiten müssen.

Das bringt alles gar nichts. Damit wird die Wählerschaft in Wohlbefinden gewiegt, ohne dass sich irgendetwas ändert.

Wen es zu einer grün-rot-roten Bundesregierung kommt, ist, ich ahne es, ebenfalls erstmal Symbolpolitik angesagt.

Was wollen die denn dann so viel anders machen? Die EU-Gesetze müssen weiter befolgt werden, das Grundgesetz gilt weiter und die Länderregierungen haben auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Ja, man wird an der Steuerschraube drehen, man wird die schwarze Null vergessen, aber ansonsten wird auch eine solche, so gefürchtete Regierung „business as usual“ betreiben müssen. Um das zu verdecken, wird man das berühmte dritte Klo einführen, auf den Ministersesseln werden mehrheitlich Frauen sitzen, bei militärischen Auslandseinsätzen wird man sich zieren, um dann dem internationalen Druck nachzugeben und die Mitgliederinnen des Bundeskabinetts werden sich auf Bürgerfesten sehen lassen. Und man wird das Gülleproblem lösen.

Wie das denn?

Man wird heimlich den Dreck in der Sahelzone verklappen. Komisch, dass darauf bisher noch niemand gekommen ist.

Natürlich wird auch eine grün-rot-rote Regierung Klientelpolitik betreiben. Warum auch nicht? Es wäre nur ein Ausschlag des Pendels in die andere Richtung. Und vielleicht käme dabei endlich heraus, dass Frauen und Männer für gleiche Arbeit gleiche Lohn beziehen. Das wäre dann schon etwas mehr als Symbolpolitik, und die Welt würde nicht untergehen.

Vor einer neuen Regierung muss man nur dann Angst haben, wenn sie erkennbar vorhat, sich außerhalb des Rahmens unseres Grundgesetzes zu bewegen. Dann aber muss man sie mit allen Mitteln des Rechtsstaates verhindern.

Und mir fällt noch etwas ein: Fürchtet euch vor den Parteien, die es am politischen Anstand mangeln lassen. Es geht einfach nicht, einen Kandidaten aufzustellen und dann geschlossen für den Kandidaten einer anderen Partei zu stimmen. Wer sowas fertigbringt, ist auch noch zu anderen Sauereien fähig.

Das Rezept, das Parlament dazu zu benutzen, Chaos zu verbreiten, stammt übrigens von Goebbels.

Fasnacht 1973

Wo jetzt in Rentweinsdorf der Marktsaal steht, stand bis in die 80er Jahre hinein der Heroldssaal. Er hieß so, weil ihn die Familie Herold zusammen mit der Schlossgaststätte bewirtschaftete.

Auf der Nordseite befand sich eine Bühne, auf der die Músik spielte und ab und zu wunderbare Theaterstücke von einer zusammengewürfelten Laiengruppe aufgeführt wurden.

Gegenüber gab es ein Separee mit großen Fenstern und darüber eine Empore. Sie umgab ein Flair des Geheimnisvollen, denn man konnte von unten nicht sehen, was da oben passierte.

Im Heroldssaal fanden die Versteigerungen der Lose fürs Brennholzsammeln im Wald statt. Dort wurden auch Dia-Vorträge abgehalten, nachdem der Diakonieverein mit dem Bus nach Südtirol gefahren war. Dort fand die Kinderfasnacht nach dem Umzug ihren Höhepunkt.

Wir Buben waren entweder als Cowboys oder Indianer verkleidet. Wichtig war aber nur, dass wir eine Klatsche hatten, mit der wir die Mädchen „batschen“ konnten. Manchmal gelang es nicht, uns gegen unsere Mutter durchzusetzen, die Cowboy und Indianer langweilig fand. Einmal verkleidete sie mich als Räuber. Nicht nur ich fand, dass ein Räuber so nicht aussieht. Sie hatte sich wohl eher an die romantischen Vorstellungen aus den Märchen gehalten. Über mir aber brachen Hohn und Spott herein.

Großereignisse waren die großen Fastnachtsbälle, die der Fußballverein mit großem Einsatz und Aufwand organisierte. Damals hießen diese Veranstaltungen noch Kappenabend, es genügte eine diskrete Verkleidung.

Im Jahr 1973 war es dann wieder so weit., der 1. FC Rentweinsdorf lud zum Ball. Bader-Meinhof waren noch nicht lange im Gefängnis und wer auf sich hielt, ging als Terrorist oder als dessen Braut.

Der Heroldssal war brechend voll, die Kapelle spielte vom Dreher bis zum Twist alles rauf und runter, die Stimmung war ausgelassen und der Kassenwart der Fußballer war zufrieden, weil viel mehr Leute gekommen waren als angenommen. Die Eintrittskasse klingelte.

Da entstand plötzlich ein Tumult am Eingang. Sofort bahnten sich die stärksten und stämmigsten Burschen ihren Weg zum Eingang und rangen dort jemanden zu Boden.

Es war still geworden im Saal und schnell verbreitete sich die Nachricht, ein Vermummter habe mit vorgehaltener Pistole die Kasse rauben wollen.

Nach kurzem Kampf hatte man den Räuber mit starken Fäusten gesichert. Man riss ihm die Maske vom Gesicht. Das nächste, was geschah, war ein Aufschrei, denn hinter der Maske kam das Gesicht unserer Mutter zum Vorschein: „Ach Godd, die Barona!“

Dann trat Stille ein, und ich glaube es war der Feuerwehrhauptmann, der sich vor der Missetäterin aufbaute, um ihr eine Standpauke zu halten: Sowas täte man nicht in diesen aufgewühlten Zeiten, das sei kein Spaß, sie hätte sich und andere unglücklich machen können, wenn etwas Ernstes passiert wäre. „Äs des a Schbridsbistoln is, had doch kanner könn säh in den Gerangl!“

Er hatte ja vollkommen Recht. Wir begleiteten unsere Mutter mit hängenden Köpfen nach Hause. Dort verlangte sie nach Sekt. Nicht um zu feiern, wie sie betonte, sondern um sich vom Schreck und den Schmerzen zu erholen.

Offenbar hatten die Burschen kräftig zugelangt.

Thüringen

Nachdem wir jetzt wissen, dass die Wahl des Ministerpräsidenten nur nach einer parteiübergreifenden Kungelei zwischen CDU, FDP und AfD möglich war, stellt sich mal wieder die Frage nach Würde und Anstand.

Zweifellos ist Kemmerich mit legalen Mitteln in sein Amt gewählt worden, vielleicht ist es sogar legitim gewesen. Allerdings ist es würdelos und unanständig zu verkündigen, eine Zusammenarbeit mit der von einem Nazi geführten thüringischen AfD komme nicht in Frage, nur um sich dann von dieser Truppe wählen zu lassen.

Kemmerich hat nicht nur seiner Partei, der FDP, schweren Schaden zugefügt, sondern auch das Vertrauen vieler Demokraten in unseren Staat untergraben.

Erschreckend viele Bürger wählen Leute, die höchstens mit einem Bein, dem Spielbein, auf dem Boden des Rechtsstaats stehen. Nicht zu diesen Wählern muss man auf Distanz gehen, aber sehr wohl zu denen, die von ihnen gewählt wurden. Darauf konnte man sich bis zum 5.2.2020 verlassen. Seitdem kann man das nicht mehr.

Schlimmer noch, der CDU-Führung in Berlin ist die Thüringer CDU entwischt wie eine Forelle, die man mit den Händen festhalten will. Noch schlimmer, die FDP, hin und her gerissen zwischen liberalem Diskurs (Baum und Lambsdorff) und dem Kokettieren mit der Macht (Lindner) hat sich selbst ins Knie geschossen. Dieser Schuss kann leicht zum Tod der Partei führen, wenn man nicht schleunigst diesen Kemmerich ausschließt: Niemand hat dieser Partei mehr geschadet wie dieser Herr.

Söder hat von Anfang an nicht rumgeeiert und klare Position bezogen. Das ist einerseits schön, andererseits aber auch besorgniserregend. Warum?

Die derzeitige CDU-Vorsitzende hat eine klägliche Figur abgegeben, sie hat von der Kungelei gewusst und konnte sie nicht verhindern.

Damit ist sie als Kanzlerkandidatin ausgeschieden. Nun steht Merz wieder im Ring.

Um den zu verhindern, müsste man Söder zum Kanzlerkandidaten wählen. Will man das?

A Bisserl an Schuss ham’s schon!

Wenn wir morgen aufwachen, gehört ganz Großbritannien nicht mehr zur EU.

Das führt zu mehreren Fragen, wobei die wohl wichtigste die ist, wann Teile des UK wieder eintreten werden, was zwangsläufig zum Ende des „United“ führen wird.

Nun stehen wir vor einem Jahr der Verhandlungen und es wird absehbar hoch hergehen. Schwierig wird es für Michel Barnier werden, er muss die Verhandlungen auf der EU Seite führen. Es wird schwierig, weil die Gefahr besteht, dass insbesondere in Handelsfragen die verbleibenden EU Staaten nicht an einem Strang ziehen werden. Die einen werden auf den freien Austausch von Dienstleistungen drängen und die anderen auf die Fischgründe um die Insel schielen. Es wird spannend.

Die EU sitzt ja auch wirklich in der Klemme: einerseits will sie nichts Böses für die Briten, andererseits darf das Ergebnis nicht so aussehen, als ginge es ihnen nach dem Brexit besser als vorher. Der Zusammenhalt der EU wäre dann gefährdet.

Und wie will man die Katalonien-Frage beantworten, wenn man ein abgetrenntes Schottland freudig in der EU begrüßt?

Die armen Spanier haben es ja sowieso jetzt schwerer: Wenn es hart auf hart kam, haben sie immer die Gibraltar-Karte gespielt und ihren Willen bekommen. Nun müssen sie sich bilateral mit London streiten. Da bleibt als Druckmittel nur noch, die in Spanien lebenden englischen Rentner schlecht zu behandeln. Aber wer will das schon? Ganze Landstriche an der Mittelmeerküste leben von dem Geld, das die Briten dort ausgeben.

Auch für Frankreich und Deutschland wird es schwieriger. Die verbleibenden zwei Großen sind künftig auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, wollen sie nicht riskieren, die EU zu blockieren. Erfreulich ist, dass die “Mittelmächte“ wie Polen und Spanien nun mehr Einfluss bekommen werden. Wenn Italien aufhört, Chaos mit Staatskunst zu verwechseln, kann auch die Apennin Halbinsel zu denen gehören, die das weggefallene Gewicht der Briten ersetzen.

Es gibt aber auch Erfreuliches, zumindest gibt es Hoffnung darauf: Es sieht so aus, als ob für den widerlichen Opportunisten Nigel Farage jetzt kein Platz mehr auf der politischen Bühne ist. Wenn wir den Kerl nichtmehr sehen und hören müssten, das wäre doch wirklich eine feine Sache!

Insgesamt wird es ab morgen in der EU trauriger zugehen, als bisher. Ich denke da nicht nur an den englischen Humor, sondern an die vielen durchaus berechtigten Eigentümlichkeiten unserer britischen Mit-Europäer.

Diese hat ein von mir sehr geschätzter Wiener Kollege, nach zwei Tagen Seminar in Nottingham, an denen er wegen des Linksverkehrs fast überfahren worden wäre, an denen er mit den Knöpfen im Aufzug gekämpft hatte, an denen er sich stets Pfeffer statt Salz aufs Frühstücksei gestreut hatte, wie folgt zusammengefasst:

„A Bisserl an Schuss ham’s schon, die Briten.“

Er wusste damals noch nicht, wie Recht er behalten sollte.

 

 

Nummer 45 ist systemimmanent.

Als mein Vater in amerikanischer Kriegsgefangenschaft mit der Bahn von A nach B transportiert wurde, wollten alle, die sonst auch noch in diesem Zug reisten, den Feind sehen. Eine nicht enden wollende Prozession Neugieriger zog an seinem streng bewachten Abteil vorbei. Schließlich baute sich dort ein alter Farmer auf, schaute sich den Mann in der fremden Uniform genau an und dann sagte er: „I thought, all Germans are black!“

Von dieser vollkommenen Unkenntnis dessen, was außerhalb der USA los ist, berichteten immer wieder Freunde, die das Land besucht hatten. Da stünde in der Regionalzeitung, dass Mrs. Williams nach Boston gereist sei, um dort ihren Sohn zu besuchen, aber darüber, dass in Paris (France) ein neuer Präsident gewählt worden sei, darüber erführe der geneigte Leser nichts.

Als Europäer, das muss man zugeben, fällt es schwer, die schiere Größe der USA zu ermessen und zu verstehen. Und noch schwieriger ist es wohl, sich die unendliche Langweile vorzustellen, die in weiten Teilen des mittleren Westens herrscht.

Vor Jahren bin ich mit meiner Frau und guten Freunden von Denver nach Santa Fe im Auto gefahren. Auf halber Strecke machten wir in einer Stadt mit dem vielversprechenden Namen Trinidad Station, um einen Kaffee zu trinken. Ich erinnere mich noch heute an den Schock, den ich damals erlitt, denn ich hatte noch nie zuvor eine vergleichbare Ansammlung menschlicher Behausungen gesehen, wo so absolut nichts los war, wie dort, niente, nada.

Vor einer solchen Stadt kann man entweder fliehen oder man muss dort verwurzeln. Dann aber sollte man sich zufriedengeben mit dem, was vorhanden ist (nada) und vom Blick über den Zaun ist dringend abzuraten.

Abgesehen von dieser erlebten Trostlosigkeit ist das Land tatsächlich so groß und vielfältig, dass ein US Bürger es gar nicht nötig hat, sein Land zu verlassen.

Vergessen wir nicht, dass George Dabbljuh Bush zum ersten Mal außer Landes reiste, als er schon Präsident war.

Kurz, es gehört zum Selbstverständnis eines Amerikaners, zu denken, dass „Gods own Country“ alles hat und bietet, was der Mensch braucht. Der Rest der Welt mit seinen Verboten, Waffen zu tragen, seinen Sozialversicherungen, diesen Autos, die fast keinen Sprit verbrauchen, und anderem Zeugs, was die dort „Errungenschaften“ nennen, all das stört nur und ist zutiefst unamerikanisch.

Wenn man sich in die Gedanken eines Durchschnittsamerikaners hineinversetzt, dann war die die Epoche nach dem 2. Weltkrieg ein einziger Irrtum. Was hat mein Land auf der Weltbühne verloren? Das ist nur teuer und kostet unseren „boys“ das Leben. Wie kommen die da in Washington dazu, unsere Soldaten nach Vietnam, Afghanistan und Irak zu schicken? Was haben wir davon?

Insofern hat jetzt der 45. Präsident sein Land wieder dorthin geführt, wo eine schweigende Mehrheit es schon immer haben wollte: Sich selbst genügend und auf die eigene Stärke vertrauend.

Es war nur Zufall, dass N° 45 seine in unseren Ohren so peinliche Rede in Davos gehalten hat. Sie war für das Publikum zu Hause bestimmt, dem er davon erzählte, dass die USA jetzt wieder groß dastünden, und nachdem er`s den anderen mal so richtig gezeigt hätte, die Wirtschaft boome und man sich um sonst rein gar nichts Sorgen machen müsse.

Es ist in den Ohren seiner Wähler die Bestätigung dessen, dass die auf Multilateralismus aufgebaute Welt vor seiner Präsidentschaft den anderen nützt, nicht aber den USA.

Wenn man den geographisch und geschichtlich gewachsenen Hang zur Isolation vieler Amerikaner verstanden hat, dann ist das Verhalten ihres Präsidenten systemimmanent.

Verkleidet als luxemburgischer Oberst

Zu Hause gab es eine Verkleidungstruhe. Dort landete vom ausrangierten Abendkleid meiner Mutter über alte Livreen bis zu Tante Kaulas „Stehbrunshosen“ alles, was nicht mehr gebraucht wurde. Die Truhe war für unser alltägliches Spielen von Bedeutung, aber wenn die Faschingszeit kam, war sie geradezu unersetzlich. Es war wichtig, früh genug ein Kostüm rausgenommen zu haben, sonst ging es einem, wie meinem Vetter Schorsch, für den nur noch das schon erwähnte Abendkleid übrigblieb, in dem allerdings trotz spärlichen Brusthaars allerliebst aussah.

In einem speziellen Schrank hingen die Uniformen unseres Vaters und unseres Großvaters. Die waren sakrosankt, denn wie unsere Mutter und unsere Großmutter wortgleich sagten, hätten die beiden darin „ihren Leib zu Felde getragen.“ Es ging wahrhaftig martialisch zu bei uns. Wir bemerkten das erst viel später.

Die Uniform unseres Vaters war und suspekt, denn dass die Wehrmacht in allerlei Drecksarbeit verwickelt gewesen war, hatte man sogar damals schon im Unterfränkischen vernommen.

Nicht so die Uniform unseres Großvaters. Er war bei den Fürstenwalder Ulanen, dessen Ehrenkommandeur Zar Alexander II von Russland gewesen war. Die Hosen hatten rote doppelte Biesen und die Uniformjacke viele goldblitzende Knöpfe. Die Schulterstücke zeigten das A II des Ehrenkommandeurs. Eine davon habe ich noch heute, siehe das Photo.

Irgendwann waren die Eltern nicht da, es wurde Fasching gefeiert und meine Patentante lag in Erlangen im Krankenhaus. Mich stach der Hafer und ich probierte die Uniform meines Großvaters, er war damals Oberleutnant. Erstaunlicherweise passte sie mir und so beschloss ich, meine Tante im Krankenhaus als kaiserlicher Ulan zu überraschen.

Ein Erlangen fragten mich die Passanten, was das denn für eine Uniform sei, und ich antwortete, ich sei luxemburgischer Oberst, was mir auch alle abnahmen, zumal ich versuchte, mit französischem Akzent zu sprechen. Ich bezweifle, dass ich mit meiner Verkleidung der Tante eine große Freunde bereitet habe, immerhin liefen die Krankenschwestern zusammen, weil: „an so an schönna Offizier ham mir fei noch nie gsehn do herin.“ Ich nehme an, sie bezogen sich auf die Uniform.

Unbemerkt hängte ich zu Hause die Uniform wieder in den Schrank, und nichts geschah – bis die Tante von dem Überraschungsbesuch erzählte und ich doch noch einen Anpfiff bekam, der wie zu erwarten darin gipfelte, in dieser Uniform habe mein Großvater seinen Leib zu Felde getragen.

Vor dem ersten Weltkrieg bekam das Leibregiment des Zaren A II von diesem natürlich entsprechende Geschenke, unter anderem ein goldene Schnapsbecher mit einer goldenen Karaffe, aus denen nur zu ganz besonders hohen Festen der Christenheit im Offizierskasino Schnaps getrunken wurde.

Nach dem Krieg fand man für das Service keine Verwendung mehr und ließ die wertvollen Stücke einschmelzen, um damit die Witwen der gefallenen Regimentskameraden zu unterstützen.

Groß war das Erstaunen, als der Juwelier mitteilte, das Zeug sei nichts wert, es handele sich um vergoldetes Blei.

Offenbar hatte der Zar Gold bestellt und bezahlt, der Hofjuwelier in Sankt Petersburg aber hatte Blei geliefert. Wollen wir mal hoffen, dass es so war.

Die spinnen alle!

Wenn Sie Kleist heißen, dann hören Sie bitte hier auf, zu lesen.

Für alle anderen, weiter im Text. Mein Vater sagte immer, „alle Kleists spinnen“. Da schloss er den Dichter durchaus mit ein. Er hatte allerdings Grund für diese Annahme, denn die Schwägerin seiner Mutter war eine geborene Kleist. Diese Tante war irrsinnig fromm, irrsinnig egozentrisch und ging ihm schon als Bub auf die Nerven, was womöglich daran lag, dass sie auch seiner Mutter auf die Nerven ging.

Sie gehörte zu den Flüchtlingen unter unseren Verwandten und hatte als solche erstmal einen Bonus.

„Die Armen, die haben alles verloren.“ Das hörte ich vieltausendmal und mit der Zeit hatte ich den Eindruck, dass unter „alles verloren“ weniger die Felder, Schlösser und Wälder gemeint waren, als vielmehr der Status, das Familiensilber und die Ahnenbilder. Es war geradezu grotesk, mit welcher Nonchalance die geflüchteten Verwandten behandelt wurden. „Wenn der Vetter Paul im Sommer auf den Bock eingeladen wird, dann habe ich meine gesamtdeutsche Schuldigkeit getan“. Diese Herablassung spürten natürlich auch die betroffenen Verwandten und fanden das nur bedingt komisch.

Zwar wurde die Tante Kleist, sie hieß Ruth mit Vornamen, nicht auf einen Bock eingeladen, dennoch kam man nicht umhin, sie im Sommer für einige Tage im Haus zu haben. Sie erklärte dann hauptsächlich denen, die es nicht wissen wollten, den Inhalt der Bibel, wozu sie sich berufen fühlte, denn sie hatte ständig Kontakt mit wichtigen Theologen. Was sie beim Nachmittagstee erzählte, würde man heute wie folgt bezeichnen: „A personalized approach to piety.“ Es ging ihr in erster Linie darum, ihre eigene Wichtigkeit unter besonderer Berücksichtigung der Leiden Jesu Christi darzustellen.

Ich war nicht dabei, aber offenbar hat ihr meine Großmutter irgendwann die Leviten gelesen, worauf sie beleidigt abreiste und auch in den kommenden Jahren nicht wiederkam. Niemand sprach darüber, aber alle waren erleichtert.

Es kam dann die Zeit, dass unsere Großmutter krank wurde und schließlich im hohen Alter starb.

Vor dem Saal, in dem sie aufgebahrt war, übten wir Vettern, einen Sarg zu tragen, wobei mein jüngster Bruder das Gewicht auf dem Schragen geben musste. Dabei hat er sich an einer Lampe derart den Kopf angeschlagen, dass er fast ärztlich versorgt werden musste.

Die Beerdigungsvorbereitungen liefen auf Hochtouren, als einen Tag vor dem Ereignis ein Brief von Tante Ruth einging. Er war datiert auf den Tag vor Großmutters Tod und war voller Elogen über die schon so lange andauernde schwägerliche Liebe zwischen beiden. Großmutter konnte sich ja nicht mehr wehren. Es handelte sich ganz offenbar um einen Brief für die Nachwelt.

Unser Vater war sofort alarmiert und sagte voraus, Tante Ruth werde am Grab eine Show abziehen, „wahrscheinlich hüpft sie rein“. Er gab deshalb einem der Enkel, er war Offizier und zum Fallschirmjäger ausgebildet worden, den Auftrag, während der Zeremonie nicht von Tante Ruths Seite zu weichen.

Als nun die Gemeinde langsam am offenen Grab vorbeidefilierte, um drei Schäufelchen Erde oder eine Blume hinabzuwerfen, kam schließlich auch Tante Ruth an die Reihe. Der Fallschirmspringer bewachte sie.

Und tatsächlich, am Grab angekommen, machte die alte Dame plötzlich seltsame Bewegungen worauf der uniformierte Aufpasser ihr sofort unter die Arme griff, um das Vorhergesehene zu verhindern.

Tante Ruth aber wehrte sich und rief für alle hörbar, sie wolle vor dem Grab im Gebet niederknien.

Das wäre der über 80 Jahre alten Tante Ruth niemals gelungen und darum sei meinem lieben Vetter Klaus hier en Denkmal gesetzt, der verhindert hat, dass die Tante ins Grab fiel.

Nachhilfe in Kommunismus

Mein Großvater in Thüngen war von 1930 bis 1932 Mitglied des Berliner Reichstages. Er war dorthin für eine kleine Partei gewählt worden, die „Deutsch Landvolk“ hieß und wahrscheinlich ebenso wenig bedeutend war, wie der Aufenthalt meines Großvaters in der Politik. Ich nehme an, dass es ihm in erster Linie darum ging, in den politisch wankenden Zeiten der Weimarer Republik eine Partei zu repräsentieren, die eindeutig dafür war, dass der landwirtschaftlich genutzte Boden in Privathand blieb.

Meine Mutter kam damals in die Schule und als die Kinder nach dem Beruf der Väter gefragt wurden, hatte sie keine Ahnung, was ihr Vater in Berlin trieb. Als der Bub, der vor ihr an der Reihe war, erklärte, sein Vater sei Fleischbeschauer, sagte die Tochter des Reichstagsabgeordneten in ihrer Not: „Mein Vater ist auch Fleischbeschauer“. Später berichtete sie davon, was ihr Vater aus Berlin erzählte. Das waren insgesamt zwei Geschichten. Die erste erzählte er mit gewissem Stolz, denn während einer der ersten Sitzungen des Parlaments habe ihn die kommunistische Politikerin Clara Zetkin angesprochen und gesagt: „Na, Herr von Thüngen, haben Sie schon bemerkt, was das hier für ein Sauladen ist?“ Offenbar war er geschmeichelt, dass ihn die berühmte Politikerin angesprochen hatte.

Die andere Geschichte, die ebenfalls nicht von politischer Bedeutung ist, spielte sich in der Bahn ab und ging so: „Als der Zug in Halle hielt, rief ein Mann andauernd auf dem Bahnsteig „warme Würstchen, warme Würstchen. Das Geschrei ging uns ziemlich auf die Nerven, bis sich der Kollege Meyer-Darmstadt aus dem Fenster lehnte und dem Mann zurief: „Heiße Meyer.“

Wenn mein Großvater schon nicht in die Annalen des Deutschen Reichstages eingegangen ist, so hat er doch immerhin den Anekdotenschatz der Familie bereichert.

Ich habe mich mit meinem Großvater nie über Politik unterhalten. Ich nehme an, dass er durchgängig CSU gewählt hat, weil auch diese Partei dafür war, dass der landwirtschaftlich genutzte Boden in Privathand blieb. Wofür er sonst noch war, wurde nie ganz klar artikuliert, immerhin war vollkommen unstreitig, dass er vom Kommunismus nichts, aber auch gar nichts hielt. Da half auch keine Clara Zetkin nicht.

Letztlich interessierte sich mein Großvater nur für zwei Dinge, das aber mit Leidenschaft: Die Jagd und die Landwirtschaft. Mein Vater, der in erster Linie etwas vom Wald verstand, hatte mit seinem Schwiegervater, den der Wald ausschließlich als Habitat für Hirsch, Reh und einiges nicht jagdbares Getier interessierte, nur ein sehr begrenztes Fenster gemeinsamen Gesprächsstoffes.

Eines Tages, ich war schon Student, stellten beim Mokka nach dem Mittagessen ein Onkel -ein weiterer Schwiegersohn – und ich fest, dass der gewesene Politiker keine Ahnung davon hatte, was Kommunismus ist, außer natürlich, dass Clara Zetkin ihm anhing und im Übrigen aufs Schärfste abzulehnen war. Dies schon allein deshalb, weil die Kommunisten nichts davon hielten, den landwirtschaftlich genutzten Boden in Privathand zu belassen.

Ich gebe zu, es war eine der vergnüglichsten „Käffchenzeiten“ in Thüngen, mitzuerleben, wie mein Onkel, der mindestens so konservativ war wie sein Schwiegervater, unter Verleugnung seiner selbst versuchte, der Lehre von Karl Marx Eingang ins Thüngener Burgschloss zu verhelfen. Seinen Bemühungen war allerdings nur bescheidener Erfolg beschieden. Schließlich rief er in letzter Verzweiflung in den Raum, an dessen Wänden Hirschgeweihe, das Gehörn kapitaler Rehböcke, ja sogar der ausgestopfte Kopf eines Mufflons hingen, hinein:

„Das Sein bedingt das Bewusstsein, kannst du das verstehen?“

„Natürlich, denn wenn ich nicht der Baron Thüngen wäre, hätte ich keinen Wald und dann würde mich die Jägerei auch nicht interessieren.