Der Apostelfloh

Irgendwann in den 30er Jahren hatte sich mein Großvater in Thüngen vor der Sommerhitze in sein Arbeitszimmer geflüchtet.

Es wird wohl nicht nur das Wetter gewesen sein, auch die Verwandtschaft ging ihm gehörig auf die Nerven. Die kam nämlich jeden Sommer heuschreckartig über das Thüngener Schloss. Meine Mutter sagte noch kurz vor ihrem Tod, das schönste in ihrem Leben sei der Thüngener Sommerbetrieb gewesen. Zwischen zwanzig und dreißig Vettern und Cousinen, das war für die Jungmannschaft natürlich wunderbar, für meine Großeltern war es wohl ein jährlich widerkehrender Albtraum.

Nun, Großvater, wir nannten in Groga, hatte sich in seinem Arbeitszimmer versteckt, als sich die Tür auftat und zu seinem namenlosen Ärger einer seiner Schwäger erschien. Dieser war Direktor des CVJM, war entsprechend fromm und hatte deshalb den Spitznamen Apostelfloh.

Es war mit dem Kerl aber auch nicht auszuhalten! Von Landwirtschaft verstand er nichts und auf die Jagd ging er auch nicht. Über was konnte man ihm denn um Himmels willen reden?

Nach fruchtlosen Gesprächsversuchen seitens des Apostelflohs schwiegen sich die beiden Herren an, als sich die Tür auftat und Bertha das Arbeitszimmer betrat. Sie war Grogas Schwester. Ihr Zeigefinger soll länger gewesen sein als ihr Mittelfinger, was darauf zurückgeführt wurde, dass sie damit immer herumfuchtelte, und bestimmte, wo`s langging.

Sie war verheiratet mit einem Prälaten der württembergischen Landeskirche, und man hätte denken können, wenigstens sie habe sich mit dem Apostelfloh etwas zu sagen.

Dem war aber nicht so, denn sie hatte ein Buch gefunden, aus dem sie ihrem Bruder unbedingt vorlesen wollte. Der ahnte nichts Gutes und griff zur Main Post.

Es handelte sich um ein Buch, in dem Stilblüten, unfreiwilliger Humor aber auch Poesie von Ludwig II (Kühl und labend war der Abend, Abendbrot gegessen habend) der Nachwelt überliefert wurden.

Meist waren es leicht schlüpfrige Geschichten, es soll aber auch starker Tobak darunter gewesen sein, der, beim Erzählen der Geschichte natürlich nicht wiederholt wurde.

Jedenfalls war das Vorgelesene so erstaunlich, dass Groga die Main Post sinken lies und ebenso wie der Apostelfloh gespannt zuhörte

Verbürgt ist lediglich dieser Brief an die Stadtverwaltung:

„Unsere Wohnung hat Schimmel und ist feucht. Jetzt ist unsere Tochter schwanger. Wer kommt nun für den Schaden auf?“

Tante Bertha merkte offenbar gar nicht, dass sie für damalige Zeiten geradezu Unerhörtes vorlas und freute sich am aufflammenden Interesse der beiden Zuhörer.

Als sie endete stöhne der Apostelfloh auf und sagte:

„Während meiner zwölf Jahre als Kürassier in Pasewalk habe ich nicht solchen Unflat gehört, wie heute Nachmittag von der Frau Prälatin.

 

Homophobie tut höllisch weh!

Unter diesem Titel veröffentlichte anlässlich des Christopher Street Days die taz einen Bericht, in dem eine Frau erzählt, wie sie mit Partnerin und ihrer beider Kind von einem Mann angepöbelt und geschlagen wurde.

Da ich Francisca, die Autorin, kenne, habe ich sie um ein Gespräch gebeten. Die erste und obligatorische Frage war natürlich, wie die Tochter, die nunmehr 5jährige Emma, damit lebt, dass ihre Eltern auf offener Straße von einem wildfremden Mann verprügelt wurden. Glücklicherweise ist sie nicht traumatisiert, die Kita Betreuerinnen und die Eltern haben keine Verhaltensveränderung an ihr feststellen können.

Wie aber haben die beiden Frauen nach diesem Übergriff gelebt?

Psychiatrische Behandlung? „Können wir uns nicht leisten“.

Habt ihr mit Eltern oder der Familie darüber gesprochen? „Daran hat uns die Scham gehindert“.

Es hat gedauert, bis ich verstand, was Francisca damit meint: Es ist dieselbe Scham, die missbrauchte Kinder oder vergewaltigte Frauen daran hindert, das Geschehene mit Dritten zu teilen. Das Opfer schämt sich. Das kann wahrscheinlich nur verstehen, wer selbst ein derart traumatisches Erlebnis hat erfahren müssen.

Ohne jegliche Hilfe von außen haben die beiden Frauen versuchen müssen und wollen, mit dem fertig zu werden, was da passiert ist. Das mag ein Rezept sein, dennoch belastet derlei jegliche Beziehung. Wut, Hilflosigkeit, Scham, man könnte schreien, um sich hauen, aber es geht nicht, das Kind und die Partnerin können ja nichts dafür.

Nach dem Angriff war der Täter ziemlich hurtig verschwunden. Etwa ein Dutzend Tatzeugen unternahmen buchstäblich nichts. Immerhin, die Polizei kam sehr schnell, handelte präzise, einfühlsam und professionell, allerdings auch wieder nicht professionell genug, denn es wurde das Offensichtliche nicht ins Protokoll aufgenommen: Der Angriff auf ein lesbisches Paar. Deshalb ging die Sache auch den üblichen Amtsweg und vorbei an den staatsanwaltlichen Stellen, die sich mit derlei Kriminalität gegen Minderheiten befassen.

Ich fragte Francisca, wie man es sich erklären könne, dass ein Mann, der ein weibliches Paar plus Kind sieht, auf offener Straße Geschlechtsverkehr anbieten könne. (You wanna fuck?) Ich erfuhr, dass sieben von zehn Männern das Signal „wir sind lesbisch“ verstehen, etwa zwei davon glauben dadurch eine Lizenz zum Grabschen zu bekommen und immerhin einer, nach ihrer Schätzung immerhin 10% der Männer, geilt die Vorstellung auf, mit einer oder mehreren lesbischen Frauen einvernehmlichen oder eben nicht einvernehmlichen Sex haben zu können.

Francisca und Anna, ihre Partnerin, sind vor einigen Jahren aus Frankreich nach Berlin gezogen, weil sie die ständigen Pöbeleien leid waren und dachten, nur in Berlin sei alles so frei, so bunt gemischt und tolerant, dass sie hier ihr Leben gestalten können, wie es ihnen behagt. Hier wurde dann die Tochter geboren und zunächst verlief die Realität konform mit den in die Stadt gesetzten Erwartungen. Seit dem Überfall im vergangenen Herbst ist nun alles anders.

Seit der Veröffentlichung in der taz, haben sich bei der Redaktion mehrere ONGs gemeldet, sogar die Staatsanwaltschaft fragte nach. Unter Wahrung der erbetenen Anonymität hat die Redaktion die Kontakte weitergeleitet.

MANEO, das schwule Anti-Gewalt Projekt in Berlin, hat gebeten, den Bericht ins Schulungsprogramm aufnehmen zu dürfen. Es gäbe fast keine Erfahrungsberichte von Übrigriffen gegen Lesben.

Wir alle denken, unsere Gesellschaft sei ja ach so liberal. Was nützt das aber, wenn es nach wie vor Menschen gibt, die ihrer Ablehnung gegen andere Lebensplanungen mit Gewalt Ausdruck verleihen? Es mögen wenige sein, für Betroffene sind es eindeutig zu viele.

Manche Lesben schützen sich dadurch, dass sie ein grelles Outfit wählen, das sie vermeintlich für Männer unattraktiv macht.

Francisca hat nichts Grelles, sie erzählt das Erlebte mit ruhiger, leiser Stimme. Sie wirkt fast verstörend gelassen. Sie lacht nicht, sie lächelt und verzaubert damit ihre Mitmenschen. Das hat sie sich bewahrt – trotz der erlebten Gewalt.

 

Ainmillerstraße 22

Das letzte Semester hatte ich in Lausanne studiert und suchte nun in München eine Bleibe.

Durch die Hilfe eines Kommilitonen, den ich aus der Zeit im Internat in Schondorf kannte, fand ich ein sehr kleines Zimmer in der Ainmillerstrasse 22, Rückgebäude. Für Pfleiderers war die Wohnung zu groß und deshalb vermieteten sie die beiden vorderen Zimmer an Studenten. Wir teilten uns mit der kleinen Familie, Flur, Wohnungstür und Gegensprechanlage.

Frau Pfleiderer hatte eine grelle Stimme und rief mehrmals am Tag die kleine Tochter Sylvia, die auf dem Hof spielte, hinauf in den dritten Stock: „Sillfiiia kimm uffi, d’Mama hat s’Essn fertig.“ Das Mädchen scherte das im Normalfall wenig, so dass die Rufe nach Sillfiia immer lauter, gellender und zorniger wurden. Dem nachbarschaftlichen Verhältnis war dies alles nicht zuträglich.

Der Kommilitone, der im größeren Zimmer wohnte, fuhr übers Wochenende immer zu seinen Eltern und überließ mir dann großzügig die Nutzung seiner Bude.

An einem Samstag hatte ich einen Freund eingeladen. Er hieß auch Hans und war der Erbe eines bedeutenden Münchner Bankhauses. Auch er war Schondorfer.

Ich hatte ihn neugierig gemacht, indem ich ihm erzählte, ich könne Käsefondue zubereiten. Wie das theoretisch geht, hatte ich im Kanton Vaud gelernt, wo uns der eine Professor zu ausgedehnten Abendessen lud, der andere deutsch-juristische Skitage organisierte, was beides nicht ohne „fondue de fromage“ abging.

Wie gesagt, ich wusste, wie das in der Theorie ging, hatte aber weder Rechaud noch Caquelon.

Nach langem Grübeln kam ich auf die Idee, das Fondue im Tauchsiedertopf zuzubereiten.

Zunächst brachten wir den Weißwein zum Kochen und fügten dann ganz langsam geriebenen Emmentaler, Gruyère und Appenzeller (je ein Drittel) hinzu.

Es war köstlich, wir tunkten das Brot in die Masse und wenn diese zu steif geworden war, steckten wir den Tauchsieder so lange in die Steckdose, bis das Zeug wieder blubberte. Dabei besprachen wir die Probleme dieser Welt und je mehr wir die Flaschen Kalterer See aus dem Tengelmann leerten, desto mehr waren wir uns darüber bewusst, dass wir diese Probleme auch lösten.

Irgendwann bemerkten wir, dass der Tauchsieder wohl nicht mehr zu retten sei, Gleiches galt für den Topf, an dessen verkalkten Wänden sich der Käse festgesetzt hatte. Wir trösteten uns damit, dass ein Tauchsieder nicht viel kosten könne. Hans fand nun, dass der Heimweg doch ziemlich beschwerlich sei und schlief auf dem Bett im Zimmer des Mitbewohners ein.

Am Sonntagmorgen klingelte es an der Tür. Da ich wusste, dass es mir nicht gelten konnte, blieb ich im Bett, hörte aber, wie die Tür des Nebenzimmers aufging, und Hans in die Gegensprechanlage rief: „Schleichts eich, Saubande, bleede, ich brauch mei Ruah.“

Als ich gegen Mittag aufstand, umkreiste mich ein neunschwänziger Kater, Hans war bereits gegangen, aber Frau Pfleiderer erwartete mich erbost. Es war nämlich der Tag von Sillfiiias Erstkommunion, und diese sollte dazu genutzt werden, die zerstrittene Familie wieder zu einen. Sie habe genau gehört, wie ich ihre Schwester durch die Gegensprechanlage beleidigt hätte, nun sei der Streit bis ans Lebensende vorprogrammiert und ich solle so schnell wie möglich meine Siebensachen packen und verschwinden.

Und wieder kamen mir meine Verbindungen aus Schondorfer Tagen zugute: Ein Klassenkamerad hatte in der Habsburgerstraße 12 eine riesige Wohnung gemietet.

Dort hing seine bedeutende Kunstsammlung an den Wänden, und weil er selten da war, war es ihm ganz Recht, dass ich dort einzog. Ich glaube, im Versicherungsvertrag stand, dass die Wohnung, in der die Kunst hing, bewohnt sein müsse.

Und so habe ich die nächsten vier Jahre in Begleitung der Herren Richter, Baselitz und Warhol zugebracht. Noch heute assoziiere ich öffentliches Recht mit Marylin Monroe, das büffelte ich im Wohnzimmer, Strafrecht war im Esszimmer dran, Mao schaute zu, und dann hing da noch die Serie „Flowers“. Naja, ich lernte ja nicht überall Jus.

Taxi

Als Student fuhr ich in München Taxi. Ich glaube, auf die Taxlerprüfung habe ich mehr gebüffelt als auf das Staatsexamen. Ich musste alle Straßen der Stadt kennen. Wie man von der Schwere-Reiter-Straße zur Willibaldstraße in Laim kommt, das musste im Schlaf runtergebetet werden.

Als ich dann tatsächlich in einem wirklichen Taxi saß, stellte sich heraus, dass ich mit dem Taxifunk vollkommen überfordert war. Das lag daran, dass ich kein bayrisch konnte und ahnte, dass ich mit fränkisch nicht weit kommen würde. Hinzu kamen Münchner Eigenheiten. Dort steht am Straßenrand kein Anhalter sondern ein Aufhalter, denn der Anhalter ist ein Platz in Milbersthofen.

Wenn ich zunächst nur altväterlicher Spott meiner Kollegen ertragen musste, die mich „preissischen Studentenburschi“ nannten, so kam es zum Funkeklat, als ich eines Nachts schüchtern anfragte, ob mir einer der Kollegen helfen könne, mein Fahrgast wolle ins Puff gefahren werden, ich wüsste aber nicht, wo derlei zu finden sei.

Schließlich musste die Zentrale eingreifen: „Kollegen, geht’s auf Kanal drei, d Oper is aus, die feine Herrschafdn woiln a sowas a neda hörn.“

Mir wurde dann auf Kanal drei, dem internen Austauschkanal unter Taxlern Aufklärung zuteil, allerdings mit dem guten Rat garniert, gleich mitzugehen, „nacher vergisst nimma, wo’s Puff ist, nedwohr.“

Ich hab’s auch so nicht vergessen, bin dann aber später dennoch ins Puff gegangen. Wenn man am in Schwabing am Kurfürstenplatz am Taxistand wartete, kam es öfter vor, dass man gebeten wurde, Essen ins Bordell in der Hohenzollernstraße zu bringen. Das war ein lukrativer Auftrag, denn zunächst gings ins Restaurant „Fiaker“ in der Belgradstraße, wo ein Henkelmann übergeben wurde und dann weiter in die Hohenzollernstraße. Während der Wartezeiten tickte die Uhr. Beim Puff angekommen, war man treppauf durch den Henkelmann als Dienstleister erkennbar, aber beim Rückweg zum Taxi machten einem die im Treppenhaus stehenden Damen Vorschläge, die mich Unschuldslamm bis hinter die Ohren erröten ließen. Die holde Weiblichkeit hatte ihre helle Freude.

Vor dem Bayerischen Hof zu warten, hatte den Vorteil, die Prominenz kennenzulernen. Einmal fuhr ich Tina Turner und ein andermal erzählte ich der Frau von Peter Alexander so herzergreifend vom harten Studentenleben, dass sie 20 Mark Trinkgeld springen ließ.

Vor dem Vier Jahreszeiten prüfte der Portier meine Englischkenntnisse, eine amerikanische Familie wollte Neuschwanstein sehen. Leider wurde nichts daraus, beim Einsteigen war die pubertierende Tochter so muffig, dass der Vater einen Wutanfall bekam und die Reise strich.

Unterdessen bin ich wieder Taxifahrer geworden.

„Bring mich doch bitte zum Flughafen Tegel“.

„Wir kommen um 13,40 in Schönefeld an, holst du uns ab, liebster Paputschi aller Zeiten?“

„Komm eine halbe Stunde später zum Hauptbahnhof, der ICE hat Verspätung.“

Gestern war es wieder einmal so weit, ich fuhr mit meiner Frau zum Hauptbahnhof, um Tochter und Enkelin abzuholen. Meiner Rolle als Taxler bewusst, ließ ich den ganzen Arm aus dem Fenster hängen. Das ist eine Armstellung, die nur Taxifahrer können und dürfen.

Was sagte da ungefragt meine holde Angetraute?

„Nimm den Arm rein, du siehst ja aus wie ein ordinärer Taxifahrer!“

Bei Babs da ist was los!

Nach glücklicher Scheidung kam Babs nach San Antonio auf Ibiza. Sie hatte dort ein kleines Häuschen und langweilte sich bald. Als lebensfrohe Rheinländerin lag der Gedanke nahe, eine Kneipe auf zu machen.

Was heute ein Kinderspiel ist, war damals schier unmöglich, der Generalissimo lebte noch und Recht und Ordnung wurden nach Gutdünken geregelt. Da genügte es eben nicht, einen Antrag zu stellen, da war voller Körpereinsatz gefragt. Das merkte Babs schnell und da sie nicht unansehnlich war, gelang es ihr in, wie man munkelte, verdächtig kurzer Zeit alle Papiere beieinander zu haben. Der hübsche Sekretär des hässlichen Bürgermeisters soll entscheide beigetragen haben.

Die Bar „Bei Babs“ wurde zum Treffpunkt aller in San Antonio lebenden Deutschsprachler. Als ich dort im Jahr 1978 aufkreuzte, kostete das 0,3 l Glas San Miguel für Residenten 20 PTAS, für Touristen 25.

Ab und zu kam ein Spanier in die Kneipe, der schon erwähnte Gemeindesekretär, manchmal der an einen Stierkämpfer gemahnende Chef der Guardia Civil und öfter auch der Chef der Bierniederlassung. Das waren allesamt wichtige Personen, die sich Babs auf ihre Weise gefügig machte. Besonders im Hochsommer war es nicht immer ganz leicht, genügend Bier zu bekommen, es musste ja zur Gänze mit dem Schiff herantransportiert werden.

Babs konnte kein spanisch. Wenn einer ihres iberischen Triumvirats kam, dann hörte sie sich lange deren Wortschwall an, lehnte sodann den Unterarm auf den Schanktisch, beugte sich vor, so dass der Gesprächspartner auch visuell auf seine Kosten kam und sagte: „Yo pensar, tu tener razón,“ also „ich denken, du Recht haben.“ Nachdem Babs noch klargemacht hatte, dass sie die Bar heute um Mitternacht schließen werde, zog der wichtige Mann zufrieden und erwartungsfroh ab.

Eines Tages erschien Günther auf der Bildfläche. Er kam aus dem Nichts, hatte nichts und konnte nichts. Er sah aus wie ein im Abstieg begriffener Vorstadtgigolo. Es war deutlich, dass er gekommen war, um in Deutschland über was auch immer Gras wachsen zu lassen.

Bald schon keimte in ihm der Gedanke auf, der Liebhaber einer Kneipenbesitzerin zu werden, wo sich alle Deutschen trafen, könne nur von Vorteil sein. Er verbrachte nun seine Abende im „Bei Babs“ und erzählte der Wirtin von seinen vergangenen Heldentaten und auch davon, wie ungerecht das Leben ihn jüngst behandelt habe, mit der Folge, dass er mittellos sei, aber voller Tatendrang, neu anzufangen.

Mag sein, dass es Babs danach war, sich mit einem ihrer Liebhaber auch verbal austauschen zu können, jedenfalls stieg Günther zum ständigen Begleiter der Wirtin auf. „Hauptbeschäler“, sagte Rolf, der einen Reitstall betrieb.

Das Triumvirat grollte. Da die drei kein deutsch und Günther kein spanisch sprachen, blieb es bei nonverbalen Bekundungen der gegenseitigen Geringschätzung.

Eines Abends kam es zum show down, der eine boxte den anderen vor die Brust, woraufhin der andere, das Bierglas am Tresen zerschlug und auf den Kontrahenten losging. Die Wirtin schrie grell auf und nach kurzem Gemenge lag Günther am Boden und in seinem Blute. Ich erbot mich, ihn nach Ibiza ins Krankenhaus zu fahren und Günther verließ erhobenen Hauptes das Feld, er fühlte sich als moralischer Sieger.

Im Auto fiel diese Pose rasch von ihm ab. Er wurde kleinlaut und erklärte mir, er habe schreckliche Angst vor der zu erwartenden Spritze und ich solle mich nicht wundern, wenn er schreien, ja weinen werde.

Genau so kam es dann auch, ich wurde dessen Zeuge. Als Übersetzer musste ich mit ins Behandlungszimmer.

Ich habe Babs davon nichts erzählt, dennoch waren seine Nächte in ihrem Bett gezählt. Das war auch vernünftig, denn das rotierende Triumvirat, sorgte für Biernachschub, Sicherheit und ein zugedrücktes Auge von wegen der Sperrstunde.

 

A Lady never…

Die Balearischen Inseln sind wohl bestückt mit einer Brigade von britischen Ladies, denen allen einige Merkmale gemein sind:

  • Sie kamen alle, als das Pfund noch wesentlich mehr wert war, vulgo sie sind jetzt eher verarmt.
  • Sie haben alle einen tatterigen Ehemann, der zu Entsetzen der spanischen Mitbürger kurze Hosen trägt, aber dennoch aussieht, wie ein General der Indienarmee.
  • In Ermanglung eines Ehemannes haben sie einen Hund.
  • Sie können kein Wort spanisch.
  • Im Sommer liegen sie stundenlang in der prallen Sonne.
  • Den Rest des Jahres spielen sie Bridge, das hält den Geist wach.
  • Damit dieser nicht zu wach bleibt, wird beim Spielen hart gesoffen.

Die übermäßige Sonnenanbeterei bleibt natürlich nicht folgenlos, man erkennt die Untertaninnen „of her gracious majesty“ unschwer an der geröteten Elefantenhaut.

Wenn wir bei spanischen Freunden eingeladen waren und dort waren auch Gäste aus dem vereinigten Königreich, dann wurde ich immer an die Schnittstelle gesetzt, wo Spanier auf Briten stießen. Unglücklicherweise hatte sich herumgesprochen, dass ich mehrere Sprachen beherrsche. Die Folge war, dass ich die dargebotenen Speisen nicht genießen konnte, weil ich von spanisch nach englisch meist unanständige Witze übersetzen musste und von englisch nach spanisch zu erklären hatte, weshalb Gibraltar unzweifelhaft britisch sei, um dann von spanisch nach englisch die darauffolgenden Verwünschungen rüberzubringen.

Am schwierigsten war das mit den unanständigen Witzen, dazu bedarf es einer einschlägigen Etymologie, die aber dann auch nichts nutzt, wenn der Witz auf Englisch einfach nicht komisch ist.

Das Gibraltarproblem hatte ich schon bald im Griff, indem ich nach jedem Satz ein „ich übersetze nur“ einbaute. So erreichte ich wenigstens, keine entleerten Weinflaschen über den Schädel gezogen zu bekommen.

Bei all diesen Anstrengungen konnte ich zwar nicht essen, wohl aber trinken, so dass ich meistens bereits dann einen sitzen hatte, wenn man zu café y copa überging. Die Spanier tranken dann Brandy aus Jerez de la Frontera und die Briten Pure Malt aus den Highlands.

Einmal saß ich einer englischen Dame gegenüber, neben deren Gedeck der Gastgeber eine Flasche Whisky gestellt hatte. Immer wieder goss er ihr nach. Einmal vergaß er das und so bat mich mein Gegenüber dies zu tun. Erklärend fügte sie hinzu: „A Lady never helps herself, if she is properly brought up”.

Ich habe es mir verkniffen zu erwidern: „A Lady never empties the whole of a bottle if she is properly brought up”.

 

 

Don Chapuzas

Auf Ibiza in den 80er Jahren war jeder sein eigener Architekt, Klempner und ganz besonders Heizungsingenieur. Das klingt abwegig, aber wer je einen Winter auf Ibiza verbracht hat, der weiß wirklich, was es heißt, bis auf die Knochen zu frieren.

Jeder konnte alles und hauptsächlich, jeder traute sich alles zu. Was dabei herauskam war Pfusch, una chapuza, und denjenigen, der dies verbrochen hatte, den nannte man Don Chapuzas.

Ich erinnere mich an einen Tüftler, der sich dachte, einen Kamin aus Kupferröhren zu bauen, sei dann sinnvoll, wenn diese Röhren mit Wasser gefüllt würden. Da heißes Wasser leichter ist als kaltes, war ihm klar, dass er somit die oben liegenden Schlafräume würde wärmen können. Zu seinem großen Erstaunen, hatte das das Wasser damals offenbar auf Ibiza noch nicht mitbekommen, und die obere Etage blieb kalt. Dafür war das Erdgeschoss stets verräuchert, weil der Kamin ausschließlich aus Kupferröhren gebaut hatte. Eines Tage war er unvorsichtig und sagte zu seiner Frau, sie sähe nicht nur aus wie ein geräucherter Schinken, sie röche auch so. Daraufhin drohte sie mit Scheidung und stellte eine kuriose Bedingung, wenn er dies verhindern wolle: „Ich lass mich scheiden, oder du umbaust den Kamin von drei Seiten mit hitzereflektierenden Steinen mit einem richtigen Abzug. Also machte sich Don Chapuzas an die Arbeit und bald schon war nicht nur das Klima des Erdgeschosses sondern auch das der Ehe bereinigt. Der obere Stock blieb aber weiter kalt. Am Ende baute der dipl. ing. (privat) gegen alle seine physikalischen Überzeugungen verstoßend eine Umwälzpumpe ein und tatsächlich gelang es so, die nasse Winterkälte halbwegs aus den Schlafräumen zu vertreiben.

Ich war natürlich auch ein Don Chapuzas vor dem Herrn. Meine Spezialität waren Pumpen. Zunächst fand ich, es sei eine Schande, dass das Wasser unserer Sickergrube einfach so im Boden verschwand. Also baute ich ein Auffangbecken, in dem ich das mehr oder weniger gereinigte Abwasser sammelte um dann mittels einer versenkbaren Pumpe mit dem Inhalt all die Hecken und Fruchtbäume zu wässern, die ich gepflanzt hatte, die aber nicht vom Hintern weg wuchsen. Jedes Mal, wenn ich meine lieben Pflanzen pflegte, stank es unsäglich. Keiner der Nachbarn hat je protestiert, man hatte vollstes Verständnis für mein Abwassermanagement.

Als die Pflanzen ergrünten, fand ich, dass wir uns unabhängig machen müssten von den andauernden „cortes de agua“ Unterbrechungen der Wasserzufuhr. Ich kaufte eine weitere Pumpe, mehrere Rückschlagventile, setzte einen Tank auf´s Dach und siehe da, wir hatten nun stets Wasser und noch dazu zum immer gleichen Druck. Was ich nicht bedacht hatte, waren die häufigen „cortes de luz“ die Unterbrechungen der Stromzufuhr. Das passierte meistens zur Unzeit und so musste ich oft mäßig bekleidet bei Wind und Sturm nach draußen, um den Hahn wieder auf „normal“ zu stellen. Dann schoss das Wasser mit dem üblichen Überdruck wieder direkt in die Leitungen, die dies übel nahmen. Eines Tages stellten wir fest, dass eine erst gestern angebrachte Gasflasche schon wieder leer war. Unter dem Küchenboden, war eine Wasserleitung geborsten. Wir brachen ein Stück Küchenboden in Größe eines Grabsteines auf, und ich ersetzte die defekte Wasserleitung. „Das bleibt jetzt auf Probe zwei Wochen offen,“ forderte meine Frau. Das gab mir Zeit, passende Bodenplatten zu finden, um das Loch wieder zu schließen. Ich fand aber keine, das Modell war ausgelaufen. Wenn schon denn schon, dann machen wir das Loch halt mit grünen Kacheln zu.

Wenn Gäste fragten, was sich denn unter diesen Steinen verberge, sagten wir, das sei unser Familiengrab.

Der Hecht

Die Straftat ist verjährt, man kann die Geschichte erzählen.

In Rentweinsdorf gibt es vier hintereinanderliegende Seen, die in einer Aufwallung von Phantasie erster, zweiter, dritter und vierter See genannt wurden.

Sie werden alle von einem kleinen Bach gespeist und dienen der Aufzucht von Karpfen und Schleien, außer im vierten See. Dort gibt es Forellen, weil der Bach direkt aus dem Wald in den See mündet, das Wasser am kältesten ist, dennoch aber nie ganz zufriert.

Man kann sich vorstellen, dass im vierten See die prachtvollsten Forellen gediehen. Wer hinten am Wald in der Dämmerung seine Angel auswarf, der konnte stets sicher sein, ein hinreichendes Abendessen mit nach Hause bringen zu können.

Der See verwaltete sich allein, die Forellen laichten und überlebten im Winter im Durchfluss des kleinen Baches, man musste nur darauf achten, nicht zu viele Forellen dem Kochtopf zuzuführen.

Und dann kam das Jahr 1956. Nach Einsetzen der Eisschmelze konnte man zwar feststellen, dass auch in diesem Winter die restlichen Forellen überlebt hatten, aber je weiter das Jahr fortschritt desto weniger Forellen wurden gesehen, geschweige denn geangelt.

Herr Elflein, der Förster, in solchen Sachen erfahren, riet zur Geduld. „Des werd scho“, meinte er geheimnisvoll und alle fragten sich, was da noch werden solle, wenn keine Fische im Wasser zu finden waren.

Unserem Vater sagte er, er glaube, dass im Gefieder herumfliegender Wildenten der Laich eines Hechtes in den See gekommen sei, der dort prächtig gedeihe, zumal er dort ganz allein die wunderbaren Forellen jage.

Herr Elflein meinte, wenn alles aufgefressen sei und der Hecht nun wirklich unstillbaren Hunger habe, erst dann werde sich das Tier bequemen, den Köder an der Angel einer näheren Überprüfung zu unterziehen.

Und so war es auch. An einem sonnigen Abend im September setze sich der Förster an den vierten See und lockte das hungrige Tier ganz geduldig, in dem er immer wieder den Blinker in die Mitte des Sees auswarf. Nach einigen Versuchen machte es einen Ruck, der den Angler fast umgeworfen hätte.

Die Flossen des Fisches an der Angel peitschten das stille Wasser des Sees und Herr Elflein musste seine ganze Kraft einsetzen, um die Beute ans Ufer zu bringen. Er kämpfte eine Stunde, dann gab er auf. Er wickelte seine Angel um einen nahestehenden Baum und ging nach Hause.

Das war natürlich ein flagranter Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, allerdings hatten weder die Polizei noch der Tierschutzbund am vierten See einen ständigen Posten.

An nachfolgenden Morgen erschien der Angler wieder am Ort der Tat, wickelte die Angel vom Baum und holte den vollkommen ermatteten Hecht aus dem Wasser.

Er war riesig. Er landete bei uns in der Badewanne, in der wir Kinder abends den Dreck an uns einweichten, um ihn dann ins Handtuch zu rubbeln.

Der tote Fisch war so lang wie die Wanne. Unsere Mutter zeigte uns die fürchterlichen Zähne ausgiebig, so dass wir wirklich schlotternde Angst vor dem toten Vieh hatten.

Unterdessen bat unser Vater per Telefon Freunde und Verwandte „von den Hecken und Zäunen“ für den Abend ins Haus, denn der Hecht musste dringend aufgegessen werden.

Wie Frau Schorn, die Köchin, ihn zubereitet hat, weiß ich nicht, erinnere mich aber an das Stimmengewirr der vielen Gäste. Ans Einschlafen war nicht zu denken.

Ich hatte fortan Angst. Ich fürchtete, der Hecht könne durch den Auslauf der Wanne wieder auferstehen, oder schlimmer noch, im Klo lauern, um dann zuzubeißen, wenn ich dort der Stimme der Natur folgte. Es war schrecklich.

Moral und sittliche Nutzanweisung: Einen gefangenen Hecht nie im Kinderbad zwischenlagern.

 

Tempora mutantur…

… und wir verändern uns in ihnen. So endet der Satz, der zwar nicht wörtlich, aber dessen ungeachtet auf Ovid zurückgeht.

Schon länger frage ich mich – und einige Freunde meines Alters tun das auch – weshalb Menschen, Bekannte, ja sogar Freunde um uns in den vergangenen Jahren einen Hang zu rechtsgerichtetem Gedankengut entwickelt haben begleitet von Stetigem Beteuern, natürlich nicht pro AfD zu sein.

Das ist umso erstaunlicher, als es meine Generation war, die als erste in Europa und ganz speziell in Deutschland die Segnungen einer frei verfassten Gesellschaft genießen konnte. Dabei ist unter ihnen kaum eine® der/die im Leben und Beruf nicht erfolgreich war. Alle haben ihr gutes Auskommen und alle konnten machen, was sie wollten.

Voraussetzung für dieses Wohlergehen waren einige Garantien des Grundgesetzes wie Niederlassungsfreiheit, Freiheit der Berufswahl, Pressefreiheit, Rechtsstaat, soziale Marktwirtschaft und so weiter.

Warum wenden sich plötzlich so Viele von dem ab, was sie durchs Leben getragen hat?

Liegt es womöglich daran, dass der zweite Teil der Ovid Sentenz nicht mehr gilt? Verändern sie sich nicht mehr in den sich ändernden Zeiten? Neigen sie dazu, stehen zu bleiben, werden störrisch und weigern sich, Veränderungen anzunehmen?

Früher wurden die Menschen nicht so alt wie heute und früher änderten sich die Zeitläufte nicht so rasant wie heute. Für älter werdende Menschen ist das durchaus eine Herausforderung.

Man kann ja womöglich verstehen, dass ausländische Nachbarn für Manche gewöhnungsbedürftig sind. Aber muss das einhergehen mit Verachtung für alles Fremde? Warum brandet plötzlich der Antisemitismus wieder auf? Weshalb wird der Islam verunglimpft?

Weshalb sehen plötzlich viele von uns etwa in der Bundeskanzlerin den Urgrund allen Übels und lassen sich bereitwillig vor den Karren des Merkel bashings spannen?

Mancher, der alt wird und aufhört zu arbeiten, so scheint es mir, verliert schlagartig die Nähe zum Pulsschlag des Lebens. Umso mehr wird sich am Unverbrüchlichen, am Vertrauten, am Überkommenden orientiert.

Einfache Botschaften sind willkommene Haltegriffe für alle, denen die Zeitläufte davonlaufen.

Es ist ja nicht so, dass es der beschriebenen Spezies Mensch schlecht geht. Sie sind nicht diejenigen, die die Politik allein gelassen hat. Viele sind tatsächlich keine Anhänger rechtspopulistischer Parteien oder Bewegungen. Und doch gerieren sie sich so. Da wird eine Kapitänin Rackete als „eitel und selbstdarstellen“, dann als „Schlepperin“ verunglimpft, ein Juso-Chef, der sich mal ein paar Gedanken macht, wird zunächst absichtlich falsch interpretiert und dann mit Jauche (Stalinist) übergossen, da wird von Einwanderung asozialer Kulturen schwadroniert und festgestellt, dass in Deutschland der Sozialismus regiere oder dass Meinungsfreiheit nur dann erlaubt sei, „wenn sie links-grün verseucht ist.“

Wo ist die großzügige, elegante Coolness geblieben? Die Bereitschaft zu teilen? Die gute alte christliche Nächstenliebe? Das Tolerieren?

Ist all das wirklich ersetzt worden durch rückwärts gerichtetes Gemäkel, missgelauntes Knurren?

Warum wenden Leute, denen es verdammt gut geht, sich dem zu, was sie in früheren Jahren als ewig gestrig kritisiert und zum Teil sogar aktiv bekämpft haben? Wie konnten so viele Reformer und Ex-Revoluzzer zu erz-reaktionären Knochen mutieren?

Und warum beschimpfen sie diejenigen unter uns, die sich auch im Alter weiter offen den Veränderungen in der Gesellschaft stellen, als „freigeistige Hallodris“, die sich dem linksgrünen Zeitgeist anbiedern?

In der Ovid Sentenz heißt es ja nicht „nos et mutamur contra illis“ vielmehr steht da, wir veränderten uns mit dem Lauf der Zeit.

Mandeln raus!

Unsere Mutter hat Volkswirtschaft studiert. Bevor sie dieses Studium hätte abschließen können, musste sie in die Kriegsproduktion und baute in Schweinfurt Kugellager zusammen.

Das war auch gut so, denn wie sie selbst zugab, wäre ihr Examen ein Fiasko geworden, sie hatte nichts verstanden.

Ihre wahre Expertise lag allerdings auf medizinischem Gebiet, Spezialabteilung Diagnose.

Da ich an jedem Morgen mit Kreislaufstörungen umfiel, war es vollkommen klar, dass das nur am Blinddarm liegen konnte. Also wurde ich nach Bamberg gefahren, wo ein willfähriger Professor sofort bereit war, mir den Blinddarm herauszureißen. Dafür hatte er zwei Gründe:

  1. Ich war damals noch Privatpatient.
  2. Mutter zu widersprechen, war nicht ratsam.

Wie sich herausstellte, war der Blinddarm kerngesund, aber man fand damals, es sei eh besser, wenn der Appendix beseitigt worden wäre.

Blöd nur, ich fiel weiter beim Aufstehen hin, mir wurde schlecht, es war ein Elend.

Mutter ließ eine gewisse Schonfrist verstreichen und diagnostizierte dann, die Mandeln wären der Grund für meine Kreislaufstörungen.

Diesmal ging es in die Uni-Klink nach Erlangen. Auch dort fand sich ein willfähriger Professor.

Wir liebten die Stadt wegen einer noch heute bestehenden Institution: Das Café Mengin (sprich wie lies) neben dem Schloss. Dort gab es Eis und auf dem Trottoir lümmelten zwei Chow Chow Hunde herum, die bereitwillig ihre lila Zunge herzeigten. Wir erfuhren dort staunend, es handele sich bei der Familie Mengin um französische Hugenotten, deren Namen „Monshin“ auszusprechen sei. Das war natürlich Quatsch, denn am Haus, auf den Löffeln, auf Tellern und Servietten stand doch ganz deutlich „Café Mengin“.

Nach einem ausgiebigen Besuch beim Mengin wurde ich mit dem Versprechen eingewiesen, dass mich jeden Tag „wer“ besuchen werde, und auch ganz bestimmt ein Eis mitbringen würde, denn das sei bei Mandeloperationen das wichtigste Mittel für die Genesung.

Die Operation war grässlich, weil ich nur örtlich betäubt war. Der Doktor fummelte mir im Mund herum und ich konnte nichts sagen. Böse Zungen behaupteten später, Letzteres hätte mich besonders gestört.

Einen Tag nach der Operation kam Mutter und brachte tatsächlich ein Eis mit. Ich erkannte sofort: Es war das fuchziger Eis von Langenese. Ich fand das mickrig.

Tags darauf kam Vater mit einer riesigen Tüte Eis vom Mengin, ich schätzte für mindestens 2 Mark. Dafür konnte man sich schon mal operieren lassen.

Als meine Mutter nach Abgabe eines weiteren 50 Pf Bechers einmal der ärztlichen Visite beiwohnte, erfuhr ich, dass die entfernten Mandeln etwas zerklüftet, aber ansonsten kerngesund waren.

Am kommenden Tag, nach dem ich die zwei Mark Tüte verdrückt hatte, besprach ich das Dilemma mit meinem Vater, denn es war ja abzusehen, dass ich morgens weiterhin umfallen würde. Die Weisheit seiner Antwort habe ich tatsächlich erst sehr viel später begriffen: „Wenn du einmal verheiratet sein wirst, wirst du das alles sehr viel besser verstehen.“

Und tatsächlich, ich fiel weiter um, und so konsultierte Mutter schweren Herzens die Kinderärztin in Ebern.

Diese riet zu zehn Tropfen Efortil vor dem Aufstehen.

Und siehe, der HErr wirkte ein Wunder und mir wurde morgens nimmer schlecht.